Vilém Závada: Poesiealbum 165

Zavada/Rug-Poesiealbum 165

GRANDAUTOMAT

In den Passagentunnels
hinter Glas
im hellen Kühlschrank von Spiegeln,
strahlendes Kronleuchterlicht an der Decke,
der Schankpulte Messing,
geschmeidig poliert,
gläserne Sturzglocken
mit Sandwichschüsseln,
phosphoreszierende Flaschen Likörs,
grüne Battrien von Seltersflaschen.

Für eine Krone fällt ein Malzbonbon aus dem Schlitz.
Für zwei Kronen ein Brot mit Sardellenpaste
oder ein Viertelliter Bier.

An Marmortischen
Knäuel
gierig schlingender Zeittotschläger.

Stehend, hastend essen sie – ohne Hunger,
stehend, hastend trinken sie – ohne Durst,
stehend, hastend lieben sie – ohne Liebe.

Unter dem gläsernen Teint,
der gebleicht ist vom Licht der Lampen,
schimmert die Automatik des Blutkreislaufs durch,
die Automatik des Darmapparats,
in dem das Sandwich langsam wandert.

Für zweihundert Kronen fällt ein Lächeln aus einer Frau,
für dreihundert ein Einladung zu einem Treffen,
für fünfhundert fängt zu funktionieren an
der Apparat im Mann-Roboter.

Übertragen von Franz Fühmann

 

 

Vilém Závada

ist ein Dichter der scharfen Sinne. Er weiß, das Paradoxon ist kein Spiel, es ist ein geschliffenes Werkzeug, um die Welt zu erkennen. Selbst seinem Wesen nach Arbeiter, dem Volke verbunden, schafft es Vilém Závada so, sich nicht in diesem wirren Strom kinematographischer Sensationen zu verlieren, sondern einen festen Platz in der Zeit zu finden, einen „Haltepunkt“ in der Epoche, um von daher jenen „Fluß“ zu enträtseln, festzuschreiben, in den man nicht zweimal steigen kann… Das Werk des tschechischen Dichters ist wie eine Lebenschronik Europas, aber zugleich ist es auch eine Chronik der Mikrowelt des Künstlers, weil die äußere und innere Welt in ihm untrennbar verflochten und unteilbar sind, so wie man auch unter das Wasser keine Scheidelinie ziehen kann. Kraft seines Talents macht Vilém Závada zum Teil unseres Lebens, was Teil seines eigenen Lebens war. Dafür sind wir ihm dankbar.

Jewgenij Vinokurow, Verlag Neues Leben, Klappentext, 1981

 

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