Ulrich Koch: Zu Bernd Jentzschs „Dicht am Boden“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

− Zu Bernd Jentzschs „Dicht am Boden“ aus dem Gedichtband Bernd Jentzsch: Quartiermachen. −

 

 

 

BERND JENTZSCH

Dicht am Boden

Die Frühe sprang auf die Beine wie ein Lamm
Und sah mich am Boden, auf allen vieren.

 

Jedes Ende ist ein Anfängerfehler

Dieses Gedicht hat, wie alle großen Gedichte, seinen Lesern eines voraus: seine Freiheit. Was die Lektüre anstrebt, hat es schon erreicht, denn es ist offen nach allen Seiten, schwebt, ist schwer und leicht zugleich und wird sich nie festlegen lassen auf eine Lesart allein. Den kurzatmigen Leser wird es zurücklassen, denn es ist länger als gedacht. Dem geduldigen Leser aber wird es vielleicht wie mir gehen, wenn er es immer wieder zur Hand nimmt, manchmal sind Jahre seines Lebens vergangen, diesem Gedicht vergehen sie nicht.
Auf allen vieren. Kann man noch tiefer fallen? Doch, ja. Kriechen, auf dem Boden, schlangengleich, den Mund im Staub. Dort oben schweben die Träume, hier unten werden die Hoffnungen begraben. Aber dass es noch nicht so weit ist, noch nichts endgültig, kein Buch besiegelt, dafür sorgt das licht klingende „dicht“, an seinem Faden schwebt das Ich in diesem Gedicht, er hält es zurück, zögert den ganzen Absturz hinaus.
Die Zeilen beben, die Lippen, dazwischen fließt es reinweiß. Und wie erleichtert bin ich in diesem Fall über das oft so schwere Wort „wie“. Hier löst es gleichsam den Knoten der ersten Zeile, an welchem das Lamm hereingeführt wird. Es hebelt die Illusion aus, es könnte etwas geben wie Identität. Wo es doch nur Entsprechung gibt, Nähe, Anklang. Und schützt das Gedicht vor der Enge einer einzigen Interpretation, die darin bestünde, einfach blind der symbolischen Strahlkraft des Lammes zu folgen. Man muss sich gar nicht versteigen, die Licht-Dunkel-Dichotomie dieses Zeilenpaars in die Dialektik von Unschuld und Sünde zu übertragen, um es zu „verstehen“, vielleicht bis zurück zum Lamm des Pessach-Festes. Das Gedicht bietet dies nur dem ersten Blick offensiv an, es verlangt in der Folge nicht danach, alles schließt es mit ein, ohne zu verhärten, offen ist es nach allen Seiten, denn das Eigentliche ereignet sich zwischen diesen beiden Zeilen.
Die Biographie des Autors drängt eine weitere Lesart, die politische Einschlüsse berücksichtigt, förmlich auf. Denn zu welcher These die historische Analyse auch immer tendieren mag, ob die DDR ein „Unrechtsstaat“, eine „partizipatorische Diktatur“ oder ein „Doppelstaat“ gewesen sei – für einen freien Geist gab es in der Unfreiheit keine Nische, keinen Rückzug ins Private. Kein Gedicht konnte in der DDR ohne das Bewusstsein seiner Produktionsbedingungen geschrieben werden. Das Jahr seiner Entstehung, 1973, gäbe Anlass für die Suche nach allerlei Spuren, und es mag die eine oder der andere bei seiner Lektüre einen Luftzug spüren der zusammengestürzten Kartenhäuser, gezeichnet von Ideen, zu Beton angerührt von Ideologien. Mir aber sagt es viel über die Bedrängung, derer sich das Zoon logon echon im Allgemeinen, also im je Einzelnen, ausgesetzt sieht, und wenig über seine jeweilige biographische Geschichte.
Gedichte lese ich manchmal, als ob ich sie nicht läse, so wie man im Halbdunkel die Objekte dadurch schärfer wahrnimmt, dass man knapp an ihnen vorbei fokussiert. Mir gefällt diese Art der Wahrnehmung, die oft eher meinen Lebensumständen als einer Planung geschuldet ist und daher unregelmäßig vorkommt, denn ich habe den Eindruck, dass mein Lektüreerlebnis intensiver ist, wenn die Instanzen wie persönliche Erfahrung, erworbenes Wissen und vorherige Lektüren nachgeschaltet sind und die sinnliche Affektion, die das Gelesene bereithält, mich in einen Aufmerksamkeitszustand treibt, der andersherum mit einer konventionellen Erwartungshaltung so nicht möglich gewesen wäre. Nicht selten überwältigt mich dann bei Gedichten jüngeren Datums eine Müdigkeit, für die ich (neben einem langen Arbeitstag) auch ein Übermaß an Ambitionen des Verfassers verantwortlich mache, und ein Gefühl von einer flachen Tiefe oder einer leeren Fülle greift Raum. Manchmal denke ich, wir sind mit allen Wassern der Theorie gewaschen und von Kopf bis Fuß mit Aporien verdreckt.
Ganz anders verhält es sich hier. Bei jeder Lektüre dieser beiden Verse trifft mich das Bild wieder und wieder mit voller Wucht. Eine Welt, ein Leben, komprimiert auf zwei Zeilen, ein Ein-Bild-Gedicht. Und als ich glaubte, der anakreontische Duft, den viele Gedichte Jentzsch’ verströmen, verflüchtige sich hier im schnellen Atem eines solchermaßen kurzen Gedichts, irrte ich mich. Denn je tiefer ich las, umso deutlicher stellten sich die sinnlichen Eindrücke durch die diskret verwendeten Stilmittel ein. Die Assonanzen bilden einen sonoren Chiasmus, und der Gegenlauf der auf- und absteigend getakteten Verse unterlegt den antithetischen Paartanz von oben/unten, warm/kalt und weich/hart mit einem kongenialen Rhythmus.
Das Gedicht bildet in mir einen Kreis: Jedes Ende ist ein Anfängerfehler. Jeder Anfang kommt zu spät. Es sei denn, man macht ihn.
Wie beiläufig gibt das Gedicht auch ein Beispiel für jene schöne von Jentzsch in einem Gespräch formulierte Maxime, dass man „theoretisches Wissen gleichzeitig erinnern und vergessen müsse, um Kunst zu produzieren“.
Die Lyriker der Sächsischen Dichterschule haben mich mit ihren Gedichten immer begleitet und beeinflusst. Oft lese ich sie mit offenem Mund und schiele neidvoll auf die souveräne Bewältigung eines Themas, auf die profunden Kenntnisse, die schlichte Eleganz einer von allen Schlacken der Beliebigkeit befreiten Sprache.
Weil es sich auf das Wesentliche beschränkt, ist Jentzschs lyrisches Werk überschaubar. Ein Ende der Lektüre seiner Gedichte ist daher für mich nicht abzusehen.
Quartiermachen, in dem sich dieses Gedicht findet, gehört zu den – sagen wir – zehn Büchern für die Insel. Meine, versteht sich.

Ulrich Koch

Die Texte wurden entnommen aus: die horen, Heft 246, Wallstein Verlag, 2. Quartal 2012

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