István Kemény: Nützliche Ruinen

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von István Kemény: Nützliche Ruinen

Kemeny-Nützliche Ruinen

AUFBRUCH AUS DEM KOORDINATENSYSTEM

Wie die Seele aus dem Körper, flog eines Tages
Punkt Null aus mir heraus, glitt schwebend dahin,
verließ mich, um die Welt zu sehen.
Die Welt, die eine Mitte will
König oder Garnichts oder König und schleppte
das System mit sich: alle drei Achsen,
um sie woanders wieder aufzurichten
und dort zu werden, wovon
eins genügt:; der Ursprungspunkt ist mir entschwebt,
doch blieb in meiner Nähe, dort schwebt er nun.
In mir war er das Unfassbare, das ich jetzt
fassen muss, wie soll ich sonst bestehen.
Jener Punkt ist nicht identisch mit der Seele,
die Seele ist hier drin geblieben,
wie am Kabinenfenster eines Fliegers, den Blick gesenkt
spürt sie den Nullpunkt, und fragt sich noch: wozu?

Übertragen von Monika Rinck und Orsolya Kalász

 

 

 

Bisher war dem deutschsprachigen Publikum

das Werk des ungarischen Lyrikers István Kemény durch versprengte Veröffentlichungen lediglich fragmentarisch zugänglich. Mit Nützliche Ruinen liegt nun erstmals ein größeres Konvolut vor, durchgehend zweisprachig und in ausgezeichneten Übertragungen von Orsolya Kalász, Monika Rinck, Gerhard Falkner und Steffen Popp. Höchste Zeit, gehört István Kemény doch seit den 1980er Jahren zum festen Bestand der ungarischen Literatur; sein literarisches Werk umfasst neben Lyrik auch Essays und Drehbücher und ist mittlerweile ein Bezugspunkt nachfolgender Generationen.

Gutleut Verlag, Ankündigung

 

István Kemény: Nützliche Ruinen

Es liegt sicher nicht nur an der besonderen Aufmachung, die klug und überlegt ist und sehr viel besser zu Titel und Inhalt passt als man es von den meisten Gedichtbänden gewohnt ist, dass mir gerade Nützliche Ruinen von István Kemény so ans Herz gewachsen ist.
Kemény ist, nach dem Urteil des Literaturwissenschaftlers und Übersetzers Guillaume Métayer, ein „Bewahrer des europäischen Geistes, nicht allein vor den Verheerungen der kommunistischen Diktatur, sondern […] auch vor dem nicht minder zerstörerischen Diktat des freien Marktes.“ (Zitiert nach: Berliner Künstlerprogramm 2010). 1961 in Budapest geboren, war er bereits während seines Studiums der Ungarischen Literatur, Sprachwissenschaft und Geschichte eine Schlüsselfigur der ungarischen Literaturszene.
Keménys erfahrungsgesättigte Gedichte zeugen von einem profunden Wissen, dennoch sind sie einfach und elementar, wie „Milch, Brot / Milch, Brot“ („Traurig“). „Kemény ist einer der Besten seiner Generation. Ich lese ihn seit seinem Debüt und schätze seine feine und enigmatische Kunst sehr“, lobte Péter Esterházy.
Einer von Keménys zahlreichen Gedichtbänden (in Ungarn erschien zu seinem 50. Geburtstag eine Gesamtausgabe seiner Werke) trägt den Titel Elöbeszéd, was übersetzt soviel wie „gesprochene Sprache“ bedeutet; ich erwähne das, weil mir dieser Titel exemplarisch erscheint für die Art und Weise, wie Keménys Gedichte arbeiten und funktionieren; sie sind ein Gespräch, mit dem Leser, mit der Zeit, mit der Geschichte, mit den Dingen, die uns umgeben.
Schlechte oder mittelmäßige Gedichte zeichnen sich unter anderem dadurch aus, dass der Dichter das erste Bild, die erste Metapher, die ihm in den Sinn kommt, akzeptiert. Manchmal ist das die richtige Wahl, viel häufiger jedoch steht das ,richtige‘ Bild am Ende einer langen Suche. Jenes des Plastiks im ersten Gedicht des Bands ist ebenso brilliant wie genial einfach. „[N]iemand [hatte es] nie erfunden […]. Aus Rache ist es nie verschwunden, / es grinste uns nur aus Dornensträuchern an, / und nahmen wir es in der Dämmerung als Totenschädel, / brachte es Schande über den Tod.“
Ruinen künden von der Vergangenheit, aber auch davon, dass sie die Vergangenheit überdauern, so wie das Plastik im Gesträuch. – „Nützliche“ Ruinen sind das, was Hilde Domin das „Dennoch“ genannt hat. Kemény ist ein Sisyphos, der dem Unmöglichen, dem Vergänglichen, den Ruinen sein Dennoch entgegensetzt: „es gibt keine überflüssigen Leuchten“, heißt es im titelgebenden Gedicht.
Kemény erzählt auch davon, was die Vergangenheit in einem Menschenleben anrichten kann:

Wenn man die Vergangenheit nicht ordentlich erzieht,
wird sie rachsüchtig ab ihrer Pubertät
[…]

Solche Verse kann ich nur in ganz kleinen Dosen genießen. Sie wollen verarbeitet werden – nicht verstanden, sondern begriffen. Es sind Verse, die im Leser weiterleben, verwurzeln, sich entfalten.
Monika Rinck schreibt in ihrem lesenswerten Essay zu Keménys Gedichtband:

So werden Übergänge deutlich, zwischen Verinnerlichung und Entäußerung, und die Tatsache, dass sich das eine kaum je von dem anderen trennen lässt. Wahrscheinlich passiert eben beides. Es passiert, wenn ich gegenüber einer Ruine ins Sinnieren komme oder – und darauf soll es uns jetzt vor allem ankommen – wenn ein gelungenes Gedicht in seiner Fremdheit und gleichzeitigen Nähe es mir ermöglicht, mich selbst am Übergang von innen und von außen zu sehen. Die Gedichte von István Kemény weisen uns auf diese Stelle.

Selbsterkenntnis also, eine Perspektive auf sich selbst, die nicht ohne weiteres (sprich: nicht ohne diese Art von Gedichten) möglich ist. Für mich sind diese Gedichte noch mehr als das. Jedes von ihnen ist ein Gebet, jedes scheint mich zu kennen und zu sehen und eigens dafür gemacht zu sein, meine Traurigkeit zu teilen, sie für Momente in Glück zu verwandeln, weil all das in Worte gefasst ist (eine Form gefunden hat), wofür mir der Ausdruck fehlt.
Es ist eine Situation wie in Keménys Gedicht „Er ist Informatiker, sie – keine Ahnung“, als der Mann, der das junge Paar beobachtet, die Bitte äußert:

Entschuldigung! Könnt ihr mir mal für zwei Minuten
das Nichts abnehmen, bis ich mich hier im Hauseingang
ausgeweint habe? Gar kein Risiko dabei,
hier gibt’s keinen anderen Ausgang, ich bin gleich zurück und
nehm’s euch wieder ab!
Es kostet euch nicht mehr Mühe –
als jemandem zu helfen, sein Auto anzuschieben!

Ohne dass ich ihn hätte darum bitten müssen, hat Kemény mir diese Gedichte geschenkt und damit diese kleine Pause. Ich weiß nicht, ob es ihn nicht mehr Mühe gekostet hat, als ein Auto anzuschieben, einen Motor in Gang gesetzt hat es auf jeden Fall.
(…)

Elke Engelhardt, satt.org, 14.4.2013

 

István Kemény

„Hide and Seek“ („Verstecken spielen“) nennt István Kemény eines seiner Gedichte. Die 2004 in Budapest erschienene Anthologie moderner ungarischer Literatur Hide and Seek startet nicht nur mit Keménys Gedicht, sondern nutzt den von ihm gewählten Titel gleichzeitig für sich selbst. Györgyi Horváth, der gemeinsam mit Anna Benedek die Anthologie zusammenstellte, erklärt:

Diese Begriffe kennzeichnen… das soziale, politische und kulturelle Klima jener Jahre, in denen die literarischen Karrieren der in den 60ern geborenen Dichter begannen.

István Kemény wurde 1961 in der ungarischen Hauptstadt Budapest, also hinter dem sogenannten Eisernen Vorhang, geboren. Er gehörte damit zu jener Generation, der vieles verboten – verborgen und deshalb umso sehnlicher gesucht – blieb. Vor allem die sinnliche und körperliche Erfahrung westlicher Kulturen. Diese Generation ersetzte die ihnen vorenthaltene Praxis durch einen grenzenlosen Gedankenaustausch. Sie sozialisierte sich notgedrungen in Eigeninitiative.
István Kemény begann Ungarische Literatur, Sprachwissenschaften und Geschichte zu studieren, „eine Kombination, die sich für sein Werk als äußerst fruchtbar erweisen sollte“, wie Horváth schreibt. Mit dreiundzwanzig Jahren veröffentlichte Kemény seinen ersten Gedichtband Wendeltreppe zur vergessenen Fakultät. Seitdem erschienen sechs weitere Gedichtbände mit solch sprechenden Titeln wie Spiel mit Gift und Gegengift, Themen aus einem Rokoko-Film, Chor der Kobolde, Das stumme H, Etwas über das Blut, Kalt und Gesprochene Sprache. Zudem veröffentlichte István Kemény Essays, Kurzgeschichten und Drehbücher, darunter Das Kafka-Paradigma gemeinsam mit dem Autor István Vörös, und das Drama A félszent. Tragédia három felvonásban zusammen mit Attila Bartis. Regelmäßig schreibt Kemény Beiträge für die wichtigsten ungarischen Literatur- und Kulturzeitschriften. 1989 erschien sein erster experimenteller Roman Die Kunst des Feindes und im vorigen Jahr ein zweiter, Geliebtes Unbekanntes. Ausgezeichnet wurde István Kemény unter anderem mit dem bedeutendsten Literaturpreis Ungarns, dem József Attila-díj (József-Attila-Preis).
Trotz der bedeutenden Rolle, die István Kemény innerhalb seiner Generation und darüber hinaus in der ungarischen Literatur spielt, erschien auf Deutsch bislang außer vereinzelten Gedichten in Zeitschriften und einer Anthologie nur ein einziger eigener Band, Nützliche Ruinen (Célszerű romok, 2007). Er enthält dreiundzwanzig Gedichte auf Deutsch und Ungarisch, ausgewählt von Orsolya Kalász und Monika Rinck, beide besorgten gemeinsam mit Gerhard Falkner und Steffen Popp auch die Übersetzungen.
Die Wörter „nützlich“ und „Ruinen“ scheinen sich von der Logik der Dinge her auszuschließen. Nicht so bei István Kemény. Denn es geht in seinem Gedichtband (wie in Keménys Dichtung überhaupt) um das Einerseits und Andererseits, eine Herausforderung stets von zwei Seiten her. Aber auch um die unendliche, vom Menschen zu bewältigende Entfernung zwischen den extremen Polen Geburt und Sterben. Es geht, anders gesagt, um die Unauflösbarkeit jeder grundsätzlichen Dualität – einer unheimlichen, die der französische Autor und Literaturtheoretiker Maurice Blanchot bereits als Kind so urplötzlich und überwältigend erfuhr, dass er Zeit seines Schreibens diesen Moment sich selbst wahrnehmender Erkenntnis zu fassen suchte. Wie in einem Spiegel, so Blanchot, sieht sich der Mensch im Denken. Und was sieht er? Seine eigene, einzigartige Anwesenheit inmitten einer großen Leere. Er kann durch sein Denken zwar begreifen, dass er sterblich ist. Aber er wird den Tod nie erfahren, er bleibt also in einem wesentlichen Teil von der Welt und damit von sich selbst ausgeschlossen.

Sämtliches scheint nur in einem unauflösbaren Widerspruch zu existieren, selbst die profansten Dinge noch. Wie das simple Ding Plastik, dem István Kemény sein Eingangsgedicht im Band Nützliche Ruinen widmete. Hässlich, verachtet, ordinär – und doch überall zu finden, „obwohl es niemand erfunden“, also gerufen hatte.
Nach Gründen für all das Monströse und mithin Ruinöse fragen aber nicht die Dinge, ausschließlich der Mensch ergründet das hinter ihnen Lagernde und sich Auftürmende, weil er gleichzeitig die Ursache für vieles davon ist.
Im Gedicht „Grauenvolle Staubwolken“ beschreibt István Kemény nicht, wie es vielleicht zu erwarten gewesen wäre, die Wüste, sondern den ihr entgegengesetzten Zustand, das Meer. Um dieses Meer in seiner speziellen Eigenheit, in der Überfülle der Urgewalt Wasser, zu skizzieren, nimmt Kemény den meerfernsten Ausgangspunkt zu Hilfe. Er beschreibt also etwas aus seinem Fehlen heraus, was umso eindringlicher das Abwesende erscheinen lässt.

In vielen der Gedichte István Keménys überfallen den Leser Erkenntnismomente mit einer gewissen Verzögerung, dafür aber umso nachhaltiger. Sie kommen oft ähnlich unerwartet wie eine „Herzattacke“, die er im gleichnamigen Gedicht schildert. Denn ebenso plötzlich, überwältigend und existenzbedrohend wie körperliche können geistige Attacken das Leben durcheinanderbringen.
„Die Ideale sind alt und räudig geworden“, schreibt István Kemény an anderer Stelle seines Bandes. Denn zwei Pole besitzen auch die Ideale. Sind sie zunächst drängend und unerbittlich, verlieren sie sich schließlich oft einfach unerlöst im Unendlichen.

Bei hellem Verstand über nützliche Ruinen nachzudenken, wie es verlorene Ideale ja sein können, oder überhaupt über das Denken an sich, anscheinend Ursache aller Widersprüchlichkeit – das ist eine nicht enden wollende Möbiusschleife.
In seinem Gedicht „Ein Hofnarr, alleine“ fragt István Kemény deshalb den Urheber selbst:

Was würdest du dazu sagen, mein trauriger Schatz, mein heiler Verstand?

„Alle ursprünglichen modernen Künstler sind im Geiste Ungarn…“ schrieb einst der englische Literaturkritiker und Lyriker Alfred Alvarez. In der eingangs erwähnten Anthologie erklärt Györgyi Horváth diesen Satz näher: Die ungarische Kultur und die moderne europäische Kunst und Literatur seien sich sehr ähnlich in ihrer „Isolation“ und in ihrem „Unvermögen zur Kommunikation“ mit einem breiten Publikum, da beide eine eigene Sprache benutzten. „Niemand, außer den Ungarn, spricht das Ungarische“, es sei eine Art „verlorene Sprache“, eine Metapher für eine un-übertragbare kulturelle Besonderheit, welche die Kultur dieser mitten im Herzen Europas gelegenen kleinen Nation in ein idealisiertes Objekt romantischer Vorstellung verwandele. Und weiter führt er aus, dass dieses fantastische und unbekannte Eiland, bewohnt von talentierten Musikern, Mathematikern, Wissenschaftlern und Schachspielern, auf seine Entdeckung warte. Ein Eiland, dessen Schriftsteller unbeholfene Genies seien, eingeschlossen in das Gefängnis eines sonderbar klingenden unbekannten Idioms.
Gleichzeitig relativiert Györgyi Horváth das Gesagte, indem er erklärt, dass „unser globaler Hunger nach Information“ all die Tore zu diesen bislang isolierten Welten öffne. Unabhängig davon, ob diese Öffnung nur ideell oder auch tatsächlich geschieht.

Glücklicherweise gibt es die Übersetzer, wie Orsolya Kalász und Monika Rinck, welche nicht zuletzt jene wunderbare ungarische Poesie, wie in diesem Fall von István Kemény, in andere Sprachen tragen und so fantastische unbekannte Eilande an den großen, bereits bekannten Kontinent Poesie andocken.

Cornelia Jentzsch, Sprache im technischen Zeitalter, Heft 196, Dezember 2010

 

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István Kemény an der Elte Universität.

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Monika Rinck beim 22. Literaturfestival Druskininkai Poetic Fall 2011.

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