Sascha Anderson & Elke Erb (Hrsg.): Berührung ist nur eine Randerscheinung

Anderson/Erb-Berührung ist nur eine Randerscheinung

GEDICHTE EINES ALTEN MANNES AUS PRAG

ich fing an über den Sinn meines Lebens nachzudenken
erst als ich fünfzig wurde
die Konsequenz davon ist
daß ich viel über das Sterben nachdenke

Epitaph
hier liegt ein Mann dessen Körper feucht war wie der Körper
aaaaader anderen
hier liegt ein Mann dessen Körper in der Trockenzeit
aaaaatrocken war
trocken wie die Körper dieser anderen
hier liegt ein Mann dessen Körper fault wie die Körper aller Menschen in einer ähnlichen
aaaaaSituation

ich habe dank der tagtäglichen Einsamkeit die Wahrheit des Lebens gefunden
es geht um den körperlichen Kontakt zu den Menschen die wir lieben

meine Gesundheit ist eine große Stütze für mein Schreiben
meine unproblematische finanzielle Situation ist eine große Stütze für mein Schreiben
und der glückliche Kern meiner Seele ist auch eine große Stütze für mein Schreiben

und außerdem ist meine Lust nach Selbstzerstörung eine große Stütze für mein Schreiben
und meine Krankheiten
und mein langweiliger Beruf
und meine Einsamkeit

ich habe Lust diesen Satz zu schreiben:
ich bin mit nichts und mit niemandem böse
und diesen Satz:
ich habe mir abgewöhnt zu hassen

ich habe den Drang ein Gedicht zu schreiben
das bestimmt den Gedichten ähneln würde
die alte Dichter schreiben

alle alten Dichter schreiben ungefähr das Gleiche
daß in ihnen Frieden ist
daß sie liebten und daß sie geliebt wurden
daß sie etwas wie Ruhe und Glück empfinden
(wenigstens einmal schreibt es jeder von ihnen)

ich habe Lust auch etwas Ähnliches zu schreiben
aber etwas hindert mich daran
es fällt mir dazu nichts wirklich Originelles ein
das was mir einfällt
ist mir nicht originell genug
unlängst habe ich mir zum Beispiel diesen Satz notiert:
ich bin gücklich daß ich mich mit den Reinigungsanstalten nicht über Flecke streiten muß

und dieser Satz:
Flecke sind mir gleichgültig
ich glaube aber
daß das nicht reicht

ich bin im Grunde ein Anfänger
ich habe Bildungslücken
ich bin naiv

ich weiß aber
mit Sicherheit
daß Kunst auch aus Naivität entstehen kann
daß sie schlicht sein darf

ich weiß das alles schon mindestens zehn Jahre
und jetzt kann ich nur eins hinzufügen
daß ich jetzt ein nichtoriginelles Gedicht mehr habe

auf der Welt gibt es keine ernsteren Probleme
alles verläuft wie erwartet
ich revoltiere gegen nichts
ich warte auf nichts
ich wünsche mir nichts …

Jan Faktor

Vorbemerkung.

Der vorliegende Band ist das Ergebnis der verdienstvollen und unermüdlichen Arbeit der Herausgeber Sascha Anderson und Elke Erb, die beide eine wichtige Rolle im heutigen literarischen Leben der DDR spielen. Es ist ihnen nicht nur gelungen, eine große Zahl bisher unbekannter junger Autoren ihres Landes für diese Anthologie zu gewinnen, sondern darüber hinaus das aufsehenerregende Bild eines sich grundlegend wandelnden literarischen Selbstverständnisses zu dokumentieren, das sich bei einem großen Teil der heute zwanzig- bis dreißigjährigen Autoren der DDR vollzogen hat. Auffallend ist eine für bundesdeutsche Verhältnisse heute fast unbekannte Aufmerksamkeit, Sensibilität (und auch Verletzbarkeit) gegenüber dem „Material“ jeder Literatur, der Sprache. Die bei fast allen Autoren erkennbare Tendenz, der Sprache als Form und Gegenstand des literarischen Schreibens selbst eine ganz eigenständige Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, besitzt natürlich ihre (oft ungenannte) Tradition, ist aber mit Sicherheit v.a. eine Antwort auf Schädigungen und Verdinglichungen durch eine immer mechanischer funktionierende öffentliche und offizielle Verwaltungs- und Deklamationssprache. Erkennbar löst diese neue Tendenz eine im Vergleich dazu stärker „inhaltlich“ ausgerichtete literarische Kultur ab, die die Generation der heute etablierten und weit über die DDR-Grenze hinaus geachteten DDR-Schriftsteller in den letzten Jahrzehnten geschaffen haben (Christa Wolf, Hermann Kant, Stefan Hermlin, Ulrich Plenzdorf, Günter de Bruyn, Erwin Strittmatter, Stefan Heym, aber auch Volker Braun oder zum Beispiel erst jüngst Christoph Hein). Ein weiteres Merkmal fast aller in diesem Band versammelten Autoren (die nur eine kleine Auswahl darstellen!) mit all ihren verschiedenen Biographien, ist die große persönliche Entschiedenheit, mit der sich junge ‚Bibliotheksfacharbeiter‘, ‚Schienenfahrzeugschlosser‘ oder Ingenieure von einem bestimmten Punkt ihres Lebens an der Literatur verschrieben haben, einem Gebiet, das für fast keinen der hier veröffentlichten Autoren ein gesichertes Einkommen oder öffentliche Anerkennung mit sich bringt (ein Teil der Autoren hat in der DDR in Sammelbänden, Anthologien, Gedichtbänden usw. eine kleine Öffentlichkeit gefunden, andere Autoren haben bisher – zum Beispiel aus politischen oder kulturpolitischen Gründen – überhaupt noch keine Texte in der DDR veröffentlichen können und tragen ihre Arbeiten lediglich bei kleinen Lesungen in Clubs, privaten Zirkeln oder im kirchlichen Bereich vor). Eine weitere Auffälligkeit ist, daß bei den hier versammelten Autoren häufig eine Verbindung zu anderen künstlerischen Bereichen, speziell zu bildenden Kunst, Malerei und Graphik, und zur Musik, vor allem Jazz, Rockmusik und Punk besteht. Alle Autoren sind nach der Gründung der DDR im Jahre 1949 geboren, Ihre Erfahrung, ihre Kenntnise, ihre Träume und ihre Ängste, ihre Sprache und ihre Themen sind Teil des Landes, in dem sie aufgewachsen sind und das für das bundesdeutsche Bewußtsein immer noch hinter Klischees aller Art verschwimmt (und sei es nur der unsäglich dummen Vorstellung von den Mitläufern/Funktionären hier und den aufrechten ‚Dissidenten‘ dort). Wenn dieser Band, der voller unterschiedlicher Stimmen und Bilder ist, dazu beiträgt, diese Klischees zu unterlaufen, so hat er eine wichtige Aufgabe erfüllt. Dabei muß hinzugefügt werden, daß die Herausgeber selbstverständlich zuerst einmal das Ziel hatten, diese Anthologie auch in der DDR erscheinen zu lassen. Dies kam bisher leider nicht zustande, möglicherweise, weil einige der hier versammelten Autoren nach der Fertigstellung des Manuskripts im Jahre 1984, als die DDR-Behörden einer größeren Zahl von DDR-Bewohnern die Ausreise genehmigten, ihr Land verlassen haben.

Verlag Kiepenheuer & Witsch, September 1984

Vorwort.

Die Texte dieses Buches sind im persönlichen Kontakt der Autoren gesammelt worden. Hauptorte der Begegnung und literarischen Lesungen sind Jugendklubs, kirchliche Räume und Privatwohnungen. Außer Uwe Kolbe ist mir kein Autor von publizierten Texten her bekanntgeworden. Seit mehreren Jahren kenne ich die Berliner Döring, Papenfuß-Gorek, Brasch, Rathenow, Rosenthal, Röhler. Anderson und Schleime kamen aus Dresden, Opitz aus Halle. Seit zwei Jahren kenne ich Hübner aus Dresden, G. Kachold aus Erfurt, Manske, Tom di Roes, Lorek und Faktor aus Berlin. Seit Beginn der Arbeit an der Anthologie im Sommer 1983 lernte ich die Dresdener Rom, Bozenhard, Fiedler, Wüstefeld, Palma und Behlert (der jetzt in Berlin lebt) kennen, ebenso Schedlinski, der aus Magdeburg kam, den Berliner Reichenau und den Leipziger B. Igel. Das Geburtsjahr der ältesten von ihnen ist 1951, das des jüngsten 1963. Diese Anthologie jüngerer DDR-Autoren hat gewiß nicht alle Autoren, die hinein gehört hätten, erfaßt, und mit Sicherheit ist ihre Zahl in ein paar Jahren erheblich größer. Die auffällig klar ausgeprägte Individualität, die Unverwechselbarkeit und Vielfalt der Arbeiten bringen in die Literatur ein neues, zumal bei jüngeren Autoren sonst ungewohntes Selbstbewußtsein, das so auffällig ist wie die bemerkenswerte Selbstverständlichkeit, mit der sich hier eine große Zahl junger Menschen literarisch artikuliert. Denn sie schreiben um zu leben und haben nicht etwa, wie man angesichts ihrer ‚Aussteiger‘-Lebensläufe denken könnte, „auf alles verzichtet, weil sie sich der Literatur verschrieben haben.“ Ebensowenig war es aber lediglich so etwas wie eine freie Wahl, die sie dazu gebracht hat, den beruflich-gesellschaftlichen „Aufstiegschancen“ den Rücken zu kehren. Ihnen allen war es unmöglich, die offiziell vorgesehenen Wege zu gehen, sie suchen statt dessen nicht zuletzt mittels der Literatur die Chancen für das, was nicht Aufstieg, sondern Leben heißt. – Kapitulation vor der Realität? Es so zu sehen, diese, die Realität zu personifizierten (so, als sei sie „der Feind“) und gleichzeitig zu übersehen, daß sie von Menschen gemacht ist. Man könnte also ebenso gut oder schlecht sagen, „die Realität“ habe versagt. Sie kapitulieren nicht, sie schreiben, malen, musizieren, sie produzieren ein neues (korrektives, verantwortendes) Denken, eine neue Musik, neue Literatur und bildende Kunst. Fiedler, Palma und Bozenhard sind Musiker, schreiben aber auch, Cornelia Schleime ist Malerin, schreibt und filmt, Anderson malt auch und tritt in Bands auf, Lorek und Papenfuß tragen in Gemeinschaft mit musikalischen Produktionen vor, Palma und Rom entwickeln ein Improvisationstheater, Günther, Rosenthal, Gabi Kachold und viele andere fotografieren oder arbeiten mit Fotografen zusammen, Schedlinski schreibt auch Kunstkritiken usw. Eine Vielseitigkeit wie in der Renaissance, könnte man sagen, stünde sie am Anfang einer neuen Zeit (und Utopie) und nicht am Ende einer alten. Sie leben auch nicht „der Zukunft zugewandt“, sondern der Gegenwart, und sie warten nicht, weil sie die Gegenwart kennen. Vor klaren Grenzen braucht man nicht zu warten. In ihren Systemen muß man nicht verharren. Was das Leben eingerichtet hat, ist für das Leben da. „Ich nehme mir das Recht heraus, Möglichkeiten zu haben, und das Ich als die größte Möglichkeit.“ (Volker Palma)

Mit dieser Selbstständigkeit geht eine unmittelbare Mündigkeit einher, die auch den Umgang mit der Sprache umfaßt und nicht erst in ihr erreicht werden muß. Sie beginnt dort, wo das Bevormundungswesen und Vormundschaftswesen endet. Wenn auch ein Teil der Autoren die gewohnten Sprach- und Literaturformen bemüht, zum Nutzen anderer Autoren mit großer Selbstverständlichkeit und Leichtigkeit die in der Sprache gegebenen Möglichkeiten zur Sinn-Erkundung, bei der die Sprache aus ihren erstarrten Formen und Bindungen gelöst wird. In den zierlichen Prosaversen der „Gedichte eines alten Mannes aus Prag“ und in Sinnschüben, so schwerelos, als kämen sie aus dem Computer, spielt Jan Faktor die Ausdrucksmittel einer spannungslosen, minimal beanspruchten Normalsprache durch, während Uwe Kolbe nach Wegen sucht, dem „Wort als Mündel der Begriffe“ (Schedlinski) seine Unschuld wiederzugewinnen. Gabi Kachold setzt sich der Obdachlosigkeit von Klischeebildungen und Allgemeinplätzen aus, Opitz verwandelt den Totengräberzug der Geschichtsdarstellung in einen Mummenschanz der vielgestaltigen Umgangssprache und echter wie erfundener historischer Zitate. Reichenau aber nimmt behutsam den mühsamen, aber dafür in seinen Beziehungen zwischen Meinung und Wort elementaren Text der Spracharmen auf. Karsten Behlert, Thomas Günther, Fritz Hendrick Melle, auch Michael Wüstefeld gebrauchen „novatorische“ Mittel neben konventionellen.

Bei allen ist jeder individuelle Sprachgebrauch existenziell motiviert und bedeutet für die Autoren die Chance, Ihren spezifischen Punkt in der Vielzahl der Stimmen und Diskurse bewußt zu bestimmen. Wahrscheinlich wird ihnen die Aufeinanderbezogenheit der Dispute und Gespräche bewußter werden, wenn sie sie in dieser Anthologie gespiegelt sehen. Ein starker Trend zur Gemeinschaftsarbeit ist bereits seit langem wirksam, ebenso hat sich die Zielorientierung vom Arbeitsresultat auf den Prozeß verschoben. Auch daß sie durchweg die Angaben zur Person für unwichtig erachten, entspricht diese Offenheit und Tendenz zur Objektivität.

Es könnte, allerdings nur bei sehr oberflächlicher Kenntnisnahme, z.B. angesichts der Kleinschreibung, daß ‚&‘ für ‚und‘, der englischsprachigen Stellen und der verschiedenen literarischen Neuerungen die Meinung entstehen: Aha, sie hatten das nicht, holen es jetzt nach. So als ob die DDR-Jugend sich also um eine Fremde Modernität bemühe. Dazu ein paar Bemerkungen: Diese Generation ist bei uns wie überall mit Radio- und Diskomusik aufgewachsen, das Musik-Englisch zumindest ist eine Heimat für sie, und der Gebrauch des Englischen ist dort ganz natürlich, wo es einleuchtender und verständlicher als die Sprache der Väter ist. Schließlich kann es, wie die Anthologie zeigt, auch ein anderes Interesse für ausländische Literatur, z.B. die amerikanische, geben als ein solches, das lediglich vom modischen Auf und Ab des Literaturmarkts bestimmt ist. Das Entscheidende ist: Die Jugend in der DDR hat wie die Jugend westlicher Länder die automatisierten und anonymisierten Vollzüge der gegenwärtigen Zivilisation zu bestehen und steht wie diese in der Tradition der europäischen Moderne. Es ist auch für ihre Autoren keine „Ohrfeige dem öffentlichen Geschmack“ (Titel eines futuristischen Almanachs in Russland 1912) und kein „Avantgardismus“ mehr, wenn sie Stilmittel gebrauchen, die einmal als avantgardistisch gegolten hatten, die Überschreitung der konventionellen Sprachgrenzen ist für sie auch dann „normal“ und selbstverständlich, wenn sie solche Möglichkeiten erst jetzt für sich entdecken.

Es bedeutet ja eigentlich eine Normalisierung, wenn sie die Vielschichtigkeit, die ein Text im gewohnten Sprachgebrauch hintersinnig (im Hintergrund, „zwischen den Zeilen“) aufbaut, im Text Vordergrunds selbst „Zur Sprache bringen“, also Hinter- und Untergründiges veröffentlichen. Als Bert Papenfuß-Gorek seine Sprache entwickelte, wurde er gefragt, ob er sich Jandl zum Vorbild nehmen. (Er kannte Jandl nicht.) Das, was er macht, ist, meine ich, näher mit dem Russen Chlebnikow verwandt als mit Jandl, aber die Fragesteller kannten Chlebnikow noch weniger als Jandl und benutzten Jandls Namen als Begriff für eine „esoterische Andersartigkeit“ überhaupt. Ich frage mich, ob diese „Unverständlichkeit“ vieler Texte, die auch Teil dieser Anthologie sind, nicht nur eine auf den ersten, scheuenden Blick ist. Man sollte doch bedenken, daß mit der „gewohnten“ Sprache auch deren Ungenauigkeit und Oberflächlichkeit gewohnt ist, und erwägen, ob nicht die Hemmschwelle vor ihrer ungewohnten Anwendung Teil eines Verblendungszusammenhangs ist, der der alltäglichen Lüge der Durchschnittssprache entspricht. Wir haben uns mit der Sprache, an deren Regeln und Grenzen wir uns angepaßt haben, identifiziert, so daß sie, die doch bloß ein Instrumentarium ist, uns vertrauter erscheinen kann als ein anderer Mensch. (Einem Ausländer gegenüber werden wir plötzlich beweglich, erfinderisch und eifrig, dort endet ihr Hoheitsgebiet.) Allerdings ist die „experimentelle Literatur“ (diese Bezeichnung setzt ihr einen falschen Fortschrittshut auf) gewöhnlich als aufsässige Literatur aufgetreten, als Provokation, Sport, Sprachkritik, und hat so den Zugang zu ihrem eigenen Leben erschwert.

Die Eigenständigkeit der hier vorgestellte Texte wird offensichtlich, wenn man sich auf den unkonventionellen „Sprachbenutz“ (Lorek) als Leser einläßt und den Sinn solcher Entgrenzungen (und ihre Verschiedenartigkeit von Autor zu Autor) überblickt. Sie sind eine selbstverständliche Anwendung des Möglichen, und selbst Übernahmen aus ihrer speziellen Tradition (etwa der dadaistischen oder der Wiener Gruppe) wären so zu verstehen, nicht etwa als ehrgeiziger Imitation. Uwe Hübner erzählte mir z.B. erfreut, daß er bei Ulrich Becher das richtige Mittel gefunden habe, die Wörter zu dehnen, indem man die einzelnen Buchstaben trennt. Karsten Behlert und Rainer Schedlinski sind von Sascha Andersons Beispiel angeregt worden, Gedichte zu schreiben. Behlert: Seine Entschiedenheit. Schedlinski: Endlich eine Sprache, in der man heute Gedichte schreiben kann. Der Grund der Anregung war nicht Eitelkeit und ihre Folge nicht ein „Schmuck mit fremden Federn“.

Die neue Literatur spiegelt ein neues gesellschaftliches Bewußtsein als Bewußtsein einer Jugend, die nichtmehr Objekt der ererbten Zivilisation sein will und kann. Sie beantwortet jedoch die chaotischen, deformativen, resignativen, nihilistischen Tendenzen, welche die gesamte Geschichte dieser Zivilisation prägen, nicht mehr mit Chaos, Deformation, Resignation, Nihilismus. Sie läßt sich nicht mehr infantilisieren von ihren utopischen Gehalten und widersteht ihren Kompromissen. „Glauben ersetz ich nicht mit weiterem Glauben“ (Uwe Kolbe, 1979). So ist sie auch nicht verführt zu einer folgenlosen Kritik und überhaupt über konfrontative Positionen hinaus. Dieses neue Selbstbewußtsein läßt sich nicht bestimmen und begrenzen von dem System, dessen Erbe es antritt. Seine soziale Reife ist die Konsequenz des Austritts aus dem autoritären System, der Entlassung aus der Vormundschaft eines übergeordneten Sinns. Diese soziale Reife ist von der Entwicklung der Zivilisation in einem Grade vorbereitet, daß sie von einem jugendlichen Bewußtsein erreicht werden kann (und nicht wie früher auf Ausnahmen beschränkt bleiben muß!)

Die allgemeinen Bedingungen dafür sind: Seit dreißig Jahren gibt es keine das Leben materiell gefährdende Not mehr. Daraus folgt ein Motivationsverlust, der die Autorität des zivilisatorischen Apparats erschüttert, denn sie ist auf der Not aufgebaut. Die arbeitsteiligen isolierten und spezialisierten Dienste, die dieser kannibalisch gebliebene Apparat aber fordert, lassen weder Notwendigkeit noch einen anderen menschlichen Sinn erkennen. Er steht zwar im Ganzen, zwischen der Not um den Menschen, zeigt sich aber, statt Mittel zu sein, zum Selbstzweck entfremdet. Die Steigerung dieser Unmenschlichkeit zur tödlichen Bedrohung mobilisiert in den kapitalistischen Ländern den millionenfachen Widerstand der Friedensbewegung, bei welcher eine ähnliche Mündigkeit zutage tritt wie die, die ich hier zu beschreiben versuchen. Nicht von einer unmittelbaren Not motiviert, überschreitet sie das autoritäre System nach der anderen Seite und ist, im deutlichen Unterschied zu früheren Protestaktionen, weder petitionär, noch aggressiv.

Mit dem moralischen Anspruch ihres Selbstverständnisses als sozialistischer Staat als die DDR in das Bewußtsein der Heranwachsenden von deren Kindheit an das Maß für die realen Möglichkeiten der Selbstverwirklichung gesetzt und eine Denkrichtung gegeben, die ebenso wirksam werden mußte wie ihre Parallele, nämlich die Aufklärung über die unmenschlichen Gesetze der geschichtlichen Entwicklung und speziell der kapitalistischen Produktion. Tatsächlich Ist die Jugend in der DDR geschützt vor dem „Wolfsgesetz der kapitalistischen Wirtschaft“ und ihren destruktiven Anpassungszwängen aufgewachsen. Die praktische Unkenntnis der kapitalistischen Außenwelt erlaubte allerdings dem Jugendlichen, Bilder einer idealen Lebensbewältigung jenseits der Grenze für real zu halten. Aufgrund dieser psychischen Projektionen lag ein gut Teil des Elans brach, den das „eigene“ Nein den Jugendlichen abforderte. Die Unmöglichkeit, diese Außenwelt selbst zu sehen, hielt mit Sicherheit auch theoretische Energien wach. Weiter bietet die DDR kaum Spielraum, individuelle Energie an Bemühungen um wirtschaftliche Selbstständigkeit zu vergeuden. Schließlich, und das ist nach diesen verschiedenen stimulierenden und stabilisierenden Voraussetzungen entscheiden, hat die DDR mit ihrer Planwirtschaft und deren spezifischen Schwierigkeiten die Zivilisation am eigenen Beispiel als Menschenwerk durchschaubar gemacht.

Durchschaubar als das Werk von Menschen zudem, die den Autoren bekannt sind, von ihren Eltern her (die meisten von ihnen kommen aus der Arbeiterklasse), von sich selbst, aus den Erfahrungen, die sie mit ihnen gemacht haben, aus der „verstärkten Verbindung von Ausbildung und Praxis“, die die „Richtlinie“ fordert. Unter diesen Voraussetzungen – wo hätte die kapitalistische Entfremdung Platz gehabt (über das hinaus, was sie als Erbe der Vergangenheit kennzeichnet), die heranwachsende Intelligenz mit ihren Schrecken und Verheißungen zu besetzen?

„Es gibt StandPunkte / da den Betrachter wie / dort den immer Falschen / Das könnte ein KinderSpiel sein.“ (Michael Wüstefeld) – Diese Sammlung ein Spiegel des Untergrunds und ihre Autoren als Dissidentin zu vermarkten, hieße einen entscheidenden Entwicklungsschritt zu ignorieren und in die Unreife zurückzugehen. Es widerspräche nicht nur dem Sinn dieses Buches, sondern auch der Wirklichkeit, die es darstellt. Es ist kein Buch über die DDR, sondern ein Buch aus der DDR, und ich meine, es tritt gerade mit den vielstimmigen Positionen zudem über alle Grenzen der zivilisierten Welt reichenden Themen so real und leibhaftig auch über die deutsche Grenze, daß es die nebulöse Vorstellung von der DDR als einer terra incognita zerstreut. Diese Vorstellung wird ja, darüber sollte man sich klar sein, immer wieder erneuert von dem so erfolglosen wie hartnäckigen Versuch, die DDR mit Schlagworten einzufangen. Der Grund des Scheiterns ist nicht die Fremdheit zwischen den beiden deutschen Staaten, sondern eine Art von Unwirklichkeitsstil, zu welchem die deutsche Geschichte erzogen hat. „Die DDR ist ein Land wie jedes andere“ sagte, wie dem TV zu entnehmen war, eine bayerische Schülerin nach einer Erkundungsfahrt, „ich verstehe nicht, warum immer so auf ihr herumgehackt wird.“

Fritz Hendrick Melle setzt die psychologische Formel der Feindschaft auf den Bruchstrich: „begreift das, das wesen ist zwei. läßt keine / mehrheit zu. die anderen seid ihr. immer der euch / gegenüber, / geht los und verteidigt euch. / geht los.“ – und sein Nenner kürzt sie weg: „mit augen ohren zähnen fäusten. das gegeneinander / hält aufrecht. / es fällt immer der andere.“ So wie Melle diese Konsequenz nicht aus psychologischen Lehrbüchern gezogen hat, ist die Sequenz von Bert Papenfuß-Gorek „schrei gegen die wand, schreib es an die wand, schreite durch die wand“ keine Regel meditativer Vertiefung oder Losung drogistischer Bewußtseinssteigerung, sondern eine Bilanz- und Bewegungsformel, entworfen aus dem nüchternen und keineswegs vertieften oder gesteigerten Alltag der bewußten Gegenwart. Es ist jene Wand des falschen Bewußtseins, der Lüge, Leugnung, Unterdrückung, der Spaltung, der Infantilisierung und zynischen Paralyse, die Kerkerwand des Hochmuts, der erstarrten Potenz, die Glaswand der Unwirklichkeit und die isolierende Wahnwand der Verzweiflung, die zu durchschreiten ist.

Elke Erb, Februar 1984

DIE ZUSAMMENHÄNGE SIND EINFACH…

-(Anmerkung zu den in einem Bildteil vorgestellten  Künstlerbüchern) Anm. der Redaktion.-

vielleicht ist es nur ein idealisiertes abbild? der glanz einer vergangenheit aus ihren bildern, spiegeln die zweidimensionalen räume womöglich mehr die zeit? und ist dies gar ein grund für die ewige wirkung jenes dunkelnden oder gilbenden mediums bild? die form der fragen nach dem puls einer scheinbaren konjunktur. „jede achte welle ist eine große.“ „die zusammenhänge sind einfach & …“? die gründe für das permanente phänomen der schrift im bild sind unzählig wie die gesetzeslücken, die so verschiedenen quellen der schwarzaufweissen bildgewordenen wörter, worte, verschwiegen wie am morgen ein frauenmund voll traum. und all die gründe verlieren sich nicht, existieren im hintergrund auf den gassen wie strohwitwen der zeitgeistigen plätze. nun aber geht man wahrscheinlich nicht mehr ins zentrum, so wie man noch im anfang dieses jahrhunderts kam, um sich zu verbinden mit den anderen komponenten einer kultur, zu der einst auch die wissenschaften zählten, bevor sie sich im untergrund militärpolitischer macht prostituierten, sondern…, nein, das zentrum ist eine fiktion, oder vielmehr meine heimatliche arschbacke dieser zentralen ausdrucksplattform „anti-zeitgeist“. hier stehen sich ja nicht, wie annehmbar, diktatur und demokratie gegenüber, sondern diktatur und pluralismus, ineinander verkrampft, tragödische zwillinge, erwachsen aus den todfeinden demokratie und faschismus. Und jede der seiten beherrscht die mittel der gemeinsamen vergangenheit mehr oder weniger perfekt für das eigene ziel zukunft.

und so beginnt der folgende Bildteil, jedes du ist ein wir, brücke zwischen den sinnen, gedächtnis in bildern, geste der autonomie, ästhetik des ungedruckten, buch im buch, mit dem datum: 10. Mai 1983 (in den kalendern der ddr „tag des freien buches“). auf den seiten … stelle ich etwa einviertel einer gemeinschaftsarbeit von dresdener malern, dichtern und musikern unter dem titel BUCH vor. dieses buch vereint verschiedenste ästhetische konzeptionen und mehrere generationen, und es ist ein einzelexemplar. das unikat, das original, das gebundene einzelstück, das POE SIE ALL BUM in einer textauflage von 20 bis 100 stück. alle umschläge und eingebundenen leporellos sind handgezeichnet. in drei jahren erschienen knapp zwanzig. POE SIE ALL BUM ist eine autorenredaktion im gegensatz zu UND, die zeitschrift UND wird von einem dresdener musiker und dichter monatlich herausgegeben. UND ist ebenfalls gebunden und mit einem handgearbeiteten umschlag und originalen versehen. jeder, der seinen beitrag in einer 15er auflage an den herausgeber schickt, wird veröffentlicht. neben UND erscheinen in ähnlicher art in der ddr noch vier weitere hefte. vor zwei jahren habe ich in leipzig die internationale buchkunst ausstellung besucht. die beiträge der bildenden künstler der ddr setzten sich fast ausnahmslos zu den toten klassikern der literatur ins verhältnis. zur selben zeit, im hintergrund sozusagen, und ohne die mittel der künstlerischen druckwerkstätten vor allem in leipzig, aber auch in dresden und berlin in den kunsthochschulen und verbandsdruckereien, eine vielzahl von gemeinschaftsarbeiten zwischen grafikern und dichtern der generation zwischen 20 und 30, die kaum in öffentlichen räumen ausgestellt werden … auf seite… sind einladungs-plakate, wie sie zu fast allen privaten oder privat organisierten lesungen und veranstaltungen gedruckt werden, zu sehen.

an folgenden buch- und mappeneditionen will ich erklären, wie sich gesetze und verfügungen auch in der ddr auf die realität einstellen und umgekehrt. 1978 haben wir als eines der ersten freien schriftgrafischen bücher KEIN WIND SCHLÄGT DIE FLÜGELFLÜGELTÜREN ZU als künstlerisches experiment in der druckerei des verbandes bildender künstler in dresden gesetzt und gedruckt. etwa gleichzeitig gab die obergrabenpresse, ebenfalls in dresden, die erste mappe einer umfangreich geplanten serie mit satz- und druckgenehmigung heraus. nach dem buch KEIN WIND SCHLÄGT DIE… wurden verfügungen erlassen, die jedes gedruckte wort, das nicht integrierter bestandteil einer grafischen arbeit ist, genehmigungspflichtig machte. auch die obergrabenpresse konnte nur noch eine mappe durch die zensur bringen. die dritte mappe der serie, KNEIPENBILDER UND KNEIPENTEXTE von ralf winkler (a.r. penck), der damals noch in dresden lebte, war in der form schon so wie das eben erschiene buch DIE TAGE SIND GEZÄHLT. die texte wurden von den grafikern in die druckplatte geätzt. die flotte der sinnwracks und formschiffe wird konternd ergänzt von den, im rücken folgenden, sinnschiffen und formwracks. gold. die bekenntnisse der mitte fleddern literaturleichen, verteilen preise und renten über die ganze armada. im kreisverkehr durch die eigene provinz reibt die akademie ihre ellebogen klassenkämpferisch an den grenzen, stellen die etablierten in internationalen ausstellungen die künstlerische rote faust zur schau. und wieder die spiralbewegungen der körper aufs zentrum. und wieder die fliehkraft der sinne. und wieder werden aus brücken lücken. und wieder eine internationale buchkunst ausstellung in leipzig. und wieder mal sind die zusammenhänge einfach & irreal.

s. anderson, berlin, den 27. februar 1984

Kuchenkrümel Kommunismus.

-Heiner Sylvester über die junge Literatur der DDR Unter dem Titel Berührung ist nur eine Randerscheinung haben die Ost-Berliner Autoren Elke Erb und Sascha Anderson eine Anthologie junger Schriftsteller aus der DDR zusammengestellt, die nun nur im Westen erschienen ist. –

Die Geschichte eines Buches ist normalerweise eine Randerscheinung. Vor sieben Jahren initiierte der Schriftsteller Franz Fühmann eine Anthologie unbekannter neuerer DDR-Literatur, um sie zumindest in der literarischen Fachwelt bekanntzumachen. Fühmann hoffte auch, damit den jungen Literaten helfen zu können. Die Sammlung wurde als internes Material in der Akademie der Künste veröffentlicht und wirkte katastrophal. Die Absicht schlug ins Gegenteil um. Die Schriftsteller bekamen Schwierigkeiten, die bis zum Lesungsverbot reichten. Der geschlagene Fühmann konnte sich nur noch bei den Autoren entschuldigen. Unveröffentlichte Manuskripte häuften sich weiter in den Schubladen. Elke Erb, sie interessierte sich besonders für das neue Verhältnis zur Sprache, knüpfte an der Fühmannschen Sammlung an und nahm vor zwei Jahren die Arbeit an einer neuen Anthologie auf. Sascha Anderson, einer der Protagonisten dieser jüngeren DDR-Literatur, stellte dazu weitere Kontakte her. Die Zufälligkeit seines literarischen Bekanntenkreises beeinflußte auch die Auswahl der Autoren. Anderson und Erb boten Anfang 1984 das Manuskript sowohl dem Ost-Berliner Aufbau-Verlag als auch dem Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch an. Aufbau studierte das Manuskript eingehend und zögerte. Auf der Leipziger Buchmesse gab Aufbau-Chef Faber die offizielle Version der Ablehnungsbegründung bekannt: „Gewogen und zu leicht befunden – literarisch nicht akzeptabel.“ Fragt sich, mit welchem Maß gewogen wurde. In die Wagschale gelegt wurden mit Sicherheit die 9 der 29 Schriftsteller der Anthologie, die in der inzwischen vergangenen Zeit die DDR verlassen hatten. Nun haben wir den Band von Kiepenheuer & Witsch, hier im Westen, wo er doch zuallererst in den Osten gehören würde. Ein Fehlstart. Die DDR kommt um diese jüngste Generation nicht mehr herum. Die hier vorgestellten Schriftsteller repräsentieren keinen literarischen Untergrundzirkel. Sie sind längst keine schreibende Minderheit mehr, sie verkörpern durch ihre Lebenshaltung und ihre Literatur eine Entwicklung, die bisher von der Öffentlichkeit der DDR nicht zur Kenntnis genommen wurde. Auch das hat Geschichte: Im Denken der Staatsgründer und ihrer Nachfolgegeneration ist Sozialismus und gerade dessen real existierende Form gleichbedeutend mit einem gültigen Entwurf. Die bestehenden ökonomischen und politischen Strukturen werden mit der Idee, die eigentlich eine Utopie beschreibt, gleichgesetzt. Denken und Handeln werden einer ständigen Dualität unterworfen: sozialistisch oder nichtsozialistisch, für uns oder gegen uns, entweder – oder. Eine Polarität, die sich auch auf Inhalt und Sprache der Kunst auswirkte. Sinn und Wertigkeit einer moralischen und ethischen Begriffswelt nutzten sich mit der Sprache ab, wurden im Widerspruch zur Realität ausgehöhlt, ad absurdum geführt. „Und da liegen auch die großen abgenutzten Worte herum: liebe, zärtlichkeit, frieden, freiheit, gleichheit, brüderlichkeit, gerechtigkeit, en gros die kuchenkrümel kommunismus“ (Leonhard Lorek). Selbst Gegenentwürfe zur herrschenden Ideologie bleiben in ihrer Begriffswelt innerhalb der vorgegebenen Sprache und Zeichensetzung. Ein Reagieren, das die Sprache selbst zum Material jener Kette machte, mit der man sich an die herrschende Realität band. Die Ausbürgerung Wolf Biermanns 1976 mit dem darauffolgenden Exodus vieler Künstler und Intellektueller ist eine Manifestation des Scheiterns. Eine neue Generation ist herangewachsen. In der Anthologie ist das Geburtsjahr des Ältesten 1951 und das des Jüngsten 1963; sie wurden in das Staatswesen DDR hineingeboren: „in der Epoche aus Klärung und Trennung“ (Uwe Kolbe). Diese Generation stellte man gewissermaßen vor die Wahl, das Vorgegebene anzunehmen und sich einzufügen oder sich im Dauerkonflikt zu verschleißen. „Einer zu sein, der von sich selbst abweicht oder mit seinen Überzeugungen nichts erreicht“ (Thomas Günther). Daraus entstand eine andere Haltung. Kein Protest auf der Straße, auch keine Petition, jene Mittel, die nur den Kreislauf von Macht und Ordnung festschreiben. „häng deine wörter an die wand und sie machen ein gesetz, das die wände verbietet“, schreibt Sascha Anderson. Wollten sie nicht Spielball des dualen gesellschaftlichen Mechanismus bleiben, mußten sie ihre Existenz aus den politischen Prinzipien des Staates lösen, Wege aus der Ordnung suchen. Auszüge aus den Biographien der im Buch vertretenen Literaten: … Exmatrikulation … Packer und Buchhändler … Exmatrikuliert … seither asozial … Lehrerin … Gelegenheitsarbeit … Entwicklungsingenieur … seitdem Heizer … Exmatrikulation … Chemielaborantin … ein Jahr Haft. „Ihnen allen war es unmöglich, die offiziell vorgesehenen Wege zu gehen, sie suchten statt dessen nicht zuletzt mittels der Literatur die Chancen für das, was nicht Aufstieg, sondern Leben heißt“, schreibt die Herausgeberin Elke Erb im Vorwort. Leben als Versuch, die gesellschaftliche Vereinnahmung, die Dualität, diesen Zwiespalt nicht nur im Kopf zu überwinden, sondern im Alltag und im Schreiben. Die neugewonnene Identität hat das Ich als Zentrum, selbstbewußt, aber auch verletzlich. „Ich nehme mir das Recht heraus, Möglichkeiten zu haben, und das Ich als die größte Möglichkeit“ (Volker Palma). Alltag ist überleben, das Betonen des Ich bedeutet keinen Rückzug in eine Innerlichkeit. Es ist Ausdruck einer bewußten, konzentrierten Sicht auf die Außenwelt, mit aller Körperlichkeit. Schreiben als Aktion, als klärender Prozeß, notwendig: „schrei gegen die wand, schreib es an die wand, schreite durch die wand“ (Bert Papenfuß-Gorek). An die Wand schreien. Das ist keine Metapher mehr, es ist ein existentieller Schrei gegen Wände und Grenzen. So scheint es paradox: Die Kraft, die aus den Texten spricht, ist ein Produkt von Mauern und Grenzen, Enttäuschung und Wut. Man will durch die Wand schreiten, braucht sie aber gleichzeitig, um sich zu spüren. Diesem Konflikt, dieser Zerrissenheit, stellen sich die Autoren literarisch unterschiedlich. In gewagter Nähe zur „Kollektivlüge“ der herrschenden Sprache, mit dem Versuch, „den Dingen den Namen wieder zu finden, den Namen sagen zu können“ (Uwe Kolbe), oder weit entfernt davon, die Sprache selbst als Versuchsfeld benutzend, sie aus ihren gesellschaftlich grammatischen Strukturen lösend. Die Texte geben sich tendenziell in dieser Folge die Hand. Das Erfahren von sprachlichen Grenzen, diese Sicht auf das längst zur Lüge gewordene Gitter aus Grammatik und Ideologie, provoziert Grenzüberschreitungen. Die Häufung von experimentellen Texten in der Anthologie verblüfft zunächst. Bei genauerer Betrachtung erweist sich jedoch, daß jeder Autor seinen subjektiven Zugang zur Sprache findet, ein unkonventioneller „Sprachbenutz“ (Lorek) auch im individuellen Gebrauch der Stilmittel, die die europäische Avantgarde geliefert hat. Nur einige der Autoren sind mir persönlich bekannt, vertraut ist mir manche Geographie, in der sie leben und in der die Texte entstanden sind: die langen geradlinigen Straßenzüge des Berliner Stadtbezirks Prenzlauer Berg. Die abbröckelnde, verblichene Schönheit der Gründerzeitfassaden mit ihren Balkonen, auf denen die Alten im Sommer Kontakt zum Leben auf der Straße suchen. Die Kneipen zwischen Metzger Eck und Wee Cee, zwischen Oderkahn und Mosaik. Bier und Schnaps sind billig. Die nächtlichen Treffen auf den Plätzen, nachdem auch das letzte Lokal seine gehunwilligen Gäste ausgespuckt hat. Danach irgendeine Wohnung, Freunde und Fremde auf engstem Raum, großzügige Gastfreundschaft, auch deren Mißbrauch. Sehnsucht nach Gemeinsamkeiten, aber auch Mißtrauen den unbekannten Personen gegenüber. Die letzte, brüderlich geteilte Flasche Wein besagt wenig, „berührung ist nur eine randerscheinung“ (Fritz-Hendrick Melle). Der folgende Tag wirft jeden auf sich selbst zurück. 19 der 29 Autoren leben oder lebten in Berlin. In jenem Berlin, das für mich heute so unerreichbar geworden ist wie früher der andere Teil der Mauerstadt. Einige Autoren leben in Dresden, mit dem internationalen Nahziel Prag, das oft zum Ersatz wurde für die fehlende Welt. Pfingsten Treffen in Prag. Unter den Malern, Schriftstellern und Musikern dieser Generation entwickelten sich ein vielfältiges Beziehungsgeflecht und das Bedürfnis, zusammen produktiv zu werden. Die Schwierigkeit, ihre Manuskripte zu veröffentlichen (außer Uwe Kolbe ist in der DDR meines Wissens von keinem der 29 Autoren ein Buch erschienen), provoziert geradezu einen Wechsel zum anderen Medium. Literatur, die keine Druckgenehmigung erhält, in eine Graphik geritzt, wird so zum bildnerischen Original und steht außerhalb der Gesetze, die ein Buch verbieten. Im Schlußteil des Bandes stellt Sascha Anderson, der auch hier Anfänge markierte, verschiedene solcher Editionen vor. Die Obergraben-Presse in Dresden erhielt über die Grenzen des Landes hinaus Bedeutung. Das Gefühl, daß jeder jedes machen könnte (weil man es mußte, weil man es wollte), ist besonders in Dresden ausgeprägt, wo es in Ralf Winkler (A. R. Penck) auch einen großen Anreger hatte. Die Kommunikation der Künstler und der Künste untereinander ist gleichzeitig notwendige Bedingung geworden, da öffentliche Resonanz fehlt. Die inzwischen faktisch verbotenen privaten Lesungen in überfüllten Wohnungen, in kirchlichen Gemeinderäumen und seltener in Jugendklubs der FDJ können das Vakuum auf lange Sicht nicht ausgleichen, auch nicht die wenigen handgeschriebenen Hefte, die zirkulieren. Es bleibt der Traum. Der ist die Straße, die Kneipe, die Landschaft und eine Fiktion wie Paris. Der Traum schafft neue Bilder, Bilder, die man braucht, um Brücken zu schlagen. Wird die Erschütterung zu stark, das Überleben im Alltag unerträglich, fallen diese Brücken ein. Man hat keine Utopie, das heißt, man hat keine Gegenwart. Da bleibt oft nur die hilflose Alternative, der Ausreiseantrag. Ein solcher Kreislauf ließe sich durchbrechen. Aber, wer will? Die Veröffentlichung der Anthologie im Aufbau-Verlag würde ein Zeichen sein.

Heiner Sylvester, Der Spiegel, 23.9.1985

Berührung ist nur eine Randerscheinung

-Wirklich neue Literatur aus der DDR: eine andere Generation.-

zwei unterschiedliche Besprechungen dieses Bandes ließen sich denken: eine über die Entstehungsgeschichte der Anthologie und eine über ihre literarischen Qualitäten. Daß beides sich nicht einfach ineinanderfügen läßt, liegt daran, daß die Rede von DDR-Zensur und die Hinweise, daß der Band im Osten nicht erscheinen durfte, den Blick von den Texten ablenkt, hin zu den Vorzeichen , dem Akt der Veröffentlichung im Westen, dem Status der Autoren. Jener Pluspunkt, den verbotene DDR-Literatur hierzulande immer noch erhält, läßt nicht mehr zwischen guter und gutgemeinter Literatur unterscheiden, sondern handelt alles als Kassiber, den es nicht zu lesen, sondern zu entschlüsseln gilt. Dennoch läßt sich, Franz Fühmann wegen, die Vorgeschichte nicht aussparen. Fühmann, dessen Rolle als Mentor der jüngeren DDR-Literatur gar nicht überschätzt werden kann, hatte bis zu seinem Tod im Sommer letzten Jahres versucht, die Veröffentlichung dieser Sammlung in die Wege zu leiten; er wies immer wieder auf die Qualitäten des Materials hin und stand am Ende doch vor einem Scherbenhaufen – als alle Manuskripte, gesammelt von Elke Erb und Sascha Anderson, beisammen waren, wurden sie beschlagnahmt, die Beiträger erfuhren Repressalien. Stephan Hermlin sagte dazu vor einer Westberliner Runde, es gälte eben zwischen ,wirklichen‘ Schriftstellern und Möchtegernschriftstellern zu unterscheiden, wobei letzte Können durch billige Provokation ersetzten. Fühmann sprach er die Fähigkeit ab, zwischen Begabung und Nichtbegabung unterscheiden zu können. So einfach ist das. Liest man in dem Band, ist man nicht nur geneigt, Fühmann vor Hermlin in Schutz zu nehmen, sondern auch der Hinweis auf Provokation erweist sich als denkbar falsch. Das neue Selbstbewußtsein, das diese Anthologie spiegelt, „läßt sich nicht bestimmen und begrenzen von dem System, dessen Erbe es antritt“, schreibt Elke Erb in ihrer klugen Einleitung. Die Provokation besteht einzig darin, daß konfrontative Positionen nicht länger gesucht werden. Selten hat sich ein Untertitel als treffender erwiesen: „NEUE Literatur aus der DDR“ – an Christa Wolf, Günter de Bruyn, Hermann Kant oder Wolf Biermann und Stephan Heym (um kontroverse Autoren zu nennen), erinnern die Texte kaum irgendwo. Statt dessen werden unvermutete Traditionen deutlich, die nicht lautstark verkündet, sondern mit Unbefangenheit und Selbstverständlichkeit benutzt werden; vom Dadaismus bis zur Wiener Gruppe, von der Beat-Generation bis zu den russischen Avantgardisten. Dagegen ist von Brechts ästhetischer Prämisse (und der des ,sozialistischen Realismus‘), „von der Meisterungsmöglichkeit des menschlichen Schicksals unter neuen gesellschaftlichen Voraussetzungen“ (K. Jarmatz) nichts mehr zu spüren. Damit ist auch die gewohnte Funktionszuschreibung der Literatur als Hilfeleistung zur ,Meisterung‘, zur ,Entfaltung der bewußtseinsverändernden Potenzen‘, in Frage gestellt. Die eigene Generation sei „völlig verunsichert“ sagt Uwe Kolbe, einer der Beiträger, man empfinde „weder richtiges Heimischsein hier noch das Vorhandensein von Alternativen anderswo“. Am Gewohnten wird nicht festgehalten, die alten Erwartungen werden düpiert. Eine andere Sprache wird laut, die sich nicht länger um die gegebenen Sprachregelungen kümmert, keinen Slalom mehr fährt zwischen Erlaubtem und Verbotenem, keine Sprache der Fürstenaufklärung, die Franz Fühmann und Stephan Hermlin noch so meisterlich beherrschten. Alle Autoren des vorliegenden Bandes sind in der DDR geboren, das Geburtsjahr der ältesten von ihnen ist 1951, das des jüngsten 1963, und die allermeisten der 29 Beiträger sind kaum Insidern bekannt. Im „Gespräch ohne Ende“ stellt Uwe Kolbe Leser und Schreiber gegeneinander: „Leser: Gib mir mehr Sichres, gib mir Trost in einem Neuen Entwurf / Schreiber: Glauben ersetz ich nicht durch weiteren Glauben / setz du Fuß vor Fuß hör auf / zu loben das Gleiche“ (September 1979). Die Chance des Lesens von Anthologien liegt darin, zu erkennen, in welcher Weise die Texte sich untereinander verbinden und aufeinander beziehen. Eines der Resultate liegt in der Vielfalt der Stile, die nirgendwo auf ein voluntaristisches Sprachspiel reduziert sind; von unkonventionellem „Sprachbenutz“ und den herumliegenden – „großen – abgenutzten Worten“ spricht Leonhard Lorek im „Sonett Tausendundeins“ das J.R. Becher  gewidmet sein mag, dessen verfemte expressionistische Frühgeschichte in diesem Band lebendiger erscheint als je – eine erstaunliche Renaissance der expressionistischen Sprache, läßt sich beobachten (die sich nicht auf die ostdeutsche Lyrik beschränkt). Ein anderes Resultat der Bezüge (die in den kleingedruckten Kommentaren noch deutlicher werden), hat Elke Erb benannt. „Es ist kein Buch über die DDR, sondern ein Buch aus der DDR, und ich meine, es tritt gerade mit den vielstimmigen Positionen zu den über alle Grenzen der zivilisierten Welt reichenden Themen so real und leibhaftig auch über die deutsche Grenze, daß es die nebulösen Vorstellungen von der DDR als einer terra incognita zerstreut.“

Michael Rohrwasser, Frankfurter Rundschau, 17.9.1985

Weitere Rezension:

Manfred Jäger: Als losgewordener Ballast unterwegs
Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt, 13.10.1985

Robert Siebum / Marieluise de Waijer-Wilke: Sascha Anderson und Elke Erb: Berührung ist nur eine Randerscheinung
Deutsche Bücher, 1985, Heft 1

Fakten und Vermutungen zum Herausgeber

 

Sascha Anderson antwortet auf die Standartfragen von faustkultur.

 



Fakten und Vermutungen zur Herausgeberin und weiteres 12
shi 詩 yan 言 kou 口

Bert Papenfuß, einer der damals dabei war und immer noch ein Teil der „Prenzlauer Berg-Connection“ ist, spricht 2009 über die literarische Subkultur der ’80er Jahre in Ostberlin.

Poesie des Untergrunds – Prenzlauer Berg kontrovers – Trailer zum Dokumentarfilm.

Poesie des Untergrunds -In der Kunstszene der DDR entstand in den Jahren vor der politischen Wende ein eigener Mikrokosmos. Besonders in Berlin-Prenzlauer Berg hatte sich eine Gemeinschaft entwickelt, die den Untergang des Systems in ihrem unangepassten Leben vorwegnahm. Eine neue Ausstellung im Stadtmuseum zeigt jetzt die Werke von 38 der wichtigsten Künstler jener Zeit.

Poesie des Untergrunds Die Literaten- und Künstlerszene Ostberlins 1979 bis 1989. Eine Ausstellung in der Kunstsammlung Jena vom 13. März bis 23. Mai 2010.

Naheliegendes:

  1. Klaus Michael & Thomas Wohlfahrt (Hrsg.): Vogel oder Käfig sein
  2. Peter Geist (Hrsg.): Ein Molotow-Cocktail auf fremder Bettkante
  3. Heinz Ludwig Arnold und Gerhard Wolf (Hrsg.): Die andere Sprache
  4. Egmont Hesse (Hrsg.): Sprache & Antwort
  5. Christoph Buchwald & Elke Erb (Hrsg.): Luchterhand Jahrbuch der Lyrik 1986

Einen Kommentar schreiben