Felix Philipp Ingolds Skorpioversa – Sounddance vs Sentence (Teil 1)

Sounddance vs Sentence

 

Unverständlichkeit, Dunkelheit, Rätselhaftigkeit – generell: Hermetismus – gilt bekanntlich seit jeher als eine besondere Qualität dichterischer Rede und verleiht ihr einen abgehobenen (magischen, sakralen, bisweilen elitären) Charakter. Die «Literaturrevolution» der europäischen Moderne hat sich diese Qualität vorübergehend auf eher spielerische Weise zueigen gemacht in Form «transmentaler» Lautpoesie, wie sie damals von Futuristen, Dadaisten, Expressionisten praktiziert wurde, mit der Forderung nach dem Einsatz des «Worts als solchen», das heisst – des Worts in seiner akustischen und visuellen Gegebenheit, «befreit» von seiner üblichen Funktion als Bedeutungsträger.
Texte solch formalistischer Machart (etwa bei Ball, Schwitters, Iliazd, Krutschonych, Chlebnikow, Marinetti) sind ebenso «unverständlich» wie Texte in unverstandenen Fremdsprachen, und sie muten denn auch ebenso rätselhaft an: Der Entzug von Bedeutung wirkt in Texten jeglicher Art allemal verstörend, wenn nicht gar provokant. Doch Provokation gehörte ja, gerade auf der Ebene der sprachlichen Instrumentierung, zur Taktik der damaligen literarischen Avantgarde – statt kohärenter Aussagen waren Klangexperimente gefragt.
Eine prägnante Formel dafür hat (im Hinblick auf “Finnegans Wake”, 1923-1939) James Joyce geprägt: «Instead of the sentence, the sounddance.» Die Formel mit dem approximativen Gleichklang von sentence :: sounddance ist gleichermassen befreiend und produktiv. Angesichts der oftmals beklagten, bisweilen auch gerügten oder ironisierten «Schwierigkeiten», die Joyce in manche seiner Texte absichtsvoll einbringt, gibt sie der Ausdrucksebene den Vorrang vor deren kohärenter Bedeutungsfunktion und weist den Bedeutungsverlust beziehungsweise den Bedeutungsverzicht als einen Gewinn an sinnlicher Erkenntnis aus. Statt verstehen zu wollen, lässt sich der Leser von der Klangfülle des Sprachmaterials (Assonanzen, Reime usf.) mittelbar oder unmittelbar erregen – mittelbar bei der Suche nach korrespondierenden Lautqualitäten und etymologischen Verwandtschaften, unmittelbar durch spontane Hingabe an die Klangereignisse («sounddance»), die der Text als solcher zu bieten hat.
Der «Gewinn» des Bedeutungsentzugs und der Vorteil der Unverständlichkeit bestehen darin, dass beim Lesen eben dadurch umso mehr «eigensinnige» (subjektive, spekulative) Deutungen zum Zug kommen können. Dementsprechend notiert James Joyce an einer Stelle in «Stephen Hero» lakonisch: «Die Ausdrücke kamen zu ihm mit der Bitte: deute uns.»

… Fortsetzung am 28.9.2026 …

© Felix Philipp Ingold
aus unveröffentlichten Manuskripten

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