Schreiben (I)

Ich schreibe, wenn ich Gedichte schreibe, kaum je am Schreibtisch; mein Tisch ist mein Knie, auf dem Knie, unter der Schreibhand, liegt der kleinformatige Notizblock parat, dessen Rückseite mit betongrauem Karton verstärkt ist und dessen karierte Blätter von einem ebenfalls grauen Leinenstreifen im Bund zusammengehalten werden.
Ich fahre; ich bin oft im Zug unterwegs, sitze gewöhnlich umgekehrt zur Fahrtrichtung, das Reiseziel interessiert mich weit weniger als der Ort, woher ich komme und den ich mit zunehmender Distanz besser, genauer erkenne.
Fahrend unterwegs zu sein, ist die einzig wahre Utopie, fahrend halte ich mich am realen Unort auf. So auch beim Schreiben. Deshalb vielleicht schreibe ich am leichtesten unterwegs, dort … dann, wenn ich nicht senkrecht verortet, sondern in Bewegung, in Fahrt bin.
Die Bewegung der Schreibhand entspricht (»entspricht«) der Fahrt ins Blaue.
Und jetzt, da die Regentropfen, die wie Schneckenspuren in schrägen glitzernden Schlieren übers Fenster laufen, von der jäh aufscheinenden Aprilsonne als unregelmäßige, immer mal wieder die Richtung wechselnde Zeilen auf meinen Block projiziert werden, sehe ich, unversehens, eines jener Tontäfelchen vor mir auf dem Knie, die den alten Ägyptern als Schriftträger, zugleich als mobiler Schreibtisch gedient hatten.
Tatsächlich sind ja im Deutschen Tisch und Tafel zumindest partiell noch immer synonym; mit dem bedeutsamen Unterschied allerdings, daß beim Schreibtisch die Schreibfläche horizontal, bei der Schreibtafel aber vertikal ist.
Das altägyptische Schreibtäfelchen ruft mir den Namen Thot in Erinnerung, erinnert mich also an den mythischen Erfinder der Schrift, und nun fällt mir auch auf, daß der Name des heiligen Schreibers wie die Begriffe Tafel und Tisch mit einem T beginnt, stimmlos, dental, und daß der Buchstabe T als strukturelle Seitenansicht eines Tischs oder eines Stehpults gesehen werden kann.


aus: Felix Philipp Ingold: Freie Hand.
Ein Vademecum durch kritische, poetische und private Wälder

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