Yisang: Mogelperspektive

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Yisang: Mogelperspektive

Yisang-Mogelperspektive

OHNE TITEL

Da ihrer Ansicht nach mein Herz nicht größer ist als
aaaaaeine Zigarre
hält die Selbstkontrolle ein Streichholz dran
und flüstert mir Selbstmord ein.
Tatsächlich mein Herz flammt knisternd auf und
aaaaaverzehrt sich brennend
als das Zigarrenfeuer auf die Finger überspringen
aaaaawollte
hörte ich in die Herzhöhle sanft die letzte Asche fallen.

Die Selbstkontrolle jagt mich zur Tür hinaus so wie man einen Aschenbecher leert
als prüfe sie die völlige Leere lässt sie einen Klopfton an meinem Ärmel hängen
und als sei ein Siegel fertig aufgedrückt das Klirren des Türriegels
die vielfach gewundene Gasse Mauer prallt auf meinen verrannten Kummer
im hellen Mondschein
von da an verlegte ich mich drauf auch kurze Wege weit zu gehen

 

 

 

Yisang. Eine Vorrede.

gleich [kor. Yi-sang, jap. Ri-san,] Herr Yi.
Der junge Koereaner Kim Hae-kyŏng, geboren im Jahr der Kolonialisierung des Landes durch Japan, wird eines Tages in japanischer Anrede beim falschen Namen gerufen und behält diesen Namen von Stund an bei. Ist es Maskerade? Ist es Flucht aus einer Identität, die nicht wahrer ist als die falsche, in einen Zwischenraum in der der Zwang zur Identität aufgehoben ist, in dem die Multiplizität der unechten Identitäten (als Japaner zweiter Klasse, als Koreaner, dessen Heimatland nicht mehr existiert) lebbar wird?
Kim Hae-kyŏng alias Yi-sang schreibt Gedichte, auf Japanisch, später auf Koreanisch, die diesen Zwischenraum versprachlichen, die die Sprache verräumlichen und verzwischenräumlichen, die Sprache und Zeichen in das Spiel der Maskerade und Flucht treiben. Yisang bringt Kim Hae-kyŏng zur Sprache: ein idiosynkratisches Zeichensystem voller Bezüge zu einem spielerischen und fluchtbereiten Leben. Im Gedicht löst sich zugleich Kim Hae-kyŏng zu Yisang, Yisang zu Sprache auf: Der Fluchtpunkt dieses Schreibens liegt weit jenseits autobiographischer Bewältigungsverfahren.Yisang ist mehr als Yi-sang:

[yisang] merkwürdig. Als Vertreter eines auch in Japan nur halbherzig rezipierten Modernismus stand Yisang außerhalb der literarischen Strömungen und Geschmacksrichtungen seines Umfelds. Generationen koreanischer Literaturwissenschaftler arbeiteten sich nach dem Ende der Kolonialzeit an seinem Eigensinn ab. Aber auch in den Verfahren des westlichen Modernismus geht Yisangs Schreiben nicht auf: die klassisch-chinesische Bildung, die Kim Hae-kyŏng als Kind vor seiner westlichen Schulung zuteil wurde, vielleicht eine aus der Vertrautheit mit der chinesischen Schrift genährte andersartige Auffassung vom Verhältnis von Sprache und Zeichen, und die besonderen Möglichkeiten der japanischen und koreanischen Sprache (die beide als agglutinierende Sprachen zur Bildung vielgliedriger Sätze neigen) sind Grundlagen für Momente des Merkwürdigen in Yisangs Dichtung – selbst in einer notwendig glättenden deutschen Übersetzung.

[yisang] abnormaler Zustand, Symptom. Aufgrund seiner Weigerung, den gängigen ideologischen Vorentscheidungen zu entsprechen und sein Schreiben in den Dienst der ‚Nation‘ oder der ‚Klasse‘ zu stellen, galt Yisang lange als gänzlich apolitischer Dichter. Sein merkwürdiges Schreiben ist jedoch Symptom des doppelt abnormalen Zustands einer raschen, rücksichtslosen Modernisierung unter kolonialen Vorzeichen. Diese Gedichte sind nicht nur das Psychogramm eines Menschen, der unter den Ansprüchen seiner patriarchalen Tradition ebenso leidet wie unter der Verdinglichung durch eine frühindustrielle Gesellschaft. Sie sind vor allem das Produkt eines Schreibens, das sich des Verlustes aller Gewissheiten vergewissert, das seiner Zeit den Spiegel ihrer Zerrissenheit zeigt, statt wohlfeile Identifikationsansgebote zu unterbreiten.

[yisang] Ideal, Vollkommenheit. Wenn es ein Ideal, eine Utopie in diesen Gedichten gibt, so ist es der Nicht-Ort des gelöschten Bilds im Spiegel. Das Ende der Zerrissenheit fällt zusammen mit dem Ende jeden Beharrens auf Identität. Dieser utopische Ort ist das „unsichtbare grab“, geschmückt mit einem „papiergrabmal“. Yisangs Gedichte sind nicht ‚reine Poesie‘ im Sinne einer reduzierten Welthaltigkeit, aber sie sind getragen vom Willem, den sprachlichen Eigensinn auf jene Spitze zu treiben, wo nicht der Dichter, sondern die Sprache sich selber findet.

Marion Eggert, Aus dem Vorwort, 2005

Inhaber eines so großen Amtes wie das Meer.

übers weiße papier ist eine strähne eisenbahngleis gelegt.
dies ist die illustration eines abkühlenden herzens.

Yisang (1910-1937) hat ein schmales Werk hinterlassen; einen Roman, fünfzehn Erzählungen, immerhin hundert Gedichte und fünfzig Essays, die zu den bedeutendsten der koreanischen Literatur gezählt werden. Wer sich mit der modernen Literatur Koreas befasst, kommt nicht an Yisang vorbei. Er ist ein Kultautor, Initiator der Moderne und des Experiments, ein Dandy, ein koreanischer Rimbaud. Klar ist seine Stellung in der Geschichte der koreanischen Literatur: Seine Dichtung steht an der Stelle, an der die literarische Moderne Koreas, vom Westen angeregt, in eigener Sprache konkretisiert wird und eine eigene Couleur bekommt.
Zu Lebzeiten immer am Rande des Abgrundes in physischer und mentaler Hinsicht, steht Yisang im Zentrum des heutigen koreanischen Literaturbetriebs: Der Yisang-Literaturpreis, der seit 1961 jährlich vergeben wird, ist ein Qualitätssiegel für das Werk des preisgekrönten Autors. Fast alle prominenten Gegenwartsautoren (von denen auf deutsch etwa Yi Chŏng-jun, Yi Mun-yŏl oder Sin Kyŏng-suk vorliegen) sind Yisang Literaturpreisträger.
Zwischen dem Leben des Dichters Yisang und dem des Bürgers Kim Hae-kyŏng tut sich ein unüberwindbarer Riss auf. Als Dichter war er Avantgardist, der das Herkömmliche und Tradierte mit diabolischer Vermessenheit in Frage stellte und zersetzte, in ständiger Suche nach neuen ästhetischen Ausdrucksmöglichkeiten. Hinter der Maske des „Herrn Yi“ quälte sich der Bürger Kim Hae-kyŏng, an Tuberkulose erkrankt, mit Gewissensbissen; er schien nicht in der Lage zu sein, sich eine bürgerliche Existenz aufzubauen. Dass er nicht, wie etwa Ezra Pound in seinen Persona-Gedichten, oder die Surrealisten in ihrer alle Grenzen einreißenden Schreibpose, mit dem Experiment des Gedichts in eine Rolle hinein- und dann wieder aus ihr hinauszuschlüpfen vermochte, zeigt sein Essay Jekyll und Hyde, in dem er, sich selbst sezierend, schreibt, dass „in seinem Dasein Mr. Hyde und Mr. Hyde überhandnehme“. Mr. Hyde, Stevensons hinter der Maske des Bürgerlichen verstecktes Monster, wird zu einer Metapher der Verwandlung. Ist Yisang einmal da – erscheint er in all seiner Gebrochenheit einmal im Spiegel des Gedichts – lässt er sich nicht mehr durch die bürgerlichen Pflichten und das Ethos der gesellschaftlichen Ordnung bändigen.
Es ist ein gefährliches Spiel, auf das sich Yisang als Autor eingelassen hat. Es ist ein Selbstexperiment. Ein Experiment mit dem Absonderlichen, dem Merkwürdigen, dem Vollkommenen, das in den Zeichen seines erst wie zufällig auf ihn gefallenen, dann selbstgewählten Namens steckt. Dieses Schreibprogramm der Vieldeutigkeit schlägt so sehr ins Leben ein, dass es eine Trennung von Leben und Kunst kaum noch zulässt – und zugleich einen Abgrund aufreißt, der sein eigenes Entstehen in der Sprache zum Thema macht.

orakel
der hatte mit bleistift auf weißen blatt eines menschen schicksal vage skizziert. kann das so federleicht sein. geld und vergangenheit lass ich dort und trage den leib ein ins gewühl. dort aber gibt es nichts anderes als den vereinbarten handschlag wo sich glücklich textlücken finden pass ich längs und quer nicht hinein. ich suche leeres gelände auf um nach herzenslust zu schweigen.

Yisang hat sich mit seiner Literatur dem Rätselhaften verschrieben, dem, was in der Alltagsrede nicht zur Sprache kommt. Er ist konsequent in der Erforschung der Idiosynkrasien der Subjektivität, der dunklen Seiten des Daseins, in dem wir das Fremde in uns, das aus dem Diskurs der Vernunft Verdrängte, widergespiegelt finden. Und wie Spiegel ziehen seine Gedichte bis heute die koreanischen Leser an. Es ist eine dunkle Energie, die nun zum ersten Mal auch einem deutschsprachigen Publikum zugänglich wird. In den Gedichten Yisangs zeigt sich das Fiebern einer Literatur, die riskant ist. So riskant, dass sie sich manchmal selbst zerreißt. „Verbleib des Herzens unbekannt / …  Das Problem der Gehirnsubstitution wird schließlich bedeutsam / … Mit der Baisse des Spiegels tritt Pessimismus auf.“

Hanju Yang, Aus dem Nachwort, 2005

 

Den meisten mitteleuropäischen Lesern

ist nicht bewusst, dass sich die Moderne nicht nur auf den Schauplätzen der europäischen (und nordamerikanischen) kulturellen Inszenierungen ereignete, sondern auch z. B. in Ostasien. In Korea etwa war der Dichter Yisang in den 20er und 30er Jahren des 20. Jhds. eine solche Figur des kulturellen Umbruchs, deren Bedeutung mit den Jahren nur noch zunahm und beinahe zu mythischer Größe anwuchs. 
Der Autor, der seinen bürgerlichen Namen gemeinsam mit seiner bürgerlichen Existenz ablegte und mit dem Pseudonym Yisang zeichnete, starb mit 27 Jahren nach einem unsteten Leben in der Hauptstadt der Kolonialmacht Japan, das damals Korea besetzt hielt, an Tuberkulose, knapp nach seiner Verhaftung wegen „ungesunden Gedankenguts“ (nämlich antikolonialistischer Gesinnung). Heute zählen seine Werke, die er in wenigen Jahren schrieb, zu den Grenzsteinen der Moderne in Korea. Der Band Mogelperspektive stellt den Dichter zum ersten Mal auf deutsch vor.
Yisang steht mit seinem gesamten Werk für eine existenzielle Unsicherheit, für eine kontinuierliche Selbst-Erfindung. Krankheit und Spiegel sind häufig wiederkehrende Metaphern. Sein dichterischer Umgang mit unterschiedlichen Rollen ist kein bloßes Spiel wie bei seinen surrealistischen Zeitgenossen, sondern die riskante Verwandlung eines umrissenen Subjekts in eine Folge von Rätseln. So üben auch seine Gedichte (die meisten sind Prosa-Gedichte) einen dunklen, schwer erklärbaren Reiz aus, dessen Kern sehr oft in ihrer Körperlichkeit liegt.

Literaturverlag Droschl, Ankündigung, 2005

 

Giftige Tinte

– Tosendes Gelächter, spitzer Dolch: Gedichte des Koreaners Yisang. –

„Wer mag er gewesen sein?“ soll Rilke feinsinnig nach dem Tod des ihm rätselhaften Georg Trakl gefragt haben; ähnlich und vielleicht mit mehr Berechtigung könnten nicht nur europäische Leser und Kritiker nach Yisang fragen, der eigentlich Hae-kyŏng hieß, der 1910, im Jahr der kolonialen Unterwerfung Koreas durch Japan, geboren wurde und nach kurzer chaotischer Karriere 1937 in Tokyo starb. Wie seine Gedichte und Prosastücke, die vor allem in den letzten sieben Jahren seines Lebens entstanden, auszulegen seien, ist bis heute umstritten. So radikal war ihr Bruch mit den Gedichtmustern der koreanischen Literatur, dass sie bei ihrer Erstveröffentlichung geradezu einen Schock hervorriefen. Den literarischen Erwartungen entzogen sich Yisang und seine „Gruppe der Neun“ von 1933 an durch einen Hermetismus, der ohne die japanische Rezeption der westlichen Literatur der Moderne nicht möglich gewesen wäre; manche Texte hat Yisang auf Japanisch geschrieben und dann selbst ins Koreanische übertragen.
Der Schock, den diese Literatur bei den Zeitgenossen auslöste, und die Überraschung, die sie für den westlichen Leser noch heute darstellt, spiegelt die nahezu brutale Dynamik, mit der der westliche Modernismus sowohl die Industrie wie die Gesellschaft und die literarischen Traditionen Koreas prägte; Yisangs Texte explodieren auf einer „Müllhalde der lyrischen Stimmungen“, die in Korea und in Deutschland gang und gebe waren (und meist noch sind). Sie sind eben nicht „stimmungshaft“ sondern nur „konstruktiv“ nachzuvollziehen. Siebzig Jahre später, zwei Generationen nachdem Yisang seine Texte in einer koreanischen Architekturzeitschrift und in Tageszeitungen veröffentlichte, können wir natürlich viel leichter die technisch-poetologischen Kennzeichen dieser ästhetischen, aber nicht politisch revolutionären Texte benennen und bewundern, wie hier das stilistische Repertoir etwa der Bildlichkeit, der Verkettung von Sätzen, des Changierens zwischen realistischer und metaphorischer Wortverwendung neu gehandhabt und konstruktiv freigesetzt wird.

Pfad der Schmerzen
Man könnte sagen, dies sei ja „reine Literatur“, selbstbezügliche „Literatur-Literatur“, aber die Beunruhigung durch diese Gedichte und kurzen Prosastücke ist bis heute tiefer als die durch manches an die aktuelle Politik gebundene Werk: Kurzfristige Rücksichtslosigkeit sichert im Ästhetischen oft langfristig bleibende Wucht und respektgebietende Dichte; ein lyrisches Requisit wie der „Mond“ wird bei Yisang mit blutigem Schrecken aufgeladen, und die Überblendung von Wegabschnitten mit Hustenanfällen macht einen „weg“, also ein Leben, leidvoll-brutaler begreifbar als ein übliches lyrisches Bereden; hier ist „der weg“:

husten. mühevoll werfe ich luft in die luft aus. der weg den ich keuchend tapse ist meine story. die interpunktion die der husten setzt wird von der gelangweilten luft geknetet und verdaut. als ich ein kapitel gelaufen bin und gerade die schienen überquere da gibt es einen der meinen pfad betritt. der schmerz wird vom dolch zerteilt und legt sich mit den schienen überkreuz. ich breche zusammen sodass mir der husten entfällt. unter tosendem gelächter wird die selbstverächtliche miene mit giftiger tinte übergossen. der husten läßt sich einfach aufs nachdenken plumpsen und macht rabatz. mir bleibt die spucke weg.

Den Herausgebern und Übersetzern ist dieser Fund, dem Verlag Droschl das Verdienst zu danken, diese Auswahl von Texten Yisangs mit einer detaillierten Erläuterung ediert zu haben; bleibt zu wünschen, dass mehr von diesem Autor (einen Roman gibt es noch, auch Erzählungen und Essays) bald nachfolgen.

Jörg Drews, Süddeutsche Zeitung,  9.12.2005

Asiatische Moderne

Diametral zu Ko Uns Dichtung steht die eines anderen koreanischen Klassikers, Yisang. Seine Poesie bleibt unbedacht auf Wirkung und Wandlung, er beschreibt eine beängstigende Statik, die von der einzelnen Person unbändig reflektiert wird. Seine Bilder sind verwirrend, magisch. Yisang ist DER Wegbereiter der Moderne in der koreanischen Literatur, ein „koreanischer Rimbaud“, wie der Droschl Verlag in seinem Prospekt den Verfasser des soeben erschienenen Gedichtbandes Mogelperspektive ankündigt. „Den meisten mitteleuropäischen Lesern ist nicht bewusst“, heißt es im Prospekt, „dass sich die Moderne nicht nur auf den Schauplätzen der europäischen (und nordamerikanischen) kulturellen Inszenierungen ereignete, sondern auch, zum Beispiel in Ostasien.“
Yisang wurde 1910, knapp ein Vierteljahrhundert vor Ko Un, unter dem bürgerlichen Namen Kim Hae-Kyŏng geboren. Genau in jenem Jahr verlor Korea seine Unabhängigkeit an Japan, es wurde direkt dem japanischen Kaiser unterstellt.
Yisang hinterließ ein nur schmales Werk von fünfzehn Erzählungen, etwa einhundert Gedichten und fünfzig Essays, die jedoch zu den wesentlichsten der koreanischen Literatur gehören.

Durch den Rekord-Graben rennen die Menschen der Unglückliche der in der Gegenrichtung rennt könnte ich sein der sich entfernenden Musik scheint er emsig zu lauschen.

Mit nur siebenundzwanzig Jahren starb Yisang an Tuberkulose, kurz nachdem er wegen seines schlechten Gesundheitszustandes aus einer Haft in eine Universitätsklinik entlassen wurde. Die japanische Polizei hatte Yisang, wie damals viele andere koreanische Intellektuelle, wenige Wochen zuvor wegen angeblicher „antikolonialistischer Umtriebe“ von der Straße weg inhaftiert.
Das koreanische Wort Yisang bedeutet „merkwürdig“. Von einem Japaner irrtümlicherweise mit diesem Wort angesprochen, das auf Japanisch in etwa Herr Yi bedeutet, behielt der Dichter diesen Namen fortan bei. Das Wort „merkwürdig“ kehrt sich bei Yisang auf bizarre Weise um. Galt er zunächst als scheinbar unpolitischer, eigenartiger Dichter, dessen Zyklus Mogelperspektive bei seinem Erscheinen in einer Tageszeitung 1934 auf Protest der Leser hin nach der fünfzehnten Folge abgesetzt werden musste, wird er heute gerade wegen seiner soghaften, erschütternden Dichtung als des Merkens für würdig befunden.

… den Erinnerungen gegenüber bin ich ein Festkörper.

Marion Eggert, neben Hanju Yang und Matthias Göritz Übersetzerin der Poesie Yisangs, schreibt in ihrem Vorwort: „Diese Gedichte sind nicht nur das Psychogramm eines Menschen, der unter den Ansprüchen seiner patriarchalen Tradition ebenso leidet“ wie „unter dem doppelt abnormalen Zustand einer raschen, rücksichtslosen Modernisierung unter kolonialem Vorzeichen“. Yisangs Gedichte verweisen auf den Verlust sämtlicher Gewissheiten wie sie auch die Zeit im Angesicht ihrer Zerrissenheit zeigen. Tröstende Identifikationsangebote unterbreiten sie nicht.

Im Spiegel ist kein Laut.
 Eine stillere Welt gibt es wohl nirgends. 

Auch im Spiegel habe ich Ohren. 
Zwei meine Sprache nicht verstehende armselige Ohren […]

Diese Zeilen Yisangs stammen aus einer weiteren Publikation dieses Herbstes, der bei dtv erschienenen Gedichtanthologie Wind und Gras, die auch Gedichte von Ko Un enthält. Immer wieder taucht in Yisangs Poesie der Spiegel als Symbol des Lebendigen wie gleichzeitig Erstarrten, des Klaren wie Unergründlichen auf. Der Spiegel, in dem sich alles fokussiert, ist zugleich der Ort größtmöglicher Abwesenheit. Soviel Bewegung sich in ihm auch zeigt, seine Oberfläche bleibt hart und fest.

Des Spiegels wegen kann ich mein Spiegel-Ich nicht berühren 
doch wie könnte ich ohne Spiegel ein Spiegel-Ich berühren. […]

Es ist weniger noch als Nihilismus, das hier aus den Zeilen spricht, es ist die schreckliche Ahnung, dass dieser unauflösbare Zustand der eigentliche sein könnte. Dass sich das lebendige Ich nicht ohne seinen Gegensatz, die eingefrorene Statik des Spiegels, wahrnehmen kann.

ein apfel fiel herab. die erde zerbrach daran. Schluss. jetzt treibt keinerlei geist mehr keime.

Cornelia Jentzsch, Deutschlandfunk, 12.10.2005

Koreas Rimbaud

Dass Ich ein anderer ist, gilt seit Rimbaud als bekannt. Der Dichter Yisang, der als der Rimbaud seines Landes bezeichnet wird und mit seinem Werk den Beginn der Moderne in der koreanischen Literatur markiert, jongliert darin gleich mit mehreren Masken, unter anderem mit denen eines Versuchsleiters und eines zuständigen Arztes, sogar mit der eines Hundezüchters. In seinem Leben dagegen hatte er zwei Rollen zu spielen: Die des Familienoberhauptes, die dem 1910 als Kim Hae-Kyŏng Geborenen, da er der älteste Sohn war, traditionell oblag, und die selbst gewählte des avantgardistischen Lyrikers – zwei Lebensentwürfe, die sich so schlecht vertrugen, dass er einmal Dr. Jekyll und dessen dunkles Gegenüber Mr. Hyde zum Vergleich heranzog.
„des spiegels wegen kann ich mein spiegel-ich nicht berühren / doch wie könnte ich ohne spiegel auf mein spiegel-ich treffen“: Diese zwei Zeilen Yisangs scheinen das ganze Dilemma einer Doppelexistenz zwischen Kunst und Bürgerlichkeit auf den Punkt zu bringen, was sich schon in der Wahl eines nom de plume manifestiert, der einerseits schlicht „Herr Yi“, andererseits auch „merkwürdig“ bedeuten kann. Genau so muss der Dichter auch seinen Zeitgenossen vorgekommen sein, wenn er mit Strohhut und weißem Anzug durch die aufstrebende Metropole Seoul promenierte, ein rasch als avantgardistischer Treffpunkt etabliertes Café betrieb und mit einer zwei Jahre jüngeren Geisha zusammenlebte.

Wider die poetische Normerfüllung
Noch weit provokanter waren seine poetischen Texte, die in einem Zeitraum von nur sechs Jahren entstanden, zwischen der Besetzung der Mandschurei 1931 und der Invasion Chinas 1937 durch Japan, dem auch Korea als Kolonie angegliedert war. Wie fremdartig, ja schockierend Yisangs zumeist in Prosa gefasste Gedichte gewirkt haben müssen, lässt sich auch heute noch nachvollziehen – umso mehr, wenn man bedenkt, dass dem damaligen Publikum nur romantische oder so genannte „dekadente“, zumeist sehr traditionelle Schriftsteller vertraut waren, wenn sie nicht zu den klassenkämpferischen Texten der KAPF, der Korean Artist Proletariat Federation tendierten.
Yisangs Sprache hingegen verweigerte sich jeder poetischen Normerfüllung; sie zielte auf keinen Zweck außerhalb ihrer selbst, erst recht keinen politischen, ihr lag nicht an Beschreibung, nicht am Ausdruck von Befindlichkeiten: „wenn ich wieder und wieder die treppe hinabsteige werden brunnen immer rarer“, heißt es da, oder „da mir in der rechten hand die bonbontüte fehlte / ging ich die bonbontüte in meiner linken zu suchen den gerade / gekommenen weg fünf meilen zurück“. Yisang baut gezielt Widersprüchlichkeiten in seine Verse ein, so dass sich das eine oder andere Gedicht geradezu selbst aufzuheben scheint.

An der Zigarre klebt Blut
Manche Denkfigur führt in ihrer verschachtelten Sinnstruktur geradewegs ins Absurde, etwa wenn er „die dem nach der erde gebildeten globus nachgebildete erde“ vorführt. Mitunter fühlt man sich an die klassische europäische Avantgarde erinnert – namentlich an die französischen Surrealisten, deren écriture automatique Yisang stellenweise aufzugreifen scheint: „auf dem frostigen feld fliegt eine schar talismane ziellos umher. an der zigarre klebt blut. jene nacht brannte auch das bordell. rasch vemehrte falsche engel auf dem weg in die gemäßigte zone verdunkeln den himmel.“ Doch solche Vergleiche mögen zu kurz greifen. Yisang macht sich, wie Hanju Yang in einem Nachwort ausführt, die grammatikalischen Eigenheiten des Koreanischen auf innovative Art zunutze, um seinen Gedichten zu Mehrdeutigkeit und seinen Lesern zu den freudvollen Mühen der Textarbeit zu verhelfen – wobei die Hermetik mancher Stücke, etwa im Zyklus „Bauplan eines dreidimensionalen Winkels“, durch Adaption eines quasinaturwissenschaftlichen Jargons, durch Formeln, Gleichungen, Zahlenreihen, teils gar spiegelverkehrt, zusätzlich verstärkt wird.
Gleichzeitig ist er ein Meister der spektakulären Gedichtanfänge („Bevor auf den Straßen der Krieg ausbrach, / hatte ich natürlich von Newtons Physik überhaupt keine Ahnung“) und findet – trotz mancher Längen, trotz mancher Passagen, in denen die semantische Entregelung nicht überzeugt – immer wieder zu so prägnanten wie verstörenden Bildern, zu Zeilen, die schlicht umwerfend sind: „Jetzt bin ich ein altes Kleidungsstück das der Welt nicht mehr steht / ich habe noch weniger Aufgaben als die Gräber“. Dabei trifft man immer wieder auf das Motiv des Todes, auf die Krankheit – und damit auf ein Ich, das man bei allen Rollenspielen als authentisch begreifen muss, wurde bei Yisang doch schon früh Tuberkulose diagnostiziert: „husten. mühevoll werfe ich luft in die luft aus. der weg den ich keuchend tapse ist meine story.“ Die endet, kurz nach einer Verhaftung durch die japanischen Behörden wegen des unbegründeten Verdachts der Spionage, viel zu früh. Yisang starb mit siebenundzwanzig in Tokio – noch zehn Jahre jünger als Rimbaud.

Jan Wagner, Frankfurter Rundschau, 30.11.2005

Mystik und Mogelperspektive

– Königsdisziplin. Die moderne Lyrik aus Korea gleicht einem Streifzug durch leere Paradiese. –

… Als kleine Sensation darf die Entdeckung des frühen koereanischen Modernisten Yisang (1910-1937) gelten, der in dem instruktiven Kommentar des Droschl-Bandes Mogelperspektive mit einigem Recht als „koreanischer Rimbaud“ gepriesen wird. Die poetische Zentralperspektive eines allwissenden Ich wird aufgegeben, an ihre Stelle tritt eine fintenreiche, „Mogelperspektive“, in der die Gleichzeitigkeit des Realen und Surrealen herrscht. Hier öffnet sich der Abgrund nach dem Sturz in transzendentale Obdachlosigkeit: „Nirgends ist ein Engel. Das Paradies ist leer.“

Michael Braun, Der Freitag, 21.10.2005

Land der Dichter

– Die moderne koreanische Lyrik ist beeindruckend vielfältig. –

Korea verfügt über eine jahrhundertealte poetische Tradition. Die ersten literarischen Texte, die nach der Einführung der koreanischen Sprache geschrieben wurden, waren Gedichte. Und manche lyrische Formen, wie das Kurzgedicht mit einer einzigen dreizeiligen Strophe, haben sich, ungeachtet neuer Strömungen, erhalten. So ist es mutig und verdienstvoll, dass sich mehrere Verlage darauf eingelassen haben, zum Gastlandauftritt auf der Buchmesse Einblick in die zeitgenössische koreanische Lyrik zu vermitteln.
Allen voran ist der Band Mogelperspektive von Yisang zu nennen. Der Dichter, der 1910 in Seoul geboren wurde und 1937, von den Japanern der Spionage verdächtigt und inhaftiert, in Tokio an Tuberkulose starb, gilt als Wegbereiter der Moderne in Korea. Er führte das Leben eines Bohemien, flanierte in weissem Smoking, Lederhandschuhen und Strohhut durch Seoul und hinterliess neben einem Roman, einigen Erzählungen sowie zahlreichen Essays etwa hundert Gedichte. Diese zeigen, dass die westliche Moderne mit ihren Sprachexperimenten, Wortspielen, Verfremdungen und Paradoxien auch nach Asien ausstrahlte. Der Zyklus Mogelsperspektive stiess 1934 in Korea auf so heftige Leserproteste, dass seine Veröffentlichung eingestellt wurde. …

Adelbert Reif, Tagblatt, 17.10.2005

Blüten der Freiheit

– Koreas Lyriker erzählen von Folter, Einzelhaft und der großen Gelassenheit des Alls. –

Es dauerte nur gut zwei Wochen, da wurde die Veröffentlichung seiner Gedichte in einer koreanischen Tageszeitung gestoppt. Im Sommer 1934 hatten die Leser wütend gegen die hermetischen Gedichte des Lyrikers Yisang (1910-1937) protestiert, da man sie als sehr unverschämt empfand. Was war passiert? Es waren Gedichte abgedruckt worden, in denen Buchstaben verschiedener Größe verwendet wurden, Diagramme auftauchten, Zahlen und Wörter aus anderen Sprachen. Teilweise fehlten die Leerzeichen zwischen den Wörtern, sodass unübersichtliche Wortschlangen entstanden.
Der Dichter Yisang hatte den Dadaismus und den Surrealismus nach Korea gebracht. Mit einem Mal war die literarische Moderne da, nachdem sich das Land für Jahrhunderte der Außenwelt gegenüber verschlossen hatte. Während dieser Zeit dichteten die konfuzianischen Gelehrten gemäß strengen literarischen Traditionen und verfassten vor allem Naturlyrik. Das Eindringen europäischer, amerikanischer und japanischer Einflüsse zog gesellschaftliche und politische Veränderungen nach sich. Die Verstörungen, die dieser Umbruch brachte, lassen sich an Yisangs Gedichten ablesen, die dem Gewirr der neuen Zeit typografisch und inhaltlich Ausdruck verliehen: „Wer sollte bei solch einer Angst / auch nur einen Schritt tun.“
Wie viele Intellektuelle jener Zeit hatte es Yisang 1937 nach Tokyo gezogen, um dort zu studieren. Hier hatte man über den Umweg der japanischen Übersetzung Zugang zur europäischen Literatur. Gleichzeitig aber war ein Aufenthalt in Japan problematisch, hasste man den Nachbarn doch auch dafür, dass er Korea seit 1910 annektiert hielt. Außerdem wurden die Intellektuellen kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in Tokyo streng kontrolliert. Auch Yisang wurde als „Denktäter“ aufgrund „antikolonialistischer Umtriebe“ festgenommen. Damit blieb er keine Ausnahme, und man könnte die Geschichte des modernen Korea und seiner Literatur durchaus als eine Geschichte der Inhaftierung seiner Dichter schreiben. Anders als in der europäischen Tradition besitzen viele koreanische Autoren bis heute eine starke gesellschaftliche Autorität, was sich auf die politische Position der vormodernen konfuzianischen Gelehrten zurückführen lässt…

Katharina Borchardt, Die Zeit, Oktober 2005

Krähenfüße und Mogelperspektiven

– Über die Schwierigkeiten beim Lesen koreanischer Literatur in Übersetzung. –

Anfangs freute sich unser Kritiker mit der Ostasienerfahrung diebisch. Er blätterte in der Redaktion durch eine Liste der Neuerscheinungen anlässlich des Korea-Schwerpunktes der diesjährigen Frankfurter Buchmesse und entdeckte, was er eigentlich wissen hätte sollen. Auf der Suche nach den leeren Flecken auf ihrer literarischen Landkarte sind die Veranstalter dieses Jahr in eine Grube voll ostasiatischer Lyrik gefallen.
Nur auf inständigste Bitten hin ermannte der Kritiker sich: Vor langer Zeit in Salzburg habe ihm einmal ein chinesischer Freund auf die Frage, ob er Heimweh nach China hätte, die Reproduktion einer klassischen Tuschezeichnung gezeigt: einen dieser fröhlichen, weisen Männer, Tee trinkend unter Bambus. Und dieser Chinese hatte dann gefragt, was er, der westliche Freund, bei der Betrachtung dieser Zeichnung fühle. In Ermangelung einer sich aufdrängenden Reinfühligkeit habe er damals spontan geantwortet: „Nichts!“. Jetzt, durch seine Ostasienerfahrung, könnte er dieses „nichts!“ immerhin mit kultivierter Höflichkeit ausstatten, was freilich viel Raum bräuchte, vom STANDART, um letztendlich doch wieder das „Nichts“ wirklich als Pointe zu servieren.
Nach einiger Überlegung versprach der Kritiker also die Besprechung eines koreanischen Klassikers: Nach Yisang ist immerhin der berühmteste Literaturpreis Koreas benannt. Die deutsche Übersetzung seiner Lyrik sei überdies gerade beim Droschl Verlag erschienen. Als wir ihn dann einige Zeit später telefonisch an seinen Abgabetermin erinnerten, klagte unser Kritiker, er sei in eine furchtbare Falle geraten: Eine Falle wäre, definitionsgemäß, das „Artefakt inmitten der Natur“, hier also inmitten der ihm wohl vertrauten Natur ostasiatischen Geistes. Yisang erinnere ihn nämlich weniger an jene Tuschezeichnung als vielmehr an die Texte der Wiener Gruppe, nur dass er schon in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts geschrieben hätte, orientiert an der japanischen Vermittlung der damaligen europäischen Avantgarde. Eines dieser Gedichte mit dem Titel „reguläres verfahren IV“ wollte er uns zitieren:

wer bist du aber du kommst vor meine tür und klopfst und schreist dass ich die tür öffnen soll auch wenn du mich nicht mit ganzer seele suchst und ich dich überhaupt nicht kenne kann ich dich nicht einfach ignorieren und will die tür öffnen aber die tür ist nicht nur von innen verriegelt sondern ohne dein wissen auch von außen verschlossen was nützt es sie allein von innen zu öffnen wer bist du dass du ausgerechnet vor der verschlossenen tür geboren wurdest?

Wir verstanden natürlich sofort, wozu der Kritiker ausgerechnet jetzt diesen Text anführte aber leider war es aus Termingründen unmöglich, ihn noch aus seiner Aufgabe zu entlassen, die er sich schließlich selbst gestellt hatte: Irgendeinen Zugang oder Ausweg werde er in seiner eigenen Falle wohl finden. Unser Kritiker meinte daraufhin, dieses Gedicht habe schon einmal jemandem geholfen, aus einer ausweglosen Situation zu entkommen: Der Übersetzerin von Yisangs Gedichten ins Englische, eine Koreanerin, hätte nach alter Sitte aus der Universität heraus mit einem ihr wildfremden Mann verheiratet werden sollen. Dem habe sie dieses Gedicht als Antwort auf seine Werbung gegeben und er hätte sie gehen lassen, großzügiger als wir, die ihm immerhin bekannte Redaktion. Wir würden wieder von ihm hören.
Dann trafen wir den Kritiker zufällig im Kaffeehaus, er versenkte sich sofort demonstrativ in das Buch und seinen grünen Tee. Die Publikation dieser Lyrik sei damals in Korea ein Presseskandal gewesen. Yisang sei, und er komme damit auf das uns schon am Telefon zitierte Gedicht zurück, in der damaligen Besatzungsmacht Koreas gelandet, in Japan, und dort eingesperrt worden wegen der absurden Anschuldigung „antikolonialistischer Umtriebe“. 27-jährig sei er an Tuberkulose gestorben. „Diese Texte schaffen es“, fing unser Kritiker dann unvermittelt an zu dozieren, „einen bei der eigenen Weltfremdheit zu nehmen. Und die kulturelle Entfernung zwischen Autor und Leser, das ist das Bemerkenswerte, spielt in der Übersetzung da kaum fühlbar hinein. Dabei sind diese Gedichte völlig unpathetisch, und, so weit man über Fremdheit überhaupt Verständliches sagen kann, ohne sie anzutasten, irgendwie auch verständlich“. Bevor er sich näher darüber äußere, wolle er aber zuerst eine Zeit lang mit dem Buch leben. „Nein“, sagte der Kritiker dann, plötzlich fast schreiend, er würde in der vorgegebenen Zeit keine Rezension der deutschen Ausgabe der Lyrik Yisangs beim Droschl Verlag mehr schreiben. Obwohl oder gerade weil er sich weiter der Lektüre dieser Gedichte widme, bekämen wir anlässlich der Frankfurter Buchmesse: Nichts! Er wiederhole es nur ungern: Nichts!
Ein späterer Anruf unsererseits sollte dann eigentlich nur die Möglichkeiten weiterer Zusammenarbeit klären. Der Kritiker erzählte, dass er zurzeit begeistert Yisangs Erzählungen auf Englisch lese. Ihn beschäftige derzeit, dass die Sammlung der Gedichte Yisangs auf Englisch „Krähenflüge“ und nicht „Mogelperspektive“ titelt. Die koreanische Literatur hat sich nämlich über lange Zeit hinweg der chinesischen Schriftzeichen bedient und nicht des später entstandenen koreanischen Alphabetes „Hangeul“. In der chinesischen Schrift aber unterscheidet sich das Zeichen für „Vogel“ und „Krähe“ nur durch eine Kleinigkeit, die leicht überlesen oder durch unsauberen Druck verdeckt werden können. Auch in der gesprochenen koreanischen Sprache unterschieden sich die beiden Wörter kaum: „Chogamdo“ und „Ogamdo“. Die Krähe sei im Deutschen also ein wenig willkürlich aus dem Buchtitel genommen für die Zweideutigkeit von „Vogel“ und „Mogelperspektive“. Und unser Kritiker möchte jetzt von uns hören: Ist das gut übersetzt?!

Christoph Leitgeb, Der Standart, 8.10.2005

Enter Korea

Die aufregendste lyrische Neuerscheinung des koreanischen Herbstes ist die Mogelperspektive von Yisang (1910-1937). Der beim Droschl Verlag erschienene Band sucht uns den bedeutenden Neuerer mit einer Eindeutschung der 1934 herausgekommenen Sammlung näher zu bringen. Die Prosagedichte stehen stilistisch quer zu allen Traditionen, sie verdanken sich einer illusionslosen Introspektion. Tragende Gefühle sind Leere und Verzweiflung. In immer enger werdenden Kreisen beschleicht den Dichter die Faszination existenzieller Grenzerfahrung, an der er uns lesend beteiligt. Der gandenlose Blick in den Spiegel beschleunigt sein Ende, denn „im spiegel ist kein laut / eine stillere welt gibt es wohl nicht“.
Yisang war ein Flaneur, der in dandyhaftem Aufzug durch das Seoul der 30er Jahre streifte und in seinem „Cafe zur Schwalbe“ die Avantgarde seiner Generation um sich scharte. 1936 ging er nach Tokio, wo er im Jahr darauf starb. Paradoxerweise wegen „antikolonialistischer Umtriebe“ festgesetzt worden, wobei diesen Subjektivisten die Sphäre des Politischen zeitlebens kalt ließ. Die Erkundung des Ich war sein großes Thema: „dies ist die illustration eines abkühlenden herzens…“

Heinz Müller, Buchhändler heute, 2005

 

Samuel Meister: Yisang, koreanischer Avantgardist
fixpoetry.de, 16.9.2016

Fakten und  Vermutungen zum Autor

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