Franz Hodjak: Im Ballsaal des Universums

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Franz Hodjak: Im Ballsaal des Universums

Hodjak-Im Ballsaal des Universums

WIENER CAFÉ

Immer wieder sind Leute dort
anzutreffen, wo sie nichts zu suchen haben,
auf der Fahrbahn, im Sperrgebiet der Träume,
in der Dunkelziffer, im falschen Bett,
und wenn du eine Frage nicht beantworten
kannst, hast du sie vielleicht nur falsch
gestellt. Der Mai ist für den April
eingesprungen, der im Krankenhaus liegt
oder streikt oder auf Kuba Urlaub macht.
Man repariert selbst das Auto, behebt
den Wasserschaden, und wenn einem nichts
Gescheites einfällt, läuft man zum Psychiater.
Da man mit Mädchen immer über
Mädchen sprechen musste, war deine erste
Liebe Paul Hindemiths Shimmy,
auf dem du leidenschaftlich geübt hast. Deine
zweite Liebe waren Burgruinen und alte
Friedhöfe. Gute Ideen waren immer schon
teuer, Illusionen noch teurer. Heute hütest du
dich, das Internet als Zweitwohnung zu
benutzen. Es gibt auch an alten Dingen immer
neue Seiten zu entdecken, wie zum Beispiel,
dass das Du auch ins Ich übergehen kann.
Immer mehr alte Mühlen werden umgebaut
zu Gasthäusern. Immer mehr Beschwerden
werden von immer mehr Beamten abgelehnt.
Die Zeit vergeht, indem sie vor sich selbst
wegläuft. Zum Kaffe esse ich gerne Ischler,
und wenn die Damenwahl aus der Mottenkiste
herausgeholt wird, gehe ich wieder tanzen.

 

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Das Glück von der Seite antanzen

Nach einer langjährigen lyrischen Pause zwischen 2017 und 2022 legt Franz Hodjak mit der vorliegenden Sammlung einen weiteren Gedichtband in kurzer Zeit vor. Der Titel, der dem Gedicht „Schneewalzer“ entnommen wurde, weist auf die ontologischen Fragen hin, die im Mittelpunkt des Bandes stehen. Die Aufmerksamkeit gilt dem Geschehen Im Ballsaal des Universums und damit auch dem Tanz, der zu den wiederkehrenden Topoi gehört und in die stete Bewegung passt, die das lyrische Ich prägt. Dieses ist mal auf der Flucht, mal „Auf Wanderschaft“ oder flaniert gerade. Dabei wird immer wieder festgestellt: „Vieles wird anders“ „und auch das, was bleibt, ist nur / auf der Durchreise“. Auch die Tänzer im Ballsaal wechseln: Im „Schneewalzer“ sind es Tiere, die Natur und die Menschen, die „bis ans Ende der / Welt, das sowieso nie kommt“ tanzen, anderswo sind es Bäume in der Manier von Objektgedichten („Mit den Bäumen tanzen“). Die verstorbene Mutter am Grab („Trauriges Saxophon“) und das Leben („Man kommt“) tanzen genauso wie der Harlekin („Der letzte Tanz“), sodass die Reminiszenzen von den Totentänzen des Mittelalters bis hin zu posthumanistischen Ansätzen unserer Gegenwart reichen. Ein „Diffuses Licht“ beleuchtet den Reiz und die Eigenart des Tanzes, der zeitweise auf ein bloßes Antanzen reduziert wird:

Du musst nun raus, und
im Park tanzt du das Glück
von der Seite an. Müde setzt du
dich auf die Bank neben
die Hoffnung, die sich auch
auf dieser Bank ausruht.

Im Ballsaal des Universums schließt sich thematisch den vorangehenden Bänden an, verschärft jedoch die Gesellschaftskritik und schlägt teilweise neue Töne an. In diesem Sinn wird die Konsumgesellschaft („Hasardeure“) oder die Erinnerungskultur schonungslos angeprangert („Zeit der Kommandos“). Auch das „traurige Glück“1 des Alltags gehörte bereits in Hodjaks früheren Bänden zu den zentralen Themen und erlangt im vorliegenden Buch neue Nuancen: Der Alltag ist noch stärker von der bitter-süßen oder der abgeklärt-heiteren Ironie geprägt, während dem Sarkasmus beziehungsweise dem Zynismus noch mehr Raum gewährt wird. Hodjak ging in einem Gespräch auf Nachfrage auf diese Art des Zynismus genauer ein und erörterte dabei auch die ihr zugeschriebene Funktion:

Ich bin, sagen wir, ein Adept des konstruktiven Zynismus. Das habe ich bei Seneca gelernt. Denn es gibt einen destruktiven Zynismus und einen erholsamen. Es gibt die Ironie, die Satire, das Groteske, es ist ein Raum, in dem man seine Freiheiten auslebt. Und der Zynismus ist dann die Steigerung auf dieser Skala. Und nicht destruktiver Zynismus, sondern Zynismus als Schutz.2

Der konstruktive Zynismus schafft also Schutz in einer Welt, die ihrem Untergang zusteuert und deren Kritik nicht zu überhören ist. Dabei mischt sich bittere Ironie mit heiterer:

und der Ziegel, der einen nicht trifft, versucht es immer wieder

 

(„Man lebt“).

Die spöttische Tonlage wird, wenn sie der Kritik dient, nicht unterdrückt:

Zu Gewittern, Demos, Schlichtungen kommt
es immer wieder. Und wenn die Beteiligten nicht
gestorben sind, so demonstrieren sie noch heute.

In ähnlichen Momenten, etwa in den sarkastischen Zeilen an die Adresse der EZB („Vieles wird anders“) werden die Gedichte politisch. Was Hodjak diesbezüglich andernorts im Kontext der Diktatur kritisch reflektiert, gilt auch für andere Situationen:

Die Literatur hat fünf, sechs und mehr Funktionen. […] An erster Stelle muss immer die ästhetische Funktion von Literatur stehen. Die politisch-ideologische Funktion steht – in ruhigen Zeiten – an vierter, fünfter Stelle. Aber in Diktaturen rückt sie zumindest an zweite Stelle. Man kann in einer hochbrisanten politischen Situation nicht apolitisch schreiben. Das geht gar nicht. Das gefährdet aber zugleich die Literatur.3

Das Primat des Ästhetischen und der Sprache kommt in Formulierungen zum Ausdruck wie:

Das Wahre steht gegen die Wahrheit, und wir haben
die Pflicht gegenüber den Wörtern, sie besser miteinander
bekannt zu machen

 

(„2. Elegie“).

Dieser Pflicht geht der Band, der die eigene Verfahrensweise auf einer Metaebene genau reflektiert, minutiös nach. In diesem Sinn reflektiert er („Wiener Café“) den Übergang vom lyrischen Du der ersten Gedichte zum lyrischen Ich:

Es gibt auch an alten Dingen
immer neue Seiten zu entdecken, wie zum Beispiel,
dass das Du auch ins Ich übergehen kann.

Ähnlich wird der Umgang mit der Sprache reflektiert:

Ich durchquere den Raum aus dem
Hundertsten ins Tausendste, wo die Sprache wohnt, arbeitet und lebt.

Im zitierten „Ich biege ab“ führt der lyrische Weg, auf dem Bobrowski überholt, „in meine eigenen Vorstellungen von Geschichten“.
Das Ich der Gedichte ist schonungslos kritisch-selbstreflexiv und fragt in Goethescher Manier („Wasser“) nach Dichtung und Wahrheit:

Ich stehe am Ufer
und frage mich, kann ich dem
Gerede des Flusses trauen, was ist
Dichtung, was ist Wahrheit.

Dieses Ich ist ein an Villon erinnernder ewiger Vagant, der immer wieder anscheinende Selbstverständlichkeiten hinterfragt:

Wieso musss
es schmerzen,
in fremder Erde im
ewigen Frieden zu
liegen?

 

(„Fragen eines Vaganten“).

Der Vagant als wiederkehrende Figur des Bandes und überhaupt der Lyrik Hodjaks – aber nicht nur, man denke etwa an den Roman Ein Koffer voll Sand – ist mit seinem Gegenüber genauso schonungslos wie mit sich selbst. Sein Alltag („Über Gräbern weht der Wind“) ist vom Flanieren und atmosphärisch u.a. von Marlene Dietrich bestimmt, sodass der Pazifismus indirekt auch mitschwingt. Überhaupt ist die Musik ein wichtiger Referenzpunkt dieser Dichtung, denn „für jede Gemütslage gibt es eine Klaviersonate, / für jeden Entschluss eine Saxophoneinlage“ („2. Elegie“). Paul Hindemith, Chubby Checker, Giuseppe Verdi, Johannes Brahms, Arnold Schönberg oder Stevie Wonder prägen mehrere Stimmungsgedichte und gehören zum musikalischen Hintergrund dieser Lyrik. Bezeichnenderweise wird Bonnie Tyler nur vom Nachbar gehört, und ein Trauriges Saxophon verschönert den Alltag beziehungsweise trägt zum resignierten Glück im Zeichen des Todes bei, für den der Walzer am Grab der Mutter steht. Die Rolle der Musik für das lyrische Ich fasst es selbst zusammen.

Die Zeit macht es möglich, daß ich schnell
reifte, die Musik machte
es wahr.

 

(„Der letzte Tanz“)

Das lyrische Ich versteht sich auch immer wieder als Teil eines kollektiven und inklusiven Wir, das keine nähere Definition erfordert, obwohl sie variiert. Mal bezieht es sich auf die ganze Gesellschaft, mal auf ein kollektives Wir auf der Flucht, das auf „Umwegen“, so auch der Titel eines Gedichts, aus der Angst nach Berlin kommt und sich selbstironisch als „Quereinsteiger“ in die Förderprogramme bezeichnet – ein Hinweis auf die deutschsprachigen Literaten aus Rumänien.
Die scharfe Gesellschaftskritik („Umwege“) ist nicht zu überhören:

Wir werden immer reicher,
zählt man den Reichtum
der Sprache dazu.
Und die Hoffnung bringt uns
ins Haus, der Tod
trägt uns wieder hinaus.

Dilemmata werden nicht aufgelöst:

Lieber etwas verändern,
statt zu flüchten, das
sagt sich leicht daher.

 

(„Blöder Tag“).

Den Frust muss man aushalten, keiner wird verschont, tröstend wirkt nur die gnadenlose Ehrlichkeit des lyrischen Ich und Stimmungsbilder wie in „Wäre nicht Samstag“ oder „Räuberleiter“. In beiden erzeugen surreale Bilder, Dali lässt grüßen, eine Ruhe, die nur denen gewährt ist, die (wie im „Morgenstück“) über sich sagen können:

Mein Körper ist schon angekommen,
meine Gedanken suchen noch,
meine Seele wird nie irgendwo ankommen.

Diese stoische Gelassenheit gepaart mit der mehrfach erwähnten nuancierten Ironie zwingen stellenweise trotz düsterer Stimmung und Aussichten zum Schmunzeln.
Passend zu immer wieder eingeblendeten Untergangszenarien erzeugen viele Gedichte eine posthumanistisch anmutende Atmosphäre, die stellenweise einen spöttisch-ironischen Unterton hat: Vermenschlichte Tiere treten als Handelnde auf, sodass die Meisen gerade begonnen haben Deutsch zu lernen („Brunch“), und die Rotkehlchen „sich bei Kaffee und Kuchen / im Weingarten“ („Befindlichkeiten“) treffen. Die Natur ist nicht nur Schauplatz, sie liefert etwa in Mauerseglern nicht nachahmbare Beispiele für die Menschen, denen auch kein Gott, geschweige denn eine Kirche mehr helfen kann. Das Kirchengebäude ist nunmehr eine Multifunktionshalle, „im Sinne Gottes, der sich ja nicht / nur um die Belange der Kirche kümmert“ („Brunzen“). Gott sowie die griechischen Götter sind wiederkehrende Referenzpunkte und jeweils individuelle Vorstellungen, die auf dem „Dach der Welt” wohnen („Am Ball“). Es wird im heiter ironischen Ton nachsinniert:

Vielleicht hätte Gott sich mehr Zeit nehmen
müssen für die Schöpfung, dann sähe die Welt sicher
besser aus, und wir müssten nicht so viel
über sie lachen. Vielleicht aber sagte er sich,
wer lacht hat weniger Angst

 

(„2. Elegie“).

Ähnlich wird danach gefragt, ob Gott Träume oder Alpträume hat. Es fehlen auch nicht die aus Hodjaks früheren Bänden bekannten Schutzengel, wobei ihr Auftritt weit seltener ist. Sie sind Referenzpunkte („Durch die Camargue wie ein Vagant“) oder Hoffnungsträger („Morgenbilder“, „Cherubim“) für den Vaganten, der ein „südostlicher Sproß Postkakaniens“4 ist.
Die spielerische Frechheit vieler aphoristischer Gedichte trägt auch zur Lösung der düsteren Stimmung bei:

das Stundeglas
braucht Sand,

 

die Liebe Abstand,
die Sprache Sätze,
die nicht nur

 

träumen,
und der Traum

 

eine Türe,
die klemmt

 

(„Lob der Notwendigkeit“).

Dabei stellt ein unerwarteter Dreh immer wieder das Gleichgewicht wieder her, um es mit Hodjak („1. Elegie“) zu sagen:

Wie jedes Haus einen Hinterausgang hat,
braucht auch jeder Gedanke
einen Hintergedanken, durch den er
verschwinden kann.

Es zeigt sich also immer wieder ein kleines Schlupfloch, bevor man sich der Hoffnungslosigkeit ganz übergibt.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass uns Franz Hodjak zu einer „Wanderung hinaus aus den / Klischees, vorbei an der Blässe der Randviertel“ unserer Existenz einlädt, so die Zeilen des Gedichts „Es muss nicht einfach sein“. Dabei dürfen wir zuschauen, wie „das Glück mit dem Zufallsgenerator spielt, in / dem wir alle eingetragen sind“ („Blindgänger“), oder wir können mit Hilfe einer Räuberleiter der Erinnerung „durchs Fenster steigen und / sehen, ob wir noch die / sind, die wir waren“.

Enikő Dácz, Nachwort

 

Das lyrische Ich dieses Bandes

beobachtet die Welt mit wohlwollender Skepsis. Die Gedichte entbehren jedweder Euphorie und speisen sich aus der heiteren Ruhe und Sehnsucht eines Reisenden, für den die stete Bewegung am wichtigsten ist. Rückblickend auf Städte und Orte kommt er zu immer neuen Erkenntnissen und ruft Erinnerungen wach, die er mal mit subtiler, mal mit bissiger Ironie hinterfragt Ständige Referenzpunkte sind die Musik – ob von Brahms, Marlene Dietrich oder Ray Charles – und die Natur.
Hodjak lädt uns auf eine „Wanderung hinaus aus den / Klischees vorbei an der Blässe der Randviertel“ unserer Existenz ein, bei der wir zuschauen dürfen, wie „das Glück mit dem Zufallsgenerator spielt, in / dem wir alle eingetragen sind“.

danubebooks, Klappentext, 2023

 

Schöpfer von Schlaf, Träumen, Gegenwelten

– Franz Hodjak, gebürtiger Hermannstädter, ist fast 80 Jahre alt und kein bisschen müde. Kaum ist man mit der Lektüre der vier Gedichtbände, die er im letzten Jahr veröffentlicht hat, fertig geworden, schon gibt es Nachschub von ihm. Im Ballsaal des Universums heißt seine neue, vom Ulmer Verlag danube books publizierte Lyriksammlung. –

Der Strom seiner Gedichte reißt nicht ab, glücklicherweise, und wird inzwischen nicht einmal mehr von Kapitelmarken unterbrochen. Man liest Gedicht nach Gedicht, im Ohr noch das Echo der vorigen: „Mit mir hätte ich weniger zu tun gehabt, / hätte es diese anderen nicht gegeben, die gewaltsam / versuchten, die Sprache zu besetzen, die Erinnerung // zu enteignen, mich aus den Träumen zu werfen“, schrieb Hodjak im Gedicht „Nachtrag“, erschienen im Band Alles wurde privatisiert, selbst die Funklöcher und die Schatten in Platons Höhle (2022). Unmetaphorischer lässt sich das Paradox seiner Erleidenslyrik nicht formulieren. Ohne jene anderen wäre das Leben unbeschwerter verlaufen, ohne sie hätte es jedoch keine poetische Selbstbezeugung gegeben. Sprechen, Erinnern, Träumen wären selbstverständliche Kommunikationsformen geblieben und nicht zum schützenswerten Kapital des Menschen geworden, der, indem er es verteidigt, zu einem genuinen Dichter auf dem Weg zu fundamentalen Einsichten wird. Nur müssen Leiderfahrungen nicht zwingend politischer Natur sein – Hodjak spielt auf den von ihm schmerzlich erlebten rumänischen Kommunismus an –, um die Grundlage von Erleidenslyrik zu bilden. Ihr kann alles Leid der Welt Grund genug sein.
Auch Im Ballsaal des Universums ist eine biografisch motivierte Auseinandersetzung mit dem Selbst und auf existenzielle Differenzen angewiesen: „je mehr die Welt / von unseren Vorstellungen abweicht, / desto origineller ist sie“, heißt es einmal, und ein andermal:

Aus allen Richtungen
kamen wir, Andersdenkende,
Andersgläubige, Andersfarbige.

Erleidenslyrik tritt hier einerseits in Gestalt von Zynismus auf, mit dem neue wie alte Herausforderungen und Missstände überzogen werden, wobei Hodjak seine Lebensanschauung, wie aus dem instruktiven Nachwort von Enikő Dácz hervorgeht, als konstruktiv verstanden wissen will, als Selbstschutz, etwa vor kapitalistischer Ideologie: Die Wandertouren der EZB finden „auf dem Schuldenberg“ statt und sehen „exklusive Übernachtungen“ und ein „lukullisches Picknick“ vor; Hoffnung ist das Produkt von Rätselangeboten. Es ist ein Zynismus, der Träume und Illusionen hinter sich gelassen hat, mit einer Ausnahme, der einzigen vielleicht: Musik. Sie schaffe die schönsten Illusionen.
Andererseits als Gedankenlyrik, in der das Erleben philosophisch durchdrungen ist und nur noch als Schatten auf die Schlussfolgerungen, Pointen, Aphorismen fällt, die aus ihm gezogen wurden und sich zu einem Referenz- und Korrespondenzsystem über Gedichte und Gedichtbände hinweg collagieren. Ein Beispiel: Das Eingangsgedicht „Flucht“ korrespondiert mit dem Gedicht „Man kommt“. „Je leichter / das Gepäck, / umso endgültiger bis du / gegangen“, heißt es in jenem. Erinnerungen sind „das schwerste Gepäck“, weiß wiederum dieses.
Auch die Naturlyrik des Bandes ist voller Ernüchterung. Sie trägt Spuren der Gewalt. Die Kormorane beseitigen Blutflecken; der Fluss zeigt immerhin Haltung und „gibt seine Leichen / nicht der Schaulust preis“; der Naturliebhaber möchte am liebsten mit den Bäumen tanzen, um „ihnen / das Bewusstsein dessen // zurückzugeben, was sie und / ihr Stolz einmal waren“.
Es ist also nicht so, dass hier nur Zynismus herrschte. Die Traurigkeit angesichts des desolaten Zustands der Welt zeigt sich bisweilen ungeschützt. Die Tänze, die getanzt werden, sind traurige Tänze, selbst wenn der Tanzende ein Harlekin ist: „Der Herbst / war immer schon die Zeit / der scharfen Konturen, der Verluste, des / Einmaleins des Überlebens“:

Endlich findet
zusammen, was zusammengehört, nämlich
der Harlekin und der letzte Tanz.

Trotz allem gibt es auch Momente des Widerstands. Er zeigt sich an der Definition der Künstler als „Vaganten“ oder als „Schöpfer von Schlaf, Träumen, / Gegenwelten“ und daran, dass sie ihre Liebe zur Sprache als gefährdet ansehen, sei es, weil der Nachbar mit der Axt auf die Sprache einschlägt oder weil nicht ausgemacht ist, „dass die Geschichte doch / noch die Kurve / kriegt“. Liebe zur Sprache, das ist eine mögliche Übersetzung des Worts „Philologie“, und die Aufgabe des dichtenden Philologen, so sieht es Hodjak, besteht darin, die Wörter „besser miteinander / bekannt zu machen“.
Man staunt einmal mehr über die poetisch-philosophische Kraft, die Franz Hodjak aus individueller Erinnerung bezieht und die er kollektiven Gedächtnissen abringt. Ausgestattet mit einem selten gewordenen Geschichtsbewusstsein beweist er auch in Im Ballsaal des Universums, dass es möglich ist, als skeptischer Gesellschaftsanalytiker Gedichte ohne ästhetische Einbußen zu schreiben. Zwischen den Zeilen empfiehlt er uns die Wiederlektüre seines Bruders im Geiste Johannes Bobrowski. Wir sollten der Empfehlung nachkommen.

Alexandru Bulucz, Siebenbürgische Zeitung, 28.9.2023

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Maria Rudolph: Schärfer im Ausdruck
Hermannstädter Zeitung, 8.9.2023

Réka Jakabházi: Hodjak, Franz: Im Ballsaal des Universums
Klausenburger Beiträge zur Germanistik

@brandt_timo: Franz Hodjak: Im Ballsaal des Universums
instagram, 13.5.2024

 

 

 

Alexandru Bulucz: Erleidenslyrik

„Der Raum hat mich geprägt“: Interview mit Franz Hodjak in Usingen

Eine Lesung  von Franz Hodjak aus unveröffentlichten Texten und ein Gespräch mit den Autoren Werner Söllner und Peter Motzan am 27.5.1992 im LCB.

 

 

Enikő Dácz spricht mit Franz Hodjak über Die Erfahrung der Bewegung

 

Zum 60. Geburtstag des Autors:

Peter Motzan: „Ich wohne in einem Türrahmen“
Ostragehege, Heft 35, 2004

Zum 70. Geburtstag des Autors:

Tom Schulz: Sehnsucht nach Feigenschnaps
Neue Zürcher Zeitung, 26.9.2014

Georg Aescht: Mühlen antreiben, doch welche? Franz Hodjak (70) weiß Letzteres nicht und tut Ersteres erst recht
Siebenbürgische Zeitung, 19.10.2014

Zum 80. Geburtstag des Autors:

Alexandru Bulucz: Meister der Erleidenslyrik
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.9.2024

 

Fakten und Vermutungen zum Autor + KLG + IZA
Porträtgalerie: Brigitte Friedrich Autorenfotos + Dirk Skibas Autorenporträts + IMAGO + Keystone-SDA
shi 詩 yan 言 kou 口
Nachrufe auf Franz Hodjak: FAZ ✝︎ FR ✝︎ Siebenbürgische Zeitung ✝︎ Hermannstädter Zeitung ✝︎ ADZ ✝︎

 

 

 

Franz Hodjaks Laudatio zum Siebenbürgisch-Sächsischer Kulturpreis 2013 in der St.-Pauls-Kirche Dinkelsbühl.

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