Weiß (II)

Während längerer Zeit soll sich der Dichter Konstantin Balmont eine weiße Maus gehalten haben, er dressierte sie, gab ihr einen Namen. Wenn er schrieb, saß sie gewöhnlich in seiner Ellenbogenmulde oder rutschte über die Schreibtischplatte, raschelte in seinen Briefen und Entwürfen. Die Maus gehörte als lebendiges Requisit zu seinem Arbeitsplatz, sie war ihm ebenso unentbehrlich wie das Tintenfaß, die Feder, das Löschblatt.
Aber mit dem Schreiben tat sich Balmont, der zu Beginn dieses Jahrhunderts zu den erfolgreichsten Dichtern Europas gehörte, schwer.
Eines Morgens, tobend vor dem leeren Blatt, fast schon verzweifelt, schleuderte Balmont die Feder aus dem Fenster, ließ den Kopf auf die Tischplatte sinken, und dabei erdrückte er die Maus, die eben dabei war, das unbeschriebene Papier zu überqueren, das in provozierender Weiße vor ihm lag.
Lange Zeit war Balmont untröstlich über diesen Tod; er warf sich vor, aus Unachtsamkeit seine Muse umgebracht zu haben.


aus: Felix Philipp Ingold: Freie Hand.
Ein Vademecum durch kritische, poetische und private Wälder

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.