Karl Dedecius (Hrsg.): Panorama der polnischen Literatur des 20. Jahrhunderts – Poesie Band 1

Dedecius: Panorama der polnischen Literatur des 20. Jahrhunderts – Poesie Band 1

MALEWITSCH-PORTRÄT

er schnitt mit sich selbst ein quadrat
aus dem glas der epoche
und schlug mit gläsernem ton
das schwarze quadrat auf
DAS FENSTER ZUM KOSMOS

Der staub der jahrhunderte funkelte auf dem rahmen
daher der eisige interplanetarische wind
daher die ersten raketen
zu den unbekannten
in uns verborgenen dimensionen
… als ein vom krebs der glassplitter
zerfressener
körper
gebettet wurde in den prismatischen sarg
heulte die zukunft im hof
wie ein kettenhund

Brillant
fenster der epoche
kurzes gläsernes glück
auf der kleinen station vor Moskau

Noch heute blühn dort apfelbäume

Anatol Stern

 

 

 

Vorwort

Völker haben zweierlei Geschichte. Die eine schreiben die Historiker, die Politiker, die Militärs, die Statistiker; die andere schreiben die Poeten. Beide Berichterstattergruppen treten getrennt auf, bedienen sich unterschiedlicher Mittel, bedingen sich aber gegenseitig. Einzeln zur Kenntnis genommen sind sie Teilansichten, die halbe Wahrheit.
Wer die geistesgeschichtlichen Fakten im Lebenslauf eines Volkes als Ganzheit erfahren will, muß sie „psychosomatisch“, in ihrer äußeren und inneren Wechselwirkung kennenlernen.
Poesie gewährt Einblicke in die mentalen, die seelischen Konditionen, die die äußeren Prozesse und ihre Folgen auslösen oder steuern. Vor allem in Polen, wo Sprache und Dichtung, ihre Kassiber und Kennworte, lange Zeit die verhinderte staatliche Selbstbestimmung ersetzen mußten, die „Regierung der Seelen“ (A. Mickiewicz) auszuüben hatten. Deshalb nahmen die Poeten hier stärker als anderswo politische Funktionen wahr: daher das besondere Gewicht, die Sonderstellung der Dichtung im Leben des Landes.
Deshalb ist das Studium dieser Poesie aufschlußreich. Als Annäherung an das andere und als Komplementärfarbe zum Eigenen. Als Entdeckung neuer Verwandtschaftsgrade und Bereicherung des europäischen Gesamtspektrums. Wenn man will, auch: als Normalität der Anomalie.

Es steht unserer Erkenntnis beim Einzug ins dritte Jahrtausend nicht gut an, Landschaften vor unserer Schwelle als weiße Flecke im Bewußtsein zu belassen, sich mit der sichtbaren Spitze ihres Eisbergs zu begnügen. Tiefer, unterhalb des Wasser- oder Eisspiegels, liegt Unentdecktes: reichlich, reizvoll, spendabel. Es ist nicht uninteressant zu vergleichen: Über welche originäre Farbskala verfügen die Paletten des polnischen Naturalismus, Realismus, Symbolismus, Modernismus, Impressionismus, Expressionismus, Futurismus, der Avantgarden und der Gegenavantgarden, bis hin zu den heutigen „Postmodernismen“? Auf welchen Hintergründen und wie bringen sie ihre Vitalität zum Ausdruck?
Es wäre ein Leichtes, Themen und Formen zu wählen, die uns sofort vertraut erscheinen, weil sie unsere Poesie wiederholen oder bestätigen. Das Zählwerk der Zeit aber tickt in jeder Uhr ein bißchen anders. Das Zeitmaß ist dasselbe, aber der Gang der Zeiger hört sich unterschiedlich an. Anders das stockende Ticken der orthodoxen Dorfuhr, anders das Hüsteln der antiken Holzuhr im Salon der Großmutter und noch anders das sensible Zucken der am Handgelenk über dem Pulsschlag getragenen vollelektronischen Rolex.
Die Polen mögen wandern oder auswandern, wohin sie wollen. Überallhin schleppen sie ihren geistigen Rucksack, ihre Nahrung und Bürde mit sich: ihr Vaterland und sich selbst, ihr öffentliches Schicksal und ihre intime Originalität. Das zu erkennen, helfen die Innenansichten der Gedichte.

*

Poetik ist ein Abenteuer nach eigenen Gesetzen. Weil Geographie und Politik die Polen zwischen zwei gewaltige Pressionen plaziert hatten, gleicht hier auch alles, was sich poetisch und poetologisch ereignet, einer permanenten Zerreißprobe. Es ist wie mit der Musik von Chopin, Szymanowski und Lutosławski. Die Noten sind uns bekannt, die Techniken eigentlich auch, die Musik aber klingt und stimuliert verführerisch oder befremdlich eigen.
Der Bildungsvorrat an Wörtern, Begriffen, Rhythmen und Reimen, Stilmustern und Ellipsen mag mit dem unseren im großen und ganzen übereinstimmen, aber die Korrelationen entstammen bereits der uns nicht so ohne weiteres geläufigen Volksphantasie. Das Geistliche und das Geistige verhalten sich zueinander andersartig. J. Kasprowicz’ Hymnen sind gläubigste Demut und verzweifelte Lästerung in einem. Den naturnahen Gott-Gesprächen des Priesters (J. Twardowski) setzt die Ratio des kritischen Laien (Z. Bieńkowski) Kaskaden ketzerischen Haderns mit Gott entgegen. Mit Steppengedichten können wir selbst auch nicht aufwarten, es gibt bei uns keine Steppen, auch nicht mit masurischen Holzschnitzereien, karpatischer Hinterglasmalerei oder ostpolnischen Klöppelspitzen – gefertigt mit durchgeistigter Finesse oder als Poesie der Mundart. „Innere Schriftzeichen“ wie die von W. Wirpsza (in Odessa geboren, in Danzig polnisch-deutsch großgeworden, in Partisanenkämpfen und Lagern gehärtet, in Berlin gestorben) oder Liebesgedichte wie die des zwanzigjährigen K.K. Baczyński, im Kugelhagel des Warschauer Aufstands, kurz vor seinem Soldatentod geschrieben, finden wir so woanders kaum. Auch der verdichtete „Lebenslauf“ (wie der von K. Karasek, oder der von M. Białoszewski), in Marienwerder oder im Warschauer Hinterhof erlebt, sind Raritäten sui generis; auch was die Tonlagen und die metrischen Eigenwilligkeiten betrifft.

Die Kraft der Prophetie, seit den Romantikern fester Bestandteil des Glaubens an die Mission der Poesie, setzt sich im zwanzigsten Jahrhundert noch fort. J. Czechowicz empfindet im „trauergebet“ von 1932 seinen Tod durch eine Fliegerbombe 1939 poetisch genau, Wł. Sebyła 1933 seine Erschießung im Wald von Katyn 1941 und J. Bierezin 1993 in Paris seinen tödlichen Autounfall: „Die Lebenslinie auf deiner Hand reißt plötzlich“. Auch nicht leicht übertragbare Sprachspiele der Futuristen (St. Młodożeniec) oder Experimente der neuen Avantgarden (siehe das Spiegelgedicht von T. Karpowicz) seien als Formbeispiele vorgestellt.
Das Novum reicht von der Musikalität der Naturlyrik – „die Saiten des Taus, die Tasten der Kirsche, die Flöte des Rohrs, das Xylophon des Schnees“ (J. Śpiewak) – bis zu den „Seelsorgetelefonen“ (E. Lipska), die Tragisches und Parodistisches in unmittelbare Nähe zurechtrücken: den melancholischen Blick auf Schönes und die ironische Behandlung der Trauer.
Dichtung sollte die Menschheit „retten“, wird nach 1945 der optimistische Moralist Cz. Miłosz fordern, der zehn Jahre früher den Untergang des Abendlandes prophezeit hatte. Das wird die Dichtung nicht können, entgegnet ihm A. Karnienska, die aufzählt, was Poesie alles „nicht ist“. Die Hoffnung des Nobelpreisträgers von 1980 setzt aber auf die Regenerationsfähigkeit der Menschenvernunft, „die aus dem unflätigen Lärm der gequälten Wörter / strenge und klare Sätze rettet“. Dazwischen tummeln sich poetische Sonderfälle: In welchen Kostümen und Grimassen gefällt sich der junge Dandy des ausgehenden Jahrtausends, in welchen Bildern schwelgt die aparte Nymphomanin – ihrer Zeit hinterher oder voraus? Die Polen tanzen auf ihren Versfüßen durchaus nach eigenen Rhythmen und Melodien: Mazurkas, Notturnos, Polonaisen, Revolutionsetüden. Treu ihrer Tradition und dem Widerstand verpflichtet.

Die verschiedenen Poetiken der Polen historisch und textkritisch genau einzuordnen, durch ausführliche Autorenporträts und bibliographische Hinweise zu illustrieren, bleibt den beiden letzten Abteilungen des „Panorama“-Zyklus vorbehalten.

*

Die zehn Kapitel mit je zehn Autoren stellen das Jahrhundert auszugsweise, chronologisch vor. Meist sind die Jahrzehnte ein Spiegel unterschiedlicher Fermente und Tendenzen. Es gibt jedoch in jedem Dezennium eine Gruppe, einen zentralen Freundeskreis, einen Schwerpunkt, der dominiert.

  1. Im ersten Jahrzehnt war es der Modernismus des Fin de siècle, in Polen „Junges Polen“ genannt, mit seiner bacchantischen Jagd nach „nackten Seelen“ (St. Przybyszewski). Sicherlich war S. Freud an dieser psychoanalytischen Lyrik maßgeblich beteiligt. Französische Dichter (Baudelaire) und deutsche Philosophen (Nietzsche) des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts waren zwar richtungweisend, aber nicht tonangebend. Die Seelenlage der Generation artikulierte sich vornehmlich auf heimische Weise in der nostalgischen Lyrik (K. Tetmajer) und kontrapunktisch auf den Brettern des neugeborenen Nationaltheaters (St. Wyspiański). Aus dem üppigen Vorrat der Talente jener Zeit schöpfte anschließend das ganze Jahrhundert reichlich, wird in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts der Dichter und Literaturhistoriker Cz. Miłosz feststellen.
  2. Das zweite Kapitel beherrschen die Expressionisten, um ihre Warschauer Zeitschrift Skamander gruppiert, deshalb in Polen kurz „die Skamandriten“ genannt. (J. Tuwim, K. Wierzyński, J. Lechoń, A. Słonimski). Die nach dem Ersten Weltkrieg wiedergewonnene Unabhängigkeit des Staates löste bei den jungen Dichtern den optimistischen élan vital aus, der sie zu Manifesten der Lebensfreude inspirierte, da und dort von aufklärerischer Selbstbesinnung relativiert: „Unversöhnt mit dem Unsinn…“ (A. Słonimski). Daneben behaupteten sich ebenso der Arbeiterbarde (Wł. Broniewski) wie die Salondame (und „polnische Sappho“ M. Pawlikowska).
  3. In der dritten Dekade drängte der Übermut der Futuristen lautstark in den Vordergrund (T. Czyżewski, St. Młodożeniec, A. Stern, A. Wat, B. Jasieński), deren kabarettistisches Auftreten spektakulär war, aber nicht so gut theoretisch begründet und anhaltend wirksam wie das der seriös engagierten „Krakauer Avantgarde“ (der „ersten“, mit T. Peiper und J. Przyboś an der Spitze). Die Krakauer waren zukunftgläubig und bauten auf die Triebkraft des technischen Fortschritts: T. Peiper in kulturtheoretischen Essays („Metropolen, Massen, Maschinen“), auch in lyrischen Manifesten, und J. Przyboś in der Forderung, „Die neue Rose“ auf mutierendem Stengel zu finden, die er mit eindrucksvollen innovatorischen Gedichten erfüllen konnte. Das Programm leuchtete ein: Disziplin, organisierte Phantasie, neue Metaphern und Rhythmen für neue, elliptisch konstruierte Sätze.
  4. In Wilna, am quer gegenüber liegenden Zipfel des Landes, formierte sich im vierten Jahrzehnt die „zweite“, die „Gegenavantgarde“, die dem Optimismus der Kollegen in Krakau eine pessimistische Weltsicht entgegensetzte. Die „Katastrophisten“, wie sie die Literaturgeschichte nennt, sahen „den schwarzen Jäger im Hexenrevier“ (A. Rymkiewicz) wüten mit „Fingern, die nach Beute gieren“, sie sahen die „vereisten, schrei verzerrten Münder“, als wären ihnen Auschwitz, Katyn und Stalingrad bereits gegenwärtig. Die Wilnaer Studenten hörten „die Posaunen des Untergangs dröhnen“ und fühlten sich bestellt, das „Lied vom Weltende“ (Cz. Miłosz) zu singen. In der Nähe oder ganz abseits dieser Tendenz wirkten Randgruppen oder Einzelgänger mit ihrer mediterranen, sozialen, neosymbolistischen Dichtung oder Landschaftslyrik.
  5. Das fünfte Jahrzehnt, das des heißen und des beginnenden kalten Krieges, machte die Visionen der „Katastrophisten“ wahr: den Untergang von Völkern, Staaten, Kulturen, die tragische Unvollendung der hochbegabten jungen Generation, der zwanzigjährig Gefallenen (T. Gajcy und K.K. Baczyński): „Miserere“. Bei den Überlebenden klangen die Klagen des Krieges lange noch nach, bevor sie (wie T. Różewicz) mit neuer Poetik und Weltsicht – lapidar, skeptisch, wahrheitsbesessen – neue „Formen der Unruhe“ zu entdecken begannen.
  6. Der „Stammbaum der Freiheit“ (J. Ficowski), an den das sechste Jahrzehnt noch gebunden war, trug nun nicht mehr allein „Früchte des Todes“, sondern mit der unblutigen Revolte der Dichter 1956, im „Frühling im Oktober“, auch Folgen des gelungenen Widerstandes. Er brach das Schweigen der Dissidenten (wie Z. Herbert) und offenbarte eine Fülle unverwechselbarer Talente. M. Białoszewski ging dem einfachen „Kreisen der Dinge“ nach und definierte die Poesie als ein „feierliches, ständiges Erstaunen“, T. Karpowicz erschloß mit hintergründiger Reflexion neue Reize der Poesie, auf der Suche nach der „Farbe in der Farbe“, nach dem „Klang im Klang“. Dabei wurden die überkommenen Mythen wirkungsvoll entzaubert und das Absurde ad absurdum geführt. Groteske und Ironie (W. Szymborska) erlebten in der Lyrik ihre Hochblüte.
  7. Das Nachsitzen in der neu zu lernenden „Polnischstunde“ (U. Koziol) blieb den Lyrikern im siebten Jahrzehnt auf der harten Holzbank der Volks-Schule nicht erspart. Der Stammbaum der Freiheit trug nun auch bittere Früchte, auch den Freitod nach dem nicht bestandenen Examen der neuen Realität. Die jungen Lyriker reagierten auf diese kompromißlos und provokativ mit „schwarzen“ Gedichten (A. Bursa), oder sie nahmen als Aussteiger Abschied von der ihnen verhaßten Welt und Zivilisation (E. Stachura). Auch ihre am Leben gebliebenen Altersgenossen wehrten sich gegen die Technisierung und falsche Politisierung des Lebens und suchten Heil in der „irrationalen Poesie“ (J. Harasymowicz) oder in der „Poesie des Häßlichen“ (St. Grochowiak) .
  8. Die 1968 und 1970 neu ausgebrochenen Revolten der oppositionellen Literaten verpflichteten die Lyriker wieder entschiedener dem gesellschaftlichen Alltag. Die ungeschminkte Information über die politischen Mißstände wurde zum Zentralanliegen der Generation der „Neuen Welle“ (St. Barańczak, J. Kornhauser, R. Krynicki, A. Zagajewski), die ihre Zwangslage „Im Hinterhof der Imperien“ (J. Kornhauser nach Cz. Miłosz) nicht mehr widerspruchslos hinnehmen wollten. Sie demontierten das verordnete Weltbild rigoros.
  9. Diese Arbeit war auch im neunten Jahrzehnt noch nicht beendet, die Turbulenzen um die Gewerkschaftsbewegung Solidarność sorgten dafür; aber schon regten sich auch Stimmen, die eine Instrumentalisierung des Gedichts so nicht mehr mittragen wollten. Sie machten ihren Anspruch auf die „Gnade des Schmerzes“ (B. Maj) und die Zulassung privater Gefühle geltend. Auch die früheren Repräsentanten der „Neuen Welle“ (Zagajewski) vollzogen diese Wende.
  10. Die Demokratisierung des Landes nach dem Kriegsrecht, freie Wahlen und ähnliche innerstaatliche Prozesse lösten in der Poesie eine kaum überschaubare Individualisierung der Aussagen aus, eine Vielfalt ohne eigentlich erkennbare Solidarität der Gruppen, einen Rausch der Freiheit, im Bösen wie im Guten. Diese neue Freiheit wird das letzte Jahrzehnt wohl als Übergang und vielversprechendes „Provisorium“ (A. Szlosarek) beschließen. Das Jahr zweitausend steht als Hoffnung vor der Tür.

Karl Dedecius, Vorwort

Diese Anthologie

enthält an die 1000 Gedichte, Fragmente aus Versdramen und lyrische Prosa von 100 Autoren, der älteste unter ihnen vom Jahrgang 1860, der jüngste ist 1968 geboren. Sie vermittelt eindrücklich die breite Palette künstlerischen Ausdrucks, die die polnische Poesie als einen der bedeutendsten Beiträge zur Welt-Poesie des 20. Jahrhunderts auszeichnet. Vielfältig und durch die Zeitläufte bestimmt die Themen, provozierend, sehnsüchtig, trotzig, beschwingt bis überschwänglich die Haltungen, überraschend der Reichtum an poetischen Formen: Das vorliegende Werk belegt nicht nur den wichtigen Anteil künstlerischen Schaffens an unserem Jahrhundert bis in die allerjüngste Gegenwart, es ist gleichzeitig auch ein Lesebuch der polnischen Geschichte, wie es nur die Poesie zu schreiben vermag.

Ammann Verlag, Klappentext, 1996

 

 

Die Regierung der Seelen

– Der große Vermittler Karl Dedecius und sein Panorama der polnischen Poesie. –

In „Eindrücke aus dem Theater“, einem ihrer schönsten und ergreifendsten Gedichte, schildert die polnische Nobelpreisträgerin Wisława Szymborska die „Auferstehung vom Schlachtfeld der Bühne“ nach dem Fallen des Vorhangs: „das Ziehen des Dolchs aus der Brust, das Lösen der Schlinge vom Hals“. Tröstliche Kunst! Denn anders als auf dem Theater werden in der brutalen Realität die Dolche nicht aus der Brust gezogen, die Schlingen nicht vom Hals gelöst, blickt das Opfer nicht selig dem Henker ins Auge.
Ingeniös benutzt die Dichterin die ehrwürdige Theatermetapher, um die brutale Realität der Geschichte zu pointieren. Und welche Geschichte wäre brutaler als die polnische? Aber auch welche Poesie leidgeprüfter, leiderfahrener als die polnische? So daß Szymborskas Kollege Adam Zagajewski 1982 die äußerste Zuspitzung riskiert:

Wirklich leben können wir nur in der Niederlage.

In jener Niederlage, aus der dann der Triumph der Poesie erwächst.
Das alles hat in Polen Tradition, wie schon Heinrich Heine wußte:

Wenn Vaterland das erste Wort des Polen ist, so ist Freiheit das zweite.

Aber Vaterland und Freiheit blieben für die Polen lange Zeit eine Sache der Hoffnung und Imagination, kurz die Sache der Dichter. Diese hatten, wie es der polnische Klassiker Adam Mickiewicz ausdrückte, die „Regierung der Seelen“ auszuüben.
Kein anderes Volk war so sehr auf diese stolze wie elend machende Kompensation angewiesen. Was das Elend angeht, so endet ein jüngerer Dichter, Andrzej Bursa, sein „Dankgebet“ mit dem einzigen Vorwurf an Gott:

Warum hast du mich zum Polen gemacht?

Und Ernest Bryll steigert die polnische Selbstkritik zur Selbstbezichtigung:

Auch das muß man den Polen ohne Umschweif sagen:
Ihr lebt wie ein Vampir vom Blut von euresgleichen.

Zwei Zitate, die zeigen, daß die Blüte der polnischen Lyrik aus einem tieftraurigen Grund kommt. Zwei Dichternamen zudem, die auch dem interessierten Lyrikleser kaum bekannt gewesen sein dürften.
Es sei denn, er nimmt die beiden Lyrikbände zur Hand, mit denen Karl Dedecius sein enormes, auf sieben Teile angelegtes „Panorama der polnischen Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts“ eröffnet. Mit diesem Unternehmen, darf man etwas pathetisch sagen, krönt er sein Lebenswerk. Und so hat er, der einzige Karl Dedecius, nicht bloß das Recht, sondern quasi die Pflicht zur Monumentalität. Keiner hat mehr für die Vermittlung der polnischen Literatur getan als er. Ihm verdanken die großen Lyriker – Herbert, Rózewicz, Wisława Szymborska – ihre deutsche Präsenz und ihren europäischen Ruhm. Seine Übersetzungen haben uns auch die Namen der jüngeren Dichter Polens eingeprägt. Nun gibt er seine Summa:

zehn Kapitel mit je zehn Dichtern für die zehn Jahrzehnte des Jahrhunderts.

Er nennt das bescheiden eine „Auswahl“ und entschuldigt sich bei jenen Poeten, die er in diesem weitgesteckten Rahmen nicht unterbringen konnte.
Die beiden Bände imponieren durch ihr pures Volumen. Niemand wird tausend Gedichte in einem Zug lesen. Er wird sich aber vielleicht fragen, ob eine schmalere, dafür zweisprachig angelegte Auswahl nicht sinnvoller gewesen wäre. Zumal Dedecius selbst ein Argument dafür liefert, indem er die sprachliche und kulturelle Differenz der beiden Völker betont und meint:

Die Polen tanzen auf ihren Versfüßen durchaus nach eigenen Rhythmen und Melodien: Mazurkas, Notturnos, Polonaisen, Revolutionsetüden.

Warum also – bis auf eine Handvoll Ausnahmen im ersten Band – der Verzicht auf die Originale? Vermutlich aus Gründen der Verkäuflichkeit. Hauptsächlich aber, weil es Dedecius auf die größtmögliche Fülle ankam. Und wirklich kann man sich keine nationale Anthologie vorstellen, die reichhaltiger und informierender wäre.
Ich hätte noch eine andere Begründung. Die Anthologie ist ja nicht bloß Extrakt eines Jahrhunderts polnischer Poesie, sondern auch Resultat einer individuellen Lebensleistung. Sie ist die „Ausgabe letzter Hand“ – wie Dedecius mit humorvollem Unterstatement bemerkt. Sie ist Vermächtnis eines dichterisch Begabten, der seine Fähigkeiten ganz in den Dienst der Vermittlung stellte. Eines Artisten, für dessen Virtuosität es keine Hindernisse in Vers und Reim zu geben scheint.
Diese Einfühlung und Versatilität beweist Dedecius vor allem im ersten Band, der überwiegend Dichter bringt, die in tradierten Formen arbeiten. Da gelingen ihm dichterische Äquivalente, die nicht wie übersetzt klingen, sondern als deutsche Gedichte zu lesen sind – Entsprechungen zu Jugendstil und Expressionismus, Klänge wie von Dehmel, Lasker-Schüler oder dem jungen Trakl. Übersetzung wird Anverwandlung fremder Tradition. Dedecius dichtet für uns gleichsam eine polnisch-deutsche Poesie der Mazurkas, Notturnos, Polonaisen.
Der Eros der Vermittlung beflügelt ihn auch bei der Übertragung der Neutöner. Er überträgt getreulich, was die „Krakauer Avantgarde“ oder die Wilnaer „Katastrophisten“ schufen. Man meint gar einen polnischen Patriotismus zu spüren, wenn Dedecius den Surrealisten Aleksander Wat (1900 bis 1967) mit einer Aufzeichnung zu Wort kommen läßt, in der – gegen André Breton – die Erfindung der „écriture automatique“ beansprucht wird.
Überhaupt wird, wer kein Polonist ist, die informative Fülle begrüßen, und wer Polnisch kann, wird für die Hinweise auf Quellen und Originalausgaben dankbar sein. Hilfreich sind die Sacherläuterungen, informativ die konzisen Kurzbiographien. Sie sprechen von dem Preis, den viele der Dichter für ihre Poesie zahlen mußten.
Daß Poesie ein lebensgefährliches Metier sein kann, belegen vor allem die Biographien der zwischen 1860 und 1920 geborenen Dichter. Wie viele abgebrochene Werke, wie viele zerstörte Leben. Hier nur wenige Beispiele: Józef Czechowicz wurde 1939 von einer deutschen Bombe getroffen. Wladyslaw Sebyla wurde 1940 Opfer des Massakers in Katyn. Felicja Kruszweska starb 1943 bei einer Razzia bei Radom, Krzysztof Kamil Baczyński und Tadeusz Gajcy fielen im Warschauer Aufstand.
Auch über die dem Grauen Entronnenen sprechen die Daten deutlich genug: Stanislaw Jerzy Lec überlebte nur, weil es ihm gelang, aus dem KZ zu fliehen. Viele Dichter waren im Untergrund tätig; so Bieńkowski, Bialoszewski und Herbert. Anna Świrszyńska und Tadeusz Rózewicz nahmen am Warschauer Aufstand teil. Andere wie Slonimski, Tuwim und Wierzyński emigrierten. Und wohl alle hätten wie Witold Wirpsza fragen können:

Wie verwertet man literarisch einen zerbrochenen
Lebenslauf…, damit die Fragmente
Zusammenpassen und nutzbar
Werden für künftige Leser?

Ästhetisch gedacht ist das eine rhetorische Frage. Das Wunder der Poesie geschieht immer auch gegen die Geschichte. „Man überwindet alles, auch die Kataklysmen“, heißt es in Bieńkowskis „Einführung in die Poetik“. Der Emigrant Czesław Miłosz, Analytiker des „Verführten Denkens“ und Nobelpreisträger von 1980, kann 1986 in dem Gedicht „Café Greco“ ein erstaunlich gelassenes Fazit ziehen:

Wir haben vieles gesehen, vieles erfahren.
Staaten zerfielen, Länder gingen zugrunde.
Chimären des Menschengeistes umzingelten uns,
Menschen kamen um oder wurden gefangengenommen.
Mich aber wecken im Morgengrauen die Schwalben Roms,
Das läßt mich fühlen, wie kurz alles ist, wie leicht
Man sich löst. Wer ich bin, gewesen bin,
Ist nicht mehr wichtig…

Den jüngeren Dichtern Polens blieben zumeist die schrecklichsten Erfahrungen erspart. Sie wuchsen auf im „Hinterhof der Imperien“, dies übrigens ein Ausdruck von Miłosz, den Julian Kornhauser zum Motto nimmt. Auch die Nachgeborenen erfuhren – in den Zeiten der Repression wie im Impuls von Solidarnosc – die „Gnade des Schmerzes“ (Bronislaw Maj). Doch merkwürdig viele Poeten leben immer noch oder wieder außer Landes. Einige, halbwegs privilegiert, lehren an amerikanischen Universitäten. Glückliche Dichter? Der jüngste in Dedecius’ Anthologie ist Artur Szlosarek, Jahrgang 1968. Er freut sich darüber, verreisen zu können, um zu studieren und – „eine bessere Zigarette zu rauchen“. Sein Gedicht trägt den Titel „Provisorium“. Damit hat diese gewaltige und wundersame Anthologie einen offenen Schluß.

Harald Hartung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.1.1997

Weiterer Beitrag zu diesem Buch:

Ulrich M. Schmidt: Atemberaubende Vielfalt
Neue Zürcher Zeitung, 20.7.1996

 

Bettina Eperspächer im Gespräch mit Karl Dedecius: „dann tragen meine gedanken früchte in deiner sprache“

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