Thomas Kunst: Die Arbeiterin auf dem Eis

Kunst-Die Arbeiterin auf dem Eis

ICH SEH GESPENSTER, SO WIRD NACHT GEMACHT.
Das Geistersehen hat mehr Eleganz
Aus schwarzen Schenkungen, Milieu Balance,
An Springkraut und an Francis B. gedacht.

Nichts wiederfinden, Kompetenzdiät,
Das Schubsen vor dem Wechsel, ärmeln, tasten,
Gedichte und ihr postmodernes Fasten
Aus Lässigkeit und Radikalität.

Spagat im Minus, sinnliche Präsenz,
Die Macht in Frauenhand, Gespenster sehen,
In Schweden, Montpellier und Ciscissi.

Die Angestrengtheit nennt sich Eloquenz,
In Deutschland fällt es auf, kaum durchzudrehen,
Du zuckst, läßt nach und stirbst nicht, c’est la vie.

 

 

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Die Liebe und die Poesie

vertragen kein Vielleicht: keine lauwarmen Bekenntnisse, keine allseits abgesicherten Kompromisse. Wer sich auf sie einlässt, kennt die Melancholie ebenso gut wie die maßlose Lust am Leben, die Hingabe ebenso gut wie den Furor – nur ein Wimpernschlag liegt zwischen „Ich werde so lange mit dir am Strand spazieren gehen / bis du mich liebst“ und „Melde dich erst wieder, wenn du stirbst“. Die Gedichte und Briefe in Die Arbeiterin auf dem Eis erzählen von bedenklich verwildertem Selbstbewusstsein, von Ameisen in Palästina, von Schlittenhunden in der Küche, vom Aufglimmen der Reisenden, von Ernstfallkassetten und Gedichtattrappen, von Kölnischwasser auf Spinnennetzen, von Liliputanern an den Spronser Seen, von Mecklenburg, Venedig und Persien. Ein Buch wie eine verwegene Liebeserklärung an alles Unbekannte: insistierend, zuversichtlich, absurd.

edition AZUR, Ankündigung

 

Denkmal für eine Ameise

– Die Liebe in allen Variationen ist es, über die der 1965 in Stralsund geborene Thomas Kunst in seinen Gedichten schreibt. In seinem neuen Band Die Arbeiterin auf dem Eis ist die Protagonistin eine Ameise. Entstanden sind Texte von karger Schönheit. –

Ich bin mit meiner Ameise gegen Ezra
Pound angetreten, laut Jury lagen wir bis
Zuletzt vorn, aber Pound, Pound kam noch
Mal zurück, auch mit einer Ameise, allein hätte er
Es nämlich nicht gegen uns geschafft.

Sie, die so leicht zu übersehen ist in der Welt, spielt eine gewichtige Rolle: die Ameise. Ihr zartes, zerbrechliches Wesen. Nicht nur im weiteren Verlauf dieses Gedichts, in welchem sich die einfache Arbeiterin vor einer nicht näher definierten Jury eine absurde Zuckerwürfelschlacht mit Ezra Pound liefert – auch im titelgebenden Text des Bandes setzt Thomas Kunst einer Ameise ein Denkmal – ein Gedicht, dessen Inhalt programmatisch für die Lyrik des Leipziger Dichters stehen könnte:

Die Arbeiterin auf dem Eis ist eine Ameise in einem Eishockeystadion, die die Wahl hat, sich in einen Kartenabreißer oder sich in einen Nachwuchstrainer zu verlieben – und sie entscheidet sich für den Nachwuchstrainer. Und am Ende des Gedichts liegt sie neben dem Nachwuchstrainer auf dem Eis, und beide sehen wie Liebende aus.

Die Liebe in allen Variationen ist es, über die der 1965 in Stralsund geborene Kunst schreibt. Die ungezügelte, ja, die schmerzliche Sehnsucht gehört dazu, und natürlich deren Gegenspieler, die ebenso schmerzliche Eifersucht. Mal verlieren sich die Protagonisten der Gedichte in der obsessiven Beobachtung einer Zufallsbekanntschaft, mal fürchten sie sich davor, am Ende doch allein gelassen zu werden – und mal trudeln sie zwischen Anziehung und Wut in einer Intensität, wie sie nur Liebende empfinden. Und für all das, für die Sehnsucht, für die Zuneigung, für den Zorn, findet Thomas Kunst eine eigenartige, eine eigenwillige Sprache. Das Besondere an diesen Texten: Sie sind von einer schlichten, fast kargen Schönheit. Und jedes Gedicht erzählt eine eigene Geschichte.

Mit dem akademischen Gedicht hab ich natürlich auch noch nie was am Hut gehabt. Und ich hab das im Verlaufe der Zeit gemerkt, dass es mir doch darauf ankommt, immer einfacher und nüchterner zu werden – und dass selbst die Sonette eigentlich kleine Erzählungen sind.

Drei Sonettenkränze, mehrere Langgedichte und einige Briefe versammelt Thomas Kunst in Die Arbeiterin auf dem Eis. Alle Texte sind von großer Musikalität. Nicht ohne Grund listet Kunst am Ende des Bandes die Musikstücke auf, die beim Schreiben für ihn wichtig waren. Seine Poesie spielt mit assoziativen Sprachbildern und entwickelt einen rhythmischen Sog. Ob ein Protagonist in seinem Waschbecken die Stadt Venedig aus Seifensplittern und Streichhölzern nachbaut, ob ein Mann und eine Frau sich darüber austauschen, was sie ihrem jeweiligen Partner erzählt haben, um für ein Affärenwochenende in die Berge zu reisen: Da ist stets dieser drängende Ton, die Kunst’sche Melodie. Und weil dieser Rhythmus so wichtig ist, schreibt Thomas Kunst seine Gedichte in einem Zug, es gibt für ihn nie eine zweite Version und kein Lektorat.

Also, ich sitze so lange an einer Fassung, bis sie sitzt, das heißt, ich schreibe nicht erst eine Fassung und dann guck ich erst Tage später drauf, sondern ich sitze so lange an einem Gedicht, bis ich spüre: Es ist vorbei.

Oftmals behalten die Gedichte einen rätselhaften Rest, ja, man braucht eine Weile, bis man sich an den assoziativen Tonfall gewöhnt hat. Und dennoch bleiben Formulierungen im Kopf, arbeiten weiter, lassen dem Leser keine Ruhe: „Und eine Nacht, in der ihr nur getanzt habt, ändert alles“, ist so ein Satz, oder auch: „Hab keine Scheu, ich habe Angst für drei.“ Seit den frühen Neunzigern veröffentlicht Thomas Kunst Gedichte und Romane.
Die Arbeiterin auf dem Eis lässt sich auch als konsequentes Resümee einer dichterischen Arbeit lesen, in dessen Zentrum die Sehnsucht steht. Mittlerweile empfindet Thomas Kunst eine gewisse Müdigkeit: Weil ihm sein Brotberuf in der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig wenig Zeit für seine Texte lässt, vor allem aber, weil die letzten Bücher zu Unrecht kaum Beachtung gefunden haben, fällt ihm das Schreiben zusehends schwerer.

Das ist meine Leidenschaft, meine große, seit über 20 Jahren. Ich muss einfach schreiben, ich muss Gedichte schreiben, ich muss scheinbar Romane schreiben jetzt im Alter, aber die große Freude ist es nicht mehr, es ist mehr so eine Art des Sich-Abringens, oder so.

Man möchte sich wünschen, dass der Autor sich trotzdem noch viele seiner dichterischen Liebeslieder abringt, dass er stur an seinem Sehnsuchtsprojekt festhält, das er mit Die Arbeiterin auf dem Eis weiter perfektioniert hat. Neben der Ameise gibt es übrigens noch ein unscheinbares Tier in diesem Band. Es passt zu Thomas Kunst, dass er ausgerechnet der „Baronia brevicornis“, einer ausgesprochen seltenen, mexikanischen Schmetterlingsart, den letzten Flügelschlag eines Gedichts schenkt:

ES SIND DIE LETZTEN SCHÖNEN TAGE HIER
Auf dieser Welt, ich weiß, was nötig wäre,

Mit einem Ascher, einer Gartenschere,
Zertrümmer ich den Tisch mit Schalentier.

Wir hören Gieseking und warten lange
Dass von den Ratten endlich Zeichen kommen
Und sie sich warnen, uns mal ausgenommen,
Bewegung mit Geruch in vollem Gange.

Gedächtnistraining ohne Instrument,
Die Einbeziehung des gesamten Arms,
Gaspard de la nuit in Zattere.

Das Licht, das uns von Heilgetränken trennt,
Die Flügeladern des Insektenschwarms,
Baronia brevicornis, flattere

Martin Becker, Deutschlandfunk, 13.2.2014

Alphabet der Sehnsüchte

Der Leipziger Dichter verweist in seiner Lyrik scheinbar ständig auf eine Lücke oder ein Defizit. In seinem neuen Gedichteband skizziert Thomas Kunst wieder die Themen Sehnsucht, Schmerz und Begierde – möglicherweise geht es also wieder um etwas, das fehlt. –

„Ich werde so lange am Strand spazieren gehen / bis du mich liebst“ – kraftvoll und eindringlich beginnen sie, die Gedichte des 1965 geborenen Schriftstellers Thomas Kunst. Es geht um Liebe, die anfängt, um Liebe, die endet, um Liebe, die nicht so sein kann, wie sie sein soll. Die klare Sprache ist von Sehnsucht durchtränkt. Mitunter verliert man sich zwar in den sprachlichen Bildern und Beschreibungen von Thomas Kunst, allerdings immer auf wunderbare, auf angenehme Art und Weise. Die Gedichte bleiben bis zu einem gewissen Grad rätselhaft – und doch ist man zutiefst berührt, ja, begreift man ganz und gar die Emotion, die zwischen den Zeilen steht.
Da gibt es beispielsweise die Geschichte der Ameise, die einen Brotkrümel über den Küchentisch schleppt. An sich eine Banalität. Das lyrische Ich aber stellt sich vor, dass diese einsame, schwache Ameise sich nicht auf einem Küchentisch, sondern in einem Eishockeystadion befindet, dass die Tischplatte die Eisfläche ist, auf der die Ameise es mit einem übermächtigen Gegner zu tun bekommt. Und je mehr menschliche Eigenschaften dem kleinen Tier zugeschrieben werden, desto näher kommt man dieser Arbeiterin auf dem Eis, so die Überschrift des Gedichts und des ganzen Bandes:

Sie würde neben dem Nachwuchstrainer
Auf dem Boden liegend wie eine
Liebende aussehen

Immer wieder sind es kurze Augenblicke einer Begegnung, aus denen heraus Thomas Kunst sein Alphabet der Sehnsüchte entwickelt – die Spielorte seiner leisen, menschlichen Dramen reichen dabei von Stralsund über Venedig bis hin zum texanischen Tucson. Eifersucht, Obsession und Schmerz schwingen in diesen Gedichten über die Liebe stets mit, doch sind viele der Texte durchaus ironisch, durchaus komisch. Einmal zum Beispiel verguckt sich ein Mann in eine junge Wissenschaftlerin, deren Vortrag er besucht – die Komik liegt im Detail: Seine umschwärmte Forscherin ist eine Doktorandin aus der Nähe von Paderborn, die in einem Forstmuseum in aller Ausführlichkeit über die Kulturgeschichte der Wäscheklammer referiert.
Die Dresdner edition Azur, ein kleiner Verlag mit spannendem und hochkarätigem Programm, bietet mit diesem schön ausgestatteten Band die Gelegenheit, die Arbeiten von Thomas Kunst neu zu entdecken. Denn der Dichter hat es nicht leicht gehabt in den letzten Jahren, zu sehr sperrt sich seine Poesie gegen lyrische Moden und Tendenzen, zu sehr beharrt sie auf ihrer assoziativen Kraft. So versammelt Die Arbeiterin auf dem Eis keine wohltemperierten Gedichte mit intellektueller Aufladung: Leicht macht es Thomas Kunst dem Leser nicht mit seiner sturen und sperrigen Art des Dichtens – hat man sich aber an den unverwechselbaren Rhythmus und Tonfall gewöhnt, dann lernt man die Widerspenstigkeit der Kunst’schen Lyrik zu schätzen – unter die Haut gehende Textkompositionen über die Liebe, die man einfach lieben muss.

Martin Becker, Deutschlandradio Kultur, 18.7.2013

Illusion vom Schlüsselbein

– Thomas Kunst schreibt laszive Sonette. –

Obwohl er seit den 90er Jahren als feste Größe in der deutschen Lyrikszene gilt, ist er alles andere als mit öffentlicher Aufmerksamkeit verwöhnt. Die letzte nennenswerte Auszeichnung für den 1965 in Stralsund geboren Thomas Kunst, war der F.-C.-Weiskopf-Preis der Berliner Akademie der Künste im Jahr 2004. Auch Feridun Zaimoglu, der die Gedichte seines Leipziger Kollegen empfiehlt, wo er nur kann, hat da bisher wenig ausgerichtet.
Kunst, seit 1987 als Lesesaalaufseher in der Deutschen Bücherei tätig, ist ein Dichter der Superlative, ein Poet im empathischen Sinne, der das, was er schreibt, auch lebt – und ein Könner, was Versbau, Dramaturgie und Bildsprache betrifft.
1991 debütierte er bei Reclam mit dem unvergesslichen Titel Besorg noch für das Segel die Chaussee.
Einen Schwerpunkt seines nunmehr achten großen Gedichtbandes bilden drei rauschhafte Sonettenkränze, die die alte Gattung zu ihren Urgründen zurückführen und sie zugleich mit dem Stempel lasziver Gegenwärtigkeit versehen. Durch die Zeilen geistert Liebe und Erotik in extravaganten Bildern. Nur die strengen Formgesetze des Sonetts und ein hintergründiger Geschichtenfäden halten die offene Passion im Zaum. Dazwischen gibt es raffinierte langzeilige Erzählgedichte vom vereisten oder sonnig gleißenden Ostseeufer, die in dramatischer Verdichtung auch auf jenes weibliche Körperteil anspielen, in dem nicht nur Gustave Courbet den Ursprung der Welt erkannte. Und es gibt fingierte autobiographische Briefe an den Freund Feri-San, in denen Kunst klarstellt, dass er nie einer von jenen wendeschmerzbeladenen Ostlern sein wird, wie sie sich das Feuilleton so gerne zusammenbastelt.
Kunst, über den man auf seiner Website www.thomaskunst.de mehr erfährt, geht aufs Ganze. Dafür sollte man ihn lesen, den sich durchs Leben wie ein Rock’n’Roll tanzender Petrarca schlagenden Vollblutpoeten:

Wir nehmen Hafis, Rumi, reine Drogen
Ich greife dir ins Haar, in medias res
Dein Hausanzug der Serie Sparkling Lace
Ist über deiner Schulter aufgebogen

Die Fasern sind UV-beständig, gehen
Aus jeder Dehnung in exakt die alte
Betonungsform zurück und ich behalte
Den einen Knopf am Hals fast aus Versehen

Zu lange in der Hand, dein Schlüsselbein
Die Illusion vom Schlüsselbein entlässt
Mich einen Augenblick aus deinem Wahn

Mit Öl und Salzwasser allein zu sein
Ich halte mich an deinem Kopftuch fest
Den Steinen sieht man das, was zählt, nicht an

So rasant beginnt eine Fahrt durch die Hebungen und Senkungen eines imaginären Persiens – das Ganze auf der Spur eines unwiderstehlichen weiblichen Fersenpaars.

Jan Volker Röhnert, Der Tagesspiegel, 11.8.2013

Von Ameisen in Eishockeystadien

„Thomas Kunst vermag die Schönheit in derart lichten Worten zu zeichnen, dass man brüllen möchte vor Verlangen und Lust“, schrieb Feridun Zaimoglu über Gedichte aus Die Arbeiterin auf dem Eis. Das war schon deutlich, aber noch nicht genug, denn Kunsts Gedichte gehören nicht nur für Fans, sondern auch ganz objektiv zu den schönsten, eigenartigsten, kostbarsten in der deutschen Lyrik unserer Zeit. Daher sollten Sie diese Gelegenheit nicht versäumen, weil Thomas Kunst zeigt, was Poesie sein kann, wenn sie ganz bei sich bleibt, jenseits des historisierenden, programmatischen oder anekdotischen Gedichts. Die Arbeiterin auf dem Eis erzählt von bedenklich verwildertem Selbstbewusstsein („Ich werde so lange mit dir am Strand spazieren / gehen, bis du mich liebst“), von Ameisen in Eishockeystadien, Schlittenhunden in der Küche, von Ernstfallkassetten und von Kölnischwasser auf Spinnennetzen, zuversichtlich und beglückend absurd. Das Gedicht ist hier nicht mehr (aber eben auch nicht weniger) als eine verwegene Liebeserklärung an die Verrücktheit des Lebens: wenn das kein Geschenk ist! Für den Gedicht-Feinschmecker: Thomas Kunst ist der Großmeister des Sonettenkranzes im 21. Jahrhundert. Die Arbeiterin auf dem Eis enthält allein drei dieser Kränze, denen der hohe formale Anspruch niemals anzumerken ist. „Wir lieben uns, falls wir uns wiedersehen“ – so wird es Ihnen, lieber Leser, einmal ergehen mit den Büchern Thomas Kunsts.

Lutz Seiler, Die Zeit, 2014

Liebst du mich schon?

Lyriker Thomas Kunst im Peter-Huchel-Haus. –

Manchmal ist man sich seiner Liebe nicht sicher. Dann hilft es, mit seiner Angebeteten so lange am Strand spazierenzugehen, bis sich das ändert. Nach hundert Metern die erste Frage: Liebst du mich schon? Nichts. Weiter geht es, bis man im Osten Kamtschatkas ankommt – liebst du mich jetzt? So weit muss man manchmal gehen.
Genauso originell und unverkrampft erzählt der Ausnahme-Lyriker Thomas Kunst von einer Ameise, die als Arbeiterin in einem Eisstadion zu malochen hat. Nach ihr hat der hochgelobte Poet Thomas Kunst, ein Stralsunder des Jahrgangs 1965, sein jüngstes Buch benannt: Die Arbeiterin auf dem Eis. Jüngst las er im Wilhelmshorster Peter-Huchel-Haus daraus, seinem bisher 14. Buch seit 1991. Auch andere Titel machen sofort auf die ungewöhnliche Art des formstrengen Lyrikers neugierig, etwa Der Schaum und die Zeichnung vom Pferd, Strandkörbe ohne Venedig oder Besorg noch für das Segel die Chaussee, sein Erstling. Das Huchel-Haus war gut besucht, fast ausverkauft.
Kunst ist der einzige Autor, der bereits drei Einladungen vom Hausherrn Lutz Seiler bekam. Beide kennen sich seit Langem, und beide sind mit dem Germanisten und Literaturkritiker Peter Geist befreundet. Er moderierte diesen Abend lebendiger als mancher vor ihm. Kunst und Geist, das geht ja eigentlich immer.
Der Autor ist zwar seit 2007 Mitglied des P.E.N., einer Vereinigung renommierter Literaten, aber mitnichten ein Etablierter. Im Gegenteil, er wettert seit Langem über das Unrecht im gängigen Literaturbetrieb, wo das Akademisch-Gefällige stets Vorfahrt hat, Preise einfährt, wer nur die Bedingungen erfüllt, indes die natürliche Sprache erstirbt. Die Angepassten. „Gute Leute wie Thomas Brasch, Rolf Dieter Brinkmann oder Wolfgang Hilbig hätten heute überhaupt keine Chance“, sagt Kunst. So ist wohl des einen Kunst des anderen Plage.
Thomas Kunst jedenfalls ist ein echter Künstler, ein Poet, und liebt die Form wie das logikferne Chaos. Sein Markenzeichen: dass er beides unter einen Hut bekommt. In einem Gedicht, im lakonischen Ton. Lange Zeit war das Sonett seine Stammform, jetzt will er sich davon verabschieden. Will Romane schreiben, obwohl er das gar nicht kann: „Ich weiß nur, dass ich Texte schreibe.“ Tja, manchmal muss nur Roman drüberstehen, dann ist es auch einer.
Seine Lyrik jedenfalls ist oft grandios. Sie verknüpft die Form mit einer unbändigen Fantasie, bringt das Unmöglichste zusammen, das Geburtstagsgeschenk und den Grönländischen Eisberg, Zitronenfalter und weinende Jäger, Hemingways Enkelin Birthe und falsche Lyrikpreisträger. Logisch passt das alles gar nicht zusammen, sonst aber schon. Das ist die Kunst, die Regeln des Alltags zu überlisten und wieder denken und fühlen zu lernen. Das Leben anders zu sehen, sozusagen Venedig ohne Strandkörbe. Frei zu sein. Doch alles hat einen Preis. Mehrmals hörte man, wie er gegen die Bitterkeit in sich ankämpft, auch in Sachen Frauen. Sagt der Verlassen-Enttäuschte nicht in einer Verszeile „melde dich erst wieder, wenn du stirbst“?
Lyrik ist Ohrensache, das wusste Ernst Kleinpaul schon, in seiner „Poetik“ von 1868. Thomas Kunst als Poet ist Ohrenmensch, ein musikalischer dazu, er spielt Instrumente, er komponiert, also sind seine Texte voller Musik. Nur die „Briefe“ im Buch verlieren sich bald in sich selbst. Manchmal kommt die Liebe wohl erst beim Gehen.

Gerold Paul, pnn.de, 1.4.2014

Alles echt

Ich verfolge Kunstens Kunst seit 10 Jahren und habe mir unterdessen alle seine Bücher zugelegt. So banal das klingen mag: Er kann schreiben (phänomenal) und er schreibt (phänomenal). Er mag das sein, was man einen Ausnahmelyriker nennt. Die Musikalität seines Schreibens kommt aus seiner Musik (nebenbei singt er und spielt Instrumente). Die Tiefe seiner Reflexion kommt ebenso wie die Leichtigkeit seiner Sprache aus der Tiefe und Leichtigkeit des Autors, der Humor, die Energie, auch die Bissigkeit und Verwundbarkeit… Er prätendiert und erkünstelt nichts, er kann aus sich – aus dem Vollen – schöpfen. Die Arbeiterin auf dem Eis ist sein bislang bestes Buch.

Georg-Christof Bertsch, amazon.de, 13.12.2014

Weiterer Beitrag zu diesem Buch:

Elke Engelhardt: Trotzdeutsche Gedichte
fixpoetry.de, 1.4.2013 

 

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Gespräch des Monats: Seilers ShortlistAm 17.2.2015 stellte er die von ihm gelobten Lyriker Thomas Kunst, Farhad Showghi und Nadja Küchenmeister in der literaturwerkstatt berlin vor.

 

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Richard Pietraß: Dichterleben – Thomas Kunst

 

 

Thomas Kunst liest aus Die Arbeiterin auf dem Eis
ME AND OCEANS spielt „Lost Tapes: German Songs“

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