LiteraPur – Heft 1

LiteraPur

Das Leuchtende Denken

ALLES WAS WEDER EINEN ANFANG NOCH EIN ENDE
aaaaaHAT,
LEUCHTET.
ANFÄNGE FANGEN ALLES UND BESTRAHLEN DAS
aaaaaWEITERE.
JEDER ANFANG WIRD AUSGEWORFEN.
AUSGEWORFENES LEUCHTET, WEIL ES AN DAS WEITERE GEKNÜPFT IST.
ENDEN ÜBERSTRAHLEN DIE SICHT.

Gundi Feyrer

 

Schubladen für extreme Texte

– Aus Hamburg und München kommt eine neue Literaturzeitschrift, Titel: LiTeraPur. –

Die Wortspiele rund um die Buchstaben-Konfiguration „Literatur“ sind noch nicht abgekaut. Litter a true bell, Litera tra ra, Litter A Poor (Don’t litter a poor!). Buchstaben auszugießen, literweise in des Auges Leser, reine Buchstabensuppe einzuschenken – die Literatur-Zeitschrift LiteraPur hat es sich zur Aufgabe gemacht, „einer bestimmten Literatur Sprache Öffentlichkeit zu verleihen“, so heißt es in der ersten Nummer. Eine rühmliche Aufgabe, die einen besseren Namen verdient hätte als diesen abschreckenden, an Schülerzeitungen erinnernden.
Pure Literatur, das soll signalisieren: eine Text-Präsentation ohne zeichnerische und fotografische Ergänzungen. Stattdessen haben sich die Herausgeber Jürgen Abel, Albrecht Oldenbourg und Jürgen Schiller zur Devise gemacht, jedem einzelnen Text ein spezifisches Layout-Typoskript-Konzept zukommen zu lassen. Die künstlerische Gestaltung desselben übernahm Andreas Schwarz. Der rote Farbton des Umschlags mit seinen verlorenen Kästen, auf denen die Buchstaben plaziert wurden, macht den Eindruck eines liebevoll gestalteten polnischen Schulbuchs. Was nichts Böses meint. Immerhin wohl ein Gegenstück zum Hochglanz-Cover-Geprotze großer Verlage. Innen weiß man durch opulente Gestaltungstechniken zu überzeugen. Ein schönes Buch, wenn auch mit einigen Mängeln behaftet: zu wenig Platz unter dem oberen Leserand; auf einigen Seiten wurden sogar der Text beschnitten, weil zuviel Zeichen pro Seite gesetzt wurden.
„Als Förderer der vielschichtigen Auffassungs- und Ausdrucksformen, die der Gegenwartsliteratur zur Verfügung stehen“, verspricht LIteraPur grundsätzlich „das Bewegende“ der zeitgenössischen Literatur aufzuspüren und zu veröffentlichen. Das Vorzeichen, unter dem die erste Nummer erscheint, heißt: „Der Schauplatz verändert sich durchaus.“ Die Fadenheftung bindet Texte von zwölf (noch lebenden!) Autoren und Autorinnen durch- und aneinander. Die Teilnehmerparade liest sich wie folgt: Ginka Steinwachs, Peter Waterhouse, Gundi Feyrer, Gerhard Rühm, Anna Rheinsberg, Matthias Politycki, Albrecht Oldenbourg, Armin Eidherr, Karl Marias, Herbert Pfeiffer, Robert Schinkel, Barbara Strohschein. Die Zeitschrift besitzt ein ausgeklügeltes Ober- und Unterschubladen-System. Dazu gehören zehn mit jeder Nummer aufs Neue zu füllende, „Vitrinen“ genannte Ablagen (darin platznehmend: Proklamationen von Lieblingsautoren, Konzeptansätzen oder ähnliches), ein Strang namens „das poetische Wörterbuch“, der in dieser Nummer Velimir Chlebnikov-Texte nach sich zieht, eine Sparte „Wortfeld“, diesmal gepflügt von Hans Wollschläger. Die Texte werden, falls sie sich unter thematischen Aspekten zusammenfassen lassen (wenn ich das richtig verstanden haben), zu kleinen Bündeln gehäuft und in ein Abteil mit Überschrift gestellt: Ein Fächern, das seinesgleichen sucht.
Vielfältig auch ist der Zweifel, der sich beim Lesen der Texte einstellt. All zu sehr Stirnmuskeln in Betrieb setzend, schwer ins geistige Schloß fallende Alutüren von Sprachbarrieren werden einem da vor die Augen gedonnert. Sprachlosigkeit mit-Tells Sprache treffend abzuschießen. Erfordert mehr als 1 Verkomplizen mit den umherständernden Comb Pli-VerZiertheiten, die die Schrift Sprache bietet (um mich da einmal in dem Jargon der versammelten Sprachschatzgräber zu versuchen).
Nun, der Worte Muffen sausen lassen, auf Breche, Biege, Komme raus, was? Wolle? Mir fehlen die Realitätskrümel. Polityckis feenartiges Gezauber bleibt wie Waterhouses Leibnitz-Text (ganz anders als in seinen hervorragenden Gedichten) seltsam fern, entrückt-mystisch. Barbara Strohscheins Lehrbegehrstück bemüht sich erfolglos um Originalität und verzerrte Blickwinkel; auch vielen anderen Texten dominiert ein ritualisiertes Pathos des poetischen Versuchs.
nach einwöchiger Beschäftigung mit ihnen erlebe ich die meisten – man entschuldige die Eineindeutigkeit – als unkernig und verschwafelt. Unlustig.
Toll dagegen: die „proustende“ (Steinwachs), eingejoycete Ginka Steinwachs und (streckenweise) die auf Gertrude Steins Pfaden wandelnde Gundi Feyrer.
Nichts / des / tot / rotz-ens / aber: Dieses Zeitschriften-Projekt ist eine wand freie unterstütZunge für Sprachrohr-beeinträchtige Extrem-Literatur. Eine Sache, die wachsen kann, die anders als viele der bundesweit kursierenden Heftchen einen robusten Eindruck macht und trotz der etwas zu bemüht-elitären, oberstübchen-gekämmerten ersten Nummer, frischen Wind aufkommen läßt.
Die Redaktionen der Zeitschrift befinden sich in Hamburg und München. LiteraPur, auch in Österreich erhältlich, soll im Viermonate-Rhythmus, also dreimal im Jahr erscheinen. Pro Jahr wird es zusätzlich eine Sondernummer geben. Gedruckt wird eine Auflage von 2000 Stück, die bei Vorstellung der ersten Nummer am 16. März schon zur Hälfte verkauft war.

Carsten Klook, taz hamburg, 29.3.1989

Ein gebrauchtes Exemplar dieser akrobatischen Zeitschrift ist noch bei redaktion@planetlyrik.de für 6,90 € zu bekommen.

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