Wir

M.A. berichtet von einem freundschaftlichen Treffen, unter Schriftstellern, bei A.A. Anwesend war auch Boris Pasternak, der an jenem Abend draußen in Komarowo ungewöhnlich viel geredet, vor sich hinge redet, an seinen Gesprächspartnern einfach vorbeigeredet habe … der geredet habe, als wollte er nur eben laut nachdenken, dies allerdings mit einer Dringlichkeit, die auf irgendeine wichtige Entscheidung zu verweisen schien.
Lange habe Pasternak mit leise stoßender Stimme, beschwörend fast, über »Schlegels Weltgeist« sich ausgelassen, über die »Kunst als wahrhaftige Frau« und, für die Zuhörer ganz und gar unverständlich, über »Stalins Schwamm« und darüber, daß Nehmen seliger mache als Geben etc.
Die Gäste hätten sich fragende Blicke zugeworfen, vereinzelt sei gelacht worden; bis Pasternak plötzlich, den Tisch von sich wegrückend, aufgestanden sei und sehr langsam, sehr deutlich einen einzigen Satz in die Stille des verrauchten Salons gesprochen habe … so deutlich, so langsam, als wär’s ein seit langem vergessener Satz gewesen, der ihm nun grade eben wieder eingefallen war; dieser: »Ich weiß … wir brauchen mich nicht.«
Und grußlos habe er den Raum verlassen.


aus: Felix Philipp Ingold: Freie Hand.
Ein Vademecum durch kritische, poetische und private Wälder

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