EINFLUSS DES ALLS AUF DIE LUST
im jahr der invasion der maikäfer
mit schildpatt und metallnem flügel
erhoben die läuse die waffen frei
im fall fielen die maikäfer rücklings
schauend das all verloren sie lust
zum täglichen kleinkrieg so blieb
den läusen unbestritten der sieg
Ich bin aus Bautzen und meinen Namen dürften Sie noch nie gehört haben, denn ich habe noch kein Gedicht in deutscher Sprache veröffentlicht. Ich schicke Ihnen meine Texte, weil ich Lyrikbetrachtungen von Ihnen kenne. Meine Texte – experimentelle Lyrik? Vielleicht ist experimentell nur das Anderssein, die Empfindung hier zu Hause zu sein und sich doch weder als Sachse noch als Preuße zu fühlen. Vielleicht ist experimentell nur das, daß mein Volk ein ausschließlich dörfliches ist, daß Kleinheit vielleicht Provinz einschließt oder ausschließt? Vielleicht ist es die Rechtschreibung, die ich nach dem Sorbischen gestaltet habe? Ich weiß um die Gefahr dieser gesuchten Selbstbewußtheit, bin mir der Worte Provinz und National wohl bewußt – nicht zuletzt sind sie kräftig mißbraucht worden. Aber zunehmend empfinde ich Provinzialismus in meiner Umwelt – wie mit regionaler Provinz oder einfach Anderssein umgegangen wird. Das gibt mir den Rückhalt, Ihnen meine Texte zu schicken…“
Texte, in denen sich nun allerdings eine Dichterin entdeckt, die aus dem Zwist von legendärer Herkunft und auf sie einstürzender Gegenwart ihre Sprache findet: nüchtern, mit lidlosem Blick, traumsicher, mit dem siebten Sinn für das Unfaßbare hinter den Dingen, das mitbenannt werden muß.
Ich grab die hand mir in die tasche, grab mich ein
und schließ den mund, um stumm herauszuschrein
Janus press und BasisDruck Verlag, Klappentext, 1991
Aufruf ins Paradies
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaczubnika smej ty a ja
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa(Mato Kosyk, Chicago 1884)
es ist nur eine wand haut ist
was uns trennt helldunkel
wird sie zeugen von der lust
die wir erleben eine atlantische
feier wird sein wenn wir einander begegnen
als die verwundbaren schlächter von tieren
die sich opfergaben bringen und ihren leib
mit blut bedecken damit sie einander gleich
werden unter den augen der toten
die ihre bleibe in der prärie zwischen himmel
und Paradies ausgeschlagen haben
aus ihren hüllen gestiegen sind um zu sehen
daß uns ein leben entstehe
von menschlicher art jetzt komm
meine schenkel liegen geneigt auf dem laken
Das Gedicht „Aufruf ins Paradies“ trägt die Widmungszeile „Fremdlinge sind du und ich“ in einer uns fremden Sprache. Es ist Sorbisch, gesprochen von einem kleinen slawischen Volk, das seit anderthalb Jahrtausenden sich seine Sprache und Kultur gegenüber jedem deutschen Assimilierungsdruck bewahrten konnte.
In seinem Ostberliner Verlag Janus press stellt heuer Gerhard Wolf die Lyrikerin Róža Domašcyna mit ihrem Debütband Zaungucker vor. Das Gedicht, das wir eingangs hörten, ist diesem Band entnommen, der mit allegorischen Grafiken von Karla Woisnitza ausgestattet ist. Gerhard Wolf, sonst unermüdlicher Förderer der Dichter vom Prenzlauer Berg, zur Entdeckung der Autorin aus Bautzen:
Gerhard Wolf: „Das war ein Zufall, daß mir ein solches Manuskript auf den Tisch kam… und wo ich sage, da ist Talent. Da stoßen ganz merkwürdige Dinge aufeinander. Sie hat bisher nur in Sorbisch geschrieben. Da sind alte sorbische Lied- und Märchenmotive. Dann reibt sie sich natürlich an dem Problem, wie die Sorben in der DDR auf der einen Seite ausgestellt wurden und auf der anderen Seite gehätschelt wurden in einer seltsamen Weise, was sie auch schon in der zweiten Generation kritisch sieht gegenüber der ersten Generation dieser Sorbisch und dann Deutsch schreibenden Autoren. Das kam zusammen mit surrealistischen, seltsamen Dingen. Also dörfliche Welt mit Industriewelt und herkömmlich leidhaften Sachen mit ganz modernen Dingen, die sie natürlich wahrgenommen hat.“
Róža Domašcyna, geboren 1951, beschreibt ihren Weg zur Literatur in der Ambivalenz, in der sich eine sorbische Muttersprachlerin zur deutschen Sprache bewegt:
Róža Domašcyna: „Ich habe versucht zu schreiben und das in Sorbisch. Erste Schritte auf dem Gebiet waren in sorbischer Sprache. Einiges wurde in Zeitschriften veröffentlicht. Später als Student an dem Literaturinstitut in Leipzig war das Problem, daß man mit dieser Sprache nichts anfangen konnte und ich war mehr oder weniger gezwungen, mich in Deutsch zu artikulieren. Das war kein einfacher Weg… Ich mußte erste eine Schmerzgrenze überschreiten. Es geht einfach nicht, daß man versucht zu übersetzen. Das ist nicht möglich. Schon deswegen, weil die sorbische Sprache eine slawische Sprache ist und so vom Sprachgefühl sich ziemlich vom Deutschen unterscheidet.“
Róža Domašcyna über die Möglichkeiten des zweisprachlichen Schreibens:
Róža Domašcyna: „Irgendwann habe ich angefangen, an einem Text in zwei Sprachen zu arbeiten und habe dann festgestellt, daß man vielleicht korrigieren kann aus der einen Sprache in die andere, daß man Gedanken verdeutlichen kann, indem man in der anderen Sprache nachprüft oder Schwachstellen besser finden kann und Undeutlichkeiten, indem man diese Vergleiche anstellt. Es ist ein glücklicher Fall, wenn das funktioniert.“
Die Sprache eines kleinen Volkes, die in Sprachinseln überlebte, ist in Permanenz durch Assimilation gefährdet. Róža Domašcyna weiß, daß Literatur nur über Rezeption lebt.
Róža Domašcyna: „Sorbische Lyrik ist relativ viel gelesen worden, auch hat sie sich meines Wissens verkauft. Allerdings muß ich auch sagen, daß Lyrik oder das Wort im lyrischen Text, die Chance verstanden zu werden mit diesen stellenweise auch archaische Worten und Wendungen, daß diese Chance dadurch, daß die sorbische Sprache immer weniger angewendet, lebendig gesprochen wird, daß diese Chance auch damit schwindet. Das ist deprimierend.“
Aber auch in den deutschen Fassungen öffnen die Gedichte der Róža Domašcyna ihre poetisch sinnliche Phantastik, die nur weniger Zeichen bedarf, um uns die Ahnung von Geheimnissen zu geben. Es sind Gedichte der geöffneten Türen, des Lichtes auf geliebte Gesichter. Die Motive der Vertreibung reichen vom versagten Paradies der Liebe bis zur Verdrängung aus alter Kulturlandschaft durch industrielle Verwüstung. Das Wundtuch wächst ins Fleisch. Dabei ist Róža Domašcyna bei allen traditionellen Wurzeln eine Autorin, die sich an die Moderne heranzuschreiben weiß. Das ist keine Minderheitenliteratur, sondern Teil eines kulturellen Reichtums, den wir nach der Vereinigung erst entdecken müssen.
Róža Domašcyna liest ihr Gedicht „Vom geteilten, dem doppelten leben“.
Vom geteilten, dem doppelten leben
du brauchst mich, freund, denn ich bin gut für dich
mein körper ist wie andere, nicht schlechter
und wenn ich schweig, klingt auch mein wort nicht fremd
ich geb dir alles, meine haut, die wärme
ich nehm dich auf und halt dich in mir aus
behalt dich über jahre, grenzen und geschlechter
bei mir gehörst du immer zu den meinen
silvester stell ich töpfe für uns aus
und heb den taler und das brot für dich
den wundlappen behalte ich für mich
Jürgen Verdofsky, Norddeutscher Rundfunk, 8.3.1992
Zaungucker
Wir fassen uns und können es nicht fassen:
Hier sind wir wer, wir sind allein. Gelassen
ist nur der schnee, taut unterm fuß hinweg −
embleme, zeichen einer macht im dreck.
Sind wir denn kinder? Sind wir ausgesetzt
am markt, mit rotem heller strafversetzt?
Nichts spricht uns frei, wir haben laut geschwiegen,
sind hungrig, greifen alles, was wir kriegen,
und stopfen zuckerwatte in uns rein,
die liegen bleibt und drückt und wird zu stein.
Ich grab die hand mir in die tasche, grab mich ein
und schließ den mund, um stumm herauszuschrein.
In der Oberlausitz, am östlichen Rand der verschwundenen DDR, an der Grenze zu Polen und zur Tschechischen Republik, liegt die alte Stadt Bautzen mit ihren berüchtigten Knästen. Dort leben seit Jahrhunderten umgeben von Deutschen, die Sorben, ein slawisches Volk, sprachlich dem Osten verbunden, kulturell eher nach Westen orientiert, ein kleines Bauernvolk mit eigenen Institutionen und einer besonderen Literatur.
Wie die meisten sorbischen Dichter schreibt Róža Domašcyna sowohl in deutscher als auch in sorbischer Sprache. In einem Dorf geboren, hat sie zunächst Ökonomie des Bergbaus studiert und anschließend drei Jahre lang das Literaturinstitut „Johannes R. Becher“ in Leipzig besucht. So unterschiedliche sächsische Lyriker wie Volker Braun und Wulf Kirsten dürften sie inspiriert haben. Und wie sie als Bergbau-Ingenieur die überlieferte Frauenrolle in Frage gestellt hat, bezweifelt sie nun als freie Autorin den gewohnten lyrischen Formenkanon.
Das meint nicht, daß Róža Domašcynas Gedichte die Tradition verleugnen. Unüberhörbar die Spuren magischer Spruchdichtung im dörflichen Naturkreislauf, sorbischer Sagenton, Märchenmotive. Doch in die abgeschiedene Provinz der Lehmhütten bricht auf einmal etwas bedrohlich Gegenwärtiges herein, das sich – ähnlich wie bei den gleichaltrigen rumäniendeutschen Lyrikern – einer ebenso nüchtern-verknappenden wie hintergründig-poetischen Sprache versichert.
„angenabelt sah ich mich / mit den augen / von fremden“. Wiederholt formuliert Róža Domašcyna die Geborgenheit im Winkel der Familie und zugleich den Wunsch, ihr zu entfliehen, das Bedürfnis nach Nähe und ein unbegreifliches Ausgegrenztsein, das den fremden Blick der Poetin überhaupt erst möglich macht.
Auch das vorgestellte „Zaungucker“-Gedicht lebt von diesem Widerspruch. Da ist einmal das „Wir“ der vielen, die es im Angesicht einer gesellschaftlichen Umwälzung „nicht fassen“ können, plötzlich „allein“ zu sein, und wie Kinder reagieren. Stets haben sie zu den Übergriffen der Macht „laut geschwiegen“, nun grabschen sie ungeduldig nach allem was auf dem Markt zu haben ist, und „stopfen zuckerwatte“ in sich rein, ein zähes Ostprodukt vermutlich, das im Magen „drückt“ und „zu Stein“ wird.
Vom Kollektiv der (neu-)gierigen Opportunisten grenzt sich das lyrische Ich mit den Schlußzeilen des Gedichts schroff ab: „Ich grab die hand mir in die tasche, grab mich ein / und schließ den mund, um stumm herauszuschrein.“ Nicht einverstanden mit den marktgeprägten Zeitläufen und dem Gebaren derer, die bislang „laut geschwiegen“ haben, bleibt der fremden Beobachterin nur übrig, verbittert beiseite zu treten und „stumm herauszuschrein“.
Wer aber guckt hier im Moment des politischen Umbruchs wem über den Zaun? Sind es die Ostdeutschen, die hungrig gen Westen blicken, weil sie sich die glitzernden Waren (noch) nicht leisten können, oder sind es die innerhalb der DDR isolierten Sorben? Man könnte auch an Polen, Tschechen, Rumänen denken, die am Reichtum teilhaben wollen und über die Grenze ins wiederverbundene Deutschland schauen.
Róža Domašcynas Poem hat Kraft und bitteren Rhythmus und kann neben den besten „Grenzfallgedichten“ bestehen. Und doch ist ein übermächtiges Vorbild – Volker Braun heftig umstrittener Zwölfzeiler „Das Eigentum“ von 1990 – unübersehbar, ein Gedicht, das auf der gleichen gesellschaftlichen Anatomie beruht und mit ähnlichen sprachlichen und metrischen Mitteln (Rilkes, der Expressionismus) arbeitet: „Da bin ich noch: mein Land geht in den Westen…“
Michael Buselmeier, Saarländischer Rundfunk, 5.2.1994
ist von einer seltsamen Ruhe. Irgendetwas ist immer da, das bremst. Das Gefühl, das sich durch den Klang der Worte und ihren Rhythmus einstellt, ist ein verhaltenes. Keine Trauer, nur ein Vergehen. Und wenn dies ein Weitergehen ist, dann auch nur ein sanftes, zaghaftes. Selbst bei ihrem Gedicht über die Spreewaldpuppen verbietet sich eine heftige Reaktion: Sie gibt den Händlern nicht dem Verlachen preis, erzählt ganz einfach nur von einem Menschen, der ein ganz anderes Verständnis von ihrer Heimat hat als sie.
Róža Domašcynas Muttersprache ist Sorbisch, sie lebt in Bautzen. Die Sorben haben viel ertragen müssen. Auch wenn man sie zu hegen versuchte, wurden die Menschen auseinandergerissen, Dörfer, ganze Landschafen mußten der Kohle weichen, in der Schule, beim Studium, auf der Arbeit wurde meistens Deutsch gesprochen. Diese Tatsachen findet man in Róža Domašcynas Texten, die nun erstmals in deutscher Sprache erschienen sind, nicht wieder, doch legt sich ein zartbitterer Hauch davon über die Worte: so entsteht diese gedämpfte Dramatik. Das Gefühl stellt sich zaghaft ein, doch bohrend.
Cornelia Geißler, Berliner Zeitung, 19.6.1991
… Zaungucker, Gedichte und Texte von Róža Domašcyna – der erste Band, den Janus press der Öffentlichkeit präsentierte, stellt eine auf den flüchtigen Blick eher traditionelle als experimentelle Dichterin vor. Róža Domašcyna wurde 1951 in Zerna/Sernjany in der Lausitz geboren und lebt heute in Bautzen. Sie arbeitete als Ingenieurökonomin und schrieb Gedichte und Prosa in Serbisch. Der vorliegende Band ist ihre erste Publikation in deutscher Sprache. Ihre poetischen Gedanken und Gestalten haben viel mit sorbischer Kultur und Literatur zu tun; die Geschichte ihres Landstrichs ist – bis hin zu den vom Abbaggern bedrohten oder den schon verschwundenen Dörfern – in ihren Versen gegenwärtig.
Freilich ist genauer hinzuschauen oder hinzuhören. Wenn „traditionell“ heißt, sich allein in den Bahnen der Tradition zu bewegen (was bewußt getan werden kann, viel öfter aber „bewußtlos“ geschieht), dann zeigt Róža Domašcyna, daß man sich, ohne sie zu verwerfen, auch anders als traditionell zur Tradition verhalten kann. Denn Überkommenes ist bei ihr stets ein durch eigene Gefühls- und Metaphernarbeit gänzlich ins Subjektive verwandeltes Übernommenes. Zwischen den Festlegungen der Herkunft und den Zumutungen einer „uniforme Freiheit“ versprechenden Zukunft behauptet sie ihre Identität. Die Spannungen, die daraus erwachsen, geben ihre Energie den Gedichten ab, ob diese nun mit zeitkritischem Sarkasmus geschichtliche Verwerfungen aufspüren oder den – nicht minder „geschichteten“ – intimen Begegnungen der Geschlechter und Generationen nachspüren. Das Bekenntnis zu unverstellter Subjektivität, die Umbildung vertrauter Topoi, das Ineinanderlaufen der Assoziationen verweisen auf den Ursprung jeder Lyrik: lebendiger Rede, auf die erklärtermaßen das Programm von Janus press sich richtet. Jedes gute Gedicht ist ein Experiment in dem Sinn, daß es zu sagen versucht, was nicht ausgesprochen werden kann, was aber immerhin überraschend angesprochen wird…
Jürgen Engler, 1992
Das große Schubladenöffnen nach der „Wende“ fand nicht statt, sie wurden nur ein Stück weiter aufgezogen.
So richten sich aller Blicke dahin, wo früher Hinter-der-Mauer-Land war, als gäbe es in Ostdeutschland nichts Neues zu erwarten. So wachsen, wenn schon nicht Mauern, doch Zäune im Rücken.
Und dann schlägt man ein Buch auf als schlüge man sich an die Stirn. Zaungucker heißt ein Band aus dem Janusverlag, schon durch seine typografische Gestaltung wird er zu einer bibliophilen Kostbarkeit, und es ist nicht klar, wer hier über den Zaun guckt. Die 1951 in Zerna/Sernjany (Lausitz) geborene Autorin Róža Domašcyna oder die Leser, weil sie ihnen die Muttersprache, das Sorbische, deutschohrgerecht dolmetschen muß, um im eigenen Land gehört zu werden? Eigenes Land, zwischen Spreewaldkähnen und Tagebauen und noch ein Stück weiter, wo endet das eigene Land?
„Vielleicht ist experimentell nur das Anderssein, die Empfindung, hier zu Hause zu sein und sich doch weder als Sachse noch als Preuße zu fühlen.“
Ihre Gedichte geben Auskunft: Das ist mein persönlicher Konflikt, das ist der Stachel. Und ohne den Stachel im eigenen Fleisch ist keine Lyrik vorstellbar, denn die Lyriker haben noch immer ein Thema: sich selbst. Deshalb sind sie auch exzentrisch, wie weit ihre Kreise auch gesteckt sind, darin unterscheiden sie sich.
Wenn Róža Domašcyna von der Landschaft schreibt, dann ist es der Raum ihres Lebens, nicht die Umgebung. Sie nimmt seine Worte, Bilder und Geschehnisse in ihren Texten auf, mit jener Genauigkeit und sprachlichen Eigenart, daß für Kleinkariertes und Folkloristisches kein Platz in den Versen bleibt.
Wir fassen uns und können es nicht fassen: Hier sind wir wer, wir sind allein. Gelassen ist nur der schnee, taut unterm fuß hinweg- embleme, zeichen einer macht im dreck.
Wer jetzt auf ein Lied für die Seele hofft, bekommt bittere Medizin:
Nichts spricht uns frei, wir haben laut geschwiegen, sind hungrig, greifen alles, was wir kriegen
Und weil die zuckerwatte wie stein den Körper ausfüllt, wiederholt sich das Dilemma und schließt den mund um stumm herauszuschrein
vom Vater, der Moja hola (Meine Heide) auf der Fiedel spielte, gestorben und begraben und ausgebaggert und wieder begraben und ausgebaggert und
bagger gekommen wohin mit vater
achmojahola wohinwohin achmojahola wo
fremd sein bis in die Sprache
bagger gekommen fiedel zerbrochen
Jedes Gedicht Róža Domašcynas hat sein eigenes Tempo, aus dem Gestus der Sprache heraus, souverän variierend zwischen Reim, Assonanzen oder freien Rhythmen in Lang- und Kurzzeilen. In einem der längeren Texte des Bandes, die für sie keine Gedichte sind und die sie darum texte nannte, steht der Satz: „Ich reiße mir das papier ab, doch die worte haben sie mir in die haut gegraben.“ (Sie trägt tatsächlich nichts von dem Papier an sich, das fälschlicherweise als Literatur bezeichnet wird und doch nur charakterloses Aneinanderreihen von Sätzen ist.) Aber die Worte haben sich tiefer eingegraben. Róža Domašcyna kennt sie so genau, daß sie es sich leisten kann, ihren Klang, ihre Bedeutung gegen sich selbst zu verwenden. Melancholie wird ironisch; sie verschenkt spottend Rosen; ich habe Angst, sagt ihr Gedicht, groß wachsen lassen.
Spät veröffentlicht Róža Domašcyna ihr erstes Buch in deutscher Sprache. Man kann es bedauern oder ihr gratulieren. Schon gab sie niemandem Gelegenheit, zum gönnerhaften Erstlings-Schulterklopfen auszuholen. Vielleicht
In der tür
aaaaaaaaaaein sich öffnender laut
wolltest du
meine adresse mit mir
ausgehen im viertelkreis der angel
standen gestapelt all die versackten
worte sorgsam getrennt auf der schwelle
würgte ich ein lächeln aus herzbin-
kerl sagte ich warf in die augen etwas flitter
im zug wir im lichtkegel zwei die einander
verschwiegen stehen
geblieben sind
wären sie auch zu einer „regimekritischen Schriftstellerin“ zensiert worden. Sie ist eine Dichterin, vogelfrei.
Jacob Richard, SAX, September 1991
Zaungucker heißt das erste Buch, das Gerhard Wolf in seiner eigenen Edition verlegt hat. Ein wagemutiger Beginn, denn die nun von ihm entdeckte Róža Domašcyna, eine Sorbin aus Bautzen, hat vorher noch kein Gedicht in deutscher Sprache veröffentlicht. Sie schreibt aus einem Anderssein heraus, mit der „Empfindung, hier zu Hause zu sein und sich doch weder als Sachse noch als Preuße zu fühlen. Vielleicht ist experimentell nur das, dass mein Volk ein ausschließlich dörfliches ist (…)?“ Ihre Gedichte und Kurzprosa aus der regionalen Provinz zeigen zwar Talent und versuchen, die eigene Sprache zu finden, aber noch fehlt es an gestalterischer Kraft, noch schwankt sie zu sehr zwischen recht unterschiedlichen Sprechhaltungen und verliert die eigenen Worte in tradierten Mustern: „Es jauchzt in mir, wenn ich schaudernd ihn seh.“ Im Literaturbetrieb hat sie mit diesem vielleicht verfrühten Debüt trotz Wolfs „ecce poetessa“ kaum eine Chance.
Dieter M. Gräf, Basler Zeitung, 24.4.1992
In einem Brief an ihren Verleger Gerhard Wolf bezeichnet Róža Domašcyna ihre Texte als „experimentelle Lyrik“ – und liefert eine ungewöhnliche Definition für diese strapazierte Sammelbezeichnung: „Vielleicht ist experimentell nur das Anderssein, die Empfindung, hier zu Hause zu sein und sich doch weder als Sachse oder als Preuße zu fühlen.“ Experimentieren meint also in diesem Falle, den anderen Blick zu wagen, den unverstellten. Und eben nicht vom Olymp aus über die weite Welt, sondern über den heimatlichen Gartenzaun auf die Nachbarhäuser und den Dorfteich – oder auch auf die Abraumhalden und Krater der geschändeten Lausitzer Landschaft und die Schornsteine am Horizont.
Róža Domašcynas Lyrik ist stark von ihrer sorbischen Herkunft geprägt:
Die Stimmen unserer Mütter
aus jenseitigen Dörfern
flattern beschleift
zu den Schlafstädten her
Gleichzeitig reflektiert sie in „Kindheitsbild“ DDR-Erfahrung: „Ich bin ein Junger Pionier mit Heiligenbild in der Hand SO IST ES BESSER FALLS ALLES ANDERS KOMMT sagte Vater…“ In den Versen der jungen Frau klingt Bitterkeit mit („Die Heimat ist wo Wüste bleibt: na und? / Der Weltmensch reiht sich ein zum Schulterschluß / und ähnelt mehr und mehr sich schon im Gruß“) und Resignation: „Schildbürgern ist abgebaggert“. Es sind Haltungen, die man versteht, wenn man ihre Texte mehrfach gelesen und die bibliophile Gestaltung des Bandes (Grafiken von Karla Woisnitza) wirken läßt. Die Botschaft zielt auf Kommunikation: „DEUTLICH SPRECHEN UND VERSTANDEN WERDEN“ – in der Sprache eigener Wahl und ohne sich dabei Klischees unterwerfen zu müssen.
Erik Gloßmann, Lausitzer Rundschau, 31. Woche 1992
-Ein Porträt der sorbischen Dichterin Róža Domašcyna.-
Im Blick auf die faszinierend vieldeutigen Sonette Shakespeares hat kürzlich der Dichter Peter Waterhouse eine sehr eigenwillige Theorie der Übersetzung vorgelegt. Den poetischen Übersetzer, so resümierte Waterhouse, dürfen wir uns nicht als triumphierenden Seefahrer auf Eroberungsreise vorstellen, sondern eher als glücklichen Schiffbrüchigen. Entgegen einem weit verbreiteten Missverständnis sei der Übersetzer nicht zuständig für den Brückenschlag zwischen zwei getrennten Sprachwelten, oder gar für einen funktionalen Wörter-Transport von A nach B, sondern er bewege sich in einem Zwischenraum mit offenen, fließenden Grenzen, in den Bezirken des Instabilen und Unverfestigten. Waterhouse verweist auf Prospero, den Helden in Shakespeares letztem Drama Der Sturm, der als Herzog von Mailand ins Exil gejagt wird und auf einer menschenleeren, namenlosen Insel landet, aber gerade das Landloswerden als Bereicherung seines Daseins erfährt. Für Poesie wie Übersetzung gelte: Die Potentiale des Poetischen leuchten nur im großen Transitraum der Zweisprachigkeit auf. Das einzige Asyl, in dem Poesie unterkommen kann, ist die Zweisprachigkeit, der ständige Aufbruch ins Ungewisse zwischen den Sprachen.
Eine ideale Bewohnerin des poetischen Zwischenraums der Zweisprachigkeit ist die sorbische Dichterin Róža Domašcyna. Sie spricht und schreibt „im zwieland mit doppelzüngiger duellität“, ständig zwischen ihrer sorbischen Muttersprache und den Vatersprachen des alten und neuen Deutschland hin- und herpendelnd. 1951 als Rosa Domaschke in Zerna in der Oberlausitz geboren, wuchs die Dichterin in einer Landschaft auf, deren verwunschene Schönheit durch den exzessiven Braunkohlenabbau schwer versehrt worden war. Die forcierte Industrialisierungspolitik der DDR hatte in der Lausitz ausgehöhlte Landschaften und zerstörte Dörfer hinterlassen; den offiziell als Vorzeige-Minderheit geförderten Sorben wurde immer mehr Siedlungsraum entzogen. Als Ingenieur-Ökonomin im Braunkohlenrevier von Hoyerswerda erhielt die junge Rosa Domaschke ihre ersten Lektionen in politischer Desillusionierung. Der Blick auf das ökologische Desaster der Lausitz provozierte in ihr ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber der Rhetorik offizieller Verlautbarungen und standardsprachlicher Schablonen. Die bedrohte dörfliche Kultur der Sorben in der Lausitz bildete dann später den existenziellen Erfahrungsgrund, in den die Texte der Lyrikerin, Märchenerzählerin und Sprachspielerin Róža Domašcyna immer wieder eintauchen.
Die Rede von der „sorbischen Muttersprache“ der Róža Domašcyna ist freilich schon eine Ungenauigkeit, existiert doch das Sorbische, das die Linguisten zur westslawischen Sprachengruppe rechnen, in zwei Varianten, die erheblich voneinander abweichen. Das Obersorbische, das im Süden gesprochen wird, ist dem Tschechischen verwandt, das Niedersorbische des Nordens ähnelt dagegen dem Polnischen. Der Aufbruch in das instabile Terrain zwischen den Sprachen vollzog sich irgendwann in den achtziger Jahren, als Rosa Domaschke am Leipziger Literaturinstitut studierte und sich – in subtiler Mimesis an ihre spachliche Herkunft – in die Dichterin Domašcyna verwandelte. Seither vagabundiert sie als literarische „Landstreicherin über Traditions- und Sprachgrenzen hinweg“ (Gerhard Wolf) – und wechselt mitten im Vers von einer Sprache in die andere.
Über ihren ersten Gedichtband Zaungucker (1991) bemerkte ihr Verleger Gerhard Wolf, hier wirkten manche Zeilen wie aus dem Sorbischen ins Deutsche übersetzt. Dieser sprachhungrige Wechsel zwischen den Sphären ist ja gerade das Erkennungszeichen des Dichters der Zweisprachigkeit, der die Legitimität der Sprachgrenzen in seinen Texten ständig in Frage stellt. Poetische Bilingualität bedeutet aber auch die lebenslange Erfahrung des Fremdseins, des grundsätzlichen Sprachexils, das in keinem besänftigenden Heimatgefühl Zuflucht finden kann.
„Wir sind ein Volksrätsel“, hat Domašcynas sorbischer Dichterkollege Kito Lorenc einmal lapidar notiert – und diese Rätselhaftigkeit des Sorbischen hat sich auch als Leitmotiv in die Texte Róža Domašcyna eingeschrieben. In ihrem Gedicht Triangel regional, das in ihrem jüngsten Band selbstredend selbzweit selbdritt (1998) zu finden ist, spricht das lyrische Ich von der unaufhebbaren Fremdheit nicht nur des eigenen Namens, sondern auch der Physiognomie und des körperlichen Habitus. Der Text setzt ein mit dem Eingeständnis der prinzipiellen Unzugehörigkeit: „Ich gehöre nicht wirklich dazu“. Dann folgen programmatische Sequenzen über die lautliche Exotik des Namens „Domašcyna“, der sich mit „Häusler“ übersetzen ließe:
diese kschtschrschkombination in meinem namen
hat man hier nicht
und habe ich nicht auch schrägstehende augen
eine etwas verlängerte nase
ein fliehendes
kinn
ich könnte mich freilich
Häusler Hausmann Hauser nennen
dann wären die augen wie sie sein sollen
oder ich könnte mich ausschließlich
Keschroschasch nennen
dann wäre die schrägstellung wie sie sein muss…
Die Gedichte der Róža Domašcyna stehen in denkbar weitester Entfernung zur sorbischen Heimatfolklore und zu allen naiven Versuchen, in den „jenseitigen Dörfern“ der Lausitz (Kito Lorenc) ein idyllisches Paradiesgärtlein zu verorten. Dagegen sind es immer wieder vokabuläre Reize, fremde Laute, bizarre Wörter-Funde, an denen sich die poetische Phantasie der Dichterin entzündet und ihr Nomadisieren zwischen den Sprachwelten in Gang setzt. Wie ihre Dichterfreunde Kito Lorenc und Benedikt Dyrlich hat sie Variationen auf ein Rätselgedicht des sorbischen Klassikers Jurij Chezka geschrieben: „Variationen zum grünen zet“ („Zelene Zet“). Während hier aber nur ein Buchstabe der sorbischen Sprache, das „z“ zum Anlass einer poetischen Abschweifung wird, erfindet sich Róža Domašcyna in ihrem Gedicht „wortall“ ihre eigene lyrische Schöpfungsgeschichte. Auch dieses Gedicht überschreitet konsequent die Sprachgrenzen, erprobt die Parallelführung und die symbiotische Koexistenz des Sorbischen und des Deutschen. Etymologisch verwandte Wörter aus beiden Sphären werden in spielerischer Manier durchbuchstabiert – dabei entstehen im Niemandsland des poetischen Zwischenraums auch neue Wörter einer Kunstsprache:
atest a avenue
bomy die bäume im baumeln
der blätter w bubnjowanju beben
die bettelsmannlaus schlec bidens tripartitus…
So bahnt sich die onomatopoetisch beflügelte Rede ihre mäandrierende Bahn, und es lassen sich in diesem sprachobsessiven Assoziationsspiel durchaus Ähnlichkeiten zu den poetischen Verfahrensweisen des polyglotten Sprachzauberers Oskar Pastior finden. Wie bei Pastior stellen sich aber bald Anzeichen von lyrischer Materialermüdung ein, wenn die Domašcyna ihre deutsch-sorbische Wörterwelt in seriellen Techniken aufrufen will. Da kommt es dann zu lyrischem Leerlauf, endlosen Wiederholungsreihen, die in einer Art Fleißübung (zum Beispiel im Gedicht „unterm doppelstern“ mit seinen endlosen „Doppel“-Wortbildungen) vorgeführt werden.
Wenn umgekehrt die Domašcyna gefühlszentrierte Körper- und Liebesgedichte ausprobiert, wie in einigen Texten aus der zweiten Abteilung von selbstredend selbzweit selbdritt, dann kommt es zu keinen vokabulären Reibungsprozessen mehr, aus denen sich sprachspielerische Funken schlagen ließen. Dann herrscht die schiere Konventionalität. Wo aber die Dichterin die Wörter aus ihren nationalsprachlichen Verankerungen löst und sie in ihr poetisches Zwischenreich der vokabulären Unruhe entführt, in dem staunenswerte poetische Metamorphosen stattfinden, da präsentiert sie sich als Autorin von europäischem Rang. Nomadisierend in ihrem sorbischen Wortall, bewegt sich die Domascyna dann „quer durch die ganze grammatik“ um immer wieder aus unseren blinden Sprachroutinen und Kommunikations-Begrenzungen auszubrechen:
ich soll mit demut das wort salschik sprechen?!
mein inventar wird das genüg dir brechen.
Michael Braun, der Freitag, 23.3.2001