Inge Müller: Wenn ich schon sterben muß

Müller-Wenn ich schon sterben muß

HACKS

Dir Lieber wär ich lieber
Wenn ich den Mund halten würde
Wo kein Mund ist
Und kein Halten
Den Alten tust du feind
Und bist älter noch als sie
Versteckst dich in den Falten.
Was weißt du
Und wie?

 

 

Nachbemerkung

aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaDu sollst, die du im Wasser weißt,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaim Aug der Fremden suchen.
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaPaul Celan

Die Forsythien auf dem Städtischen Friedhof Berlin-Pankow blühten und blühten, lockten mich irrlichternd hierhin, dorthin, halfen aber nicht, in der mir gesetzten Stunde das Grab zu finden. Das mich hätte retten können, das Findebuch, welches alle Toten des Areals in der Folge ihres Ablebens mit ihrem Verbleib vermerkt, liegt an Wochenenden unter Verschluß. Einziges Feld sichtbarer Ordnung: ein efeuhügliger Sterbekalender, den man früher das Armenfeld genannt hätte, mit seinen dicht gedrängten Plätzen und kleinen, nahezu chronologischen Steinen, zwischen denen man durch die Jahre geht – 1969, 1968, 1967, 1966 – immer wieder stockend, weil Steine fehlen oder schon überwuchert sind. Ich finde einen vom 30. Mai und einen vom 12. Juni. Aber hier, höre ich später, soll es nicht gewesen sein. Das Grab liege nicht in diesem Abzählreim, trage ein größeres Mal. Streicher hätten gespielt in der Feierhalle, viele Leute seien gekommen an jenem Junitag, von denen, nach achtzehn Jahren, lange nicht mehr alle am Leben sind. Ein Psychiater, der für Inge Müller schon 1959 keine Überlebenschance sah und es später als Wunder bezeichnete, wie lange sie es noch aushielt, folgte ihr in den Freitod.

Wer wissen möchte, was Inge Müller ertrug, dem wird wie bei Paul Celan oder dem ihr wahlverwandten Wladimir Majakowski eine bündige, weitere Fragen abschneidende Antwort nicht zu geben sein. Unlebbare Liebe, verlorene Illusionen, die schweren Schatten des Krieges. Was ich in Gesprächen mit Heiner Müller,Wolfgang Müller, Klaus und Christa Tragelehn, Richard Leising, Karl Mickel, Fritz Marquardt, Rosemarie Heise, Joachim Schreck und Hansjörg Schneider erfuhr, fügt sich nur zögernd zum Bild, dem immer Splitter fehlen werden. Zu viele Zeugnisse scheinen nicht mehr auffindbar oder sind vom Schwamm der Zeit gelöscht, der auch durch die Gehirne geht. Dem zu begegnen, will ich das mir Bekannte hier ausbreiten, nicht in der Geste des Kolporteurs, sondern in der eines Bewahrers für unser aller Gedächtnis.

lnge Müller, geborene Meyer, geschiedene Lohse, geschiedene Schwenkner wurde am 13. März 1925 in Berlin geboren. Ihre Wiege, so sie eine hatte, stand in einer Hinterhofwohnung der Neuen Bahnhofstraße am Ostkreuz, also im Berliner Osten, in dem sich das Gros jener schlesischen Zuwanderer angesiedelt hatte, die ihre väterliche Linie zogen. Die Mutter, Tochter einer preußischen Offiziersfamilie aus dem Stadtwesten, hatte in schwieriger Hinabheirat die Standesgrenze übertreten und wurde verstoßen. Elemente trotzdem eingefleischten Kastendenkens zeigten sich in ihrem eisernen Erziehungsstil. Auch verstand es sich, daß man bald vom Hof drängte und 1929 eine Neubauwohnung unweit des Bahnhofs Lichtenberg an der Grenze nach Friedrichsfelde bezog, in einem Viertel, in dem kleine Angestellte, Werkmeister und ihresgleichen wohnten. Inge fühlte sich dort unwohl und floh öfters zu ihrer proletarischen Großmutter. Der Vater war inzwischen im Ullstein-Verlag vom Boten zum Abteilungsleiter aufgestiegen. Die behütete Tochter ging zum Ballettunterricht, spielte Klavier und wußte lebenslang, wie man eine Tafel deckt, bis hin zum Fischmesser. Verinnerlichten Lineals, in vollendeter Selbstzucht, repetierte sie den ganzen Knigge, ehe sie 1942 nach Handelsschulabschluß, Kriegshilfsdienst und Erntehilfe zum „Reichsarbeitsdienst“ in die Steiermark, ins angeschlossene Österreich mußte. Der sie erwartende alternde Bauer begehrte sie mehr ins Heu als aufs Feld. 1943/44 noch Sekretärin bei den Solvay-Werken, wurde sie in den letzten Kriegswochen als Luftwaffen- oder Nachrichtenhelferin eingezogen. Als die Rote Armee sich im April 1945 von Osten und Norden nach Berlin hineinkämpfte, war Inge Meyer bei den sich links und rechts der Schönhauser Allee Haus für Haus zurückziehenden Wehrmachtsresten. Ging man mit ihr zwanzig Jahre später durch diese Straßen, geschah es, daß sie stutzte, stehenblieb und einen in den Hof zog, um zu zeigen, wo sie gelegen hatten. Einschußspuren unterstrichen ihre Worte. Mit einem schwarzen Schäferhund verschüttet und erst nach drei Tagen noch herausgeholt (ein Trauma, von dem sie sich nicht mehr erholte; man lese ihre drei Gedichte „Unterm Schutt“), grub sie wenige Tage vor Kriegsende die Eltern aus den Trümmern ihres Hauses. An der Hand der Mutter steckte ein Ring, der sich nicht abziehen ließ. Die Tochter lief nach einer Karre, die Eltern zum Massengrab an der Stelle der heutigen Sozialistengedenkstätte zu bringen. Als sie mit dem Gefährt kam, fehlte jener Ringfinger, abgeschnitten von einem Nachbarn.
Mit dem Neubeginn finden wir Inge Meyer zunächst unter den Demontagearbeitern bei Siemens Plania, dem heutigen VEB Elektrokohle Lichtenberg. Einer Panikheirat mit einem Schulfreund folgte 1946 die Geburt des Sohnes Bernd und, man war zu verschieden, die gütliche Trennung von dem aufgeschlossenen, aber nicht kulturversessenen Arbeiter. Die Volkskorrespondentin und Referentin einer vorortlichen Kulturabteilung verband sich nun einem Mann, dessen Altersvorsprung Geborgenheit versprach, während sich der Verwaltungsdirektor des Zirkus Busch gern mit der jungen Frau zeigte. Sie ging zwei Jahre mit auf Tournee und fand die Freundschaft des fahrenden Volks, dem sie Bewunderung zollte, besonders dem legendären Dompteurpaar Coldam mit seiner peitschenlos dressierten Gruppe schwarzer Panther. Impresario Schwenkner wußte gleichfalls aufzutreten und wurde einer der Direktoren des Friedrichstadtpalastes. Man wohnte nun in Lehnitz, in einer von Gefangenen für die Wachmannschaften des Konzentrationslagers Sachsenhausen gebauten Backsteinsiedlung, die jetzt Repräsentanten des neuen Staates zur Verfügung gestellt wurde, Funktionären, aber auch Schriftstellern wie Friedrich Wolf, mit dessen Frau Inge Schwenkner sich befreundete.
Als sie Anfang der fünfziger Jahre Heiner Müller kennenlernte, zog dieser mit unters Lehnitzer Dach. Es begann die Zeit intensiver Zusammenarbeit, gemeinsamer Recherchenfahrten aufs Land und ins entstehende Kombinat Schwarze Pumpe. Kinderverse traten für Inge Müller nun zurück hinter Hörspiele und Stückbearbeitungen. Lehnitz wurde zum Magneten. Tragelehn fand sich ein, Fritz Marquardt, Peter Hacks. Die neue Zeit schien ihrem Stimmbruch zu entwachsen. Preise brachten Bestätigung. Daß man 1959 nach Pankow zog, hatte seinen Grund im Besitzerwechsel des Hauses, entsprach aber auch dem Wunsch, näher an den Theatern zu sein. Jäh endete die Erfolgssträhne nach der Aufführung von Heiner Müllers „Umsiedlerin“.

Begann sich Inge Müllers psychischer Zustand bereits gegen Ende der Lehnitzer Zeit zu verschlechtern (doch hatte sie dort den See – in dem sie angelte, über den sie segelte und schwamm −, den zu bewirtschaftenden Garten, die Katzen), strebte er nun seinem Tiefpunkt zu. Die soziale Isolation, in die man geriet, die materielle Not (wiederholt erschien der Gerichtsvollzieher, weil die Miete nicht aufgebracht wurde), die Erkenntnis, Heiner Müller in der dramatischen Begabung nicht ebenbürtig zu sein, sowie die gefühlsmäßige Zerrissenheit wurden zu einer kaum tragbaren Bürde. Blieben der Alkohol und die wieder wichtig werdenden Gedichte. Auch wenn sie diese kaum jemandem zeigte, waren sie, wie Wolfgang Müller es nannte, die ausgestreckten Hände der als eine Säule im Unternehmen Heiner Müller eingebauten Frau. Vergeblich suchen wir ihren Namen auf den Teilnehmerlisten der spektakulären Leseabende der Jahre 1963/64, als eine Lyrikwelle schwappte, die Tausende in große Säle Berlins, Leipzigs und Dresdens strömen ließ. Erst im Jahr vor ihrem Tod findet sich im Almanach des Aufbau-Verlags eine größere Gruppe ihrer Gedichte, und fraglich ist, ob sie das Erscheinen der Anthologien Auswahl 66 und Endler/Mickels In diesem besseren Land noch erlebte. Selbst wenn, hat es sie nicht mehr wirklich erreicht. Schon 1959 und seit 1962 immer häufiger spielte sie sich das Lied vom Tod, wenn sie sich zurückzog mit dem geliebten Akkordeon und über Stunden bis zur Erschöpfung spielte. Die dann eintretende Stille signalisierte höchste Gefahr. Brach man die Tür auf, fand man die Spielerin mit aufgeschnittenen Pulsen in ihrem Blut; später auf der Balkonbrüstung, am 1. Juni 1966 tot von Tabletten und Gas. Haftete diesem mehrjährigen Todeskampf zuweilen etwas Demonstratives an, so handelte es sich doch um Zeichen äußerster Bedrängnis. Das Tragische ist, daß ihr wohl nicht zu helfen war.
Die Gedichte legen Zeugnis ab von diesem Ringen. Nicht die Distanz des Exils, sondern das Zentrum des chaotischen Finales, nicht Zeitungstext ausländischer Agenturen, sondern die wider Willen hingehaltene eigene Haut ist Quelle der alphaften Erfahrung. Fern dem Parkett internationaler Tribunale, auf trümmerbesätem Pfad durchquert die zufällig Übriggebliebene, wie sie sich nennt, die tödlich getroffene Stadt, in der die Waffen endlich schweigen. Die Füße tragen noch, aber der Kopf trägt an den Opfern, deren Leiden und Sterben er bezeugt. Frierende, die sich die dünnen Kleider mit aufgewirbelten Banknoten stopfen, Verwundete, für die ein in Streifen gerissenes Hemd nicht reicht, Leichenberge und einsam Gehenkte – Bilder der Apokalypse, für die einen abgerissener Schorf von eigenen Wunden, für andere dichtester Ausdruck dessen, was der Krieg war. Als müßte sie von neuem Gehen lernen, so kam sich Inge Müller vor. Und sie lernte es, unter Mühen und nie wieder richtig. Adolf Endler wies in bedeutendem Aufsatz (Sinn und Form, 2/1979) gerade auch auf diese nahezu beschwörende Vorsatzbildung hin. Aber die Gezeichnete trug zu schwer, kam nie ganz unterm Schutt hervor, auf den sich neuer häufte. Vertane Chancen, zerspellte Gefühle, bröckelnde Ideale. Das gepeinigte Gemüt ersehnte Ruhe, Befreiung aus dem auch im engeren Kreis aufschießenden Dickicht von Ellenbogen, denen sich die Karriereunwillige nicht gewachsen fühlte. Wie sie die Freunde als Lebenselixier brauchte, ging sie mit ihnen ins Gericht. Sie haben’s überlebt, während Inge Müller nun auch in ihren Gedichten die Möglichkeit ihres vorzeitigen Todes andeutete:

Mond Neumond deine Sichel
Mäht unsre Zeit wie Gras
Wir stehn aufrecht im Himmel
Auf dünnem Stundenglas.
Der Stern geht seine Wege
Wir suchen unsern Weg
Wenn ich mich niederlege
Geh über mich hinweg.

Inge Müller erkannte, daß die Durchsetzung neuer Haltungen starke Charaktere braucht, die den Mut aufbringen, ich zu sagen und sich nicht hinterm Paravent des Kollektivs verstecken. Das trug ihr zuzeiten den Vorwurf des Subjektivismus ein, schmälert aber nicht ihren tatsächlichen, bleibenden Rang. Bei keinem DDR-Autor, deren Klassiker eingeschlossen, ist, was manche ungenau die Stunde Null nennen, so eindringlich Gestalt geworden wie bei ihr. Daß sie ihre Gedichte mit ihren Gesichten bezahlte, machte „eine der schönsten Frauen, die ich je kennengelernt habe“ (Richard Leising) zum „Dotter ohne Schale“ (Hansjörg Schneider) und, wie es Rosemarie Heise in ihrem Brief formulierte, zu einem jener Menschen, „die sich gleichsam immer im Gegenwind bewegen, wohin sie sich auch wenden“.

Richard Pietraß, Nachwort, Mai 1984

Zu dieser Ausgabe

Der vorliegende Band vereinigt den wesentlichen und bei weitem überwiegenden Teil der Gedichte Inge Müllers. Er fußt auf einem bereits 1968 vorbereiteten Manuskript, dessen kompilierende Anfänge in die Jahre 1964/65 zurückreichen und das nach dem Tod der Autorin aus dem Nachlaß ergänzt wurde. In neuerlichen Nachlaßstudien wurde das Konvolut nun noch einmal um etwa dreißig Texte erweitert, ohne daß jetzt von einer Ausgabe sämtlicher Gedichte Inge Müllers gesprochen werden könnte. Einer solchen stehen sowohl technische Hindernisse wie die Ungeordnetheit und Disparatheit des Nachlasses als auch literarische Kriterien entgegen. Nicht einbezogen blieben Texte, die als mißlungen oder nicht eigenständig anzusehen sind, nicht die Notatstufe überschreiten beziehungsweise nur Splitter zu unausgeführt gebliebenen umfänglicheren Gedichten darstellen.
Die Textgestalt folgt, bis auf die seltenen Fälle von orthographischen und Maschinenschreibfehlern, den teils handschriftlich, teils maschinenschriftlich vorhandenen Vorlagen, wobei auch die sparsame, eigenwillige Interpunktion unangetastet blieb. Zusätze des Herausgebers stehen in eckigen Klammern. Existieren von einem Gedicht mehrere Fassungen, wurde versucht, die spätere herauszufinden. In den wenigen Fällen schwer entscheidbarer Varianten, von denen die Autorin keine erkennbar favorisierte, entschied der Herausgeber. Die Anordnung der zwischen 1954 und 1966, aber in ihrer Mehrzahl erst nach 1961 entstandenen und sämtlich undatiert gebliebenen Texte orientiert sich an chronologischen und Sinnzusammenhängen.
Verlag und Herausgeber danken Heiner Müller für die Unterstützung und großzügige Einsicht in den Nachlaß, Barbara Köppe für das im Frontispiz abgebildete Foto aus dem Jahre 1965 sowie den bereits in der Nachbemerkung Genannten für ihre Auskünfte.

Richard Pietraß

Ich habe die Gedichte,

die in diesem Band abgedruckt sind, mehr als einmal gelesen; manche waren mir fremd, einige ärgerlich, verstanden habe ich viele erst nach dem freiwilligen Tod der Frau, die sie geschrieben hat in dreizehn Jahren neben mir. Brecht erzählt von dem nicht zu vergessenden Blick eines Arbeiters, veranlaßt durch seinen, Brechts, Einwand gegen einen Änderungsvorschlag: das würde die Form sprengen. Mit solchem Blick auf die Ästhetik sind die Gedichte von Inge Müller geschrieben. Literatur, wenn sie gezählt werden will, muß diesen Blick aushalten, spätestens seit 1917. Die Texte von Inge Müller, Dokumente eines tapferen Lebens, gegen das ihr Tod nichts beweist, haben diese Qualität.

Heiner Müller 1968

Um 1963/64 ist für Inge Müller endgültig das Jetztmorgengestern

angebrochen, und sie ist wieder die Frau unterm Schutt – man möchte beinahe sagen: buchstäblich; und man wagt es und sagt es. Diese Lyrik, wie stockend und dann wieder gehetzt, die Stockung überrennend gesprochen, diese Worte wie kurz vorm Ersticken – wahrlich, so spricht man unter Trümmern, jetzt geizig mit seinem Atem (der mit dem Mysterium des Rhythmus korrespondieren soll), jetzt atemlos, weil es bald zu spät sein könnte für Worte. Keine Ausflucht wird einem gelassen, will es mir scheinen, von diesen Versen: Inge Müller war eine Verschüttete, als sie „Unterm Schutt“ schrieb. Eines ist sicher: Wenn das zur Mode gewordene Lobwort von der „Authentizität“ einer Poesie Sinn hat, dann in diesem so nicht vorher und nicht nachher bei uns eingetretenen literarischen Fall.

Adolf Endler, 1979

Die zufällig Übriggebliebene

Begonnen hat sie mit Kinderbüchern, Jugendbüchern und mit Hörspielen. Die Bücher wurden gedruckt, die Hörspiele gesendet. Doch als Autorin war Inge Müller kaum ein Begriff. Man kannte sie als die zweite Ehefrau von Heiner Müller, mit dem sie gemeinsam Die Korrektur, Der Lohndrücker und die Klettwitzer Berichte geschrieben hatte. Sie notierte, was ihr die Leute erzählten, sie sprach mit ihnen, er fiktionalisierte. Ihre ersten lyrischen Versuche fallen in die frühen fünfziger Jahre.
1985 erschien ihr erster und einziger Gedichtband. Wenn ich schon sterben muß – so der Titel des Buches, doch Inge Müller hatte damals das Sterben schon hinter sich: eine Überdosis Tabletten und dazu noch Gas. Sie wollte auf Nummer Sicher gehen, einige Versuche waren bereits gescheitert. 1985 – knapp zwanzig Jahre nach ihrem Tod – beurteilte man ihre Gedichte neu. Wolfgang Emmerich, DDR-Literaturexperte, zählt sie neben Günter Kunert zu den wenigen bedeutenden DDR-Lyrikern vor 1960. Richard Pietraß, ebenfalls Lyriker und Herausgeber von Wenn ich schon sterben muß, reiht sie vor die DDR-Klassiker: „Bei keinem DDR-Autor, deren Klassiker eingeschlossen, ist, was manche ungenau die Stunde Null nennen, so eindringlich Gestalt geworden wie bei ihr.“
Genau diese eindringliche Gestaltung der Stunde Null brachte sie um die verdiente Anerkennung. Während andere Lyriker Ende der fünfziger und zu Beginn der sechziger Jahre vorwärts stürmten, euphorisch den Aufbau der jungen DDR vorantrieben und „Fortschritt und Vergessen“ riefen, drehte sie sich immer wieder um, sah den Krieg, die Zerstörung, den Tod und schrieb darüber – für die Ulbricht-Zeit eine maßlose Provokation. „45 war jeder ein Greis“, schrieb sie. Viele ihrer Texte sind mit 1945 überschrieben: „Exekution 45“, „Soldaten 45“, „Trümmer 45“, „Heimweg 45“, „Liebe 45“. Die Gedichte sind spröde. Ihre Sprache ist kunstlos, karg. Die Literaturwissenschaft spricht von einem „Verismus“ ohne Metaphern. Zunächst verwendete sie noch häufig Vers- und Reimformen:

Meine Mutter wollt mich nicht haben
Sie wollte einen Sohn
Und da kam ich schon
Und mein Bruder war noch nicht begraben.

Viele ihrer frühen Gedichte erinnern an Abzählreime und Kinderverse:

Sie hatten kein Haus
Sie hatten kein Bett
Sie liebten sich draußen vorm Tor
Hinter ihnen die Stadt starb den Bombentod
Rot überm Rauch kam der Mond hervor.

Die Sprache ihrer späteren Gedichte klingt automatisiert, mechanisch. Nicht zuletzt durch diese Sprache werden statt des Intellekts die Nerven anvisiert.
Am 13. März 1925 wurde sie als Inge Meyer geboren, Tochter eines schlesischen Zuwanderers und einer preußischen Offizierstochter – Genauigkeit und Ordnung sagte man der Tochter Zeit ihres Lebens nach. 1942 beendete sie die Handelsschule, 1943/44 war sie Sekretärin, bis sie zum Kriegshilfsdienst eingezogen wurde. Den „Reichsarbeitsdienst“ versah sie in der Steiermark als Erntehelferin. Wieder in Berlin war sie wenige Tage vor Kriegsende für drei Tage gemeinsam mit einem Hund verschüttet. Drei Gedichte mit dem Titel „Unterm Schutt“ berichten von ihrem lebenslänglichen Trauma:

UNTERM SCHUTT III

Als ich Wasser holte fiel ein Haus auf mich
Wir haben das Haus getragen
Der vergessene Hund und ich
Fragt mich nicht wie
Ich erinnere mich nicht
Fragt den Hund wie.

Kurze Zeit darauf holte sie die Leichen ihrer Eltern aus den Trümmern. Als sie eine Karre holte, um die Eltern zu einem Massengrab zu bringen, schnitt jemand in der Zwischenzeit der toten Mutter den Ringfinger ab. An dem Finger hatte noch der Ehering gesteckt. Nach dem Krieg arbeitete Inge Meyer bei Siemens. Sie heiratete einen Schulfreund namens Lohse. 1946 bekam sie einen Sohn. Kurze Zeit darauf trennte sie sich von ihrem Mann, um wenig später den nächsten zu heiraten. Es war der Verwaltungsdirektor Schwenkner des Zirkus Busch. Mit ihm zog sie nach Lehnitz, nordwestlich von Berlin, in jene Siedlung, die von Insassen des Konzentrationslagers Sachsenhausen für das Wachpersonal gebaut worden war und die man nach dem Krieg den Repräsentanten und Funktionären des neuen Staates zur Verfügung stellte. Friedrich Wolf lebte dort sowie seine Frau, mit der Inge Schwenkner sich anfreundete. 1953 lernte sie im Schriftstellerverband Heiner Müller kennen.
„Der eigentliche Anfang unserer Beziehung war, daß wir in eine Kneipe in der Zetkinstraße gingen, sie hatte eine grüne, gestreifte Bluse an, der oberste Knopf dieser schönen, teuren Bluse war auf, sie erzählte von zu Hause, und ich erfuhr, daß sie zu den oberen Zehntausend gehörte, und ich weiß noch diesen Moment, als meine proletarische Gier auf die Oberschicht sich regte“, erinnert sich Heiner Müller in seiner Autobiographie Krieg ohne Schlacht. Ein Jahr später heirateten sie, er zog nach Lehnitz, wohnte mit ihr und ihrem Exmann Schwenkner unter einem Dach. Es begann eine intensive Zusammenarbeit, sie schrieben gemeinsam an ihren Stücken. Daß Inge Müller Coautorin war, hat Heiner Müller allerdings später in seiner Autobiographie bestritten. Bei „Die Korrektur“ hätte er sie nicht als Mitautorin nennen sollen, „denn es entsprach nicht den Tatsachen“. Auch bei seinem ersten großen Stück, „Der Lohndrücker“, erschien Inge Müller als Mitautorin, aber auch hier behauptet er: „Geschrieben habe ich es allein…“ 1959 verlieh die Akademie der Künste ihr und Heiner Müller den Heinrich-Mann-Preis. Im selben Jahr noch zogen sie nach Berlin-Pankow. Dort begann die finanzielle Not: Sie wurden öfter gepfändet, weil das Geld für die Miete fehlte. Es war auch der Anfang von Inge Müllers Isolation, von ihren ersten Schüben von Traurigkeit, die in Depressionen übergingen. Alkohol spielte eine zunehmend größere Rolle. Es folgten mehrere Selbstmordversuche. Die meisten Gedichte entstanden in dieser Pankower Zeit neben Heiner Müller.
Als Stephan Hermlin im Dezember 1962 in der Akademie der Künste Lyriklesungen veranstaltete und damit eine öffentliche Debatte über Lyrik auslöste, sprach man von der eigentlichen Geburtsstunde der DDR-Lyrik, die sich von der Nachkriegslyrik verabschiedete. Um diese Zeit erschienen die bekannten Lyrikanthologien Bekanntschaft mit uns selbst, Sonnenpferde und Astronauten, man diskutierte über die Funktion der Lyrik in der realsozialistischen Gesellschaft. Auf den Teilnehmerlisten der folgenden spektakulären Leseabende 1963/64 fehlt der Name Inge Müller. Es war bereits zu spät für die im Krieg Hängengebliebene, gefragt war die Lyrik der Jüngeren, der damals Zwanzig- bis Dreißigjährigen.
Ihre Gedichte dürften zu dem Zeitpunkt kaum bekannt gewesen sein. Sie schrieb nahezu heimlich, selbst gute Freunde wußten kaum etwas von ihren Texten. Die meisten Gedichte sind zwischen 1954 und 1966 entstanden und der Großteil nach 1961. 1965 erschien im Almanach des Aufbau Verlags, Neue Texte, die ersten Gedichte von ihr, ein Jahr später, kurz vor ihrem Tod in der Küche unterm Gasherd, in der von Karl Mickel und Adolf Endler herausgegebenen Anthologie In diesem besseren Land weitere. Erst nach ihrem Tod folgten eigene Buchveröffentlichungen. Nun brachen Nachgeborene, Autorinnen, die eine Generation jünger sind als Inge Müller, das Schweigen über sie. Sie bezogen sich auf ihr Leben, auf ihre Gedichte, und sie widmeten ihr eigene Texte wie beispielsweise Kerstin Hensel oder Katja Lange-Müller.
Als dann posthum 1985 der Gedichtband Wenn ich schon sterben muß im Aufbau Verlag erschien – ein Jahr später folgte die Ausgabe im Luchterhand Verlag −, fand er große Beachtung. Am 13. März wäre Inge Müller siebzig Jahre alt geworden.

Carmen Unterholzer, Die Zeit, November 1995

Inge Müller: Wenn ich schon sterben muß

Die Gedichte der Inge Müller, die auch als Mitarbeiterin an mehreren Stücken ihres Mannes Heiner Müller hervorgetreten ist, hat der Ostberliner Lyriker Richard Pietraß jetzt in einer Ausgabe vorgelegt, die vermutlich als definitiv anzusehen ist. Der über 100 Seiten starke Band ordnet die Texte nach chronologischen und Sinnzusammenhängen. Dabei tritt als vorzügliches Grundthema das Jahr 1945 hervor: der zu Ende gehende, sinnlose Krieg, die Trümmerzeit, der schwierige Neuanfang, das Problem, in einer solchen Zeit jung zu sein:

Ich sah die Welt in Trümmern
Noch hatte ich nichts von der Welt gesehn
Ich sah den Tod und die Gewalt
Noch eh ich jung war, war ich alt
Und wußte, ohne zu verstehn.

Das sind lakonische Verse, die sich noch stark an die traditionelle Diktion anlehnen; sehr bald wird Inge Müller zu selbständigerer Ausdrucksweise finden. Doch anrührend ist die Verknappung, die sich in dieser Lyriksprache bemerkbar macht. „Noch hatte ich nichts von der Welt gesehn“, das ist ein wörtlich aufzufassender Erfahrungsstand, dem auch die Versform Ausdruck gibt.
Inge Müller begann mit Moritaten und Strophenliedern; Anknüpfungen an Brecht und ans Volkslied sind deutlich; doch bald geht sie auch zum freien Vers der modernen Poesie (etwa Majakowskis) über, zu einem Zeitpunkt, da in West wie in Ost noch der Traditionalismus die deutsche Lyrik dominierte. Der erste Text des Zyklus „Unterm Schutt“ (Inge Müller war tagelang verschüttet) lautet:

Unterm Gebell der Eisenrohre schlief ich
Schon im Griff der Erde
Das Kind Moses im Kästchen treibend
Zwischen Schilf und Brandung
Und wachte auf als irgendwo im Herz der Kontinente
Rauch aufstieg aus offenem Meer
Heißer als tausend Sonnen
Kälter als Marmorherz.
Auf sechzehn Füßen ging ich in die Mitte genommen
Den ersten Schritt gegen den Staub.

Die Verletzungen, vermutlich muß man sagen: Traumatisierungen Inge Müllers waren so stark, daß ihr Schreiben nicht dagegen aufkam. Selbst die Rettung aus dem Schutt bleibt da ein fragwürdiges Unternehmen: sie hatte die Verschüttung auch als Rückkehr in den Mutterleib erlebt, die Befreiung ist auch eine Ausstoßung, zumal da die Erinnerung durchkommt, daß die Mutter sie nicht haben wollte:

Meine Mutter wollte mich nicht haben
Ich wollte die Mutter nicht
Drum hab ich kein Gesicht
Bis sie mich begraben.

Heiner Müller hat ihre Texte „Dokumente eines tapferen Lebens“ genannt, „gegen das ihr Tod nichts beweist“. Inge Müller fühlte sich getrieben, und die Textarbeit vermochte nicht, ihr einen Halt zu geben:

Schreiben wollt ich
Farben finden
Worte verstehn
Lieben
Sehn
Weitergehn.
Wer
Ist hinter mir her?

Ähnlich geht es mit den Freunden, die sich zahlreich in der Wohnung in Lehnitz oder später in Pankow einfanden. Inge Müller war sehr auf sie angewiesen und verprellte sie auch immer wieder; sie gehörte zu jenen Menschen, zitiert Pietraß ein Schreiben von Rosemarie Heise, „die sich gleichsam immer im Gegenwind bewegen, wohin sie sich auch wenden“. Das Gedicht „Freunde“ nimmt jenen beiläufigen Gestus auf, der verdecken muß, wie hundeelend sich das lyrische Ich fühlt; doch deutlich klingen die existentielle Angewiesenheit und Bedrohtheit mit hinein:

FREUNDE

Im Zimmer geblieben
Ist der Tabaksrauch
Ihr geht, gern ging ich auch
Und wenns zum Fenster wär
Die Gardine zur Seite schieben
Im Schnee unterm Wind beugt sich ein Strauch
Das Eis am Fenster schluckt mein Hauch
Ich seh eure Schatten wandern
Einer vor über in dem andern
Die Wände um mich geben keinen Ton
Wo sind eure Stimmen? Kein Echo? Schon
Ist alles leer, ich find nicht was ich hab
Und geh und wasche für morgen
Die Teetassen ab.

Daß Inge Müller sich schließlich keinen Rat und keinen Weg mehr wußte und 1966, mit 41 Jahren, den Freitod wählte, wirkt von ihrem Werk her fast konsequent. Das Gedicht „Frau am Pranger“ hat als zentrale Zeile den Vers „Ich wollte wir wärn nicht so“. Ein Majakowski gewidmetes Gedicht beruft „ein Wirrwarr Freund und Feind“ und das Schweigen, zu dem auch Majakowski fand. Der Herausgeber Pietraß spielt auf Kleists letzten Brief an, wenn er es als Tragik deutet, „daß ihr wohl nicht zu helfen war“. Ihre Gedichte sind von diesem Lebensstoff nicht zu trennen, ohne daß wir sie deshalb nur als Dokumente lesen sollten. Inge Müllers anrührende Texte werden heute, da „vertane Chancen, zerspellte Gefühle, bröckelnde Ideale“ nicht nur als Fehler angerechnet werden, wieder verstehensbereiten Lesern begegnen. Und gewiß als Literatur angenommen werden.

ICH HAB SIE GESEHN: MENSCHEN
Ohne Gott. Ausgeliefert
Und still.
Sein werd ich nicht mehr.
Es ist viel
Wenn sie sich erinnern.
Und keine Literatur.

Alexander von Bormann, Deutsche Bücher, Heft 2, 1986

Zertrümmern von Sprachhülsen

„Da steh ich Tochter von Preußen / Auf Knochenbergen und Staub“, schrieb Inge Müller in einem Gedicht, und in einem anderen spricht sie von der „Wahrheit leise und unerträglich“. Keine Lyrikerin hat sich wie sie der historischen Wahrheit nach 1945 so gestellt – nicht von außen, sondern ganz von innen heraus, als Betroffene. Inge Müller verdrängte nicht, konnte oder wollte keine Distanz schaffen. Das mußte ausgehalten werden, und sie hielt es nicht aus. Die Tragik ihres Todes als menschliche Größe? Gedichte von ähnlich moralischer Intensität fand ich sonst nur bei Ingeborg Bachmann. Diese aber hatte die überschauende Sicht des Künstlers, der die Diagnose über die Nation stellt, sich selbst aber ausnimmt. „Zu handeln ist nicht Sache der Piloten“, verkündete die Bachmann in ihrem Gedicht „Nachtflug“. Inge Müller dagegen flog nicht, sie stand: auf jenen Knochenbergen, die der zweite Weltkrieg hinterlassen hatte. Wer etwas wissen will über das Fühlen der überlebenden Durchschnittsdeutschen jüngerer Generation in jener Zeit, lese Inge Müllers Gedichte. In ihnen spricht eine Betroffene, die keinen Trennungsstrich zwischen der eigenen Existenz und der der anderen zieht. „Nein / Ich weiß auch nicht mehr als ihr“, sagt Inge Müller in „Soldaten 45“. Die Gedichte zeichnen das erschreckend „Normale“ menschlicher Beziehungen auf, stellen die Wertung des „Normalen“ in Frage: Hungrige zerschneiden ein noch lebendes Pferd („Fallada 45“). Gut und Böse sind nicht mehr deutlich voneinander getrennt: Der Mensch wird im Chaos zum Tier. Ein Endpunkt und ein Maßstab: das Verhalten des Menschen zum Tier als Spiegel zwischenmenschlichen Verhaltens. Die Eigenschaften Gut und Schlecht erscheinen in „Der verlorene Sohn (1941)“ in ihrer grotesken Verzerrung. Die Frage nach den moralischen Maßstäben stellt Inge Müller auch in der Nachdichtung „Reinen Herzens“ (nach Attila József) eindringlich. Die Gedichte legen Widersprüche bloß, indem sie Wertungen auf beunruhigende Weise brechen: „Er war ein Deserteur / (Wer ist mehr?)“. Die Schuldigen, die zu Klägern werden („Exekution 45“), der Denunziant, der tötet, stiehlt und letztlich überlebt („Der verlorene Sohn [1941]“) – Inge Müller hat sie am „Gesicht“ des Menschen gemessen:

Kopflos
Verhöhnten sie den Zug der Gefangenen.
Ihr tieferes Gefängnis trugen sie wie die Schnecke
Ihr Kalkhaus
Sie suchten nicht heraus
Sie ertrugen es

Und traten
Sich selber ins Gesicht.

Die Metapher vom Gesicht des Menschen enthält im Negativ den humanistischen Entwurf. Das Gesicht des einzelnen als „Unser Gesicht“, als „die Wahrheit leise und unerträglich“.
Bei einem Publikum, das an die große Geste gewöhnt war, fand Inge Müller selbst in den sechziger Jahren schwerlich Gehör. Zudem hatte sie das Kriegsthema nicht „bewältigt“, benutzte keine der Abstand schaffenden Methoden, die Adolf Endler in seinem Aufsatz „Fragt mich nicht wie. Zur Lyrik Inge Müllers“ (1979) beschrieben hat: weder das historische Gleichnis noch das vermittelnde Bildungserlebnis. Aber disponierte sie sich – wie Endler schreibt – dafür, sich vom Stoff geradezu überfallen und „überwältigen“ zu lassen? Wie ein Hohn mutet der Hinweis an, ein Freund habe das „als die besonders frauliche Komponente ihrer Lyrik empfunden“. Der Stoff ihrer Gedichte kam doch nicht von außen an sie heran, wie etwas, das sie überfallen konnte – er kam ganz aus ihr selbst, aus den seelischen Erschütterungen der Kriegserlebnisse. Deren Wirkungen sind bis in die Strukturen der Gedichte nachzuweisen. Schlüssel zum Verständnis sind die Gedichte „Unterm Schutt“, vor allem „Unterm Schutt II“. Hat nicht das lyrische Paradoxon, das Inge Müllers Texte durchzieht, seinen Ursprung in jener paradoxen Ich-Reaktion auf die nicht faßbare Katastrophe:

Und dann fiel auf einmal der Himmel um
Ich lachte und war blind

Dieselbe paradoxe Reaktionsweise angesichts des Todes kehrt später noch einmal in „Nur der Himmel ist derselbe“ wieder. Hinzu kommt das alles erschütternde Grunderlebnis der Auflösung der gewohnten Dimensionen von Raum und Zeit:

Bilder ringsum
Kein Boden kein Dach
Was ist – verschwunden
Ich bin eh ich war
Ein Atemzug Stunden.

Aus dieser chaotischen Verkehrung der Dimensionen, die Inge Müller durchlebte und durchlitt, entwickelte sie später – bewußt oder unbewußt – eine poetische Verfahrensweise. Das lyrische Paradoxon, am deutlichsten vielleicht in „Baal zieht die Schuhe aus / Trägt die Füße in der Hand / Katze läuft vor der Maus / Blut wäscht die Wand.“ Ingeborg Bachmann sagte es so: „Das Unerhörte / ist alltäglich geworden.“ („Alle Tage“). Inge Müller versuchte immer wieder, dieses verkehrte Alltägliche sichtbar zu machen; „Außen wird innen“ („Nach Wolke in Hosen“), „Das Außen ist das Innen“ („Sartre“), der Tod erscheint als positiver Besitz („Arroganz“), Gewinn von Leben durch das erneute Erleiden von Schmerzen („Ein Augenblick“). Paradoxes signalisiert nicht nur eine Welt, die aus den Fugen ist, aus ihm wird eine positive Haltung entwickelt: das Paradoxe als einzig mögliche Form wahren Lebens – wie in „Die Unauffälligen“:

Die stolperten weil sie den Weg sahn
Die stotterten weil sie die Sprache verstanden
Die fielen weil sie aufstanden…

Inge Müller selbst gehörte zu jenen „Unauffälligen“. Sie hat nur ein schmales Werk hinterlassen, doch sind die Gedichte Zeugnis einer unerhört tapferen Haltung. „Im Sterben / Planen sie / Das Leben“, schrieb Inge Müller über „Die Unauffälligen“. Wieviel Kraft hat diese Frau trotz der schlimmen Erfahrungen entwickelt, die in ihr bis zu ihrem Tode weiterwirkten: das Bewußtsein, ein ungewolltes Kind zu sein („Meine Mutter wollt mich nicht haben“), die Zerstörung der ersten Liebe durch den Krieg, die Vernichtung der Familie und des Elternhauses, das dreitägige Lebendig-Begrabensein unter den Trümmern eines Hauses, die Erlebnisse des Kriegsendes („Ich sah den Tod und die Gewalt / Noch eh ich jung war, war ich alt“), die Zerrissenheit der Liebe, die enttäuschten Erwartungen. Dagegen der Kampf eines selbst in größter Not und Lebensangst human und mutig handelnden Ichs, das den hungernden Fremdarbeitern unter Lebensgefahr ein Brot über den Lagerzaun wirft! („Fremdarbeiterbaracken“), das sich um Blutende und Sterbende kümmert („Frage“), das dem anderen die „Ketten abnehmen“ möchte („Wer gibt dir ein Recht den Stummen zu spielen“). Selbst eine Gequälte; will sie dem geliebten Menschen die Last abtragen, die ihn quält („Liebe“), bleibt sie bei dem, der um sein Leben nach ihr ruft („Ein Augenblick“), will sie dem anderen freund sein, einfach so („Frau am Pranger“). Selbst wenn für diese Gedichte ein fiktives Ich angenommen werden kann (wofür auch die irrealen Handlungen in „Frau am Pranger“ sprechen), so werden hier doch Haltungen vorgeführt, die in der moralischen Integrität der Autorin selbst ihren Ursprung haben. Schmerzlich empfindet sie das Weiterwirken einer von Geld und Besitz dirigierten Moral („Im Haus Nummer neun in der Pappelallee“) oder das Karrieredenken („Arroganz“). Die klaren Worte „Die Füße auf dem Nebenmann / Ekeln mich an“ sind unverfremdete Ich-Aussagen der Verfasserin.
Sind die Absagen an Maskenträger („Masken“) oder an „die Stumpfen, Verlumpten, Schrecklichen“ („Ode gegen die Einsamkeit“), an „Armut, Keuschheit und Gehorsam“ („Klausur Selbstkasteiung“) ureigene Bekenntnisse Inge Müllers, so sind es doch exemplarische Haltungen, die vorgeführt werden. Die Verneinungen sind Absagen an Typen, deren schlimmste Verkörperung in dem Begriff Auschwitz gipfelt. Von hier aus macht sich für Inge Müller der Neuansatz unabdingbar: „Die alte Scham ist falsche Scham“ („Liebe nach Auschwitz“). Maßstab wird das humane Tun, die zwischenmenschliche Aktion bei Zurückstellung der eigenen Person. Es ist offensichtlich, daß Inge Müller jene Haltungen schließlich weitgehend nur bei den toten Freunden sah, bei Schriftstellern oder antifaschistischen Widerstandskämpfern wie „Schlosserkarl“, deren Tapferkeit sie in dem Gedicht „Im Jahre 33 auf der Straße“ vorführt. (Dieses exemplarische Vorführen von Haltungen hat zweifellos etwas Brechtsches.) Von hier aus gewinnt Inge Müller ihren Anspruch nicht nur an menschliches Verhalten überhaupt, sondern auch an die Arbeit des Schriftstellers. Dessen Tun ist für sie Maßstab seiner Arbeit. „Ihre Aufgabe: die Macht zu analysieren / Haben viele aufgegeben“, stellt sie in ihrem Gedicht „Freundschaft“ rigoristisch fest. Auch in anderen Gedichten („Wer gibt dir ein Recht den Stummen zu spielen“, „Dichter 64 II“) setzt sie sich mit den Freunden auseinander, formuliert sie bittere Vorwürfe.
Inge Müllers Gedichte sind auf den ersten Blick einfach geschrieben; die Satzform dominiert: die einfache Aussage und die Frage. Sie erweisen sich jedoch bei näherem Hinsehen als kunstvoll gearbeitete Gebilde. Auf die „arbeitende Mechanik des Textes“, auf das „Gedicht als Zeitmaschine“ und auf die „Spannungsfelder heftig, ja, oft hektisch gegeneinander arbeitender Gesten“ hat Endler in seinem Aufsatz hingewiesen. Unbeachtet blieb bisher Inge Müllers eingangs beschriebener Umgang mit dem Paradoxen. Desgleichen ist nicht untersucht, auf welche Weise Inge Müller sprachliche Versatzstücke in ihre Texte einbezog, zum Beispiel Schlager- und Songtexte mit einem bestimmten Zeitkolorit („Das ist unsre Welt“ in „Meine Mutter wollt mich nicht haben“), Schlagworte der Politik (Freiheit und democracy“ in „Europa“ und „Es wurd gefragt: Habt ihr ein Herz“). Diese und andere sprachlichen Wendungen werden im Kontext als sinnentleerte Formeln entlarvt und als solche ausgestellt. Die Sprachhülsen werden durch die dagegengesetzte Wirklichkeitserfahrung zertrümmert. Die Autorin dringt in Gedichten wie „Wir“ bis in die Terminologie des Faschismus vor. Das scheinbar geringfügige Vertauschen von Worten und das Kombinieren von Begriffen decken mit Schärfe die ideologischen Sachverhalte auf. Das Unvereinbare steht nebeneinander als harter Widerspruch. Die Sprache Inge Müllers ist so gearbeitet, daß sie im Leser weiterwirkt, weil der Widerspruch nicht zu ertragen ist. Inge Müller setzt Sprichwörter und Redensarten ein („Gegen Stein und Bein / Mein und dein“ in „Bilanz“), zitiert Literatur, auch die Klassiker, wo sie zur Floskel verschlissen sind („Stirb und werde“ in „Ringelnatz“). Sie klopft Redensarten nach den Haltungen ab, die sich in ihnen manifestieren, untersucht ihre Brauchbarkeit für menschenwürdiges Leben und Verhalten („Streck ich mich nach der Decke“). Der Kontext deckt die Oberflächen solcher Versatzstücke auf, trägt die Bedeutungen Schicht für Schicht ab, so daß der bittere Kern plötzlich zum Vorschein kommt, wie beim Kindermund: „Seht euch nicht um, der Plumpsack geht um.“ „Tot ist stumm“ dichtet Inge Müller weiter in diesem Liebesgedicht, das Majakowski meint, die Welt und das Ich. Kinderspiel, Tod und Krieg sind in eins verdichtet. Das Thema Liebe geht nicht nur in „Liebe nach Auschwitz“ in die großen gesellschaftlichen Fragestellungen ein. Der Fragegestus – oftmals ohne das übliche Fragezeichen als solcher gekennzeichnet… bestimmt weitgehend die unruhige Struktur der Gedichte:

Liebe
Bleibst du
oder wirst du entweichen
Was ist dein Zeichen

Was wird bleiben, was wird reichen.

(„Nach Wolke in Hosen“).

Vielfach verzichtet die Autorin auch auf andere Satzzeichen. Es war richtig, daß, der Herausgeber die „sparsame, eigenwillige“ Interpunktion nicht durch Korrekturen verfälscht hat. So bleiben das Schwebende, die Ungewißheit Inge Müllers deutlich, die die Fragen nachdenklich stellt. Keine Gewißheit außer der der Vergänglichkeit und des Todes:

Da hängt ein Luftballon im Raum
Wie lang wird er da hängen
Die Schnur aus Draht hält ihn im Raum
Der Wind wird ihn wegdrängen.

(„Liebe II“).

Die Gedichte halten oftmals Momente unabgeschlossener psychischer wie gesellschaftlicher Prozesse fest – ungelöste Problemkonstellationen. Wo war da ein Punkt zu setzen, Zeichen des Endgültigen, wo ein Komma, das durch allzu feste Zuordnung oder Abgrenzung die Umwertung der Gesten im Mit- und Gegeneinander der Wortbedeutungen verwischte? Denn hier ist oft beides gemeint: das Ich und die Nation, die Liebe und der Aufbau einer neuen Gesellschaft, der einzelne Mensch und die Welt. Die Haltung Inge Müllers aber, die aus den Gedichten spricht, ist, ganz deutlich. Sie baut trotz der Vorwegnahme und der Gewißheit des eigenen Todes auf Hoffnung und Solidarität:

Auf sechzehn Füßen ging ich in die Mitte genommen
Den ersten Schritt gegen den Staub.

(„Unterm Schutt I“)

Diese Lyrik zielt auf Veränderung von Bewußtsein, auf das Aufrütteln des Gewissens, auf menschliches und politisches Verantwortlich sein. Inge Müllers Schreiben war Kampf gegen Tod und Völkermord. Die Texte sind mit innerer Notwendigkeit, Kompromißlosigkeit und Leidenschaft geschrieben, die aus den Erfahrungen des Krieges wuchsen. Sie sind keine bloßen Mahnungen oder Erinnerungen, sondern thematisieren vergangenes und gegenwärtiges Weltgeschehen. In einem Vietnamgedicht heißt es:

Reiß den neben dir
Aus dem tödlichen Schlaf: Es ist nicht Vietnam
Hörst du
Es ist nicht Vietnam!

Die Subjektivität der Gedichte ist von einer starken Ausstrahlungskraft: denkend, fragend, suchend, willensstark, tapfer, kämpfend, aktivierend – ein Gewissen gegenüber der Welt, das seine Angst nicht verleugnet, das bodenlos traurig sein kann – selbst in der Fröhlichkeit. Die Tragikomik des Clowns ist ihr deshalb nicht fremd. Inge Müller zitiert sie analog zu den Redensarten und sprachlichen Fertigteilen: „Ach du lieber Augustin / Wie fröhlich ich bin“ („Liebe“); „Du wirst dich bald wie ein Eichhörnchen drehn / Im Rotor des Lachens“ („Majakowski“), „Es ist so einfach: Politik plus Sex / Und lustig / An Drähten zu hängen“ („Denken will ich nicht mehr. [„Was ist Denken?“]“); „Und dann sag ich: Hoppla / Sonst geht er nicht, der Fuß“ („Mein Fuß“). Das zuletzt erwähnte Gedicht trägt Merkmale des Absurden: Das Ich steht quasi neben sich selbst oder: der Geist schaut dem Körper beim Gehen zu. Der Vorgang des Gehens beziehungsweise Laufens ist in den Gedichten Inge Müllers ein Motiv, das sich über mehrere Texte entfaltet. Das Gedicht „Mein Fuß“ markiert einen Punkt in der Entwicklung Inge Müllers, an dem das Laufen für sie nicht mehr selbstverständlich war, an dem das Fuß-vor-Fuß-Setzen eine tägliche Anstrengung wurde, bei der sie „Fuß vor Fuß ins Leere nebenan“ setzte: „So das Nichts fest unter den Füßen“ – wie sie in dem Gedicht „Die Länder eh sie noch genannt sind“ formulierte.
Gehen/Laufen steht in etlichen Gedichten als Synonym für Leben, so in „33 war ich ein gläubiges Kind“, „Fremdarbeiterbaracken“, „Lebenslauf“, „Unterm Schutt I“, „Der schwarze Wagen“, „1945“, „Frage“, „Ein Augenblick“, „Gehn“, „Bergsteigen“ und „Jetzt“. Das Motiv wird aus frühen Kindheitserlebnissen und aus Faschismuserfahrungen heraus entwickelt: Laufen als Flucht aus bedrohlich und fremd empfundenen Verhältnissen („Aufgezogen wurde ich in Abrahams Schoß“), Laufen als lebensrettende Flucht („Fremdarbeiterbaracken“). 1945 dann die Zäsur: Laufen bleibt zwar Synonym für Leben, aber das Ziel des Laufens tritt in den Vordergrund, die Suche nach dem Grund. Das „Laufen ohne Rast“, die gehetzte Motorik aber bleibt als bestimmende Komponente, als weiterwirkende Grunderfahrung auch in den späteren Gedichten anwesend:

Schreiben wollt ich
Farben finden
Worte verstehn
Lieben
Sehn
Weitergehn

Wer
Ist hinter mir her?

In diesem Gedicht „Frage“ formuliert Inge Müller einerseits ihre neue Position, ihren neu gewonnenen Lebensvorsatz nach 1945, andererseits macht sie auf die unbewältigten und damit weiterwirkenden Faschismus- und Kriegserfahrungen aufmerksam, für die sie die Metapher „Wunde“ fand.
„Die Welt muß laufen / Ins Ziel. Wohin?“ fragt sie in „Bergsteigen“. Das Seil der Bergsteiger, an dem das „Wunder“ Leben hängt, gebraucht sie als Metapher, wie an anderer Stelle die Schnur, den Draht oder den Faden. Diese Metapher ist ebenso von zentraler Bedeutung in den Gedichten. Inge Müllers wie das Motiv des Laufens. Kein Bild macht die Situation der Überlebenden 1945 besser nachempfind bar als diese Metapher:

dünner Faden gedreht aus Menschenhaut der sang
Und Hoffnung hieß und Brot und morgen weiterleben.

Ein Lebensgefühl und eine historische Situation sind hier zu einer einzigen Metapher verdichtet.
Die Schnurmetapher korrespondiert mit dem Motiv des Laufens, aber auch mit dem des Wollens, „Ich häng wie ihr an irgendeiner Schnur. / Das mühe ich mich aufzuheben“, schrieb sie in „Als hätten wir nicht alle Wunden“. Die Metapher der Schnur – als Lebensfaden, aber auch als Behinderung des Menschen verstanden, als Zwang, der der freien Entfaltung, dem Wollen des Menschen entgegensteht. Ein Widerspruch zwischen Wollen und Müssen bricht schon früh in Inge Müllers Biographie auf: Da ist im Alter von vier Jahren die Flucht aus einem Leben, das ihr „zwei Nummern zu groß“ ist und das sie nicht will („Aufgezogen wurde ich in Abrahams Schoß“), da ist der Triumph des Willens über den Tod („Unterm Schutt II“). Über die Willensanstrengung des Ich hinaus gibt es auch ein Wollen des Wir. „Wann wird was wir wolln gewollt?“ – das ist das Wollen der Liebenden, das an den gesellschaftlichen Umständen – dem Krieg – scheitert („Rendezvous 44“). Desgleichen der Gegensatz zwischen Wollen und auferlegtem Zwang in dem Gedicht „Feuerprobe“:

Anna Simon, die vorm Sterben schrie:
Wer hat uns verraten? Ich wollte keine Flakbatterie
Ich wollt nicht unter die Soldaten.

Ist nicht in jener Anna Simon das Dilemma der Mehrheit der Nation manifestiert, die ja den Faschismus, den zweiten Weltkrieg, das alles „nicht gewollt“ hat? Inge Müller stößt hier ins Zentrum politischer, ideologischer Fragestellungen vor, die sie auch in den späteren Gedichten immer wieder aufgreift. Selbst in Gedichten mit Alltagsproblematik im Frieden – als die Straße „gerade und glatt“ ist, auf der sie geht, wie in dem Gedicht „Gehn“ – tut sich ein Widerspruch zwischen dem Wollen des Ichs und dem Verhalten der „Raucherzeuger“, „Schornsteinbauer“ und „Wolkenbeuger“ auf. Während es dem Ich des Gedichts um das tägliche Brot geht, registriert es erstaunt, daß die Arbeiter um solche Dinge wie den Platz in der Straßenbahn laufen. Laufen: nicht mehr um das eigene Leben, sondern um des persönlichen Vorteils willen? Feinnervig spürt Inge Müller den Anfängen von Entwicklungen, Motivationen nach Motivationen, gegen die sie eine noch unlebbare, als Frage in den Raum gestellte Utopie setzte:

Daß ich dich liebhab
Wird es zu lesen sein
In Blätter gestanzt
Ins Meer gepflanzt
In den Wind geschrieben
Wenn alle lieben.
(„Nacht“).

Inge Müllers Anspruch war rigoros. Sie hatte nicht die Tagespolitik, die Taktiken im Auge, sondern die Utopie vom Menschen, ins alltägliche Leben geholt. Ihr Versuch, diese Utopie zu leben, scheiterte. Der Entwurf aber bleibt, und es scheint mir mehr denn je notwendig, ihn wahrzunehmen: als Ziel unseres „Laufens“.
Etwas Wichtiges ist noch nicht genannt. Der Band Wenn ich schon sterben muß enthält Gedichte, die die Schicksale von Frauen und Mädchen im Krieg festhalten. Das bezeichne ich als „die besonders frauliche Komponente“ ihrer Lyrik. Da sind zunächst die Liebesgedichte. „Rendezvous 44“ projiziert Romeo und Julia in den Krieg: die Liebenden, die nicht zueinander kommen können, weil der Krieg sie in immer andere Orte verschlägt. Die sprechende weibliche Ich-Figur, die Geliebte, erweist sich als starke Liebende, die die Suche nach dem Geliebten nicht aufgibt. Die alles überdauernde Liebe und die Präsenz der Körperlichkeit trotz Unbehaustseins und drohender Vernichtung dominieren in dem Vierzeiler „Liebe 45“. Beide Gedichte fassen die Liebe als elementare Kraft auf, die der des Krieges entgegengesetzt ist. Inge Müller benutzt hier zum Teil die alten, ans Triviale grenzenden Symbole Mond („Liebe 45“) und Herz („Gedanken einer Soldatenbraut“). In Verbindung aber mit anderen, unmittelbar der Realität entnommenen Symbolen: der Blechnummer auf der Brust des Soldaten etwa, wirken sie wie Verkörperungen einfacher menschlicher Werte. In diesem Sinne können sie auch als Worte gegen die Maschinerie des Krieges gelten. Das tragische Schicksal der Soldatenbraut, die Einberufung von Mädchen in Hitlers Armee, die äußerliche Vernichtung ihrer Weiblichkeit, ihr Den-Phrasen-Ausgeliefertsein, ihr sinnloses „Opfer“ bei der „Feuerprobe“ hat Inge Müller gestaltet. Das ist in der Lyrik der DDR sonst kein Thema gewesen. Inge Müllers Gedichte heben es als Zeugnisse eines spezifisch weiblichen Gedächtnisses auf. In der nüchternen Form des Berichts werden Begebenheiten und Details mitgeteilt. Der blutige Frauenschuh fungiert als Symbol. Das verlorene Gesicht des toten Mädchens ist das verlorene Gesicht des Menschen.
Inge Müller gab ihren Gedichten keine Information über soziale und politische Hintergründe oder Mechanismen des Krieges mit; ihre Verse wirken ganz aus dem subjektiven Erleben heraus. Dazu gehört auch der in einigen Gedichten anklingende Vorwurf, daß der Krieg eine männliche Angelegenheit sei:

Jetzt weiß ich mehr von dir
Weiß wie uns die Männer verlassen
Blind vom Sieg oder blind vom Bier
Tot unterm Befehl: Hassen.

(„Brief einer Wehrmachtshelferin“).

Oder:

In den Gaskammern
Erdacht von Männern
Die alte Hierarchie
Am Boden Kinder
Die Frauen drauf
Und oben sie
Die starken Männer

Diese Auffassung scheint mir für Inge Müllers weibliche lyrische Subjektivität wichtig zu sein. Daß sie so – herausgelöst und verallgemeinert – nicht haltbar ist, ist eine andere Sache. Inge Müller: in ihren Stärken und ihren Grenzen. Gut, daß Richard Pietraß diese für die DDR-Lyrik so wichtige Dichterin dem Vergessenwerden entrissen hat, besaß sie doch das menschliche Gesicht, ohne das Literatur nicht zu überdauern vermag.

Dorothea von Törne, neue deutsche literatur, Heft 405, September 1986

Aber, aber!

Aber, aber!!! – In ihrer Rezension zu dem Inge-Müller-Band im Aufbau-Verlag (NDL H. 9/86) zitiert Dorothea von Törne aus einem Aufsatz aus meiner Feder, der 1979 in der Zeitschrift Sinn und Form erschienen ist, und zwar eine Stelle, welche die Meinung eines Freundes referiert, er habe es „als die besondere frauliche Komponente“ der Lyrik Inge Müllers „empfunden“, in welcher Weise sie sich von ihrem Stoff, dem Kriegserlebnis geradezu „überfallen“ und „überwältigen“ lasse… Da ich einige Leser der Törneschen Rezension irritiert und mit vorwurfsvoll fragendem Gesicht vorfinde, ist es vielleicht doch ratsam mitzuteilen, ,daß ich keineswegs, obschon Dorothea von Törnes Text es mutmaßen läßt, die Meinung jenes Freundes teile; ich habe sie auch 1979 nicht geteilt, die Formulierung lautet vollständig:

… – ein Freund hat das als die besondere frauliche Komponente der Lyrik empfunden, aber, aber…

Ich frage den und jenen: Keiner versteh das „aber, aber“ anders denn als ein schränkende, ja abwehrende Geste: Frau von Törne hat sie offensichtlich nicht ins Konzept gepaßt; in das Konzept einer Zurechtweisung, die in sagenhaften Feststellung gipfelt:

Der Stoff ihrer Gedichte kam doch von außen an sie heran… er kam ganz aus ihr selbst…

Einen Moment war ich wirklich geneigt, eine erklärende Replik zu schreiben; aber bin ich denn tullitulli?
Mit freundlichen Grüßen!

Adolf Endler, neue deutsche literatur, Heft 410, Februar 1987

Über Inge Müller

Meistens passiert ja auch nichts.
Manchmal aber doch. Plötzlich tut sich ein Abgrund auf, und dann ist man schon einen Schritt weiter, mitten im Abgrund, im Sturz, aus dem es keine Rettung gibt. Wer es erlebt hat, vergißt diesen Bruch in der Wirklichkeit nicht. Erstaunlich viele Leute trifft man, die darum wissen, die überlebt haben, was nach menschlichem Ermessen nicht zu überleben war. Ihre Lebensgeschichte hat einen tiefen Einschnitt, der das Vorher vom Seither scheidet. Sie erinnern sich nicht oft an jenen Moment, doch gelegentlich schießt die Erinnerung hoch, manchmal hilft man ihr sogar auf die Sprünge.
(Johannes Groschupf: „Am Tag, als ich vom Himmel fiel“, in: Die Zeit vom 8. August 1997)

Dieser Satz eines Mannes, der einen Hubschrauberabsturz überlebt und Jahre später darüber berichtet hat, wie das war, fiel mir während des Nachdenkens über Inge Müller beim Zeitungslesen in die Augen.
Inge Müller ist nicht vom Himmel gefallen. Ihr und anderen ist Berlin auf den Kopf gefallen, Sie, meine Damen und Herren, wissen das, Sie kennen die Geschichte, sonst wären Sie wohl nicht hier, und wieder anderen sind andere Städte auf den Kopf gefallen, nicht aus heiterem Himmel, sondern aus jenem, den ein anderer Zeuge, Primo Levi, am 26. Januar 1944 so gesehen hatte:

… Tausende von Metern über uns, in den Lücken zwischen den grauen Wolken, vollzogen sich die komplizierten Wunder der Luftduelle. Über uns Nackten, Ohnmächtigen, Wehrlosen suchten Menschen unserer Zeit sich mit den raffiniertesten Instrumenten gegenseitig umzubringen. Eine Fingerbewegung von ihnen konnte die Zerstörung des ganzen Lagers bewirken, konnte Tausende von Menschen vernichten, doch die Summe aller unserer Energien, all unseres Wollens hätte nicht ausgereicht, das Leben auch nur eines einzigen von uns um eine Minute zu verlängern. (Ist das ein Mensch?)

Wer ein Jahrzehnt später in Deutschland geboren ist, in dessen Kindheit kamen lauter Menschen vor, die sich nicht oft an jenen Moment erinnerten, tatsächlich aber schoß gelegentlich die Erinnerung hoch. Manchmal kam jemand wegen solcher hochschießenden Erinnerung in die Psychiatrie, das konnte Depression genannt werden, es kamen Zustände vor, zu denen man damals endogene Psychose sagte, auch halfen sich welche mit Tabletten und Alkohol darüber, oder es brachte sich einer um. Es gab, mindestens im westlichen Teil Deutschlands, allerdings auch andere: Kriegshelden, die erinnerten sich gern (die meisten von ihnen fuhren tagelang Straßenbahn: kaum stieg man in eine Straßenbahn, war auch schon gleich ein Kriegsheld drin, half seiner Erinnerung auf die Sprünge und schoß damit herum). Keiner war aber bekanntlich Nazi gewesen, keiner in der Partei, und irgendwie waren sie alle arm dran gewesen und taten den Kindern leid wegen der vielen Toten, Soldaten- und zivilen Leichen und der Verstümmelungen und Kriegsgefangenschaften und des Hungers und der gestohlenen Jugend und der geklauten Kohlen, und nachdem sie den Kindern lange leid getan hatten, gingen sie ihnen auf die Nerven.
Das hatte vor allem zwei Gründe, von denen der erste hier nicht so wichtig ist, nur erwähnt soll er werden – die Erinnerungen mischten sich häufig ungut in die Leben der Nachfahren ein, nämlich vorwurfsvoll, so als sei das Erlebte, das doch Leiden, Verlust, Entbehrung und Dreck gewesen sein mußte, zugleich ein persönliches Verdienst dessen, der das erlebt hatte, ein Verdienst, zu dem es die schwache nächste Generation, verwöhnt und wohlgenährt, wie sie war, nicht bringen würde.
Darum soll es also hier nicht gehen, es ist ja schon sehr oft darum gegangen, sondern es soll um die sonderbare Form gehen, die diese hochschießenden Erinnerungen sehr häufig annahmen.
Sie waren nämlich ein- für allemal der unveräußerliche Besitz dessen, der sie mitteilte, oft bruchstückhaft, tatsächlich nur ein Hochschießen, es gab Splitter, es gab Lückentexte, es gab Anekdoten, grausige Anekdoten waren darunter, die dem Erzähler gehörten und dennoch unbeherrschbar waren; mit den Jahren und Wiederholungen wurden sie zuweilen stereotyp, und manchmal aber auch wurde das manisch, es waren manische Monologe darunter. Kaum jemand meiner Generation wird sie nicht noch im Ohr haben. Das gemeinsame Kennzeichen all dieser Erinnerungen war jedoch: Sie waren eingeschlossen, nicht zu befragen, nicht zu betreten, unveränderlich, resistent gegen später Erfahrenes, Erlebtes, zugesperrt. Sie wollten nichts an den anderen bringen, ihm mitteilen, sie waren für sich und blieben, oft unter Qualen derer, die erzählten, bei sich, bei dem Absender, ganz ohne den Adressaten, den sie sich dabei offenbar gar nicht ausgesucht hatten, sondern der es eben gerade war, weil er dabeisaß. Zugleich aber war der, der dabeisaß, doch auch angesprochen, dringlich, ja oft flehentlich, meistens vorwurfsvoll. Das wurde aber nie ein Gespräch, denn die hochschießende Erinnerung verlangte immer ungeduldiger Erlösung, und der, der dabeisaß und sich jung und wohlgenährt und verwöhnt wußte, brauchte viel Geduld und die Einsicht, daß er keinesfalls die Instanz für Erlösung sein würde. Gelegentlich wurde aus dieser Geduld, da sie offenkundig zu keiner Erleichterung führte, eine leise entnervte Gleichgültigkeit, begleitet von schlechtem Gewissen.
Juden übrigens kamen weder in der deutschen Wirklichkeit noch in den hochschießenden Erinnerungen einmal vor.

Zwanzig Jahre später.
1986 konnte man in der Bundesrepublik eine Auswahl von Inge Müllers Gedichten unter dem Titel Wenn ich schon sterben muß zum ersten Mal lesen. Mich erreichte das Buch erst drei Jahre später, im Sommer 1989, und zwar auf einem sonderbaren Weg, über ein anderes Buch, die Sammlung Todeszeichen. Freitod in Selbstzeugnissen, die Gabriele Dietze herausgegeben hatte, während ich selbst gerade daran saß, Bettel- und Brandbriefe von Schriftstellern zu sammeln und in derselben Sammlungsreihe desselben Verlags zu veröffentlichen. Mir ging es damals darum, prophylaktisch einen möglichst genauen Überblick über die Berufsrisiken zu gewinnen, die einer zu gewärtigen hat, der den Griffel in die Hand nimmt, gegen Ende dieses Jahrhunderts, wohlgemerkt, und der Verlag hatte mir freundlicherweise ein Exemplar der kurz zuvor erschienenen Anthologie zur formalen Orientierung zukommen lassen.
So machte ich mit einem Schlag und Schreck die Bekanntschaft nicht nur mit Inge Müller, sondern zugleich mit Hertha Kräftner und Anne Sexton. Sylvia Plath kannte ich schon, Unica Zürn kannte ich schon, auch jene Selbstmörder, die für Inge Müllers Arbeiten wichtig waren. Nach einem Text von Majakowski kam ein Gedicht von Marina Zwetajewa über Majakowski und anschließend jenes von Inge Müller, das auch „Majakowski“ heißt und das inzwischen möglicherweise berühmt ist und den Untertitel „Nach Wolke in Hosen“ hat. Und Ringelnatz. Und sehr viele andere.
Ich erzähle Ihnen das wegen des besonderen Umstands meiner Bekanntschaft mit Inge Müller, der etwas Beklemmendes hat, denn im Grunde ist es makaber, sich einer Gedichtsammlung von der Tatsache her anzunähern, daß die Autorin sich umgebracht hat und mit vielen anderen, die das je für sich selbst und einzeln, einsam, in ihrer je eigenen Lage und aus ihren je eigenen Gründen auch gemacht haben, in einem Buch zusammengebracht ist. Nach der Lektüre des Bandes schien mir, daß Selbstmord auch zu den Berufsrisiken eines Schriftstellers gehört. Ich kaufte mir die Gedichte von Inge Müller und fing vorne bang zu lesen an.
Das erste Gedicht des Bandes Wenn ich schon sterben muß beginnt folgendermaßen:

Meine Mutter wollt mich nicht haben
Sie wollte einen Sohn
Und da kam ich schon
Und mein Bruder war noch nicht begraben.

Weil in der zweiten Strophe gleich steht, „Deutschland, alte Mutter“, fiel mir auf, daß die erste Strophe, jedenfalls in drei ihrer Zeilen rhythmisch (nicht inhaltlich) auf ein anderes Gedicht anspricht, das auch von Deutschland handelt. Hören Sie, wie das klingt, wenn ich beide Gedichte ineinanderschiebe:

„Im traurigen Monat November war’s“ (Heinrich Heine)
„Meine Mutter wollt mich nicht haben“ (Inge Müller)
„Die Tage wurden trüber“ (Heine)
„Sie wollte einen Sohn“ (Müller)

Die letzten Zeilen der ersten Strophe laufen bis auf die erste Silbe parallel:

„Und mein Bruder war noch nicht begraben“ (Müller)
„Da reist ich nach Deutschland hinüber“ (Heine)

Ich war entzückt, daß hier ein Gedicht gewissermaßen musikalisch auf das „Wintermärchen“ antwortete (später spricht es das an: „Unsere Denker und Dichter / Mußten immer gehen“), und dann kamen die Kanonen, und ich folgte der Sache drei Strophen lang, dachte in der dritten Strophe flüchtig, nur sehr flüchtig an Brecht und hätte lieber an Tucholsky gedacht, vielleicht wegen des Berliner Tons, der mich von sehr fern daran erinnerte. Sie geht so:

Fritz und Krupp und Karl der Starke
Geheiligte Nation
Ja wir wissen schon
Das ist unsere Welt: Weltmarke.

Mit der vierten Strophe war dann alles vorbei,

Und die Welt ging in Scherben
Deutschland, eine Scherbe davon
Die Scherbe der Nation’
Favorit beim großen Sterben.

„Nein“ steht dick mit Bleistift in meiner Ausgabe neben dieser Zeile: Die Welt ging nicht in Scherben, einfach so wie eine Tasse in Scherben geht und wie es so viele Texte der deutsch/deutschen Nachkriegsliteratur immer und immer wieder bis in den Deutschunterricht hinein glauben gemacht haben, und der Geschichtsunterricht übernahm die scheußliche Metapher sehr gern, ein griffiges, bequemes Bild.
Aber nähmen wir an, dieses Bild bezöge sich, wie vieles bei Inge Müller, allein auf das Jahr 1945, assoziieren wir Scherbe mit Trümmer, auch dann kann Deutschland nicht eine Scherbe wie die anderen sein, es sei denn, man möchte vergessen machen, wer die Sache verursacht hatte.
Und Favorit beim Sterben war Deutschland auch nicht, obwohl sich Sterben auf Scherben reimt: das waren, den grausamen Zahlen nach, die Russen. Favorit beim Töten wäre die Formulierung gewesen, es kommen ja die anderen noch dazu, die Juden, die Polen, die Jugoslawen und die Griechen und die Engländer und…
So begann meine Bekanntschaft mit Inge Müller. Gereizt meinerseits, weil ich an das Gefühl entnervter Gleichgültigkeit gegenüber der Kriegsgeneration erinnert war, von dem ich Ihnen oben erzählt habe, und natürlich das schlechte Gewissen.
Ich floh zu Heine und las erst viel später und voller Skepsis weiter. Alles ganz schnell. Und da war, so sehe ich an meinen Anmerkungen, neben Gedichten, die mich hellauf empört haben, dann doch vieles, was ich mir merken wollte: In dem Gedicht von dem kleinen Ich-Mädchen, das mit vier Jahren von Zuhause abhaut, weil – „Meine Mutter wollt mich nicht haben / Ich wollt die Mutter nicht“ –, ist es zum Beispiel der leise komische Schluß:

Ich biß den Gendarm, er nahm mich auf den Arm
Da stimmte gar nichts.

Kurz darauf, in „Rendezvous 44“, eine Frage mit lauter Alliterationen und einem unmöglichen Passiv: „Wann wird was wir wolln gewollt?“ Ich weiß nicht, warum das so ist, aber die Alliterationen auf W sind die absurdesten, schönsten und traurigsten, die es gibt, und sowieso ist die ganze Frage sinnlos, eine Kinderfrage, denn es kann ja gar nicht gewollt werden, das Wollen braucht ein Subjekt, das will, ohne Subjekt gibt es kein Wollen, und der folgende Reim antwortet auf die verquere Kinderfrage sehr genau mit einem verrutschten Kinderreim: „Als ich kam warst du geholt“. „Gewollt – geholt“. So reimt Inge Müller oft, es ist ihre große Fähigkeit, was wehtut, in der Sprache wehtun zu lassen.
Kurz darauf, in dem Gedicht „Lebenslauf“, noch einmal das W, das auch hier wieder durch die vielen weichen Laute den folgenden Schreck verstärkt: „Da war was die Welt war türlos“.
Die Welt war aber nicht nur türlos, nachdem der Himmel umgefallen war, sie war hauslos. „Nach dem Bombenangriff“:

Ein schöner Morgen! Kein Baum vorm Haus mehr
Und kein Haus steht mehr unter den Bäumen.

Unmittelbar nach den drei bekannten „Schutt“-Gedichten steht dieser Zweizeiler, lapidar über Kreuz gearbeitet, und er klirrt. Das Motiv „kein Haus“ taucht in „Fallada 45“ und in „Liebe 45“ wieder auf, aber nie mehr so kalt wie in diesem knappsten Gedicht von Inge Müller, in dem kein Mensch zum Haus mehr vorkommt und kein Reim die idyllische Härte des „schönen Morgens“ mildert und alles nach dem Ende stillsteht.

Ich überspringe in meiner Lektüre einige wichtige Gedichte, zu denen kluge Aufsätze vorliegen, und finde die nächste Anmerkung auf Seite 37.

Sie hatten kein Haus. Sie hatten kein Bett.
Sie liebten sich draußen vorm Tor.

So beginnt „Liebe 45“, und man kann gar nicht anders, man muß das kleine Gedicht einfach nach der Melodie der Ballade von der Hanna Cash pfeifen – hören Sie:

Kein Kleid war arm, wie das ihre war
Und es gab keinen Sonntag für sie

Auch syntakisch und überhaupt ist Brecht da. Was bei Inge Müller anfängt: „Sie hatten kein Haus, sie hatten kein Bett“, heißt dort „Die hatte keine Schuhe und die hatte auch kein Hemd“. In der dritten Zeile allerdings, wenn in Inge Müllers Gedicht die Stadt den Bombentod stirbt, erstirbt einem auch die „Hannah Cash, mein Kind, bei ihrem lieben Mann“ auf den pfeifenden Lippen.
Und genau in dem Moment ist man gegen einen von beiden eingenommen (keiner läßt sich gern ein Lied von den Lippen holen). Ist man es aber gegen den Brechtschen Gassenhauer, diesen Ohrwurm von einer Liebesschnulze, oder gegen den Vierzeiler, der sich listig den – geben wir es zu – niedlichen und herz-, wenn auch nicht weltbewegenden Schlager zu seinem eigenen Thema singt, bis er uns im Hals steckenbleibt?
Der Mond schließlich, der in der Schlußzeile rot überm Rauch hervorkommt, das ist endgültig nicht mehr der alte Bilbao-Mond nach der Melodie: „Und der rote Mond schien durch das Dach“, obwohl auch der Berliner Mond 45 durch die Dächer schien, sofern da noch Dächer waren, aber das war nicht mehr „die Musik von damals“, das Schönste, das Schönste auf der Welt. Ein eigentümliches frühes Verfahren von Inge Müller jedoch besteht darin, auf der Melodie einer „Musik von damals“ einzusetzen, das alte Lied dann wie achtlos aufzugeben, genau in dem Moment, in dem es anfängt, eine Geschichte zu erzählen, und danach läßt sie ihr eigenes Gedicht abrupt stürzen. Und obwohl das, was dann kommt, oft von ganz anderem, furchtbarem Stürzen spricht, sehe ich beim Lesen, vielleicht wegen der anfänglichen „Musik von damals“, wegen der dahingeträllerten Melodie, ein kleines Mädchenn, das eine Hand losläßt, hinfällt und sich die Knie aufschlägt.

In meiner Ausgabe von Wenn ich schon sterben muß finde ich nach „Liebe 45“ außer gelegentlichen Reimverweisen nur noch drei Anmerkungen: Das Gedicht „Freunde“ ist angekreuzt, und untendrunter steht in schrägen Buchstaben: DDR. Das muß sich auf eine Geste beziehen: „Die Gardine zur Seite schieben“. Vielleicht auch auf den Schluß: „Und geh und wasche für morgen / die Teetassen ab.“ Das sind wohl Bilder, die ich bei gelegentlichen Besuchen aus einer anderen Neubauwohnung in Friedrichsfelde in den Westen mitgenommen und hier wiedergefunden habe.
Dann noch steht da „Wolke in Hosen“, Majakowski Bd. II.1, und in Inge Müllers Gedicht „Nach Wolke in Hosen“ habe ich einen Satz unterstrichen: „Die Toten sitzen strickend an der Wand entlang“, der, obwohl oder weil er einerseits eine „Musik von damals“ ist, eine Leihgabe von Georg Heym, für mich seither die ganze Inge Müller bedeutet: „Tot ist stumm“, und da sitzen nun ihre Toten, Tote, die nicht mit ihr sprechen, sie nicht halten, nicht aufheben, die der von Unruhe gepeinigten Überlebenden nur stumm bedeuten, ruhig zu sein, geduldig, so viel Geduld zu haben, wie man zum Stricken braucht, zum Zuhören, Warten, zum Arbeiten, zum Schreiben oder zum Herstellen von etwas, das wärmt. Aber für wen?
Und dann höre ich aber auch noch: „Immer an der Wand lang“ (wieder gepfiffen), spüre ihre Lust am Gassenlied, an der schrägen Berliner Melodie. Wenn es bei Majakowski heißt: „Ach, ihr Sohn, Mutter, / ist wundervoll krank“, so wird bei Inge Müller daraus die universalisierte Formulierung: „Die Welt ist wundervoll krank“, die Toten sitzen (hier setzt die Melodie ein) … immer an der Wand lang, der Reim – später kommt noch „Bank“ hinzu – „krank / entlang“ ist wunderbar müllerhaft schief, wie ja auch die gepfiffene Zeile nicht zur Krankheitsdiagnose und den strickenden Toten stimmt, wie ja auch die gegen die wundervoll kranke Welt gewendete Aufforderung „Dagegen neu gewinnen (beginnen)“ ganz unverhohlen das „Auferstanden aus Ruinen“ mit einem ebenfalls schiefen Reim: „gewinnen / beginnen / Ruinen“ parodiert, und nun lese ich Ihnen den Schluß des Gedichts noch einmal im Ganzen vor, aber zunächst einmal Majakowski:

Ich fühl:
daß mein „Ich“
mich klemmt und beengt;
daß irgendwer ausbricht, beharrlich es sprengt.

Dagegen Inge Müller:

Ich fühl es:
Mein Ich ist zu klein für mich
Jemand sprengt es von innen
Mutter, dein Sohn…
Die Welt ist wundervoll krank
Dagegen neu gewinnen (beginnen)
Die Toten sitzen strickend an der Wand entlang
Außen wird innen
Am Berggipfel Kreuz und Bank.

Das „Ich“, das bei Majakowski „klemmt und beengt“, so daß irgendwer vom Innen zum Außen, zum Ausbruch gedrängt wird, so daß ihm schon wenige Zeilen später „Flammen aus allen Sinnen schlagen“, ist bei Inge Müller „zu klein für mich“, und daß es gesprengt wird, führt – „Die Toten sitzen strickend an der Wand entlang“ – ganz genau nicht von innen nach außen, sondern hier und sehr häufig bei ihr zur entgegengesetzten Bewegung, „Außen wird innen“, und schließlich sind da „Am Berggipfel Kreuz und Bank“. Still wird es da sein, während Majakowskis Gedicht viele Seiten lang tobt, bevor es gegen die „Flügeltragenden Galgenbrüder“ da oben noch einmal die Fäuste schüttelt – „ihr werdet nie mich ruhiger sehn“, und dann erst, noch darin voller Hohn, diese Villon-artige Bewegung vollzieht:

He, ihr!

Himmel!
lüftet den Hut!
ich komme!! –

Stumm wie die Toten.

Aber da ihm die Bewegung vom Außen ins Innen ganz fern ist, schließt es nicht am Berggipfel und nicht mit Kreuz und Bank, sondern keck, sozusagen mit allem Zack und Zeck:

Das Universum ruht;
sein mit sternzackigen Zecken bestecktes
Riesen-Ohr auf den Pfoten.

Eine letzte Lektürenotiz aus dem Jahr 89 steht am Rand des folgenden Gedichts:

Ich hab sie gesehn: Menschen.
Ohne Gott. Ausgeliefert
Und still.
Sein werd ich nicht mehr.
Es ist viel
Wenn sie sich erinnern.
Und keine Literatur.

Benn habe ich daneben geschrieben, und heute, wenn ich das überprüfe, weiß ich nicht, ob ich mich damals geirrt habe, als ich eines meiner frühen Lieblingsgedichte meinte wiedererkannt zu haben, ein spätes Benn-Gedicht, es ist 1955 entstanden und heißt: „Menschen getroffen“. Am besten, ich lese Ihnen die Teile des Gedichts vor, an die ich erinnert war, es sind der Anfang und Schluß:

Ich habe Menschen getroffen, die
wenn man sie nach ihrem Namen fragte,
schüchtern – als ob sie gar nicht beanspruchen könnten,
auch noch eine Benennung zu haben –
„Fräulein Christian“ antworteten

Ich habe mich oft gefragt und keine Antwort gefunden,
woher das Sanfte und das Gute kommt,
weiß es auch heute nicht und muß nun gehn.

Daß es alles andere als einfach ist, einen Namen und mit dem Namen ein Recht auf das Da-Sein zu haben, davon hat die Literatur schon immer, aber in unserem Jahrhundert noch etwas öfter und etwas anders als immer gehandelt, ich erinnere mich – ohne das jetzt zur Hand zu haben, daran, noch in den siebziger Jahren gelesen zu haben, daß es eine sehr große Kunst von Patricia Highsmith sei, ihren Figuren Niemandsnamen zu geben, ich glaube, es war Handke, der das an ihr bewunderte, und viele Jahre zuvor hatte Ingeborg Bachmann ihre Frankfurter Poetik-Vorlesungen „Der Umgang mit Namen“ mit dem wunderbaren Schlußsatz zu der Fähigkeit Marcel Prousts beendet:

er hat sie (die Namen) mit Bedeutung erfüllt, aufgeladen, und hat zugleich ihre Leere bewiesen, sie als leere Hülsen weggeworfen, als Anmaßung eines Eigentums gebrandmarkt.

Nur wenige Jahre vor dieser Vorlesung war da also Benns schüchternes „Fräulein Christian“ mit ihrem Zweifel am Anspruch auf einen Namen, und um die Zeit etwa muß das folgende Gedicht von Inge Müller entstanden sein – „Meine Liebe“:

Sie war immer ganz
Sie hat mich zerrissen
Sie hat mir Namen gegeben
Ich hab die Namen vergessen.

Das ist immerhin ein ungewöhnlicher Vorgang, daß da jemand seinen Namen nicht von einem anderen empfängt oder sein Name ihm durch einen anderen verweigert wird oder er die Rechtmäßigkeit seines Namens bezweifelt, sondern daß er, kurzum, möchte ich sagen, seine eigene Liebe (zu wem? wohin? Ist Liebe nicht eine Bewegung von innen nach außen, vom Ich zum Du, vom Absender zum Adressaten?) zur namensgebenden Instanz für sich selbst ernennt, sozusagen paternalisiert oder gar sakralisiert, denn das war ja der Ursprung des Nennens einmal. Und damit nicht genug, nach diesem eigentümlichen, hochmütig-autistischen Vorgang, daß eine Liebe nicht dem Geliebten, sondern sich selbst Namen gibt, vergißt der so Selbstbenannte die Namen wieder, offensichtlich hat ihn der Name nicht erfüllt, kein Du kommt vor, er wirft den Namen weg und begibt sich, anders als das an seinem Namen nur zweifelnde Fräulein Christian, selbst ins Niemandsland der Namenlosigkeit.
„Sein werd ich nicht mehr“, heißt es danach knapp in dem Gedicht der dreißigjährigen Inge Müller, das ich Ihnen oben vorgelesen habe und das mich an Benn erinnert hat, während in der Schlußzeile des alten Mannes „weiß es auch heute nicht und muß nun gehen“ nicht die Rede vom Erinnertwerden eines Ich nach dem Tode ist („Es ist viel / Wenn sie sich erinnern“, steht bei Inge Müller), sondern der, der nun gehen muß, im Gehenmüssen bedauert, auf seine Frage, die Frage nach der Herkunft des Sanften und Guten, keine Antwort gefunden zu haben.
Es gibt bei Sappho viele Verse, die vom Vergessen- oder Erinnertwerden handeln; hier zwei, die die Spanne wiedergeben:

Wenn gestorben du liegst: nimmermehr wird jemand
gedenken dein
noch sich sehnen dereinst…

Und dann dieser:

Sich erinnern wird, sage ich, manch einer noch an uns.

1989, als ich Inge Müller zuerst las, wußte ich nicht, daß sie sich mit Sappho beschäftigte, die Gedichte in dem Band sind unkommentiert.

Eine Verlegenheit, nein, das war doch mehr als eine Verlegenheit, ich sprach oben im Zusammenhang mit der Sammlung Todeszeichen davon, entstand bei der Lektüre des Nachwortes von Richard Pietraß: Diesem Nachwort sind zwei Zeilen von Paul Celan vorangestellt, und kurz darauf folgt dieser Satz, der, gewiß in bester Absicht geschrieben, gleich drei Unstatthaftigkeiten enthält, die alle drei von späteren Kommentatoren Inge Müllers unverzüglich nachgemacht worden sind:

Wer wissen möchte, was Inge Müller ertrug, dem wird wie bei Paul Celan oder dem ihr wahlverwandten Wladimir Majakowski eine bündige, weitere Fragen abschneidende Antwort nicht zu geben sein.

Der Satz müßte nicht kommentiert werden, wenn seine Irrtümer nicht bis heute unwidersprochen geblieben wären. In meinem Buch steht ein doppeltes Fragezeichen an dem Rand der Zeile, die den Vergleich enthält: „wie Celan“. Womit ich mich, nicht ohne Fassungslosigkeit, fragen wollte, wie dieser unanständige Vergleich zustandekommen konnte, dieses frivol identisierende „Wie“. Weder will ich wissen, was Inge Müller ertrug, noch was Paul Celan ertrug, aber ohne es wissen zu wollen, weiß ich doch, daß das, was der Jude Celan zu ertragen hatte, durch kein „Wie“ der Welt an das zu koppeln ist, was etwa die Lebensnot von Inge Müller ausmachen mochte.
Unterderhand legt dieses vergleichende „Wie“ aber nicht nur nahe, daß unvergleichbare Lebensnot „eigentlich“ gleich sei; auf diese Weise wird Inge Müllers Not – ohne jeglichen Anlaß, aber zu einem leicht begreifbaren Zweck – zu einem jüdischen Leiden stilisiert; sondern das „Wie“ suggeriert, und so ist das auch aufgefaßt und herausgefischt worden, daß es womöglich etwas Vergleichbares in den Texten gäbe. Das ist, wie jeder leicht sieht, der lesen kann, blanker Unfug, und zwar ein Unfug, der Celans Texten natürlich nichts anhaben kann, wohl aber denen von Inge Müller, die auf der Stelle schlechter werden, als sie es sind, wenn ihnen ein Rang zugeschrieben wird, den sie nicht haben.
Inge Müller selbst hat der Versuchung, ihre Not zu judaisieren, nicht widerstanden. Hören Sie das folgende Gedicht, eines der letzten des Bandes Wenn ich schon sterben muß:

Vielleicht werde ich plötzlich verschwinden
Weil die Luft nicht mehr reicht
Und nicht aufzufinden
Ist die Leich.

Anders als die vielen Millionen Leichen, auf die dieses Gedicht mit einer unzulässigen, unerträglich identifikatorischen Geste weist, ist die Leiche von Inge Müller gefunden worden, Heiner Müllers Text über die Umstände lag lange vor, aber 1989 wußte ich nichts davon.

Nach und nach, nachdem die Mauer weg war und nachdem – in den ersten Jahren danach – manchmal die einen mit den anderen sprachen, kam bei einer jungen Autorin im Westen schließlich mit Verspätung an, was als „Raunen“ schon viel früher im Osten losgegangen war und was – wiederum – sonderbare Formen hatte, oder eher war es wohl die gedämpfte Stimme, das Raunen selbst, so lange nach Inge Müllers Tod, was mich aufhorchen ließ. Über Hertha Kräftner und ihre Gedichte sprach gerade kein Mensch, Sylvia Plath wurde gelesen, gelegentliche Gespräche über ihre Arbeit und Biographie fanden in Zimmerlautstärke statt. Nicht ein einziges Mal jedoch, in keinem der Gespräche, die ich nach 89 über Inge Müller geführt habe, kam eines ihrer Gedichte vor, was mir überraschend war, denn überall war die Kenntnis ihrer Biographie, die mir aus sonderbar dürren Daten zu bestehen schien, so verbreitet wie die Bewunderung ihrer Gedichte conditio sine qua non war. Was überwog, war die unselige Frage, über die ich oben schon gestolpert war:

Wer wissen will, was Inge Müller ertrug…

Das Halblaute an diesen Gesprächen immerhin deutete auf eine gewisse Verlegenheit, vielleicht Scham, aber eben auch nur halb.
Und schließlich kam mir vor, als sei Inge Müller nach ihrem Tod etwas sehr Schlimmes widerfahren. Denn selbstverständlich verbietet es sich, wissen zu wollen, was jemand ertrug, der gestorben ist: Einfühlung hat den Lebenden zu gelten, jegliche Einfühlung in das Leiden von Menschen, die nicht mehr leben, ist nicht nur unmöglich, sondern schändet das, was Tote nicht nur verdienen, sondern brauchen, nämlich Erinnerung und Gedenken. Während also das Noli-me-tangere dieser Toten – sie ist nicht die einzige – nach ihrem Tod nicht respektiert und sie von aller Welt unbefugt berührt, geradezu angefaßt wurde, umgab ihre Arbeiten die Aura der Unberührbarkeit. Dies nennt man mit einem vorsichtigen Wort Kult. Es gibt noch bösere Wörter, und aus irgendeinem Grund, über den ich nicht nachdenken möchte, ist es etwas sehr Verbreitetes, geradezu Beliebtes, es sind ja viele Tote und sehr gern auch tote Dichterinnen auf diese Art erotisiert, ihre Arbeiten dagegen tabuisiert worden.
1992 erschien das autobiographische Gesprächsbuch Krieg ohne Schlacht von Heiner Müller. Auf die Frage, wie er seine erste Frau kennengelernt habe, sagt Müller:

Der eigentliche Anfang unserer Beziehung war, daß wir in eine Kneipe in der Zetkinstraße gingen, sie hatte eine grüne, gestreifte Bluse an, der oberste Knopf dieser schönen, teuren Bluse war auf, sie erzählte von zu Haus, und ich erfuhr, daß sie zu den oberen Zehntausenden gehörte, und ich weiß noch diesen Moment, als meine proletarische Gier auf die Oberschicht sich regte.

Und ich weiß noch, welche außerordentliche Verblüffung dieser Satz bei mir ausgelöst hat, und zwar eine zweifache Verblüffung. Einmal war es die „grüne, gestreifte Bluse“, die, indem sie grün und gestreift, schön und teuer war, der grauen Beklemmung, die der Gedanke an Inge Müller jahrelang mit sich gebracht hatte, mit einem Mal ein Ende setzte, und daß diese farbige Bluse und ihre Trägerin gar in einer Kneipe gesessen haben sollten, war regelrecht eine Befreiung.
Aber dann kam die Sache mit der Oberschicht, und das war mir nun sehr verwirrend. Ich muß Ihnen den dazugehörigen Gedankengang darlegen, obwohl mich meine Dummheit geniert, aber es ist eine Variante jener Dummheit, von der sich inzwischen gezeigt hat, daß sie nicht allein meine ist und daß sie so schnell nicht kurierbar sein wird, sondern wohl lange noch um Nachsicht wird bitten müssen. Ich stutzte also bei den oberen Zehntausend, einmal weil ich weder nach der Lektüre von Inge Müllers Gedichten, die so oft vom Stolpern, Stürzen, Fallen, Untensein, Nicht-Hochkommen sprechen, noch nach all dem Geraune sie je so weit oben gesehen hatte, und zum anderen, weil ich – 1961 fünfjährig vom Osten in den Westen gekommen – ein ganz klares Geschichtsbild hatte, und das ging in seiner Schlichtheit so: Wer in den zwanziger Jahren geboren war und es 53 noch nicht kapiert hatte, der hatte 56 seine letzte Chance, und wenn da nicht, war er selbst dran schuld oder mit dran schuld, außer er war mehr oder weniger stillschweigend dagegen, aber dann war er nicht in der Partei oder spätestens 56 aus der Partei rausgegangen, besser noch -geflogen und jedenfalls nicht „Oberschicht“, und der hatte jedenfalls keine Preise zu kriegen, weder 59 noch im Jahr des Mauerbaus. wenn da auch nur einen in Bronze.
Nun also war diese Weisheit, eine spätgeborene Naseweisheit, erschüttert, und dann vergingen abermals vier Jahre, es erschien eine weitere, um 19 Gedichte sowie um Prosa-Texte und Tagebucheinträge erweiterte und von Beiträgen zu ihrem Werk begleitete Ausgabe der Arbeiten von Inge Müller unter dem Titel Irgendwo; noch einmal möcht ich sehn im Aufbau-Verlag.
Das Getöse, das dem Erscheinen des Buches unangenehm vorausging, ist bis nach Frankreich gedrungen, also haben Sie es hier in Berlin wohl noch lauter gehört, und deshalb gehe ich gleich an die Lektüre, diesmal noch banger als 1989. Folglich geraden Wegs zu Adolf Endler, dem eines der schönsten Gedichte von Inge Müller gilt und der auch in seinem hier abgedruckten Aufsatz von 1978, den ich, wohl aus ostwestlichen Gründen, bisher nicht kannte, „leise pfeift gegen falsch und laut“, so heißt eine Zeile aus dem Porträt, das Sie kennen, aber weil es so schön ist, will ich Ihnen ganz ohne Analysieren den Anfang noch einmal vorlesen:

Ich kenne ihn nicht

Mich interessiert wie einer ist der
Auf den Haaren laufen kann und Mickel
So ein Gedicht abzwingt
(Und seine Frau, die einen Mantel will, durchs Zimmer schwingt)
Und trinkt
Und andern seinen ausgebrochnen Zahn aufhebt
Kurz: lebt

Und zu der unerläuterbaren Freude an diesem Gedicht kommt sofort die stille Dankbarkeit für den Aufsatz von Endler hinzu, der sehr genau die literarische Bedeutung Inge Müllers erfaßt hat:

Inge Müller war der erste wichtige weibliche Autor lyrischer Texte in der DDR.

Ja.
So leise pfeifen muß man erst mal können. Aber dann wird auf 353 Seiten nicht mehr nur geraunt, was schlimm genug wäre, sondern so laut und falsch gepfiffen, daß die Gedichte von Inge Müller, die schönen, die, die selbst nur anfangs und nur leise pfeifen, fast nicht mehr zu hören sind. Und es ist ein altes Lied, das da gepfiffen wird, eines, von dem sich die Kinder in den sechziger Jahren, nachdem ihnen die Geduld ausging, entnervt gleichgültig abwendeten: es ist das Lied vom Krieg. Lückentext, stereotyp, unzugänglich für Fragen, heiliges Elend. Von den zwei totalitären Staaten, vom Opfers ein, von Herz und Schmerz, vom Aus-der-Welt-Gefallensein und Nicht-mehr-Hochkommen, von Hautlosigkeit und Kindheit mit Schlägen im Hinterhaus und der Suche, die „unendliche Komplexität eines Ereignisses in Sprache zu bringen“, und immer wieder der Finger mit dem Ring – nochmal und nochmal.
Und wieder – diesmal war es Biermann: Inge Müller in einem Satz mit Paul Celan – diesmal nicht mit „Wie“ sondern mit „Und“:

Solche wie die (Müller) und Celan machten es klug, sie lebten das Leben nicht zu Tode wie unsereins.

Und da mich das Raunen schon betreten gemacht hat, das falsche Küchenlied-Gepfeife nun aber endgültig quält, und da ich glaube, daß Inge Müller einige sehr besondere Gedichte geschrieben hat, die bekannten, „Unterm Schutt“, die „Freunde“-Gedichte, Liebesgedichte, eines, das mit der Seeräuber-Jenny anfängt: „Und dann sag ich Hoppla“, und da geht es dann um „Mein Fuß“, oder hören Sie diese Zeilen nach Goethes „Über allen Wipfeln ist Ruh“:

Und wenn ich dich einst wiederseh
Ich seh dich sicher wieder
Sitz ich, ein Vogel, überm Wald
Und sing dir meine Lieder
Von allen Bäumen singts wie ich:
Da sind wir wieder.

und auch weniger bekannte, – da ich also glaube, daß da Gedichte sind, die für sich sprechen, möchte ich mir anschauen, was das für eine Biographie war, aus der noch 1996 Küchenlieder gemacht werden.
Und nun gibt es zu staunen: Inge Müller wurde 1925 geboren, der Vater war keinesfalls Zwiebelverkäufer, wie ich bisher glaubte, das war er 1894 gewesen, sondern Angestellter des Ullstein-Verlags, warum eigentlich heißt es immer, ihre Mutter, eine Offizierstochter, habe „nach unten“ geheiratet, der Mann hat schließlich Karriere gemacht; das bis heute im Kondolenzton erwähnte Hinterhaus, in dem Inge Müller aufgewachsen sein soll (nebenbei gesagt: na und?), wurde in ihrem vierten Lebensjahr eine Neubauwohnung, da war der Vater Abteilungsleiter, und das blieb er auch in der Zeit, als anderer Leute Bücher brannten, und die Frau bekam da auch eine Stelle und später die Tochter einen Englischkurs, man denke, mitten im Krieg, nämlich im Jahr 41. Die Fotos vom Reichsarbeitsdienst in Österreich, alle mit solchen Unterschriften in ein Fotoalbum geklebt wie „Die Rübenkolonne“, „In voller Fahrt“, „Wir haben’s geschafft“, „Mal herschaun“ zeigen ein dralles junges Mädchen, und man kann dem Bild nicht glauben, was eine Gedichtzeile sagt: „Erwachsen wurde ich 39“. Daß die Frau nicht 38 erwachsen wurde, am 9. November zum Beispiel, glaubt man. Sie absolvierte ein sechsmonatiges Pflichtjahr in einer Offiziersfamilie, ich habe von unangenehmeren Arten gehört, wie diese Zeit verbracht wurde, in den Jahren 43/44 war Inge Müller Stenotypistin und zuletzt Direktionssekretärin. Nach dem Krieg hat sie bei der Seuchenbekämpfung gearbeitet, höre ich es raunen, und das ist natürlich schaurig. Celans Vater ist nach der Deportation im Herbst 1942 in einem Lager an Typhus gestorben. Aber dann bin ich erleichtert: Seuchenbekämpfung, Altenbetreuung. Organisation der Kinderspeisung, das alles hat sie zum Glück im Amt ausgeführt: sie arbeitete in der Bürgermeisterei und war gleich 1946 Volkskorrespondentin und Kulturreferentin (das mit einem Baby, das geheimnisvollerweise auf dem Weg von der ersten zur zweiten Ehe aus ihrer offiziellen Biographie verschwindet, und zwar in einer Zeit, in der, so gingen die Geschichten und alten Lieder früher immer, es nichts zu fressen gab und die Kinder ja satt werden mußten; dieses Kind hatte offensichtlich die wunderbare Gabe, weder nachts zu schreien, noch seine Mutter daran zu erinnern, daß 46 ein Hungerjahr war), und schließlich war Ingeborg Schwenkner durch eine entschlossene Heirat nach oben 1948 auf dem Weg in die DDR-High-Society und in eine Villa nach Lehnitz, in die sich dann 1953 ihr dritter Mann seinerseits entschlossen nach oben einheiratete. Zu keiner Zeit hatte Inge Müller Publikationsverbot in der DDR, und es gibt in ihren Gedichten, den verzweifelten, wie denen, in denen sie streng, unnachsichtig gelegentlich, mit anderen umgeht, weder ein Indiz dafür, daß sie unter dem Faschismus, noch daß sie unter dem Stalinismus und den anschließenden DDR-Winden gelitten habe. 1961 flog nicht sie, sondern ihr Mann aus dem Schriftstellerverband, und nach den folgenden schwierigen Jahren erhielt sie 1965 eine Westreise-Genehmigung, nach Frankfurt, immerhin.
Inge Müller ging durch zwei Diktaturen, und diesen Gang bezeugen ihre Texte, aber um all derer willen, die von diesen Diktaturen zerstört worden sind, muß gesagt werden, daß sie privilegiert hindurchging. Ich will nicht wissen, was sie ertrug, aber was sie nicht ertrug, sollte unzweifelhaft sein.
Unglücklicherweise war es ihr selbst nicht immer unzweifelhaft, ich habe das oben schon angedeutet am Beispiel des Gedichts, das mit dem Gastod kokettiert („und nicht aufzufinden ist die Leich“), und das macht die Lektüre dieser „problematischen Inge Müller“ (so Adolf Endler) – weit jenseits aller Küchenlieder – tatsächlich zu einem Dilemma, das durch die neuerliche Publikation unveröffentlichter Texte nicht entschärft wird.
Dieses Dilemma kann ich ihnen nur erzählen, weil ich ihm längst noch nicht so weit entronnen bin, daß ich es bündiger fassen kann. Vor drei Wochen war ich in Berlin. Die Arbeit für den heutigen Abend war bis zu einem Punkt gediehen, an dem ich dringend Rat brauchte. Ich stand vor der Frage, ob ich das Gedicht „Europa“ heute abend erwähnen sollte oder nicht. Ich tippte es also ab, nahm es nach Berlin mit und zeigte es allen, mit denen ich sprach, und das waren lauter kluge und kompetente Leute, die als Autoren, Verleger, Lektoren oder Literaturkritiker mit Texten zu tun haben und Inge Müller natürlich kennen. Der erste Teil des Gedichts:

In den Gaskammern
Erdacht von Männern
Die alte Hierarchie
Am Boden Kinder
Die Frauen drauf
Und oben sie
Die starken Männer:
Freiheit und democracy.

Sie werden gehört haben, daß dies ein Gedicht ist, das nicht hätte geschrieben werden dürfen.
Mit einer Ausnahme haben alle, die ich in Berlin gefragt habe, es auch gehört. Und so klang das:

Herr A (West; er bildet die Ausnahme): Das Gedicht ist tatsächlich besser, als ich es in Erinnerung habe. (Auf die Bitte um weitere Erläuterung erlischt das Gespräch.)
Herr B (West): Das ist natürlich ganz abscheulich, fragen Sie aber mal Herrn C, der kennt sich mit Inge Müller aus.
Herr C: Ist schon gegangen
Frau D (West): Wie ekelhaft, erinnert an diesen peinlichen Feminismus anfangs der siebziger Jahre, aber ob man darüber reden soll?
Frau E (West): So was haben die doch alle geschrieben, erinnert mich an Eich, und schau dir doch bloß den Brecht an.
Herr F (Ost): Vergiß es, da hat einer vom Amt ihr die Pistole in den Rücken gehalten, daß sie das schreibt. (Auf den Hinweis, daß Inge Müller die Gedichte niemandem gezeigt hat, erfolgt eine vage Schulterbewegung mit ironischem Gesicht.)
Frau G (West): Ich würde das nicht erwähnen – wegen der zehn schönen Gedichte, die’s von ihr gibt.
Herr H (Ost): Schon wahr, schon wahr, aber sag’ mal ehrlich: Ich würde über was anderes schreiben, wenn’s ginge.

Sie sehen, ich konnte es nicht vermeiden – vielleicht aus dem Wunsch heraus, daß das Raunen um Inge Müller nun langsam verebben und ihre Texte genau gelesen werden mögen, genau und so kritisch wie nötig.
Der Vorteil der neuen Inge-Müller-Ausgabe ist – das hat B.K. Tragelehn gelobt –, daß es jetzt mehr von Inge Müller zu lesen gibt. Ich möchte es Ihnen überlassen, die 19 Gedichte zu lesen, die neu aufgenommen wurden und unter denen sehr schöne sind. Da ist „Die Brücke“ beispielsweise, aber ich bin keine Lyrik-Vorleserin. Die Tagebuch-Fragmente sind mir ein wenig peinlich, sie sind ganz offensichtlich nicht zur Publikation bestimmt, und so will ich Ihnen Fragmente eines großen Prosa-Projekts vorstellen, an dem Inge Müller über Jahre hinweg immer wieder in unzähligen Anläufen, Varianten, Versuchen gearbeitet hat, die „Jona-Fragmente“.

Birgit Vanderbeke, neue deutsche literatur, Heft 518, März/April 1998

Die Sehnsucht ist nicht volkseigen

– Judith Kuckart liest Inge Müller. –

Mond, Neumond, deine Sichel,
Mäht unsere Zeit wie Gras
Wir stehen aufrecht im Himmel
Auf dünnem Stundenglas.
Der Stern geht seiner Wege,
Wir suchen unseren Weg.
Wenn ich mich niederlege,
Geh über mich hinweg.

Inge Müller, geborene Meyer, geschiedene Lohse, geschiedene Schwenker … der Name sagt es fast im Voraus. Eigentlich wollte sie anonym bleiben. Inge Müller wird 1925 in Berlin geboren und stirbt mit 41 Jahren am 1. Juni 1966, zu einer Zeit, in der sie mit ihrem dritten Ehemann Heiner Müller – nach scharfer Kritik der SED-Kulturfunktionäre – ins gesellschaftliche Abseits geraten ist. Drei Tage nach ihrem Selbstmord wird sie an ihrem Hochzeitstag in Berlin Pankow beerdigt. Heiner Müller sagt, er habe seine Frau nie betrogen. Inge Müller sagt: „Wenn ich mich niederlege, geh über mich hinweg.“ Sie ist noch keine zwanzig, als der Krieg kommt und sie zum Reichsarbeitsdienst in die Steiermark muss. Sie wird Strassenbahnschaffnerin in Graz, dann Stenotypistin bei einem grossen Industrieunternehmen in Berlin, sie wird zur Wehrmacht einberufen und bekommt eine Kurzausbildung als Kraftfahrerin verpasst. Die Eltern sterben bei einem Bombenangriff in Berlin, sie scharrt sie mit den Händen aus den Trümmern hervor, und kurze Zeit später liegt sie selber drei Tage mit einem Hund in einem Keller im Schutt begraben. Als man sie findet und fragt, wie es ihr gehe, antwortet sie nicht. Sie antwortet später in einem Gedicht: „Fragt den Hund, wie“. Sie wird über das Erlebnis nie hinwegkommen. Gleich nach dem Krieg heiratet sie und bekommt einen Sohn. Sie sagt: „Wir suchen unseren Weg.“ Der Mann, Kurt Lohse, ist ein Jugendfreund, ein ihr vertrauter Mensch. Im Monat ihrer Heirat lernt sie ihren zweiten Mann, Herbert Schwenker, kennen. Er ist der Direktor des Zirkus Busch und Barley. Sie ist zwei Jahre mit dem Zirkus unterwegs – „wir suchen unseren Weg“ – und trennt sich wegen Schwenker von Lohse. Sie fängt an zu schreiben, heiratet Herbert Schwenker und tritt in die SED ein. Sie spielt Akkordeon in einer Tanzkapelle. 1953 lernt sie Heiner Müller kennen, und er sagt über den ersten langen Blick zwischen ihnen: „Sie hat mit sehr gefallen. Sie hatte eine grüne Bluse an, der oberste Knopf war offen, das hat mich sehr beschäftigt. Da musste ich immer wieder hinschauen. Sie war sehr hübsch.“ Heiner Müller zieht bei den Schwenkers mit ein. Eine Menage à trois beginnt. Inge Schwenker und Heiner Müller fangen an zusammenzuarbeiten. Sie wird in den Schriftstellerverband der DDR aufgenommen, schreibt unter anderem das Hörspiel „Die Weiberbrigade“ und zusammen mit Heiner Müller die Stücke „Der Lohndrücker“ und „Die Korrektur“. Sie haben 1955 geheiratet. Sie sagt: „Der Stern geht seiner Wege, / Wir suchen unseren Weg.“ Was das eigentlich ist zwischen einem Mann und einer Frau, weiss niemand, und keiner weiss, warum es weniger wird, was da einmal war, und schliesslich endet. Sie arbeiten zusammen, Heiner und Inge, jetzt Inge Müller, aber geht das Konzept von Liebe und Arbeit nicht auf? Weil in jeder Utopie auch das Verhängnis steckt? Weil die Liebe vor der Arbeit kapitulieren muss? Oder bei der Arbeit einfach einschläft? Oder einer einschläft? Sie? Er? Oder beide dann, ohne Liebe, nebeneinander einschlafen? Oder weil man immer etwas Drittes braucht, um weiter in der Liebe wohnen zu können. Die Arbeit, die Partei, die gemeinsamen proletarischen Wurzeln, ein gemeinsames Kind, einen anderen Mann. Eine andere Frau? Eines Tages taucht Wolfgang Müller, der jüngere Bruder von Heiner Müller, auf. Er bleibt. Wegen der Schwägerin. Wieder gibt es eine Menage à trois. Die Familie ist entsetzt, dass die Inge den dummen Jungen so verliebt gemacht hat. Wolfgang ist fünfzehn, sie ist fast zwanzig Jahre älter. Sie sagt: „Wir stehen aufrecht im Himmel, auf dünnem Stundenglas.“ Inge Müller beginnt Gedichte zu schreiben, die sie Heiner Müller nicht mehr zeigt. Ihre Kriegserlebnisse kann sie nicht verdrängen. Deshalb geht es ihr so schlecht, sagt Heiner Müller. Aber es geht ihr nicht nur deshalb so schlecht. Die DDR, an die sie geglaubt hat, zeigt ihr graues Gesicht. Inge Müllers Alltag als Ehefrau, Mutter und ihr Wunsch zu schreiben lassen sich trotz der preussischen Disziplin, zu der sie erzogen wurde, nicht geglückt miteinander vereinen. VEB (Volkseigener Betrieb) Sehnsucht, gibt es das? Inge Müllers Welt bleibt nach dem Zweiten Weltkrieg eine gebrochene, auch wenn der Sozialismus ein Heilsversprechen ist in jenen Jahren der Aufbruchs. Bis 1959, bis zum zehnten Jahrestag der DDR, lebt Inge Müller überzeugt entlang der DDR-Utopie, im Zeichen der Heilserwartung, dass der Kommunismus schon morgen stattfinden soll. Bis 1961 soll der Westen überflügelt werden, bis 1965 soll der Sozialismus erreicht sein – aber da ist Inge Müller in Pankow schon fast tot –, und zwischen 1980 und 2000 soll der Kommunismus installiert werden. Aber die Sehnsucht? VEB Sehnsucht, gibt es das? Inge Müller sagt: „Mond, Neumond, deine Sichel, / Mäht unsere Zeit wie Gras.“ Die Sehnsucht ist der Rest, der bleibt. Denn Sehnsucht ist nicht volkseigen, sondern eigen. Was geschieht, wenn sie sich nicht an das Wort Utopie binden lässt, sondern persönlich bleibt und bedürftig macht? Bei Inge Müller findet die Sehnsucht verschiedene Unterschlupfmöglichkeiten: den Zirkus, den neuen und wieder neuen Mann, das Schreiben und, wenn das nicht geht, das Akkordeon vor dem Bauch. Mit der sozialistischen Idee, an deren Wahrheit Inge Müller glaubt, gerät ihr Empfinden in Widerstreit: dass nämlich Glück und Liebe vielleicht doch ein rein persönliches Ding sind und weder von der Geborgenheit im Kollektiv noch durch verdienstvolle Arbeit am Sozialismus ersetzt werden können. Und irgendwann ist es dann in jeder Nacht in Pankow so dunkel wie unter der Erde. Am 1. Juni 1966 ist Inge Müllers Widerstand gegen die Verschüttung aufgebraucht. Sie sagt: „Wenn ich mich niederlege, geh über mich hinweg.“ Als Heiner Müller in jener Nacht und wie fast immer spät erst nach Hause kommt, liegt sie tot auf dem Balkon. – Inge Müllers Nachlass umfasst 1800 Typoskriptseiten, verteilt auf 90 bis 100 Schreibhefte in DIN-A4-Format und handschriftliche Manuskriptseiten in zumeist desperatem Zustand. Zeugen eines Lebens, das noch nicht lang vorbei ist, aber das es so nie mehr geben wird.

Judith Kuckart, Neue Zürcher Zeitung

Mein Kleid bringt die Post zurück

– Über Inge Müller. –

Meine Mutter wollt mich nicht haben
Sie wollte einen Sohn
Und da kam ich schon
Und mein Bruder war noch nicht begraben.

Deutschland, alte Mutter
Wollte einen Sohn
Und da kamen Kanon −
Immer wieder Kanonen statt Butter.

Fritz und Krupp und Karl der Starke
Geheiligte Nation
Ja wir wissen schon
Das ist unsre Welt Weltmarke.

Und die Welt ging in Scherben
Deutschland eine Scherbe davon
Die Scherbe der Nation
Favorit beim großen Sterben.

Unsre Denker und Dichter
Mußten immer gehn
Die Mutter blieb am Grabstein stehn
In Nürnberg am Trichter.

Meine Mutter wollt mich nicht haben
Ich wollte die Mutter nicht
Drum hab ich kein Gesicht
Bis sie mich begraben.

Geschichte als Summe von Biographien, als Kette von persönlichen Geschichten. In den Biographien stecken Fakten. Sie fangen vor dem eigenen Leben an und laufen hinter seinem Ende weiter. Deutsche Biographien schleppen daran, daß Begriffe wie „Nation“ und „Weltmarke“ so lange aufgeblasen wurden, bis sie zerplatzten.
Dieses Gedicht nimmt Geschichte als persönliche Last an sich. Erlebte Tatsachen, Inge Müller trägt sie und wird an ihnen lebensmüde. Sie ist eine, die in die Geschichte hineingenarrt und von ihr beschädigt wurde. Hier findet sie statt, die Gleichsetzung von eigener Biographie und Land, Volk, Staat, Regime. In dieser anklagenden Trauer macht der Schmerz den Reim: Sohn und schon. In diesem Reim gelangen die soldatischen Söhne auf die Ebene der Konjunktion. Aber hier rebelliert auch eine Frau, die als halbes Kind, ungefragt in die Blutspur der Söhne getrieben wurde. Als halbes Kind in die Reihe befohlen, in die Kolonne gesperrt, in die Uniform gesteckt. Inge Müller lief in dem Tuch, das Gesichter löscht und Befehlen gehorcht. Die Kleidung des laufenden Geschehens hieß Krieg und Tod. Und alle Jahre blieb dieses Geschehen im Kopf hängen. Inge Müller zog sich nach 1945 diese Kleider selber an, weil das Kriegstrauma sie quälte. Es wurden für sie Kleider der eigenen Schuld:

33 war ich ein gläubiges Kind
Meine Eltern warn gut und fleißig
Erwachsen wurde ich 39
Als der Krieg anfing.

Gehört hatte ich jenes und dieses
Gegen Hitler und dann für Stalin
Sah: der tat was und er ließ es
Als es ging auf ihn.

Meine erste Liebe war als der Krieg anfing
Und da ging er in den Krieg
Ich weinte und war ein dummes Ding
Im Verhältnis zur Nation sehr gering.

Bevor er fiel kam er zu mir
Ganz zerrissen vom Morden
Ich wußte nichts beßres als: bleib doch hier
Glücklich sind wir nicht geworden.

45 war jeder ein Greis
Ich wollte nicht leben und nicht sterben
Ich sah das Erbe ohne Erben
Und der Einsatz war der Preis.

Weil ich gehen mußte ging ich
Suchte Grund
Und ich dachte an die Bäume im Park
Und an seinen zärtlichen Mund.

Bomben und Kanonen
Lehrten mich Geduld
Und die Blutenden schonen
Und nachdenken: was ist Schuld.

Dies Gedicht hört sich an wie eine gesprochene Biographie. Ein Leben, schnell aufgesagt, in kürzester Form. Eine Autobiographie, aber nicht von außen bestellt, sondern vom zwingenden Gedächtnis. Sie grenzt ein Leben ein in den Tatsachen von 33 und 39. Zwei Jahreszahlen fädeln das Leben ein. Vor solch herrischen Zahlen bleibt im Tun nicht viel Eigenes. Es geht um das Wir. Das Ich bleibt „im Verhältnis zur Nation gering.“ In der verordneten Gleichheit des Denkens werden Tausende Biographien gleich. Das Wir dirigiert. Einzeln bleibt nur das Schuld gefühl. Die Eltern sind „gut und fleißig“, alltäglich. Sie „leben weiter“ gegen den Sinn von Ruth Klügers „weiter leben“. Sie leben mit und in der Zeit des staatlich getätigten Verbrechens. In der Zeit des Verbrechens weiter leben heißt 1933 und 1939 unpolitisch leben. Heißt demnach schon, politisch mittragen an Hitlers Wahn.

Die Männer der Jugendliebe sind Soldaten in dieser Zeit. Auch die mit dem „zärtlichen Mund“ sind „ganz zerrissen vom Morden.“ Manche von ihnen Deserteure im Kopf, die nie desertieren. Die Mädchenstirn geht mit der Liebe zwischen beiden Schläfen dem Mann nach, in den Krieg. Der Glaube fehlt, oder er ist nicht größer als der Zweifel. Aber wer fragt schon danach. Im Frühjahr 1945 wird Inge Müller kaum zwanzig als Luftwaffenhelferin zur Wehrmacht eingezogen. Der Angriff der Alliierten macht Berlin zur Hölle, bevor Hitler endgültig besiegt ist.

EINBERUFUNG

12-Zeilen-Befehl, Stakkato in Phrasen
Ein Stempel: Mädchen, du bist Soldat
Weg mit den Locken, den Kleidern – den Rasen
Ob grün oder weiß, zahlt der Staat.

Ein Vierzeiler, so kaltschnäuzig und unwiderruflich wie der Einberufungsbefehl.
Aber zwischen den beiden letzten Zeilen steht die Konsequenz, die das amtliche Papier verschweigt: der Tod für „Volk und Führer“. Zynisch nennt die Autorin den Tod: Rasen ob grün oder weiß. Sommer- oder Wintergras, als Wiese getarntes, in die Welt gestreutes Grabstück.

FEUERPROBE

Führerbefehl: Die deutsche Frau raucht nicht
(Die Rote Armee stand vor Danzig.)
In der Zeitung stand: weibliche Ehrenpflicht
Einberufen, Jahrgang fünfundzwanzig.

Der Propagandaminister spie
Sechzehn Zeilen den Mädchen zum Lobe.
Vor Berlin im Rauch einer Flakbatterie
Fielen bei der Feuerprobe:

Hanna Preuß, 20, Soldatenfrau.
Sie hatte ihren Soldaten vier Wochen.
Dem Stahlhelm, vorm Altar in Feldgrau
Hat sie Treue bis zum Tod versprochen.

Elvira, Geschützwart, einziges Kind
Des Kohlengroßhändlers Krause
Achtzehn schrieb sie, als sie heimlich zur Musterung ging
Siebzehn Jahre steht auf dem Denkstein zu Hause.

Anna Simon, die vorm Sterben schrie:
Wer hat uns verraten?
Ich wollte keine Flakbatterie
Ich wollt nicht unter die Soldaten.

Vier tote Mädchen, eins ohne Gesicht
Legten die Soldaten dazu.
Und einer nahm als Erinnrung mit
Den blutigen Frauenschuh.

In den Zeilen die Sachlichkeit eines Protokolls. Die Strophen rufen Namen zum Appell. Ein Appell der Toten, als ginge es im Halbkreis darum, jeder Aufgerufenen den Sargnagel zu zeigen. Namen abzuhaken, weil sie demnächst keine Menschen mehr sind, sondern enge Buchstaben auf Grabgebinden. Die Namenszeile ist Befehlston, die danach kommenden Worte geduckt und still. Die letzte Strophe steigt aus dem Appell aus. Sie blickt von außen auf das Geschehen.
Es schüttelt einen, daß Ruth Klügers hinzugelogenes Jahr auf der Seite der Opfer (sag, daß du fünfzehn bist) auf der Seite der Täter auch auftritt. Das Mädchen Elvira, Geschützwart, lügt sich ein Jahr dazu. Nicht um herauszukommen, sondern um hineingelassen zu werden in den Krieg. „Achtzehn schrieb sie, als sie heimlich Zur Musterung ging / Siebzehn Jahre steht auf dem Denkstein zu Hause.“
Die Sicht der Kriegsgedichte von Inge Müller gleicht der von Theodor Kramer aus dem ersten Weltkrieg. Aber nur die Sicht. Der Ton, bei Inge Müller ist er ganz anders: starr und kalt. Der Reim besteht auf der Winzigkeit gleich neben dem Großen. Diese Winzigkeit öffnet beim Lesen das große Unglück. Inge Müller läßt die Gedanken springen in ungeschützte Sinnlichkeit. Diese begreift abrupter und schneller als der Verstand. Ihre Sinnlichkeit gibt sich naiv, ist aber das Gegenteil von Naivität. So kommt es zu dieser tiefen Erschütterung in den Gedichten, zu dieser hüpfenden Zerbrochenheit. Zu diesem doppelten Ton, phlegmatisch und durchsichtig zart. Der Reim stellt das Klischee her und entblößt es. Er treibt sein Spiel. Er kann sich diese Fopperei erlauben, weil der Blick dieser Gedichte jedes Klischee schon längst von sich gewiesen hat.

BRIEF EINER WEHRMACHTSHELFERIN

Heute bin ich Soldat
Soll alles vergessen und schießen
Gestern saßen wir vor der toten Stadt
Du und ich dir zu Füßen.

Mein Kleid bringt die Post zurück
Ich komme vielleicht nicht wieder
Pflicht und Soldatenglück
Ich hasse Soldatenlieder.

Die Uniform auf mir und ein Gewehr
Eine Gasmaske und zwei Decken
Ich seh mich im Spiegel nicht mehr
Vorm Tod kann man sich nicht verstecken.

Jetzt weiß ich mehr von dir
Weiß wie uns die Männer verlassen
Blind vom Sieg oder blind vom Bier
Tod unterm Befehl: Hassen.

Ich lerne wie du im Gleichschritt gehn
Kann man Hassen lernen?
Soldaten sah ich an Laternen stehn
Soldaten hingen an den Laternen.

Die Laterne als Ort des Wiedersehns, das Lied der Lili Marleen singt sich hier andersherum. Die Soldatenbraut ist nicht zu Hause, sondern im Schuh des Mannes, im Krieg. Hier kann sie nicht mehr warten, den zerbrochen Heimgekehrten nicht mehr als intakte Ikone trösten. Hier zerbricht sie wie er. Der Laternenmast steht hier als das, was er in Zeiten des Tötens im Handumdrehn so oft geworden ist: ein Galgen. „Soldaten sah ich an Laternen stehn / Soldaten hingen an den Laternen.“
Auch da, wo die Soldatenbraut die Schuhe des Mannes nicht trägt, kennt sie sich als Trösterin nicht mehr. Zwischen ihr und dem Heimgekehrten steht die gestohlene, gegen die Liebe gerichtete Zeit. Sie macht fremd. Der Mann ist aus der Liebe entlassen. Er kann nicht wiederkehren, wie er gegangen ist: er hat andere bluten lassen und vielleicht selbst geblutet. Er hat das Terrain des Todes betreten und sich dabei verwandelt.

GEDANKEN EINER SOLDATENBRAUT

Die Blechnummer auf deiner Brust
Drückt bei jedem Kuß
Wie ein Friedhofstein:
Mög ihm die Erde leicht sein.
Wenn die Erde nicht schwer ist
Ists weil sie leer ist
Geh nicht allein
Ich drück mein Herz ein.

Drei Tage lag Inge Müller in den letzten Kriegstagen unter Schutt begraben. Wenig später grub sie ihre Eltern tot aus den Trümmern des zerbombten Elternhauses aus.

LEBENSLAUF

Geboren im Hinterhaus
Vater: der mit vier Zwiebeln verkauft
Für die Mutter, die nähte nachts
Für die fünf Kinder und den Mann
Und weinte, selten, um das eine,
aaaadas aus dem Fenster fiel
Und um das von dem Fräulein nebenan:
Erstickt im Müllkübel.

Mutter: gehobener Mittelstand
Heiratete ins Hinterhaus
Gegen den Vater. Der fand
Später den Mann nicht übel.

Ein Zuhause enges Neubauloch
Die Fenster immer weit offen
Die Tür so allerweltsbunt seh ich noch
Sie war nie einem verschlossen.

Durch die Tür kam auch der Marschbefehl.
Als ich wiederkam nach tausend Jahren
Lag eine andre Tür halb verbrannt
Auf denen die drunter waren.

Das war was die Welt war türlos
Und was Füße hatte lief
Über die Gräber, die waren kreuzlos
Still und bodenlos tief.

Das Wort „Tür“, für Inge Müller bedeutet dies Wort: Leben. Eine türlose Welt ist verwüstet. Da, wo die Tür nicht mehr steht, ist die Erde offen, ein Grab. Tür, das ist eine Grenze, an der man selber beginnt. Die Geschichte zerstörter Türen ist Bild der Geschichte zerstörter Menschen.

NACH DEM BOMBENANGRIFF

Ein schöner Morgen! Kein Baum vorm Haus mehr
Und kein Haus steht mehr unter den Bäumen.

Ein Stilleben, im schlimmsten Sinn des Wortes. Bäume, Häuser – immer zieht Inge Müller die landschaftliche Spiegelung ins menschliche Unglück hinein. In der Inventur der Leere kommen Menschen nicht vor, nicht mehr.

Nur der Himmel ist derselbe.
Frierend zähl ich Wolken ab.
Taubnesseln leg ich, als ich heimgeh
Lachend auf ein fremdes Grab.

So lange sie Tage hatte, lebte Inge Müller mit dem Trauma des Schutts: Mit ihr geht eine über die Erde, die schon mal darunter war. Zum Erzählen fehlt jede Ursache, es geht nichts mehr voran. Das Leben wird von hinten gestoßen. Es reißt sich Worte aus dem Verstand und läßt sie gleich fallen. Nur solange sie zerbrechen, klingen sie. Und nur solange sieht Inge Müller hin:

TRÜMMER 45

Da fand ich mich
Und band mich in ein Tuch;
Ein Knochen für Mama
Ein Knochen für Papa
Einen ins Buch.

Ein Radschlag, eine Schauderumkehrung: Wie Mutter und Vater ihr Kind zum Essen überreden (einen Schluck für Mama, einen Bissen für Papa erbetteln), genauso reicht sich in diesem Gedicht das Kind zerstückelt den Eltern zurück. Ein zerfetzter Mensch ins Tuch gebunden, ein Bündel der Wanderschaft aus dem Leben in den Tod. Es gibt diese Bilder von Zerfetzten. Meine Großmutter hatte eines von ihrem Sohn, von einer Granate zerrissen und mitten auf ein weißes Tuch gelegt. Und das Tuch mitten auf ein kahles Feld. Das Foto war nicht größer als eine Streichholzschachtel. Es war meiner Großmutter als Todesnachricht geschickt worden. Sie trug es, so lange sie lebte, in ihrem Gebetbuch.
Inge Müllers Gedichte vom Eingegrabensein sind fortlaufend numeriert Schutt I, II, III. Eine Dauer, die zerteilt ist; nacheinander heißt es da, den Kopf wieder und wieder in die Todesbilder stecken.

UNTERM SCHUTT I

Unterm Gebell der Eisenrohre schlief ich
Schon im Griff der Erde
Das Kind Moses im Kästchen treibend
Zwischen Schilf und Brandung
Und wachte auf als irgendwo im Herz der Kontinente
Rauch aufstieg aus offenem Meer
Heißer als tausend Sonnen
Kälter als Marmorherz.
Auf sechzehn Füßen ging ich in die Mitte genommen
Den ersten Schritt gegen den Staub.

Und im zweiten Gedicht heißt es:

Mich trägst du nicht, Tod, ich mach mich schwer
Bis sie kommen und graben
Bis sie mich haben
Du gehst leer.

Wo es ums Leben geht, steht bei Inge Müller: „Ich lief und lief“.Und wo es um Tod geht, wird getragen. Angst macht den Körper leicht, Tod macht ihn schwer. Die Zerbrochenheit, die aus diesen Gedichten heraus sieht, agiert in der verkürzten Logik, im Kurzschluß der Sinnlichkeit. Es gibt keinen Ruhepunkt mehr.

DER SCHWARZE WAGEN

Da kommt der schwarze Wagen
Das Pferd, das geht im Schritt
Und wer allein nicht laufen kann
Den nimmt der Wagen mit.

Wie eine Beschwörung hat Inge Müller dieses sehr frühe Gedicht, in der Bedrohung seiner fertigen Wahrheit, jahrelang unverändert zwischen spätere Gedichte und zwischen ihre Tagebuchaufzeichnungen hineingeschrieben. Im Kopf trägt sich das Trauma vom Schutt wie Erde, die da nicht hingehört. Aber unter den Füßen ist keine. Der Faden, an den Inge Müller ihr Leben zu hängen versucht, ist gedreht aus geraubter Menschenwürde und Selbstvorwürfen. Inge Müller nimmt auf sich, was eine ganze Kriegsgeneration nach 1945 wegsteckt. Sie tritt auf der Stelle, in und vor dem neuen Staat DDR, der seinen Nationalsozialismus von gestern schnell an den Westen delegiert und sich als antifaschistisch definiert hat. In dem die Antifaschisten zu Staatsfunktionären werden, zu mechanischen Puppen der neuen Ideologie. Diese tönt bruchlos in die Zukunft. Der Laufschritt in den Fortschritt ist angesagt. Inge Müller steht herum, mahnt und stört. Sie ist hängen geblieben an sich selbst von damals, im Krieg.
Von außen gesehen ist die Schuld der Inge Müller nicht real. Sie wurde als letztes Aufgebot des Krieges aufgestellt, als Kanonenfutter. Sie gehörte zu Hitlers Kindern mit dem Himmelsschlüssel am Hals. Der Krieg war längst entschieden und Gott sei dank entschieden verloren. Nur potentiell hätte sich Inge Müller schuldig machen können. Ihre sinnliche Moral kommt aber ohne diese Hypothese nicht aus. Sie bezieht sich nicht nur auf das eigene Tun, sondern auf das verbrecherische Ganze. Und sie schlägt sich herum mit der Frage, wie es gewesen wäre, mit ihr, wenn sie ein paar Jahre früher geboren und in den Krieg befohlen worden wäre. Wie weit und gegen wen hätte sie in der Wehrmachtsuniform gehen können. Dabei wurde Inge Müller der „Wehrdienstzersetzung“ beschuldigt, weil sie das „Eiserne Kreuz“ zur Belohnung für Sanitätsdienste nicht annahm. Es sei schlichtweg selbstverständlich, Verwundeten zu helfen, sagte sie störrisch.
Für Inge Müller war persönliche Moral kleinste Geste. Bei ihr wird von innen gemessen. Das Ich wird von dem Punkt, wo es sich vor sich selber fürchten muß, keinen Millimeter weggeführt.
Denken wir an Theodor Kramer und Ruth Klüger, und wir müssen an sie denken, dann steht Inge Müller wahrlich auf der anderen Seite in einer Wehrmachtsuniform. Und mit einem Ziel, das für Theodor Kramer und Ruth Klüger den Tod bedeutet. Und sehen wir uns Theodor Kramer, Ruth Klüger und Inge Müller als einzelne Menschen an, und das müssen wir tun, sie ansehen durch das, was sie geschrieben haben, dann merken wir: Diktaturen können auch die größte Ähnlichkeit von Menschen gegeneinander hetzen. In allem, was von ihnen selber ausgegangen ist, bewegen sich Kramer, Klüger, Inge Müller zueinander. Sie sind so gleich in ihrer psychischen Struktur, und auf verdammt unwiderrufliche Weise ungleich an Schuld. Und auf die gleiche Weise ins Äußerste getrieben worden. Hätte ein angstloser Täter nicht die Falle gebaut, hätten unzählige ängstliche Täter und Mitläufer die Falle nicht bedient, wäre keiner der drei Autoren zerbrochen.
Ich kann nicht anders beim Lesen, ich setze alle drei an einen Tisch. Aber so ein Tisch kann nicht stehen. Alle schweigen, nur der „Gebrauch des Menschen“ (Alexander Tisma) spricht an diesem Tisch.

LIEBE NACH AUSCHWITZ

Das war Liebe
Als ich zu dir kam
Weil ich mußte
Das war Liebe als ich von dir ging
Weil ich wußte.
Die alte Scham ist falsche Scham.

Da half kein Gott und kein Danebenstehn

Und ich ging. Und da war nichts getan
Ich sah mich und dich
Und sah die andern an
Und es reichte noch nicht

Da half kein Auseinandergehn.

Inge Müllers Liebesgedichte sind dem Tod so nahe wie dem Leben. Liebe steht nicht außerhalb der Zeiten und Taten. Gerade sie ist, wie nichts sonst auf der Welt, darauf angewiesen, alles mitzuzählen, was der Verstand ahnt und weiß. „Wer den Verstand nicht verlieren will, hat deshalb recht, weil der Verstand als die menschliche Eigenschaft schlechthin uns so lieb sein muß wie die Liebe,“ sagt Ruth Klüger. Die Gedichte der Inge Müller beglaubigen diesen Satz. Die Zeiten von 1933 bis zu Inge Müllers selbstgewähltem Tod 1966 sind fortgesetzte Zerstörung.

Einmal kommt
Von uns gesandt
Der vorgeahnte
Mensch.
Protzt, ihr
Die ihr uns
Ins Straßenpflaster stampft.

Ein DDR-Gedicht. Aus dem Nationalsozialismus trat dieser neue Staat in den Stalinismus. Die Antifaschisten von damals wurden zu herrischen, unantastbaren Staatsfunktionären. Sie höhlten den Antifaschismus aus zur Ideologie. Die Wahrheit wurde manipuliert, bis sie paßte, oder sie wurde verschwiegen. Repression war das Mittel der Politik. Als Stalin 1953 tot war, zog sein Atem noch lange umher. Ulbricht brauchte diesen Atem. Honecker übernahm ihn. Deshalb liest man, wenn Inge Müller ein Gedicht über ein Leben im Jahr 1933 schreibt, die fünfziger Jahre mit.

Im Jahre 33 auf der Straße
Hat Schlosserkarl sein Abitur gemacht
Das hat ihm die Narbe auf der Stirn
Und zwei Jahre Zuchthaus gebracht.
[…]
Aber in den Kellern in den Nächten
Hat Schlosserkarl weiter studiert
Mit denen die tags in Fabriken und Schächten
Geschunden wurden und nachts abgeführt.

Freunde I

Einer war wie ein Licht so dünn
Und er brannte wie ein großes Feuer
Ein Tag kam ein neuer
Das Licht machten sie hin.
Er hatte keine Orden
Nur Blut am Kinn.

Geschichte war und blieb für Inge Müller Menschenverachtung in historischer Größe. Wo das Wort Freunde auftaucht in den Gedichten, ist die Nähe durchschnitten vom Alleinsein. Absolutes Alleinsein, unbeweglich, Leere im Gleichmaß, innen stumm und außen schal. Und kein Finger rührt sich, um dies zu ändern. Im „Arbeiter- und Bauernstaat“ ist die Utopie des Sozialismus schnell verifiziert. Sie hat sich den Leichenfeldern Stalins genähert, ohne zu erschrecken, ist wie die Utopie des Nationalsozialismus ins Verbrechen gelaufen. Die Zeit der fünfziger Jahre ist bereits eine nach dem Hoffen.

Max

Er war viel betrunken
Es tat ihm nicht weh
Er schonte die Unken
Am See

Ihrer Goldaugen wegen
Er war so. Dagegen
Als er ein Junge war
Blies er auch Frösche auf
Und zahlte drauf
Bis er sich fand
Am See im Sand
Und sagte: mit dem nehm ichs auf.

Freunde, die es nicht mehr gibt, geistern als Initialen durchs Gedicht. Eine Behutsamkeit zieht sie zu sich, eine Scheu vor der Preisgabe des Namens, ein Geheimnis, in dem die Liebe noch Platz hat:

Für H. E.

Grau ist der Himmel vorm Morgen
Der zu frühe Star singt im Schnee
Eh die Sonne ganz oben steht.
(Der Tod tut dem Sänger weh.)

Und in dem Gedicht „Für E. A.“ heißt es:

Einer von allen. Ich vermiß dich sehr.
Und denk an Hannes Blender.

Ein ganzer Name, mit all seinen Buchstaben, ganz ans Gedichtende darf er sich anlehnen. Uns wird nicht gesagt, was diese beiden Namen zusammenbringt. Aus der Parole: Einer für alle wird in diesem Gedicht: „Einer von allen“. Hier nämlich zählt dieser eine. Der Schmerz schreit nach ihm, nach jedem.
Die fünfziger Jahre hat Inge Müller als Erwachsene erlebt. Nach dem ersten Zerbrechen am Zweiten Krieg hat sie zugesehn, wie Menschen wieder nichts zählen. Das Wir regierte gegen das Ich. Für den Einzelnen wurde Schuld erfunden und verteilt. Der kleine Verdacht entstand aus dem Nichts und reichte aus, um erpreßt zu werden. Denunziation war wieder zur Tugend geworden. Für Inge Müller kam das weiter leben in der Zeit nicht in Frage. Dafür war es von Anfang an zu spät: der Nerv lag offen. Sie hatte diese erste Verführung in der Wehrmachtsuniform nicht vergessen. Sie war alt im Zweifeln, zur Mitläuferin hat sie nicht mehr getaugt.
Die meisten ihrer Gedichte hielt Inge Müller zeit ihres Lebens geheim. Sie blieben ein Sprechen zurück in den eigenen Mund, ein stilles Arrangement mit dem Schmerz. Die Bergung ihrer vom Irrwitz der Geschichte zertretenen Lebenszeit ist gleichzeitig der Versuch, gerade zu stehen im Auf und Ab aggressiver Erinnerung. Beschwörend im Wort zieht Inge Müller an einem Ende des Fadens. Am anderen Ende zieht jedoch der „schwarze Wagen“, die akute Lebensmüdigkeit. Wenn man das weiß, erübrigt es sich festzustellen, daß diese Gedichte auf Intimität bestehen.
Als Co-Autorin steht Inge Müller bei den frühen Stücken von Heiner Müller. Dreizehn Jahre, bis zu ihrem Suizid, war sie seine Frau. Wie hat sie, die Zerbrochene, die Geschichte nur als persönliches Unglück erfahren, wie hat sie in ihr Leben hineingelassen den Mann, der Geschichte als Material bezeichnet? Der sich vom Unglück der Geschichte nicht berühren, sondern an ihr nur informieren lassen will. Der ethische Positionen für innere Behinderung hält beim Vorgang des Schreibens, statt über die äußere Behinderung durch Ideologie und ihre Zensur zu klagen.
Erst 1985, fast zehn Jahre nach Inge Müllers Tod, erschien der einzige Gedichtband Wenn ich schon sterben muß im Aufbau-Verlag. Ein Jahr später bei Luchterhand. Als 1962 unter der Leitung von Stephan Hermlin in der Akademie der Künste die Lyriklesungen stattfanden, wurde Inge Müller nicht erwähnt. Auch in der anschließenden Debatte über „die Rolle der Lyrik in der sozialistischen Gesellschaft“ kam sie nicht vor. Und es ist denkbar, daß Inge Müller auch an diesen Lyriktagen, wie an vielen anderen, sich ins Zimmer einschloß und Akkordeon spielte bis zur körperlichen Erschöpfung. Sie versuchte, durchs Lied ihr Leben buchstäblich aufzulösen. Und hinter jedem Tastengriff lauerte der Gedanke, sich die Pulsadern zu öffnen. Inge Müller tat es öfter und kam davon.
Heiner Müller hat dem Buch Wenn ich schon sterben muß eine halbe Seite verlegener Worte als Einleitung mit auf dem Weg gegeben: „Ich habe die Gedichte, die in diesem Band abgedruckt sind, mehr als einmal gelesen; manche waren mir fremd, einige ärgerlich, verstanden habe ich viele erst nach dem freiwilligen Tod der Frau, die sie geschrieben hat in dreizehn Jahren neben mir.“ Ihre Mitarbeit an den frühen Stücken (Der Lohndrücker, Die Umsiedlerin) hat er später bestritten. In diesem Zusammenleben ahnt man es noch einmal, was Ruth Klüger über ihre Beziehungen zu anderen sagt: das schwerste Gepäck bleibt dem nahesten Menschen verborgen.
„Eine nervös-diszipliniert agierende Sensibilität höchster Alarmiertheit“, schreibt Adolf Endler, sei aus der Stigmatisierung der Inge Müller hervorgegangen, und prägte ihren ungewöhnlichen Stil, „eine Poesie knapp vor dem Absturz.“ Von der Kritik wird den Gedichten der Inge Müller eine Sprache, „die die Nerven anspricht“ bescheinigt, „ein Verismus ohne Metaphern“, eine „fürchterliche Schlichtheit“. Zwischen 1945 und dem Todesjahr 1966 hat Inge Müller knappe 100 Texte geschrieben. Die wenigen, die an die Öffentlichkeit kamen, wurden in der DDR als „subjektivistisch“ abqualifiziert. In den DDR-Lyrikanthologien Sonnenpferde und Astronauten und Bekanntschaft mit uns selbst ist kein Gedicht von Inge Müller aufgenommen. In der repräsentativen Literaturgeschichte der DDR (2. Auflage 1977) kommt sie nicht vor, obwohl vereinzelte Gedichte seit den 60er Jahren in Anthologien und Almanachen standen. „Was nicht paßt, wird entfernt / Was entfernt wird, paßt / Ich bitte mich zu entfernen“, schreibt Inge Müller.

Die Nacht sie hat Pantoffel an
Aus Tierhaut und aus Gold
Im Stiefelschritt marschiert der Tag
Der unsre Nacht einholt.

Wenn morgen früh im Dämmerlicht
Der Star vom Dachrand schreit
Bleibt dein Gedicht und mein Gedicht
Wir und die Nacht sind weit.

Am 1. Juni 1966 hat sich Inge Müller nach mehreren Suizidversuchen und Internierungen in der Psychiatrie mit Schlaftabletten das Leben genommen.

Mond Neumond deine Sichel
Mäht unsre Zeit wie Gras
Wir stehn aufrecht im Himmel
Auf dünnem Stundenglas.
Der Stern geht seine Wege
Wir suchen unsern Weg
Wenn ich mich niederlege
Geh über mich hinweg.

Herta Müller, aus Herta Müller: In der Falle, Wallstein Verlag, 1996

 

Fakten und Vermutungen zur Autorin

 

Heiner Müller spricht u.a. über seine Frau Inge Müller und liest sein Gedicht „gestern an einem sonnigen nachmittag“.

Share on Facebook0Email this to someoneShare on Google+0Tweet about this on TwitterPin on Pinterest0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.