Ilse Blumenthal-Weiss: Ohnesarg

Blumenthal-Weiss-Ohnesarg

ASSOZIATIONEN

Die STEINE reden.
Der Laternenpfahl leistet
Dem GALGEN Gesellschaft.
Zigarette und Tabak
Lösen sich in ASCHE auf.
Fahnen aus RAUCH
Verhängen den Himmel.
STERN um STERN martert
Blick und Gewand.

Man sagt im Schlaraffenland
Ist der gelbe Fleck
Unsichtbar.

 

 

Zeugnis ablegen

Wenn, was vor einem Menschenalter geschehen ist, nicht vergehen kann, erscheinen uns die noch lebenden Teilnehmer an eben jenem Geschehen geringer gealtert als die übrigen. Unser Zeitgefühl schert sich manchmal wenig um den Kalender und verblüfft uns in solchen Momenten, da wir dessen innewerden. Eben jetzt, da es um so etwas wie eine Einleitung, eine Einführung zu einem Text von Ilse Blumenthal-Weiss geht, lebt diese Erfahrung auf. Mir wird bewußt, daß die Autorin eigentlich eine sehr alte Frau ist, eine Greisin, die bisher in meiner Vorstellung, die ja nur auf ihren Texten basierte, immer eine junge Frau war. 1899 geboren, steht da. Und das zeigt, auf welche heimliche und unheimliche Weise man selber in unterschiedlichen Epochen lebt, ohne dieses Umstands gewahr zu werden.

Vor vielleicht zwei Jahrzehnten erstand ich ein auffällig schmales Bändchen mit Gedichten, die ausschließlich um ein Thema kreisten, um die so euphemistisch und höhnisch genannte „Endlösung“. Die Autorin dieser Gedichte war Ilse Blumenthal-Weiss, die selber die Vernichtung in Theresienstadt überlebt hatte. Es war, wie hätte es anders sein können, ein Buch der Klage, ein Requiem der Trostlosigkeit, ein dringliches Memorieren nicht zu vergessender Schrecken. Über die Biographie gab das Buch jedoch, soweit ich mich erinnern kann, keine Auskunft. Und ihr Name begegnete mir erst wieder, als ich im Jahr 1980 ein Jahrbuch für Lyrik zusammenstellte, und unter den Unmassen von Geschriebenem auch Gedichte von ihr fand. Aus einem beiliegenden Brief erfuhr ich ihre Adresse: sie lebte in New York, und ich teilte ihr mit, daß eines ihrer Gedichte in die Anthologie aufgenommen würde. Daß daraus ein sporadischer Briefwechsel entstanden sei, wäre schon eine Übertreibung. Wir wechselten wenige Briefe. Bis ich eines Tages von ihr ein Prosamanuskript bekam, das ihre eigene Geschichte, zumindest einen Teil davon, aufblätterte und zugleich damit ein kaum bekanntes Kapitel der Verfolgung.

Ilse Blumenthal-Weiss, nach Holland geflüchtet, erlitt eine ganz spezifische Art der Behandlung. Wenn auch am Ende das Schicksal aller immer das gleiche war, der Weg dorthin, die praktizierten Methoden unterschieden sich wesentlich voneinander. Man ging gegen die Juden in den Niederlanden anfangs anders vor als beispielsweise in Rumänien, anders in Frankreich als in Griechenland. In den Niederlanden, dem Musterbeispiel religiöser Toleranz, zeigte sich die Vernichtungstaktik besonders differenziert. Doch auch hier wurden die Juden später in Sammellager zusammengefaßt, um nach Osten abtransportiert zu werden. Eines der bedeutendsten und größten Lager war Westerbork, in das auch Ilse Blumenthal-Weiss eingeliefert wurde, bevor man sie nach Theresienstadt weiterschickte.

Auf der Suce nach der verlorenen Menschlichkeit habe ich selber Anfang der siebziger Jahre das Lager Westerbork betreten oder vielmehr das, was davon übriggeblieben war: Trümmer einstiger Baracken, Eisengestänge, Bruchholz, Dachpappe, Abfall, lauter Reste, die nichts über ihren früheren Verwendungszweck zu sagen hatten. Im Hintergrund und alles überragend die Parabolantennen der Radioastronomie. Als Mahnmal einige Meter verrosteter Schienenstrang, zum Lagereingang hin bis zur Brusthöhe wie Geinsengeweihe hochgebogen, in Waldrichtung abgeschlossen durch ein Halbrund von groben, aufgemauerten Feldsteinen, daran zwei Gedenktafeln, eine in Holländisch, die andere in Hebräisch. Von diesem Punkt fuhren die Güterwagen mit den Opfern nach Auschwitz und ähnlichen Orten – insgesamt dreiundneunzig Eisenbahnzüge. Der letzte Transport verließ Westerbork am 3. September 1944. Als das Lager dem Roten Kreuz übergeben wurde, lebten hier noch 918 Personen. Auf die unfreiwillige Reise gegangen waren 110.000, von denen 5450 zurückkehrten. Unter ihnen Ilse Blumenthal-Weiss – um Zeugnis abzulegen darüber, was Menschen Menschen anzutun pflegen. Und wie wenig wir unseren eigenen furchtbaren Schwächen gewachsen sind, die uns voller Hoffnung und voll bösem Optimismus in den Abgrund taumeln lassen.

Günter Kunert, Vorwort

„Ich möchte über die Sonne schreiben,

aber die Nacht kommt heraus“, sagt die in New York lebende jüdische Schriftstellerin Ilse Blumenthal-Weiss, Jahrgang 1899, über ihr lyrisches Werk, das ausschließlich um ein Thema kreist, um die so euphemistisch und höhnisch genannte „Endlösung“. Die Autorin selbster die Vernichtung in Theresienstadt überlebt, um „Zeugnis abzulegen darüber, was Menschen Menschen anzutun pflegen“, so Günter Kunert in seinem einführenden Text zu dem Bericht der Autorin über das Konzentrationslager Westerbork, der über die bisher wenig bekannte spezifische Behandlung der Juden in den Niederlanden Auskunft gibt und die vorliegende Gedichtauswahl thematisch ergänzt.

Postskriptum Verlag, Klappentext, 1984

 

Ich möchte über die Sonne schreiben, aber die Nacht kommt heraus

− Ein Gespräch mit Ilse Blumenthal-Weiss. −

Alfred Paffenholz: Frau Blumenthal-Weiss, Sie sind Jahrgang 1899, Sie sind Jüdin, flohen während der Nazizeit von Deutschland ins benachbarte Holland, ohne freilich dem KZ zu entgehen. Sie haben wie wenige Theresienstadt überlebt und haben seither versucht, dem eigentlich Unsagbaren sprachlichen Ausdruck zu geben. Sie schreiben vorwiegend Lyrik. Wie sind Sie eigentlich zum Schreiben gekommen.

Ilse Blumenthal-Weiss: Ich habe, glaube ich, schon sehr früh angefangen, ohne zu denken, daß ich Schreiben mehr oder weniger auch beruflich ausüben könnte. Und wenn ich sage, daß man mich in der Schule genannt hat, „Ilse Weiss, die Dichterin, lacht sehr viel in ihrem Sinn“, dann erkennen Sie, daß ich schon ganz früh versucht habe, irgend etwas Reimendes zu schreiben. Es waren natürlich keine Gedichte, aber irgendwie lag es wohl in meiner Natur, mich auch in Versen auszudrücken. Ich war ungefähr zwölf Jahre alt, da schrieb ich ein Gedicht, das fing so an:

Weiß einer, was wir Juden leiden, wie unser Herz vor Schmerz oft bricht, wenn uns die andern höhnen, meiden und rauben jedes Sonnenlicht?

Paffenholz: Sie haben also sehr früh schon Ihr Judesein reflektiert. Heißt das auch, daß Sie schon in Ihrer Jugend Anfeindungen ausgesetzt gewesen sind?

Blumenthal-Weiss: Nein, das Merkwürdige ist: Ich habe es, solange wir noch in Deutschland lebten, sehr gut gehabt. Auch in der Schule, ich war eine gute Schülerin. Aber es hat mich geschmerzt, daß man manche Berufe nicht ausüben durfte, wenn man Jude war. Da habe ich mir gesagt, es ist doch eigentlich kein richtiges Vaterland, wenn ich diesen und jenen Beruf nicht ausüben darf, nur weil ich Jüdin bin. Ich wußte, daß Beamter zu werden nicht erlaubt war, Lehrer zu werden nicht erlaubt war usw. Und das hat mich schon als Kind immer sehr beeindruckt.

Paffenholz: Was war denn für Sie das auslösende Moment, daß Sie dann, in der beginnenden Nazizeit, aus Deutschland weggegangen sind?

Blumenthal-Weiss: Die Judenverfolgung.

Paffenholz: Sind Sie davon sofort unmittelbar betroffen gewesen?

Blumenthal-Weiss: Nein. Allerdings im Geschäft meines Vaters, das sehr lange bestanden hatte und der seine Angestellten sehr lange gehabt hatte, kippten die meisten plötzlich um und wurden Nazis, so daß mein Bruder, der dann der Nachfolger meines Vaters war, flüchten mußte.

Paffenholz: Sie sind mit Ihrer Familie von Berlin nach Holland geflüchtet. Was haben Sie dort erwartet?

Blumenthal-Weiss: Holland lag erstens nahe, und zweitens erschien es uns als ein Land, das uns ohne große Schwierigkeiten aufnehmen würde und das uns eventuell auch eine Arbeitsmöglichkeit geben würde.

Paffenholz: Ich habe 1983 erstmals einige Ihrer Gedichte kennengelernt, und diese Gedichte kreisen um das Thema Erinnerung, Gedenken, Vergangenheit. Fühlen Sie sich aufgerufen, Zeugnis zu geben von einer Vergangenheit, mit der Sie eigentlich noch nicht fertig sind?

Blumenthal-Weiss: Nein, das ist gar nicht der Fall. Es ist so merkwürdig. Ich möchte so sagen: wenn ich ein Gedicht schreibe, und ich möchte über die Sonne schreiben, kommt die Nacht heraus. Wenn Sie verstehen, was ich damit meine. Ich kann einfach nicht anders. Ich möchte so gerne etwas anderes schreiben, aber die Vergangenheit scheint so unüberwindlich zu sein, daß sie beim Schreiben immer wieder durchbricht.

Paffenholz: Mein Eindruck ist, daß dort, wo Ihre stärkste Betroffenheit sitzt, auch die eindringlichsten und eindrucksvollsten Texte entstehen. Sehen Sie das auch so?

Blumenthal-Weiss: Man selber hat ja kaum den Abstand, um das, was man schreibt, beurteilen zu können, ob das eine Gedicht mehr gelungen ist als das andere.

Paffenholz: Wie vollzieht sich bei Ihnen der Prozeß des Schreibens?

Blumenthal-Weiss: Ja, das ist natürlich sehr schwer zu beschreiben. Zunächst ist der Federhalter da, das Papier, und dann fängt man an zu schreiben. Und es wird, ich kann nicht sagen wie, dunkler, und irgendwie ist die Vergangenheit dann wieder da. Sie gewinnt Oberhand. Ob ich will oder nicht.

Paffenholz: Sie schreiben in deutscher Sprache, leben aber seit langem in den USA. Ihr Alltag mit Begegnungen und Gesprächen ist also von einer anderen Sprache geprägt als Ihre Literatur. Wie werden Sie eigentlich mit dieser Diskrepanz fertig?

Blumenthal-Weiss: Sehr gut, indem ich meistens nur deutsch schreibe. Ich habe auch lange Jahre, 19 Jahre, im Leo-Baeck-Institut gearbeitet, das die Erinnerung an das deutsche Judentum wach hält, wissenschaftlich erforscht und dokumentiert. Da wurde hauptsächlich deutsch gesprochen. Meine Umgangssprache ist deutsch geblieben.

Paffenholz: Es gibt von Ihnen nur wenige Veröffentlichungen. Woran liegt das? Haben Sie eine Scheu zu veröffentlichen?

Blumenthal-Weiss: Nein, vielleicht bin ich gar keine richtige Dichterin und habe nur so dichterische Momente. Solange ich im Leo-Baeck-Institut gearbeitet habe, war auch wenig Zeit dazu. Es gehört ja eine gewisse innere Atmosphäre dazu, um zum Schreiben zu kommen, etwas niederzuschreiben, was einen beschäftigt.

Paffenholz: Sie kommen einmal im Jahr aus den USA in den deutschen Sprachraum zurück, vor allem in die Schweiz, aber auch in die Bundesrepublik Deutschland. Wie empfinden Sie, wenn Sie nach Deutschland kommen? Könnten Sie sich vorstellen, auch hier wieder zu leben? In dem Gedicht „Deutschlandbesuch“ heißt es ja in der letzten Zeile, wohl in Anlehnung an Heinrich Heine: „Ich hatte einst ein schönes Vaterland“. Das klingt ja sehr endgültig.

Blumenthal-Weiss: Absolut. Ich komme zu meinen sehr guten Freunden, die ich in Deutschland habe, aber ich pflege zu sagen, ich fahre zu meinen Freunden, die in Deutschland leben. Ich pflege nicht zu sagen, ich fahre nach Deutschland.

Paffenholz: Ich kann verstehen, daß man – wenn man ein Schicksal hat wie Sie – versucht, einen Schlußstrich zu ziehen. Aber ich ahne andererseits in Kenntnis IhrerTexte, daß Amerika Ihnen auch nicht gerade zur Heimat geworden ist. Oder liege ich da ganz falsch?

Blumenthal-Weiss: Nein, Sie liegen nicht falsch. Sie liegen ein bißchen schief, wenn ich das sagen darf. Ich möchte es so ausdrücken: Die deutsche Sprache ist meine Heimat geblieben, Deutschland selbst habe ich ausgewischt. Ich kann es leider nicht anders sagen. Denn was ich durchgemacht habe und gesehen habe, ist unüberwindlich.

Faken und Vermutungen zur Autorin

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