DER GEKRÜMMTE HÖRER
für Konrad Klapheck
Jedesmal, wenn auf der Fernstraße
ein Laster vorbeidonnert,
vibriert in der erleuchteten
Telephonzelle am Waldrand
das Kinn auf der Gabel
wie ein Gehenkter,
der gekrümmte Hörer,
in Erwartung von jemand,
der ihn sehnsüchtig begreift,
nach Vollstreckung seinen Leib
abnimmt vom Apparat,
diesen wie einen Toten
mit Münzen nährt,
nach der Nummernwahl
in die Muschel
Lebenszeichen gibt.
Doch bin ich wie jeder Lyriker meiner Generation durch die „Schule der klassischen Moderne“ gegangen, ohne mich in ihr einzurichten. Vom Surrealismus interessierten mich weniger die Assoziationsketten des psychologischen Automatismus als die rätselhaften, kaum briefmarkengroßen Traumbilder, die beispielsweise der Maler Edgar Ende wie durch ein umgekehrtes Fernrohr sah. „Geheimnis und Melancholie einer Straße“ stand unter der Schwarzweiß-Reproduktion eines Bildes von de Chirico, die mir kurz nach dem Krieg in die Hände fiel. Gleich wußte ich: so wie dieses Bild gemalt ist, möchte ich schreiben, und von dem so Geschriebenen sollte die gleiche magische Wirkung ausgehen! Heute sind es die bedrohlichen Topografien eines Edward Hopper oder Alex Colville, wo ich Anverwandtes entdecke. In der zeitgenössischen Lyrik vermisse ich diese Alltägliches in Überwirklichkeit verwandelnde Perspektivik weitgehend. Und wie versuche ich mich ihr zu nähern? Aus der Flut der Bilder, wie sie Kindheitserinnerungen oder die Gegenwart einer Stadt wie Berlin hervorbringen, wähle ich einzelne heraus und isoliere sie, indem ich sie der Stille und der Bewegungslosigkeit aussetze in der Hoffnung, ihr allzu scheues Geheimnis zum Bleiben zu bewegen.
Richard Anders, Klappentext, 1985
Wilhelm König: Richard Anders: „Über der Stadtautobahn“.
Neue Deutsche Hefte, 1986, Heft 1
Cornelia Jentzsch: Denkbilder nach dem Absturz.
Berliner Zeitung, 25.4.1998.
Gabriele Killert: Der letzte Surrealist.
Neue Zürcher Zeitung, 25.4.1998
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