Jáchym Topol: K Vodojemu 24 / Zwischen Kirche und Western

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Jáchym Topol: K Vodojemu 24 / Zwischen Kirche und Western

Topol-K Vodojemu 24 / Zwischen Kirche und Western

HÖHLENMALEREI
Vielleicht werden sich all diese Planeten bis in die
aaaaaUnendlichkeit drehen
ein Kosmos im Kosmos
die Lichter am Himmel begegnen gewöhnlicher
aaaaaBrutalität
ein Fernrohr vor den Augen oben auf dem Plateau
fühle ich daß alles Regeln folgt
auch der Teufel in der Operette lacht melodisch
und hält sich an seinen Part
zuerst tat ich nichts
dachte überhaupt nicht über das Leben nach
dachte ich trinke um nicht wahnsinnig zu werden
doch ich trank weil ich verrückt war
dann trank ich überhaupt nicht mehr
jetzt bin ich wieder in so einer Phase
wieder schrieben sie mir
ich sollte mein Telefonbuch umtauschen
aber ich pfeif’ drauf
weil ich keine Zeit habe
wir hielten uns an den Händen wie Kinder
saßen dort und sahen einen Film
in meinem Kopf wälzten sich nur Höhlenmalereien
den ganzen Abend lang kaute sie einen Kaugummi
dann klebte sie ihn an die Bettleiste
und nahm ihn wieder in den Mund
im selben Augenblick
wie ich die erste Zigarette
mein Telefonbuch ist stellenweise zerrissen
ist abgegriffen dreckig und einige Seiten fehlen
manchmal blättere ich darin manche Namen sind zweifellos menschlich
andere sind ausgedacht
andere sind nur Namen von Dämonen
dieses Geheimnis kann ich nicht verscheuchen
der Kosmos ist geheimnisvoll er ist geheimnisvoll
ich bin geheimnisvoll ich schaue mir meine linke Hand an
berühre die Wand na gut
ich will mich beruhigen
Frühstück Mittag Abendessen in der richtigen Reihenfolge
aber etwas geschieht
jeder hat seine Gründe für die eigene Existenz
denkt an Rettung
dem Tier sträubt sich das Fell
es bewegt sich vorsichtig und ist auf der Hut
blaues und grünes Licht fällt ins Zimmer
und die kühlen Lichter am Himmel bewegen sich regelmäßig
auf dem Gesicht spürst du
die Luftströmung ich bin immer noch hier
wie du umgeben von Kontinenten
zerrissen durch das Meer.

 

 

Jáchym Topols Lyrik

Diese Gedichte sind wie Rocksongs. Sie sind eigenwillig und direkt. Ebenso wie Rocksongs sind sei ein unmittelbarer Ausdruck von Stimmung, Eindrücken und Gefühlen. Sie sprechen vom Leben in der Stadt, von Alkoholexzessen, von Liebe und modernen Helden. Reime scheinen dem Zufall überlassen zu sein und Umgangssprache überwiegt. Worauf es ankommt, ist Ehrlichkeit. Und tatsächlich wurde Jáchym Topol zuerst in den 80er Jahren als Texter der Rockband Národní und Psí vojáci berühmt, zuletzt wurden seine Texte von der Sängerin Načeva vertont. Doch Topols Lyrik kann auch ohne musikalische Untermalung bestehen.
Topols Bezug zur Rockmusik und der eher prosaische Charakter seiner Gedichte, v.a. aber die Verwendung von Slang, sind für die moderne tschechische Lyrik untypisch. Auch inhaltlich geht Topol eigene Wege: in seinem Werk orientiert er sich weniger am traditionelllen Kanon als vielmehr an Abenteuerromanen und Kinderbüchern, an Winnetou und Moby Dick und den Poeten der Beat-Generation und den älteren Untergroundautoren, (Kolář, Hanč, Bondy und Hrabal). Als weitere wichtigen Einflüsse wären Kino, Kirche und Kneipen zu nennen. Aus solchen recht unterschiedlichen Elementen konstruiert sich Topol seine äußerst homogene Jungswelt, in der Autoritäten keinen Platz haben und Frauen nur als Liebesobjekte auftauchen.
Eine Ursache für diese Sicht der Welt liegt in Topols Biographie: 1962 geboren, wuchs er in einer Schriftsteller- und Dissidentenfamilie auf. Nachdem sein Vater die Charta 77 unterschrieben hatte (er selbst unterzeichnete sie neun Jahre später) war Jáchym Topol starken Repressalien seitens der Regierung ausgesetzt. Das Gymnasium konnte er noch abschließen, ein Universitätsstudium war jedoch aus politischen Gründen bereits nicht mehr möglich. So blieben ihm nur Gelegenheitsjobs und ein Leben am Rande der Gesellschaft. Die Nische, in der Topol sich bewegte, war die Underground-Szene mit ihren selbstverlegten Zeitschriften und Büchern. Seine Outsider-Perspektive drückt sich auch in seiner Lyrik aus, deren Schauplatz die verrauchten Gaststätten, die dreckigen Straßen der Prager Peripherie und heruntergekommene unaufgeräumte Zimmer sind. Aus dieser Welt des Stillstand und der Langeweile gibt es für den, der nicht emigrieren will, kein Entkommen. In einem frühen Gedicht formuliert Topol spielerisch die Möglichkeiten, die das Leben für Nonkonformisten bereit hielt:

Was kann man in diesem Loch machen?
Ameisen töten?
Fliegen?
Motten?
auf die Sterne scheißen?
(…) also onanieren?
Schon wieder?
Alles andere ist verboten.
(…) Onanieren
und ständig schreiben
(„Die Kriegslyrik“)

Der einzige Ausweg aus dieser Misere ist die Flucht in Abenteuerphantasien, ironische Distanzierungen oder große Gefühle, denn drum herum „passiert überhaupt nichts“.
Die am eigenen Leib erfahrenen Absurditäten des sozrealistischen Alltags führen jedoch nicht zu gesellschaftlichen Analysen – hierin ist Jáchym Topol ein typischer Vertreter seiner Generation, deren oppositionelle Haltung nicht zu parteipolitischem Engagement führte. Ihr Widerstand gegen das Regime bestand eher darin, die Geschehnisse um sich herum einer genauen Beobachtung zu unterziehen, so offen wie möglich über sie zu berichten und vor allem Überlebensstrategien zu entwickeln. Topol besitzt für diese Art zu leben ein besonderes Sensorium, nirgendwo wird sie so authentische beschrieben wie in seinen Gedichten und in seiner Prosa, insbesondere dem Roman „Sestra“ / „Die Schwester“. Er wehrt sich gegen die objektiv als schlecht erfahrene Welt mit einer gesteigerten Subjektivität. Die Welt der Gedichte stimmt weitgehend mit der bekannten Prager Realität überein, aber es ist der persönliche Standpunkt Topols, der sie zum lyrischen Thema macht. Es sind seine Empfindungen und seine Sichtweise, die sich hier manifestieren.
Wie in einer Theaterinszenierung macht Topol Prag zur Bühne seiner Selbstdarstellungen. Mal als Indianer, mal als Dichter der Romantik, mal als Verrückter oder Kämpfer, meistens aber als einsamer Trinker durchstreift er die Stadt. Diese Selbststilisierungen zeichnen sich alle durch ein hohes Maß an Exaltiertheit aus. In dem Moment, in dem er eine dieser Rollen übernimmt, macht er sich deren Gefühle ganz zu eigen. Wie bei einem echten Schauspieler kann man kaum noch unterscheiden, wo die Grenze zwischen Jáchym Topol, dem Schriftsteller, und dem lyrischen Ich der Gedichte verläuft. Die Überspanntheit der Gefühle wird zum Indikator ihrer Wahrhaftigkeit. Nicht umsonst gehören psychische Deformationen, insbesondere die Figur des Schizophrenen zu den Konstanten in Topols Werk. Seine eigene Erfahrung mit der omnipotenten Staatsmacht und der Polizei als ihrem Handlanger führen zu einem permanenten Gefühl der Verfolgung, das sich in vielen der Gedichte artikuliert. Wollte man Gedichte wie „Dein ist das Reich…“ oder „Genau jetzt“ jedoch nur als tagebuchartige Aufzeichnungen lesen, wäre dies dennoch verfehlt.

Die hier in Zusammenarbeit mit dem Autor zusammengestellten Gedichte stellen eine repräsentative Auswahl aus den Bücher Miluju tě k zbláznění / Ich liebe dich bis zum Irrsinn (bereits 1988 im Samizdat erschienen, Neuauflage 1991) und V úterý bude válka / Am Dienstag gibt es Krieg (1992) dar. An ihnen lassen sich sowohl Topols wandelnde Einstellung zur Realität als auch das Auftauchen neuer Themen feststellen, die durch die politischen Veränderungen in der Tschechoslowakei und seine Tätigkeit als Reporter für die neugegründete Wochenzeitung Respekt bedingt sind.
Als ob durch die „samtene“ Revolution eine Käseglocke hochgehoben worden wäre, wird seine Welt plötzlich so aufregend, so gewaltsam und schnell, wie sie es vorher nur im Film war. Die größere Intensität, aber auch die größere Gefährlichkeit des Lebens nach der Wende führte dazu, daß Topol sich zunehmend mit existenziellen Fragestellungen beschäftigt. Sein bevorzugtes Bild, um den neuen, auf andere Weise schwierigen Alltag zu beschreiben, ist der Krieg. Topols Krieg ist ein archaischer Kampf, in dem es Gut und Böse gibt, in dem die Gegensätze roh aufeinanderprallen. Angesichts permanenter Bedrohung und Unsicherheit formulieren die Gedichte immer öfter den Wunsch nach einer höheren Gewißheit, egal ob sie von Gott oder einer höheren Intelligenz verkörpert wird.
Ein Motiv, das sich durch beide Gedichtbände zieht, ist der des Film, den Topol als Beispiel für die Vermischung verschiedener Realitätsebenen einsetzt. Besonders die Indianerfilme seiner Kindheit prägen seine Vorstellung davon, wie ein Leben aussieht, das nicht alltäglich, sondern aufregend und gefährlich ist. Filme sind jedoch nicht nur Lieferanten von Bildern. Sie dienen auch als Erzählmuster, durch das sich die Bruchstücke der Realität, die auf den Einzelnen einstürmen und ihn unter sich zu begrabend drohen, zu einem sinnvollen Ganzen verbinden. Gedichte wie „Am Dienstag gibt es Krieg“ und „Birma“ folgen in ihrer Handlung dem Modell von Agententhrillern oder Dokumentarfilmen.
Auch in seiner Prosa mischt Topol filmische und literarische Stilmittel, wie überhaupt seine Texte die Grenzen zwischen den Gattungen auflösen: manche der späten Gedichte erinnern an Reportagen, während Passagen aus „Sestra“ wiederum durch ihre lyrischen Qualitäten auffallen. Unabhängig von der Form, der er sich gerade bedient, entwickelt sich Topol immer mehr zu einem Geschichtenerzähler.
Die vorliegenden Gedichte präsentieren die verschiedenen Facetten von Topols Werk. Alle sind sie jedoch von einem Bestreben nach Authentizität bestimmt – getrau Topols eigener Forderung, der Dichter solle „die Welt in sich und um sich scharf beobachten und über diese seine Beobachtungen die Wahrheit schreiben“.

Anja Tippner und Eva Profousová, Vorwort

 

Ein kleines Bier und große Gefühle

– Jáchym Topols Gedichte in deutscher Übersetzung. –

Jáchym Topol, Rock-Texter und Dichter der Prager Peripherie, wird allmählich auch in Deutschland entdeckt. Anfang 1997 soll sein RomanAndel in deutscher Übersetzung erscheinen, und seit diesem Jahr liegen zwei Bände vor, die sein lyrisches Werk zweisprachig in Auszügen präsentieren: Das hier kenn‘ ich / Tady to znám (Edition Galrev) und K vodojemu 24 / Zwischen Kirche und Western (Verlag C. Weihermüller). Besticht ersterer wegen seine ansprechenden Aufmachung (mit Bildern von Olaf Nicolai) und den vertrauteren Namen der Übersetzer (darunter Sascha Anderson, Thomas Kunst, Lutz Seiler), liegen die Stärken von K vodojemu in der Präsentation des Autors. Neben einer überzeugenden Übersetzung liefern Anja Tippert und Eva Profousová in ihrem Vorwort Informationen zur Person und zum Schaffen Jáchym Topols, die vor allem Leser in Deutschland als wertvolle Einführung begrüßen werden.

Wer im Werk des 34jährigen Biographisches und Dichtung strikt trennen möchte, kommt kaum klar. Zwar handelt es sich bei seinen Texten nicht bloß um die chiffrierte Nabelschau eines Rebellen und Außenseiters. Doch das lyrische Ich weiß bestens Bescheid im Leben des Autors, teilt seine Haßliebe zum Prag vor und nach ´89 und kennt die Kinohelden seiner Kindheit: Wenn die US-Kavallerie auf dem Bildschirm gegen die Apachen ritt, schlug er sich auf die Seite der Roten. Es sei denn, die Schlacht fand am Sonntag statt. Da ging er mit den Eltern in die Kirche – was zu Zeiten der „Normalisierung“ auch eine Art zu kämpfen war – und Gojko Mitic mußte allein klar kommen. Dafür rächte sich der Ost-Winnetou, indem er ihn später hängen ließ, bei den Verhören durch die Geheimpolizei, beim Rackern in Lagerräumen und beim Saufen in Vorortkneipen. Topol hält sich an seine Maxime, der Schriftsteller habe „die Welt in sich und um sich scharf zu beobachten und über diese seine Beobachtung die Wahrheit zu schreiben“. Dieses Postulat gilt sowohl für die Themen als auch für die der literarischen Form.

Topols Sprache ist straßentauglich, versetzt mit Slang, im Ton manchmal pathetisch, meist aber rotzig wie Rock’n Roll: „… vielleicht sollte ich zum Priester gehen / ihm erzählen vom dritten Monat / den ich in dieser Scheiße im Kanal sitze / aber den Priester haben sie in den Wald mitgenommen / ich könnte mich besaufen / aber das kann man nicht jeden Tag …“ (in „Kinos haben ein Programm, du eine Goldkette“). Oft erzählen die Gedichte Geschichten, wobei die Erzählebene wie in einem Film der Nouvelle Vague „geschnitten“ werden: Erlebtes steht neben Gelesenem, literarische Zitate neben solchen aus Filmen oder Songs, ein kleines Bier neben großen Gefühlen. Was dabei entsteht, sind Innenaufnahmen von der Schnittstelle zwischen dem Augenblick und dem Immer, treibend und dicht wie ein Schlagzeugsolo.

Georg Pacurar, Prager Zeitung, 19.12.1996

Außer Atem

– Jáchym Topol und die Wiederentdeckung der Poesie. –

„Trinkfester Dissident“ (Der Tagesspiegel), „junger Wilder aus Prag“ (FAZ), „Kultautor der 89er Generation in Tschechien“ (Berliner Morgenpost), „Shooting-Star der Prager Literaturszene“ (taz), „enfant terrible der tschechischen Literatur“ (Main-Echo“), „Vordenker der polit-literarischen Szene Prags“ (Freitag) – ein erbitterter Drang zur ultimativen Schlagzeile scheint die Literaturkritiker zu beseelen, wenn von Jáchym Topol (Jg. 1962) die Rede ist. Kaum hat er die internationale Bühne betreten, werden seine Biografie und seine Bücher schon für einen Mythos ausgeschlachtet. Dem einen ist er ein Romantiker im byronschen Sinn, der andere sieht in ihm einen zornigen Beatnik und holt Jack Kerouac aus der Trickkiste, der dritte stellt ihn als Prager Jean Genet jenseits aller gesellschaftlichen Konventionen hin; sogar Dante Alighiere mußte bereits herhalten. Topol verwahrt sich dagegen, daß die Medien aus ihm einen anderen Dichter gemacht haben, als er ist: „Sie möchten über einen Poeten schreiben, der zwanzig Bier trinken kann, der mit Dutzenden von Frauen schläft. Irgendwie haben sie mich zu so einer Figur gemacht, und ich muß mich mit diesem Etikett herumschlagen.“ Was aber läßt erwachsene Menschen, ehrwürdig gereifte Literaturauguren zu solchem Stargestammel hinreißen? Oder, weit wichtiger: was begeistert ein mehrheitlich junges Publikum an diesem Autor? Denn mögen die zitierten publizistischen Schaumschlägereien auch mißtrauisch stimmen, Topols Lyrik und Prosa haben einen ganz eigenen Ton jenseits der literarischen Mittellage, sie faszinieren, sie stoßen ab, aber sie lassen kaum jemanden kalt.

Bisher sind von Topol in Tschechien zwei Gedichtbände (Ich liebe dich bis zum Irrsinn, 1988/91 und Am Dienstag gibt es Krieg, 1992) ein Band Erzählungen (Ausflug zur Bahnhofshalle, 1993/95) und zwei Romane (Die Schwester, 1994 und Engel Exit, 1995) erschienen. Deutsche Übersetzungen von Gedichten sind in zwei Auswahlbänden enthalten (Das hier kenn` ich, K Volojema 24), Engel exit ist heuer im Frühjahr erschienen, der „Wenderoman“ Die Schwester wird nächstes Jahr herausgebracht. Übersetzungen gibt es außerdem noch in zehn andere Sprachen. Kein Zwiefel, ein hoher Grad an internationaler Aufmerksamkeit für jemanden, der keine Bestsellerthemen vermarktet.

Als Sohn einer Dissidentenfamilie – der Vater, ein bekannter Dramatiker, gehört zu den Erstunterzeichnern der Charta 77 – erfährt Jáchym Topol von früh an die Absurditäten des realsozialistischen Alltags. Moby Dick und Winnetou, Abenteuerroman und Wildwestfilm, Undergroundliteratur und Beat sind die Räume, in die er ausweicht, die er mit seinen Fantasiewelten auffüllt. „Was kann man in diesem Loch machen? / Ameisen töten? / Fliegen? / Motten? / auf die Sterne scheißen? /(…) also onanieren? / Schon wieder? / Alles andere ist verboten /(…) Onanieren / und ständig schreiben“ (aus dem Gedicht: Kriegslyrik). Die Aufnahme auf die Universität bleibt ihm wegen seiner Herkunft verwehrt, als Wehrdienstverweigerer landet er in der Irrenanstalt („das gehörte zur Folklore…“). Den Einschränkungen, Verboten, dem gesellschaftlichen Stilstand setzt er seine Opposition entgegen, selbst verlegte Zeitschriften (Revolver Revue), Rocktexte für die Band seines Bruders Filip (Psí vojáci, Hundesoldaten). Von der älteren Dissidentenszene setzt er sich, gemeinsames Merkmal seiner Generation, deutlich ab, man will in den Kreisen des jungen Undergrounds nicht erst lange herumtheoretisieren, man möchte Schluß machen mit dem ausgehagerten Leben. Es ist eine emotional stark aufgeladene Szene, die sich auf die Suche nach einem neuen Lebensgefühl begibt. Der Drang nach Freiheit, der Versuch, offen zu sein, nicht in der Sklavensprache zu sprechen, all diese emanzipativen Äußerungen schwanken stets zwischen Wut und Ohnmacht, zwischen Haß und Verzweiflung gegenüber einer erdrückenden Realität. Der erste Gedichtband Topols, noch in der Undergroundpresse erschienen, spiegelt die widerspruchsvolle Gefühlslage in hohem Maße. Aber auch das andere Element ist vertreten, das Erfinden von Wirklichkeiten, der imaginierte Frei- oder Fluchtraum. Vielleicht rührt der Eindruck hoher Authenzität gerade aus der Spannung, die durch das Vermischen verschiedener Welten entsteht; der Fluchtraum wird nicht nur zum Ort des Rückzugs, sondern Topol öffnet ihn dem Leser. Gegenüber einer Umwelt, in der Verstellung und Lüge dominieren, setzt er auf größtmögliche Ehrlichkeit. Dabei sind seine Gedichte nur zum Teil autobiografische Splitter. In das lyrische Ich übernimmt er verschiedene Rollen, die er sich ganz zu eigen macht. Dem Publikum wird ein breites Repertoire an Identifikationsmöglichkeiten angeboten, das um so leichter angenommen werden kann, als nichts Belehrendes in den Gedichten enthalten ist (siehe Gedicht „Das hier kenn‘ ich“).

„Ich spielte eine menschliche rose, ich hatte eine stunde zeit um wachsen, knospen, blühen, welken und verblühen“ (aus: Die Schwester). Plötzlich bricht die bleierne Welt auf, „die Zeit explodiert“, die festgefahrenen Ordnungen und Werte zerstauben, nichts bleibt, wie es ist – oder?

Bald nach der Wende zeigen sich schon grundsätzlich verschiedene Tendenzen in der Literatur der ehemaligen Dissidenten. Zahlreiche „Erinnerungsbücher“ (Vaculík, Divis; Zábrana) erscheinen, die versuchen, „die Welt zu erklären“ – man ist sozusagen zur Normalität zurückgekehrt, setzt die Westorientierung als jene Zivilität, für die man gekämpft hat, und denkt mit Schrecken daran, wie man einst von ihr abgekommen ist, wie man eingetaucht ist in eine staatlich monopolisierte Gesellschaftsform mit all den erfahrenen Deformationen. Diese Bücher „erfüllten … das aktuelle Bedürfnis nach einem zwar subjektiven, jedoch nicht korrumpierten, die kürzlich beendete historische Misere bezeugenden geschichtlichen Material“ (Jirí Penás).

Dagegen mißtrauen der neuen Normalität vor allem Angehörige der jungen Generation des Undergrounds; die in den achtziger Jahren angetreten sind und bereits Grundzüge einer alternativen Kultur entwickelt haben. Sie sind gar nicht so scharf darauf, von der sozialistischen in die kapitalistische Moderne zu übersiedeln, von einem parteipolitisch verordneten Fortschritt in einen ökonomisch verordneten Fortschritt. Mit den Parteifossilien haben sie absolut nichts zu tun, im Gegenteil, aus der Jugend kommen auch die zündenden Funken zur samtenen Revolution, die ja mit einer Studentendemonstration ihren Auftakt nimmt. Doch fehlt ihnen die Gutgläubigkeit der 68er, daß sich die Menschen und ihre Welt einfach revolutionieren lassen. Die Welt erscheint ihnen vielmehr als etwas Undurchschaubares, kein Spiegel reflektiert sie wahrheitsgemäß, sie haben bereits die Erfahrung gemacht, daß je nach Perspektive völlig verschiedene Reflexionen möglich sind. Und doch äußerst sich hier keine nihilistische Postmoderne, „nicht jene Sinn- und Inhaltsleerung, jenes Bestreben nach grinsender und ironischer Skepsis, vor der keine einzige Autorität, kein verbindlicher Wert besteht“ (Penás). Wohl ist diese „Bewegung“ vielgestalt und schillernd, in ihr finden solipsistische Spielereien ebenso Platz wie Kopien westlicher Produkte, der Nachholebedarf ist hoch. Doch verlangt sie nach Ideen, Utopien, Fantasien, ihr Motto lautet: „neue Welten schaffen“. Es gibt keine alles vereinende Perspektive der Welt, man muß sich erst in ihre fiktionalen Räume hintasten. Auch das Menschenbild hat sich geändert, man sieht sich nicht länger als in die Falle der Welt geworfene Kreatur, sondern als autonomes, eigenverantwortliches Wesen, das eben auch seine eigenen Welten kreieren kann. Die Suche, unter den extremen Bedingungen des Undergrounds im Realsozialismus begonnen, geht weiter, zumal sich die hochgepriesene „neue Wirklichkeit“ als deprimierende Illusion erweist. Genau das bringt Topol in seinem Roman Die Schwester auf den Punkt.

Es ist kein Zufall, daß er nun von der Lyrik zur Prosa wechselt, die Zeit der hingerotzten Protestsongs ist erst einmal vorbei, die unzähligen Geschichten, die mit der Wende auf ihn einstürmen, fordern zu einer anderen, breiteren Form heraus, verlangen nach adäquaten literarischen Mitteln. Die Aufbruchseuphorie, die mit dem Staunen der Prager beginnt, als die DDR-Flüchtlinge, die deutsche Botschaft belagern, das „Explodieren der Zeit“ mit den Umbruchsereignissen, das Wendeklima, in dem sofort Sumpfblüten, wie organisierte Kriminalität und Glücksrittertum, aufblühen, der Müll, auf dem sein Held landet, schon Ivan Klíma Symbol realsozialistischer Verkommenheit, niemand hat ihn weggeräumt, im Gegenteil, Märchen, Indianermythen, Agentenstories, die Bahnhofshalle, ähnlich wie die Metrostationen im Roman Engel exit ein apokalyptischer Ort zeit- und geschichtsloser Losertypen -, das sind Bausteine seines Romans, mit denen er spielt, an denen er seine Hoffnungen und Träume aufbaut, ein Abenteuerspielplatz fern jeder Romantik, denn gespielt wird um Existenzielles. Zwar verbietet das neue System aufmüpfige Bücher nicht mehr, doch hat die Wende am zwischenmenschlichen Klima nichts verändert. Der Alltag ist, wie er war, Asphalt, Telefonzellen, Metroschächte, Drehkreuze, Western, Fremdheit, Selbstmorde, Fernsehen, Gespräche wie Schweigen, Mülltonnen, Computer und Dienstag ist Krieg. Im immerfort Immergleichen kann der Dichter sine „angestaute Verlassenheit nachts nur in blöden, schleimigen Gedichten“ rauslassen. Dennoch: „Es gibt viele Möglichkeiten, und eine von ihnen heißt Hoffnung.“

Dazu kommt, daß die expressive Sprache Topols, der Erzählfluß mit seinem raschen Wechsel von Spannung und Entladung alles aufwirbelt, die Abenteuer des Lebens, die Abenteuer im Kopf, das Lebensgefühl, das realistisch-magisch-mythisch-fiktional-existenzielle Erzählgebäude. In der Kritik taucht häufig der Vergleich mit Atem und Atemlosigkeit auf, bei Nachlassen des Erzählflusses müßte man ein Kollabieren des Romans befürchten; dieses Ein- und Ausatmen von Sprache ist es, das es ermöglicht, zu den Wurzeln der Existenz hinabzusteigen und Sinnfragen zu stellen. Tempo und Tonlage erinnern zudem an die Gestimmtheit der amerikanischen Beatnik-Literatur, die in der CSSR erst in den achtziger Jahren teilweise rezipiert werden konnte. Topol leugnet die Einflüsse Ginsbergs und Burroughs nicht, bezeichnet selbst aber Gottfried Benn, Isaac B. Singer, Egon Bondy und Bohumil Hrabal als literarische Vorfahren.

Das rasante Sprudeln des Erzählflusses und die expressiven Sprachkaskaden lassen ein spontan dahinrauschendes, dem Augenblick und dem Zufall überlassenes Erzählen vermuten. Doch sowohl Die Schwester als auch Engel exit sind durchkomponierte Texte. Es gehört weit mehr als handwerkliche Fertigkeit dazu, so disparate Teile wie die einzelnen Kapitel der Engelsgeschichte ganz locker zu einem Ganzen zu verbinden. Die Personen und ihre Lebenssituationen sind genau beobachtet, teils selbst erfahren, Topol akzeptiert das gerade durchlebte Leben mit seinen Bedrängnissen, Abgründen und Abscheulichkeiten. Mancher Kritiker hat Engel exit in die Schublade des Sex und Crime gesteckt, als Roman über „das Leben der Junkies, die wie angepaßte Kleinbürger ein simuliertes Leben leben“ (Freitag, 21.3.97). So griffig dieser Satz klingt, so wenig trifft er, denn Topol bezweckt nicht im  mindesten das Dokumentieren der Lage einer gesellschaftlichen Randgruppe. Seine Suche nach einem irgendwie anderen Leben ist die Triebfeder einer eigenartigen Zuwendung zu den Erniedrigten dieser Gesellschaft, zugleich auch der Bodensatz in dem noch unausgesprochenen Utopien formuliert werden können, vielleicht oder gerade aus den Mündern von Junkies, Stadtstreichern und Prostituierten.

Mag sein, daß hier der springende Punkt liegt, weshalb Topol bei den Jüngeren besonders ankommt. Seine Protestgeste, sein Aufschreiben von Fantasiewelten, die sich deutlich von der traditionellen Literatur abheben, sein unbändiger Freiheitsdrang, seine Lust am Leben, am Erzählen, seine expressive Schnellzugsprache, seine Themen und Milieus – das alles mag für ihn einnehmen. Vor allem, aber ist Topol ein Hoffnungsträger – für noch nie Gesagtes. Vielleicht wird er nach seinen Erfolgen auch ein „angepaßter Kleinbürger“, der in zehn Jahren bei Lou Reed und Velvet Underground nostalgisch die guten alten Zeiten beschwört. Aber: „Es gibt viele Möglichkeiten und eine von ihnen heißt Hoffnung.“

Balduin Winter, Kommune, 6/1997

 

 

Fakten und Vermutungen zum Autor + IMDb
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Jáchym Topol liest das Gedicht Cousin.

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