Elke Erb: Das Hündle kam weiter auf drein

Erb-Das Hündle kam weiter auf drein

ZU GLEICH

Das eintretende Alter erheiterte mich
mit einer neuen Neugier und der Lust,

die Nase in Dinge zu stecken, die einen gar nichts angehn,
z.B. Diverses von Pflanzen:

Heimat in Mittelasien. So?
Hat eine Pfahlwurzel, ach?

Eingenommen sein im Alter ist getrennt sein zu gleich.
Ein Ich, das geht – und so kommt, wie es geht.

3.9.07

 

 

Konkret denken

Das vielleicht wichtigste Wort in diesen Gedichten ist „Aha“. Ein Wort, das vom Staunen spricht und von einer Neugier auf Wissen. Elke Erbs Gedichte sind kleine Sonden, die es erlauben, das Sprachgelände zu erkunden. Nie abgeschlossen sind die Bewegungen dieser Verse, sondern vorläufig im besten Sinne. Im Nu springt hier ein Bild einem Satz bei oder vergegenwärtigt einen Weg der Erkenntnis. Wie jene Vögel, die einmal sichtbar werden, „eins sitzt, eins hangelt / das dritte kommt schnäbeln zum hangelnden // ineinandergeschnäbelt kippen sie hinunter“. Vor kurzem ist Elke Erb der Ernst-Jandl-Preis zugesprochen worden, zur Verleihung erscheint nun ein kleiner Band mit neuen Gedichte. Noch stärker als in ihren früheren Büchern tastet Elke Erb den Verhältnissen nach, in denen Leben sich gestaltet. Voller Lust auf die Sprache, die Dinge und die Konstellationen, die sie einnehmen. Routinen kommen so in den Blick, Bilder oder die Schichten dessen, was man leichthin „Ich“ nennt. Der Leser kann auf den Wanderungen durch die Sprache erfahren, was es heisst hinzusehen – oder gar „konkret“ zu denken. In einem der schönsten Bilder werden Sprechen und Hören plötzlich zu Häuserreihen, die sich verschieben, die „städtern“ und „städtelen“, bis die Felder ringsum bebaut sind.

ncb, Neue Zürcher Zeitung, 10.6.2013

Vermutlich im März notiert

– Schmal, ja unscheinbar ist dieser Band mit neuen Gedichten von Elke Erb, den Urs Engeler in einem weiteren seiner roughbooks-Serie vorlegt. –

Zum Anlass aus der Verleihung des Ernst-Jandl-Preises für Lyrik an Elke Erb versammelt Das Hündle kam weiter auf drein in chronologischer Folge Notate von 2005 bis 2012, das jüngste, eine „emphatisch ververste“ Neufassung eines Texts von 1965, datiert auf den 15.3.2013.
Wenn man Elke Erb einmal lesen gehört hat, kann man keines ihrer Gedichte mehr „einfach so”“lesen. Unweigerlich ist der Sprechrhythmus im Ohr, die Gedankenstriche, Doppel- und Auslassungspunkte werden zur Partitur für die innere Stimme. Und wieviel sie zu erzählen hat! Natürlich über den Alltag, das Fahrradfahren auf der Brunnenstraße, die Schlaflosigkeit, die Häuserreihen vor dem Fenster. Dann die Erinnerungen an das Spekulatiusbacken, die Eltern, die Kindheit. Und das Übersetzen: Mandelstam, immer wieder.
„Vermutlich im März notiert“ ist das kürzeste Gedicht betitelt, das vielleicht am besten die Spontanität und Offenheit (und Schönheit!) von Elke Erbs Lyrik auf den Punkt bringt:

Wenn der Hirsch aus dem Wald tritt – denk nicht, das ist nichts.
Oh, weißt du, das ist das Leben!

2012

Fabian Thomas, thedailyfrown.wordpress.com, 13.6 2013

Aus-Lese #1

Ich bin ja ein gro­ßer Bewun­de­rer Elke Erbs. Und ich genieße ihre etwas ver-rückte, manch­mal absei­tige Poe­sie sehr — weil sie genau das kann, was ich an Kunst so mag: Mich berüh­ren und ver­än­dern, neue Wahr­neh­mun­gen und Kon­struk­tio­nen der Welt ermög­li­chen (ohne sie zu erzwin­gen, nur durch das Anbie­ten). Der für seine lyri­sche Über­zeu­gungs­ar­beit auch kaum genug zu lobende Urs Enge­ler (den das deut­sche Feuille­ton ja inzwi­schen weit­ge­hend ver­ges­sen zu haben scheint, wenn mich mein Ein­druck nicht sehr täuscht…) hat genau die­ser Elke Erb anläss­lich der Ver­lei­hung des Ernst-Jandl-Preises für Lyrik die­ses schmale Bänd­chen her­aus­ge­ge­ben und den Abon­nen­ten sei­ner tol­len Buch­reihe rough­book als Geschenk gesandt. Man­ches auf die­sen 62 Sei­ten ist sehr, sehr knapp, ande­res dafür fast zum Aus­gleich rich­tig lang. Manch­mal schei­nen die weni­gen Verse eines Text­leins „nur“ Notate zu sein, manch­mal zei­gen sie ihre Er-Arbeit-ung. Jeden­falls scheint hier eine per­sön­li­chere Dich­te­rin durch, als ich sie aus ihren anderen/letzten Bän­den wahr­ge­nom­men habe, eine Dich­te­rin, die sich stär­ker selbst als Per­son und Indi­vi­duum in ihre Texte (und deren Zen­trum) ein­bringt und dabei auch/gerade ihr poet(olog)isches Selbst­ver­ständ­nis erkun­det und erschreibt. Jeden­falls sind hier wie­der einige wun­derbar gelun­gene Bei­spiele der Erb’schen Sprach­macht und Sprach­phan­ta­sie zu fin­den — und mehr braucht es auch gar nicht, um mich glück­lich zu machen (zumin­dest für die Lese­zeit und etwas dar­über hin­aus…)

[1. Der Titel — Das Hündle kam auf drein — hat mich übri­gens erst ein­mal gründ­lich ver­wirrt — bis ich im Zusam­men­hang — er ist ein Zitat aus dem Gedicht „Iss mit Ver­stand“, wo er sei­nen Sinn von ganz alleine erfährt.]

Matthias Mader, matthias-mader.de, 19.5.2013

Eine Portion poetischer Wahnsinn

Die Schriftstellerin Elke Erb hat dieses Jahr den Ernst-Jandl-Preis für Lyrik erhalten. Aus diesem Anlass sind in einer nur über das Internet zu beziehenden Reihe roughbooks Erbs gesammelte Lyrik aus den Jahren 2005 bis 2012 herausgekommen – „poésie pure“. –

Zum 75. Geburtstag hat die Lyrikerin Elke Erb in diesem Jahr den Ernst-Jandl-Preis bekommen. Ein guter Verleger reagiert natürlich mit einem neuen Buch. Der Schweizer Urs Engeler ist ein guter Verleger. Er hat soeben in seiner nur über das Internet zu beziehenden ISBN-freien Reihe roughbooks Erbs gesammelte Lyrik aus den Jahren 2005 bis 2012 herausgegeben, Titel: Das Hündle kam weiter auf drein.
Und damit sind wir mittendrin: Nicht beim Thema des Bandes, weil auf den 62 Seiten etwa Hunde und andere Haustiere gefeiert würden, sondern bei seiner Technik. Elke Erb ist Sprachlaborantin, ihre Dichtungen sind Näherungsverfahren, und zwar an ihre ganz persönliche Wirklichkeit, zur Kenntlichkeit entstellt. Wie im Gedicht „Sitzplatz“. Das beginnt so:

Komme an den Bhf erkenne plötzlich
eine (broschenförmige) Ähnlichkeit meines Hingehns
zu diesem Nichts, einem Bhf

Wen’s jetzt schon aus diesem „Sitzplatz“ herausschleudert, ist in guter Gesellschaft. Elke Erb liebt die Chiffre, also die Metapher ohne tertium comparationis, ohne den gemeinsamen „Vergleichsmaßstab“. Das macht ihre Lyrik oft schwer zugänglich. Wem dazu Paul Celan einfällt, liegt nicht ganz falsch. Beide folgen aber einer noch älteren Tradition, der des russischen Symbolismus und Akmeismus. Das ist kein Zufall, denn Elke Erb hat in den 1960er-Jahren als Übersetzerin von Alexander Blok, Marina Zwetajewa und Ossip Mandelstam begonnen.
Letzterer ist im aktuellen Band gleich mehrfach Trigger dieser datierten Gelegenheitstexte. Daneben lösen Tagebucheinträge, Postkarten, Bahnfahrten, Spaziergänge und andere Alltäglichkeiten den Rückzug in Erbs Gedankengemach aus. Zum Glück ist das nicht immer eine Dunkelkammer wie beim „Sitzplatz“.
Am 3.9.2007 schreibt sie das Gedicht „Zu gleich“:

Das eintretende Alter erheiterte mich
mit einer neuen Neugier und der Lust,
die Nase in Dinge zu stecken, die einen gar nichts angehen,
zum Beispiel Diverses von Pflanzen:
Heimat in Mittelasien. So?
Hat eine Pfahlwurzel, ach?



Eingenommen sein im Alter ist getrennt sein zu gleich.
Ein Ich, das geht – und so kommt, wie es geht.

Prosaisch klar strömen die ersten Verse dahin. Die letzte Strophe hat es dann in sich: eine feine Minimeditation, die zum Wiederlesen einlädt. Davon hat das Buch mehrere in petto, mal bekenntnishaft-beklemmend wie in dem „Was sie will“, mal philosophisch-vielschichtig wie in dem großartigen „Ein Bild springt einem Satz bei“.
Erb eröffnet dieses Gedicht mit einem hochabstrakten Zitat des Philosophen Theodor W. Adorno und schließt das dann auf faszinierende Weise mit „Strohhalmsträhnen […] / an den seitlichen Hecken“ kurz.
Dazwischen stehen viele Gedichte aus dem, was Volker Braun einmal Erbs „Reservat der poésie pure“ genannt hat – schwer zugänglichen Gedankengelände. Lyrikeinsteiger brauchen für diesen Band deshalb Mut. Fortgeschrittenen reicht die übliche Portion poetischen Wahnsinns.

André Hatting, Deutschlandradio Kultur, 1.8.2013

So? Tja! Jesses!

– Elke Erb blättert ihr lyrisches Tagebuch auf. –

Elke Erb hält sich gerne an Konkretes, an Menschen und Verhältnisse, aufgehoben in Tagebuchnotizen aus rund 50 Jahren. Für ihren neuen Gedichtband hat die 75-Jährige den Ordner „Impfschein bis Kündigung“ geöffnet. Da purzeln unter anderem heraus: Tante Thereses Schrift über Pointen im Barock, drei verirrte Schafe in ländlicher Gegend, ein Hund, der auf nur drei Beinen vorankommt, gen Scherbach in der Eifel, wo Elke Erb geboren wurde, vielleicht aber auch zum Café Ritter in Wien oder zum „Wohlfühlort“ Wuischke im Sorbischen.
Ihre Wahrnehmungen setzt die Tagebuchschreiberin locker in Verse. „Ich habe den Verhältnissen gekündigt, / sie waren falsch“, heißt es da.
Ein widerständiges Ich bewegt sich entschieden fragend, auf Widerspruch erpicht und mit unschlagbarem Witz durch Berliner Straßen und ländliche Gegenden: auf dem Fahrrad, zu Fuß oder in Zügen.
Alltagsszenen, beim Zubereiten von Tee, beim Telefonieren, auf dem Balkon oder beim Aufräumen, nehmen dabei gerne eine ungeahnte Wendung. Ein erinnerndes Ich irrt und korrigiert sich und flicht ein Gewebe, aus dem Wortschöpfungen tönen wie „Schafsleibeslänge“, „Skelettwitz“ oder „Vermögensstockwerke“. Von Werten und Zielen wie „Ehre Geltung und Geld“, „größtmöglichem Erfolg“ und „Wellness“ ist die Rede. Doch ritten nicht schon in der Antike „Habsucht&Verschwendung“ die Republik zuschanden? Elke Erb ist nicht etwa unter die politischen Dichter gegangen? Ihre Gesellschaftkritik kommt als ironische Pointe daher, als komische Sentenz oder Wortspiel zwischen „SudelIndustrie“ und „IndustrieSudelei“.
Das Politische ist stets Bestandteil eines größeren Themas, das mit dem „Zu-sich-Selbst-Kommen des Menschen“ bezeichnet werden kann. Dabei bedenkt Elke Erb vieles mit, darunter auch Prozesse des Alterns. Sie hält Zwiesprache mit Dichterkollegen aus Gegenwart und Vergangenheit, allen voran Anna Achmatowa und Ossip Mandelstam, die sie kongenial ins Deutsche übertragen hat. Kreaturen, die ungeachtet ihrer Beschädigungen weiterleben, betrachtet sie mit Achtsamkeit, wie den dreibeinigen Hund (das „Hündle“), das dem Buch den Titel gab.
Wehmütig werden die Verse nirgends. Mehr denn je spickt die Berliner Dichterin wörtliche Rede mit spitzen Floskeln, die alles Gesagte gleich wieder infrage stellen: „so?“, „ach!“, „aha“, „wie nicht?“, „tja“, „weißgott“, „jesses“. Das ist ein heiterer Dialog mit sich selbst, dem jetzigen und früheren Ich und dem Leser. Zum Gesprächscharakter tragen auch neue, haikuähnliche Texte bei. Aber Elke Erb verkehrt ihre Gelassenheit potzblitz ins Gegenteil. In idyllischer „Mittagsruhe“ wird plötzlich geschossen.

Dorothea von Törne, Der Tagesspiegel, 24.11.2013

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Bettina Hartz: Was gilt?
fixpoetry.de, 30.7.2013

Das Lyrische Quartett im Lyrik Kabinett München vom 17.7.2018

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„Da sitze ich und halte still“

– Ein Gespräch mit der Lyrikerin Elke Erb über Mut und Wut in der DDR – und über den neuen Schwapp im Gehirn. –

Dieses Mal guckt sie nicht aus dem Fenster ihrer Hinterhof-Wohnung im Berliner Wedding, um – das ist legendär – schon von weitem „wirsch“ zu grüßen. Elke Erb, die die deutsche Lyrik seit Jahrzehnten mit einzigartigem Witz bereichert, ist viel zu beschäftigt. Drei Lesungen bereitet sie gerade vor, eine unter dem Titel „Klassiker der Gegenwartslyrik“. Es habe, sagt die 75-Jährige entschieden, nicht jede Zeit eine Klassik. Mit einem „Basta!“ rückt sie die auf dem Schreibtisch gestapelten Bücher zusammen, damit wir uns sehen können.

Dorothea von Törne: Welche Texte sind Ihnen gerade unverzichtbar?

Elke Erb: Fast alle. Mein Schreiben ist eigentlich politisch orientiert. Aber jetzt habe ich von den frühen Texten einen so merkwürdig stillen Eindruck gehabt. So, als ob es um gar nichts weiter geht. Jetzt habe ich gemerkt, dass diese genau die prinzipiellen Texte sind.

Törne: Wo sehen Sie die Unterschiede?

Erb: Ich schreibe über Themen, wo es schmerzt. Bei Politik schmerzt es sowieso. Aber es ist nicht so, dass die anderen Texte eine heile Welt haben. Es ist eine aktive Welt, und es kommt darauf an, wie man spricht. Es ist doch ganz egal, wovon man spricht, Hauptsache, es wird anständig erzählt.

Törne: Wie gehen Sie beim Schreiben vor?

Erb: Es ist niemals so, dass ich von Anfang an ein Gedicht schreibe. Es sind immer Notizen im Tagebuch, Gedanken, die etwas korrigieren. Später gucke ich, ob die zu bearbeiten sind. Das ist dann auch der strukturelle Reiz: Ob die Notizen die Chance haben, sich zu melden? Wenn ich etwas schreibe, habe ich es auch erlebt.

Törne: Sie sind 1938 in Scherbach in der Eifel geboren, einem kleinen ländlichen Ort.

Erb: Ja, da standen nur vier Häuser. Dort lebte ich bis zu meinem elften Lebensjahr. Dann ist mein Vater – aus der englischen Kriegsgefangenschaft kommend – in die DDR gegangen. Er war Marxist und glaubte irrtümlich, er könnte da den Sozialismus aufbauen.

Törne: Sie formulierten früh Voraussetzungen für Ihr Schreiben. In Ihrem neuen Buch, erschienen in der roughbook-Reihe bei Urs Engeler, greifen Sie das wieder auf. Da ist von Gewohnheit, Wut und Widerstand die Rede.

Erb: Zorn und Widerstand haben – auch zu DDR-Zeiten – viele gehabt. Auf dem Buch Das hündle kaum weiter auf drein steht ein Text aus dem Jahr 1965, zitiert mit den Worten: „Ich habe den Verhältnissen gekündigt, sie waren falsch.“

Törne: Damals gingen Sie in Halle zur Schule. Haben Sie in der Zeit schon Gedichte geschrieben?

Erb: Zu schreiben begann ich bei Beginn des Studiums. Es dauerte lange, bis ein Text gültig blieb.

Törne: Sie haben an der Martin-Luther-Universität ein Lehrerstudium absolviert und wollten Lehrerin werden?

Erb: Ich wollte nicht, ich sollte Lehrerin werden – hatte aber davon nur Schreckensvorstellungen. Einer meiner bösen Träume war: Ich bin Unterrichtsgegenstand: Man setzt an meinen Rücken Schröpfköpfe, um etwas zu demonstrieren. Das war ja wohl genügend Nachricht an das bewusste Ich, um zu sagen: Nein, das besser nicht. Dann bin ich in Halle zum Mitteldeutschen Verlag gegangen. Nach zwei Jahren habe ich dort gekündigt. Denn ich war nach dem ersten Jahr in der Nervenklinik und nach dem zweiten auch.

Törne: Was war im Verlag so schrecklich?

Erb: Das Sinnlose. Ich wollte eigentlich leben – und die haben solche unsinnigen Manuskripte gedruckt. Es war ein Parteiverlag.

Törne: Hat der nicht auch Literatur gedruckt?

Erb: Ja, sicher, aber keine auffallend gute. Der Dichter Heinz Czechowski hat ja auch gekündigt.

Törne: Konnte man gut mit ihm zusammen arbeiten?

Erb: Ja, durchaus. Mein späterer Ehemann, der Dichter Adolf Endler, und Karl Mickel haben 1966 im Mitteldeutschen Verlag die Anthologie In diesem besseren Land herausgegeben, in der – neben Leuten wie Brecht und Becher – die neue Generation vorgestellt wurde: Sarah und Rainer Kirsch, Volker Braun und andere, „unsere Truppe“, wie Sarah immer sagte. Ich war da noch gar nicht dabei. Alle bekamen Konflikte mit dem Staat. Peter Huchel wurde in seinem Haus in Wilhelmshorst bewacht, bis er weg ging.

Törne: 1966 sind Sie auch nach Berlin gegangen.

Erb: Ja, zuerst wohnte ich in einer Dachkammer in Hohenschönhausen, dann bin ich mit Endler nach Mitte gezogen: fünf Treppen, Außenklo.

Törne: Viele Ihrer Gedichte sind von Wortschöpfungen wie „Skelettwitz“ oder „Vermögensstockwerke“ geprägt.

Erb: Die Sprache ist ein lebendiges Ding. Was man übrigens auch sehen kann, wenn die Kleinlebendigen kommen, die Kinder, wenn sie Vor- und Nachsilben ausprobieren.Bei „Vermögensstockwerke“ kommt das soziale Engagement durch, das ich immer habe. Wenn die Häuslebauer da aus ihren kleinen Häusern rausgucken, und der Himmel ist so groß, was dann?

Törne: Schreiben Sie seit 1989 anders als früher?

Erb: Man sagt mir nach, dass ich seit der Wende umgänglicher geworden bin. Wir Schriftsteller wurden von den Ideologen immer angesehen als welche, die nicht am „Klassenkampf“ teilnehmen oder gar „Klassenfeinde“ sind. Als ich einmal für einen Amerikaner aus meinen ersten Büchern Gedichte aussuchte, konnte ich nachträglich sehen, wie viel Reaktionen auf DDR-Realität darin war. Das überraschte mich. Später zeigte mir auch mein Buch Sonanz wieder, dass ich total sozial orientiert bin.

Törne: Seit Sonanz gibt es in den Texten mehr lockere Rede und Ironie?

Erb: Ja, ich gebe meinem Hirn jetzt diesen kleinen Schwapp: „tja“, „jesses“ „ach?“. Seit den Sonanz-Gedichten ist kein Halten mehr. Die Notate sind natürlich bearbeitet worden. Zuerst war ich von den Leitmotiven überrascht. Zum Beispiel trat immer wieder das Motiv „Kante“ auf.

Törne: Aus dem DDR-Schriftstellerverband sind Sie beinahe ausgeschlossen worden?

Erb: Nein, Endler ist ausgeschlossen worden. Aber protestiert habe ich viel. Zum Beispiel so: Im Ausweis des Schriftstellerverbandes stand: „Wir schreiben in Verbindung mit dem Leben des Volkes.“ Da konterte ich: „Wenn der Dichter Endler seinen Kopf zum Fenster rausstreckt, / Sieht er nach, ob die Müllkübel leer sind.“ Wir wohnten damals in einer Hinterhofwohnung im Prenzlauer Berg. Und die Stasi schnüffelte herum.

Törne: Im Prenzlauer Berg kamen die jungen Samisdat-Dichter zu Ihnen. Waren Sie Mittelpunkt der „Prenzlauer Berg-Connection“? Nach 1989 wurde sie von manchen als elitärer Zirkel abgetan. Wie sehen Sie das heute?

Erb: Die Initiative war bei den Jungen. Ich sollte das Lyrik-Jahrbuch 1986 mit herausgeben und habe dafür Texte eingesammelt. Außerdem habe ich sie auch herausgegeben in der Anthologie Berührung ist nur eine Randerscheinung. Das waren neue Texte für Menschen mit geistigen Bedürfnissen.

Törne: Haben Sie das als Opposition gesehen?

Erb: Sie waren schon irgendwie Aussteiger. Ich weiß noch, dass der Verlagslektor fragte, ob diese jungen Autoren Versager seien gegenüber der Realität. Und ich sagte: Nein, die Realität hat versagt.

Törne: Sie werden gegenwärtig in Einladungen zu Ihren Lesungen als poetische Instanz für drei Dichtergenerationen bezeichnet.

Erb: Es gibt eine Doktorarbeit, die das behauptet, aber es stimmt nicht. Ich habe ein gewisses Gespür für neue Wendungen: Monika Rinck, Steffen Popp…

Törne: Die bewundern Ihre geistige Beweglichkeit.

Erb: Am PC suche ich jetzt die Datei: „Im Rücken: Jubel“. Demnächst sichte ich meine Datei „Vorrat“.

Törne: Wo haben Sie die neuen Texte geschrieben?

Erb: Die sind in der Lausitz entstanden, in Wuischke, vor dem Wald, wo man ins Dorf hinunterblickt. Da sitze ich und halte still.

Die Welt, 30.11.2013

 

Elke Erb: Die irdische Seele (Ein schriftlich geführtes Interview)

Elke Erbs Dankesrede zur Verleihung des Roswitha-Preises 2012.

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Im Juni 1997 trafen sich in der Literaturwerkstatt Berlin zwei der bedeutendsten Autorinnen der deutschsprachigen Gegenwartslyrik: Elke Erb und Friederike Mayröcker.

Elke Erb, Christian Filips lesen Bo Wiget komponiert und spielt: Haushaltsfragen

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Klassiker der Gegenwartslyrik: Elke Erb liest und diskutiert am 19.11.2013 in der literaturWERKstatt berlin mit Steffen Popp.

 

Lesung von Elke Erb zur Buchmesse 2014

 

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Zum 70. Geburtstag der Autorin:

Steffen Popp: Elke Erb zum Siebzigsten Geburtstag
literaturkritik.de

Zum 80. Geburtstag der Autorin:

Waltraud Schwab: Mit den Gedanken fliegen
taz, 10.2.2018

Olga Martynova: Kastanienallee 30, nachmittags halb fünf
Süddeutsche Zeitung, 15.2.2018

Michael Braun: Da kamen Kram-Gedanken
Badische Zeitung, 17.2.2018

Michael Braun: Die Königin des poetischen Eigensinns
Die Zeit, 18.2.2018

Karin Großmann: Und ich sitze und halte still
Sächsische Zeitung, 17.2.2018

Christian Eger: Dichterin aus Halle – Wie Literatur und Sprache Lebensimpulse für Elke Erb wurden
Mitteldeutsche Zeitung, 17.2.2018

Ilma Rakusa: Mensch sein, im Wort sein
Neue Zürcher Zeitung, 18.2.2018

 

Annett Gröschner: Gebt Elke Erb endlich den Georg-Büchner-Preis!
piqd.de, 27.6.2017

Fakten und Vermutungen zur Autorin + KLG
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Porträtgalerie: Autorenarchiv Isolde Ohlbaum +
Autorenarchiv Susanne Schleyer + Dirk Skiba Autorenporträts +
Galerie Foto Gezett 1 + 2 + 3
shi 詩 yan 言 kou 口

 


 

Richard Pietraß: Dichterleben – Elke Erb

 

Elke Erb liest auf dem XVII International Poetry Festival von Medellín 2007.

 

Elke Erb liest bei OST meets WEST – Festival der freien Künste, 6.11.2009.

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