Mahmoud Darwish: Der Würfelspieler

Darwish-Der Würfelspieler

Wie leicht wäre es möglich
Hätte mich nicht befallen der Dschinn
Altarabische Verse wie eine Krankheit
Wenn die Haustür nach Norden hin
Und nicht zum Meer zu öffnen war
Wenn die Armeepatrouille das Feuer nicht sah
Wie es die Nacht gebacken hatte
Wenn die fünfzehn Ermordeten
die Barrikade hätten wieder errichten können
Wenn jener dörfliche Ort nicht zerbrach
Vielleicht wäre ich jetzt ein Olivenbaum
Oder Geographielehrer
Oder ein guter Kenner des Ameisenreiches
Oder des Echos Wächter

 

 

Nissmah Roshdy: The Dice Player

 

 

Mahmoud Darwish und die Fata Morgana des Friedens

I
Vor genau vierzig Jahren, 1969, übernachtete Mahmoud Darwish bei uns in Leipzig. Am Morgen ging ich, um ihn zu wecken. Dieses Bild werde ich niemals vergessen: Ein schlafendes Kind lag da, ein ruhiges, friedliches Kind mit gekreuzten Fäusten über der Brust, wie im Mutterleib. Und als ich ihn 2004 während der Frankfurter Buchmesse und danach bei Lesungen zehn Tage lang begleiten konnte, entdeckte ich, wie sehr er manchmal immer noch wie alle Menschen auf diesem Planeten die Welt so zu erblicken wünscht, wie sie ein Kind erblickt – friedlich, unschuldig und schön.

„Dabei wissen wir doch“,
schrieb Brecht in seinem Gedicht „An die Nachgeborenen“,

Auch der Haß gegen die Niedrigkeit
Verzerrt die Züge.
Auch der Zorn über das Unrecht
Macht die Stimme heiser. Ach, wir
Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit
Konnten selber nicht freundlich sein.

II
Mahmoud Darwish starb am 9. August 2008 nach einer Herzoperation. Wenige Wochen vor seinem Tod veröffentlichte er sein langes Gedicht „Der Würfelspieler“.
Schon mit den ersten Versen setzt er zu einer schonungslosen Selbstbefragung an, jenem Sich-selbst-in-Fragestellen, das sein Spätwerk bestimmte. Dabei werden Leben und Dasein zu einem Spiel des Zufalls und stehen unter der spürbaren Gegenwart des Todes, während die Suche nach der verlorenen Heimat weitergeht.
Die Unmittelbarkeit, mit der Darwish diese Gratwanderung mit Bildern von Vergeblichkeit und Hoffnung, Zweifel, Zerrissenheit, Trauer und Liebe verbindet, macht dieses Gedicht nicht nur zu einem sehr persönlichen Bekenntnis, sondern auch zu einem poetischen Vermächtnis.

III
Obwohl der Roman der arabischen Lyrik in den letzten Jahrzehnten ihren Platz streitig macht, bleibt sie die ureigenste literarische Gattung der Araber. Kein Wunder, dass sich ein Philosoph wie Hegel in seiner Ästhetik zu folgender Äußerung hinreißen ließ: „Von Hause aus aber poetischer Natur und von früh an wirkliche Dichter sind die Araber.“
Einer dieser „wirklichen Dichter“ ist Mahmoud Darwish, und seine Lyrik gehört zweifelsohne zur Weltliteratur. Bereits 1964 wandte sich der Dreiundzwanzigjährige mit einem programmatischen Gedicht im Gedichtband ÖIbaumblätter direkt an seine Leser:

Erwarte nicht von mir, mein Leser, dass ich flüstere!
Erwarte beim Lesen kein Entzücken!
Hier ist meine Qual
Ein vergeblicher Schlag in den Sand
Und in die Wolken ein Schlag!
Genug ist mir mein Zorn
Der das Feuer entfacht!

Wer heute diese frühen Gedichte in arabischer Sprache liest, merkt deutlich, dass sich hier ein wirklicher Poet mit Vehemenz und Wucht zu Wort meldet. Seine Stimme, eingebettet zwar in den Chor der arabischen Lyrik der fünfziger und sechziger Jahre, war eine neue, authentische, einzigartige. Angelehnt an arabische Dichter wie Nizar Qabbani und Abd al-Wahab al-Bayyati, aber auch an internationale Dichter wie Aragon und Neruda oder Lorca, dem er ein Gedicht widmet, sind diese Verse trotz Zorn und Trauer auch voller Zärtlichkeit und Anmut. Mit einer einzigen Metapher, die diese Empfindsamkeit manchmal durchbricht, streut er Feuer ins Gedicht.
Dieser Band enthielt auch sein damals berühmt gewordenes Gedicht „Identitätskarte“:

Schreibs auf, ich bin Araber!
Nur diesen Vornamen besitze ich
Und keinen Nachnamen sonst
Geduldig leb ich in einem Land in dem
Alles lebt vom Zorn

Meine Wurzeln
Schlugen sich in die Erde hier
Vor der Geburt der Zeit
Vor Ölbäumen und Zypressen
Und ehe das Gras gewachsen war
(…)

Für die in Israel verbliebenen Palästinenser wurde dieses Gedicht über Nacht beinahe zu einer Nationalhymne. Hier fanden sie einen jungen Dichter, der ihrem Widerstand gegen permanente Marginalisierung und Heimatlosigkeit im eigenen Land eine authentische Stimme verlieh.

IV
Im Alter von sieben Jahren flüchtete Darwish mit seiner Familie in den Libanon. Als er bald darauf zurückkehrte, musste er sehen, dass sein von israelischen Soldaten zerstörtes Heimatdorf al Birwe, in dem er 1941 geboren wurde, zwei Kibbuzim hatte weichen müssen.
„Eine moderne Armee“, schrieb er 1999 in seinem Essay „Das abgestufte Exil“, „besiegte damals eine Kindheit, die vom Westen her nichts weiter wahrnahm als salzigen Meeresgeruch und das Gold des Sonnenuntergangs, das sich über die Korn- und Maisfelder streute. (…)
Unsere Pflugscharen waren zerbrochen bei der Verteidigung einer uralten friedlichen Beziehung zwischen guten, einfachen Landbewohnern und einem Boden, auf dem sie geboren wurden. (…)
Ab jetzt wurden unsere Namen geändert. Ab jetzt waren wir alle gleich, ohne jeden Unterschied. Ab jetzt wurden wir mit einem einzigen Stempel gezeichnet: Flüchtlinge… Als wir heimlich über die Grenze zurückkamen, fanden wir nichts von unseren Spuren und unserer früheren Welt. Die israelischen Bulldozer hatten den Ort neu formiert, als wäre unsere Existenz dort ein Teil römischer Altertümer, deren Besuch man uns untersagte.“
Dieses Grunderlebnis brannte sich tief in sein Gedächtnis ein. Es wurde zu einer Metapher seines ganzen Daseins, die ihn bis ans Lebensende nicht mehr losließ.

Mit vierzehn Jahren wurde er nach einer Protestaktion zum ersten Mal in ein israelisches Gefängnis gebracht. Nach wiederholten Repressalien und Inhaftierungen ging er 1970 ins Exil und begann ein rastloses Leben.
Auch wenn sein Zelt später aus Stein gebaut war und zeitweise in Tunis oder Beirut, Moskau oder Paris, Amman oder Ramallah stand, so blieb es trotzdem ein Zelt, das ihn zwang, unaufhörlich von Küste zu Küste und von Flughafen zu Flughafen auf Wanderschaft zu sein. Deshalb wurden Worte wie „Reisen“ und „Wandern“ zu zentralen Begriffen in seiner Lyrik.

V
Darwish verschrieb sich der arabischen Sprache in ihrer ganzen Schönheit, hier bewahrte er seine Identität. Sie wurde ihm zur Heimat und zur eigentlichen Behausung. Seine Lyrik war stets auf Entdeckungsreise nach Poesie im Alltäglichen. Dies verknüpfte er mit einer weit in die Historie zurückreichenden Sicht, die er philosophisch zu durchdringen suchte. Er bündelte in sich, in seinem Innern, die Geschichte des Daseins in all ihren kulturellen, nationalen und individuellen Elementen. Sie gehen ineinander über, kreuzen und vermischen sich, um eine Ganzheit zu bilden. Er beherrscht alle künstlerischen Mittel der arabischen Lyrik ebenso wie die poetischen Leistungen der Moderne und setzt sie meisterhaft ein. Er strukturiert seine Metaphern nicht, er genießt sie.
Damit schuf er etwas, was in der neueren arabischen Lyrik kein anderer zu erreichen vermochte: Er vereinte in sich die poetische Größe eines Lyrikers wie Adonis und die ungeheure Popularität eines Nizar Qabbani. Adonis hatte der internationalen Moderne französischer Prägung eine arabische Stimme verliehen. Seine Popularität aber vermochte nur selten den Kreis der Intellektuellen zu durchbrechen. Hingegen eroberte Nizar Qabbani mit seiner gängigen Lyrik unzählige Herzen, vor allem die von Frauen, ohne sich jedoch den Fragen der Moderne zu stellen, wie es andere arabische Lyriker seit Mitte der sechziger Jahre intensiver getan hatten.
Darwish verband in seiner Lyrik die Moderne mit einer sinnlichen, realitätsbezogenen Bildersprache, die es ihm ermöglichte, zu einem der bedeutendsten Innovatoren der arabischen Lyrik zu werden, ohne seine anhaltende Popularität einzubüßen.

VI
Sein eigentlicher Ruhm begann nach dem Sechstagekrieg 1967. Die israelische Armee besiegte damals die Streitkräfte von drei arabischen Ländern binnen sechs Tagen. Eine ganze Nation fühlte sich gedemütigt und begann, sich selbst zu zerfleischen. Da entdeckte man diesen palästinensischen Dichter, der es wagte, dem übermächtigen Gegner stolz und ohne Furcht ins Gesicht zu sagen:
„Schreibs auf, ich bin Araber!“
Millionen Menschen in der arabischen Welt haben Mahmoud Darwish ins Herz geschlossen. Sie gaben ihm Namen, die zugleich eine Erwartungshaltung zum Ausdruck brachten: „Gewissen des palästinensischen Volkes“, „Liebender aus Palästina“ und viele weitere. Innerhalb weniger Jahre wurde er zum unumstrittenen Dichter des Widerstands. Doch auch wenn er als das „leuchtende Symbol des palästinensischen Widerstands“ und „die poetische Stimme Palästinas“ galt, versuchte er immer zu vermeiden, im Plakativen zu verharren. In seinen Gedichten setzte er sich nicht nur mit der israelischen Besatzung auseinander, sondern auch mit der „arabischen Phraseologie“, die „für einen ganzen Erdball voller Zelte“ auszureichen schien, wie er einmal schrieb.
Bereits 1968 veröffentlichte er einen Artikel mit dem Titel „Rettet uns vor dieser grausamen Liebe!“, in dem er gegen die undifferenzierte und bedingungslose Heiligsprechung der Widerstandsdichter polemisierte.
Die Aufmerksamkeit, die man in der arabischen Welt dieser Dichtung schenkte, verglich er mit einem traditionellen Liebhaber, „der in der Geliebten nichts anderes sieht als das, was sie nur zu einer Angebeteten macht“.
In dieser Situation könne man aber eine solche gefilterte Aufmerksamkeit nicht einfach dankend hinnehmen, ohne gleichzeitig zuzugeben, dass es diese Dichter „nicht verdienen, in einer Zeit geheiligt zu werden, die weder Heiligtum noch völlige Gewißheit“ erlaube.

VII
Dichter sein, heißt im Bewusstsein der breiten Masse in der arabischen Welt, Prophet sein. Also Verkünder und Mahner zugleich. Stimme einer Nation, die keine Stimme hat. Träger einer Botschaft, für die er leben und sterben soll. So hat man Darwish unmittelbar nach 1967 wahrgenommen. Und so wollte man ihn auch immer sehen, hören, erleben.
Gerade diese Umarmung durch seine Leser, vor allem aber durch seine Zuhörer drohte ihn allmählich zu erwürgen. In ihrem überschwänglichen Enthusiasmus vergaßen sie oft den sensiblen, leisen Dichter, der alles in Poesie zu verwandeln vermochte, vergaßen die Tagebücher seiner alltäglichen Traurigkeit.
Seine politische Arbeit bezeichnete er als unfreiwillig. Denn er könne sich den Luxus nicht leisten, sich von der Politik fernzuhalten: „Ich sitze in meiner Wohnung und sehe vor meinem Fenster einen Panzer“, sagte er in einem Interview, „so kommt die Politik zu mir, auf dem Rücken eines Panzers. Der Baum, unter dem ich Schatten suche, ist am nächsten Tag abgeholzt. Es ist die Politik, die ihn abholzt. Zwischen Schwert und Blut habe ich nicht die Möglichkeit, neutral zu bleiben, denn es ist mein Blut, das fließt.“
Seine Mitgliedschaft im Zentralrat der PLO legte er 1993 aus Protest gegen die Unterzeichnung des Osloer Friedensabkommens nieder. „Als Intellektueller konnte ich diesen Text nicht akzeptieren“, sagte er zur Begründung, „weil er das Selbstbestimmungsrecht des palästinensischen Volkes als Volk nicht anerkennt und die Besatzung nicht Besatzung nennt… Ich sage dies, weil ich einen wirklichen Frieden erreichen möchte und keinen einfachen Waffenstillstand voller Gründe für künftige Kriege… Wenn unsere Beziehungen jedoch so bleiben, wie sie sind, zwischen Herrn und Sklaven, Besatzer und Besetzten, Lebenden und Toten, sind solche Beziehungen kein Frieden, weder für uns noch für sie.“
Er musste miterleben, dass die Geschichte ihm Recht gab. Denn noch immer haben die Palästinenser nicht den versprochenen eigenen Staat, noch immer sitzen Tausende von ihnen in israelischen Gefängnissen, noch immer wird das künftige Palästina durch Siedlungsbau und Mauern zerstückelt, noch immer sind syrische und libanesische Gebiete von Israel besetzt. Und noch immer gibt es ihn nicht, den wirklichen Frieden, von dem er träumte.

VIII
Immer wenn Darwish im Begriff war, zu sich zu finden als Dichter, als Individuum, als Mystiker des Wortes, holte ihn die Tragödie seines Volkes zu den Massen zurück. Ständig musste er sich genötigt fühlen, Zeugnis für all ihre Demütigungen, Entbehrungen, Entrechtungen und Träume abzulegen.
Seine Größe liegt vor allem in seiner unermüdlichen Suche nach einer Poetologie, die das tägliche Leid der Palästinenser, aber auch ihren Überlebenswillen und ungebrochenen Widerstand auf eine allgemeinmenschliche Ebene zu heben vermag. Was in seinen ersten Gedichten manchmal wie ein Appell anmutete und doch ein tief empfundener Aufschrei war, wurde in den Werken, die er besonders in den letzten zweieinhalb Jahrzehnten seines Lebens schrieb, zu einer Zwiesprache mit sich selbst.

In seinem Gedicht „Der Würfelspieler“ rebelliert er als Gefangener seines Ruhmes gegen das erhabene Bild einer Legende, das andere ihm als Spiegel vorhalten. Er spricht seine Leser an und meint im engeren Sinne seine Bewunderer und Verehrer, für die er nur der Mythos, die Legende, die Ikone ihrer selbst und kein Mensch aus Fleisch und Blut war. In ihrer Hilflosigkeit verkürzten sie ihn zu einer Metapher. Unmerklich, fast beiläufig fließen dabei die tragischen Momente seines Lebens von Zeile zu Zeile dahin. Kein außermenschlicher, höherer Sinn wird beschworen. Alle möglichen kleinen und großen Ereignisse sind dem Zufall unterworfen, auf eine sehr irdische, unspektakuläre Ebene gestellt. Denn alles hätte leicht anders verlaufen können: die eigene Biographie wie die große Historie, die untrennbar miteinander verwoben sind.
Darwish wusste, dass er nach zwei schweren Herzoperationen nicht mehr lange zu leben hatte. Er stand in einem zermürbenden Wettlauf mit dem Tod. So wird dieses Gedicht zu einem Gedankenspiel um die allgegenwärtigen Möglichkeiten des Todes – Flucht, Krankheiten, Flugzeugabstürze, Schüsse, Unfälle – Gefährdungen von Kindheit an bis in das Jahr, in dem er starb.
Hier spricht ein angreifbarer, fragiler, verletzlicher Mensch mit vielen Facetten, eingebunden in eine Kette von Generationen, ein „Märtyrer der Liebe“, der in der Geschichte genauso wie sein Volk ein Opfer war und der zufällig überlebte.
Doch trotz aller Melancholie zieht er ein illusionsloses, aber auch hoffnungsvolles Fazit seines Lebens. Hoffnung auf Normalität im Kleinen wie im Großen, auf ein einfaches, normales Leben ohne die tägliche Furcht, eines gewaltsamen Todes zu sterben, ein Motiv, das er oft in seinen letzten Gedichten variiert.
Welche Zeilen könnten diese Sehnsucht so intensiv, so suggestiv, so paradox formulieren wie jene, die er in seinem Gedicht „An einem Tag wie diesem“ schrieb:

Und ich will nur dies
Nur dieses Eine:
Einen einfachen ruhigen Tod
An einem Tag wie diesem
Im versteckten Winkel der Lilien
Vielleicht entschädigt er mich ein wenig
Für ein Leben, das ich zählte
Minute für Minute
Weggang um Weggang
Nur einen Tod im Garten will ich
Nicht mehr und nicht weniger

IX
Ein Liebender aus Palästina heißt einer seiner ersten Gedichtbände. Immer wieder kreisen seine Gedichte um die Liebe. Sie war der Ausgangspunkt jeder Suche nach Identität – Liebe zur Mutter, zur Geliebten, zur Erde und zum Leben. In einem Interview sagte Darwish: „Die Poesie führt die Menschen zusammen und treibt sie nicht auseinander… In ihr spiegeln sich das Erstaunen des ersten Menschen, die Freude über das Universum und die Angst vor Vergänglichkeit. Ihr Anliegen ist es, Widerstand zu leisten gegen alles, was die Freiheit des Menschen oder die Herrlichkeit des Lebens bedroht.“
Das ist es, was Mahmoud Darwish so einzigartig macht. Denn was für eine menschliche Größe und visionäre Kraft muss ein Poet besitzen, um in einem Gedicht, das er an seinen Gegner richtet und dem er den Titel „An einen anderen Mörder“ gab, folgende Zeilen zu schreiben:

Hättest du das Kind im Mutterleib
Noch dreißig Tage leben lassen, hätten sich
Alle Wahrscheinlichkeiten geändert: Vielleicht
Endet die Besatzung. Vielleicht
Erinnert sich der Säugling nicht an die Zeit
Der Belagerung. Vielleicht
Wächst gesund das Kind auf und wird
Zum Mann. Vielleicht
Studiert er an einem Institut
Die alte Geschichte Asiens
Gemeinsam mit deiner Tochter. Vielleicht
Fallen sie beide ins Netz der Liebe. Vielleicht
Bekommen sie dann eine Tochter, die der Geburt nach
Jüdin ist
Was hast du bloß getan?
Deine Tochter ist jetzt verwitwet
Und deine Enkelin verwaist
Warum hast du deine Familie auseinandergerissen?
Und warum trafst du drei Tauben
Mit einem einzigen Schuss?

Auch hier betreibt Darwish ein Gedankenspiel um Eventualitäten wie in seinem Gedicht „Der Würfelspieler“. Seine Vision von der Freiheit des Menschen und der Herrlichkeit des Lebens machte ihn zu einem Widerstandsdichter, und ihr ständiges Bedrohtsein in seinem Leben und im Leben seines Volkes machte ihn zum Visionär.
Alle Widerstandsdichter in der Geschichte der Literatur haben es uns vorgemacht: Gedichte vermögen Visionen zu formulieren. Und die einzig mögliche Vision in der heutigen Welt, in diesen finsteren Zeiten, in der das Gute und das Böse auswechselbar zu sein scheinen, kann nur die des friedlichen Zusammenlebens von Menschen und Kulturen sein. In seinen Gedichten hat Mahmoud Darwish wie kaum ein anderer diese Vision eines gerechten, dauerhaften und umfassenden Friedens jenseits von Besatzung, Belagerung, Zerstörung und gegenseitiger Zermürbung zu formulieren versucht, eines Friedens, der den Dialog zwischen zwei Stimmen und zwei Sichtweisen fördert, ohne dass die eine sich der anderen gewaltsam aufzwingt.

X
Ihm war bewusst, dass von Anfang an „den Kampf um den Boden ein Kampf um die Vergangenheit und die Symbole begleitete“, wie er in dem Essay „Das abgestufte Exil“ schrieb, und er sah, wie das Bild Davids in der Vorstellung der Welt „die Rüstung Goliaths trug, während das Bild Goliaths den Stein Davids in der Hand“ zu halten scheint. Dennoch glaubte er an die sanfte Gewalt der Vernunft, aber auch an den Überlebenswillen seines Volkes. Er griff nicht in die Vergangenheit, um einen toten Stein zu berühren und ihn mit einer Träne zu benetzen, sondern versuchte, der Geschichte des Steins eine freie Zukunft zu entlocken.
Dort, im alten Jerusalem, innerhalb der alten Mauern, sah Darwish, wie sich die Propheten die Geschichte des Heiligtums teilten, während in der Realität die Tagebücher der neueren Geschichte der Stadt mit Waffen auf die Körper der Menschen geschrieben werden. Im Doppelspiel zwischen dem Heiligen und dem Profanen droht das Profane das Heilige zu töten. Doch dieser doppelte Tod löst kein Problem, weil in diesem Konflikt die Getöteten auf beiden Seiten entschlossen sind, sich in einen Phönix zu verwandeln und immer wieder aus der Asche aufzusteigen. Solange dieser Kreislauf nicht durchbrochen wird, kommt kein Frieden und keine Eintracht in die Stadt.
In seinem Gedicht „In Jerusalem“ aus dem Band Entschuldige Dich nicht für Getanes (2004) klingt das so:

Ich laufe über einen Abhang und
Frage mich: Warum streiten sich die Überlieferer
Über die Worte des Lichts im Stein? Wie
Können Kriege sich entfachen aus einem Stein
Mit wenig Licht?
(…)
Ich laufe nicht, ich fliege
Und werde ein anderer in der Verwandlung. Ohne Ort
Ohne Zeit. Wer also bin ich? Ich bin
Nicht ich im Angesicht der Himmelfahrt. Aber
Allein der Prophet Mohammad
Sprach Hocharabisch. Na und?, denke ich
Na und?, schrie plötzlich eine Soldatin:
Du schon wieder? Hab ich dich nicht getötet?
Und ich sprach: Du hast mich getötet – aber ich vergaß
Genau wie du
Zu sterben

Dieses Gedicht ist eine Herausforderung. Und das Angebot heißt hier: Überleben. Da die Überlebenschance der einen Seite auf Kosten der anderen ergriffen und verwirklicht wurde, muss sie nun auch der anderen Seite ermöglicht werden. Hier akzeptiert das Opfer die Opfergeschichte des anderen, auch wenn er ihn als Täter empfindet, und ihm gleichzeitig seinen Willen kundtut, Widerstand zu leisten, um zu überleben.

In seinem Gedicht „Der Frieden“ will Darwish sagen, genau so wie im Gedicht „Der Würfelspieler“, dass alles anders sein könnte. Ein Traum, der bisher eine Fata Morgana blieb:

Friede ist ein vertrauter Morgen, ein freundlicher
Leichtfüßiger, fern jeder Feindschaft
(…)
Friede heißt den Garten pflegen und fragen:
Was pflanzen wir demnächst?
(…)
Friede heißt einen Jungen beweinen, dem ein Frauenblick
Das Herz durchbohrte
Keine Kugel, keine Granate

Adel Karasholi, Vorwort

Neuauflage zum 70. Geburtstag von Mahmoud Darwish

„Während mehr als vier Dekaden war Darwish nicht nur eine Ikone der Palästinenser; er galt als der größte lebende Dichter arabischer Sprache schlechthin und als einer der bedeutendsten Innovatoren der arabischen Lyrik… Vielleicht zum ersten Mal in der neueren Geschichte haben arabische Könige und Präsidenten den Tod eines Lyrikers beklagt“, schrieb der jordanische Schriftsteller Fakhri Saleh in seinem Nachruf in der Neuen Zürcher Zeitung.
Wenige Wochen vor seinem Tod im August 2008 veröffentlichte Mahmoud Darwish in der in London erscheinenden Zeitung Al-Quds al-arabi sein langes Gedicht „Der Würfelspieler“.
Bereits mit den ersten Versen setzt Mahmoud Darwish zu einer schonungslosen Selbstbefragung an, jenem Sich-selbst-in-Frage-stellen, das sein Spätwerk bestimmte. Dabei werden Leben und Dasein zu einem Spiel des Zufalls und stehen unter der spürbaren Gegenwart des Todes, während die Suche nach der verlorenen Heimat weitergeht.
Die Unmittelbarkeit, mit der Darwish diese Gratwanderung mit Bildern von Vergeblichkeit und Hoffnung, Zweifel, Zerrissenheit, Angst und Liebe verbindet, macht dieses Gedicht zu einem literarischen Vermächtnis.

Der Gedichtband vereinigt den arabischen Text und die Übertragung in die deutsche Sprache durch den engen Freund und Lyriker Adel Karasholi, der auch das Vorwort verfasste.

A1 Verlag, Ankündigung

 

Die positive Kraft des Zufalls

− Die Poesie des vor einem Jahr im Alter von 67 Jahren gestorbenen Palästinensers Mahmoud Darwish hat sehr unterschiedliche Phasen durchlaufen, von sehr eingängigen, vielfach vertonten Texten in den 60er-Jahren zu hochkomplexen, mit Mythen und Symbolen aufgeladenen Wortgebilden in den 80er- und 90er-Jahren. Das jetzt in einer deutsch-arabischen Ausgabe erschienene Langgedicht „Der Würfelspieler“ vereint das Beste aus beiden Phasen. Es ist Darwishs literarisches Testament. −

Wenn man dieses Gedicht liest, sollte man wissen, wer es geschrieben hat – am besten so wie die arabischen Leser. Gleich die ersten Zeilen sind ungeheuerlich, wenn man weiß, von wem sie kommen:

Wer bin ich, euch zu sagen
Was ich euch sage?
[…]
Ich bin ein Würfelspieler
Zuweilen gewinne, zuweilen verliere ich
Ich bin wie ihr
Oder ein bisschen weniger.

Ausgerechnet der größte palästinensische Dichter steigt in einem der letzten Texte vor seinem Tod vom Podest herab, das ihm seine Anhänger errichtet haben, und spricht als einer von ihnen, „oder ein bisschen weniger“. Freilich ist im Hintergrund noch eine andere Stimme am Werk: Es geht, wenngleich in bewusst einfacher Sprache, um die letzten Dinge, und somit steht „Der Würfelspieler“ auch in der Tradition von Stéphane Mallarmés berühmtem Gedicht „Un coup de dés“ („Ein Würfelwurf“), welches es zugleich erdet. Man könnte das 40-seitige Gedicht eine poetische Biographie nennen, die Suche des Dichters nach seiner Bestimmung und Identität in einer kontingenten, von Gott verlassenen Welt: „Wie leicht wäre es möglich, nicht zu sein!“ Der Zufall entpuppt sich jedoch überraschend als eine positive Kraft, die es möglich macht, die Geschichte anders zu denken. Dadurch werden all diejenigen Ideologen entlarvt, die der Geschichte einen tieferen Sinn zuweisen und ihren Verlauf als Bestätigung für ihr Weltbild und ihre Ansprüche nehmen – das im Heiligen Land und der Heimat Darwishs übliche Verfahren, einseitige Besitzansprüche geltend zu machen:

Zufällig lebten Chronisten
Und zufällig sagten sie:
Hätten die anderen die anderen besiegt
Bekäme die Geschichte der Menschheit
Andere Überschriften

Die persönliche Rückbindung zeitigt bewegende Momente, und auch hier wieder ist es gut, wenn man die Biographie des schwer herzkranken Dichters kennt, der, ständig infarktgefährdet, dem Tod mehrfach von der Schippe gesprungen ist und schließlich doch bei einer Herzoperation starb:

Ich glaube an meine Begabung
Den Schmerz zu entdecken um zehn Minuten
Vorm Sterben den Arzt zu rufen […]
Und das Nichts zu enttäuschen.
Wer bin ich, das Nichts zu enttäuschen?
Wer bin ich?

Der Verzicht auf die Zeichensetzung führt in der deutschen Fassung zu mancher Doppeldeutigkeit („ich sage nicht weit von hier sei…“ wo es heißen muss: „ich sage nicht, weit von hier sei“). Dennoch erschließt sich der Text auch anhand der deutschen Übersetzung. Ein einfühlsames Vorwort des Übersetzers, der mit Darwish lange befreundet war, rundet den Band ab.

Stefan Weidner, Deutschlandradio Kultur, 7.8.2009

Poetisches Testament im Würfelbecher

Die Macht des Zufalls anerkennen macht frei von Ideologie. Darum kreist das letzte Werk von Mahmoud Darwish, der Stimme Palästinas. Das jetzt in einer deutsch-arabischen Ausgabe erschienene Gedicht „Der Würfelspieler“ ist sein literarisches Testament. −

Was für ein Wurf! Ein Würfelwurf, kurz vor dem Tod im August vor einem Jahr, als könne der Dichter, mit etwas Glück, das Schicksal in Form seiner Herzkrankheit noch einmal in die Knie zwingen. Die Rede ist von Mahmoud Darwish, dem größten und beliebtesten arabischen Wortkünstler der Gegenwart, der literarischen Stimme Palästinas. Die Poesie des 1941 in Galiläa Geborenen hat unterschiedlichste Phasen durchlaufen, von sehr eingängigen, vielfach vertonten Texten in den sechziger Jahren zu hochkomplexen, mit Mythen und Symbolen aufgeladenen Wortgebilden in den achtziger und neunziger Jahren. Das jetzt in einer deutsch-arabischen Ausgabe erschienene Langgedicht „Der Würfelspieler“ vereint das Beste aus beiden Phasen. Es ist Darwishs literarisches Testament.
Man sollte wie die arabischen Leser zumindest eine Ahnung haben, wer dieses Gedicht geschrieben hat. Wenn man weiß, von wem sie kommen, sind gleich die ersten Zeilen ungeheuerlich:

Wer bin ich, euch zu sagen
Was ich euch sage?
(…) Ich bin ein Würfelspieler
Zuweilen gewinne, zuweilen verliere ich
Ich bin wie ihr
Oder ein bisschen weniger.

Während in der klassischen arabischen Poesie bis weit in die Gegenwart der Dichter eine ausgezeichnete Position beansprucht und das dichterische Selbstlob eines der beliebtesten Genres ist, steigt ausgerechnet der größte palästinensische Dichter im letzten längeren Gedicht vor seinem Tod vom Podest herab, das ihm seine Fans errichtet haben.

Es geht um die letzten Dinge
Der Kenner freilich ahnt, dass im Hintergrund noch eine andere Stimme am Werk ist. Es geht um die letzten Dinge, und somit steht „Der Würfelspieler“ natürlich in der Tradition von Stéphane Mallarmés berühmten Gedicht „Un coup de dés“ („Ein Würfelwurf“), das hier durch die bewusst einfache arabische Sprache Darwishs gleichsam geerdet wird. Schließlich ist der Würfelspieler niemand anderes als ein (vor)islamischer Gott, das Schicksal, wie es schon in der vorislamischen Dichtung besungen wurde, auf die Darwish im Lauf des Textes ebenso anspielt wie auf den Koran, mit der Pointe, dass das Initiationserlebnis Mohammeds, die Begegnung mit dem Erzengel Gabriel, bei Darwish als Begegnung mit einer Fata Morgana erscheint, die ihn anspricht: „Lies!“ Aber was Mohammed dann liest, sind nicht, wie in der islamischen Überlieferung, die frühesten Worte des Korans, sondern nur: „Wasser, Wasser, Wasser!“
Man könnte das vierzigseitige Gedicht eine fiktive poetische Biographie nennen, die Suche des Dichters nach seiner Bestimmung und Identität in einer vom Zufall regierten und von Gott verlassenen Welt: „Wie leicht wäre es möglich, nicht zu sein!“ Der Zufall entpuppt sich überraschend als eine positive Kraft, die es möglich macht, die Historie anders zu denken. Dadurch werden all diejenigen Ideologen entlarvt, die der Geschichte einen tieferen Sinn zuweisen und ihren Verlauf als Bestätigung für ihr Weltbild und ihre Ansprüche nehmen – das im Heiligen Land und der Heimat Darwishs übliche Verfahren, einseitige Besitzansprüche geltend zu machen. Wäre der Würfel anders gefallen, hätte die Geschichte zugunsten der Palästinenser ausgehen können, nachträgliche Geschichtsdeutung ist Willkür:

Zufällig lebten Chronisten
Und zufällig sagten sie:
Hätten die anderen die anderen besiegt
Bekäme die Geschichte der Menschheit
Andere Überschriften.

Die Doppeldeutigkeit der deutschen Fassung
Die persönliche Rückbindung zeitigt bewegende Momente, und auch hier ist es gut, wenn man die Biographie des schwer herzkranken Dichters kennt, der, ständig infarktgefährdet, dem Tod mehrfach von der Schippe gesprungen ist und schließlich doch bei einer Herzoperation starb:

Ich glaube an meine Begabung
Den Schmerz zu entdecken um zehn Minuten
Vorm Sterben den Arzt zu rufen (…)
Und das Nichts zu enttäuschen.
Wer bin ich, das Nichts zu enttäuschen?
Wer bin ich?

Die einfache Sprache macht es dem Übersetzer nicht allzu schwer, aber man hätte sich ein gründlicheres Lektorat gewünscht. Der Verzicht auf die Zeichensetzung führt in der deutschen Fassung zu mancher Doppeldeutigkeit („ich sage nicht weit von hier sei“ wenn es heißen muss: „ich sage nicht, weit von hier sei“), und ein Satz wie „Weil tausende Soldaten starben dort“ klingt arg umgangssprachlich, zumal wenn es keine metrische Notwendigkeit gibt, die zur Umstellung des Verbs zwingen würde. Dennoch erschließt sich der Text dank des syrischstämmigen Leipziger Dichters Adel Karasholi auch in der deutschen Übersetzung. Ein einfühlsames Vorwort Karasholis, der mit Darwish gut befreundet war, rundet den Band ab.

Stefan Weidner, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.11.2009

NICHTS ALS EIN WÜRFELSPIELER BIN ICH …,

Kurz vor seinem Tod im August 2008 veröffentlichte der palästinensische Dichter Mahmud Darwisch (auch Mahmoud Darwish) das mehr als zwanzig Seiten lange Gedicht DER WÜRFELSPIELER in der in London erscheinenden Zeitung Al-Quds al-arabi. Die deutsche Übersetzung liegt seit einigen Wochen durch den Münchner A1 Verlag vor.
Dem zweisprachigen Lyriker Adel Karasholi ist nicht nur eine ganz wunderbare Übersetzung gelungen: in dem ungewöhnlich langen Vorwort MAHMOUD DARWISH UND DIE FATA MORGANA DES FRIEDENS schildert er zudem das Leben seines literarischen Weggefährten in sehr persönlicher und liebevoller Weise. So gibt er einen Abriss über dessen künstlerische Entwicklung, die untrennbar, ja sogar abhängig von der Geschichte des palästinensischen Volkes ist.
Adel Karasholi nimmt Abschied von einem ganz besonderen Menschen, der als einer der herausragenden Dichter der arabischen Welt und als die poetische Stimme des palästinensischen Volkes gilt.
Mahmud Darwisch hat an seinem Ruhm, der ihn nach und nach vereinsamte, schwer getragen. Auch darüber schreibt er im WÜRFELSPIELER.
Geboren wurde er 1941 im Dorf Al Birwe bei Akko (ehemaliges Palästina). Als Siebenjähriger flieht er während des israelischen Unabhängigkeitskrieges in den Libanon und kehrt nach israelischer Staatsgründung heimlich in sein Geburtsland zurück. Siebzehnjährig veröffentlicht er sein erstes Gedicht und wird umgehend verhaftet.
Nach mehreren Inhaftierungen und jahrelangen Hausarresten geht Mahmud 1970 ins Exil und lebt vorübergehend u.a. in Beirut, Tunis, Paris, auf Zypern, in Amman und zuletzt in Ramallah.
Die Heimatlosigkeit begleitet ihn bis zu seinem Tod; auf die Frage WER BIN ICH OHNE EXIL? schreibt er:

An deinen Namen bindet mich das Wasser … nichts führt mich aus den Schmetterlingen meiner Träume in die Wirklichkeit: kein Feuer, kein Lehm. Wir sind so leicht wie unsere Häuser in den fernen Winden. Wir sind Freund den fremden Geschöpfen zwischen den Wolken…

Mahmud Darwisch ist bislang vielleicht der einzige, dem es gelang, arabische Dichtung durch kreative Inspiration mit moderner, europäischer Literatur in Einklang zu bringen.
Seine Gedichtbände erreichten Millionenauflagen, und das in der arabischen Welt, wo immer noch ca. 60% der Bevölkerung Analphabeten sind.
Die Franzosen haben Darwisch schon vor Jahrzehnten viel und gerne gelesen, das deutsche Publikum tut sich jedoch schwer, seine Gedichte gelten nach wie vor als Geheimtipp. Vielleicht werden Adel Karasholis Gedanken über Mahmud Darwisch dazu beitragen, dass auch die deutsche Übersetzung vom WÜRFELSPIELER gerne gelesen und verstanden wird.
Im vorliegenden Gedichtband werden Leben und Dasein zu einem Spiel des Zufalls und stehen unter der spürbaren Gegenwart des Todes.
Die Unmittelbarkeit, mit der Mahmud Bilder von Vergeblichkeit und Hoffnung, Zerrissenheit, Trauer und Liebe verbindet, macht dieses Gedicht nicht nur zu einem sehr persönlichen Bekenntnis, sondern auch zu einem poetischen Vermächtnis.
Angelehnt an arabische Dichter wie Nizar Qabbani und Abd al-Wahab al-Bayyati, aber auch an internationale Dichter wie Aragon, Brecht, Lorca und Neruda, sind seine Verse trotz Zorn und Traurigkeit voller Anmut und Zärtlichkeit.

2004 schrieb er noch in seinem Gedicht IN JERUSALEM:

Plötzlich schrie eine Soldatin:
Du schon wieder? Hab ich dich nicht getötet?
Und ich sprach: Du hast mich getötet – aber ich vergaß
genau wie du
zu sterben.

2008 schrieb er im WÜRFELSPIELER:

Ich glaube an meine Begabung
den Schmerz zu entdecken um zehn Minuten
vorm Sterben den Arzt zu rufen zehn Minuten
genügen um zufällig am Leben zu bleiben
und das Nichts zu enttäuschen.

Mahmud setzt sich im WÜRFELSPIELER nicht nur mit der israelischen Besatzung und seiner Herzerkrankung auseinander. Er beschreibt auch, wie sehr er unter seinem Ruhm litt, wie die begeisterte Umarmung seiner Leser, vor allem aber seiner Zuhörer ihn allmählich zu erwürgen drohte. Er, der mit seinen Lesungen wiederholte Male Fußballstadien füllte, rebelliert nun offen gegen das erhabene Bild einer Legende, das andere ihm als Spiegel vorhalten:

Umarme mich sanft damit mich der Wind nicht verstreue
auch im Wind kann ich mich nicht lösen
vom Alphabet
Ach wenn ich nicht auf einem Berg stünde
hätte mich des Adlers Einsiedelei beglückt denn
kein Licht ist höher
doch ein Ruhmesraum wie dieser derart gekrönt
mit goldnem unendlichem Blau
ist schwer zu besuchen: Der Einsame bleibt einsam dort
Absteigen kann er nicht auf eigenen Füßen
denn weder der Adler will laufen
noch fliegen kann der Mensch
Ach wie ein Abgrund ist dieser Gipfel
dieses Berges hohe Abgeschiedenheit

Und er schreibt weiter über Zufälligkeiten, die Liebe und vom Frieden:

Nichts als ein Würfelspieler bin ich
zuweilen gewinne zuweilen verliere ich
wie ihr bin ich und vielleicht
ein wenig weniger

Und mein Unglück ist dass ich mehrmals
gerettet wurde als ich vor Liebe sterben wollte
und mein Glück ist dass ich noch fügsam genug bin
die Liebe zu erfahren

Wenn der Himmel ergraut
und ich plötzlich eine Rose blühen sehe
aus den Rissen in der Mauer
so sage ich nicht der Himmel sei grau
sondern betrachte lange die Rose
und ich sage ihr: welch ein schöner Tag

Friede ist ein vertrauter Morgen, ein freundlicher
Leichtfüßiger, fern jeder Feindschaft

Frieden heißt den Garten pflegen und fragen:
Was pflanzen wir demnächst?

Friede heißt, einen Jungen beweinen, dem ein Frauenblick
das Herz durchbohrte
keine Kugel, keine Granate

Marion Sens „ms“, amazon.de, 3.5.2009

 

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shi 詩 yan 言 kou 口
Nachrufe auf Mahmoud Darwish: Quantara ✝ FAZ ✝ Der Spiegel ✝ die taz ✝
The Economist

 

Mahmoud Darwish – Algerie 1983 ( Eloge de l’ombre).

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3 Antworten : Mahmoud Darwish: Der Würfelspieler”

  1. Nader sagt:

    Wie kann ich dieses gedicht “Der Würfelspieler“ finden

  2. Redaktion sagt:

    Hier finden sie das Gedicht „Der Würfelspieler“:

    http://www.zeit.de/2009/20/Gedicht

  3. Nader sagt:

    Vielen Dank

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