Ikone

Ein ehemaliger Flachmaler, der jetzt erfolgreich als »Jenseitsforscher« arbeitet, wird in einem TV-Interview nach den Gründen seines Berufswechsels gefragt. Schon immer habe er, sagt der Mann, Kunstmaler werden wollen, schon immer sei Kunst für ihn das Höchste gewesen, und schon immer habe er die Überzeugung gehabt, daß er als Maler mit manch einem berühmten Kollegen hätte gleichziehen können; etc.
Bis er eines Tags beim Grundieren einer großformatigen Leinwand plötzlich ein »Antlitz« habe auftauchen sehen, Das Antlitz, das ihn für eine Weile »bis ins Innerste fixiert, gebannt« habe.
»Ich war … ich weiß nicht, für wie lang … völlig sprachlos, vor Erregung begann ich zu gähnen, ich starrte auf die Erscheinung, die mir aus dem Bild entgegentrat, das ich noch gar nicht gemalt hatte. Mein Bild war wie von selbst entstanden. Für mich Grund genug, das Malen aufzugeben. Und seither seh ich überall solche Erscheinungen … besser gesagt, aus allen Bildern werde ich von derartigen Erscheinungen gesehen.«
Und nun ergeht sich dieser Mann wortreich in öffentlichen Erklärungen und Hinweisen über die Göttlichkeit des menschlichen Antlitzes, er hat in den Medien seine Auftritte, hält Seancen ab; er hat sich inzwischen darauf spezialisiert, aus Bildern der Tagesschau des Zweiten Deutschen Fernsehens mit Computerhilfe die Gesichter von verstorbenen oder verschollenen Personen in mühevoller technischer Kleinarbeit … »ich blättere pro Suchauftrag Tausende von Bildern durch« … herauszufiltern. »Tatsächlich findet sich dieses oder jenes Gesicht, das ich aufgrund von Paßbildern oder Amateuraufnahmen suchen soll, schon in der nächsten Wolkenformation wieder, im schwingenden Rock eines Kardinals, im ölverschmutzten Küstengewässer … in jedem beliebigen TV-Bild kann das Antlitz entdeckt, es kann festgehalten und vergrößert werden.

*

Damals, in der Sekunde seiner Wortlosigkeit, war der Mann … für jenes eine Mal in seinem Leben … mit dem Realen konfrontiert, mit dem, was ist.
Das Alltägliche … ein Wunder.
Davon lebt er nun. Indem er sich statt dem Realen dem Jenseitigen verschreibt. Und nicht merkt … das Jenseits ist hier.

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aus: Felix Philipp Ingold: Freie Hand.
Ein Vademecum durch kritische, poetische und private Wälder

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