Heinrich Detering: Old Glory

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Heinrich Detering: Old Glory

Detering-Old Glory

KEPLERS GRAB

„Über dem schweigenden Erdkreis wölbt sich
aaaaaglitzernd die Nacht
gläsernes Singen ertönt, Gestirnen nur hörbar, im
aaaaaRaum
unter der steinernen Brücke
rauscht der Strom −“

Himmelsweiten ermaß er
einst, nun misst ihn die Grube

rings um den Erdball die Schwärze gesprenkelt mit flüchtigem Licht
immerfort unmerklich dreht der Planet sich ins Dunkle zurück
unter den Sternen die Stille
der Grube, des Steins

 

 

Heinrich Detering liest aus Old Glory unter 0431-9011156 beim Literaturtelefon Kiel.

 

Deterings zarte und formstrenge Gedichte

balancieren zwischen Witz und Elegie. In ruheloser Neugier holen sie Welt und Geschichte in den Vers und feiern den Augenblick in der Ewigkeit.
Heinrich Deterings neue Gedichte vermessen räumliche und zeitliche Distanzen, sie führen nach Kilchberg und Kapernaum, nach Auerstedt und Lemberg, nach Texas und an den Li-Fluss. Sie erkunden Elvis Presleys Graceland und folgen Buffalo Bills Wildwest-Show nach Weimar. In geschmeidiger Formkunst und in spielerischer Balance von Komik und Trauer befragen sie die Orte nach ihrer Geschichte: nach den Toten unter der Grasnarbe, nach der Möglichkeit von Glück.

Wallstein Verlag, Klappentext, 2012

 

Die Gipfel und hohen Bergflächen im Schnee

− Poesie in diplomatischen Diensten: Heinrich Deterings neuer Gedichtband Old Glory durchkreuzt geografische und literarische Räume. −

Reisen verleiht der Poesie Flügel. In dieser Gewissheit kürte die griechische Mythologie das geflügelte Pferd Pegasus zum Dichterross, durchstreifte Goethe zu Pferde die Sesenheimer Gefilde, ließ sich Eichendorff mit Gottes Gunst im Gepäck in die weite Welt schicken. Heute, da Mobilität alles ist, wirkt die Liaison von Reise und Poesie gefestigter denn je. Mit größter Selbstverständlichkeit begleitet der Leser Heinrich Deterings neuen Gedichtband Old Glory auf seiner Route durch Europa, Amerika und China. Diese Lyrik erscheint so weltläufig wie ihr Autor.
Als Detering vor acht Jahren seinen Lyrikband Schwebstoffe veröffentlichte, galt der Germanist, Kritiker und Übersetzer bereits als Meister seines Faches. Seither hat sich viel verändert: Leibniz-Preis, Präsidentschaft der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, der zweite Gedichtband Wrist. Den neuen Gedichtband scheint das beeinflusst zu haben. Wer viel im Dienste der deutschen Literatur reist, verfasst seine Lyrik notgedrungen unterwegs – dort, wo er in Berührung mit dem Fremden kommt.

Neuer Ruhm für alte Meister
Solche Begegnungen kristallisieren sich auf unterschiedlichste Weise zu Gedichten. Deterings Verse pflegen eine reflektorische Distanz. Sie zeichnen sich durch ihre Vorliebe für Gedächtnisorte aus, an denen sich persönliche Erinnerung und kulturelles Gedächtnis überlagern. So setzt Deterings Reise im schweizerischen Kilchberg, an Thomas Manns Grab, ein, ehe sie dann Museen und Gedächtnisstätten von Kerterminde über Weimar, von Skiborg bis Graceland besucht. Während die Gedichte mit beiden Füßen in unserer Lebenswelt stehen, wenden sie ihren Blick historischen Persönlichkeiten zu, die „im finsteren Tal“ des Todes wandeln. Allein schon die ersten Gedichte rufen Johannes Larsen, T.S. Eliot, Johannes Kepler und Elvis Presley auf.
In der Tradition der rhetorischen Memoria einerseits, der orphischen Gesänge andererseits verhelfen die Texte den alten Meistern zu neuem Ruhm. Ihre Distanz aber verlieren sie selbst dann nicht, wenn sie sich aus dem Schattenreich lösen und unserer Gegenwart zuwenden. Erfahrungen bleiben medial vermittelt. Selbst als ein schlaflos glücklicher Beobachter seinen Blick über seine Familie schweifen lässt, mündet sein Gedanke in den Psalm „Der Herr ist mein Hirte / mir wird an nichts mangeln“.

Rauer Goldschnitt
Detering mag sich dem Schattenreich zuwenden, er pflegt dennoch eine zugängliche Sprache, einen unprätentiösen, leichten, humorvollen Ton. Seine Gedichte wirken wie Treffen mit alten Bekannten. Nach einem ersten Überraschungsmoment entspinnt sich ein vertrautes Gespräch, das alte Fäden aufnimmt und Neuigkeiten in den vorhandenen Wissenshorizont einordnen kann.
In manchen Momenten parlieren die Gedichte derart stil- und formsicher auf der Bühne literarischer und kultureller Größen, als stünden sie in diplomatischen Diensten. Adorno hat solche poetische Eleganz einmal mit dem Begriff der „Goldschnittlyrik“ geschmäht. Noch im selben Atemzug hat er jedoch davor gewarnt, diese Gedichte einfach abzutun. Immerhin könne sich hinter der glatten Oberfläche eine eigentümliche Rauhheit verbergen, die erst eine Auseinandersetzung mit dem einzelnen Gedicht herausfordere.

Elvis im Gnadenland
Dies gelingt Deterings Gedichten, wenn ihre zwei charakteristischen Verfahren ihre volle Wirkung entfalten können. Das erste, eine Form syntaktischer Kombinationskunst, zeigt sich mustergültig in „Graceland“. Jüngst hat Detering sich in seiner Forschung der seriellen Ästhetik der Bühnenauftritte von Elvis gewidmet. Das Gedicht entzieht sich dem Bühnenbrimborium und blickt gnadenlos hinter die Kulissen: „Elvis lag auf den Knien als er starb / im Gnadenland die Zunge zerbissen / im Badezimmer halbnackt vorm WC / zu lange schlaflos von den Tabletten.“
Mit größter Leichtigkeit montieren die „Tableaux mourants“ einzelne Bildausschnitte aneinander. Sie bilden den Materialfundus der folgenden Verse. Im Anschluss wechselt die Szene mit hartem Schnitt ins Nebenzimmer. Dort liegt Elvis’ schlafende Freundin, die von den Ereignissen im Bad nichts mitbekommt. Im Zentrum des Gedichts steht die Ruhe, die Schlaf und Tod gemein ist.

Lyrische Weltwahrnehmung
Nach einem zweiten Schnitt dreht der Text die Szenerie um einen Wimpernschlag zurück und verfolgt jetzt den Moment des Sterbens, als Elvis stürzt, „als er fiel, als er / die Zunge zerbiss auf den Knien lag / im Gnadenland vorm WC als er starb“. Wiederholung, Verschiebung, feinste Variation im minimalistischen Sprachmaterial, mit diesen poetischen Mitteln gerät das Gedicht in Bewegung. Während das Zentrum – anders als bei Elvis’ Bühnenperformance – still steht, wiegen sich die (Vers-)Füße des Gedichtkörpers im Totentanz.
Ein zweiter Charakterzug von Deterings Lyrik kommt in den gelungensten Momenten zum Tragen. Die Gedichte nehmen die Welt wahr, indem sie alle Ereignisse mit dem Kosmos der Literatur verrechnen. Wenn das Wahrgenommene aber in Korrespondenz mit der literarischen Welt gerät, erscheint es plötzlich in neuem Licht. In „Schneekönig“ sitzen Vater und Sohn gemeinsam vor dem Fernseher. Auf CNN läuft Obamas Amtsübernahme im Jahr 2009. Schlichter als der erste Vers kann kein Gedicht einsetzen: „endlich war der 20. Januar gekommen“. Aber die Verbindung dieses Datums mit dem Schnee hat es in der deutschen Literatur in sich: „Den 20. ging Lenz durch’s Gebirg. Die Gipfel und hohen Bergflächen im Schnee“ – so beginnt Büchners epochale Erzählung „Lenz“.

Der poetisch-politische Blick
Indem Detering die beiden Ereignisse engführt, weist er auf eine sinnfällige Gemeinsamkeit hin. Haben wir Obama nicht so betrachtet wie Büchner einst das Genie Lenz? Haben wir in ihm nicht etwa einen Mann gesehen, der sich in seiner Gestaltungskraft vollkommen frei fühlt? „Müdigkeit spürte er keine“, heißt es von Lenz, „nur war es ihm manchmal unangenehm, dass er nicht auf dem Kopf gehen konnte.“ Das Gedicht kommentiert präzise die damalige Erwartung der Deutschen an Obama sowie später daraus resultierende Enttäuschung. Es führt vor, wie tief kulturelle Stereotypen unsere Sichtweise prägen.
Ein zweiter Zusammenhang kommt hinzu. Paul Celan hat in seiner Büchnerpreisrede den Lenzschen 20. Jänner mit jenem fatalen 20. Januar 1942 verbunden, an dem in einer Villa am Wannsee die „Endlösung der Judenfrage“ entschieden wurde. Celan zog aus dieser Koinzidenz den Schluss: „Vielleicht darf man sagen, dass jedem Gedicht sein 20. Jänner eingeschrieben ist.“ Vielleicht darf man mit Deterings Gedicht hinzufügen, dass Celans Diktum für die Lyrik unserer Gegenwart ungebrochen gilt. Und möglicherweise darf man mit ihm anmerken, dass dies für jeden unserer Blicke auf politische Ereignisse verbindlich gilt. In solch scharfsichtigen Momenten weist Deterings Lyrik über sich und ihren genuin literarischen Raum hinaus.

Christian Metz, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.11.2012

Im Zeitenwind: Es flattert die Fahne der Freiheit

Flattert Old Glory noch, jene Flagge, die im amerikanischen Bürgerkrieg zum Symbol für Freiheit und Gerechtigkeit wurde? Der Göttinger Literaturprofessor will’s wissen. Bei aller Sympathie für Barack Obama fällt ihm schon bei dessen Amtseinführung ein Vers von Günter Eich ein: „Unseren Freunden / misslingt die Welt“.
Auch in seinem vierten Lyrikband beherrscht der Mann aus Göttingen die Kunst, Schweres leicht zu sagen. Mit kuriosen Titeln wie „Requiem für eine Seekuh“ zieht er den Leser in Diskurse über Schein und Sein, das Verhältnis zwischen Mensch und Natur oder historische Umbrüche von globaler Tragweite. Was ist das Maß aller Dinge? Was ist Identität und was Glück? Der Lyriker geht diesen Fragen in präzisen Alltagsbeobachtungen und konkreten Momentaufnahmen nach. In vielerlei Formen – vom festen Metrum bis zum freien Vers, gereimt oder ungereimt – sinnt er der menschlichen Existenz nach. Ja, der Mensch ist eine vorübergehende Erscheinung auf Erden. Deterings Verse schicken Blitzlichter in die Ewigkeit – bis ganz nüchtern der Wecker klingelt. Die einfachen Dinge sind es, an denen er seine Gedichte festmacht. Alles Erhabene holt er auf den Boden der Tatsachen zurück. Hinter Idyllen verbergen sich Schlachtfelder. Ein ganzes Kapitel hindurch betrachtet er Sterben und Tod. Gegen Verlorenheit und Erschöpfung setzt er das Glück des Geborgenseins in Familie und Religion. Andächtig wird er nie. Seine „Auferstandenen“ sehen sehr irdisch aus: Gärtner, Fischer oder Müllmann. Selbst dort, wo er Krieg und Mord, Verrat, Schuld oder Zerstörung thematisiert, kommen die Gedichte nicht moralisierend daher. In satirischen Versen brilliert er in der Rolle des größenwahnsinnigen Literaten wie auch in der des ignoranten Lesers. Unterwegs in Europa, Asien und den USA begegnet ihm Old Glory in Fetzen, aber die bewegen sich heftig.

Dorothea von Törne, Die Welt, 4.8.2012

 

 

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Hellmuth Opitz: Die Solidität der Fundamente
fixpoetry.de, 16.8.2013

Paul-Henri Campbell: Old Glory von Heinrich Detering
dasgedichtblog.de, 3.2.2014

 

Zum 60. Geburtstag des Autors:

Georg Langenhorst: Germanist, Katholik, Poet – Heinrich Detering wird 60
feinschwarz.net, 17.102019

Fakten und Vermutungen zum Autor
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