Rainer Kirsch: Werke Band 1 – Gedichte & Lieder

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Rainer Kirsch: Werke Band 1 – Gedichte & Lieder

Kirsch-Werke Band 1 – Gedichte & Lieder

TOD DER DICHTER

Was, wenn wir trinken
Die Sterne
Oben
Fühln sie?
Eine Gasmasse
Lacht nicht, zerläuft ein Planet
Noch brüllt sie. Wir
Üben uns, leisezusprechen
Gradstehn gradstehn
Und altern
Stolz
Steinernen Gesichts
Nur das Herz schneller

 

 

Rainer Kirsch 
Werke 
in vier Bänden

Rainer Kirsch ist Lyriker, Essayist, Librettist, Nachdichter (insbesondere russischer Autoren – Mandelstam, Achmatowa) und Kinderbuchautor.
In der DDR ist er mit zahlreichen Einzelveröffentlichungen bekannt geworden. Er publizierte Gedichte, Erzählungen, Reportagen, Porträts und Essays zu literarisch-ästhetischen Fragen; seine Texte wurden viel diskutiert, gelegentlich verboten, oft zitiert. Wie anderen Mitgliedern im losen Zusammenhang der sogenannten „Sächsischen Dichterschule“ war auch ihm stets an der Erforschung überkommener Kunstformen 
und der Entwicklung neuer künstlerischer Ausdrucksweisen gelegen.
So entstand eine Dichtung, die – formenreich, traditionsgesättigt, vergnüglich, vernünftig, märkisch-sächsisch getönt – den vielfältigen gesellschaftlichen Beziehungen, politischen Haltungen und landschaftlichen und historischen Prägungen der Menschen im Osten Deutschlands auf sehr subjektive Weise nachgeht und Stimme verleiht.
Überdies hat Kirsch viel für die Bekanntheit fremdsprachiger Dichtung getan, besonders als Übersetzer und Nachdichter aus dem Russischen sowie als Theoretiker und Analytiker der literarischen Übersetzung leistete er Außerordentliches.
Wie nur wenige andere seiner Generation gehört Kirsch zu 
den bedeutenden Talenten im ostdeutschen Dichtergarten.
Sein Werk erscheint nun, zum Siebzigsten seines Schöpfers, 
in einer schönen Ausgabe. Die Werkausgabe bringt die originären Schriften; in einer später erscheinenden Ausgabe werden die Nachdichtungen und Übersetzungen Kirschs versammelt.

Eulenspiegel Verlag, Ankündigung, 2004

 

Lagen eines dichtenden Arbeiters

− Rainer Kirsch bekommt zum Siebzigsten eine Werkausgabe. −

Zur Vorstellung der vierbändigen Ausgabe seiner Werke im Berliner Brechthaus brachte Rainer Kirsch einen Flachmann mit. Der stand griffbereit vor ihm auf dem Tisch, zwischen Wasserglas und Büchern. Ab und zu schraubte er ihn auf, goß eine Idee in den fingerhutgroßen Verschlußdeckel und süffelte mit spitzen Lippen. Rainer Kirsch ist ein Genießer, der den schönen Dingen des Lebens nicht abgeneigt zu sein scheint. Das steigert die Konzentrationsfähigkeit und dient der Wahrheitsfindung. Die Werkausgabe ist in abwaschbares Lederimitat aus Plaste gebunden und sieht aus wie ein von vierzig auf vier Bände geschrumpfter Lenin. Das mag den Eindruck der Sinnenfreude widerlegen, ist jedoch die passende ironische Verpackung für diesen gewitzten Dichter aus der DDR. Immerhin tendiert der gesammelte Kirsch stärker ins Rötliche, als es Lenin einst vergönnt war. Kein Kirschrot, sondern Schattenmorellenrot, erklärte der Autor. Genauigkeit muß sein. Das ist die erste Dichterpflicht für einen Lyriker, dem sich der Moment „malvenfarben“ zu dehnen vermag.
Rainer Kirsch, am 17. Juli 1934 im sächsischen Döbeln geboren, ist ein formstrenger, traditionsbewußter Schriftsteller, wie ihn wohl nur die DDR hervorbringen konnte, auch wenn er alles andere war als ein Sänger dieses Staates. Doch nach der Wende, als er – eine Art Lothar de Maizière der Autorenschaft – zum ersten frei gewählten Präsidenten des DDR-Schriftstellerverbandes wurde, der die Abwicklung und den Übergang in den westlichen VS bewältigte, geriet er in den Ruch eines Repräsentanten des Alten, weil er das Neue nicht freudig begrüßen wollte. Er klagte nicht aus ideologischen Gründen, sondern weil er, wie viele mit ihm, seinen Absatzmarkt verlor. Nicht nur Industrien gingen in der Konvertierung der Märkte und der Währung unter, auch Lyrikern brach ihre Kundschaft weg. So kommt es, daß Kirsch jetzt, zu seinem siebzigsten Geburtstag am morgigen Samstag, mit seinen Werken wiederzuentdecken ist.
Seine Kinderbücher erzielten zuvor Hunderttausenderauflagen. Seine Gedichte wurden in der DDR nach langem Zögern erstmals 1980 gesammelt publiziert, dann allerdings gleich in einer Auflage von 18 000. Verstörend waren sie für die sozialistischen Sittenwächter vor allem durch ihre geballte Sinnlichkeit. Materialismus hatte für Kirsch immer etwas mit Materie, mit Körper und Naturwissenschaft zu tun, mit Anfassen, Fühlen, Schmecken und Riechen. Das „Sonett“ etwa beginnt so:

Und als die siebente Stunde Frühe schlug
Erwachten wir sehr blaß in ihrem Bette.
Ich fragte, ob ich sie genügend hätte.
Sie sagte: nein. Und wie ich sah, mit Fug −.

In früher Jugend glühte er für Stalin und hielt als junger FDJ-Funktionär Seminare über dessen kurzen Lehrgang zur Geschichte der KPdSU. Als Stalin starb, war Kirsch achtzehn und konnte sich nicht vorstellen, wie es ohne den, der alles denkt und lenkt, weitergehen könnte. Nach dem XX. Parteitag, auf dem Chruschtschow die Entstalinisierung einläutete, begann er, Gedichte zu schreiben. Im Schreiben emanzipierte er sich; Lyrik diente von Anfang an der Entstalinisierung des eigenen Denkens. Und das ging schnell. 1957 las er Ernst Bloch, Rilke und Brecht. Von der Universität in Jena wurde er relegiert, weil er erstens, als in Ungarn der Umsturz drohte, unbotmäßige Gedichte an die Wandzeitung pinnte, und zweitens, was mindestens ebenso verwerflich war, sich in einem Thüringer Erholungsheim ins Vierbettzimmer seiner Freundin schlich. Das nannte man damals Dekadenz. Die Folge: Bewährung in der Produktion. Druckereihilfsarbeiter, Chemiearbeiter in Buna, Rübenernter in einer LPG bei Halle.
1961 gehörte er zusammen mit seiner Frau Sarah Kirsch zu den jungen Lyrikern, die Stephan Hermlin bei der legendären Lesung in der Akademie der Künste vorstellte und damit einen politischen Skandal verursachte. Auch Kirsch wurde für sein Gedicht „Meinen Freunden, den alten Genossen“ heftig kritisiert. Es endete mit dem Imperativ „Und die Träume ganz beim Namen nennen / Und die ganze Last der Wahrheit kennen“ und gehört nun zu den wenigen frühen Gedichten, die es in die Werkausgabe geschafft haben. Mit Sarah und Rainer Kirsch waren damals Karl Mickel und Adolf Endler, Volker Braun und Heinz Czechowski zu entdecken, die als „sächsische Dichterschule“ bekannt werden sollten. Besonders den Freunden Mickel und Endler hat Kirsch viel zu verdanken, aber auch seinem Lehrer Georg Maurer, bei dem er von 1963 bis 1965 am Leipziger Literaturinstitut studierte. Ein Diplom erhielt er aus politischen Gründen nicht; Gedichte wie das 1964 entstandene „Empfang in meiner Heimatstadt“ standen dagegen. Dabei handelte es sich um Fragen eines lesenden Diktators, der wissen will, wer für die stinkenden Flüsse und die miserablen Häuser verantwortlich ist, der alle Mißstände beseitigen will, aber alles nur noch schlimmer macht und schließlich unter Schimpf und Schande davongejagt wird. Früh schon sind bei Kirsch Spuren ökologischen Denkens zu finden. Natur war für ihn nicht bloß dazu da, gesellschaftlich ausgebeutet zu werden. Auch damit fügte er sich nicht in die realsozialistische Herrschaftsideologie.
1973 wurde er aus der SED ausgeschlossen. Sein Theaterstück „Heinrich Schlaghands Höllenfahrt“, eine abgründige, faustische Arbeiterkomödie, mißfiel. Und doch war er immer ganz gut im Geschäft. Er erhielt Aufträge für eine Kinderoper, ein Puppenspiel, zahlreiche Hörspiele, eine Landwirtschaftskantate und eine gereimte Geschichte der Mathematik. Nur wenige dieser Auftragsarbeiten sind in die Werke aufgenommen. Fritz Mierau bot ihm Übersetzungen aus dem Russischen und aus dem Georgischen an. So kam er neben allerlei Lohnarbeit auch zu Jessenin und Achmatowa, Majakowski und Mandelstam, den er für einen der größten Dichter des 20. Jahrhunderts hält. Übersetzungen und Nachdichtungen machen einen großen Teil seines Werkes aus, vielleicht den wichtigsten. Sie fehlen in der Werkausgabe und könnten wohl noch einmal vier Bände füllen. Kirsch erfüllte Arbeitsaufträge. Er war immer ein Arbeiterdichter, denn Dichtungarbeit ist: ein Handwerk, das sich erlernen läßt, das aber sinnlos wäre ohne die besondere Sensibilität und den Erfahrungshunger des Schreibenden.
Formstreng geht es zu in seiner Lyrik, die eine Nähe zu Peters Hacks’ Klassizismus nicht verleugnen kann. Das wirkt manchmal hermetisch und sehr fern: Nachrichten aus einer versunkenen Welt. So ist auch Kirschs Vorliebe für Lieder und Kinderlieder zu erklären, die ein Ausweichen in Nonsens und Harmlosigkeit erlauben. Zugleich zwingt das Lied durch Rhythmus, Melodie und feste Strophen aus sich heraus zur Form. Die Schauerballade „Anna Katarina oder Die Nacht am Moorbusch“ über eine Männer dahinraffende sächsische Schönheit kommentierte er mit einem Interview, das den historischen Materialismus und marxistische Geschichtsschreibung gehörig auf die Schippe nahm. Unverkennbar, auch in der Prosa und in der Dramatik, sind die Märchentöne und eine spezielle Vorliebe für Könige. Kirsch ist kein Freund egalitärer Gesellschaftsmodelle. Egalität bedeutet für ihn: Keiner soll unnötige Vorrechte haben. Freiheit, sagt er, heißt sachkundig entscheiden können.
Bei der Buchvorstellung im Berliner Brechthaus deutete er, nach seiner Haltung gegenüber dem Tod befragt, hinter sich, in Richtung des Dorotheenstädter Friedhofs, des Orts der toten Dichter. Er habe sich dort rechtzeitig eine Grabstätte gesichert und auch den Grabstein schon anfertigen lassen. Als formbewußter Dichter muß man auf solche Eventualitäten vorbereitet sein. Den Grabspruch, der dann zur Anwendung kommen wird, hat er der eigenen Werkausgabe entnommen, auch wenn die Verse 1968, als sie entstanden, kaum dafür gedacht waren, in Stein gemeißelt zu werden:

Lila ein Schwein saß still auf einem Baum
Und wiegte sich auf zweifelbaren Ästen.
Wir sahens beide, und auf wenigem Raum.
So, manchmal, heilt die Nacht des Tags Gebresten.

Jörg Magenau, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.7.2004

Vielerlei Redeweisen

− Rainer Kirschs gesammelte Werke. −

„Bei manchen Autoren genügt ja, wenn Sie fünf Gedichte kennen, z.B. bei Heine oder Georg Heym. Bei Brecht müssen Sie mehr kennen, Brecht hat, wie Goethe, vielerlei Redeweisen benutzt.“ Legt man diese Unterscheidung zugrunde, die Rainer Kirsch in einem Gespräch von 1993 traf – man muss ja der Wertung nicht folgen −, so gehört Kirsch zu den letzteren Dichtern. Ist die Vielfalt ein Vorteil? Auf dem Literaturmarkt, der nach Marken verlangt, jedenfalls nicht. Gerade weil man ihn nicht festzulegen vermag, kann ein herausragender Autor hinter minderrangigen mit ihrem denkfaulen Publikum zurücktreten. Bei Kirsch kommt hinzu, dass er in der DDR nicht immer ungehindert publizieren durfte, dass er zudem nach 1989 auf einen Wendebonus verzichtete und sich nicht als verfolgter Antikommunist aufspielte.
Vor allem aber fehlt ein Hauptwerk. Viele Gedichte, zahlreiche Übersetzungen, zumeist wieder von Lyrik, Essays, vor allem über Dichter und poetologische Probleme, wenige Erzählungen, einige Reportagen aus der Arbeitswelt der DDR; für die Bühne schrieb er neben Märchenstücken lediglich ein Drama, das kurz nach der Uraufführung verboten wurde und zu Kirschs Ausschluss aus der SED führte – der Vorzug, den er Kleinformen einräumt, erschwert die Orientierung. Nun aber hat zu Kirschs 70. Geburtstag der Eulenspiegel Verlag eine vierbändige Werkausgabe ermöglicht, die einen Überblick erlaubt. Aufgenommen sind Kirschs eigene Dichtungen, sofern er sie für noch gültig erklärt. Gerade bei frühen Gedichten scheint eine rigorose Auswahl stattgefunden zu haben. Eine Ausgabe von Übertragungen aus anderen Sprachen ist angekündigt.
Beginnt man mit dem Band Erzählungen & Porträts, so fällt auf, dass der Abstand zwischen Ausgedachtem und Reportagen gar nicht so groß ist. Literarisch dicht schreibt Kirsch, wo er Gegenständliches beschreibt; Gegenständliches freilich im weitesten Sinne: ein Märchenmeer, die Arbeit eines Verhaltensforschers oder aber ein Kaliwerk in Rossleben/Unstrut 1967. Beides bleibt Skizze; andernorts begründet Kirsch seine Vorliebe für Märchenhaftes damit, dass er damit „seine Geschichte gewissermaßen raffend, mit weniger Kraftaufwand ins Bedeutende zu heben“ vermöge, dass er sich umständliche Motivierungen und Handlungselemente zu sparen vermag. Wo Kirsch psychologisch motiviert, wie in der mit Abstand längsten Erzählung „Sauna oder Die fernherwirkende Trübung“, ist das Ergebnis blass. Wo hingegen eine Märchenfigur sich praktisch verhält oder einer der Wissenschaftler aus den „Portraits“ mithilfe von Zitaten, Angewohnheiten, Lebenslauf oder Bewertungen von Untergebenen skizziert wird, entsteht eine eigene Welt. Davon ausgehend lassen sich vier Gründe formulieren, weshalb diese Werkausgabe Beachtung verdient.
Der erste Grund ist historisch und betrifft zum Teil die Essays, vor allem aber die Porträts. Keine Diskussion über Stasi-Verstrickungen vermag die Ambivalenz der DDR so sehr zu veranschaulichen wie die Reportagen aus den Jahren 1967 bis 1977, also einer Phase der relativen ökonomischen und damit politischen Stabilisierung. Vier leitende Funktionsträger und ein Ort mit Schule und Fabrik sind dargestellt, im Zentrum stehen erfolgreiche Personen, bedrückend wohlorganisiert und effektiv; teils implizit, teils explizit ist die Frage formuliert, inwieweit die für das Überleben des Ganzen notwendigen Technokraten, die selbst die allseits entwickelten Menschen sind, die man sich für die Zukunft erhoffte, die vielen mitzuziehen vermögen. Mit Unbehagen liest man heute auch über ein Menschenbild, in dem Vernunft formalisiert ist; vor allem im Porträt des Ethik-Philosophen Franz Löser – als jüdischer Überlebender des Faschismus gewiss unverdächtig – der gleichwohl ethische Fragen in quantifizierende Formeln umzusetzen unternahm, was man sich unter der gegenwärtigen Diktatur des Ökonomismus nur mit Grauen auszumalen vermag – ein Fortschrittsoptimismus also, der zerstoben ist. Daneben verblasst die Frage, ob denn Kirsch die Kritik geübt habe, die man ihm damals gebührend übel nahm und die heute zur Grundausstattung des beliebten DDR-Literaten gehört; Kirsch, in der Tat, kritisierte; doch um einen besseren Sozialismus zu erreichen.
Der zweite Grund betrifft das Verhältnis von Gegenstand und Form; hier geht es vor allem um die Lyrik. Kirschs Bezugspunkt ist die Aufklärung, ist die Form als Mittel, Fortschritt zu transportieren, damit auch die Wendung gegen einen Romantizismus, der sich modernistisch gibt, doch nur undiszipliniertes Herausschreien zu rechtfertigen unternimmt. Gegen romantische Formlosigkeit erarbeitete sich Kirsch allmählich Genres; im Essay schildert er, wie er das aus Notwendigkeit tat und nicht aus Formalismus, wie er sich allmählich Versmaß für Versmaß erschloss. Durchgehend wendet er sich gegen die je aktuelle Populärkultur, gegen Popmusik etwa, die in ihren nun auch vergangenen, besseren Zeiten mit immerhin noch zwei Gitarrengriffen auskam. Fortschritt, so lässt sich bei Kirsch lernen, bedeutet nicht, an dem zu kleben, was gerade als Mode gilt. Fortschrittlich ist es, das Repertoire an Formen und Sprechweisen, das die Menschheit bisher erarbeitet hat, zugunsten eines befreiten Daseins zu nutzen; befreites Dasein aber meint auch sinnliche Wahrnehmung und sinnliches Erleben. Eine entsprechend große Rolle spielen Natur und eine Erotik, die häufig erscheint und zwar nicht, wie es die Mode will, als patriarchal oder sonst wie entfremdet, sondern als Möglichkeit wenigstens momentan erfüllten Daseins. Kirschs Klassik, der des ihm darin verwandten Peter Hacks nahe, nutzt Tradition revolutionär: um dem schlechten Gegenwärtigen ein ideales Dasein entgegenzuhalten und so zur Veränderung zu ermutigen.
Tradition ist, drittens, bei Kirsch vieles und damit diskussionswürdig. Ob etwa Rilke, den er in vielen Essays verteidigt, wirklich so wenig religiös, so realistisch, so auf Arbeit bezogen war wie Kirsch behauptet? Es spricht da jedenfalls ein lyrischer Handwerker im besten Sinne, der genaue Arbeit mit der Sprache zu würdigen versteht; als Übersetzer geschult darin, sich unterschiedlichste Stile anzuverwandeln und produktiv in eigene Arbeit zu verwandeln. Kirsch ist darin dem ebenso traditionsbewussten Hacks, den er dem Zeitgeist entgegen mehrfach würdigt, so überlegen, wie umgekehrt Hacks Kirsch in der polemischen Grenzsetzung, die zur Entscheidung zwingt, voraus ist.
Viertens ist Kirschs Kunst, die zu einem großen Teil Literatur auch für Kinder ist, pädagogisch – das Wort nicht im Sinne düster-bedrückender Belehrung verstanden, sondern als Unterricht, der auf Befreiung zielt. Das in der DDR weit verbreitete „mathematische Märchen“ „Die Perlen der grünen Nixe“ bewegt sich reizvoll zwischen Fantasiewelt und der Demonstration, wie rechnerische Strukturierung zur Welterkenntnis verhilft. Gedichte und Lieder für Kinder bringen darüber hinaus produktiven Unsinn im besten Sinn; einen so alogischen wie geschlossenen Raum, der eine humane Imagination jenseits der herrschenden Kulturindustrie ermöglicht. Wie jede gute Kinderliteratur biedern sich Kirschs Texte – Gedichte, Erzählungen, Bühnenstücke – an kein vorgeblich Kindgerechtes an, sondern bieten dem hoffentlich skeptischen Nachwuchs höchstes Niveau.
Immer wieder ist es die Welt des Märchens, die Kirsch fasziniert. Durch die Imagination des Fantastischen entsteht das Schöne – und damit der Vorschein eines besseren gesellschaftlichen Daseins. So kann sie die durchrationalisierte kapitalistische Welt – der sich der Wissenschaftsbeobachter Kirsch dort bedenklich näherte, wo der Sozialismus ökonomische Erfolge feiern konnte – demontieren.
Kirschs Werk reißt nicht mit, stürzt keine Regeln, kennt keine oberflächlichen Effekte und Gags. Es handelt sich um reflektiertes Handwerk im besten Sinne: um Texte, deren Autor weiß, was er tut, und warum er anderes nicht tut. Der scheinbar altmodische Verzicht auf Überredung ist doch so aktuell wie möglich: Die strengen Formen sind stets aufs Gegenständliche und damit aufs sinnlich Erfassbare bezogen. Sie bejahen das Sein, gerade insofern es, in Liebesgedichten besonders, als vom Tod beschränktes Leben begriffen ist; indem aber Kirsch das Erleben als gerade dadurch einmalig und wertvoll herausstellt, rückt sein beeindruckendes Werk in Opposition zum Popkonsum, der auf dem Versprechen beruht, ewigen Reiz zu garantieren. Kirsch ist konservativ genug, schon Kindern Genuss in der Vergänglichkeit zu lehren und sprengt gerade dadurch das kulturindustrielle Gerede.

Kai Köhler, literaturkritik.de, April 2005

In Petrarcas Mantel

Man muß heute, Rainer Kirsch zum Siebzigsten zu ehren, wohl schon vorausschicken, wer Rainer Kirsch ist: ein bedeutender deutscher Dichter, über den beispielsweise Karl Mickel … Aber wer nun wieder ist Karl Mickel? Es läßt sich nicht leugnen, dass uns beim gegenwärtigen Autoren- und Bücher-Ranking die wirklichen Dichter abhanden kommen. Die können da nur grimmig einverstanden nicken: In der DDR beargwöhnt, heute zwischen Biermann-Schwulst und Reimann-Kitsch entsorgt – das verdiente Schicksal von Leuten, die sich an Petrarca, Goethe, Shelley oder Mandelstam halten. Man klagt über den Verlust der Lesefähigkeit beim Publikum, aber was nutzt die, wenn sie sich an den falschen Propheten übt? (Wer noch lesen kann, der findet nun zum Jubiläum bei Eulenspiegel, wo früher schon zwei Kirsch-Bändchen erschienen sind, eine umfassende Werkausgabe in vier Bänden).
Kirsch selbst macht sich keine Illusionen über die Lage. „Gehöre ich nicht zum klassischen Flügel der Sächsischen Dichterschule? Schimpft man mich nicht Vertüftler, Wortgeizling und Realissimus, falls man in Zeiten, da jemand nur recht romantisch stottern muß, um als Genie zu gelten, mich überhaupt liest?“ Wenn schon keiner so recht weiß, ob es die sog. Sächsische Dichterschule gegeben hat, so ist die Bezeichnung sei sie auch nur einer Laune geschuldet, doch eine gute Hilfe, die Charakterzüge einer fruchtbaren Generation unter einen Hut zu bringen: Ende der Fünfziger gab es für junge Dichter in der DDR zwei Hauptrichtungen. Man konnte über Brecht hinausgehen, und man konnte hinter ihm zurückfallen. Mit den ihr anhängenden Attributen Sanguinik, Weltbezug, Handwerksernst und Bestehen auf Vernunft kam für diese Schule nur die eine Richtung in Frage, mögen heute die Positionen der ihr entwachsenen Schüler auch unvereinbar weit auseinander liegen.
Rainer Kirsch hat gelebt, wie es sich für einen guten Dichter in der DDR gehörte: Er kommt aus Sachsen (Döbeln), in Halle und Jena hat er Geschichte und Philosophie nicht zu Ende studiert, dafür in der Druck- und Chemieindustrie, auch in der Landwirtschaft das Gelernte am geschichtlichen Subjekt überprüfen dürfen – eine parteiliche Haltungsprobe, die persönlich zu nehmen, ihm sein Naturell verbot. Dann absolvierte der das Literaturinstitut in Leipzig. Insgesamt wurde er öfter immatrikuliert als relegiert, von der Partei öfter gestraft als gelobt, von den Verlagen meist gedruckt, seine Angebote aber wurden – wie die manch anderer – zunehmend abgewiesen. Dem seit 1961 freischaffenden Schriftsteller war klar, wohin das führen würde: „Dichter formulieren auf anders nicht sagbare Weise gesellschaftlich wichtige Erfahrung, den Schaden hat, wer sie wegwirft.“ In die Akademie kam er 1990, bei Toresschluss, als Erfahrungen nicht mal mehr zum Wegwerfen gebraucht wurden.
Kirsch hat Bestes geleistet. Nicht nur hat einen „Faust“ geschrieben, der „Heinrich Schlaghands Höllenfahrt“ heißt, eine gutgebaute Komödie, die heute unspielbar ist. Die Aufgabe, Arbeit, Genuß und Schönheit kraftvoll in eins zu bringen, ging um 1970 und in der DDR gerade noch poetisch zu denken; und sie ging als scheiternde darzustellen, wenn ihre Lösung gewalttätig herbeigeführt würde. Im heutigen neokulinarischen Theater für autistische Rezensenten und pauperisierte Werbeagentur-Angestellte würde selbst einer, der nach dieser Aufgabe nur fragte, hinter die Stäbe eines Irrenkäfigs gesteckt.
Es gibt vorzügliche Kinderbücher und Stücke für Kinder von Kirsch, ausnehmend eingängig, hell-lustig, zitabel bis in nächste Generationen die einen, die andern fabelfreudig und voll dialektischen Witzes, dabei ausnahmsweise auch wirklich gespielt auf Bühnen, jedenfalls so lange, bis ihnen die grüne political correctness zu Leibe rückte und sich an dem hübschen Wort Pfefferminzteeschlampe und einem schnapstrinkenden Hasen stieß.
Er hat formbewusste, gedankenklare Gedichte geschrieben – sein „1984“ heißt „2005“, und jedem sollte zur Pflicht gemacht werden, den Text vor Anbruch des neuen Jahrs zur Selbstbefragung zu nutzen −, und er hat nach 1990 ungebeten weitergeschrieben, eingehüllt in Patrarcas Mantel. Außerdem, und allein dies gibt erschöpfend Auskunft über sein poetisches Vermögen, ist er derzeit der einzige Dichter, der wirklich Lieder kann. Die Sammlungen „Reglindis“ und „Anna Katarina oder die Nacht am Moorbusch“ bieten schönste Beweise.
Auch als Prosaist besticht Kirsch durch hohes Formbewusstsein. Mit seinen literarisch stark gezeichneten Porträts bemerkenswerter Wissenschaftler „Kopien nach Originalen“ hat er geradezu das Genre erweitert. Seine Erzählungen, meist kurze, gestochen scharfe Texte, leisten, was er von Kunst fordert: den Menschen „ihre Möglichkeiten vorzuführen, sie kann ihnen helfen, zu sich selber zu kommen“. Es ist kein Zufall, dass weder er noch seine Kollegen sich in der stoffhaltigsten, form- und also kunstlosesten (und demzufolge auch beliebig-beliebtesten) Gattung, dem Roman, hervorgetan haben. Dichter können keine Romane, Romanschriftsteller können nicht dichten. Die Beweise fürs Gegenteil sind meist erwartbar schwachausgefallen.
Vollständig unterbelichtet blieben stets Kirsch Leistungen als Nachdichter (die erst in einer zweiten, ebenfalls vierbändigen Abteilung seiner Werke vorgestellt werden können) wie als Theoretiker und strenger Handwerksmeister des Nachdichtergewerbes. Was Kirsch darüber an atemberaubend Wissenswertem verfaßt hat, ist nun in dem handlichen Band der „Essays & Gespräche“ versammelt: Die große Untersuchung „Das Wort und seine Strahlung“ also und eine Reihe kleinerer Aufsätze bis hin zum aktuellen „Zeitgeist und Übersetzung“, in dem er dem Gemeinplatz vom „Ende der Geschichte“ und dem in diesem eingeschlossenen, oft verkündeten „Ende der Kunst“ abwinkend das Karl Kraussche Diktatum entgegenhält: „Die Dichter brauchen eine neue Sprache? Besser dichten sollen sie, dann wird’s schon gehen.“ Dass der Mann weiß, wovon er spricht, beweisen die ebenfalls an dieser stelle zusammengefassten Einlassungen zu Kollegen, Kritik, Gattungs- und kulturpolitischen Fragen, Lieblingsgedichten…
Kirsch, der zu den wenigen gehört, die sich (und uns) bei der Erörterung schwieriger Fragen des Versbaus nie langweilen, knüpft in jedem Text über das Dichten ebenso mit tausend Fäden an literarisch Überkommenes an wie mit seinen eigenen Gedichten. In diesem Sinne ist er neuer als die Greise, denen Botho Strauß als Dichter gilt: „Keine Kunst fängt bei Null an. Die sogenannten absoluten Neuerer in der Kunst sind Wirrköpfe, im sympathischen Fall Clowns; alle wirklichen Neuerer sind in hohem Maße der Tradition verpflichtet.“ Denn aus allem von allen läßt sich lernen, so „bei Shakespeare, Wassa Pschawela und anderen, wie aus der Schilderung einer barbarischen und aus den Fugen geratenen Welt Hoffnung hervorgeht“. Oder von Goethe die „Mischung aus Weisheit, Bescheidung, Altershohn und tapferer Zurkenntnisnahme der Randbedingungen unserer Existenz“. Kirsch ist aktuell wie nur einer und kennt Allerneuestes! Gerade wird berichtet, dass Catull im erzählenden Verspaar, dem Distichon aus Hexameter und Pentameter, den letzteren Vers auch durch den jambischen Trimeter ersetzte. Sensationell – das will nun ausprobiert sein. „Darf ich sagen“, fragt Kirsch maliziös, „daß Leute, die Goethe nicht lesen, mir leid tun?“ Ungefragt bekenne ich, dass Leute, die Kirsch nicht lesen, mir leid tun.

Matthias Oehme, Neues Deutschland, 17.7.2004

Perverses Krächzen in Banausenohren

An ihren betagten Geburtstagen müssen es sich die Dichter gefallen lassen, dass ihr Werk auf Dauerhaftigkeit überprüft wird, sagte Rainer Kirsch einmal. Dabei mache die Wichtigkeit ihrer Mitteilungen aus, über die Welt zu schreiben, „wie sie war, ist und sein wird.“ Die Welt war für ihn die sozialistische Wirklichkeit, die es zu analysieren, zu kritisieren und zu reformieren galt.

Staatsfeindliche Gedichte
Geboren 1934 in Döbeln, fängt er mit einundzwanzig Jahren an Gedichte zu schreiben. Er geht nach Jena, um dort Philosophie zu studieren und wird wegen staatsfeindlicher Gedichte relegiert, auf den Unirausschmiss folgt der Parteiausschluss. Anschließend wird er für drei Jahre in die Produktion geschickt zur Bewährung. 1958 heiratet Rainer Kirsch die Biologiestudentin Ingrid Bernstein, nach der gemeinsamen Studienzeit am Literaturinstitut „Johannes R. Becher“ wird aus ihr die Dichterin Sarah Kirsch. Zur „Sächsischen Dichterschule“ gehörend, bemühen sich beide Lyriker um „Genauigkeit in der Behandlung des Gegenstandes … scharfes, am Marxismus geschultes reflektieren der Epoche und das bewußte Weiterarbeiten klassischer poetischer Techniken“. Dann geht diese Liebe und mit ihr Sarah Kirsch, Rainer Kirsch bleibt in der DDR. Er schreibt Nachdichtungen, Hörspiele, Kinderbücher, Erzählungen, stets aufklärend und belehrend, die Kurzformen deshalb bevorzugend, weil er „ein Lessing-Typ“ sei.
Anfangs noch wollte er die Welt ins Gedicht holen, später holte er Märchen in die Wirklichkeit, ihre Motive verfremdete er aktuell. Aus dem Chronisten wurde ein Allegoriker. In einem Land, deren Utopie für ihn nach dem Weggang der Freunde und dem Zerfall der „Sächsischen Dichterschule“ in den siebziger Jahren unrettbar verloren war, träumte er von Hexen, die selbst dann noch Rettung versprachen, wenn bereits alles zu spät war. In seinen Erzählungen tauchen die Helden in Unterwasserwelten ab und dubiose Herren mit Tarnkappen tauchen auf, ein lila Nebel gibt sich im Arbeitszimmer eines Lyrikers ein Stelldichein, um verschwinden zu lassen, was nicht in die Zeit paßte. Die Naivität dieser Geschichten war keineswegs unvereinbar mit einem Formsinn, denn neben anderen Formen hatte Kirsch auch das Distichon drauf „wie ein Boogie-Woogie-Pianist das Blues-Muster“.

Kein Dunst, was ein Vers ist
In einems einer frühen Texte heißt es „keine Mächtigen der Welt können Chronisten haben, die gut schreiben und gleichzeitig schreiben, was von ihnen erhofft wird.“ Nach dem Sturz der Mächtigen 1989 trat an ihre Stelle ein mächtiger Zeitgeist, dem der Chronist und Allegoriker seither mit seinem Alter Ego Petrarca begegnet:

Sind, wie der Zeitgeist, heute die Doktoren
Und haben keinen Dunst mehr, was ein Vers ist,
So dass ich, ob der Klang auch sacht pervers ist,
Canonen krächzen in Banausenohren

Uta Beiküfner, Berliner Zeitung, 17./18.7.2004

Raus aus der Höhle

− Rainer Kirsch liest aus seiner Werkausgabe. −

Dank seines umfangreichen und vielschichtigen Werkes ist zwar vielen sein Name geläufig, verhältnismäßig wenige aber haben Bücher von ihm gelesen. Speziell in den alten Bundesländern weiß man bestenfalls, dass Rainer Kirsch 1990 letzter Präsident des DDR-Schriftstellerverbandes wurde und (von 1965 bis 1968) mit der Dichterin Sarah Kirsch verheiratet war. Grad so, als schlösse sich die Mehrheit Wolf Biermann an, der in einem seiner politischen Rundumschläge verkündete, der 1979 aus der SED ausgeschlossene Kirsch sei ihm egal. Und so läßt sich denn ein Aphorismus des Autors auf die eigene Arbeit ummünzen: „Ein Gemälde in einer Höhle versteckt, ist Kunst nur der Möglichkeit nach, in Wahrheit aber ein mit Ölfarben behaftetes Stück Leinwand.“
Das mit Schriftzeichen behaftete Papier wieder als Literatur kenntlich zu machen, veröffentlichte der Eulenspiegel Verlag nun eine vierbändige Werkausgabe. Zwar sind die editorischen Notizen denkbar mager – die „Gedichte & Lieder“, „Erzählungen & Porträts“, „Stücke & Libretti“ interpretierend einzuordnen hilft allerdings der zeitgeschichtlich interessante vierte Band, „Essays & Gespräche“. Die Texte führen von den kritisch-idealistischen Sechziger, in denen sich das Ehepaar Kirsch mit Kollegen wie Karl Mickel und Volker Braun zur später so genannten Sächsischen Dichterschule zusammenfand, bis zu geistreichen Rückblicken aus den jüngsten Jahren. Am 17. Juli wird Rainer Kirsch siebzig Jahre alt. So gesehen ist die Werkausgabe ein Geburtstagsgeschenk und die Veranstaltung fünf Tage drauf die Geburtstagsparty.

Norbert Tefelski, Der Tagesspiegel, 17.6.2004

Spannende Begegnung mit einem Dichter

und seinen Künstlerfreunden

− Magdeburger Literaturwochen: Rainer Kirsch las aus seinem Gesamtwerk. −

Jedes Gedicht hat eine eigene Geschichte. Als Rainer Kirsch kurz vor seinem 70. Geburtstag zu den Magdeburger Literaturwochen in die Galerie „Himmelreich“ kam, hatte er neben seinen Gedichten und Essays auch diese Geschichten mitgebracht.

Kirschs essayistischer Texte und seine Gedichte kann man nachlesen in zahlreichen Büchern und Broschüren aus fünf Jahrzehnten und vor allem in der kürzlich beim Berliner Eulenspiegel Verlag herausgegebenen Gesamtausgabe der Werke Rainer Kirsch in vier gewichtigen Bänden.
Um allerdings die Geschichten zu den Gedichten und Texten zu erfahren, mußte man den Dichter leibhaftig erleben. Zum Beispiel die über seine Petrarca-Gedichte. Rainer Kirsch hatte 1982 für die „Poesiealbum“-Reihe des DDR-Verlages Neues Leben vier Sonette von Petrarca nachgedichtet. Seit dem, erzählt Rainer Kirsch, hatte sich seine dichterische Fantasie Petrarca zu einem Weggefährten erwählt. Es entstehen anspielungsreiche wohlgeformte Gedichte wie „Petrarca nach Lektüre der Journale braucht einen Kompaß“ (1996) oder „Petrarca hat Malven im Garten und beschweigt die Welträtsel“ (1996)
Aber auch andere Dichter und Künstlerfreunde begegnen einem in den Gedichten Rainer Kirschs. Ossip Mandelstam etwa, dessen Gedichte er für eine zweisprachige Reclam-Ausgabe übertragen hat, oder der Leipziger Maler Willi Sitte, an dessen Bildern und Zeichnungen sich seine dichterische Fantasie entzündet. Rainer Kirsch erzählt den Gästen seiner Lesung immer auch etwas über die konkreten Situationen und Ereignisse, auf die sich seine Gedichte beziehen oder die Anlaß waren für die verschiedenen Texte, eine Reise nach Georgien etwa oder Besuche am Schwarzen Meer.
So entsteht während der Lesung auch ein Panorama der Zeit und der Umstände, in denen Werke von Rainer Kirsch entstanden von den sechziger Jahren bis zur allerjüngsten Vergangenheit. Das Auffälligste an den Texten Rainer Kirschs – neben Gedichten las er auch einige essayistische Texte – ist neben der virtuosen Formenbeherrschung die geistreiche Ironie und kritisch-genaue Beobachtung. Damit weisen sie schließlich weit über die konkreten Anlässe ihres Entstehens hinaus und sind viel mehr als Momentaufnahmen von Zeitgeschehen.
Die Spannung zwischen dem Geschichtenerzähler Rainer Kirsch, dem kritisch-satirischen Dichter und dem farbenreichen Lyriker war ständig präsent, nicht nur durch die Texte selbst, sondern besonders auch durch die Art des Vortrages. Man muß aufpassen, wenn Rainer Kirsch liest. Hinter einem freundlichen und manchmal sehr ruhigem Erzählton, verbergen sich ironische Feuer und tiefsinnige Anspielungen, die nicht nur vergnüglich, sondern auch Erkenntnis befördernd sind, auch noch im fünften Jahrzehnt seines Dichtens.
Sein letztes Gedicht „Trochäisch“ vom November 2003 endet mit den Zeilen: „… Zwischen wie viel Scyllen und Charybden sind wir Bruder schon hindurchgewitscht?“ Es scheint so, als stünden weitere bereit.

Liane Bornholdt, Volksstimme, 14.6.2004

Infiziert von den Kollegen Diderot und Voltaire

− Scheu vor ausgedehnten Texten? Rainer Kirschs Eulenspiegel-Werkausgabe zeigt: In der Kürze liegt die (poetische) Würze. −

Mit seinem ersten Gedichtband Ausflug machen hatte er einst eine Gesamtauflage von 18.000. Rainer Kirschs jüngster Lyriksammlung Petrarca hat Malven im Garten, die Strophen aus den Jahren 1996 bis 2002 vereint, dürften solche arithmetischen Höhenflüge versagt bleiben.
Das Buch erschien im Kleinverlag Quetsche, wo man sich schon glücklich schätzt, dreistellige Absatzzahlen zu erreichen. Auch die 1999 im Mitteldeutschen Halle veröffentlichten Kleinen Schriften des Autors fristen ein Schattendasein. Daher ist es mutig zu nennen, dass jetzt der Eulenspiegel Verlag all die alten und neuen Werke dieses Repräsentanten der „Sächsischen Dichterschule“ in einer vierbändigen Edition herausgibt. Das Kleeblatt umfasst die Lebensernte eines Künstlers, der im Juli seinen 70. Geburtstag feiert.
Blättert man im Inhaltsverzeichnis der opulenten Ausgabe, so erstaunt die Fülle verstreuter Arbeiten, die hier gebündelt werden. Trotz der langen Publikationsliste produzierte Kirsch nie leichthändig. Etwas zerknirscht gesteht er: „Ich bin ein Lessing-Typ – nur gelegentlich wird mir ein Vers oder eine Formulierung ,geschenkt‘.“ Nicht zuletzt deshalb entwickelte er „eine eingewurzelte Scheu vor ausgedehnten Texten“. Für ihn liegt die Würze in der Kürze. Seine längst Erzählung hat 50 Seiten, der längste Essay 113. Auf ein bestimmtes Genre ließ der zähe Arbeiter sich nie fixieren.
Das Spektrum seines Schaffens ist breit angelegt, und zwar aus Neugier, wie er verrät. Puppenspiele und Hördramen zählen genauso dazu wie Opernlibretti, Kinderbücher, Übersetzungen, Rezensionen, Theaterstücke. Sich auf den verschiedensten Gebieten zu erproben, betrachtet Kirsch als Indiz geistiger Beweglichkeit. Zugleich sieht er sich in der traditionsreichen Linie der Auftragspoeten, denn vieles von dem, was er vorweisen kann, entstand auf Bestellung.
Seine Werke zeugen von einer dauerhaften Infektion mit Diderotscher Schärfe und Voltairischem Witz. In allen Genres zeigt er sich als moderner Aufklärer mit ketzerischen Intentionen. Jedes seiner programmatischen Traktate besitzt unvermindert Gültigkeit, beispielsweise der mittlerweile berühmte Aufsatz „Das Wort und seine Strahlung“. Darin heißt es: „Gedichte sind Fenster. Wir sehen durch sie hindurch. Wohin? Auf die Welt, gespiegelt in einem Ich, das sich zum Sprecher aller gemacht hat.“
Hintergründig dokumentiert Kirschs Œuvre auch die radikale Konfrontation mit der DDR. Schon als Student der Philosophie in Jena eckte der Autor bei den Parteibürokraten an. Im Jahr des Ungarnaufstandes heftete er ein Gedicht mit aufmüpfigem Wortlaut an die Institutswandzeitung. Man bezichtigte ihn daraufhin der „Vorbereitung zur Konterrevolution“. Es folgten Zwangsexmatrikulation und „Bewährung in der Produktion“
Ab 1963 besuchte er das Literaturinstitut „Johannes R. Becher“ in Leipzig, doch auch dort verweigerte man ihm aus politischen Gründen das Diplom. Zweifach gescheitert, baute er sich ab ’65 eine Existenz als freier Schriftsteller auf. Doch der Ärger mit den Apparatschiks riß nicht ab. Wegen der bissigen Komödie „Heinrich Schlaghands Höllenfahrt“ schloß man ihn 1973 aus der SED aus. Als mißtrauisch beäugter Dissident galt er spätestens seit dem zornigen Brief an Willi Stoph, mit dem er die Ausbürgerung Wolf Biermanns quittierte.
Privates über Kirsch erfährt man vor allem aus den Gesprächen im vierten Band. Dort berichtet er auch von seiner Nachwende-Biografie: 1990 wurde er zum Vorsitzenden des bald aufgelösten ostdeutschen Schriftstellerverbandes gewählt. Er gab das Musizieren als Hobby auf, trieb statt dessen chinesische Entspannungsgymnastik. Ansonsten veränderte der gesellschaftliche Umbruch seinen Lebensstil kaum, sieht man davon ab, das er Auto fahren lernte und sich einen Computer kaufte.
Wohlmeinende Kollegen empfahlen, „ein bißchen achtloser zu schreiben“. Doch er lehnt Anpassung an den Modegeschmack rigoros ab. Fein dosierte Ironie dient ihm als Wegweiser durch die soziale Marktwirtschaft. Und so ist, was er in jüngster Zeit zu Papier brachte, charakterisiert vom „Gelächter gegenüber den Weltläuften“. Von „liebevollem Ingrimm“.

Ulf Heise, Dresdener Neueste Nachrichten / Leipziger Volkszeitung, 11.6.2004

Petrarca brandenburgisch vernetzt

Kunst will die Schleier wegziehen, schreibt Rainer Kirsch in seiner Erzählung „Sauna oder Die fernherwirkende Trübung“ (Rostock 1985). Dieser Dichter aber ist ein Meister, wenn es darum geht, die Kunst verschleiert tanzen zu lassen. Mag der Leser in den Reigen einsteigen oder nicht, die Neugier nach der verschleierten Schönen bleibt, der Leser wird zum Künstler, der den Schleier wegzieht, oft entdeckt er dabei nur, was er schon ahnte. Die Schöne ist nackt und zeigt, was der Lyriker Kirsch genußvoll (und direkt) als den schönsten Eingang zum Paradies beschreibt. Er sagt es mit ein bißchen anderen Worten, aber warum sollte der Rezensent dieses Papier zum Erröten bringen.
Der 1934 in Döbeln geborene Dichter und Nachdichter, Dramatiker und Essayist, Kinderbuch- und Hörspielautor, in Halle zeitweilig liiert mit Sarah Kirsch, hat die Dichtung von der Last der Bekenntnisse befreit. Er zeigt, dass sie Handwerk plus Inspiration ist, wobei ohne die Liebe zu Laura, wie Petrarcas ideale Angebetete hieß, nichts zu machen ist. Er hat auch diesen Altmeister (Italien 1304-1374) kongenial übertragen. Bekannt ist Rainers Flötenspiel, und den Eingeweihten in guter Erinnerung bleibt seine Taschenflasche, genannt Flachmann, der mit Sliwowitz oder Cognac gefüllt gegen manche Ohnmacht geholfen hat. Was ist er noch. Er gehört mit Karl Mickel, Volker Braun, Heinz Czechowski und anderen zur legendären sächsischen Dichterschule, die so heißt, weil ihre Mitglieder früh in den Norden emigrierten, nach Berlin und Brandenburg, ohne einander aus den Augen zu verlieren und um hier den Leuten das Tanzen und Weintrinken beizubringen sowie das Sächsische als eine Frage des guten Tones.
„Petrarca nördlich versetzt“ heißt eines der auf Anhieb eingehenden Gedichte von jenem Italiener, der neben Dante das Dichten als Balanceakt von Kopf und Bauch betrachtete, so dass sein Nachfahre um 1986 das „spröde dumpfgepanschte Naß“ anklagt, das dem Volk am Markt als Wein verkauft wird. Die Hexenmeister, die Wasser predigen und ihren eigenen Wein saufen, fürchten seit Petrarca diese Dichter, die in so vielen Rollen auftraten, den pädagogischen Part nicht verschmähten, so dass es zeitweise mehr Lehrer als Leser gab, die ihre Rätselsprüche unter Volk brachten, die Märchen wendeten, auf dass man das Innenfutter für den Alltag brauchen konnte. So Kirsch in seiner Komödie „Heinrich Schlaghans Höllenfahrt“ (1973).
Die Partei fand es nicht brauchbar und schloß ihr Mitglied Rainer Kirsch aus ihren Reihen aus. Also war es ein wirkungsvolles Stück, das ein wenig mehr Brecht’sche List gebraucht hätte, um so effektvoll zu werden wie, sagen wir, „Die neuen Leiden des jungen W.“ doch was für ein Schwelgen in Literatur in jenen siebziger Jahren, die heute von vielen Jungschreibern und Jungschreiberinnen, die damals gerade über den Rand ihrer vorgeschriebenen Kinderkrippennachttöpfe sehen konnten, als das Ende vom Lied beschrieben werden.
Nun bekommt der Jubilar eine schöne Ausgabe in vier Bänden auf den Tisch gelegt. Gedichte und Lieder, Erzählungen und Porträts, Stücke und Libretti, Essays und Gespräche. Die Altmeister Hacks und Mickel werden aus ihrem Poetenhimmel herunterschauen und das Unternehmen segnen, das lauter Überraschungen bietet, was die Zeit betrifft, was den Dichter betrifft.
Kunst will die Schleier wegziehen, sagt der Dichter. Kunst in Brandenburg zu machen, da ist der Dichter wie ein Landmann, der dem Sandboden ein paar nie gesehene Pflanzen und Blumen abringen will. Es braucht nicht alles eßbar, aber haltbar muß es sein.

Fritz Rudolf Fries, Neues Deutschland, 24.3.2004

Ein leiser Rebell

− Der Dichter Rainer Kirsch wird heute 70 Jahre alt. −

Rainer Kirsch ist die „blaue Blume“ im ostdeutschen Dichtergarten. Mit formenreichen und vergnüglichen ironischen und lyrischen, märkisch-sächsisch getönten Arbeiten hat er immer von einer anderen Welt oder wenigstens einer neuen Gesellschaft geträumt. „Kunst kann Menschen ihre Möglichkeiten vorführen, sie kann ihnen helfen, zu sich selber zu kommen, meinte Kirsch, der heute 70 Jahre alt wird.
Einer größeren Öffentlichkeit wurde er durch eine Reihe gemeinsamer lyrischer Veröffentlichungen und Veranstaltungen mit Sarah Kirsch bekannt, mit der er von 1958 bis 1968 auch verheiratet war.
Im Berliner Eulenspiegel Verlag sind jetzt seine Gesammelten Werke in vier bBänden erschienen, die mit Gedichten und Liedern, Erzählungen und Porträts, Theaterstücken und Libretti, Essays und Gesprächen von der Vielseitigkeit und dem Voltairschen Witz des Dichters beredtes Zeugnis ablegen – eine Lebensernte. Sie ging auch nach dem Zusammenbruch der DDR weiter, wenn auch unter anderen Vorzeichen. „Der Markt ist auf seine Art ein genauso rüder und rücksichtsloser Geselle, wie es die Zensur war“, meint Kirsch ähnlich wie viele Künstler aus der DDR nach der Wende. „Nur die Zähesten dichten weiter.“
Dabei hatte es der „leise Rebell“ unter den ostdeutschen Dichtern auch in der DDR nicht immer einfach, ein zweimaliger Rauswurf aus der SED ist nur ein Beleg dafür. Obwohl der Schriftsteller die politische Konfrontation nie suchte, eckte er immer wieder an. Das (nicht aufgeführte) Theaterstück „Heinrich Schlaghands Höllenfahrt“ (1973), mit dem Kirsch eine ironische „Faust“-Variation mit kritischen Anspielungen auf die DDR-Realität versuchte, führte zu seinem zweiten Rausschmiss aus der „Partei der Arbeiterklasse“
Einem Mann wie Kirsch die „Vorbereitung zur Konterrevolution“ vorzuwerfen, zeigte die abenteuerlich-verstiegene Weltfremdheit und –blindheit der SED-Kulturbürokratie, deren „Husarenstück“ mit der Ausbürgerung Wolf Biermanns 1976 zum Exodus ihrer besten Künstler führte. Noch heute zeugen Fotos aus der Wohnung Biermanns von den Künstlertreffs der oppositionellen DDR-Szene an der Berliner Chausseestraße, auf denen auch Rainer und Sarah Kirsch zu sehen ist.
Die Kirschs gehörten auch mit Kollegen wie Volker Braun und Karl Mickel zur so genannten „Sächsischen Dichterschule“.

Wilfried Mommert, Lausitzer Rundschau, 17.7.2004

Wohlgesetzt im Dichtergarten

− Heute feiert Rainer Kirsch seinen 70. Geburtstag. −

Zu den nervenden Gepflogenheiten des Nach-Wende-Deutschland gehört es, bei Dichtern aus der ehemaligen DDR herauszustreichen, wann sie mit dem Regime angeeckt sind. Eine Maßregelung durch die Partei kommt auch 15 Jahre nach dem Mauerfall immer noch einer literarischen Ehrenerklärung gleich. Während man sonst im Westen das Schöne, Wahre und Gute streng funktionsspezifisch trennt, bleibt beim Blick auf die DDR-Literatur immer so ein Rest moralisch-ästhetischen Einheitsdenkens. Als hätten ohne einen Gran Dissidenz auch Verse kein Rückgrat.
Damit verbaut man sich einen interessanten Blick auf einen wichtigen Teil der sogenannten DDR-Literatur, die nämlich ihr spezifisch poetisches Rückgrat, ihre literarische Facon und Festigkeit aus einem sehr kalkulierten, jederzeit überprüfbaren Formgebrauch bezieht: von Karl Mickel über Volker Braun und Adolf Endler bis zu Heiner Müller hat diese Literatur nicht nur in ihrer lyrischen Abteilung stets den Willen zur Form gehabt, mit dem zugleich auch ein bestimmter Begriff von Handwerklichkeit und Traditionsanverwandlung einherging. Es liegt nahe, in diesem Formgebrauch ein Mittel zu sehen, sich gegen die Ansprüche des Staates und seiner Zensurbehörde zu wappnen. Rainer Kirsch, der heute seinen 70. Geburtstag feiert, wurde in seinem Leben gleich zweimal aus der SED ausgeschlossen. Als Bestätigung seines, wie er gerne sagt, „Dichteramtes“ dürften ihm diese Relegationen aber wenig bedeuten. Als Kirsch 1990 in der Nachfolge Hermann Kants Präsident des DDR-Schriftstellerverbandes wurde, schien er wie gegen Windmühlen zu kämpfen mit seinem Versuch, den Wert der Literatur nicht an der vorgeblichen Systemnähe ihrer Verfasser, sondern an ihren eigenen poetischen Valanzen zu messen.
Tatsächlich kann einem das Werk Rainer Kirschs (das jetzt aus Anlass des runden Geburtstages in einer sehr anregenden, vierbändigen Ausgabe im Eulenspiegel Verlag vorliegt) einen starken Eindruck davon vermitteln, zu welch schwankendem Boden Texte werden können, wenn in ihnen das Gift des Zweifels leise und in homöopathischen Mengen nistet. Es ist oft eine Art maskierten Sprechens, bei dem es schwer zu sagen ist, wie dem Leser der Boden unter den Füßen entzogen wird. Man lese zum Beispiel (was ein großer Genuß ist) Kirschs „Kopien nach Originalen“. Das sind ursprünglich vom Genre her journalistisch gemeinte Porträts mehr oder minder bedeutender DDR-Persönlichkeiten (diese Stücke waren in der DDR sehr populär, wie Kirsch ohnehin bis 1989 über einen große Lesergemeinde verfügte.) Aber wie Kirsch das angeht, entsteht eine ganz eigentümliche Mischform, bei der ein eigenwilliger, fast großväterlicher Erzählton dominiert, unter dem die journalistische Form des Porträts auf unheimliche und komische Weise zur Parodie wird. Zugleich entfaltet dieser durchaus an Johann Peter Hebel erinnernde Hausbuch-Ton einen radikal-nüchternen Realitätsbegriff, in den Kirschs frühes Interesse an Evolutionstheorie und Verhaltensforschung Eingang findet. Der Materialismus wird dabei so illusionslos auf die Spitze getrieben, dass kaum etwas Idealisches  oder Normatives übrig bleibt: so wissenschaftlich-materialistisch, muß man vermuten, hat sich der wissenschaftlich-materialistische Marxismus die Welt dann doch nicht vorgestellt.
Als Übersetzer vor allem aus dem Russischen war Kirsch überaus produktiv. Er hat Erzählungen, Libretti und Hörpsiele  geschrieben. Als Lyriker ist er ein Kind der „sächsischen Dichterschule“ und insofern mit Metrum und Reim wohl vertraut. Das Wohlgesetzte, anmutig Lehrhafte, manchmal geradezu manikürt Sentenzhafte seiner Verse dürfte heute den schwersten Stand haben, weil es uns als Gattung so fern gerückt ist. Aber gerade diese Ferne macht eine Wiederbegegnung auch reizvoll. Beim poeta doctus immerhin kann man jederzeit was lernen.

Ijoma Mangold, Süddeutsche Zeitung, 17.7.2004

Gedichte voller Genauigkeit der Gedanken und Bilder

− „Und die ganze Last der Wahrheit kennen“ – Der Dichter Rainer Kirsch wird heute 70 Jahre alt. −

Sehen wir mal ab vom Kirsch, Sarah, der viel belobten Dichterin, die in früher Zeit mit dem Dichter Rainer Kirsch verheiratet war. Damals veröffentlichten sie auch einige Bücher gemeinsam, und wir saßen in Leipzig gegenüber dem Literaturinstitut in der Tauchnitzgasse und sprachen über ein Gedicht von Rainer Kirsch, das eben in den genannten Zeiten um 1965 heftig beschimpft wurde, denn da gab es ein paar Zeilen, die Anstoß erregten.
Es ging wohl vor allem um jene Schlusszeile „Und die ganze Last der Wahrheit kennen“. Das gefiel den Literaturzensoren nicht so recht, und ein paar Jahre später schloß man ihn aus der Partei aus, der er einmal freiwillig beigetreten war.. Der Text, der dafür den Anlaß bot, findet sich in meinem Bücherregal nur als Publikation in Theater der Zeit: „Heinrich Schlaghands Höllenfahrt“. Das mußte schief gehen, bei der staatsamtlichen Überlegung, dass man in der DDR noch einen dritten Teil zu Goethes Faust schreiben sollte, aber nicht wie hier eine Parodie.
Ach ja, ich greife auch nach einem vergilbten Band Bekanntschaft mit uns selbst, 1961 in Halle erschienen, wo der heute vor 70 Jahren in Döbeln geborene Kirsch übrigens lange lebte, und es ist wohl die erste Gedichtveröffentlichung in einem Buch. Gerhard Wolf, der wache Entdecker junger Dichter, hat es herausgegeben. Dann gibt es hier den gemeinsamen Band Gespräche mit dem Saurier, dessen Einband ein hübsches Bild von Ronald Paris ziert. Die Gedichte habe ich nicht wieder gelesen, obwohl sie es verdienten, denn etwas war ihnen spürbar, das Rainer Kirschs Produktion auch künftig qualifizieren sollte, eine selbstbewusste Geste der Aufklärung und eine Genauigkeit der Gedanken und Bilder.
Erst vor einem Jahr fand ich in Freund Wescotts Bücherlabyrinth, das ist jener Pfarrer, der die Restbestände aus DDR-Verlagen vor der Vernichtung bewahrte, einen dicken Reclam-Band Ordnung im Spiegel, Essays, Notizen, Gespräche heißt er im Untertitel, und er ist nicht nur ein Gang durch die literarische Werkstatt dieses Dichters, er ist auch ein Buch, das Zeit und Welt, in der dieses Dichterleben wurde, spiegelt. Ordnung im Spiegel also, was heißt das? Das heißt, dass Dichtung eben nicht die Welt einfach wiedergibt, sondern „verzerrt“, den beschriebenen Dingen etwas Zusätzliches mitgibt, des Autors Sicht, seine Sprache, seine Welt. Dazu kann man in dem Band manches finden, er ist eine denkwürdige Lektüre.
Und Kirsch heute? Wenn ich mich recht erinnere, lebt der Mitbegründer der „Sächsischen Dichterschule“ als Übersetzer und Autor in Berlin, und er kann sich an einem Satz erfreuen, der heißt: „Von einer Ästhetik, die statt auf Genauigkeit auf Reizüberflutung setzt, halte ich so wenig; sie beruht auf Mißtrauen, das zur Macht gehört wie gute Skepsis zur Weisheit, die der Dichter braucht oder doch gern hätte.“ Kann er sich freuen, dass er Recht behalten hat?

Klaus Walter, Freie Presse, 17.7.2004

 

Zum 60. Geburtstag des Autors:

Sabine Brandt: Merkbare Sätze, hör ich, sind vonnöten
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.7.1994

Zum 65. Geburtstag des Autors:

Wolfgang Platzeck: Mit sanfter Gewalt
Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 17.7.1999

Thomas Kunze: Der Markt ist so rücksichtslos wie die Zensur
General-Anzeiger, 17./18.7.1999

Zum 70. Geburtstag des Autors:

Michael Braun: Petrarca aus Sachsen
Badische Zeitung, 17.7.2004
Der Tagesspiegel, Berlin, 17.7.2004

Zum 75. Geburtstag des Autors:

Jürgen Engler: Das Wort und seine Strahlung
neues deutschland, 17.7.2009

Torsten Klaus: Rainer Kirsch – ein unbequemer Dichter mit Idealen
monstersandcritics.de, 15.7.2009

Ambros Weibel: Amt des Dichters: Rainer Kirsch zum 75. Geburtstag
ambros-weibel.de, 18.7.2009

Felix Bartels: 75 Jahre Kirsch
felix-bartels.de, 17.7.2009

Zum 80. Geburtstag des Autors:

Hans-Dieter Schütt: Zuversicht statt Optimismus
neues deutschland, 17.7.2014

Burga Kalinowski: Und ohne dieses Wort wäre das Gedicht nichts
neues deutschland, 19.7.2014

Burga Kalinowski: „Mein Inneres lesen“
junge welt, 11.9.2015

 

 

Nachrufe auf Rainer Kirsch: SZ ✝ MZ ✝

 

 

Fakten und Vermutungen zum Autor + KLG
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Bild von Juliane Duda mit den Übermalungen von C.M.P. Schleime und den Texten von Andreas Koziol aus seinem Bestiarium Literaricum. Hier „Der Rainerkirsch“.

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