Ossip Mandelstam: Hufeisenfinder

Mandelstam-Hufeisenfinder

BAHNHOFSKONZERT

Kein Atmen mehr. Das Firmament – voll Maden.
Verstummt die Sterne, keiner glüht,
Doch über uns, Gott siehts, Musik, dort oben −
Der Bahnhof bebt vom Aonidenlied,
Und wieder ist die Luft, zerrissen von Signalen,
Die Geigenluft, die ineinanderfließt.

Der Riesenpark. Die Bahnhofskugel, gläsern.
Die Eisenwelt – verzaubert, abermals.
Und feierlich, in Richtung Nebel-Eden,
Zu einem Klang-Gelage rollt die Bahn.
Ein Pfauenschrei, Klaviergetöse.
Ich kam zu spät. Ich träum ja. Mir ist bang.

Der Glaswald rings, ich habe ihn betreten.
Der Geigen-Bau – in Tränen, aufgewühlt.
Der Duft der Rosen in den Moder-Beeten;
Der Chor der Nacht, der anhebt, wild.
Der teure einst, der mitzog, er, der Schatten…
Sein Nachtquartier: ein gläsernees Gezelt…

Die Eisenwelt, sie schäumt, schäumt vor Musik −
Mir ist, als bebte sie am ganzen Leibe −
Ich steh im Glasflur, lehne mich zurück.
Wo willst du hin? Es ist die Totenfeier
Des Schattens, der dort ging. Noch einmal war Musik.

Übersetzt von Paul Celan

 

 

Auskünfte und Ansichten zur Poesie Ossip Mandelstams

3.(15.) Januar 1891 bis 27. Dezember 1938

Die Ausgabe ist ein Anfang. Diese achtzig Gedichte sind ein Fünftel seines lyrischen Werks und bieten Proben aus allen erschienenen oder geplanten Sammlungen. Übersetzung und Interpretation zeigen die Schwierigkeiten und den möglichen Gewinn der Mandelstam-Aufnahme bei uns. Wie mag der Leser Mandelstam begegnen? Der Dichter wünschte ihn sich als „Gesprächspartner“, zu dem der Vers „auf mächtigen Flügeln“ fliegt. „Es gibt keine Lyrik ohne Dialog. Das einzige, was uns einem Gesprächspartner in die Arme treibt, ist der Wunsch, über die eigenen Worte zu staunen, sich von ihrem Neuen und Unerwarteten fesseln zu lassen.“
Die Dichter bekommen es zu tun mit Mandelstams „Philologismus, der Chemie der Worte“, von denen Boris Eichenbaum 1933 sprach. Mandelstam gelinge die abstrakte philosophische Ode, hatte Juri Tynjanow zehn Jahre zuvor gemeint, weil bei ihm, wie Heine von Schiller schrieb „nüchterne Begriffe… tanzen wie Bacchanten“.
Der Leser lernt ein ganz anderes Dichterleben kennen, als er es bisher aus der sowjetischen Poesie gewöhnt war – Alexander Blok, Wladimir Majakowski, Sergej Jessenin. Während sie die Aufflüge und Stürze ihrer Biographie zum Gegenstand ihrer Poesie machten, strebte Mandelstam nach einer revolutionären Klassizität. Der „häusliche Hellenismus“, von dem er sprach, ist ein Versuch, die Aufblähung des Dichterlebens zu beenden. Mandelstam hat nie eine Autobiographie geschrieben, und die einzige Auskunft stellt Biographie in Anführungszeichen und lobt ihren Verlust: „Die Oktoberrevolution mußte meine Arbeit beeinflussen, da sie mir meine ,Biographie‘ – das Gefühl persönlicher Bedeutsamkeit nahm; ich bin ihr dankbar dafür, daß sie ein für allemal Schluß gemacht hat mit geistiger Sichergestelltheit und einem Leben von kultureller Rente“ (1929).
Ist es geschichtlich gerechtfertigt, angesichts der bei den Verhaftungen Mandelstams (1934, 1938), seiner Aussiedlung nach Woronesh (1934-1937) und Kalinin (1937-1938), angesichts seines Selbstmordversuchs in Tscherdyn, seiner Anfälle von Geistesverwirrung und seines Todes in Wladiwostok diesen unerhörten Abschied für voll zu nehmen? Wendet das tragische Ende die Entschiedenheit des Bruchs nicht zur Farce? Wer Mandelstams Gedichte genau liest, wird eine Unerschrockenheit vor den Konsequenzen des Biographie-Bruchs entdecken, die nirgends seine lebensgefährliche Abruptheit, aber nirgends auch seine weltgeschichtlich eingreifenden Wirkungen unterschlägt. In Woronesh notiert Mandelstam dazu: „Wenn ein Schriftsteller es für seine Pflicht hält, koste es, was es wolle, ,das Leben tragisch zu sagen‘, aber auf seiner Palette keine tiefen kontrastierenden Farben besitzt, und vor allem das Gefühl für das Gesetz nicht hat, nach dem das Tragische, auf welch kleinem Abschnitt es immer entstehe, sich unweigerlich in ein allgemeines Bild der Welt fügt – bringt er nur ,Halbfabrikate‘ von Schrecken und Borniertheit hervor, Rohmaterial, das Ekel erregt und bei der wohlmeinenden Kritik den zärtlichen Namen ,Milieu‘ trägt.“
Der Bruch mündete in die große Unrast, das Unterwegssein der zwanziger und beginnenden dreißiger Jahre. 1933 schrieb er resümierend: „Die Poesie unterscheidet sich dadurch von automatischer Rede, daß sie uns in der Mitte des Wortes weckt, aufstört. Dann erweist sich das Wort als sehr viel länger, als wir dachten, und wir erinnern uns, daß Sprechen immer Unterwegssein heißt.“
Unterwegssein in der Sprache. Unterwegssein in seiner Zeit und in den Zeiten. Unterwegssein mit dem „ungestillten Hunger des Gedankens“. Nach seiner ausgedehnten Georgien- und Armenienreise des Jahres 1930 notierte er den Zusammenhang von Reise, Welterkenntnis und poetischer Intention: „Man muß immer reisen, nicht nur nach Armenien und Tadshikistan. Die größte Belohnung für einen Künstler ist, jemanden, der anders denkt und fühlt als er, zur Tat herauszufordern.“ Mandelstam brachte in die Lyrik der dreißiger Jahre seine Intimität im Umgang mit den Kulturen und Epochen ein, die er gemeint hatte, als er den „synthetischen Dichter der Gegenwart“, einen „Verlaine der Kultur“ nannte.
Er begriff sich als einen Nachfahren der Rasnotschinzen, jenes vierten Standes des russischen 19. Jahrhunderts, dessen bedeutendste Vertreter, so Tschernyschewski und Dobroljubow, die sozialistische Revolution geistig und praktisch vorbereiten halfen. „Ein Rasnotschinze braucht keine Erinnerungen“, heißt es 1925 in der Prosasammlung Rauschen der Zeit, „für ihn genügt es, von Büchern zu erzählen, die er gelesen hat – und die Biographie ist fertig.“ Was darunter für Bücher waren, erfährt man an dieser Stelle: „Erfurter Programm, Propyläen des Marxismus, früh, allzufrüh habt ihr den Geist zur Harmonie erzogen, doch habt ihr mir und vielen anderen bereits in prähistorischen Jahren, wenn das Denken noch nach Einheit und Harmonie dürstet, wenn sich das Rückgrat der Epoche geradereckt, wenn das Herz nötiger als alles andere das rote Blut der Aorta braucht, ein Gefühl für das Leben gegeben! Ist Kautsky etwa Tjutschew? Vermag er denn kosmische Empfindungen zu wecken (,nur Spinngeweb wie dünnes Haar blitzt auf ,der müßigen Furche‘)? Aber man stelle sich vor, daß für ein bestimmtes Alter und für einen bestimmten Augenblick Kautsky (ich nenne ihn natürlich nur als Beispiel – wenn nicht er, dann Marx und Plechanow mit viel größerem Recht) dasselbe wie Tjutschew ist, das heißt, eine Quelle kosmischer Freude, Künder eines starken und harmonischen Weltgefühls, ein sinnendes Schilfrohr und eine über den Abgrund geworfene Decke.“
Rasnotschinze war für Mandelstam ein Appellativum, die Bezeichnung einer Souveränität des geschichtlichen Subjekts, das sich nicht als Gefangener verpflichtender Erinnerungen, als machtloses Glied in einer Kette von „Vergeltungen“ betätigt. So nannte er im Gespräch über Dante (1933), das in der Analyse der Göttlichen Komödie Mandelstams Dichtungsbegriff und Poetik zeigt, den Italiener einen „inneren Rasnotschinzen“. Im Jahr zuvor erschien ihm Darwin, dessen literarischen Stil er beschrieb, als geistiger Verwandter dieser Russen.
Diese Ausgabe ist eine Einladung an Dichter und Leser, einen Mann kennenzulernen, in dem, wie er es, selbst vom Dichter des neuen Zeitalters erwartete, die „Ideen, wissenschaftlichen Systeme, Staatstheorien genauso singen wie in seinen Vorgängern Rosen und Nachtigallen“.

Fritz Mierau, Nachwort

 

Reichtum einer poetischen Welt

− Hufeisenfinder — Gedichte von Mandelstam bei Reclam. −

Alexander Block 1880 geboren, Anna Achmatowa 1889, Boris Pasternak 1890, Ossip Mandelstam 1891, Wladimir Majakowski 1893, Sergej Jessenin 1895. Symbolismus und Futurismus und Akmeismus (eine Strömung, die in etwa neoklassizistisch genannt werden kann) und Imaginismus. Poetenberühmtheit oder zumindest aufsehenerregendes literarisches Debüt in der vorrevolutionären Zeit, und dann die Zeitenwende der Oktoberrevolution. Eine große Epoche der russischen Lyrik.
Aber während wir Majakowski fast ganz und die anderen zumindest in Auswahl des Wesentlichsten in deutschen Übersetzungen kennen, begegnete uns Ossip Mandelstam bisher nur mit wenigen einzelnen Gedichten in Anthologien. Mehr vertraut wird er uns jetzt erst durch eine zweisprachige Ausgabe von Gedichten, die unter dem Titel Hufeisenfinder in Reclams Universal-Bibhothek erschienen ist, herausgegeben von Fritz Mierau, mit Nachdichtungen von Paul Celan, Rainer Kirsch, Hubert Witt, Uwe Grüning und Roland Erb und mit einem Anhang, in dem Auszüge aus Aufsätzen von und über Mandelstam enthalten sind.
Ossip Mandelstam — ein großer Dichter: das wird uns hier offenbar. Zum zarten, sensibel-elegischen Ton der frühen Gedichte, die dennoch nicht ins bloße Gefühl entfließen, sondern sehr konkrete lyrische Bilder enthalten, tritt bald ein hellenistisch-klassisches Verständnis der Poesie und drängt ihn zu festeren Fügungen. Dringlicher und fordernder tritt dann in den Jahren der Revolution die Wirklichkeit heran und ins Gedicht hinein: „Meine Zeit, mein Raubtier, deinem / Aug — hält ihm ein Auge stand?“ Das Auge Mandelstams hält stand. Er bekennt sich zur Revolution, er beschwört immer wieder mit Stolz die revolutionären Traditionen des russischen Volkes. Noch härter und fester wird die präzise Metaphorik seiner Verse, wirklichkeitsgesättigter. Aus psychischen Krisen, Jahren des dichterischen Verstummens rafft er sich zu neuen Anfängen auf. Welch heitere Schönheit etwa in der poetischen Summierung einer Armenien-Reise! Und noch in den für ihn schweren dreißiger Jahren, wenige Jahre vor seinem tragischen Ende 1938, hält er an seiner so schwer eroberten Lebensbejahung fest und an seinem revolutionären Bekenntnis:

Ich will nicht unter Jünglingen im Treibhaus
Den letzten Seelengroschen wechseln. Meinen Hut
Nehme ich, und wie der Bauer in den Kolchos
Geh ich zur Welt und siehe, der Mensch ist gut.

Der Reichtum von Mandelstams poetischer Welt kann hier nur skizziert werden. Ein Eindruck entsteht! Vielleicht war dieser Dichter von seinem Wesen her gar nicht gemacht für eine solche Zeit wie die, in der er lebte. Aber aus dieser Zeit heraus gewann er jedenfalls die großen poetischen Imaginationen, in denen es ein Dichter erfahrener Wirklichkeit und hohen Geschichtsbewußtseins und also auch ein Dichter der Revolution wurde.

H. U., Neue Zeit, 2.2.1976

Ossip Mandelstam

Nachfolger der russischen Symbolisten, begann Mandelstam in dem Moment, da der Zerfall des Symbolismus unübersehbar war, und Alexander Blok, eben noch sein Wortführer, schon andere Antworten auf die bohrenden Fragen der Zeit gab. Die Gedichte in Mandelstams erstem Buch Der Stein (1913) sind schon frei von „Jenseitigkeit“, frei von der positiven Ideologie und Philosophie des Symbolismus.
1912 schloß sich Mandelstam den Akmeisten an. Diese einander so unähnlichen Schüler der Symbolisten einte die Sehnsucht, zum irdischen Springquell der poetischen Werte, zur Darstellung der dreidimensionalen Welt zurückzukehren. Dreidimensionalität verstanden die Dichter des Akmeismus auf je besondere Art. Die Neoromantik und Exotik Nikolai Gumiljows ist grundverschieden von der dinglich-alltäglichen Welt der frühen Anna Achmatowa. Und Mandelstam beschäftigt die Dreidimensionalität in den unterschiedlichen Bedeutungen des Wortes, auch buchstäblich – als architektonische Proportion samt Material.
(…)
„Gotische Dynamik“ sieht Mandelstam nicht als Streben nach Unendlichkeit (in der romantischen Auffassung der Gotik), sondern; als Sieg der Konstruktion über das Material, als Verwandlung des Steins in die Spitze und in die Nadel. Das Architektonische in Mandelstams frühen Gedichten ist in weiterem Sinne zu verstehen. Er begriff die Wirklichkeit überhaupt architektonisch, als gearbeitete Strukturen, und zwar die Alltagsvorgänge ebenso wie die Kultur im Großen. Auf diesen entscheidenden Zug seines Werks hat Viktor Shirmunski 1916 als erster in seinem Aufsatz „Die Überwinder des Symbolismus“ aufmerksam gemacht. Mandelstam sei inspiriert von der „Verarbeitung… des Lebens in den kulturellen und künstlerischen Werken, die er vorfindet“, bemerkt Shirmunski und untersucht einige dieser „synthetischen Verarbeitungen“ in Mandelstams Poesie: das siechende Venedig, das Elementar-Musikalische der deutschen Romantik, die Kathedralen des Kreml, Homer u.a, (V. Shirmunski, Voprosy teorii literatury, Leningrad 1928, S. 328-330). In einer dichten Atmosphäre der Stilisierung (die immer unhistorisch ist) stieß Mandelstam auf diesem Weg vor zu einem historischen Verständnis der Kulturen und Stile.
Die Persönlichkeit des Dichters stand nicht im Mittelpunkt der poetischen Welt des frühen Mandelstam. Später, im „Rauschen der Zeit“, schrieb er: „Ich will nicht von mir selber sprechen, sondern einem Zeitalter nachspüren, dem Rauschen und Hervorbrechen der Zeit. Mein Gedächtnis ist allem Persönlichen feind.“ Doch muß man annehmen, daß Mandelstam, als er im Buch Der Stein die Welt der gegenständlich verkörperten Kulturphänomene schuf, nicht daran zweifelte, lyrische Poesie zu schreiben.
(…)
Der frühe Mandelstam bevorzugt unter den historischen und künstlerischen Kulturen eindeutig die synthetische hellenisch-römische Kultur. Mandelstam rezipiert sie über die russische Überlieferung – den russischen Klassizismus des 18. Jahrhunderts, über Batjuschkow, Puschkin und die russische Baukunst. (…) Diese Konzeption entstand wahrscheinlich unter dem Einfluß der Ideen Dostojewskis von der Universalität, der Allmenschlichkeit als einer Eigenschaft, des russischen Nationalbewußtseins. Aber Mandelstam verlegt das Problem auf die Ebene der Sprache, die fundamentale für den Dichter.
In seinem Aufsatz „Über die Natur des Wortes“ (1922) schrieb Mandelstam: „Die russische Sprache ist hellenistisch. Auf Grund verschiedener geschichtlicher Umstände strebten die lebendigen Kräfte, der hellenischen Kunst, den Westen lateinischem Einfluß überlassend, in den Schoß der russischen Sprache und vermachten ihr das Urgeheimnis hellenischer Weitsicht, das Geheimnis der freien Verkörperung, und daher wurde die russische Sprache ein klingender und redender Körper.“ Es geht hier nicht darum, inwieweit die linguistischen Erwägungen Mandelstams dem modernen Forschungsstand entsprechen. Entscheidend ist etwas anderes: Welchen Platz haben sie im System seiner Auffassungen von den historischen Kulturen und Kulturstilen?
In Tristia wie im Stein bedient sich Mandelstam nicht der poetischen Sprache des russischen, Klassizismus des beginnenden 19. Jahrhunderts mit ihrer Mythologie und ihren Formeln. Dennoch war er darauf aus, einen eigenen hellenischen „Dialekt“ in der Poesie zu schaffen. Mandelstams poetische Sprache ist synthetisch und weitgreifend; sie umfaßt alles: feierliche Archaismen und die Worte des Alltags, literarische Reminiszenzen und Umgangssprachliches. Es geht also nur um die antike Färbung, um Worte einer bestimmten Dynamik, mit denen Mandelstam den Kontext anzustecken verstand. Die Verwendung solcher einfärbender Worte lernten Mandelstam und seine Zeitgenossen von den Dichtern der Puschkin-Zeit.
(…)
Im Aufsatz „Über die Natur des Wortes“ betont Mandelstam, daß die russische literarische Tradition einen heroischen und einen häuslichen Hellenismus kannte, „Hellenismus, das ist der Kochtopf, die Ofengabel, der Krug Milch, das ist Gerät, Geschirr, die Umgebung des Leibs… Hellenismus, das heißt, der Mensch umgibt sich mit Gerät anstatt mit gleichgültigen Gegenständen, verwandelt die Gegenstände in Gerät, vermenschlicht die ihn umgebende Welt, wärmt sie mit seiner feinen teleologischen Wärme.“
Den „Mann aus Petersburg und von der Krim“ nennt ihn Marina Zwetajewa in ihren Erinnerungen (Literaturnaja Armenija 1966, Nr. 1, S. 59). Leidenschaftlich liebte Mandelstam die Krim, das Meer. Und die Krim wurde für ihn so etwas wie eine eigene Variante der Antike. Der Hellenismus der Tristia ist von Krimmotiven durchzogen, und das gibt ihm die besondere Intimität.

Lydia Ginsburg

Ossip Mandelstam

Poesie ist eine besondere Art künstlerischer Erkenntnis, die Erkenntnis der Dinge in ihren unmittelbaren Ansichten, verallgemeinernd und zugleich individualisierend, damit wissenschaftlich-logischer Erkenntnis unzugänglich. Diese Unwiederholbarkeit, Einzigartigkeit der Konzeption ist für die Poesie der Neuzeit noch verbindlicher als die betonte Individualität des Autors oder des Helden. Daher ist das poetische Wort immer ein Wort, das vom Kontext verwandelt ist (die Formen dieser Verwandlung sind vielfältig), das sich qualitativ von seinen Doppelgängern in der Prosa unterscheidet.
lm Aufsatz „Gespräch über Dante“ spricht Mandelstam häufig von der poetischen Verwandlung der Welt „mit Hilfe von Instrumenten, die im Umgang Bilder heißen“. Mandelstam ist metaphorisch: das ist eine organische Eigenschaft seines Denkens. 1933 kam Mandelstam nach Leningrad. Einige Besucher (unter ihnen ich) kamen bei Anna Andrejewna Achmatowa im „Fontanny-Haus“ zusammen, um das eben niedergeschriebene „Gespräch über Dante“ zu hören. Mandelstam las den Aufsatz, las Gedichte, sprach viel an diesem Abend – über Gedichte, über Malerei. Uns überraschte damals die ungewöhnliche Ähnlichkeit zwischen Aufsatz, Gedicht und Tischgespräch. – Das war die gleiche semantische Struktur, der Andrang großartiger Analogien, Annäherungen. Eigentümlich nah, bis zur Greifbarkeit, empfand man jene metaphorische Materie, aus der die Gedichte entstanden.
In seiner Prosa (was auch auf seine Aufsätze zutrifft) wirken die gleichen semantischen Prinzipien und so paradox es klingt – Mandelstams Prosa ist gelegentlich metaphorischer als seine Gedichte, jedenfalls „Die ägyptische Briefmarke“. Die Metapher ist immer die Vereinigung von Vorstellungen zu einer völlig neuen und unzerlegbaren semantischen Einheit. Für Mandelstams Verkettungen ist das nicht Bedingung. Wichtiger für ihn ist die Veränderung der Bedeutungen, die durch den Aufenthalt der Worte im Kontext des Werks hervorgerufen werden, wo sie auch über größere Entfernung aufeinander wirken, ohne unbedingt syntaktisch verbunden zu sein. Bei dieser Bauweise erhalten die Stützworte, Schlüsselworte besondere Bedeutung. Die Leistung dieser Schlüsselworte lernte Mandelstam am psychologischen und gegenständlichen Symbolismus, Innokenti Annenskis. Die Brechung des Lebens in den poetischen Symbolen ist für Mandelstam annehmbar, unannehmbar ist die Abstraktheit eines „professionellen Symbolismus“. „Die Bilder sind ausgeweidet wie ein Balg“, schrieb Mandelstam 1922 in „über die Natur des Wortes“, „und mit fremdem Inhalt vollgestopft… Das ist das Los eines professionellen Symbolismus… Ein schrecklicher Kontertanz der ,Entsprechungen‘, die einander zunicken. Ein ewiges Zublinzeln… Die Rose nickt dem Mädchen zu, das Mädchen nickt der Rose zu. Niemand will er selber sein… Die russischen … Symbolisten versiegelten alle Worte, alle Bilder und behielten sie sich ausschließlich für liturgische Zwecke vor. Die Lage war äußerst peinlich, man kam nicht vorbei, konnte weder aufstehen noch sich hinsetzen… Das Gerät rebellierte. Der Besen will feiern, der Topf will nicht mehr kochen, sondern fordert absolute Bedeutung (als ob kochen nicht eine absolute Bestimmung wäre).“
In seinem frühen Aufsatz über Villon spricht Mandelstam beifällig davon, daß die mittelalterlichen Allegorien „nicht körperlos“ seien. Der gleiche Gedanke in den „Notizen über Chénier“: „Die sehr weiten Allegorien, keinesfalls körperlos übrigens, wozu auch ,Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit‘ zählen, sind für den Dichter und seine Zeit fast lebendige Personen und Gesprächspartner. Er kennt ihre Züge, er fühlt ihren Atem.“ Mandelstam wollte, daß im Andersreden, in der Analogie die sinnliche Wärme der Dinge erhalten bleibe. Mandelstams Schlüsselworte sind ihrer Natur nach symbolisch. Aber er nahm sie nicht aus den fertigen Vorräten des Symbolismus. Es handelt sich vielmehr um das charakteristische System seiner eigenen poetischen Symbolik. Kein Zufall, daß es sich in den Jahren nach 1910 herausbildete, als die vom Symbolismus aufgezogenen Dichter mit der Philosophie des Symbolismus brachen. In dem Aufsatz „Ein Ausfall“ (1924), der den Symbolismus die „Poesie einer gens“ nennt, betont Mandelstam, daß nach dem Zerfall des Symbolismus „die Herrschaft… der Dichterpersönlichkeit“ begann und „jede Persönlichkeit für sich allein mit entblößtem Kopf dastand“.
In Tristia und in den Gedichten der ersten Hälfte der zwanziger Jahre nehmen Gegenständlichkeit und Sujetfülle, die für „Der Stein“ bezeichnend sind, ab; die Erfahrung des Dichters wird in größerem Maße eine innere Erfahrung. Das ist die Erfahrung eines Menschen, der das Leben in seiner Schönheit und Bedeutsamkeit liebt, der der Schwere des Lebens aber nicht gewachsen ist: sowohl weil das Leben ihm seine strengen Gesetze offenbart, als auch weil er in sich das Prinzip der Schwäche und Verletzlichkeit trägt, das dem Werk entgegensteht, das aber durch das Werk überwunden werden kann.

Lydia Ginsburg

Ossip Mandelstam

Mandelstams Poesie der Jahre 1921 bis 1925 hat den Hellenismus und überhaupt alle Stilhüllen abgeworfen. Der Übergang zur Arbeit der dreißiger Jahre deutet sich an, ein neues Verhältnis des Dichters zur Wirklichkeit entsteht; ein neuer Kreis poetischer Assoziationen.
Wichtig für diesen Übergang sind Gedichte von 1923 und Anfang 1924, in denen ein Thema der Tristia, das Thema der Zeit, aus dem Philosophischen, aus den „ewigen“ lyrischen Themen hinübergeführt wird ins Historische und zum Thema des Jahrhunderts wird: „Das Jahrhundert“, „Hufeisen-Finder“, „Griffel-Ode“, „Der erste Januar 1924“. Müßig, bei Mandelstam ein klar ausgerichtetes politisches Programm zu suchen. Die Oktoberrevolution aber nahm er an, mit Widersprüchen, mit Schwankungen, wie sie anfangs vielen Intellektuellen vorrevolutionärer Herkunft eigen waren. Direkte Äußerungen über die Revolution sind selten in den Gedichten zwischen 1911 und 1925. Häufiger finden wir sie in den Aufsätzen dieser Jahre. Da tritt Mandelstam als ein Mann auf, der die Revolution bejaht. (So schreibt er in den Aufsätzen „Das blutige Mysterium des 9. Januar“ und „Auguste Barbier“ 1922/23 direkt über die russische und französische Volksrevolution.) Es sind nicht die Formulierungen eines Publizisten, Historikers oder Kritikers, sondern die eines Dichters, der sich über Geschichte, Kultur und Gegenwart in seiner Sprache und durchaus widersprüchlich äußert.
Die Sammlung Tristia enthält das unmittelbarste Echo auf die Revolution, das Gedicht „Die Freiheit, die da dämmert…“, dessen Zeitungsvariante 1918 die Überschrift „Hymne“ trug.

Nun, wir versuchen es: Herum das Steuer!
Es knirscht, ihr Linkischen – los, reißts herum!
Die Erde schwimmt. Ihr, Männer, Mut, aufs neue!
Wir pflügen Meere, brechen Meere um.
Und denken, Lethe, noch wenn uns dein Frost durchfährt:
Der Himmel zehn war uns die Erde wert.

Die letzten bei den Zeilen sind der Schlüssel zum Gedicht, in dem sich Entzücken und Furcht verquicken. Hier entwickelt Mandelstam eine der Grundideen der russischen Intellektuellen: selbst wenn die Revolution für die alte russische Intelligenz zur Katastrophe wird, muß diese Katastrophe im Namen einer höheren sozialen Gerechtigkeit angenommen werden. Herzen sagte es in „Vom anderen Ufer“. Blok schrieb 1918 in „Intelligenz und Revolution“: „Was habt ihr denn gedacht? Die Revolution sei eine Idylle? Schöpfung zerstöre nichts auf ihrem Weg? Das Volk ein Musterknabe?“ In Brjussows „Nahenden Hunnen“ findet es sich ebenso wie in Pasternaks „Hoher Krankheit“.
Im Gedicht „Die Freiheit, die da dämmert…“ faßte Mandelstam, worüber vor ihm und neben ihm nachgedacht wurde. Die Konzeption des Gedichts bleibt für ihn sehr lange in Kraft, in den Gedichten „Das Jahrhundert“ oder „Der erste Januar 1924“ und sogar in dem tragischen Gedicht vom Wolfshundjahrhundert.

Reißt es mich hin zu Schmäh- und Lästerworten?
− Der Apfelduft des Frosts, aufs neue er −
O Eid, den ich dem vierten Stand geschworen!
O mein Gelöbnis, tränenschwer!

Die Last der Geschichte ist, schwer:

Die Zeit, Der Kalk im Blut des kranken Sohnes
Wird hart.

Der Kalk im Blut ist wie das trockene Blut der Tristia. Der gleiche Mensch erfährt jetzt den direkten Druck der Geschichte. Doch auch in diesem geschichtlichen Raum will er leben und wechselt von Rückgang und Verlöschen zum Ausbruch elementarer Lebenskraft.

Der Kalk im Blut des kranken Sohns: er schwindet.
Ein Lachen, selig, macht sich los.

Das Jahrhundert wird zum Doppelgänger dieses Menschen, der das Leben fürchtet und ersehnt. Manchmal ist die Grenze zwischen dem Jahrhundert und dem lyrischen Ich dieses Zyklus kaum auszumachen. Vom Sterben der Vergangenheit ist die Rede, vom neunzehnten Jahrhundert und von den „unterlegenen Abkömmlingen des neunzehnten Jahrhunderts, die nach dem Willen des Schicksals auf den neuen geschichtlichen Kontinent verschlagen wurden“, wie Mandelstam es in seinem Aufsatz „Das neunzehnte Jahrhundert“ sagt. Die Rede ist von jenem geistigen neunzehnten Jahrhundert, dem Jahrhundert der Reflexion und des „Relativismus“ („Mein schönes trauriges Jahrhundert“), das im zwanzigsten weiterlebt, im Bewußtsein der Intelligenz, die die Revolution mit Schwankungen annahm. Die Gedichte sprechen davon. Erörtert finden wir den Zusammenhang in seinen Aufsätzen: „Wort und Kultur“, „Der Dachsbau“, „Das neunzehnte Jahrhundert“.
(…)
1931 entstand ein Moskau-Zyklus („Mitternacht in Moskau“, „Noch taug ich nicht zum Patriarchen“, „Genug gemault, Papiere in den Tisch“), der die Themen der Gedichte über Jahrhundert und Zeit von 1923/24 neu aufnahm. Die Dinge bleiben Dinge in dieser Welt, obwohl sie einen neuen, weiteren Sinn, Vieldeutigkeit gewinnen.
Der Zyklus von 1931 versucht das Verhältnis zur Gegenwart neu zu klären. Seine Sprache ist die des Alltags, die eines Zeitgenossen.

Schluß! Kein Gebettel, kein Gejammer, kusch!
Kein Geplärr!
aaaaaaaaaaaHaben deshalb Rasnotschinzen
Die rissigen Stiefel zertreten,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaadaß ich sie jetzt verrate?

Die Suche nach der Häuslichkeit in den kalten Räumen des Jahrhunderts wird abgelöst vom Schlendern durch die Straßen Moskaus, an den Ufern der Moskwa.

(…)

Ich mag die zwiegeflügelten Tramways
Und den Asphalt, Kaviar aus Astrachan,
Den strohgeflochtne Matten überdecken
Wie Bastgeflecht den Astiwein umringt
Und wie der Baugerüste Straußenfedern
Der Leninhäuser erste Mauersteine.

Ein ständiger Wechsel der Eindrücke und der Reaktionen auf diese Eindrücke. Der Mensch, der durch die Stadt streift, will als Zeitgenosse anerkannt sein und quält sich doch zugleich mit seiner Losgerissenheit. Der eine Pol: „Zeit wird, ihr wißt, auch ich bin Zeitgenosse…“ Der andere:

Doch kehrst du einen Augenblick dich ab,
So findest du Verwirrung nur und öde.
So geh nur, geh! und bitte sie um Feuer!

Das quälende Zickzack zwischen dem Schein eines Kontakts zur Welt und der Sehnsucht nach wirklichem Kontakt. Der eine Pol:

Bedächtest du, was an die Welt dich bindet,
Du glaubtest selbst dir nicht: Gespinste nur!

Der andere:

Wie gern möcht ich mich in ein Spiel vertiefen,
Wie Kinder unbeschwert die Wahrheit reden,
Zum Teufel meine öde Graumut schicken,
Um irgendeinen an der Band zu nehmen
Und ihm zu sagen: Freund, komm geh mit mir.

Der fiebernde Wechsel, Anziehen und Abstoßen, mündet in die Formel:

Und lebend nicht, leb ich mein Leben doch.

Der Zyklus aber schließt mit einem neuen Gelöbnis an den vierten Stand:

Was für ein Sommer! Junger Arbeitsleute
Funkelnde Rücken, die tatarisch braunen…
aaaaaaaaaaaaaaaaa… Sei gegrüßt, gegrüßt,
Mächtige, unbekehrte Vertebrata:
Du wirst uns tragen mehr denn ein Jahrhundert!

(…)
Im Stein steckte das Lyrische in dinglichen und erzählenden Formen. In Tristia verbarg sich das persönliche Thema hinter dem metaphorischen System des hellenischen Stils. Für den späten Mandelstam gibt es keine stilistischen Trennwände mehr zwischen dem Wort des Dichters und seiner menschlichen Erfahrung. Doch auch jetzt wird für Mandelstam das Bild des lyrischen Helden nicht das Bild des Dichters. In den dreißiger Jahren wurde das Problem der lyrischen Persönlichkeit, das Problem des Autorbewußtseins der zeitgenössischen Lyrik entscheidend. Es bewegte viele. Die Position des reifen Mandelstam ist hier prononciert antiromantisch, denn trotz seines Konzepts, Kunst gehöre zu den entscheidenden Werten und Kräften des Lebens, blieb ihm doch die „Auffassung des Lebens als des Dichterlebens“ völlig fremd. Der Mensch, von dem Mandelstam spricht, lebt nach den für alle verbindlichen Gesetzen. Schon im Gedicht „Der erste Januar 1924“ hatte er von sich als dem „normalen Fahrgast“ gesprochen. Im Moskau-Zyklus ist das Thema entfaltet:

Ich bin ein Mensch der Konsum-Konfektion,
Seht, wie der Sakko sich an mir verbeult,
Wie ich zu schreiten weiß, und wie zu reden!
Versucht nur, reißt mich los von dieser Zeit,
Ich garantier, ihr brecht euch nur den Hals.

Der Dichter – ein Mensch in Moskwoschwej-Sakko, einer von allen, der „für alle“ sprechen kann.

Lydia Ginsburg

 

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Nachrufe auf Fritz Mierau: Süddeutsche Zeitung ✝ Börsenblatt

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