Richard Anders: Verscherzte Trümpfe

Anders/Hussel-VerscherzteTrümpfe

SINN

Von toten Buchstaben auferstanden, machst
du erst Sinn, wenn du nicht wie Erz tönst,
sondern aus voller Kehle ins Blaue springst.
Aber hoffe nicht, daß Engel dich fangen. Ob
du steigst oder stürzt, hängt allein davon ab,
ob deine toten Buchstaben zu Lebzeiten Oben
oder Unten die tiefere, die höhere Bedeutung
beilegten.

Verscherzte Trümpfe. Das neunte Buch Anders’.

Erstmalig publizierte Richard Anders in der von Werner Riegel und Peter Rühmkorf herausgegebenen Zeitschrift „Zwischen den Kriegen“, dem Sprachorgan des Finismus, einer von den Herausgebern begründeten Richtung einer literarischen Unterwanderung der pfleglichen Trümmer nachkriegsdeutschen Sprachwesens. Das war in den frühen Fünfzigern. Seither hat Richard Anders manche kulturellen Strömungen kommen und versiegen sehen. In den Sechzigern verließ er für einige Jahre die westliche Hemisphäre des nachkriegsdeutschen Duodezes, zog nach Zagreb und somit in die unmittelbare Nähe einer Landschaft, die schon etwas dreißig Jahre zuvor eine Parallele zum Pariser Surrealismus hervorgebracht hatte Andererseits verbanden ihn zum Programm des nämlichen auch persönliche Kontakte. André Breton hat ihm noch die Hand gegeben. Um es abkürzend auszuführen: Die anspruchsvollste der literarische Revolten im Europa des 20. Jahrhunderts forderte zwar das Bewusstsein der Deutschen nicht soweit heraus, dass es zu einer breiteren Bewegung gereicht hätte, welche „die zu Unrecht als unübersteigbar ausgegebenen Gegensätze des Irrseins und der angeblichen ¸Vernunft‘, des Traumes und der Tat, der geistigen Vorstellung einschränkt und verringert (A. Breton aus einem „Brief an einen deutschen Freund“ 1948). Jedoch es fanden sich (wenige) Dichter und Maler bereit, in eine vorsichtige Erkundung des vielfach und bis in die  Gegenwart noch berufenen Echos des Surrealismus einzutreten. Richard Anders gehörte dazu. Aber was heißt eigentlich „Echo“? Wann wäre eine literarische Eigenart endgültig vorbei? Nichtmal das „Ich“ ist vorbei, obgleich es bereits vor dreitausend Jahren mit den Psalmen Davids seine Erheblichkeit gründete. Ist Surrealismus, im Sinne der oben zitierten Absicht, „vorbei“, weil allerneueste Medien die Anästhesierung der Realität derartiger Schocks betreiben (Golfkrieg), deren europäischen Vorgängern der Surrealismus einst seine Geburt verdankte?
Sind positive Utopien vorbei, weil es die politische  Geduld beim Entwickeln ihres Menschenbildes in den Dunkelkammern der Ideologien nur bis zum bluttriefenden Negativ gebracht hat? Mag sein. Es wäre…Schicksal. Richard Anders „Verscherzte Trümpfe“ ist eine neunundneunzig Prosa-Fenster entwerfende Camera Obscura, ein sich zu neunundneunzig magischen Miszellaneen verzweigender Augenblick, der mit dem Schicksal des Schreibenden (Subjekts) ein dialogisches Experiment durchführt. Der Schöpfungsakt aus dem Geist aller Möglichkeiten, die der Poesie zur Verfügung stehen, die Initiation des Lebens unter den Bedingungen des Worts also (immer noch) erscheint als Versuchsreihe, die sich wie eine Hommage auf die Ursachen liest, die den Dichter zu jenen, Literatur genannten, Ablenkungen veranlassen, die seinen Wörtern auf ihrem Verwirklichungsweg begegnen. Wir beobachten den Dichter bei der Arbeit, die in der trickreichen Animation seiner katahym anmutenden Requisite besteht und bewundern die Perfektion, mit welcher er die Trägheit unseres Blicks für erstaunliche Verwandlungskünste seines poetischen Subjekts zu berechnen scheint. Wir erleben einen intergativen Illusionismus der Person, d.h. wir erden zeugen der Vorführung eines Magiers, der die alte heteronyme Gebärde der noch älteren Moderne aus dem Hut zaubert, um sie auf eine selten gewagte Gratwanderung zu schicken, nämlich direkt entlang der Grenzen des Vorstellbaren, welche, aus der Realität bzw. deren Realismen ausbrechend, ihre labyrinthische Signatur um das (doch zweifellos noch existierende) Unsagbare herum schreiben.
Der konzeptionelle Grundriß des Buchs folgt der Reihe der zweiundzwanzig Trumpfkarten oder Großen Arkana des Tarotspiels. Jedes einzelne Motiv dieser Karten, die in ihrer symbolhellen Schattenhaftigkeit von den Zeichnungen  Horst Hussels gesellig nachempfunden wurden, dient als thematischer Vorwurf, den Richard  Anders mit seiner, an der ecriture automatique geschulten Feder, zu einem  phantasmagorischen Spiel der Kräfte auszeichnet, welche die Bildwelt des Tarot zu Denkbildern auffächern, sybillinischen Medaillons, ganz aus logikverliebten Assoziationsketten geschmiedet. Ein ultimativer Charme, der ja das Kennzeichen jeder Schicksalsbefragung ist, umkreist in der protagonistisch gefärbten Zweiten Person alle denk- oder sichtbaren Koordinaten der Deutung, dekliniert gewissermaßen das Erklärungsmuster der Tarotkunde durch, bis das Geheimnis, welches jede Karte bereits als solche versinnbildlicht, zu der Gewissheit geschrumpft ist, dass es keine Alternative zu diesem Spiel gibt, außer der, es selbst in die hand zu nehmen. Richard Anders entbindet also die Karten von ihrer (in Hinblick auf die geharnischte Symbolik, des Tarot wappen- und waffenklirrend zu nennenden) Schwangerschaft, um das so geborene Schicksal in seiner heraldischen Spigelverkehrtheit, mit der Milch der freien Assoziation zu nähren. Und so wird eine Bewusstheit in mindestens doppeltem Sinn des Wortes aufgezogen, der es freisteht, die unterschiedlichsten Ebenen der Beschreibung von Träumen sowie ihrer derivativen Tun- oder Lässlichkeit miteinander reagieren zu lassen, auf eine Lösung bzw. Gelöstheit hin, die in Gestalt eines „Verscherzten Trumpfes“ von den Abenteuern der Metamorphose spricht.In der Alchemie der Überwindung von Unterschieden zwischen Innen und Außen sind wir wahrscheinlich kaum weiter als die Steinzeitmenschen, jeder mit anderer Weisheit geschlagen. Manchmal können wir uns einigen, z.B. darauf, daß unsere Körperwahrnehmung unserer geistigen Verfassung einen Streich nach dem anderen spielt, wie das unter verschworenen Geschwistern üblich sein mag, von denen das eine in der Entwicklung erheblich hinter dem anderen zurückgeblieben ist. Die Prosaminiaturen der „Verscherzten Trümpfe“ sind exkursive Ellipsen, in denen die Abenteuer des Denkens von einem Körper erlebt werden, der die abendländische Unüberwindlichkeit seiner Dualität zum Geist in ihren Brennpunkten löscht: Für die Dauer eines Lichts oder eines Rauchs, dem Leser aufgehend, wenn er die Selbstverständlichkeit akzeptieren mag, mit welcher Richard Anders die rätselhaften Paradoxa der Tarotsymbolik mit einem Luftraum symmetriebetonender Gegensätzlichkeit äquilibriert.
Die Kette der zweiundzwanzig Großen Arkane durchläuft von DER MAGIER bis zu DER NARR das Buch und wird durch dazwischen gefädelte Textperlen, die an Glanz und Betrachtungswert nicht nachstehen, aufgelockert und gestreckt. Als ein Beispiel dafür, daß sich die „Lichtarbeit“ dieser Texte, prosaische Preziosen allesamt, nicht auf die Bergung und Beleuchtung magischer Fossile aus einem heraldischen Urgestein der ungebrochenen Lust, das Schicksal zum Spiel mit offenen Karten zu zwingen, beschränkt, sei der Text „Camouflage“ zitiert, den Richard Anders zwischen DER TEUFEL und DER TURM eingestreut hat: „Fällt Vater Staat der Stein vom Hals, machen seine Krücken Rösselsprünge: Sie behaupten, sie hätten sich ihm als Knüppel zwischen die Beine geworfen und den Stürzenden zur Camouflage gestützt. Nährte Vater Staat solche Schlangen am Busen – warum verlor er nur den Kopf?“
Nun ist das Buch ja ein Buch der Deutung tarotischer Figurationen. Und die Texte zwischen den Hauptmotiven erscheinen wie Deutungen der Spielräume des Dichters zwischen den Hauptmotiven. Die Deutung einer Deutung eines Spielraums wäre da zumindest fragwürdig. Dennoch bemerke ich, daß ich keinen Text kenne, der sich im Rahmen der Dichter-Stasi-Moral-Debatte ironischer und trefflicher mit der schillernden Schutzbehauptungs-Dialektik der Betreffenden befasst hätte. Man lese es nur ein zweites Mal und setze anstelle „Krücken“ –ja, sicher- ein.
Witz, ein Wort, das von Wissen kommt und Kalauer, der de französischen Wort für Wortspiel entstammt, sind in der regel so genau, wie ein Schmerz genau ist, der mit ihrer Hilfe überspielt oder besprochen wird. Erstaunlich ist die schon bilderbuchgenaue Anschaulichkeit, mit der in diesen Texten kalauer eine Funktion als Synapse des textkörperlichen Nervensystems ausübt. Die Vielzahl der verwendeten Sinnsprüche, Redensarten, Sprichwort-reste wirkt, da alles „literally“ genommen wird, als Impulsgeber für einen atemberaubenden Austausch zwischen den Parallelwelten des okkulten und der Poesie. Daß man sich nicht überall beliebt macht, wenn man die pragmatische Rhetorik gesellschaftlicher Übereinkünfte bei Unsinnigkeiten ertappt, ist die Erfahrung des Eulenspiegels. Der aus der Reserve gelockte Unsinn pflegt sich für seine Missachtung bei seinem Entdecker zu rächen, und zwar mittels der verletzten Geschmäcker, denen klar wird, dass sie Nonsens schluckten, ohne ihn goutiert zu haben. Wer ist schon gern das opfer einer Täuschung. Meistens möchte man ihr Meister sein. An jemandem aber, der bei aller (themenwahlbedingter) Drastik der Metaphern seine Denkbilder mit soviel Dezenz so überraschend vielfältig variiert, und den Geschmack des kalauermüden deutschen Humors und seiner maßgeblichen Ratgeber mit soviel Raffinesse verletzt, wie Richard Anders es tut, sollte man sich damit revanchieren, dass man ihn wieder liest.

G. Wurlitz

Besprechung

Diese, Richard Anders’ achte Buchveröffentlichung, ließe sich, etwas ausholend, beschreiben als ein zu neunundneunzig Prosa-Fenstern zersplitternder Augenblick, für dessen Dauer der Verfasser ein dialogisches Experiment mit sich selbst durchführt. Ein Schöpfungsakt aus der Potenz aller Möglichkeiten, die der Poesie zur Verfügung stehen, eine Initiation des Lebens also unter den Bedingungen des Worts, erscheint in einer Versuchsreihe, beschäftigt mit den Ursachen, die den Dichter zu jenen, Literatur werdenden, Ablenkungen veranlassen, welche den Wörtern auf dem Weg ihrer Verwirklichung widerfahren können. Hier ist einer am Werk, bei der Arbeit, die in einer trickreichen Animation seiner katathym anmutenden Wirklichkeit besteht.
Die Verwandlungskünste eines Poetischen Subjekts flimmern vor dem trägen Auge der Lesegewohnheit und ermöglichen ihm, zum Zeugen der Vorführung eines Magiers zu werden, der die alte heteronyme Gebärde der noch älteren Moderne aus seiner literarischen Requisite zaubert, um sie auf eine selten noch gewagte Gratwanderung zu schicken, entlang der Grenzen des gemeinhin Vorstellbaren, die ihre aus den Realismen ausbrechende Signatur netzartig über den dogmatischen ,Schatten zwischen Auge und Objekt‘ schreiben.
Das, bzw. ein grundlegendes Konzept des Buchs folgt der Reihe der zweiundzwanzig Trumpfkarten des Tarotspiels. Jedes einzelne Motiv dieser Karten, die in ihrer symbolhellen Schattenhaftigkeit von den Pinselzeichnungen Horst Hussels gesellig nachempfunden wurden, dient als ein thematischer Vorwurf, den Richard Anders mit seiner, an der ecriture automatique geschulten Feder, zu einem phantastischen Spiel von Energien entwickelt, welche die alte Bildwelt des Tarot zu neuartigen Denkbildern auffächern, zu sibyllinischen Medaillons, die sich, ganz aus logikverliebten Assoziationsketten geschmiedet, dem Leser öffnen. Ein stets ultimativer Charme, der zu den Merkmalen jeglicher Schicksalsbefragung gehört, umkreist in einer protagonistisch gefärbten Zweiten Person die Koordinaten der Deutung, dekliniert sozusagen ein Erklärungsmuster eines alten Spiels durch, bis das Geheimnis, welches jede Karte als solche bedeutet, zu der Gewißheit schrumpft, daß es keine Alternative zu den Trümpfen des Schicksals gibt, außer jener, sie selbst zur Hand zu nehmen. Richard Anders entbindet die Karten von ihrer spiegelverkehrten Starrheit, zerschlägt die tradierte Symbolik in Fragmente und baut daraus die Bilder seiner Erfahrung mit uns in dem Spiel der Möglichkeiten zur Sinnzerstörung wie –stiftung.
Selbst wenn es Laborbedingungen sind, unter denen diese Prosaminiaturen entstanden sein mögen, so weht in ihnen doch ein belebender Wind, der nebenher den Staub von dem Vorurteil bläst, daß die aufregendste Prosa vom Leben nur selbst geschrieben würde. Und er (wie sein Verursacher) facht ein Feuer von Widersprüchen an, ab und zu trockenes Holz aus dem gelichteten Wald der Sprichwörter und Redensarten nachlegend, dessen von überraschenden Einfällen knisternde Bewegungen ebenso erhellend wie witzig verlaufen. Letzten Endes erweist sich sogar der Bezug auf das Tarot als irreführend, da er Okkultes suggeriert, tatsächlich aber wohl eher eine, vom Autor nachträglich vorgenommene Adaption an seinen Stil war, als er auf gewisse morphologische Parallelen zur überlieferten Rhetorik der Auslegungsgepflogenheiten aufmerksam wurde. Und so finden sich in den Verscherzten Trümpfen die von derlei Symbolismen abgelösten Erkundungen in der Überzahl, die die Situation des mit dem „Schwindel aller selbsternannten Schöpfer“ kämpfenden Autors bis in die Bedingungen des menschlichen Körpers hinein beschreiben. Die Form des Kalauers, der von dem französischem Wort für ,Wortspiel‘ kommt, erfüllt mit diesen Prosagedichten mit manchmal bilderbuchgenau zu nennender Anschaulichkeit eine Art synaptischer Funktion des textuellen Nervensystems. Jedes herkömmliche Idiom, das Eingang erhält, sendet, beim Wort genommen, in frage gestellt oder auch kopfstehend, Impulse aus, auf die die anderen Glieder des Textes exakt ansprechen, Auskunft gebend über Schönheiten und Grausamkeiten im Spielraum der Einsichten eines Autors, der seit drei Jahrzehnten zu den wenigen deutschen Schriftstellern zählt, die der traumkritischen Herausforderung des Surrealismus mit Erfolg begegnen konnten…

Andreas Koziol

Richard Anders Verscherzte Trümpfe.

Von Zeit zu Zeit taucht bei literarischen Veranstaltungen in Berlin ein älterer, schmal- und hochgewachsener Mann mit einem asketischen, doch freundlichen Gesicht auf und meldet sich zur Diskussion mit kenntnisreichen, weitausholenden Bemerkungen. Eine durchscheinende Gestalt, doch eben deshalb einprägsam. Und wer im nachhinein fragt: Wer ist dieser Herr?, bekommt die Antwort: Das ist Herr Anders. Der Name könnte ein Programm sein. Oder vielmehr: sein Träger hat ihn in einer der gängigen Vorstellungen vom Autor abgewandten Weise mit Leben erfüllt. Herr Anders hat in der Tat alles anders gemacht, als es den tatkräftigen Beschickern, Nutznießern und Begutachtern des Literaturbetriebes selbstverständlich und befriedigend erscheint. Er scheint kein Rudelverhalten zu besitzen: kein Mitglied einer Gruppe, keine Verlautbarungen zum Gang der Welt und zum Wählverhalten. Keine der Herausforderungen zu den professionellen Boxkämpfen zwischen realistischer Literatur und experimenteller hat er angenommen. Allein diese Jahrzehnte dauernde Zurückhaltung gegen die Verführungen zur schnellen Ware, zum schnellen Geld ist ein Kunst-Stück. Anders hat Deutsch in Athen und Zagreb gelehrt, hat sich in einem Hamburger Archiv vergraben, Kontakte zu den Surrealisten geknüpft, und die freie Existenz als freier Schriftsteller in Berlin, die die Biographie ausweist, ist vor allem auffällig durch die Vermeidung alles Gravitätischen, Dickleibigen. Drei Gedichtbände, ein autobiographischer Text, Kurzprosa, Übersetzungen; hier und da tauchen Gedichte von ihm in Anthologien auf. Ein sogenannt schmales Werk, ein Begriff, der von denen, die ihn benutzen, immer mit einem entschuldigenden Räuspern begleitet wird. Ein vogelleichte, vogelkluge randständige Existenz; es ist zu fürchten, dass solche wie die seine in der immer hektischeren, erbittert um die Kuchenkrümel feilschenden Hauptstadt nicht mehr lange zu führen sind. Doch das ist nicht der Grund, auf die fein ziselierten kleinen Prosastücke, die den Titel „Verscherzte Trümpfe“ tragen, aufmerksam zu machen. Es sind Vexierbilder, den Dingen zugewandte Sprachfiguren. Die Schreibbewegung erinnert vielleicht am ehesten an Walter Benjamins kleine Prosa oder an Franz Hessel, an seine traumwandlerische Sicherheit, zwischen den Explosionen der Moderne den Kramladen des Glücks offenzuhalten. Tatsächlich wählt sich Anders auch ein Motto von Benjamin: „Eine Philosophie, die nicht die Möglichkeit der Weissagung aus dem Kaffeesatz einbezieht und explizieren kann, kann keine wahre sein.“ Auch dieses kleine glänzende Zitat hat wie alle auf den ersten Blick „lupenreinen“ Diamanten einen Schönheitsfehler. Mich irritiert die Doppelung des Hilfsverbs „kann“, doch der Versuch, sie zu tilgen, verstörte den Sinn, brächte das konjunktivische des heiter gewissen Denkmodells zum Kippen, blanke, nötigende Rhetorik bliebe zurück. Worin besteht das Glück für den Leser bei Richard Anders? Der kleine Band enthält Texte, die sich selbst in ihrer Denkbewegung, die eine Sprachbewegung ist, aufgeben, „verscherzen“, weil ihr Ernst unerträglich wäre. Ihre Ausgangsbasis ist konjunktivisch. Oder wie Andre Breton in „Nadja“ schreibt: „Möglicherweise will das Leben wie eine chiffrierte Botschaft entziffert werden.“ Dinge proben hier den Aufstand, die Teile des Körpers verselbständigen sich, ein Haus begegnet sich selbst, ein Mann, der in Liebeskrämpfen zwischen der Frau und dem Spiegelbild dieser Frau „sein blaues Wunder“ erlebt, möchte vor Entzücken verrecken, doch da sei der Portier des Hotels vor! „Nussknacker: Mit deinem Kopf Köpfe knackend, musst du ihn schütteln. Nichts als taube Nüsse. Aus den zermahlenen Schalen mahlst du dir einen besseren Kopf. Du bläst ihm deinen Atem und ein Körnchen Wahrheit ein. Aber aufgeblasen will das Geschöpf nun selbst knacken. Schon hat es deinen Kopf im Gebiß. Bist du taub?“ Solche hochreflektierten und hochgemuten Gebilde bergen freilich auch eine Gefahr in sich. Die der Überinstrumentierung, die der allzu kunstfertigen Versteifung, der Auskältung durch Makellosigkeit. Richard Anders entgeht dieser Gefahr nicht immer. Doch entginge er ihr, die Texte klirrten in unheimlicher, puppenhafter Leblosigkeit. Lauter Schneewittchen im Sarg, über die nur noch gläserne Tränen zu weinen sind. Horst Hussel zeichnet dazu mit breiter Feder, starken, doch rätselhaften Bedeutungen. Format, Titel, Numerierung…sind es Tarotkarten, die er dem Band beigibt? Jedenfalls werden durch ihn die Geheimnisse der kleinen glänzenden Prosastücke weder aufgedeckt noch banalisiert. Der Leser/Betrachter ist gefragt, endlich kommt er zu seinem Recht…mit einer getrockneten Spur von Kaffeesatz auf dem Tassenboden oder seinem blanken, nüchternen Kunstverstand.

Ursula Krechel, Süddeutsche Zeitung, 31.3.1993

 

Zum 70. Geburtstag des Autor:

Cornelia Jentzsch: Denkbilder nach dem Absturz.
Berliner Zeitung, 25.4.1998.

Gabriele Killert: Der letzte Surrealist.
Neue Zürcher Zeitung, 25.4.1998

Fakten und Vermutungen zum Autor
shi 詩 yan 言 kou 口

Naheliegendes:

  1. Richard Anders: Die Pendeluhren haben Ausgangssperre
  2. Richard Anders: Marihuana Hypnagogica
  3. Michael Braun & Hans Thill (Hrsg.): Das verlorene Alphabet

Einen Kommentar schreiben