Nachgerufen

Nicht »Ach!« und nicht »Was?« war das erste Wort, mit dem ich auf die Nachricht von Vilém Flussers Tod reagierte; das erste Wort war »Nein!«
Daß Flusser, mit dem ich seit Jahren bekannt war, den ich des öftern in Südfrankreich besucht hatte und dem ich immer wieder bei Vorträgen oder Symposien begegnet war, tot sein sollte, kam mir ganz und gar unwahrscheinlich vor … vielleicht war die schlimme Botschaft bloß ein übler Scherz? Denn am Vortag, also am Tag seines Todes hatte ich ihm, ohne zu wissen, daß er unterwegs war, mein neues Buch, die Erzählung »Ewiges Leben«; zugesandt, und ich erinnerte mich nun auch, daß bei unserem letzten Gespräch … zwei, drei Monate zuvor … erstmals von seinem geplanten Werk »über das Leben« die Rede war, einem Projekt, aus dem Flusser eine Art Summa seines Denkens zu gewinnen hoffte und dessen Realisierung er zweifellos für den adäquaten Abschluß seines Lebenswerks gehalten hätte.
Doch jenes spontane »Nein!« war … als Aufschrei gegen die Unwahrscheinlichkeit eines katastrophalen Zufalls … durchaus fehl am Platz; denn das Unwahrscheinliche war doch schon immer Flussers Element gewesen, von lauter Unwahrscheinlichkeiten war seine Biographie gekennzeichnet, in deren chaotischen Turbulenzen er nichts anderes als eine Serie von notwendig gewordenen Zufällen zu erkennen glaubte. Was wir gemeinhin tun, ist, wie Flusser mehrfach betonte, jeglicher »Tendenz zur Wahrscheinlichkeit entgegengesetzt«; ob wir es wollen oder nicht … was uns am Leben hält und was uns sterben läßt, ist keineswegs »wahrscheinlich«, sondern ist stets »das Unwahrscheinliche, also jenes Element, das zu einer Formation führt«, das uns demzufolge zwingt, gegen die Welt des Wahrscheinlichen anzutreten und auch gegen diese Welt zu denken, sie »negativ entropisch« aufzufassen; das heißt … die Lebensaufgabe (wie auch jedes »Lebenswerk«) besteht darin, sich entgegen der Welt zu behaupten, indem man auf den bequemen Ordnungszwang des Wahrscheinlichen verzichtet und frei wird für das Risiko des Unwahrscheinlichen.
In all seinen zahlreichen Schriften und Vorträgen … über Text und Bild, über Bild und Realität, über Realität und Virtualität, über Virtualität und Kreativität … hat Flusser mit staunenswertem Optimismus am Primat des Zufälligen vor dem Gesetzmäßigen und des Möglichen vor der sogenannten Wirklichkeit festgehalten: »Alles, worauf man bisher als an etwas Wirkliches glaubte und zu dem man bisher als zu etwas Realem Vertrauen hatte, hat sich als eine notwendig gewordene zufällig entstandene Möglichkeit erwiesen …«, ist in Flussers letzter zu Lebzeiten publizierter Arbeit zu lesen; jedoch: »Zur Überraschung aller Beteiligten führt dieser Glaubensverlust an die Wirklichkeit nicht in eine dunkle Verzweiflung, als sei uns der Boden unter den Füßen entzogen worden. Sondern es erfaßt uns ein Taumel der Befreiung für kreatives, künstlerisches Leben.«
Statt des in Philosophie, Literatur und Politik neuerdings üblich gewordenen apokalyptischen Kammertons stimmt Flusser den Generalbaß der Hoffnung an, einer Hoffnung, die im unerschütterlichen Glauben an das jeden Sachzwang transzendierende Menschenmögliche fundiert ist. Wobei unter dem Menschenmöglichen das zu verstehen ist, was sich für den Menschen …. kraft des Zufalls … als notwendig erweist. Doch das Notwendige, so verstanden, ist eben auch nur eine weiche Möglichkeitsform … eine von beliebig vielen »schäumenden Möglichkeitswellen«, welche den Ozean der Wirklichkeit stets von neuem aufwühlen, bis aus ihm eine neue Aphrodite und mit ihr eine neue »projektive« Schönheit auftaucht … »schaumgeboren« aus der in »Absicht« umgebogenen »Notwendigkeit« des glücklichen Zufalls.

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Die von Flusser imaginierten möglichen Welten mögen noch so »schaumig«, noch so »weich« und »echolos« sein; die Welt, in der wir leben und die uns vermutlich überdauern wird, ist so »hart« wie eh und je … so hart, wie Flusser sie in der Vergangenheitsform beschrieben und wie er sie in der realen Gegenwart ein letztesmal angetroffen hat: »… man stieß dagegen, brach sich daran die Zähne aus und rannte dagegen an, bis die Schädeldecke krachte.«
Gestorben ist Vilém Flusser an den Folgen eines Verkehrsunfalls; er war auf der Reise nach Prag, seiner Geburtsstadt, aus der er fünfzig Jahre zuvor hatte fliehen müssen und die er nun, nach langem Exil in England, Brasilien und im südlichen Frankreich, erneut besuchen wollte. Mit dem durchaus unwahrscheinlichen Todes-Fall hat es also seine Richtigkeit. Der Tod des Autors war, so hätte Flusser wohl gesagt, kein tragisches, sondern ein durch Zufall notwendig gewordenes Ereignis; seine Heimkehr in das Schatzhaus der Erinnerungen, seine Rückkehr in die Muttersprache und zur Muttererde ist gelungen.
Prag war für den vertriebenen Juden ein »Sammelzentrum« geblieben, nicht anders als Rom oder Jerusalem, die »ewigen« Städte und Stätten, zu denen alle Wege hin-, zurückführen; was mir Flusser in einem seiner letzten Briefe schrieb, daß nämlich Jerusalem wie auch Rom »und alles Heilige überhaupt« ein Ort des Empfangs sei, das gilt genau so für Prag … wenn man die Stadt verläßt, verläßt man sie auf einer ganz gewöhnlichen Ausfallstraße; fährt man jedoch zur Stadt zurück, so ist das jedesmal »ein Aufstieg«, ein Triumphzug auf dem Königsweg. »Und wenn Sie ankommen«, ich zitiere Flusser wörtlich, »dann können Sie gar nicht umhin, >Roma, Roma aeternae< zu rufen. Das ist Zionismus: >Wenn ich dich vergessen sollte, oh Jerusalem oh, dann soll mein rechter Arm verdorren.< Die Strategie der Zerstreuung, der Strateg des Stratagemas >stratein<, ist der Anziehungspol, oder: die immer dichter werdende Vernetzung der Feldmöglichkeiten.«

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Nie hat Vilém Flusser Prag vergessen; so wenig wie er die Sprache seiner Kindheit, die Küchen- und Kellergerüche in der Altstadt vergessen konnte. Und aber auch er ist nicht vergessen worden … er ist einer Einladung in die Stadt seiner Herkunft gefolgt; es war, wie man jetzt weiß, die Einladung, noch einmal bei sich selber anzukommen, noch einmal den »Aufstieg« zu wagen zur Ewigen Stadt, zum Himmlischen Jerusalem. Doch hat sich mit Flussers tödlicher Heimkehr nicht einfach, wie man, zum voreiligen Trost, vielleicht annehmen möchte, ein Kreis geschlossen. Denn nicht der geschlossene Kreis war Flussers Existenzform und Denkfigur, sondern die liegende Acht, das in sich selbst verschlaufte Zeichen der Paradoxie. Was Flusser faszinierte, war gerade nicht die Ordnung als geschlossene Form oder als geschlossenes System, sondern jener stets in der Zukunft liegende Punkt, an dem, zufallsgeboren, aus dem Chaos eine niedagewesene Ordnung, eine neue Form, eine neue Schönheit entsteht, die aber jederzeit ins Chaos zurücksinken kann: »Wenn ich mir die Welt als einen Haufen von Punktelementen vorstelle, die sich immer gleichmäßiger und wahrscheinlicher streuen, die also immer schütterer werden, dann muß sich in der Welt die umgekehrte Tendenz … zur Klumpenbildung … feststellen lassen. Und ich muß betonen, daß alles, was früher als Fortschritt und als Tendenz zur Komplexität angesehen wurde, jetzt als Epizyklus anzusehen ist, der zum Schütterwerden, zum Wahrscheinlichwerden tendiert, der zu komplexen Formationen führt, um dann wieder in diese allgemeine Tendenz zurückzukehren. Das gilt von den Wasserstoffatomen bis hin zur Biomasse und zu unserm eigenen Leben.«

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Flusser war das Gegenteil eines Nostalgikers; nationale und verwandtschaftliche Bindungen … er gehörte einer alten jüdischen Familie an … bedeuteten ihm nichts, da er sie ja nicht selbst gewählt hatte und deshalb auch nicht dafür verantwortlich sein konnte. Dies ist ihm freilich erst viel später, durch die Erfahrung des Exodus, klar geworden. »Als ich aus Prag vertrieben wurde«, heißt es in einer autobiographischen Skizze von Vilem Flusser, »durchlebte ich den Zusammenbruch des Universums. Ich verwechselte mein Inneres mit der Welt da draußen … Aber dann, im London der ersten Kriegsjahre und beim Vorahnen der Schrecken der Lager, begann ich, mir darüber klar zu werden, daß es nicht die Schmerzen eines chirurgischen Eingriffs waren, sondern die einer Entbindung. Ich merkte, daß die durchtrennten Fäden mir Nahrung zugeführt hatten und daß ich jetzt in die Freiheit geworfen war

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So ist für Flusser die Erfahrung des Exils, die in seinem Fall den Verlust sämtlicher Verwandten und Freunde implizierte, zu einer existentiellen Freiheitserfahrung geworden und hat ihn zur Einsicht geführt, daß Geworfenheit keineswegs mit Verworfensein gleichzusetzen ist; daß der Geworfene vielmehr … gerade wegen seines Verlusts an gelebter und lebbarer Wirklichkeit … frei werden kann auf mögliche Welten hin, welche für die seßhaft und verschont Gebliebenen unerreichbar, undenkbar sind.


aus: Felix Philipp Ingold: Freie Hand.
Ein Vademecum durch kritische, poetische und private Wälder

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