Eugen Helmlé (Hrsg.): Résonances

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Eugen Helmlé (Hrsg.): Résonances

Helmlé-Résonances

MONTPELLIER

Wo denn
das Meer?

Ich höre nur den Lärm der Motorräder
und mein Fenster geht auf andere Fenster

und die Menschen
hören Sie
und die Menschen?

die ließen die Blumen vertrocknen
auf den bescheidenen Stelen
aaaaa(schöne Tote jetzt seit ihr zur Erde zurückgekehrt)
aber
aaaaadie Einsamen?
aßen traurig ihr Brot aus der linken Hand
während die Frauen, die ihre Brüste hoch tragen
auf die Rückkehr der vertrauten Lippen warten.

Der Vogel mit dem orangenen Bauch
der am Nachmittag sang
wird sterben
– ich weiß nicht welchen Vogeltod –
und schafft ein neues Schweigen greifbar
unähnlich
doch nahe dem der Pinien und
so elementar noch
daß man es leicht auf den Sand zeichnen könnte
wen der tägliche Schaum
nicht alle Dinge dem Tod entgegentrüge

Übersetzung Eugen Helmlé

 

 

Vorwort

Jeder gesunde Mensch kann zwei Tage lang
ohne Essen auskommen – ohne Poesie niemals.

Charles Baudelaire

„Über Wein spricht man nicht, Wein trinkt man“, meinte einmal ein befreundeter Poet, der allerdings, das sei zu seiner Ehrenrettung gesagt, aus einer Gegend Deutschlands stammt, in der nun wirklich nichts oder nicht viel über Wein zu sagen ist. Über Poesie hingegen, so sollte man glauben, ist recht viel sagen, doch dem widerspricht Louis Aragon, der französische Poeta laureatus der Résistance, wenn er apodiktisch feststellt: „Man muß verrückt sein, um über Poesie zu schreiben. Poesie macht man, man erklärt sie nicht!“
Da ich nicht verrückter erscheinen will, als ich es ohnehin sein muß, weil ich mich sonst nie und nimmer und ohne Not, nur den Bitten französischer Freunde gehorchend, auf das Abenteuer einer Wanderung durch die französische Poesie der letzten dreißig Jahre eingelassen hätte, will ich mich wenigstens im Vorwort so kurz wie möglich fassen. Keine breit gefächerte Geschichte der französischen Dichtung durch die Jahrhunderte hindurch, nur ein Rückblick auf die letzten fünfzig Jahre, damit Tendenzen und Entwicklungen, die sich manchmal vielleicht gar nicht so sehr von dem unterscheiden, was in Deutschland geschieht, verständlich werden.
Lyrik ist die Spiegelung persönlicher Augenblicksstimmungen, sie verweist auf gesellschaftliche Umwälzungen, erhellt oft schlaglichtartig, was sich an allgemeinem Unbehagen aufgestaut hat und gibt Kunde von Zorn, Trauer, Euphorie, Verzweiflung des schreibenden Individuums. In bestimmten Abständen und Wellen lassen sich Trends erkennen, und was gestern en vogue war und heute verachtet ist, kann morgen in modifizierter Form wiederkehren. Sie scheint das älteste Beruhigungsmittel der Welt zu sein, der Tranquilizer par excellence, jedem zugänglich, jedem Hilfe gewährend und Balsam spendend. So gesehen ist Poesie noch nie eine elitäre Literaturgattung gewesen, sie gehört eher zum populären Genre, denn die Zahl derer, die Gedichte schreiben, ist seit jeher beachtlich gewesen, größer jedenfalls als die Zahl derer, die sie lesen. Sie ist vermutlich sogar die einzige Literatur, die von mehr Menschen geschrieben als gelesen wird.
Das gilt wohl nicht nur für Frankreich, wo der Literaturwissenschaftler Georges Mounin Anfang der sechziger Jahre in einer Untersuchung über die damalige Lage der Dichtung in Frankreich – und es ist anzunehmen, daß sie sich bis heute nicht wesentlich geändert hat – die Feststellung traf: „Nie zuvor hat es so viele Leute gegeben, die jene seltsame Sache schreiben, die von keinem gelesen wird.“ Ein Sachverhalt, der sich mit Hans Magnus Enzensbergers Behauptung decken dürfte, daß es in jeder Sprachgemeinschaft nur 1354 Leser hochrangiger Dichtung gibt.
In Frankreich, so zeigen Schätzungen der letzten Jahre, schreiben etwa fünftausend Menschen Gedichte, und alle haben natürlich den Wunsch, sich mit ihren Hervorbringungen gedruckt zu sehen. Den meisten scheint das tatsächlich zu gelingen, denn wenn man der Statistik vertrauen kann, werden bei unserem westlichen Nachbarn jährlich fast dreitausend Gedichtbände veröffentlicht. Die meisten zwar im Selbstverlag, bei jenen obskuren Unternehmen, die die Publikationsgelüste der Feierabendpoeten schamlos zur eigenen Bereicherung ausnützen, aber immerhin. Indes, ohne finanziellen Zuschuß kommen auch die zwei- bis dreihundert in seriösen Verlagen erscheinenden Gedichtbände nur in den seltensten Fällen aus. Diesen Zuschuß gewährt das Centre nationale des Lettres, eine Institution, die man sich für die Bundesrepublik Deutschland wünschen möchte, denn im Gegensatz zu uns, wo vor allem das Theater, nicht jedoch der Theaterautor, subventioniert wird, erfreut sich in Frankreich die Poesie einer großzügigen Förderung. Dabei sind die gewährten Zuschüsse weitgehend unabhängig vom Bekanntheitsgrad des Autors, auch unabhängig von seiner politischen Einstellung, nicht aber von der Qualität seiner Gedichte. Eine keinen Partikularinteressen verpflichtete Kommission, bestehend aus Dichtern, Kritikern und Lektoren, begutachtet die vom Verlag oder vom Autor eingereichten Gedichte und empfiehlt dann, wenn die qualitativen Voraussetzungen für eine Förderung gegeben sind, einen Zuschuß zu den Druckkosten, der zwischen 25 und 50% liegt. So konservativ Frankreich in vieler Hinsicht, vor allem auch auf künstlerischem Gebiet, sein mag, die Poesie hat dort, trotz der konstatierten Gleichgültigkeit, die ihr das nichtschreibende Publikum entgegenbringt, nichts von ihrer Lebendigkeit und ihrer Vielfalt verloren. Das liegt vor allem auch daran, daß die zeitgenössische französische Dichtung in ihrer Form sehr viel offener ist, als es der Roman oder der Nouveau-Roman je gewesen sind, auch wenn sich dieses Bild seit einiger Zeit zu ändern scheint.
Aber zunächst ein kleiner Exkurs in die Vergangenheit. Eine erste Zäsur innerhalb der französischen Dichtung brachten nach dem ersten Weltkrieg Dadaismus und Surrealismus, die, wie es bei Tristan Tzara hieß, „einen Feldzug zur Entwertung… der Poesie“ begannen. Die Dichter jener Generation, Tzara, Breton, Aragon, Soupault, Eluard, die sich gegen jene auflehnten, die einen mörderischen Krieg besungen hatten, wollten keine „schönen“ Gedichte mehr schreiben, sondern mit der Tradition brechen, den alten Formenkanon zerstören, vor allem aber provozieren. Auch wenn die Methoden und Theorien des Surrealismus mit der Zeit zur Konvention erstarrten, hat die Bewegung um André Breton doch lange Zeit die Rolle des Provokateurs und des Erneuerers gespielt. Das Gedicht wurde zum Befreiungsakt, es veränderte die Hör- und Sehgewohnheiten, es machte empfänglich für eine neue Sensibilität, trotz der zunächst feindseligen Reaktion eines voreingenommenen und unvorbereiteten Publikums. Damit verhalfen die Surrealisten dem Geist zu einer Freiheit, die er ihren Augen bis dahin nicht gehabt hatte.
Eine Blüte wie selten zuvor und wohl auch nie wieder danach erlebte die französische Poesie zu Anfang der vierziger Jahre. Es war die Zeit der Widerstandsdichtung, die Zeit der großen und pathetischen Résistance-Gedichte der Aragon und Eluard und vieler anderer, die beim Publikum einen unerhörten Anklang fanden. Neben dem Rückgriff auf konventionelle Gedichtformen war diese Ausstrahlung zum größten Teil auf äußere Umstände zurückzuführen, auf den verlorenen Krieg und die darauf folgende deutsche Besatzung. Die Dichtung transportierte nun alles das, was nicht offen ausgesprochen werden konnte. Nachdem mit der Beendigung der deutschen Besatzung die Voraussetzungen für diese Widerstandslyrik nicht mehr gegeben waren, starb sie einen langsamen Tod. Im Grunde war es nur ein kurzes Strohfeuer gewesen, ohne nachhaltigen Einfluß auf die jungen Dichter der Nachkriegsgeneration, ganz im Gegensatz zur Wirkung des Surrealismus nach dem ersten Weltkrieg.
Seit Ende des zweiten Weltkriegs sind in Frankreich annähernd drei Dichtergenerationen zu unterscheiden. Zur ersten gehören u.a. René Char, vor allem aber Henri Michaux und Francis Ponge, die beide weiterhin an der Zerstörung der traditionellen Poetik arbeiteten und, wie etwa Ponge, den Unterschied zwischen Poesie und Prosa weitgehend aufhoben. Beide stellten, jeder auf seine Weise, „die Lage des Subjekts im Verhältnis zum betrachteten Objekt wieder in Frage“. Wie es Anne Portugal in einem Aufsatz zur französischen Dichtung beschrieb.
Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre bahnte sich ein Wandel an. Jacques Roubaud, selbst einer der bedeutendsten Dichter seiner Generation und ein ausgezeichneter Kenner der Literaturszene seines Landes, sieht den Bestand der französischen Poesie um 1960 so: a) die traditionelle Prosodie mit dem „stehengebliebenen“ Alexandriner (dem Apollinaires oder Aragons zum Beispiel); b) die zweitrangige traditionelle Prosodie: sie benutzt die kurzen Verse der Tradition mit gewissen als „volkstümlich“ angesehenen „Freiheiten“, wie man sie auch im Chanson kennt; c) der orthodoxe freie Vers, der keine Reime und keine Silbenzählung kennt (hier wären Breton, Peret oder Prevert zu nennen) und d) der freie Vers mit Quasi-Silbenzählung, dessen typischster Vertreter Yves Bonnefoy ist (er ist in diesem Sammelband, der mit einem bestimmten Jahrgang beginnt, nicht vertreten).
Aufstand gegen die Tradition lassen sich mehrere Richtungen ausmachen: Dichter, die für die Theorien der Linguistik und des Strukturalismus aufgeschlossen sind, und die sich vor allem durch die Zeitschrift Tel Quel vertreten fühlen. Hinzu kommt dann, als Abspaltung gewissermaßen von Tel Quel, die von Jean-Pierre Faye und Jacques Roubaud gegründete Zeitschrift Change, die den Wechsel, die Veränderung als Programm bereits im Titel trägt. Eine andere Dichtergruppe, die sich um die Zeitschrift Action poétique gebildet hat, gibt zu Anfang dem Politischen eine mindest ebenso große Bedeutung wie dem Poetischen. Poetische Aktion und gesellschaftliche Aktion sind untrennbar miteinander verbunden, stehen gleichrangig nebeneinander. Diese Dichter versuchen, ähnlich wie Eluard oder Aragon, eine militante Poesie zu machen, eine Poesie politisch aktiver Menschen, die sich als Wille im Kampf für ihre politischen Ziele verwenden läßt. Die Gedichte, die sie schreiben, und mögen sie noch so virtuos sein, sind für sie alles andere als selbstgenügsame Kunststücke, sondern sie haben in den Dienst politischer Zeitkritik zu treten. Ihren Namen erhielt diese Zeitschrift übrigens 1954 mit jener Nummer, die sich heftig gegen die deutsche Wiederaufrüstung und das beabsichtigte Militärabkommen zwischen Bonn und Paris richtete.
Mit den Jahren hat Tel Quel, die lange Zeit die literarische und theoretische Szene in Frankreich beherrschte, deutlich an Kraft und Bedeutung für die Entwicklung der französischen Poesie verloren, im Gegensatz zur Action poetique, die zwar nie dieses spektakuläre Ansehen genoß – was wohl auch mit der Person des Herausgebers Sollers zu tun hatte –, die aber dadurch, daß sie sich ein theoretisches Fundament zu geben wußte, sich in Sondernummern immer wieder der Dichtung der Welt öffnete, ihre früheren Positionen teilweise in Frage stellte und den Mut besaß, ihre Haltung aus den Anfangsjahren, als sie der KP noch nahe stand, zu revidieren, in Theorie und Praxis stets an der Spitze der poetischen Entwicklung in Frankreich geblieben ist.
Weniger einer Gruppe, einer Ideologie oder einer Schule verpflichtet ist die von Michel Deguy 1964 gegründete Revue de Poesie, die in den siebziger Jahren schließlich zur Zeitschrift PO&SIE wird. Sie ist der Poesie aller Epochen und aller Länder gewidmet, sie bringt, in Frankreich eine Ausnahme, oft die Übersetzung ausländischer Gedichte neben dem Original veröffentlicht bekannte Poeten wie Réda, Roubaud und Deguy selbst neben jungen, noch unbekannten. Überhaupt sind die Literaturzeitschriften in Frankreich, ganz anders als in der Bundesrepublik, für die Entwicklung und Verbreitung der Poesie von größter Wichtigkeit. Einer Erhebung aus dem Jahre 1983 zufolge gab es damals in Frankreich allein 548 Literaturzeitschriften, die den zahllosen Dichtern Möglichkeiten zur Veröffentlichung boten. Kurzlebig in der Regel, oft nur eine Saison lang existierend, tragen sie zusammen mit den etwa hundertfünfzig Klein- und Kleinstverlegern von Lyrik dazu bei, die Kontinuität und die Vielfalt der französischen Poesie zu bewahren. Erstaunlich dabei die durchgängige Qualität der veröffentlichten Texte, die hervorragende Typographie sowie die meist geschmackvolle Aufmachung der Bücher, was allerdings nur den anfangs schon erwähnten großzügigen Subventionen des französischen Kulturministeriums, die für Zeitschriften genauso gelten wie für Verlage, zu verdanken ist.
Eine eher untergeordnete Bedeutung würde ich der Gruppe jener Poeten einräumen, die stark von der amerikanischen Beat-Generation beeinflußt sind und die in Zeitschriften wie CEE und Zone ihr Publikationsorgan besitzen. Es sind die sogenannten Underground-Poeten, bei denen das Animalische im Vordergrund steht, die „neuen Wilden“, wie man sie in Anlehnung an die Malerei nennen könnte, jene, die sich gegen das Intellektuelle auflehnen und sich der „Swing-civilisation“ nahe fühlen.
Zunehmend an Einfluß und Bedeutung gewinnt eine Schule, die Anfang der sechziger Jahre unter dem Namen „Ouvroir de littérature potentielle“ – zu deutsch „Werkstatt für potentielle Literatur“ – kurz Oulipo genannt, von Raymond Queneau und dem Mathematiker François Le Lyonnais gegründet wurde. Bei diesem in der Literatur, zumal der französischen, neuen Phänomen geht es um die „Einführung des systematischen, organisatorischen Denkens in die Literatur“, wobei es zum vorrangigen Ziel dieser Werkstatt gehört, den künftigen Schriftstellern und Poeten neue Techniken zu liefern. Die bekanntesten Mitglieder dieser Gruppe, die jahrelang auf zehn aktive Mitglieder beschränkt blieb, sind oder besser waren Queneau und Calvino, unter den Jüngeren Roubaud und Perec, die beide in diesem Band auch mit oulipoistischen Arbeiten vorgestellt werden. Was in dieser Werkstatt erarbeitet wird, sind Strukturen, Modelle, Methoden und Formen, aus denen der Dichter, sobald er sich von der sogenannten Inspiration gelöst hat, frei wählen kann. Denn da Sprache, nach Queneau, etwas Künstliches ist, besteht auch Literatur aus Künstlichem und ist folglich, theoretisch zumindest, mechanisierbar. Zum formalistischen und spielerischen Aspekt dieser Arbeiten gehört als ein wichtiges Element der Humor, und Queneau weist ausdrücklich darauf hin: „unsere Arbeiten sind amüsant, zumindest für uns.“
Neben der Zäsur, die der Algerienkrieg für die damals Zwanzig- bis Dreißigjährigen bedeutete, der ihr Schreiben, wie wir anhand einer Reihe von Texten noch sehen werden, auf Jahre hinaus bestimmte, kam es mit dem Mai 1968 zu einem weiteren Einschnitt in der französischen Nachkriegspoesie. Die Devise Lautréamonts: „Die Poesie soll von allen gemacht werden, nicht von einem“, wurde zum Emblem für die Achtundsechziger. Für einige Wochen wurden die Träume und Verse als Graffitis auf die Mauern und Häuserwände der französischen Städte gepinselt. „Die Mauern begannen zu blühen“, wie es einer der Poeten später einmal ausdrückte.
Durchdrungen vom Geist der Mairevolte entsteht 1969 die Zeitschrift TXT, deren Ziel es ist, die zur Institution gewordene Sprache zu zertrümmern. Ihr wichtigster Autor und zugleich Mitbegründer ist Christi an Prigent, in dessen Texten man Comic Strips, Flüche, Dialoge aus Fotoromanen, Fäkalsprache, phonetische Klangassoziationen, Anagramme, Wortspiele, Glossolalien usw. findet. Bei anderen Autoren wie etwa Anne-Marie Albiach und Danielle Collobert, für die die Mai-Ereignisse ebenfalls wichtige Anregungen für ihr Schreiben brachten, geht es nicht um die Verformung der Wörter, sondern eher um die weitgehende Zerstörung der Syntax, da sie der Meinung sind, daß eine Änderung etwa der Reihenfolge der Satzelemente neue Bedeutungen bewirken kann.
Als neueste Tendenz innerhalb der französischen Poesie zeichnet sich immer stärker eine Rückkehr zur Metrik ab, man beginnt wieder die Silben zu zählen oder eine bestimmte Versform zu wählen; auf die Zeit des Aufbruchs folgt die Wiederentdeckung der Tradition, der klassischen Lyrik, der strenggefügten Form, der Verslehre. Andere wiederum wenden sich in ihren Gedichten der „inneren Wirklichkeit“ und dem Alltagsleben zu, sie entwickeln eine Dichtung weiter, die in der Nachfolge Pierre Reverdys und Max Jacobs steht, aber auch viel jenen beiden minutiösen Schilderern des Alltags verdankt, der kleinen, banalen Fakts, die dem Gedicht in einem vor allem deskriptiven Sinne Bedeutung verleihen, Pierre Albert-Birot und Jean Follain nämlich, die als Vorbilder und Vorläufer nicht vergessen werden sollten.
Der vorliegende Band ist weder eine Anthologie noch ein Panorama, dazu ist die Anzahl der in ihm versammelten Dichter zu begrenzt. Er ist auch kein Pantheon der zeitgenössischen französischen Lyrik, so wenig wie er ein auch nur annähernd erschöpfendes Bild der heutigen Poesie unseres Nachbarlandes sein kann. Ein Museum ist er schon gar nicht, eher eine Art lückenhafte Bestandsaufnahme des poetischen Schaffens, Einblick und Ausblick auf das, was jenseits des Rheins seit annähernd dreißig Jahren auf dem Gebiet der Poesie geschieht. Was gezeigt werden soll, sind Tendenzen, neue Ausdrucksmöglichkeiten, Entwicklungen, Zustandsbeschreibungen. Die Auswahl mag manchmal willkürlich erscheinen, sie ist in jedem Fall subjektiv. Wer von den hier vorgestellten Dichtern in zehn Jahren noch im Gespräch, in seinem Land noch bekannt sein wird, weiß ich nicht; darüber Mutmaßungen anzustellen, wäre reine Spekulation; entscheidend für die Aufnahme in diesen Band ist nur, daß sie im Augenblick einen Aspekt der zeitgenössischen französischen Poesie repräsentieren, wobei ich gern einräumen will, daß mancher Name durch einen anderen hätte ersetzt werden können, ohne daß sich dadurch der Gesamteindruck wesentlich verändert hätte. Ungerechtigkeiten, vermeintliche oder wirkliche, aber auch Fehlentscheidungen sind bei einem solchen Unternehmen unvermeidlich, es sei denn, man nimmt jeden auf, der irgendwann einmal ein Gedicht geschrieben hat. Andererseits hängt vieles natürlich auch von Stimmungen ab, von momentanen Eindrücken, so daß nicht auszuschließen ist, daß meine Wahl, hätte ich sie morgen zu treffen statt sie gestern getroffen zu haben, in dem einen oder anderen Fall anders ausfiele.
Ebenso würde eine Auswahl französischsprachiger Dichter unter Einschluß der Schweizer, Belgier, Kanadier, Maghrebiner und Afrikaner anders ausgesehen haben als dieser ausschließlich Frankreich und seinen Poeten vorbehaltene Lyrikband. Manche Autoren wiederum kamen deshalb nicht in Betracht, weil die Sprache, sie ins Deutsche zu übersetzen, „noch nicht zur Verfügung steht“, wie Enzensberger einmal sagte, oder weil bestimmte Texte mit ihren Assoziationsreihen, ihren Verkettungen von Bildern, Figuren, Bedeutungsblöcken einer langen Reflexion und Reifezeit sowie oft genug der aktiven Mitarbeit des Autors, mithin häufiger Reisen bedürfen, bevor sie sich von einer Sprache in die andere bringen lassen.
Man wird in diesem Band gewiß bestimmte Richtungen innerhalb der französischen Poesie vermissen, entweder weil ich wenig damit anzufangen wußte oder weil sie, wie etwa die Postsurrealisten, in dem von Heribert Becker zusammen mit Jaguer und Král herausgegebenen und annähernd 1.500 Seiten umfassenden Band mit dem Titel Das Surrealistische Gedicht (Zweitausendeins) aufgenommen und somit in Deutschland ausreichend vertreten sind. Die sogenannte „konkrete Poesie“ ist lediglich mit einem Autor vertreten, dem auch in Deutschland bekannt gewordenen Pierre Garnier, von dem ich allerdings nicht nur die Spatialgedichte, eine Variante der konkreten Poesie, sondern auch einige seiner der Tradition verpflichteten Gedichte aufgenommen habe.
Dieser Streifzug durch die französische Poesielandschaft gilt den Lebenden, gilt Autoren, die weiterhin schreiben, die Wandlungen und Entwicklungen unterworfen sind, deren Werk, auch wenn viele den Sechzig näher sind als den Fünfzig, noch nicht abgeschlossen ist. Dennoch gibt es Ausnahmen. Zwei der vorgestellten Autoren weilen nicht mehr unter den Lebenden. Ich habe sie deshalb hier aufgenommen, weil sie einerseits für die Entwicklung und den Stand der französischen Poesie in dieser Zeit wichtig waren, und weil ich andererseits ihre Arbeiten schon früh – auch übersetzend – mitverfolgen konnte. Einige hundert Lyrikbände, Anthologien, Zeitschriften und Jahrbücher waren für diese Bestandsaufnahme durchzuackern. Über den ganz persönlichen Geschmack, auch über Zufallsentscheidungen hinaus hoffe ich, daß objektive Beurteilungs- und Auswahlkriterien nicht zu kurz gekommen sind. Trotzdem mag sich die Frage erheben, ob die Proportionen nicht verzerrt sind, wenn insgesamt 27 Dichter stellvertretend für Hunderte stehen. Aber die Beschränkung auf 300 Seiten in einer zweisprachigen Ausgabe, wo das Original schon die Hälfte des verfügbaren Platzes einnimmt, zwangen mich, Autoren unberücksichtig zu lassen, die es sicherlich ebenso verdient hätten, in diesem Band aufzutreten wie viele andere.
Die Auswahl der Gedichte ist in der Regel genauso subjektiv und willkürlich wie die Auswahl der Autoren. Sie gehorcht keinem klaren System und ist oft durch Zufallsfunde in Bibliotheken, in Zeitschriften oder Anthologien bestimmt. So kommt es, daß einige Poeten lediglich mit Gedichten aus den letzten Jahren vertreten sind, andere wiederum mit solchen aus ihrer Frühzeit, bei der Mehrzahl verteilen sich die Texte jedoch auf mehrere Lebens- und Arbeitsabschnitte. Obgleich sich beim Sichten des ausgewählten Materials Themen abzeichneten oder ergaben, habe ich auf eine Einteilung in Gruppen, Schulen, Verwandtschaften bewußt verzichtet. Sie hätte möglicherweise zu einer Willkür der Zuordnung gefügt, die sich schon deshalb nicht rechtfertigen ließe, als sich viele unserer Poeten mal mit dieser, mal mit jener Richtung verbinden lassen. Stattdessen habe ich mich für die einfachste, am wenigsten um Originalität bemühte Einteilung entschieden, die chronologische nämlich. Diese Gedichtsammlung beginnt mit dem ältesten, der, Jahrgang 27, auch die Anzahl der hier versammelten Dichter bestimmt, und sie hört auf mit dem jüngsten. Titelüberschriften habe ich mir erspart, sie wären bei dem knappen Platz auch zuviel gewesen. Vertreten sind die poetischen Realisten ebenso wie die Sprachspieler, die Formalisten ebenso wie die Konkreten, die zornigen Politischen und die sich ganz ins Private Zurückziehenden, wir begegnen Werkstattarbeitern, die phonetisch, phonematisch, phonologisch arbeiten und anderen, die ihre Grammatik bis zur Unsagbarkeit zertrümmern. Alles in allem ist das Stilrepertoir ziemlich breit gefächert. Auf viele von ihnen hat der Surrealismus zu irgendeiner Zeit ihres Lebens Einfluß ausgeübt, ohne daß man sie deshalb Surrealisten oder Postsurrealisten nennen könnte. Ihre Bewunderung galt Eluard, Aragon und sehr oft Soupauh, auf den sich mehrere von ihnen in Collage- oder Hommage-Gedichten beziehen. Bei der Mehrzahl sind die sogenannten „poetischen“ Wörter verschwunden, da alle Wörter zur Poesie werden, dennoch sind neben Dichtern, die die Sprache des Mannes auf der Straße benutzen, auch solche vertreten, die sie bewußt nicht benutzen, weil für sie, wie es der russische Nobelpreisträger Joseph Brodsky anläßlich seiner Dankrede formulierte, „Poesie ein Abheben vom Alltag“ ist. Und wenn die meisten auch in der Kontinuität der Moderne stehen, so verleugnen sie andererseits doch nicht, wie es das Beispiel Roubauds oder Rédas zeigt, eine Tradition, deren Wurzeln sich bis zu den Troubadouren verfolgen läßt.
Zur Übersetzung nur soviel: ich habe etwas gegen fertige Rezepte und flinke Urteile, nach denen ein Text, zumal ein poetischer, nur so und nicht anders übersetzt werden kann oder soll. Es gibt keine Schablone, die auf alle Textgebilde paßt. Für den einen steht beim Transport von der einen Sprache in die andere die semantische Information im Vordergrund, für den andern die ästhetische. Ich bin der Ansicht, daß man sich immer nur anhand eines vorliegenden Textes für die eine oder die andere Möglichkeit entscheiden kann. Eindeutige Antworten jedenfalls sind mir ebenso suspekt wie glatte und platte Eindeutschungen, die sich ausschließlich an einer „Lesbarkeit“ orientieren, die sicherlich einen Sinn macht, wenn es sich um Rezepte oder Gebrauchsanweisungen handelt, für Gedichte indes untauglich sind. Ich glaube, daß bei den Übersetzungen dieses Bandes, den eigenen ebenso wie denen der Mitarbeiter, verschiedene Methoden des Übersetzens realisiert worden sind. Ein Wort zu den Autoren: da die wenigsten hierzulande bekannt sind, habe ich versucht, sie in mehr oder weniger ausführlichen biobibliographischen Notizen, die vielleicht über den Rahmen des üblichen hinausgehen, dem deutschen Leser vorzustellen.
Beginnen wir also mit unserer Tour de France der Poesie!

Eugen Helmlé, Vorwort

 

Fakten und Vermutungen zum Herausgeber

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