Alias

Während nahezu fünfunddreißig Jahren war Adolf Wölfli, der seine Kindheit als »Losbub« bei verschiedenen Pflegefamilien im Emmental verbracht hatte und später als Knecht, Totengräber und Speditionsgehilfe ein ärmliches Auskommen fand, in der bernischen Irrenanstalt Waldau interniert, wo er … ständig bedrängt durch eine Vielzahl von »Stimmen«, die ihn zu warnen, zu beschimpfen, auch zu betören schienen … seit 1908 und bis zu seinem Tod im Sommer 1930 mit der Niederschrift eines großangelegten Erzählwerks beschäftigt war, in das nebst Prosatexten auch lyrische Versuche, Zeichnungen, Collagen sowie musikalische Notationen eingegangen sind. Insgesamt 45 Folianten im Umfang von rund 25.000 handgeschriebenen Seiten bilden, ergänzt durch weit über 3.000 Illustrationen, ein multimediales Textuniversum, das Wölfli mit gutem Recht als eine originäre »Skt. Adolf == Schöpfung«, ja sogar als eine Art von »Welt == Schöpfung« bezeichnet hat.

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Nebst einer zweibändigen Sammlung früher Schriften von Adolf Wölfli liegt neuerdings auch sein »Geographisches Heft No. II« in Buchform vor [Adolf Wölfli, »Geographisches Heft No. II« (Schriften 1912–1913). Herausgegeben von der Adolf-Wöllli-Stiftung Bern. Verlag Gerd Hatje, Stuttgart 1992.] ; der Band enthält die im Jahr 1913 entstandenen Schriften und Bilder aus dem Konvolut der »Geographischen und allgebräischen Hefte«, die im wesentlichen den »Baufondierungen«, der Errichtung und Organisation eines neuen Weltreichs gewidmet sind, als dessen Schöpfer und Herrscher Wölfli … alias »Kaiser Adolf«, »Skt. Adolf = Groß = Groß = Gott« oder auch »Sterbende Exzellentz« … in die Geschichte beziehungsweise in die Ewigkeit einzugehen gedachte.

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Wenn Wölfli in einer Vorbemerkung zum Heft Nr. II festhält, daß der »gesammte Text Dieses Büchleins« in 100 000 Exemplaren gedruckt und zum Preis von »1 Fr. 20 Rapen« in den »Groß und Wellt-Handel verbracht werden« sollte, ist damit bereits der hohe, nicht selten zu delirierendem Pathos sich steigernde Grundton angeschlagen, von dem der Bericht über das utopische, »im allerhöchsten Grade luxuriöse, prangende und prunkende, Skt. Adolf = Steern = Zentral = Paradiis« durchweg geprägt ist. Wölfli wird nicht müde, in permanent überanstrengter Rhetorik die Vorzüge seines paradiesischen Weltreichs aufzuzählen … eines Reichs, das kosmisch zu expandieren und über zahllose Sterne und Planeten sich zu erstrecken scheint, das aber doch stets an Skt. Adolf gebunden und auf dessen »Riesen-Denkmal« bezogen bleibt, um das herum … »rings umms gantze« … sich die Skt. Adolfschen Wälder und Hallen und Türme, die »Riesen = Stadt = Komplexe« und schließlich das »Skt. Adolf = Steern = Riesen = Meer« konzentrisch ausbreiten.
Kein Epitheton ist stark genug, um diesen privaten Kosmos mit all seinen Promenaden und Plätzen, Palästen und Brücken, Nischen und Kellern angemessen zu vergegenwärtigen, und so kann Wölfli bloß durch unablässige Wiederholung der immer gleichen Adjektive . .. »prachtvoll«, »riesenhaft«, »majestätisch«, »gewaltig«, »hochelegant«, »alles überbietend« … eine Vorstellung davon vermitteln: »Und, Nördlich, Die Skt. Adolf = Zion = Riesen = Kathedrale. Ebjä / Alles, sah riesenhaft großahrtige, luxuriöse und maijestätische Riesen = Ball = Werke, Die in Große und maijestätischer Erhabenheit, Ihresgleichen in der gantzen, alten und neuen Schöpfong, Nirgends finden kontten. Dataoischen fast unrahlbahre, ungeheure und, im höchsten Grade / luxuruöse Riesen = Grand = Hottels, Ditto, Kloster, Schlösser, Burgen, Anstalten, Instituts, Theater, Kaseernen, Zeughäuser, Administrattiohnen, Justiz, Gerichts, Privaats und Regierungs = Riesen = Grand = Plätze, Bahn = Hööfe, Riesen = Grand = Plätze … Riesen = Bassins mit ditto, theilweise, ungeheuren Riesen = Fonttaines … fast unzähligen, theils riesenhaften Banken, Fabriken und Reit = Schulen, Zirkussen und Riesen = Kirchen, etzettera ... «
Doch auch solch rhapsodisches Wortgetöse reicht nicht aus, um die Großartigkeit dessen zu veranschaulichen, was Wölfli an »Sehenswürdigkeiten« sich ausdenkt; und so setzt er dort, wo ihm die Superlative ausgehen, schier endlose Zahlenreihen ein, welche die räumlichen und zeitlichen Dimensionen seiner Wahnwelt möglichst präzis … »allgebräisch« … festhalten sollen, wobei räumliche Verhältnisse in der Regel durch zeitliche Maßeinheiten wiedergegeben werden … »rund 282 500 000 000 Kubik = Stund Oder, rund 282 500 000 000 000 000 000, Kubikmeter (Luft oder Hohlraum)« umfaßt die »gantze, alte und neue Schöpfung«, die »Riesen-Thürme« von Skt. Adolf = Hall haben eine Höhe von 500 000 bis 1 000 000 Stunden, und allein die Hauptstadt ist bewohnt von »nicht weniger als rund 300 000 000 Seelen«.

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Adolf Wölfli beschreibt diese Welt nicht nur … er erschreibt sie sich; es ist eine autonome Textwelt, entstanden in der Engnis seiner Anstaltszelle, ein monströses Sprachgebilde, in dem sein Grandiositätsbedürfnis und seine äußerst vitale Todessehnsucht ebenso adäquaten Ausdruck finden wie seine naive, auf einen autoritären »Gott = Vatter« fixierte Religiosität, seine sexuellen Anfechtungen und Phantasien, sein biederes Schweizertum und seine Vorliebe für blaublütige Regenten.
Aber man wird Wölflis Schriften nicht gerecht, wenn man sie lediglich auf ihre resümierbare Aussage hin liest; denn was hier als beginnlose und niemals abschließbare Erzählung sich entfaltet, findet seine genaue Entsprechung im Material der Sprache selbst, in der Art und Weise, wie dieses Material eingesetzt, für die prophetischen und weltschöpferischen Intentionen des Autors nutzbar gemacht wird. St. Adolfs wahnhaft übersteigerte Einbildungskraft kommt auch im sprachlichen Ausdruck voll zur Geltung; sie manifestiert sich einerseits durch hochtrabenden rhetorischen Pomp, anderseits durch die Integration von Liedern und Märschen, Ziffern und Tabellen in den laufenden Text, aber auch … auf der Wortebene. . . durch den exzessiven, oftmals falschen Gebrauch von Interpunktionszeichen, durch orthographische Eigentümlichkeiten wie Konsonantenverdoppelung, Vokaldehnung, häufige Großschreibung oder durch die Verwendung von Neologismen, Fremd- und Dialektwörtern sowie vielfache Wortzusammenfügungen … Verfahren und Phänomene der Schriftgestaltung also, welche allesamt der Intensivierung, der Emotionalisierung des Lesevorgangs dienen sollen. Dies gilt im übrigen auch für den von Wölfli gern verwendeten Binnen- oder Endreim, für seine zahlreichen assonantischen und homophonen Konstruktionen, die mitunter durchaus poetische Qualität gewinnen können; man lese: »Wie auch, nach Oranttika, Oranttera, Orantteron, Oron, Oberson, Orillon, Orpheus, Omaha, Omalitta, Odaliske, Orelia, Orellia, u.s.w. Oder auch, nach Zion = Hall, Zeus, Zohrn, Satten = Hall, Teufel = Hall, u.s.w. Oder auch, in den mannigfaltigen Skt. Adolf = Gattinnen oder, Gott = Vatter = Ohrts = Namen = Lährm hinein, etzettera …«

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Wölflis großangelegte Wortarbeiten sind, wie seine Bildwerke auch, typische Produkte schizophrener Kreativität, und als solche weisen sie auffallende Ähnlichkeiten nicht nur mit den spontanen künstlerischen Versuchen von Kindern oder sogenannten Primitiven auf, sondern auch mit der Wort- und Bildkunst der europäischen Avantgarde, zu deren Zeitgenossen Adolf Wölfli … weithin unerkannt … gehört hat. Man brauchte, um die strukturellen Übereinstimmungen erkennen und würdigen zu können, bloß etwa die von Wölfli erdachten »Riesen = Städte« mit den Architekturphantasien eines Bruno Taut oder Sant’Elia zu vergleichen, die Wölflische »Allgebra« mit der poetischen Formelsprache Welimir Chlebnikows und die bei Wölfli zwanghaften Schreibautomatismen mit der Kunstprosa von James Joyce oder Gertrude Stein. Was Herwarth Walden 1919 in seinem großen Essay über »Die neue Malerei« als gemeinsame Charakteristika des Urmenschen wie auch des expressionistischen Künstlers herausgestellt hat, kann … wortwörtlich … ebenso für Adolf Wölfli gelten: »Er will nicht das Unnennbare nennen. Er will das Unfaßbare fassen. Er will nicht tausend Zungen haben, um zu reden. Er will tausend Arme haben, um alles zu begreifen. Er will viele Köpfe mit vielen Augen haben, um im Kreise zu sehen. Er will viele Beine und Füße haben, um seine Grenzen zu überschreiten … Seine Kunst ist unmenschlich, ungebunden. Die Religion ist ihm nicht Kunst. Aber die Kunst ist ihm Religion. Denn die Kunst ist seine Offenbarung.«
Daß Skt. Adolf keineswegs nur ein Geisteskranker war, sondern … als Geisteskranker … ein Künstler, das hat Walter Morgenthaler in seiner Wölfli-Monographie von 1921 beispielhaft dargetan. Ermöglicht wurde diese Einschätzung wohl weniger durch wissenschaftliche Erkenntnis als vielmehr durch die damalige »Kunstrevolution«, welche zum Aufsehen zwang, weil sie Aufsehen zu erregen vermochte durch ihre generelle Tendenz zur Primitivisierung der künstlerischen Mittel und Motive … eine Tendenz, die nicht zuletzt eine positive Neubewertung »pathologischer« Bild- und Wortschöpfungen ermöglicht hat, zu deren unverlierbarem Bestand auch Wölflis Werk gehört.

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aus: Felix Philipp Ingold: Freie Hand.
Ein Vademecum durch kritische, poetische und private Wälder

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