WIDMUNGSGEDICHT
der vater
ist tot
die mutter
ist tot
ich schreibe
daß der vater
tot ist
daß die mutter
tot ist
du
schreibst dann
daß ich
tot bin
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Jandls letzte Gedichte
– Editorische Notiz. –
if it makes you happy,
why the hell are you so sad
(Sheryl Crow)
In der Zeit vor Jandls Tod wurde verstärkt wieder über einen Band mit neuen Gedichten von ihm gesprochen. 1996 war peter und die kuh erschienen, die letzte Veröffentlichung eines neuen Gedichtbands von Ernst Jandl. Allerdings verhinderten seine Lebensverhältnisse in den letzten Jahren ein kontinuierliches Arbeiten. Er wurde häufiger ins Krankenhaus eingewiesen, seine schlechter werdende Gesundheit zwang ihn zu längeren Pausen, dann zum Umzug in eine neue Wohnung. Was er zum Schreiben an Manuskripten in den unterschiedlichsten Fertigungsgraden benötigte, blieb in der alten Wohnung zurück – für jemanden wie Jandl, der auf festgefügte Ordnungen einen großen Wert legte, eine schwierige Situation. Dennoch: Das sporadisch immer wieder geführte Gespräch über einen neuen Gedichtband wurde fortgesetzt. Für die Tage nach Pfingsten 2000 war in Wien ein Treffen verabredet worden, um möglicherweise erste Manuskripte zu sichten, einen genauen Plan, mit welchen Arbeiten die Zeit ausgefüllt werden würde, gab es nicht. Vier Tage vor diesem Treffen, am 9. Juni, starb Ernst Jandl.
Während dieser vorbereitenden Gespräche war sich Jandl keineswegs sicher, ob er über ausreichend viele Gedichte für ein neues Buch verfügen würde. Wenn er schlechter Stimmung war, sprach er davon, daß er kein einziges neues Gedicht habe. Seit er sich in der neuen Wohnung (ab 1999) befände, darauf kam er in den Wochen vor seinem Tod öfter zu sprechen, sei seine Produktion vollkommen zum Erliegen gekommen, länger als jemals zuvor, seit er 1952 mit Schreiben begonnen hatte. Abschreckend wirkten diese hin und wieder formulierten Befürchtungen nicht: Bevor die Arbeiten an dem Band peter und die kuh begonnen hatten, warnte Jandl ebenfalls virtuos: Es gäbe nichts, und es würde sich nicht lohnen, mit der Suche nach neuen Manuskripten überhaupt zu beginnen. Bald stellte sich damals jedoch heraus, daß Jandl ein großes Reservoir an Gedichten besaß, weitaus größer, als man sich anzunehmen erlauben durfte, wenn man Jandls Warnungen in ihrem ganzen Ausmaß ernst genommen hätte. Nichts sprach also dagegen, daß er auch nach Erscheinen von peter und die kuh in den bei ihm zu beobachtenden zyklischen Auf- und Abschwüngen seine Arbeit fortgesetzt hatte. Es war sogar durchaus vorstellbar, daß es auch aus den Jahren vor Erscheinen von peter und die kuh noch Gedichte gab, die dem Herausgeber unbekannt geblieben sind und an die sich der Autor damals nicht erinnerte. Jandl hatte sich schon einige Zeit davor in einen Dichter verwandelt, der zwar Gedichte schrieb und den Gedanken an neue Gedichte nie aufgab, aber kein Bewußtsein mehr von seiner Produktion besaß.1
Ermutigend war, daß sich Jandl auf Gespräche über die Wünschbarkeit eines neuen Gedichtbands überhaupt einließ. Mit Gesprächen dieser Art hatte auch die Arbeit an peter und die kuh begonnen, lange bevor der Autor oder der Lektor und Herausgeber auch nur ein Manuskriptblatt in Händen hielt. Ob diese Gespräche Jandl – im Unterschied zu peter und die kuh – dazu gebracht haben, sich eine erste Grundlage für die Arbeit zu schaffen, indem er Material für dieses Buch zu sammeln begann, oder ob er herausfinden wollte, ob seine pessimistische Sicht die realistischere war, läßt sich nicht sagen. Jedenfalls fanden sich nach seinem Tod zwei Einschlagmappen unterschiedlicher Dicke gut sichtbar auf seinem Schreibtisch plaziert. In der einen Mappe befanden sich knapp 100 Blätter, vorwiegend mit Schreibmaschine hergestellte Typoskripte. Zuoberst lag ein mit Füller geschriebenes Manuskriptblatt, eines der wenigen Ausnahmen in diesem Ordner, das mit „gott ist rot“ begann und das in diesem Buch an vorletzter Stelle seinen Platz bekam. Diese Einschlagmappe aus weicher Pappe war oben rechts in Jandls üblicher Handschrift mit einem in Klammer gesetzten + gekennzeichnet. Jandl benutzte einen Bleistift dazu. Darunter lag eine um vieles schmalere Einschlagmappe mit 10 Typoskripten. Diese Mappe trug ebenfalls mit Bleistift geschrieben und in Klammer gesetzt ein –.
Wie gesagt: Es ist denkbar, daß Jandl sich mit einer Vorauswahl für ein neues Buch zu beschäftigen angefangen hatte oder (vorsichtiger gesagt) zumindest jenes Material zusammengetragen hat, das ihm eine Weiterarbeit an seinen Texten ermöglichen sollte. Er reagierte gerne auf Anlässe und Anregungen, und die Nachricht, daß die Sammlung Luchterhand neu gestartet werden würde und ein Band mit neuen Gedichten von ihm an erster Stelle stehen und die Reihe eröffnen könne, hatte ihm sehr zugesagt. – Die Mappe mit dem + wurde als Grundlage für diesen Band mit Letzten Gedichten genommen, allerdings konnte nur ein Teil der darin enthaltenen Manuskripte in diesem Band aufgenommen werden. Oben lagen jene Gedichte, deren Bearbeitung Jandl als abgeschlossen angesehen haben wird. Je weiter man in das Typoskriptkonvolut hineinblätterte, um so mehr stieß man auf Bruchstücke und Ansätze zu Gedichten.
Im Flur der Wohnung, die Jandl von 1974–1999 ununterbrochen bewohnte, fanden sich weitere Ordner und Mappen mit Manuskripten. Neben den Ordnern, die Jandl während der Arbeit an der ersten Werkausgabe von 1985 bereits angelegt hatte, fanden sich weitere Mappen. Diese Manuskripte wollte er nicht an das Österreichische Literaturarchiv überstellen, das seinen Nachlaß erworben und damit begonnen hatte, die erworbenen Materialien in das Archiv zu überstellen. Fünf Manuskriptsammlungen mit hauptsächlich lyrischem Material enthielten Gedichte für Jandls Letzte Gedichte:
- ein Leitz-Ordner mit Typoskripten, aus denen er gelegentlich vorlas, wenn er nicht nur auf erprobte Texte zurückgreifen, sondern Unbekanntes vortragen wollte
- ein Leitz-Ordner mit der Aufschrift „Zur weiteren Bearbeitung“
- zwei Flügelmappen ohne Beschriftung
- eine Flügelmappe mit Gedichten in Handschrift.
Die Ordnung in allen diesen verschiedenen Ordnern und Mappen ähnelte sich jeweils: Die meisten Texte hatte Jandl auf grobem, holzhaltigem Papier mit einer mechanischen Schreibmaschine getippt. Zwei Ordnungsprinzipien überschnitten sich: Die Typoskripte waren in eine grobe chronologische Reihenfolge gebracht. Die Typoskripte mit jüngerem Entstehungsdatum lagen zuoberst; daran schlossen sich einzelne Gedichte und Bruchstücke von Gedichten (mit zunehmenden handschriftlichen Zusätzen) aus erkennbar früheren Arbeitsphasen an. Gleichzeitig war Jandl bestrebt, die Gedichte, die er als fertig betrachtete, zuoberst zu legen und die unfertigen Gedichte nach hinten zu sortieren. In Einzelfällen befanden sich aber auch bereits publizierte Gedichte in ihren verschiedenen Typoskriptstadien in diesen Sammlungen.
Vor allem bei den beiden Leitz-Ordnern ließ sich erkennen, in welchem Umkreis viele der darin enthaltenen Manuskripte entstanden sein werden. Der erste Ordner barg auffallend viel Material aus den 80er und den späten 70er Jahren, das Eingang in den Band idyllen gefunden hat. In dem mit „Zur weiteren Bearbeitung“ gekennzeichneten Ordner fand sich Material, das sich den Gedichtbänden die bearbeitung der mütze und der gelbe hund zuordnen ließ. Allerdings waren auch wenige Texte aus viel früheren Arbeitsphasen in diesen Ordnern zu finden.
Entnommen wurden diesen Ordnern und Mappen die intakten Gedichte jüngeren Entstehungsdatums, die in keiner offensichtlichen Beziehung zu einem der Gedichtbände standen, die Jandl früher publiziert hatte (und die von ihm möglicherweise aussortiert waren) und die in den Umkreis jener Gedichte gehörten, die in der mit + markierten Mappe enthalten waren. Daraus ergab sich ein Konvolut von Gedichten, die in den Jahren 1990–1998 geschrieben wurden, die Mehrzahl in der ersten Hälfte der 90er Jahre. (Aufgenommen wurde kein Gedicht, das bei der Zusammenstellung von peter und die kuh schon bekannt gewesen wäre).
Dieser nun vorliegende Band kann als Gedichtband angesehen werden, der von ihm selber publiziert worden wäre. In diesem Buch sind die Gedichte Ernst Jandls versammelt, die er zuletzt geschrieben und noch nicht publiziert hatte, und dieser Band entspricht auch insofern seinen Intentionen, die er mit den meisten seiner Gedichtbände verband – ihn mit allen seinen literarischen Möglichkeiten zu zeigen, die er sich in den jeweiligen Jahren erarbeitet hatte.
Der Titel „Letzte Gedichte“ spielt darauf an, daß Jandl in vielen dieser Gedichte „letzte Dinge“ als Material benutzte und daß die offene und verdeckte Beschäftigung mit diesen Themen auch gewisse Rückwirkungen auf die Form der Gedichte hatte. Jandl ahnte, daß seine Zeit knapp werden würde, und dieses Gefühl hat ihn anscheinend in der Neigung bestärkt, sich kürzer zu fassen, kürzer häufig sogar, als er sich früher in seinen ohnehin prägnanten Versen sonst schon faßte.
Reihung und moderate Auswahl (aus Gründen der literarischen Tendenz des Buchs) hat wie seinerzeit bei dem Band peter und die kuh sein Lektor übernommen. Es gehörte zu der Aufgabenteilung zwischen Autor und Lektor, daß der eine für das Schreiben der Gedichte zuständig war, der andere sich mit den dann folgenden Aufgaben beschäftigte. Die Gedichte legten ihre Abfolge in diesem Band nahe: von kurzen Texten hin zu immer geräumigeren und umfangreicheren, von Versen, in denen von Frühling und Morgen die Rede ist, zu Sprachgebilden, die Abend- und Endstimmungen aufnehmen etc. Daß bei Formulierungen wie der vom „mißglückten tag“ auch an Jandls Todestag gedacht wurde und daß viele dieser Gedichte auf die Endlichkeit des Lebens reagieren bzw. als Reaktion darauf gelesen werden können, war eine der Überlegungen, die sich beim Nachdenken über eine mögliche Abfolge dieser Gedichte aufdrängte.
Am Ende sollte ein Gedicht aus den frühen 50er Jahren stehen. Damit wird nicht nur eine Eigenheit von Jandl aufgenommen, der bei der Zusammenstellung seiner Gedichtbände manchmal ein Gedicht aus früher Zeit mit Gedichten aus späteren Schreibphasen kombinierte („my own song“ z.B. in selbstporträt des schachspielers als trinkende uhr).
Mit dem Gedicht „das feuer“ schließt sich vor allem aber in zarten Andeutungen der Kreis zwischen Jandls späten Gedichten und seinem Anfang. In weit über 45 Jahren ist Jandl wie kein anderer viele Wege (darunter auch viele unbekannte Wege), die heute mit seinem Namen verbunden sind, gegangen. Er fühlte sich, wenn er an Gedichten schrieb, nichts als der Literatur verpflichtet und wollte deren Grenzen ausweiten. Einige Motive beschäftigten ihn dabei hartnäckig: Das Feuer als Bild gehört weniger dazu, aber sehr wohl eine Schönheit, die aus Gewalt und Vernichtung herrührt und bei Jandl mit einem Selbsthaß zu tun hat, der sich, obwohl Jandl unter Todesängsten litt, bis zu Selbstauslöschungsphantasien steigern kann. Zu den lebensfrohen Dichtern zählte Jandl nicht einmal bei seinem hoffnungsfrohen Beginn als Schriftsteller, und je mehr er in jene merkwürdige Dialektik verwickelt wurde, berühmt und immer berühmter zu werden, dabei aber gleichzeitig einsam und immer einsamer zu werden, um so weniger. Und damit ist man am Ende dieses Buchs auf Jandls Anfänge verwiesen und überraschend ebenso wieder in Zentrum seiner „letzten Gedichte“ angekommen.
Klaus Siblewski, Nachwort
In der Küche ist es kalt
Nein, Ernst Jandl hat sich in seinen letzten Jahren nicht zum Publizieren gedrängt. Das Alter erschien ihm nicht lustig, das Schreiben immer fragwürdiger, und auch der wachsende Ruhm konnte seine Depressionen nicht vertreiben. Für Handkes frohe Botschaft vom geglückten Tag hatte er nur die Umkehrung übrig:
ich beginne den mißglückten tag
Dennoch hing er am Tropf des Schreibens und hoffte inständig auf tägliche Produktion:
ein gedicht, ein einziges, kurzes gedicht
müßte doch
drin sein
Der aus gesundheitlichen Gründen erfolgte Umzug in eine neue Wohnung schnitt ihn, den Ordnungsliebenden, von den in Mappen und Ordnern abgelegten Materialien ab, die er zur Weiterarbeit benötigte. Dennoch fanden sich nach Jandls Tod zwei Mappen auf seinem Schreibtisch, die dickere mit einem eingeklammerten (+), die dünnere mit einem (–). Daraus und aus weiteren Mappen hat Klaus Siblewski einen Nachlaßband zusammengestellt. Jandls Letzte Gedichte sind also nach Titel, Auswahl und Komposition das Werk seines Lektors. Dennoch könne das Buch – so Siblewski – als Gedichtband angesehen werden, der vom Dichter selbst publiziert worden wäre.
Da sind immerhin Zweifel erlaubt. Schon bei dem Band peter und die kuh hatte es eine Arbeitsteilung gegeben, die Siblewski so definiert, „daß der eine für das Schreiben der Gedichte zuständig war, der andere sich mit den dann folgenden Aufgaben beschäftigte“. Man fragt sich, ob zu diesen Aufgaben auch die Aufnahme von Notizen und Vorstufen gehört – und sei es, um das Bändchen ein wenig aufzufüllen. Anders gewendet: Hätte man die vorhandenen Textvarianten nicht wenigstens kenntlich machen sollen? Ein Beispiel. „dann vielleicht“ und „letzte worte“ sind offenkundig solche Varianten. Sie unterscheiden sich hauptsächlich in einer Zeile. Aus „lebt wohl ihr lebenden“ wird „lebt wohl ihr weiterlebenden“. Stünden beide Fassungen nebeneinander, könnte der Leser sich ein Urteil bilden und womöglich der etwas sentimentalen Wendung an die „Lebenden“ die nüchternere an die „Weiterlebenden“ vorziehen. Sie ist ja auch dezidiert „letzte worte“ überschrieben.
Nun ist – ein Jahr nach Jandls Tod – gewiß nicht das letzte Wort der Jandl-Philologie zu sprechen. Und jeder Jandl-Fan ist für einen Band dankbar, der neben dem Vorläufigen und Skizzenhaften auch etliche Texte bringt, die noch einmal die Klaue des Löwen zeigen. Die Texte demonstrieren den altersgrimmigen und depressiven Poeten auch als Meister des Kalauers.
Er brilliert in den „computer gedichten“, die vielleicht nur deshalb so heißen, weil eins davon so beginnt:
komm, puter, truthahn, oder komm, butter
Stark und ungeniert ist Jandl auch in der sarkastischen, wahrhaft ins Fleisch schneidenden Betrachtung hinfälliger Körperlichkeit, vorzugsweise der eigenen. Die besonders obszönen Motive vertraut er dem Englischen an. Was es mit dem „joystick“ auf sich hat, kann so über die Geschmacksgrenzen hinaus exerziert werden. Jandls besondere Sprachscham, die sich in der Exhibition versteckt, war schon immer sehr ausgeprägt, und dem späten Dichter mag sie als eines seiner Leiden erschienen sein. Denn dieser Wortzweifler war ein verzweifelter Wortgläubiger. Nur einem inbrünstig Liebenden kann diese lapidare wie phantastische Reihung von Schmähungen einfallen:
metaphernspucke
buchstabenklosett
lyrikklistier
speichelreim
reimspeichelkäse
metaphernatter
schamhaaranagramm
poesiephimose
speichelkäsegedicht
pentametervers
silbenschiss
wortabort
Wie eigen der „pentametervers“ daraus hervorleuchtet, als letzte Erinnerung an eine Poesie, die noch wahr und schön sein konnte.
Wo das Wort so umworben und bezweifelt wird, ist der Glaube nicht fern, in diesem Fall ein barocker Ton von Beichte und Bekenntnis. Manchmal versucht der Dichter es noch ein letztes Mal mit Psychologie und Analyse. „Ich klebe an gott“, heißt es da, und das Gedicht schließt mit der Selbstbezichtigung, er sei feige und unfähig, „willentlich unterzutauchen ins unausweichliche“. Aber dann kommandiert die Poesie. Liedstrophe und Reim, die alten Ausdrucksformen von Frömmigkeit, setzen sich gegen die Selbstverhärtung durch. Vielleicht das anrührendste unter den Letzten Gedichten trägt den Titel „katholisches gedicht“. Gewiß, es ist eine Melange von Ironie und Verzweiflung, doch es lebt von Hoffnung wider alle Hoffnung. Auch der frech-fromme Schluß:
ich scheiß auf die sonne und hätte
so gern einen strahlenden sohn
eh ich in die erde mich rette
zu gott, muttergottes, gott sohn
Dagegen kommt Jandls persönliche letzte Botschaft sehr diskret daher, als „widmungsgedicht“, gerichtet an die Gefährtin seines Lebens und Schreibens. In einfachen Zeilen hält er fest, daß er vom Tod des Vaters und vom Tod der Mutter geschrieben hat, und schließt – um die Trias zu vollenden:
du
schreibst dann
daß ich
tot bin
Friederike Mayröckers Requiem ist die Erfüllung dieses Wunsches oder Auftrages. Der erste dieser sechs Texte ist wenige Wochen nach Jandls Tod, im Juli 2000, geschrieben. Er ist ein Zeugnis von Trauer und Erschütterung, und berührt den Leser durch seine zarte Empirie. Die Autorin fixiert das Bild des Dichters auf Krankenlager, der die im Oberlichtfenster erscheinenden Flugzeuge zählt, und zeigt ihn auf dem Totenbett, „1 Zähnchen, in die Oberlippe eingebissen“.
Aber der Leser soll auch den lebenden Jandl im Gedächtnis behalten, und so lesen wir eine Szene aus dem Winter 88, aus der unbeheizbaren Nordküche von Jandls Wohnung. Beim Suchen nach Manuskripten zieht die Freundin und Kollegin diesen Vierzeiler hervor:
In der Küche ist es kalt
ist jetzt strenger winter halt
mütterchen steht nicht am herd
und mich fröstelt wie ein pferd
Im Juni 2000, drei Tage vor Jandls Tod, schreibt Mayröcker dazu diese Kontrafaktur:
in der Küche stehn wir beide
rühren in dem leeren Topf
schauen aus dem Fenster beide
haben 2 Gedicht im Kopf
Dieses eine Gedicht, und die lebenslange Suche danach, ist nicht das einzige, das Ernst Jandl und Friederike Mayröcker verband. Das sie immer noch verbindet.
Harald Hartung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 9.6.2001
„Suche unsterbliche Seele. Zahle Höchstpreis“
– Aus einem Band mit Ernst Jandls jüngsten Texten sind nun die Letzten Gedichte geworden. –
„Jandl wollte wieder Gedichte veröffentlichen“, lesen wir im Klappentext, „und die Vorstellung, daß mit seinem Buch die neue Sammlung Luchterhand gestartet werden sollte, beflügelte ihn. Er unterstützte immer Bemühungen, Gedichte in preisgünstigen Ausgaben zugänglich zu machen. Aus dem geplanten Band mit neuen Gedichten ist nach seinem Tod“ – am 9. Juni des vergangenen Jahres – „nun die Veröffentlichung seiner Letzten Gedichte geworden“.
Der österreichische Autor wusste jedoch – schon seit Jahren – um seinen schlechten Gesundheitszustand, und so spielt in seine jüngsten Gedichte, die durch den Zugriff des Todes zu seinen letzten werden sollten, fast zwangsläufig die Vorahnung des Sterbens hinein und legt eine ganze Reihe seiner Texte auf dieses Thema fest. Gleich im ersten Poem, das sich in vereinzelten Druckzeilen über mehrere Druckseiten erstreckt, lesen wir:
suche unsterbliche seele; zahle höchstpreis
Einige der einschlägigen Poemata lesen sich ganz direkt und unmittelbar als lyrischer Reflex auf die Krankheitsgeschichte:
vibramycin
ob dieses medi-
kament und al-
kohol
einander aus-
schlössen
er meine wein;
nicht un-
bedingt
sagte mit
einem jä-
hen glanz im blick
der arzt, doch sie schlös-
sen
einander nicht unbedingt ein
Andere erfassen den krankheitsgesteuerten Alltag, den Gang zum Briefkasten zum Beispiel, oder apostrophieren ganz direkt das nahende Sterben:
letzte worte
und was wirst du dann sagen?
lebt wohl, ihr lebenden…
das heißt, wenn jemand bei mir ist
werde ich das vielleicht sagen
Einbezogen in diese Vorahnung des Todes sind Reflexe auf das Schreiben von Gedichten – so etwa:
ein gedicht, ein einziges, kurzes gedicht
müßte doch
drin sein
an diesem tag
heute, freitag
der 22.
februar
oder wenigstens
ein paar zeilen
konservierbar
für morgen
einen besseren
tag vielleicht
oder wenigstens
ein wort
ein einziges
einzelnes
wort (…)
Es handelt sich jedoch um keine herkömmliche Ich-Lyrik, sondern, wie schon in den letzten Buchpublikationen Jandls zu beobachten war, um den Versuch, eben diese Verse, die ganz unmittelbar aus dem Erleben zu kommen scheinen, durch Ableitungen aus dem literarischen Experiment neu aufzuladen und damit einem allzu dichten Lebensnexus zu entwinden. Folgerichtig heißt es deshalb unter dem Titel „leben und schreiben“:
was ich schreibe
ist nicht mein schicksal
was ich schreibe liegt außerhalb
meiner kreatürlichen existenz
mein schicksal kann davon zehren
was ich schreibe
und es kann ebenso
daran zerren
aber keine zeile wird am humbug
meines lebens verrotten
kein werk mein leben krönen
Jeder Text dieser Sammlung hat seine eigene formale Struktur; es kommt zu keinen Reim- oder Strophenschemata, die sich gleichen – so hat man den Eindruck einer größtmöglichen Vielfalt. Verfolgt man diese Perspektive durch die Summe der insgesamt siebenundneunzig Texte, die uns hier als Letzte Gedichte gegenübertreten, registriert man diverse Formen grammatikalischer Dekomposition, serieller Wiederholungen mit Variation, Wortverfremdungen, sub- bzw. surrealistischer Dialekt-Notationen etc. Von den kürzesten Gedichten mit zwei und drei Zeilen spannt sich der Bogen zu längeren Gedichten mit oft mehreren Strophen – und gelegentlich sind sogar kleine thematische Zyklen-Bildungen zu beobachten: so etwa zu Stichworten wie „sehen und hören“, „ohren“ oder „katholische reminiszenzen“, unter denen man auf folgende Verse stößt:
ich klebe an gott dem allmächtigen vater
schöpfer des himmels und aller verderbnis
und an seinem in diese scheiße hineingeborenen sohn
der zu sein ich selber mich wähne (…)
Der Englischlehrer, der Jandl über viele Jahre seines Lebens war, ehe er sich als Autor freisetzte, vergegenwärtigt sich in vier englischen Poems, aus denen wir unter anderem erfahren:
i still get letters asking me for readings;
i have them framed and put them on the wall
Hierher gehören auch fünf ausdrücklich als solche ausgewiesene „computergedichte“, die dem Leser signalisieren, dass der Autor sozusagen bis in seine letzten Lebensstunden nach Innovationen und Neuerungen im Bereich der Literatur Ausschau gehalten hat.
Ich schließe meinen Reflex auf Jandls Letzte Gedichte mit einem Hinweis auf „wahnsinniges gedicht“, das in seiner Art noch einmal über alles Gedruckte hinausweist, indem es den Horizont für das Nicht-Gesagte – für immer im Kopf des Dichters Verschlossene – und mit ihm zu Grabe Getragene öffnet.
weder durch flüstern, sprechen, schreien
heulen, tränen spritzen
noch spucken, schlucken, husten, kotzen
die nase schneuzen, in der nase bohren
ohrenausblasen, ohrenschmalz entfernen
sei es bislang aus seinem Kopf herausgekommen und je in die Form von Schrift gelangt:
es fraß ihm das gehirn auf;
wahnsinn dankt
Karl Riha, Frankfurter Rundschau, 18.9.2001
Ernst Jandls Letzte Gedichte sind erschienen
– 94 an der Zahl und doch nicht die Letzten. –
Letzte Gedichte, die Ernst Jandl vor seinem Tod im vorigen Jahr verfasst hat, wurden am Mittwoch in Berlin präsentiert. In den letzten beiden Lebensjahren Jandls, als er schon von Krankheit gezeichnet war, soll er immer wieder gesagt haben, es gebe „nichts Neues“ von ihm, er schreibe keine Gedichte, erinnert sich der Verlagsleiter von Luchterhand, Gerald J. Trageiser.
Als er den Künstler mit der Überlegung unterbreitete, die alte Sammlung Luchterhand mit neuen Taschenbüchern und vor allem Werken Jandls zu eröffnen, soll dieser aber doch sehr erfreut darüber gewesen sein und neue Werke produziert haben. Jandl wies den Verlag kurz vor seinem Tod darauf hin, dass sich in seinen drei Wiener Wohnungen vielleicht doch noch etwas finden lasse. Dort lagen auf Jandls Schreibtisch mehrere Dutzend neuer Gedichte in drei Mappen mit Hinweisen: „Zu veröffentlichen“, „vielleicht zu veröffentlichen“ und „zu veröffentlichen in meinem Nachlass“. Aus den ersten beiden Mappen sind letztlich 94 Gedichte im neuesten Band erschienen, für 2002 ist freilich Weiteres angekündigt.
Jandls Anliegen war es, seine Bücher auch in preisgünstigen Ausgaben anzubieten. So hatte er etwa ein Heftchen mit seinen Werken in Lizenz bei Reclam herausgebracht. Luchterhand war aber sein Stammverlag geblieben. Nun wird die von Otto F. Walter gegründete Sammlung Luchterhand neu aufgelegt: Jandl eröffnet sie mit seinen Gedichten und der Buchnummer „2001“.
APA, der Standart, 29.3.2001
Der schriftliche Tod
– Zwei Bücher über und Letzte Gedichte von Ernst Jandl. –
„Autobiographie unterscheidet sich von Biographie vorwiegend durch zweierlei“, schrieb Ernst Jandl in dem Aufsatz „Autobiographie und Literatur mit autobiographischen Zügen“:
durch die unterschiedliche Distanz vom beschriebenen Gegenstand und durch die Kenntnis vom physischen Ende desselben, seinem Tod, der als vollendetes Ereignis für Autobiographie unerreichbar bleibt.
Ernst Jandls Tod ist seit dem 9. Juni 2000 zum vollendeten und beschreibbaren Ereignis geworden, er selbst konnte sich dem nur – gewissermaßen im Futur II – asymptotisch annähern:
der vater
ist tot
die mutter
ist tot
ich schreibe
daß der vater
tot ist
daß die mutter
tot ist
du
schreibst dann
daß ich
tot bin
Da die Sprache seit der Erfindung der Schrift vom Sprecher ablösbar geworden, also nicht mehr an das sterbliche Ich gebunden ist, kann dieser Text mit einem anderen kommunizieren, in dem die erwartete Vergangenheit zur vergangenen Zukunft geworden ist:
zugestandenermaßen, an jenem Tag zu Mittag den dampfenden Strunk Karfiol mir ins Maul gestopft und heruntergeschluckt, sage ich ihm, statt dir beizustehen, stopfe mir 1 BUNCH Buschen Sträußchen Karfiol ins Maul (,Heißhunger‘ / ,Hungerschmerz‘), nämlich um die Mittagsstunde. Da hatte er noch 6 Stunden zu leben…
Drei Bücher, auf denen Jandl groß vorne draufsteht, sind seit seinem Tod erschienen. Der neue Gedichtband, aus dem das zitierte Gedicht stammt, war noch zu Jandls Lebzeiten geplant, erschien aber nun postum als Letzte Gedichte in der wieder eingerichteten Sammlung Luchterhand. Der zweite Text ist dem Requiem für Ernst Jandl von Friederike Mayröcker entnommen. Bereits letztes Jahr erschien der sehr schön gestaltete biographische Bildband a komma punkt ernst jandl – Ein Leben in Texten und Bildern von Jandls Lektor Klaus Siblewski. Das Buch beruht auf einer Ausstellung im Münchner Literaturhaus und sollte eigentlich den 75. Geburtstag des Autors ehren, den dieser nicht mehr erlebte.
Jandl selbst hat sich ja stets dagegen gewehrt, eine Autobiographie zu verfassen, und wollte seine Texte auch nicht autobiographisch gelesen wissen, auch wenn in ihnen besonders seit den achtziger Jahren verstärkt vom Ich bzw. meistens in der dritten Person von ihm die Rede war. „Daß niemals / er schreiben werde / seine autobiographie“ – schrieb er vor zwanzig Jahren in selbstporträt des schachspielers als trinkende uhr – „daß aber niemals / er zögern werde / in den dreck zu fassen // um herauszuziehen / was vielleicht / einen stoff abgäbe // für poesie / seinen widerlichen / lebenszweck“. Sein Leben war ihm also Material – übrigens schon in den sprachspielenden experimentellen Texten, was sich etwa am Namen seiner Mutter im Titel des Bandes Laut und Luise als Indiz ablesen läßt, so daß der Leser sich mit der Person (oder mit der Figur) Ernst Jandl vertraut fühlte. So ist es jedenfalls schön, in dem biographischen Materialienband auf die Suche gehen zu können, etwa nach der früh verstorbenen Luise Jandl, die ebenfalls Gedichte schrieb und deren schwärmerischer Katholizismus auch Jandls letzten Gedichten noch Reibungsfläche bietet. Es gibt großartige Fundstücke, wie Jandls erste Gedichtpublikation (mit zwölf Jahren), die mit den bezeichnenden Versen „Ist die schönste Welt / Ein Trümmerfeld“ endet, und sein erstes Buch, ein in englischer Kriegsgefangenschaft handgeschriebenes Wörterbuch Englisch/Deutsch, ein früher Höhepunkt seiner formal-materialen Spracharbeit sozusagen. Neben dieser Wortliste finden sich eine ganze Reihe anderer Listen, Namenslisten für den Versand von Büchern, Gedichtlisten für Lesungen etc. – profane Verwandte von Jandls poetischen Listen, von denen noch die Rede sein wird.
Überhaupt laden diese drei sehr verschiedenen Bücher dazu ein, nach Berührungsstellen zu suchen. „Und was wirst du dann sagen? / lebt wohl, ihr lebenden… / nämlich, wenn jemand bei mir ist / werde ich das / dann vielleicht / sagen“, heißt es bei Jandl. Und bei Mayröcker: „Auf welcher Handynummer wirst du dann erreichbar sein, sagt er, wenn es soweit ist.“ Zur Beziehung Mayröcker/Jandl muß wohl nicht viel gesagt werden, sie ist bereits Legende (und nachzulesen z.B. in einem eigenen Kapitel in a komma punkt). Jedenfalls muß man sich wohl ihr Bündnis als ein so enges vorstellen, daß sie niemals gemeinsam wohnen konnten. Der schmale Band Requiem für Ernst Jandl stimmt auf nur 45 Seiten eine äußerst intensive und vielschichtige Klage des Verlustes an, was nicht zuletzt durch die Unterschiedlichkeit der gesammelten Texte gelingt: zwei Prosatexte, zwei Gedichte, zwei Texte zu Gedichten Jandls und ein Antwortgedicht. Die beiden zentralen Prosamonologe sind unmittelbar nach Jandls Tod entstanden und sprechen zu jeweils einem Dritten über ihn. Die sprechende Stimme präsentiert sich als eine, die sich durch die Rede wieder konstituieren muß, die sich selbst, und das heißt vor allem: ihre Sprache, verloren hat:
am Tag nach deiner Beerdigung in die Zunge gebissen, ja die Zunge fast abgebissen, das Blut fließe ihr aus dem Munde…
Sie muß sich und ihre Erinnerungen, Assoziationen und Fragen wieder zusammenfügen zum Fluß der Rede:
Bin reißend daß ich so reißend bin wie dieser Fluß und mich segeln lassend dahin, treiben lassend, mit den Wellen und schlehenfarben, die Stille das Rauschen der Stille, während wir saßen am Ufer und hielten unsere Hände…
Was dabei an die Oberfläche gespült wird sind vor allem winzige Details, die bedeutsam werden, wie jenes „Zähnchen“, das unter der zugenähten toten Oberlippe sichtbar war.
Trotz – oder vielleicht wegen – ihrer gerade auch literarischen Vertrautheit miteinander waren die Texte Mayröckers und Jandls in den meisten Fällen sehr verschiedenartig, gegenpolig geradezu. Es gab aber auch Schnittstellen, und eine davon findet sich in den beiden Gedichten Jandls, auf die sich die Paraphrase und die Lektüretexte beziehen: „die Identifikation mit der Kreatur“. Im zärtlichen Umgang mit den Gedichten, „ottos mops“, dem wohl berühmtesten, und einem Vierzeiler mit „erbarmungswürdig fröstelndem pferd“ läßt sich der Dialog mit dem Autor aufrecht erhalten, und das Buch wird so zu einem Anti-Requiem, denn requiem aeternam, ewige Ruhe, ist einem Schriftsteller eben gerade nicht zu wünschen, vielmehr langes Leben für seine Sprache.
Ob seine dichterische Sprache noch am Leben sei, darüber schien Jandl in seinen letzten Lebensjahren selbst im Zweifel gewesen zu sein. Schon bei dem vorherigen Band peter und die kuh berichtete Klaus Siblewski, wie er gemeinsam mit dem Autor nach Manuskripten suchen mußte, wobei jener bestritt, daß es überhaupt welche gebe. Jandl habe, so Siblewski, kein Bewußtsein mehr von seiner Produktion besessen, denn Texte waren reichlich vorhanden. So ergriff auch bei dem neuen Band der Lektor die Initiative, wobei er diesmal auf weniger Widerstand stieß. Das geplante Treffen kam zwar nicht mehr zustande, aber es fand sich auf Jandls Schreibtisch eine Manuskriptmappe, die die Grundlage für Letzte Gedichte bildete. Siblewski traf daraus und noch aus anderen Ordnern und Mappen mit Arbeiten offenbar neueren Datums eine Auswahl, so daß er die konkrete Gestalt des Bandes zumindest mitzuverantworten hat. Zu den weggelassenen Texten läßt sich leider nichts sagen, bei den ausgewählten irritieren Kleinigkeiten: So handelt es sich bei „hört sich schon an die tür kommen“ allem Anschein nach um eine Vorversion von „nach hause kommen“ aus idyllen und bei „dann vielleicht“ und „letzte worte“ werden zwei fast identische Gedichte abgedruckt, mit einigen Seiten Abstand, also offenbar auch nicht mit kontrastierender Absicht. Darüber hinaus gibt es noch wenige vereinzelte Gedichte, deren Aufnahme mir fragwürdig erscheint, aber das soll natürlich den Dank an den Herausgeber nicht mindern, die Gedichte überhaupt zugänglich gemacht zu haben.
Der Zweifel, ob die eigene Sprache noch vorhanden sei, findet sich auch in den Gedichten. Gleich auf den ersten Seiten wird einer ekelhaft rufenden Taube das ekelhaft schweigende lyrische Ich gegenübergestellt, und später heißt es in einer Goethe-Kontrafaktur:
wozu besitze ich
noch eine stimme
noch finger die
ein wort hinschreiben können
ich habe keinen ruf
ich schreibe keinen brief
die vöglein im walde erklingen
Nun ist der wortreiche Sprachzweifel ein bekanntes und traditionsreiches Paradox. Auffällig ist hier die Rückgebundenheit an den zentralen Bezugspunkt des Gedichtbandes: den Körper und seinen Verfall. Sprache ist hier nicht als Phänomen des Geistes dem Körper gegenübergestellt, sondern sie braucht diesen als Sprech- und Schreiborgan – so daß sogar die geistlose, aber vitalere Kreatur als die wortmächtigere erscheint. Viele von Jandls früheren Gedichten, vor allem die Laut- und Sprechgedichte, können ja nur durch den Körper leben, durch die Artikulation, das Öffnen und Schließen des Mundes.
War also der Körper in der Sprache stets präsent, wird es nun dessen Verfall:
END OF SPEAKER
i’m really grateful, i might say: to god
that this my dirty mouth, including lips
teeth, tongue, gums, larynx, vocal cords
is all that broken, rotten, frayed, decayed, whatever,
that it will never say another word
…
Auch andere Themenkreise werden im Maßstab des Körpers ausgemessen. Die nackten aneinandergepreßten Körper in „nackt“ scheinen erst das Bild einer phantasmatischen Glücksverheißung, des irdischen Paradieses zu sein und sind dann doch ein „gaskammerschnappschuß“. In der „menschlichen figur von vorn“ ist die Geschichte des Erwachsenwerdens bereits anatomisch vorgezeichnet:
der nabel
ist einzig
der fuß
ist doppelt
Einige Gedichte beschäftigen sich mit der körperlichen Bedingtheit von Wahrnehmung, der Abhängigkeit des Sinns von der Sinnlichkeit und der Frage, wie die große Welt – ein Elefant etwa – überhaupt durch die kleinen Augen nach innen kommen kann. Der Körper wird so zu einem pulsierenden Organ, das aufnimmt und abgibt und in diesem Vermittlungsprozeß seine Welt, seine Sprache konstituiert, sofern es denn gelingt:
weder durch flüstern, sprechen, schreien,
heulen, tränen spritzen
noch spucken, schlucken, husten, kotzen
die nase schneuzen, in der nase bohren
ohrenausblasen, ohrenschmalz entfernen
ist es aus seinem Impf herausgekommen
je in die form von schrift gelangt;
es fraß ihm das gehirn auf;
wahnsinn dankt
Sprachlichkeit, und das heißt hier konkret das Schreiben von Gedichten, ist also unerläßlich zur Selbsterhaltung, was das Paradox des Verzweifelns an der Sprache bei andauernder Produktion durch die wiederkehrende Forderung des „da setz dich hin / da schreib dein gedicht“ zu erklären vermag. Es entfaltet sich dabei der Prozeß des Sich-Fixierens und Sich-Verlierens, der die Spannung dessen ausmacht, was man entsprechend des oben zitierten Jandl-Aufsatzes „Literatur mit autobiographischen Zügen“ nennen könnte: Das, was einer schreibt, kann – invers zum traditionellen Autobiographieverständnis – zu einem Teil seines Lebens, zu seiner Selbstdefinition werden. Es ist aber gleichzeitig als Literatur immer Allgemeines, Unpersönliches. Die Depression des Gedichtes ist nicht die Depression des Autors, auch wenn sie die gleichen klinischen Symptome zeigt. In einem bedeutenden Fall entspricht die Dialektik von Allgemeinem und Individuellem dem Phänomen selbst: Der Tod ist dem einzelnen nur als allgemeiner, d.h. als fremder, zugänglich – bekanntlich sterben immer nur die Anderen –, aber nur als der eigene ist er von existentieller Bedeutung. Mit den Zeilen „du / schreibst dann / daß ich / tot bin“ katapultiert sich das Ich des Gedichtes mit einem simplen Trick in sein eigenes Jenseits – ein Kunststück, auf das biographische Ichs bestenfalls hoffen dürfen.
„Was ich schreibe liegt außerhalb / meiner kreatürlichen existenz“. Im Gegensatz zur gesprochenen Sprache, die des Sprechorgans bedarf, ist die Schrift vom Körper ablösbar, somit nicht von dessen Sterblichkeit angekränkelt. Eine mögliche Beschreibung der verbindenden Tendenz von Jandls späten Gedichten wäre vielleicht die Hinwendung zur Schriftlichkeit, die mit der Thematisierung des körperlichen Verfalls einhergeht. Während Jandls Laut- und Sprechgedichte die gesprochene Sprache auf die elementare Ebene der Laute reduzierten, erscheint hier Schriftlichkeit zu ihren basalen Strukturen skelettiert. Die ältesten überlieferten schriftlichen Zeugnisse waren Listen von Waren, Lagerbestände von Kaufleuten. Viele von den Gedichten sind oder enthalten Aufzählungen, Listen von dem, was geblieben oder verlorengegangen ist – oder inventarisieren die Verkommenheit der Sprache selbst: „metaphernspucke / buchstabenklosett / lyrikklistier…“ Andere Gedichte sind wie Notate, die als kurze Mitteilung auf den Küchentisch gelegt werden oder als Gedächtnisstütze dienen. In „end of a speaker“ sind es banale Mitteilungen, Briefe mit nicht mehr erfüllbaren Lesungswünschen, die gerahmt an der Wand das Verstummen des Lesenden überdauern:
i still get letters asking me for readings;
i have ehern framed and put them on the wall.
Die Schrift gewährt so ein kleines Stück virtuelle Transzendenz, Befreiung von der Sterblichkeit. Allerdings um den Preis, daß sie immer schon tot ist oder sogar tötet, wie etwa jenen Käfer, der eben noch munter krabbelte und dann dem „zertretenen gedicht“ den Titel gab. Dennoch, wie es bei Friederike Mayröcker heißt:
Wir halten uns an die Schrift, weil, ein anderes Geländer haben wir nicht, schreibt Thomas Kling…
Das Ringen mit den letzten Dingen prägt also die meisten der Letzten Gedichte sowohl thematisch wie formal. Allerdings soll hier nicht der falsche Eindruck erweckt werden, daß es nicht auch anderes gäbe, leichtfüßig Verspieltes, unbeschwert Witziges – allem Anschein nach zumindest:
DER HELLSEHER
sage mir
wie du heißt
und ich sage dir
wer du bist
gib zu
daß du lebst
und ich werde dir
beweisen
daß es stimmt
Alexander Frank, neue deutsche literatur, Heft 538, Juli/August 2001
Existenzielle Obszönität
– Ein Blick auf Ernst Jandls spätere Lyrik. –
Ein Mann uriniert; die Fülle seines Bauchs verhindert ihm den freien Draufblick auf sein Glied; zwar fühlt er das Entweichen des Harns; aber wohin der strömt, wer kann das wissen… Das ist Poesie; die Poesie derer, die zur Immanenz verurteilt sind und darunter leiden; die sich an der Jämmerlichkeit der Metaphysik rächen mit der Penetranz des Banalen; Jandl also.
Das Gedicht, „computergedicht nr. 4“, stammt aus Jandls letztem Band, den posthumen Letzten Gedichten (2001), und weist auch sonst viel Jandl-Typik auf:
komm, puter, truthahn, oder
komm, butter, kuhkäse, alles
so freßbar, amerikanisch wie
antik. der antiquar ein paar
haare aus seinem schlitz zieht
auf seinem kopf indes kaum noch
was wächst. wechselt der tyrann
zum augenlosen, weil so füllig
der bauch davor steht, er immer
noch fühlt das entweichen der
flüssigkeit, aber wohin es strömt
aus seiner blase, wer
könnte das wissen…
1
Jandls Obszönität ist existenziell; sein Beharren auf der Thematik des Unterleibs kommt vor allem aus der Wut darüber, dass der Kopf nichts taugt; der kopfferne Unterleib mit seinen geistfernen vegetativen Funktionen der Ausscheidungs- und Geschlechtstätigkeit ist der geeignetste Schauplatz für die wütende Feier von Jandls Anti-Humanismus („unterleib o unterleib“, so beginnt das „computergedicht nr. 3“); die metaphysisch und ästhetisch unversorgte Banalität des Körpers richtet Jandl hoch auf gegen alle Zumutungen eines Humanismus, der sich anmaßt, den Menschen heilen oder retten zu können. Nicht, dass Jandl Heilung/Rettung nicht gebraucht hätte, aber alle Heilslehren haben sich historisch und biographisch in einem Maße als unbrauchbar erwiesen, dass sie nur, wie es dem frustrierten Humanisten zusteht, durch aggressiven Anti-Humanismus abzugelten waren; die Apathie einer nihilistischen Haltung hätte da nicht gereicht. Was Jandl in den humanisten (1976) ein Stück lang durchexerziert hat, lässt sich auch in fast jedem seiner Gedichte nachweisen: die lustvoll-aggressive Demontage unseres Humanismus; sie ist so schmerzvoll wie die Gottverlassenheit. Jandls persönlichste Not ist zugleich seine politischste: Er gehörte zu einer Generation, die noch hautnah erlebte, dass die gesammelte Schlagkraft der abendländischen Humanprogramme (von der griechischen Demokratie über das Christentum, die bürgerliche Aufklärung bis zum Sozialismus) nicht ausreichte, um Hitler und Holocaust zu verhindern. Das entblößte die Wirklichkeit des Menschen auf obszöne Weise. Zu dieser heillos entblößten Wirklichkeit gehört gewiss auch die Obszönität des nackten Unterleibs in Jandls Gedicht; der Skandal an der Blöße ist aber die Unbrauchbarkeit der Kleidung.
Jandls Obszönität steigerte sich mit dem Altern, d.h. mit dem physischen Verfall, der seine metaphysische Untröstbarkeit immer unausweichlicher klarmachte. Aber selbst die Obszönität aus der Frühzeit der Sprachspiele mit ihrer Beimengung an „unbeschwertem“ Männerwitz liest sich aus Spätsicht leichter auch als Kulturkritik:
runzte ber
kin den übel
kin den übel
runzte ber
runzte ber
dach nem okitus
dach nem okitus
runzte ber
runzte ber
o natur
o natur
kin den übel
runzte ber
Die romantische Emphase („o natur“), mit der das vulgäre Geschehen (in den Kübel brunzte er nach dem Koitus) als Natur gefeiert wird, ist Kulturverhöhnung, Verhöhnung der ästhetisch-philosophischen Rechtfertigungspraktiken für die krude Wirklichkeit. Die Provokation läuft auch lautlich, über den fröhlich obszönen Ton der ausgetauschten Anfangsbuchstaben.
2
Es gibt sehr viel Sekundärliteratur über Jandls Experimentalpoesie der 60er und 70er Jahre (von Laut und Luise, 1966, bis etwa dingfest, 1973). Jandl selbst hat sich über seine Sprachexperimente ziemlich häufig theoretisch geäußert, am ausführlichsten und eingehendsten in den „Mitteilungen aus der literarischen Praxis“, 1974, und in seinen Frankfurter Poesie-Vorlesungen 1984.
Nach den Frankfurter Vorlesungen gibt es kaum mehr poetologische Selbstäußerungen Jandls. Die Theorie ging ihm wohl auch deswegen aus, weil seine „konkrete Poesie“ einfach theorietauglicher und theoriebedürftiger war, als was dann folgte (ohne dass es einen wirklichen Bruch in seinem Schaffen gab). Vielleicht ist das auch ein Grund, warum die germanistische Sekundärliteratur sich mit dem frühen Jandl mehr beschäftigt als mit dem späten. Das wiederum ist für diesen Aufsatz ein Grund, sich mehr um Jandls depressives Spätwerk zu kümmern, zumal sich seine Haltungen und Formungen ohne Mühe bis ins Frühwerk zurückverfolgen lassen. Das Thema des Aufsatzes ist Jandls verzweifelte (und vergebliche) Enthumanisierung seiner Poesie.
Eine tiefe kulturelle Frustration liegt wohl schon seinen „konkreten“ Ansätzen zugrunde, auch wenn sie sich an der Oberfläche als die optimistische Botschaft von der immerwährenden Innovation präsentieren, von der Poesie als Einübung ins Ungewohnte; zumindest unterliegt Jandls Schreiben der Gewissheit, dass man als Autor nach dem Krieg nicht einfach im alten Poesiejargon weiter reden könne, als ob nichts geschehen wäre. Erst mit der radikalen Änderung der Redeweise hat man die politische Katastrophe auch als kulturelle begriffen. Die Spuren der politischen (= humanitären) Katastrophe finden sich im Übrigen auch inhaltlich unvermindert bis in seine spätesten Gedichte. Vor allem im Band peter und die kuh, 1996, verdichtet sich die Abrechnung mit der Vergangenheit. In einem der härtesten Gedichte führt Jandl die Katastrophe der eigenen Existenz über die familiäre auf die politische Katastrophe zurück:
hättet ihr auf eure lust verzichtet
nichts an meinen plagen hätte stattgefunden
und ihr wolltet mich sogar erziehen
fortsetzung eurer erzeugungslust
der durch euch entfachte mensch
jeder kann sich als mich und mich als sich bezeichnen
hervorgegangen aus dem vater-und-mutter-spiel
aller vorfahren, deren säbel geschliffen, pistolen geladen waren
und die stricke gedreht für die hälser ihrer brut
und die heil hitler schrien und das kaiserlied sangen
fahnen schwangen und atombomben ausbrüteten
was kann ich tun für euch, als harten fußes
auf eure gräber treten und drum beten
daß diese kraft, die euch zerstäubt hat
nie wieder aus euch leben, form und geist schafft.
1969 hat Jandl die Dichtkunst als „fortwährende Realisation von Freiheit“ verkündet: 20 Jahre später, in den Idyllen, 1989, lautet eine Gedichtzeile programmatisch: „ich bin frei und mir ist schlecht“. Das etwa beschreibt Jandls Entwicklung. Jeder Wohllaut verliert seine Berechtigung, wenn’s innen knirscht und kracht.
Rückblickend kann man Jandls zahlreiche Sprachexperimente als Instrumentierung eines kulturellen Widerredens schlechthin auffassen; wenn der Sprachbrei der Politiker, der Medien und der Tenor der Kultur das eine Reden ist, dann sind Jandls Gedichte das ganz andere Reden. Die Störung der Rede erwies sich immer deutlicher als Folge einer Störung der Existenz. Kaum ein Kulturschaffender hat in Österreich (abgesehen von der Wiener Gruppe und ihrer radikalen Anti-Kultur) der Kultur ihre Formen so konsequent verweigert wie Jandl.
3
Zurück zum „computergedicht nr. 4“: Eine Beleidigung für die Sinn-Wirtschaft unserer Kultur ist allein schon die Methode, mit der Jandl seine Themen aufbringt und weiterbewegt. Sie folgen weder der Schlüssigkeit eines Gedankengangs, noch fügen sie sich in einen allgemeinen Zusammenhang der Dinge, sondern entwickeln sich hier und oft über die (zufällige) Assonanz ihrer Bezeichnungen. Wahrheitsfindung läuft übers Ohr, eine weitere Entmachtung des Geists. (In den Letzten Gedichten gehört eine ganze Gedichtserie dem Ohr.) Aber es ist egal, wo man beginnt und wie man fortsetzt, Jandls abschüssige Poesie landet sowieso ganz unten, wo der Mensch Tier ist und Schmutz macht.
Jandl also hat sich mit den Ohren zum Gedicht gesetzt, er spielt mit der Lautung des Worts „Computer“ und kommt zu lauter „freßbarem“ (Pute und Butter). Der Truthahn offensichtlich kommt ihm „amerikanisch“ vor; und ab jetzt regiert der Vokal a: Am „antik“ ist „amerikanisch“ wohl mitschuld; das „antik“ sicher am „antiquar“ und dessen betonte Schlusssilbe „-quar“ an „paar“ und am „haar“. Und sobald für die Haare der Hosenschlitz geöffnet ist, läuft’s von selbst, wir sind unten angekommen beim Thema. Vom haarlosen Kopf geht’s zum augenlosen Tyrannen (Ödipus-Assoziation? „gemiedenen“, ein wüstes Gedicht aus dem Band die bearbeitung der mütze, 1978, endet mit den Selbstvernichtungszeilen:
ein ich nichti-nichti
nimmer-meere
so augenlose ich solle ich sein. Oi
dübuuus…
KLUMM!);
die Blindheit des Tyrannen hat hier aber banalere Ursachen: Der Bauch hindert ihn daran zu sehen, wohin er ausrinnt. Auch der Thementransport von der Glatze zum blinden Tyrannen erfolgte assonantisch: „wächst“ – „wechselt“.
Jandl kurvt akustisch durch mindestens ein halbes Dutzend Zufallsthemen, bis die Schwerkraft seiner Verfassung das Gedicht verlässlich dorthin zieht, wo Gedichte nicht mehr kulturüblich sind. Jandls Notdurftpoesie entwickelt die grimmige Lust, den approbierten geistigen Zusammenhängen in die Fugen zu scheißen. Die Lust kommt wohl daher, dass, was zusammenhängt, sich für Jandl im besseren Fall als nutzlos, im schlechteren als mörderisch erwies.
In Thematik und Methodik ist das Gedicht durchaus exemplarisch. Auch darin: dass anstelle der großen Fragen und Antworten das Banale zu existenzieller, existenzumfassender und manchmal existenzbedrohender Monstrosität anschwillt. Die Schlussfrage des Gedichts, „wer könnte das wissen…“, ist in ihrem philosophischen Tonfall der Lächerlichkeit ihres Inhalts (Schwierigkeiten beim Wasserlassen) völlig unangemessen. Mag die Frage auch Hohn gegen den Tonfall von Daseinsfragen überhaupt sein, sie erhebt jedenfalls auch die Banalität selbst zur Daseinsfrage; dafür spricht ein Vergleich mit vielen anderen Gedichten.
Schließlich zeigt das Gedicht ansatzweise, was in anderen Gedichten durchgehenderes Formprinzip ist: Poetizität als Verhöhnung der Poesie. Jandl verwendet gerne traditionelle Lyrismen (Reim, Rhythmus, Wortschatz, Wortstellung), gerade weil er zeigen will, dass der zur Verfügung stehende Stoff die ästhetische Harmonisierung durch den Wohllaut der poetischen Sprache nicht verträgt. Es gibt keine Wirklichkeit, die sprachlich zu heilen ist. Poetizität enthält in unserem Gedicht vor allem die in Gedichten übliche Umstellung der Satzglieder: „der antiquar ein paar haare aus seinem schlitz zieht“; „er immer noch fühlt das entweichen der flüssigkeit“. Dazu später mehr.
Bisweilen führt Jandl sein Misstrauen gegen die poetische Form bis zu ihrer völligen Verweigerung; dann stehen die Banalitäten ungefällig und roh da. Ein kleines Beispiel aus peter und die kuh, 1996:
ungewaschen
lege ich die kleidung
des vortags an
Kein Geist, keine Seele, keine Menschheit, keine Botschaft, kein Wohlklang, kaum Form (nur der Zeilenbruch): bloß eine etwas unappetitliche Notiz aus dem Alltag, intellektuell und ästhetisch völlig vernachlässigt. So will’s Jandl: der Wirklichkeit ihren ästhetischen Schutz entziehen. Man muss schon von den gewaltigen ideellen und formalen Zurüstungen gängiger Lyrik auf dieses Textchen herüberschauen, um sich freuen zu können an seiner unbehandelten Gestalt. So klein es ist, so gründlich ist sein Kulturprotest.
4
Der Körper dient bei Jandl vor allem dem Dementi des Geists. Um sich gegen eine Herkunft „von oben“ zu verwahren, macht Jandl den Unterleib nicht nur zum Thema seiner Poesie, sondern auch zu ihrer Produktionsstätte. In den Letzten Gedichten gibt es ein „ejakuliertes werk“, auch eine Sammlung von 13 Poetik-Komposita, deren Zweitteil in sieben Fällen aus dem Unterleibsvokabular stammt: „buchstabenklosett“, „lyrikklistier“, „metaphernafter“, „poesiephimose“, „schamhaaranagramm“, „silbenschiß“, „wortabort“. Anti-Poesie: Jandl lässt seine Poesie den Unterleibsöffnungen entquellen, dort sind sie sicher vor Schönheit, Seele und Sinn, den großen Kulturlügen. Ausdrücklich geschissen oder gefurzt werden Gedichte vor allem in peter und die kuh. Und wo Jandl den Mund als Öffnung für Poesie zulässt, wird diese oft gespuckt oder gespieen („metaphernspucke“, „speichelreim“), oder sie hat ihre Schönheit schon vorher im Kehlkopf oder an den Stimmbändern eingebüßt. Zwei Gedichte aus peter und die kuh titelt Jandl „verstimmtes gedicht“, um den existenziellen Misston als poetischen laut werden zu lassen.
Das „verkrustete gedicht“ aus demselben Band lautet:
der klang des teufels
hat mich benutzt. wissen sie
was das heißt? ich habe mich
verkutzt, ja verkutzt, und ich
ersticke fast daran.
woran, fragen sie.
einfach an diesem, ja
einfach an diesem
verkrusteten gedicht,
hilfe! scheiße! hoppla!
Gedichte sind Brocken, Kotzbrocken („verkutzen“ kommt von „kotzen“); nicht mehr zu singen/flöten/deklamieren, sondern zu erbrechen; phonetisch ein Würge- und Hustgeräusch; ein „verkrustetes“ Unding, nicht geglättet, mundschlüpfrig gemacht durch Verhältnismäßigkeit, Eingängigkeit und Gefälligkeit, sondern formlos wie von außerhalb der Poesie. Grob brechen die außerpoetischen, ungeformten Ausrufe der letzten Zeile – Hilferuf, Fluch und endliches Erbrechen („hoppla!“) – ab, was am Gedicht Poesie gewesen sein mag. Der Dichter ist nicht das mächtige abendländische Ich mit dem freien Willen und der sinntönenden Stimme, sondern die zum Zischen, Knurren, Knirschen genötigte Kreatur, deren vegetativen Geräuschen ihrer Notdurft wir lauschen.
Vielleicht ist nicht ausreichend bekannt, wie früh, ausgereift und wütig Jandl das eigene Dichten (an das er gleichwohl buchstäblich sein leben hängte: „poesie / sein widerlicher / lebenszweck“) als unappetitliche Sache von Körpersäften verfluchte. 1977, „kleinere ansprache an ein größeres publikum“: Der „beschissene kopf“ werde die Gedichte zu den Schreibhänden „hinunterspucken, alphabetische klümpchen, lexikalischen schleim, und an jedem solchen dreck wird ganz klein ein blutiges sein, eine rote spur von dem dreckigen ich, dieses schändliche stümperwerk, auf dessen ausräumung und beförderung in den müll er sein leben lang wartet.“ Jandls Menschenbild funktioniert mit erhöhter Verlässlichkeit als Selbstbild: den Geist zum Körper degradieren, den Körper hassen.
5
„zwei brustwarzen stehen mir zur verfügung / verdammt noch mal ich brauch sie nicht“. Jandl hasst seinen Körper (meistens und zunehmend). Er ist das primäre und peinigendste Erfahrungsfeld seiner Selbstentfremdung. Wir haben längst eine komplette lyrische Körpergeografie Jandls, buchstäblich von Kopf bis Fuß. Die schonungslose Entblößung aller Körperteile ist schon als Geste sowohl Humanismus-Verweigerung als auch Auto-Aggression.
Humanismus-Verweigerung:
THEMEN
die großen
themen
kommen
mit den tiefen
einsichten
mein rechter
daumen
wenn ich ihn ansehe
fordert mich
zum arzt
schon lange
es geht
von ihm
was weg
Das tiefe Sinnen des abendländischen Denkers tastet nach dem geradezu mystischen Wesen der Dinge; die ahnungsvolle Betrachtung gilt dem eigenen Daumen, dem Geheimnisträger und Geheimniskünder. Ergebnis der Betrachtung: Seinem Aussehen nach gehörte er wohl einmal medizinisch behandelt. Das ist die Verhöhnung des Tiefsinns durch die Banalität von Körperzuständen. Jandl selbst sagte zum Gedicht (in der Dankrede zur Verleihung des Mülheimer Dramatikerpreises 1980):
Daumen, Bananen – ihnen eignet die rechte Größe und Form zur Darstellung des Schönen. Banales – kenne ich nicht. Außer vielleicht: die großen Themen (…), die tiefen Einsichten.
Das Wunder des menschlichen Körpers weist nicht auf Gott, sondern zum Arzt. (Die Assonanz von „Wunder“ und „Wunde“ blieb von Jandl natürlich nicht ungenützt: „du wunder mensch, verwundetes mirakel“, heißt es in seinem Gedicht „die scheißmaschine“.)
Auto-Aggression:
DIE HÄNDE
unschmuck erscheinet die haut, wo die schäbige
kleidung sie sichtbar läßt für den sich ohne
spiegel beschauenden, das ist fürwahr
an den händen, aus deren fleckigen
verrunzelten rücken bläulich die adern
pressen ohne druck, bis heran an die
arschlochjucker, die nasenstierer, die
onanistenbräute; dann dreh die beiden
auf die verkackte wahrsageseite und
spuck, was dir an speichel geblieben ist im
ausgetrockneten säufermaule, auf die wundmale
herrn jesu christi
Auch die Hände gehören zum Arzt („fleckig“, „verrunzelt“, bläuliche Adern ohne Druck). Was formal als dieselbe Kulturverhöhnung beginnt wie im letzten Gedicht (mit dem hohen Ton eines ehrwürdigen Kulturhabitus: „unschmuck“, „erscheinet“, „fürwahr“), endet in blanker Wut gegen die buchstäblich gottverlassene Verfassung des Körpers. Der erste Wutanfall überkommt den Autor, als er bei der Betrachtung seiner Finger angelangt ist: „die arschjucker, die nasenstierer, die onanistenbräute“, eine Beschimpfung, die die Finger ausschließlich im tabuisierten Dienst an den Ausscheidungs- und Geschlechtsorganen fixiert. Einmal in Wut geredet, wird der Indikativ des Gedichts zum Imperativ: Hände auf die Innenseite drehen und hineinspucken! Die Beschimpfung der Innenseite holt sich Jandl wieder aus dem Unterleib („verkackt“); beschissen wird die Gier des Menschen, Physisches zu transphysischer Bedeutung zu heben (also Kultur zu machen): „wahrsageseite“ spielt auf die Ausdeutbarkeit der „Lebenslinien“ an. Dasselbe Muster (körperlicher Unflat gegen geistige Höhenflüge) funktioniert gleich ein zweites Mal und als Höhepunkt: Spucke auf die Wundmale Christi. Diese Blasphemie ist enttäuschte Heilserwartung, wie alle Blasphemien Jandls.
Christi Opfertod war umsonst oder erlogen. Der Gang des Gedichts ist für Jandl exemplarisch: vom Körperteil zur Existenz, die verflucht wird, weil sie nicht über den Körper hinausgeht, dessen Verfluchung dann also wieder existenziell ist.
Wenn man einkalkuliert, wie oft Jandl das Dichten als Scheißen und Spucken apostrophiert hat, dann lässt sich das Anscheißen/Anspucken der Handinnenfläche im Gedicht poetologisch interpretieren: Dichten als Bescheißen/Bespucken der Metaphysik.
In anderen Beispielen treibt Jandl die Aggression gegen den eigenen Körper bis zum Abhacken der Gliedmaßen:
DIE BEINE
so, jetzt wollen wir einmal
deine beine messen.
wie alt sind diese?
zusammen 126 jahre.
und wieviel wiegen sie?
es mag an dieser axt liegen
daß ich sie noch nie
vom rumpf gebracht.
ringsum das blut
zeugt vom bemühen.
In „morgenstund“ liegen Arme, Beine, Finger und Augen im Zimmer herum.
6
Jandls Menschenbild ist die „scheißmaschine“. Auch dieses Bild findet sich schon früh (1971: „daliegen / sich anscheißen / (…) / und in himmel kommen“) und häuft sich später. Das demoliert das Bild des Menschen als Kulturwesen.
Diese Demolierung vollzieht Jandl lustvoll an denen, die als Geistesgrößen unserer Kultur gefeiert werden.
Jeden Versuch, ein die anderen überragendes Menschenbild zu entwerfen, in der Kunst, in der Politik oder sonstwo, vermag der Autor nur mit einer Grimasse zu quittieren. Im übrigen richtet er, mit einer von ihm selbst verlachten Inständigkeit, seinen aussichtslosen Wunsch nach dem täglichen Gedicht an das ihn umschließende Nichts.
Das ist das Ende von Jandls Begleitkommentar für seinen Gedichtband der gelbe hund, 1980.
Jandl hat einige phantasievoll erbarmungslose Goethe-Zerstörungen vorgenommen (vor allem in den Bänden der künstliche baum, 1970, und die bearbeitung der mütze, 1978). In Goethe findet Jandl eine Art Antipoden. Der ästhetisch wie moralisch hochgerüstete Ordnungssinn des nachitalienischen Goethe reizte Jandl dazu, am Lehn- und Lehrstuhl des Meisters zu sägen, ob seinen Lippen beim Sturz nicht doch ein unklassischer Laut entfährt. (Das Verhältnis Jandls zu Goethe wäre einmal eine umfangreichere Untersuchung wert.)
Ein Kapitel in Jandls Demontageprogramm könnte heißen „Der gewöhnliche Dichter“, nach seinem frühen Zyklus (aus den 70ern) „der gewöhnliche rilke“, in dem er das Genie-Format des Autors und den Genie-Kult seiner Verehrer mit blanken Banalitäten unterläuft (z.B. „rilkes schuh“: „rilkes schuh / war einer / von zweien // jeder schuh rilkes / war einer / von zweien // rilke in schuhen / trug immer / zwei / / wade an wade / stand rilke / aus den beiden schuhen heraus“).
Das letzte Beispiel von Klassikerbanalisierungen, „computergedicht nr. 2“, richtet sich gegen die griechische Lyrikerin Sappho:
saffo oder sapfo, zapfo
jeder spreche wie er will
der poetin edlen namen
nicht zu schüchtern, nicht zu schrill
tief verbeuge jeder sich
vor ihr, die nicht wein nicht bier
und schon gar nicht whiskey süffelt
allenfalls noch PAGO schnüffelt
während ihrer verse tosen
still durchwässert ihre hosen
Umfassende Jandlsche Denkmalschändung:
Erstens geht’s von jeder Höhe bergab zum Unterleib.
Zweitens die schon erwähnte Materialisierung (Entgeistung) des Redezusammenhangs auf seine phonetischen Assoziationen: Jandls Reime stehen unter dringendem Verdacht, die inhaltliche Gedankenflucht zu fördern oder gar verantworten zu müssen. Die merkwürdige Wendung von der Verehrung der Dichterin („tief verbeuge jeder sich / vor ihr“) zu ihren Trinkgewohnheiten könnte zumindest dadurch begünstigt sein, dass „bier“ einen Binnenreim zu „ihr“ abgibt. Den Verdacht, dass nicht der Inhalt das Reimwort erzwingt, sondern bloß die Akustik, durfte man schon beim Reimwort „schrill“ haben (denn wie käme man sonst auf die Idee, den Namen der Dichterin schrill auszusprechen, wenn „schrill“ sich nicht auf „will“ reimte?). Mit dem Reimwort „bier“ haben wir wohl auch die Erhabenheit der Antike verlassen, so dass „whiskey“ und „PAGO“ nunmehr ganz leicht von den profan gewordenen Lippen des Autors gehen. Da macht auch schon das despektierliche „süffelt“ Spaß und zieht mühelos das unsinnige „schnüffelt“ nach sich. – Schon die Anfangszeile beginnt die Demontage der Dichterin übers Phonetische. Gegenüber Sapphos Bedeutung ist die Aussprache ihres Namens ein läppisches Akzidens (die „gewöhnliche Sappho“!), Dass man das unkorrekte „saffo“ (statt „sapfo“) thematisiert, ist schon unwichtig genug. Aber kein Mensch sagt „zapfo“, weil es für das z gar keine Veranlassung gibt. Das ist allein Jandls böses Mundwerk, das Sapphos Namen mit dem Anklang an den deutschen „Zapfen“ herabwürdigen will.
Drittens: Eine fast durchgehende Methode Jandls zur Entpoetisierung der Poesie ist der Missbrauch ihrer Mittel. Außer dem Reim findet sich im Gedicht an sarkastisch eingesetzten Formen traditioneller Poesie noch der vorangestellte „poetische“ Genitiv („der poetin edlen namen“, „ihrer verse tosen“), der imperativisch eingesetzte elitäre Konjunktiv („jeder spreche“, „tief verbeuge jeder sich“) und die trochäische Rhythmisierung des Texts.
All dieser Wohlklang unterläuft seine eigene Berechtigung. Jandls Banalisierungen unserer Kulturgrößen sind nicht Attentate auf poetische RivalInnen, sondern Attentate auf unsere Kultur.
7
Jandls aggressive (und auto-aggressive!) Enthumanisierung: Derselbe Vorgang, in dem Jandl den Geist auf den Bauch rückstuft, wiederholt sich in der Rückstufung des Menschen auf das Tier und in der Rückstufung der Sprache auf das Geräusch oder außerkulturelle Äußerungsformen.
Die komprimierteste poetologische Selbstäußerung Jandls ist der schon anzitierte Begleitkommentar zum Gedichtband der gelbe hund, 1980. Darin heißt es:
Die Gedichte halten, was der Titel verspricht: die menschliche Dimension als Maßstab für die Welt ist ohne Gültigkeit. Sprache und Thematik dieser Gedichte bewegen sich demgemäß in Bodennähe, der Kopf reicht nicht höher nach oben als der des Lammes, des Hundes, der Amsel im Gras. Nichts bleibt an Gedankenflug außer logischen Sprüngen und Rissen, ein Verwerfen des als normal erachteten Denkens.
Tatsächlich brachte Jandl das Wort Mensch ohne Tiernamen kaum mehr über die Lippen: Ratte, Schwein, Hund, Gnu… Die zentrale Strophe aus dem großen Gedicht ,,1000 jahre ÖSTERREICH“ lautet:
zwei tiere reichten aus, maskulin feminin, um ineinander
steckend, schwitzend keuchend schreiend oder geräusch vermeidend
einen neuen menschen zu schweinen: mich, ERNST JANDL.
Die Bestialisierung des Menschen endet und beginnt mit der Selbstbestialisierung. Subjekt („tiere“), Prädikat („schweinen“) und die adverbialen Bestimmungen („ineinander steckend“…) sind animalisch; dass in solcher Grammatik ein „neuer mensch“ produziert wird, ist wohl Ironie. Die traditionellen Kulturtröstungen kassiert Jandl eine Strophe weiter als „eierfromme seligkeit“, deren Verkündigung aus den bekannten Körperlöchern erfolgt:
die eierfromme seligkeit der bestie mensch
die beschissenen erschütterungen seiner fortpflanzungen
könnte er nicht ein krokodil sein ein schakal ein skorpion? er ist es
und aus seinen löchern fahren engel auf
Menschenlos (bisweilen sogar ichlos) also wünscht Jandl sich die Welt, ausdrücklich die Natur. Sie ist ja der populärste Schlupfwinkel des Humanums, Sanatorium und Exekutivbüro des deutschen Geistes zugleich. Deswegen:
DAS SCHÖNE BILD
spar aus dem schönen bild den menschen aus
damit die tränen du, die jeder mensch verlangt
aussparen kannst; spar jede spur von menschen aus:
kein weg erinnere an festen gang, kein feld an brot
kein wald an haus und schrank, kein stein an wand
kein quell an trank, kein teich kein see kein meer
an schwimmer, boote, ruder, segel, seefahrt
kein fels an kletternde, kein wölkchen
an gegen wetter kämpfende, kein himmelsstück
an aufblick, flugzeug, raumschiff – nichts
erinnere an etwas; außer weiß an weiß
schwarz an schwarz, rot an rot, gerade an gerade
rund an rund;
so wird meine seele gesund.
Das Humanformat der Natur als Ursache von Jandls Erkrankung; ihre Enthumanisierung bis zur Bedeutungsfreiheit (rot = rot, rund = rund…) als Voraussetzung für seine Gesundung. Die Verwandlung von Natur in Kultur, Jandl möchte sie aufheben, zumindest wenn Kultur so aussieht wie unsere. Aber das ist Utopie. Vorläufig mobilisiert Jandl seinen ganzen Schatz an Negativassoziationen gegen die Humanverklärung der Natur:
DIE GRÜNE PEST
verdrossen grunzt das sonnenschwein
der erdball sollt verbrennet sein
die grüne pest des grases frißt
noch jeden der mensch gewesen ist
und henker der baum zeigt hinauf hinauf
da knüpf an mein ast und dein hals dich auf
das lichte schalt ab und den tag tu weg
in die ohren gefüllt ist der vogeldreck
Das homöopathische Themeninventar der Naturpoesie – Sonne, Gras, Baum, Vogelsang – wird gewendet: Die Sonne, jetzt ein Schwein, will die Erde verbrennen; das Gras, jetzt grüne Pest, begräbt uns noch alle unter ihrer Narbe, der Baum, ein Henker, lädt uns ein zum Selbstmord an seinen Ästen, und der Vogelsang ist Dreck, der uns die Ohren verklebt. Am besten: abschalten. – Und die infantilisierre Sprache unterschreitet die Standards der Naturpoesie von der Form her.
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Jandl selbst erklärte, dass die feste Form vorgefundener oder selbst erfundener Sprachmuster seine lyrische Produktion wesentlich stimulierte. Zugleich wurden sie bei ihm nur dann zum Stimulans, wenn sie subkulturelles Format hatten: Die „konkrete Poesie“ materialisierte die geistige Substanz der Sprache zu Lautbild und Schriftbild; die „heruntergekommene sprache“ unterlief die grammatikalischen Normen; Kindersprache infantilisierte die intellektuellen Ansprüche; Ausflüge in schizophrenes Sprachverhalten (Jandl bewunderte Ernst Herbeck und widmete ihm sein „schizophrenes“ Gedicht „das kalb“) waren Ausflüge in ein kulturell nicht approbiertes Gebiet; ebenso die volkstümlichen Gstanzln mit der Vulgarität ihres Inhalts und ihrem Dialekt. Gemeinsames Sprechmotiv ist die Verweigerung einer intakten Kultursprache nach dem Verlust einer intakten Kultur. Ein letztes Mal Jandls Begleittext zum gelben hund:
Auf der Basis der Alltagssprache übt sich der Autor in der Kunst des Ausgleitens, Hinfälligkeit demonstrierend durch die gewaltsame Verformung auf der Wort- und Satzebene. Angesichts der Fehlerhaftigkeit des menschlichen Lebens wird der sprachliche Fehler zum Kunstmittel gemacht, analog zu den Störungen und Zerstörungen in Musik, Plastik und Malerei. Die Unscheinbarkeit der eigenen Person und Existenz verbindet den Autor mit nahezu allen gleichzeitig Lebenden. Das macht ihn sicher, verstanden zu werden, gerade auch dann, wenn er sich selbst, seine dürftige Rolle jetzt, die kläglichen Reste seiner Vergangenheit und sein Beharren auf der Unmöglichkeit von Zukunft in seine Gedichte mit aufnimmt.
Jandls sprachliche Verfahren sind viel beschrieben und gut geklärt. Mehr lohnt daher vielleicht der Hinweis auf Jandls Selbstzweifel gegenüber seinen Sprachverfahren. Sie heben sich durchaus ab von seinem allgemeinen Misstrauen gegen Poesie, Teil seines Kulturmisstrauens. In den Letzten Gedichten findet sich ein „kind gedicht“:
auch das wie ein kind gedicht
allsdann wird wackellicht, auch das
wie ein schizophren gedicht wird
allsdann wackellicht. So werden all
allsdann gedicht balld-mal wackel-
licht, meins, deins, seins, ihrs,
unsrs, eurs, theirs. irr-licht.
Alle Gedichte werden wackelig, d.h. unverlässliche, labile Orientierungsgrößen (als ,,-licht“), egal ob sie in Infantil- oder in Schizophrenensprache ihre Gegenpoesie entworfen haben. Die altertümliche Endung „-icht“ (statt „-ig“) ermöglicht nicht nur den wichtigen Reim auf „gedicht“, sondern phonetisch die Herstellung des Leitbegriffs „Licht“, man braucht nur das l davor zu verdoppeln: „wackellicht“. Die neue Endung macht aus dem Adjektiv ein Substantiv, das Wackel-Licht, wie es in der Worttrennung Zeile 5/6 auch bestätigt wird; endgültig dann in der Variation am Schluss: „irrlicht“. „irr-licht“ als Irrlicht ist ein Licht, das in die Irre führt: Gedichte also sind irreführende Äußerungen (was etwa der Bedeutung von Wackellicht entspricht). In der Getrenntschreibung „irr-licht“ ist das Gedicht außerdem lesbar als „irres Licht“ (Anklang an oder Wiederaufnahme des „schizophren gedicht“). Gedichte sind also irreführend und/oder geistgestört. Beides entspricht Jandls Poetologie.
Der Weg zum Leitbegriff „irr-licht“ ist wieder ein phonetischer. Zunächst ist die Aufzählung der Possessivpronomen in den beiden Schlusszeilen eine Verstärkung der Behauptung, dass tatsächlich alle Gedichte („all“ findet sich auch in „allsdann“ und vielleicht in „balld-mal“) die genannte doppelte Labilität haben, meine, deine usw. Die (umgangssprachlich) korrekte Bildung des Possessivpronomens („meins, deins, seins“) verformt sich allerdings über „ihrs“ bis zu den unmöglichen „unsrs, eurs“, eine Verformung, die (vgl. „yours“) das englische „theirs“ vorbereitet. Das englische „theirs“ besetzt in der Aufzählung den Platz des deutschen „ihres“. Nicht ohne Grund: „ihres“ wird im abschließenden „irr(-licht)“ phonetisch nachgeholt und zugleich zum entscheidenden Begriff des Gedichts gewandelt.
Das Gedicht ist ein gutes Beispiel dafür, wie Jandl mit seinen phonetisch-semantisch kombinierten Verfahren zu präziser Mehrdeutigkeit kommt. Das Hauptanliegen: Gedichte sind Irrwege, auch in seinen (Jandls) gegenkulturellen Bemühungen.
Diese späte Erkenntnis entspricht ziemlich genau der frühen des Gedichts „von einen sprachen“; das bestätigt ein weiteres Mal die Kontinuität der Verzweiflungsthematik in Jandls Werk: eine notwendige Bemerkung, da Jandl immer noch da und dort zum sprachlichen Spaßmacher verkürzt wird.
schreiben und reden in einen heruntergekommenen sprachen
sein ein demonstrieren, sein ein es zeigen, wie weit
es gekommen sein mit einen solchenen: seinen mistigen
leben er nun nehmen auf den schaufeln von worten
und es demonstrieren als einen den stinkigen haufen
denen es seien. es nicht mehr geben einen beschönigen
nichts mehr verstellungen. oder sein worten, auch stinkigen
auch heruntergekommenen sprachen-worten in jedenen fallen
einen masken vor den wahren gesichten denen zerfressenen
haben den aussatz. das sein ein fragenen, einen tötenen.
Das Gedicht ist ein Stück Jandlscher Sprachphilosophie. Nebenher (weil Jandls Sprachphilosophie eine existenzielle ist) läuft meistens das Lautwerden seiner existenziellen Depression („seinen mistigen leben“, „den stinkigen haufen denen es seien“). Die Sprachphilosophie: Die Benützung einer (unserer) verkommenen Sprache ist immer auch die Demonstration ihrer Verkommenheit. Diese Verkommenheit demonstriert Jandl, indem er die Sprache so weit beschädigt, dass sie ästhetisch den (Tief-)Stand der Wirklichkeit erreicht, den sie beschreibt. Keine Beschönigungen mehr, keine Verstellungen. Jandl hebt in seiner Redeweise sowohl die Ordnung auf, mit der die Sprache die Wirklichkeit strukturell, als auch die Schönheit, mit der die Sprache die Wirklichkeit ästhetisch versieht. Die bange, ja tödliche Frage am Schluss aber ist, ob nicht auch die vorsätzliche Beschädigung der Sprache („auch stinkigen / auch heruntergekommenen sprachen-worten“) nichts anderes als eine Verhüllung der verkommenen Wirklichkeit („den wahren gesichten denen zerfressenen / haben den aussatz“) ist; ob nicht jede Anti-Ästhetik Ästhetik ist, jede Form von Kulturverweigerung Kultur. – Natürlich ist sie das, und Jandl wusste es. Ein anderer Aufsatz müsste dann die Schönheit von Jandls hässlichen Gedichten nachweisen.
Die Defekte der „heruntergekommenen sprache“ unseres Gedichts (und vieler anderer): Das Verb wird ausschließlich im Infinitiv verwendet statt in der finiten Form, die Nomen werden ausschließlich mit der Endung -(e)n versehen, wie sie aus der schwachen Deklination kommt (einzige Ausnahme: „aussatz“), was zu Groteskformen wie „solchenen“ führt. Beide Fehler sind typisch für die grammatikalisch mangelhafte Sprachbeherrschung von Fremdsprachigen und erinnern an das sogenannte „Gastarbeiterdeutsch“. Jandl wollte damit ausdrücklich nicht eine Herabsetzung der Gastarbeiter erreichen, sondern ein weiteres Mal eine subkulturelle Sprachform in Anspruch nehmen.
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Die konsequenteste Form von Kulturverweigerung ist Aussageverweigerung: Rücknahme des Kulturgenerators Ich. Nichts zu sagen bedeutet aber nicht, nichts zu sagen, sondern zu sagen, dass man nichts sagt. Erst dann ist es Kulturprovokation. Jandls frühe Aussageverweigerungen waren ein zorniger Reflex auf die Schwemme der großen Sager, die zwar unsere Kultur aufblähten, aber nichts am Jammer und an der Jämmerlichkeit des Menschen änderten. Zwei Beispiele, aus den 60ern und den 70ern:
nein realistisches gedicht
nein was will
der her
nein ich hätte
gern
nein orangen
wieviel
nein der herr
nun ja
nein vielleicht
ein kilo
nein was wollen
der herr
sonst noch
vielleicht
ein paar
bananen
Das linke Gedicht untertitelt Jandl mit „(beantwortung von sieben nicht gestellten fragen)“. Es weist die Beantwortbarkeit von Fragen kategorisch zurück, noch bevor solche gestellt werden; oder noch wahrscheinlicher: Es weigert sich zornig, ins Geheul der Antworten einzustimmen, deren Ergebnis nichts anderes als der heutige Weltzustand ist.
Das rechte Gedicht stellt einfach ein Stück Alltagswirklichkeit vor den Leser, wohl eine Marktszene: Seine Form des Nichts-Sagens besteht in seiner Kommentarlosigkeit; keine Ideologie, keine Moral, keine Religion, keine Nachdenklichkeit macht das rohe Stückchen Wirklichkeit verständlich. Kultur beginnt erst mit dem Kommentar. Hier verkauft jemand einem Kunden Obst, und es gibt nichts dazu zu sagen; das heißt: kein Kommentar mehr zur Welt, keine Kulturpflege der Wirklichkeit. Jandl hat den amerikanischen Experimentalmusiker John Cage sehr bewundert, ein Textchen von ihm übersetzt und für sich geltend gemacht:
Ich habe nichts zu sagen
und ich sage es
und das ist Poesie
wie ich sie brauche
Mit Jandls Älterwerden bekommen seine Aussageverweigerungen zunehmend die tragische Dimension seiner existenziellen Leere. Nichts sagen – nichts zu sagen haben – nichts haben – nichts sein – nicht sein wollen: So lassen sich die Stufen seiner Annullierungspoesie, alle mit Gedichtbeispielen mehrfach belegbar, von der Kulturprovokation bis zum Todeswunsch beschreiben. „ich bin zur zeit im garten“, erklärt Jandl scheinheilig, wie aus den wohlbestellten Verhältnissen eines Hausbesitzers heraus. Der Garten ist baumlos und strauchlos; Blumen und Gemüse gibt es nicht; nicht mal Unkraut; keinen einzigen Grashalm sogar. Erde wenigstens?
also erde gibt es keine.
nichts ist da, das an einen garten erinnert
außer dem zaun da. der bin ich
Leere innerhalb der Konturen des Ichs.
Solche Leere entleert auch die Gedichte. Geradezu programmatisch wird der Band idyllen, 1989, eingeleitet mit dem Gedicht „die ersten zwölf zeilen“:
die zeile, die vor mir steht still
und eine zweite zeile will
ich habe diese ihr erfunden
und schon zwei weitre dran gebunden
ein ende ist noch nicht in sicht
ich mag sie bisher alle nicht
weil jede schamlos nur enthüllt
mein denken als von nichts erfüllt
nichts andrem nämlich als dem schreiben
von zeilen, welche zählbar bleiben
für den, der an zwei mehr noch glaubt
als ihm der finger zahl erlaubt
Das Gedicht sagt nicht nichts, sondern sagt, dass es nichts zu sagen hat; kein nichtssagendes Gedicht also, sondern ein tragisches. Die Provokation der Verkündigungspoesie besorgt es, indem es nichts als die Zählung der eigenen Zeilen verkündigt und dieses Nichts in der klassischen Form der Verkündigungspoesie präsentiert (reibungsloser Reim- und Rhythmusverlauf). – Auf der Aussage der Aussagelosigkeit beharrt Jandl bis zu seinen Letzten Gedichten:
ALS DIESES
natürlich
können gedichte länger sein
als dieses
„du sollst dich verkleinern / bis du für keinen mehr / sichtbar bist“, heißt es in einem anderen der Letzten Gedichte, und im Band zuvor: „i bin anfoch a nui“. Jandls Annullierungspoesie entspricht eine hartnäckige Tendenz zur Selbstannullierung. Ihre psychologische Deutung als Auto-Aggression lässt sich von der „politischen“ als Kultur-Aggression nicht trennen. Die biographischen Grundlagen (Jandls Elternhaus und sein Kriegserlebnis) sind noch nicht wirklich eingehend untersucht. Erste Hilfe bietet Klaus Siblewskis 2001 erschienener Band a komma punkt ernst jandl. Ein Leben in Texten und Bildern. – Auch die Deklassierung des Subjekts ist ein bruchlos nachweisbares Kultur- und Individualverhalten Ernst Jandls. Das Gedicht „schritte“ stammt aus dem Band selbstporträt des schachspielers als trinkende uhr, 1983:
der nebel
den berg
der berg
den baum
der baum
das blatt
das blatt
den käfer
der käfer
mich
So geht Jandl mit seinem und unseren Ichs um! Im Größen- und Bedeutungsvergleich der Naturerscheinungen rangiert es an letzter Stelle, unterhalb des Käfers. Und die Grammatik lebt: Alle Phänomene (der Nebel, der Berg, der Baum, das Blatt, der Käfer) dürfen auch im Nominativ des Subjekts auftreten und über ein Objekt bestimmen (den Berg, den Baum, das Blatt, den Käfer, mich), für das Ich bleibt allein der Akkusativ des Objekts. Das Ich rutscht nicht nur in seiner Größe unter das geringste Tier, sondern auch in seiner Macht: Es entbehrt die Fähigkeiten des Subjekts, also Erkenntnis, Gestaltung und Führung des Objekts. Eine solche Diagnose ist zum einen Teil depressive Erkenntnis, zum andren Teil aggressive Herausforderung, nämlich unserer Humanillusionen; ein ungesegneter Autor verflucht ein Schreiben lang die Praktiken der Segnung.
Helmut Gollner, neue deutsche literatur, Heft 551, September/Oktober 2003
„lebt wohl, ihr lebenden“
– Ernst Jandls Letzte Gedichte. –
Kurz bevor Ernst Jandl im Frühsommer des vergangenen Jahres starb, hatte er offenbar noch an die Zusammenstellung einer Auswahl neuer Gedichte gedacht: Auf seinem Schreibtisch hinterließ er, in zwei Mappen sorgfältig vorsortiert, rund einhundert Typoskriptseiten, die nun größtenteils, ergänzt durch verstreute Texte aus älteren Ablagen, als seine letzten Gedichte greifbar sind. Nur ganz wenige dieser Arbeiten scheinen ihre „letzte“ Form tatsächlich gefunden zu haben, Versbau und Strophik wirken eher fahrig, werden oft bloß angedeutet, dann wieder aufgelöst, Wortwitz und Wortspiel begegnen ebenso selten wie der Endreim, der im übrigen fast ausschließlich parodistisch eingesetzt wird. Experimentelle Textfügungen, wie man sie von Jandl bisher kannte und erwarten durfte, sind einer schonungslos privaten Sprechweise gewichen, deren Intonation zwischen grimmiger Trauer und scharfem Lästern ständig wechselt.
Letzte Worte, letzte Werke sind gemeinhin auf testamentarische Erhabenheit und Endgültigkeit angelegt, man achtet wohl weniger auf ihren Kunstcharakter als auf ihren Wahrheitsgehalt, der tote Autor, der seine Leser als Überlebende anspricht, gewinnt leicht die Autorität eines Propheten oder wenigstens die eines Wegweisers, seinem Vermächtnis wird, so scheint’s, mehr Zukunft als Vergangenheit zugestanden. Wer Jandls Letzte Gedichte mit solchen Erwartungen zur Hand nimmt, wird sich getäuscht haben und also enttäuscht sein. Denn Verheißungen, zumal positive, gibt es hier keine, es gibt weder Hoffnung noch Trost für uns Lebende, die wir ja auch bloß befristet Weiterlebende sind – nicht einmal in der Möglichkeitsform ist bei Jandl die Rede davon, dass der Mensch jemals wesentlich werden, jemals sich selbst erkennen, sich über die eigene, von Geilheit und Krankheit erbarmungslos gebeutelte Leiblichkeit erheben könnte.
Was den Letzten Gedichten – auf der Aussageebene – als Fazit abzugewinnen ist, lässt sich resümieren in dem einen Schimpf- und Schandwort „Scheiße“. Scheiße ist das Leben, Scheiße ist die Liebe, Scheiße ist die Kunst, Scheiße ist Gott, Scheiße bin ich. „Ich“ ist schon deshalb Scheiße, weil es – so Jandl – weiß, dass es Scheiße ist, und niemals sich selbst zu entsorgen vermag: „so stecke ich hals in die schling / und fresse am gott der gespenster / der noch nicht durch mein arschloch ging / … / ich scheiß auf die sonne und hätte / so gern einen strahlenden sohn“; „weil ich ein von maßloser feigheit gesteuertes schwein bin / unfähig willentlich unterzutauchen ins unausweichliche“. Das dem Autor zum Verwechseln ähnliche, durchaus unlyrische Ich klammert sich, verzweifelnd, an den „schöpfer himmels und aller verderbnis / und an seine[n] in diese scheiße hineingeborenen sohn“, mit dem es sich, einem obsoleten Künstlermythos des späten 19. Jahrhunderts entsprechend, geradezu zwanghaft identifiziert.
Gott dem Ohnmächtigen ist Jandls vermutlich allerletztes Gedicht (rot sei gott) gewidmet – auch dies ein verkapptes Selbstbildnis aus Fluchtiraden und Horrormetaphern, „ein sich in sich speiendes sei gott / … / ein im eigenen hirn steckengebliebenes / zeugungsglied“. Gott-Vater und Gott-Autor vereinigen sich in einem andern Gedicht zum gigantomanischen Ejakulator, der reihenweise Ordner füllt „… mit blättern DIN A4 / jedes datiert, an jedem festgetrocknet / je ein ejakulat, seit pubertär / bis dato, da er dem himmel nahesteht. / ein spermawerk äußerster konsequenz / zeugnis poetischer integrität“. Radikaler könnte die Verachtung der Poesie als Spracharbeit und deren höhnische Überbietung im Akt der Onanie nicht sein – „speichelreim / … schamhaaranagramm / … wortabort“.
Jandl wagt das Sakrileg, doch da er es im Wort, nicht in der Tat vollzieht, verfällt er der Sprache umso mehr. Weit entfernt davon, an ihr zu scheitern, behauptet er sich, indem er dichterisch (mit diskretem Anklang an ein gleiches) von seinem Scheitern spricht, in der Sprache als Mensch, als Mann:
wozu besitze ich
noch eine stimme
noch finger die
ein wort hinschreiben können
ich habe keinen ruf
ich schreibe keinen brief
die vöglein im walde erklingen
Auch der Käfer, den er auf seinem Weg zertritt, bleibt nur als Sprachding gegenwärtig – als „zertretenes gedicht“ geht er, buchstäblich, in die Literatur ein, bekommt einen Titel, eine Druckseite zugewiesen, hat Anteil an der ganz andern, rein sprachlich verfassten Wirklichkeit der Dichtung. Der Autor selbst bleibt, wie der Leser, außen vor, solang er zu den Lebenden gehört; erst als toter Autor gewinnt er, endlich Wort geworden, lebendige Präsenz im Text:
ich schreibe
daß der vater
tot ist
daß die mutter
tot ist
du
schreibst dann
daß ich
tot bin
Erst aus jener Ferne wird er dann „vielleicht“ auch – glaubhaft, aufmunternd – sagen können:
lebt wohl ihr weiterlebenden…
Felix Philipp Ingold, wespennest Nummer 125 – Ernst Jandl, hrsg. von Bernhard Kraller, Januar 2002
Rücksichtslose Texte
– Erlebnis mit Jandl. –
Am 1. Mai 2001 ging ich in der Wiener Innenstadt für mich hin. Plötzlich fielen sie mich zu dritt an – eine Polizistin und zwei Polizisten mit entsicherter Waffe. „Ausweis, Ausweis!“ Ich hatte keinen dabei und so drängte mich die Staatsmacht, um mich besser kennenzulernen, an die Wand. Die Hände in der Höh, das Gesicht an der Wand, folgte ich dem Wunsch des Beamten und grätschte die Beine. Ihm war es nicht weit genug, weshalb er mit einem zustoßenden Fuß für die Erweiterung meiner Grätsche sorgte. Er durchsuchte mich gründlich und nahm mir zur Sicherheit ein Handy und Diktiergerät ab. Dann griff er in meine rechte Rocktasche und ich rief gellend in den sonnigen Nachmittag:
Nein, nein, nicht das Taschenbuch!
Das Taschenbuch, das der Herr Inspektor konfiszierte, war das erste der neuen Sammlung Luchterhand, nämlich Ernst Jandls Letzte Gedichte. Es ist ein großartiges Buch, auch weil das erste Gedicht mit einer sehr einleuchtenden Zeile, die eine ganze Seite für sich allein hat, anfängt:
ich beginne den mißglückten tag.
Schon beginne ich zu denken: Jüngst las ich in einem ergreifenden Feuilleton die Maxime, dass nicht der Schmerz, sondern das Glück den Menschen provoziere. Solche Sätze sagt man gern, weil sie auf eine selbstherrliche Weise ohne Bedeutung sind. Aber man stelle sich vor, ein Gedicht begänne mit dem Satz: Ich beginne den geglückten Tag. Sich die Vorstellung eines geglückten Tages auszumalen, hätte in meinen Augen nur Berechtigung, falls die Öffentlichkeit vollgestopft wäre mit Äußerungen von mieselsüchtiger Unzufriedenheit.
Auch der Negativismus hat Routine, und man kann dagegen auf zwei Arten vorgehen: einerseits, indem man den Menschen vom Glück hervorgebracht darstellt, andererseits aber – und dies ist Jandls Weg –, indem man die Negativität so sehr verschärft, dass sie nicht mehr mit sich handeln und nicht einmal die Dichtung integer lässt:
metaphernspucke
buchstabenklosett
lyrikklistier
speichelreim
reimspeichelkäse
metaphernafter
anagrammmasche
poesiephimose
schamhaaranagramm
speichelkäsegedicht
pentametervers
silbenschiss
wortabort.
„Jandl wagt das Sakrileg“, schreibt Felix Philipp Ingold in einer erhellenden Rezension, „doch da er es im Wort, nicht in der Tat vollzieht, verfällt er der Sprache umso mehr.“ Vielleicht gilt es gerade für die Dichtung nicht, aber etwas im Wort und nicht in der Tat zu vollziehen, macht doch auch die Sätze unglaubwürdig. Bei der Lektüre von „metaphernspucke“ bis „wortabort“ habe ich kein Wort geglaubt, weil alles so gut gesagt ist und weil das doch nur das Resultat einer Anstrengung, die an ihren Sinn glaubt, sein kann.
Ich meine, die Zweideutigkeit, die in Jandls Letzten Gedichten einen irritierenden, ästhetischen Mehrwert erzeugt, rührt von der Radikalisierung der Negativität her, die – solange ein Mensch lebt – für ihn ihre Grenzen hat. Die absolute Negativität, auf die viele der Gedichte Jandls anspielen (und doch nur anspielen können), ist nämlich der Tod. Der Tod selbst ist zweideutig: Er ist für den Lebenden einerseits noch nicht erreicht, andererseits aber ist es sicher, dass er eintreten wird. Das eröffnet dem Dichter die poetische Möglichkeit, sich als Verschiedener im Vorhinein selbst zu porträtieren:
auf deinem einstigen bauch
liegt deine einstige hand
neben deiner einstigen hand
in deinem künftigen sarg.
Das Klappern mit den Gebeinen ist gute österreichische Tradition; auch der Versuch, ein Stück von der zukünftigen Erlösung zu erhaschen, indem man sich als tot imaginiert, liegt auf der Hand, ist aber immer noch ein starkes Lebenszeichen: Ist man nämlich einmal wirklich tot, dann hat man nichts mehr davon, dass man nicht mehr lebt. Die Hoffnung, eines Tages die Früchte seiner Todessehnsucht zu ernten, sprich: aus der Scheiße herauszukommen, lässt sich leider nur im lebendigen Zustande hegen.
Es gibt zwei Auswege aus der Zweideutigkeit, in die man gerät, wenn man zu Lebzeiten bloß dem Tod Sinn zuschreibt, während man alles sonst, einschließlich sich selbst, für Scheiße hält. Den einen Weg schreibt Gott, der Erlöser, vor, den anderen beschreitet der Mensch selbst: durch den Freitod. Gegen Gott hat Jandl ein wunderbares Gedicht geschrieben, ich nenne es nicht blasphemisch, weil die poetische Ausarbeitung ganz von dem Respekt für die entsetzliche, beliebig halluzinierbare Nicht-Existenz Gottes erfüllt erscheint:
ein in sich speiendes sei gott,
eine sich selber fressende blutfontäne,
ein im eigenen hirn steckengebliebenes
zeugungsglied.
Gott schwebt auch sonst über Jandls letzter Poesie, zum Beispiel in einem verzerrten Vaterunser:
ich klebe an gott dem allmächtigen vater
schöpfer himmels und aller verderbnis
und an seinem in diese scheiße hineingeborenen sohn
der zu sein ich selber mich wähne, um mich schlagend
um mein maul aus diesem meer von kot in die luft zu halten
und immer noch atem zu kriegen, warum nur?
Der Ausweg in den Freitod wird vom Dichter nicht gewählt. Die Begründung dafür gibt er in einer Selbstbeschimpfung, „weil ich ein von maßloser feigheit gesteuertes schwein bin / unfähig willentlich unterzutauchen ins unausweichliche“. Die Erlösung aus der Scheiße wäre also einerseits Gott, genauer: die Hingabe an ihn, die spirituelle Selbstauslöschung, und andererseits der sogenannte Selbstmord, eine Tat, die im absoluten Gegensatz zum Gerede steht, das sich höchstens an der mangelnden Willenskraft für ein Gedicht noch aufputschen kann. Die Rede dieses Gedichts ist zugleich erhaben und erniedrigend, zugleich verfluchend und bekreuzigend. Der nicht gläubige Mensch Jandl, der in eine vom Glauben an Gott mehr oder minder geprägte Kultur hineingeboren ist, schreibt sich deren Erlösungsversprechen von der Seele, indem er Gott poetisch so sehr anfleht, dass von Gott nichts bleibt; es bleibt nur das Nichts, das den Menschen ins Dasein zurückstößt, wo er frisst, scheißt, niest und eben – die Nase hoch, sich für den in diese Scheiße hineingeborenen Sohn Gottes haltend – atmet, also am Leben ist. Aber die Religion hat den Dichter in den Stunden des vorhersehbaren Absterbens, das er nicht selbsttätig in die Hand zu nehmen vermag, natürlich auch erwischt:
so fluch ich und möchte doch beten
dass an einem morgigen tag
die stinkende kunst der propheten
an mir noch ein wunder vermag.
Gott ist in der Höhe, er beflügelt das Gerede aller (so wie der Freitod das Gerede einzelner beseelt), der Mensch jedenfalls kriecht in den Niederungen herum, in die er endlich eingehen wird:
gott ist in aller munde
leckt alle lippen ab
und wir, die frommen hunde
bepissen jedes grab.
Der Körper ist aber auch lustig, nicht das Sexuelle an ihm, denn wenn dieses – irgendwie – vorübergegangen ist, machen sich die Geschlechtsteile als höhnische Karikaturen über ihren Inhaber lustig. Es ist die Architektur des Körpers, an der man noch im Alter ein kindliches, vielleicht auch erkenntnistheoretisches Vergnügen haben kann:
ich atme innerlich
aber die nasenlöcher
habe ich außen.
Ja, der Mensch hat eine Welt; er ist, wie sehr er auch mit Innerlichkeit begabt erscheint und wie sehr er damit zum Protzen neigt, immerzu auch schon „draußen“. Dort befindet sich nicht zuletzt das andere Geschlecht, mit ihm versucht man, vor allem als Mann, Einsicht zu haben, aber es ist gerade die Einsicht, also eine „Theorie“, die die glückliche Vereinigung unmöglich macht:
unterleib o unterleib
immer seh ich dich als weib
denn ich bin zum mann erkoren
nämlich männlich eingeboren
doch die spalte und die falten
kann ich nicht in ehren halten
sie sind nichts verglichen mit
penis der die jungfrau schnitt
doch da ich ein weib nicht bin
hab ich penis nicht im sinn.
Das Eigene und das Andere sind (wie das Innere und das Äußere: die Spalte und der Penis) miteinander ungünstig verwickelt. Der Mann führt in die Ordnung der Geschlechter eine Hierarchie ein, das Sexuelle wird dem sozialen Vergleich geöffnet: Der Penis ist besser als die Spalte und die Falte, aber da der, der diese Überlegenheit einführt, ja selber ein heterosexueller Mann ist, kann er das Höherstehende nicht begehren, es also auch nicht wirklich in Ehren halten. Er müsste selbst das Andere, ein Weib sein, um das wirklich Ehrenwerte begehren zu können. Er ist aber kein Weib und so läuft er herum, Spalte und Falte im Sinn, von denen er, der einen Penis besitzt, wenig hält. Damit führt er einen wesentlichen Teil der Lebenslust, die Begierde, ad absurdum. Das Begehren des eingefleischten Mannes ist vom Objekt seiner Begierde, vom weiblichen Unterleib, immer schon stigmatisiert. So läuft er begehrlich und unerfüllt in der Weltgeschichte herum und kotzt über seine Geilheit.
Jandl konfrontiert das eigene Leben unmittelbar mit Worten: Er bestreitet es verbal. Diese unmittelbare Konfrontation bedingt aber nicht die Wiedergabe des Lebens im Maßstab 1:1; sie ist ein Gestaltungsprinzip, mit dem das Dichterleben zugleich kenntlich und unkenntlich gemacht wird. Die Worte machen es – und so war es beispielhaft im Stück Aus der Fremde –, dass niemand glauben kann, hier referiert einer nichts als sein nacktes eigenes Leben. In Aus der Fremde zitiert sich die Hauptperson, ein Dichter, mit einer Notiz selber:
er impotentes schwein
trete jetzt wieder ein
in die vor-onanistische phase.
Das wird, auf der Bühne, von der Lebensgefährtin des Dichters mit dem Kommentar qualifiziert, es sei zwar hart, passe aber vielleicht in sein Stück – und damit steht es schon im Stück Aus der Fremde, das von einem Dichter handelt, der ein Stück schreibt und der sich und seiner Lebensgefährtin eine Notiz über seine Impotenz zu Gehör bringt, die diese schnell ins Stück abschiebt, denn dort wäre die brutal destruktive Härte der Selbstanklage, die die Frau „an seiner Seite“ unterschwellig in die Aggression miteinbezieht, vielleicht von Nutzen.
Die Weisheit, dass der Mensch in seiner Leiblichkeit hoffnungslos gefangen bleibt, wird durch die poetische Sprache, mit der sie vorgetragen wird, ständig Lügen gestraft. Man kann versuchen, diese Lüge aus der Welt zu schaffen, indem man die Sprache regelrecht totsagt:
der buchstabe ist tot
auch der buchstabe ist tot
das buch ist tot
auch das buch ist tot
alle bücher sind tot
alle buchstaben sind tot
das wort ist tot
auch das wort ist tot.
Damit aber ein Wort lebt, braucht man es nur zu sagen. Ob es gut lebt oder schlecht, hängt davon ab, wie man es sagt. Aber das Wort lebt, auch wenn es sagt, dass alle Buchstaben tot sind. Daher muss ich jetzt vorsichtig sein, um nicht den Eindruck zu erwecken, ich würde einem Dichter Widersprüche nachweisen. Jandl ist Dialektiker genug, als dass er nicht mit einem Spruch in die eigene Manier dreinfahren könnte:
o ihr gottverfluchten alten
löset eure kummerfalten.
Dieses sich ständig in die Sprache Retten, das sagt, dass es keine Rettung gibt, ist in erster Linie kein zu entlarvender Widerspruch, sondern der Widerspruch ist eine Aussage, die zum Gedicht gehört, die in meiner Lesart dem Gedicht den (willkürlich oder unwillkürlich) gewollten zusätzlichen Sinn abpresst: Der Dichter kann nicht einmal sagen, dass alles keinen Sinn hat; er ist auf den Sinn angewiesen, den er mit aller Kraft und Schwäche negieren möchte. Es gelingt ihm nicht, sich klar genug über Leben und Tod zu werden, das ist ein Teil seiner Verzweiflung, von der die Gedichte auf der Inhaltsebene, also gleichsam vordergründig erzählen. Der Dichter hört nicht auf, einen Halt zu suchen, während er seine Überzeugung vertritt, dass es für ihn keinen gibt. Er hört aber auch nicht mit dem Versuch auf, mit sich, das heißt: mit dem Widerspruch von wegzuwerfendem Leben und anhaltendem Schreiben ins Reine zu kommen.
Widersprüche dieser Art sind nicht Lügen – sie entstehen unter anderem dadurch, dass das Schreiben nicht zur selben Zeit stattfindet wie das Erleiden des unerträglichen Zustands, den man niederschreibt. Das Leben hat es mit einer Dauer zu tun, die abbricht und von der man im Leben weiß, dass sie eines Tages abbrechen wird. Im Schreiben hat der Sterbliche, falls er ein Dichter ist, einen unbestreitbaren Moment. Diesen Moment, in dem der poetische Mensch absolut, also relativ losgelöst von allem, da ist, präsent ist (also seine Art von Gegenwart hat), kann einem Dichter niemand und kann ihm nicht einmal seine eigene Vergänglichkeit nehmen. Diese Gegenwart nämlich findet gleichsam auf einer anderen Ebene, in einer anderen Dimension statt. „leben und schreiben“ heißt eines der letzten Gedichte:
was ich schreibe
ist nicht mein schicksal
was ich schreibe liegt außerhalb
meiner kreatürlichen existenz
mein schicksal kann davon zehren
was ich schreibe
und es kann ebenso
daran zerren
aber keine zeile wird am humbug
meines lebens verrotten
kein werk mein leben krönen
Die Gedichte aus Jandls letzter Sammlung, die mir in die Augen stachen, haben ihren unübertrefflich irren Glanz nicht zuletzt aus einem ungeklärten, problematischen Verhältnis von Leben und Schreiben. Die problematische Vermischung (oder vielleicht besser: die aggressive Konfrontation) von Leben und Schreiben wird im gleichnamigen Gedicht aufgehoben (oder vielleicht besser: zurückgenommen?). „leben und schreiben“ stellt eine poetisch korrekte Rechnung auf: Das Schreiben ist, wie man im Seminar lernt, autonom, es ist unabhängig vom Subjekt einer Biografie, geschweige denn von der Kreatürlichkeit eines schreibenden Menschen. Gewiss ist auch die Autonomie, wie alles im Leben, relativ. Der Autor kann zum Beispiel vom Schreiben leben, auf welchen Umwegen auch immer, also kann das Schicksal durchaus vom Schreiben zehren. Auch nimmt das Schicksal Einfluss auf das Schreiben, aber es bleibt Raum genug, auf dem sich das Schreiben eigenständig entfalten kann. Das Schreiben ist vor dem Leben geschützt. Das Leben kann ihm am Ende nichts anhaben. Das hat seinen Preis, den aber derjenige, der auf sein Leben scheißt, triumphierend bezahlt: Kein Werk wird so ein Leben krönen, Ende der Kunstperiode, von Goethes Leben bis heute fällt ein jedes Jahr schwer ins Gewicht!
Jandls Letzte Gedichte hat mir die Polizei, als sich in diesem Leben einmal mehr meine Unschuld erwies, zurückerstattet. Ich habe noch deutlich im Ohr, wie die von Jagdleidenschaft gepackte Polizistin ihren Kollegen zurief:
Das ist er.
Es war mir klar, sie hielten mich für einen sehr gefährlichen Menschen, denn ihre lauten Rufe ließen mich ahnen, dass sie die Angst, die sie vor mir hatten, erst einmal überwinden mussten. Sie teilten mir nicht mit, wessen ich verdächtigt wurde. So blieb ich mit der Monstrosität einer mir angedichteten Tat im Ungewissen. Ich blieb bescheiden und ungerührt, fragte aber einmal vergeblich:
Darf ich bitte meinen Namen sagen?
Der Beamte, der mich untersuchte, wurde zunehmend mutloser, er fand nichts, und immer noch mit dem Gesicht zur Wand, vernahm ich plötzlich die Stimme eines Dichters: Stefan Eibl war zufällig auf dem Schauplatz erschienen und klärte einerseits die Staatsmacht dahin gehend auf, dass ich, Franz Schuh, ein preisgekrönter Essayist sei. Andererseits versuchte er mich zu beruhigen:
Sie haben die Waffe nicht mehr auf dich gerichtet, Franz!
Dann durfte ich mich wieder umdrehen. Am Gehsteigrand standen zwei Funkstreifen; per Funk war eine Personenbeschreibung zu hören, die tatsächlich meinem Bilde entsprach: Ein Mann in den Fünfzigern, gut gekleidet und mit Brille. Sonst sehe ich immer aus wie Rotz am Ärmel, aber an diesem Tag, am 1. Mai, dem Tag der Arbeit, war ich festlich gekleidet. Die Arbeiterbewegung wurde mir zum Verhängnis. Ich, der ich einst einen Essay über die Kunst des Porträtierens geschrieben habe, lernte in der Praxis, dass man niemals mit identifizierbaren Merkmalen aus dem Haus gehen darf. Also: keine Brillen, nicht elegant und stets alterslos.
Um die Akteure der Polizei und um mich herum hatte sich in einem Respektabstand ein Ring von Wiener Menschen gebildet. Der entmutigte Polizist – Gott sei Dank nun auch selber angstfrei – teilte mir mit, ich hätte bloß eine „Gegenüberstellung“ abzuwarten, und siehe da, jetzt erschien schon wieder eine Funkstreife. Auf dem Rücksitz saß eine Dame, und ich konnte an den Menschen vorbeiblickend – so wie an den Stämmen eines Waldes – erkennen, dass die Dame, die man in weiter, sicherer Entfernung mir gegenüberstellte, den Kopf schüttelte:
Das ist er nicht!
Die Polizei entließ mich mit Bedauern.
Vor langer Zeit habe ich mit Ernst Jandl in einem Schriftstellerverband eng zusammengearbeitet. Ich habe damals sehr unter ihm gelitten und bin heute froh, dass es nicht umgekehrt war: dass er unter mir hätte leiden müssen. Jandl war, falls es das überhaupt geben kann, ein begnadeter Bürokrat. Ich zuckte zusammen, als ich in dem von der Polizei zurückerstatteten Band das Gedicht „ejakuliertes werk“ las:
die wände hoch regale königlich
darin LEITZ-ordner gefüllt mit blättern DIN A4
jedes datiert, an jedem festgetrocknet
je ein ejakulat, seit pubertät
bis dato, da er dem himmel nahesteht.
ein spermawerk äußerster konsequenz
zeugnis poetischer integrität.
Das war der Dichter Jandl auch, ein König der Regale, und ich kann beschwören, dass er ebenso über LEITZ-Ordner herrschte, die keine poetischen Ergüsse enthielten, die nicht Zeugnis einer poetischen Integrität, sondern einer bürokratischen Potenz waren. Das Schicksal, das sein Buch aus meiner Tasche in die Hände der Polizei spielte, nehme ich als Gruß von Ernst, der sich in dem Gedicht „letzte worte“ ja auch überlegt hat, was er denen sagen könnte, die nach ihm noch auf der Welt sein würden:
und was wirst du dann sagen?
lebt wohl ihr weiterlebenden…
das heißt, wenn jemand bei mir ist
werde ich das vielleicht sagen
(…)
Franz Schuh, wespennest Nummer 125 – Ernst Jandl, hrsg. von Bernhard Kraller, Januar 2002
Weitere Beiträge zu diesem Buch:
Hille Kück: Die Endlichkeit des Lebens
literaturkritik.de,, August 2001
Theo Breuer: Universalpoesie in der „neuen“ Sammlung Luchterhand
titelmagazin.com, 12.2.2004
Felix Philipp Ingold: rot sei gott
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18. 4. 2001
Jörg Drews: Hiob in Wien
Süddeutsche Zeitung, 21. 4. 2001
Ernst Jandl Letzte Gedichte (2001): „Vom Leuchten“ / „Metaphernspucke“ / „Ich klebe an Gott“. Performed by Emmanuel Alloa (Stimme) & Tibor Elekes (Contrabass)
Mit dem Hammer dichten
– Zur Alterslyrik Ernst Jandls. –
In den postum erschienenen Letzten Gedichten Ernst Jandls, die zwischen 1990 und 1998 entstanden, findet sich „end of a speaker“:
i’m really grateful, i might say: to god
that this my dirty mouth, including lips
teeth, tongue, gums, larinx, vocal cords
is all that broken, rotten, frayed, decayed, whatever,
that i will never say another word.2
Der Dichter, der wie kaum ein anderer als Sprecher auftrat, sich über sein Sprechersein und seine Sprechstimme definierte („i was a speaker, never was a singer“), spielt hier mit dem Gedanken, wie es wäre, diese Gabe eingebüßt zu haben, endgültig verstummt zu sein. Dafür ist das Ich des Gedichts dankbar, es adressiert seine Dankbarkeit – mit einem gewissen Zögern – an Gott. Und obwohl sein Zustand nach landläufiger Auffassung eher Anlaß dazu gäbe, mit Gott zu hadern, wiederholt es auch noch, glücklich zu sein, „that god has blessed me with the gift of cancerous silence“.
Was den Autor Ernst Jandl bedroht, ist aber, setzt man ihn mit dem (autobiographisch plausibleren) lyrischen Ich eines anderen Gedichts gleich, nicht das hier gegen alle Vernunft bejubelte Ende des Sprechens, sondern das Ende des Schreibens:
aus der dichtung großem glück
langsam zieh ich mich zurück
oder tue einen schritt
der mein dichtersein zertritt
nur den lesern bleibe ich
noch ein weilchen dichterlich.3
Ob langsamer Rückzug oder mutwilliger Schritt: der Abschied von der Dichtung wird für die Leser erst mit Zeitverzögerung wirksam. Das gilt auch für die Zuhörer: Solange der Sprecher nicht „mit der Gabe krebsiger Stille“ gesegnet ist, bleibt das Versiegen der Kreativität dem Publikum verborgen. Die Frische der Stimme kaschiert den künstlerischen Alterungsprozeß. Indem Jandl das pathologische Verstummen als ein Geschenk des Himmels imaginiert, setzt er einen Akt der Autoaggression und Selbstentmachtung, der zugleich einen Dispens von allen Pflichten bedeutet.
Wie alt muß man mindestens sein, um Alterslyrik schreiben zu dürfen? Volker Hage konstatiert zu Ernst Jandls 1989 erschienenen idyllen, denen das Gedicht vom Rückzug aus dem „dichtersein“ entstammt:
Ein wenig frühe Alterslyrik.4
Jandl sei „noch nicht einmal 65 Jahre alt, mithin ein Schriftsteller in den besten Jahren“. Wir kennen, um den Bogen weit zurück zu spannen, einschlägige Gedichte etwa von Horaz, der nur 57 wurde – ziemlich frühe Alterslyrik also; allerdings war das in der Antike bekanntlich ein recht stattliches Alter. Die klassischen motivischen Ingredienzen sind auch in diesen Versen Gerald Bisingers enthalten:
Entsetzlich ists dran zu denken endlich nicht unsterblich
zu sein fremd war mir der Tod in der Jugend ein
Schauspiel mit Kränzen Gegrüßest-seist-du-Maria fern
meinem Selbst dessen Haut jetzt die Sonne bestrahlt
noch sitz ich in einem Garten trink Wein bewege mich
schmerzfrei und selbstverständlich beginne ich dieses
Gedicht formulierend und denkend an Krankheit
Alter an Siechtum und Tod daran erstmals
daß meine eigene Zeit einmal endet ich tot bin oder
sogar noch lebend Sprache nicht fügen mehr kann
zum Gedicht oder sonstwas werde imstande zu
äußern noch sein sprachlich gestisch wer weiß das5
Dies ist die erste Strophe eines Gedichts mit dem Titel „Noch stehts mir davor“, geschrieben 1977, im 41. Lebensjahr des Autors – sehr frühe Alterslyrik also, wenngleich prospektiv vorweggenommen. Dem Gedicht ist ein Motto von Lukrez aus De rerum natura vorangestellt:
post ubi iam validis quassatam est viribus aevi
corpus et obtusis ceciderunt viribus artus,
claudicat ingenium, delirat lingua…
Dann, sobald schon der Leib von den gewaltigen Kräften des Lebens zermürbt ist, die Kräfte geschwunden und verfallen die Glieder, wird lahm der Verstand, entgleist auch die Zunge. (Übersetzung D. S.)
Die Angst davor, das „ingenium“, den Verstand, die Inspiration, die Fähigkeit zu schreiben zu verlieren oder überhaupt die Sprache, nur noch zu stammeln, zu delirieren, jene Angst vor dem Verlust der poetischen Potenz, die Bisingers Gedicht benennt, ist die Urangst des Schreibenden. So meint Alterslyrik wohl im weiteren Sinne die Lyrik, die man in fortgeschrittenen Jahren produziert, und im engeren Sinne jenen Teil davon, der sich thematisch mit den unerbittlichen Perspektiven des Alters befaßt. Immer jedoch ist Alterslyrik zugleich, ausgesprochen oder nicht, Widerlegung des eigenen Lamentos, Selbstvergewisserung, daß es so weit noch nicht gekommen ist. Dabei trifft die Erkenntnis der Wahrheit mitunter unvermittelt, wie im Titelgedicht von Bisingers Band Ein alter Dichter nachzulesen:
Als gestern ich nach meiner Ankunft in
Graz und im SCHLOSSBERG HOTEL in einem
Spiegel dort mein Gesicht sah war schlag-
artig mir klar ich bin jetzt ein alter
Dichter diese Erfahrung so deutlich und
auch erschreckend wurde bisher nie noch
mir zuteil.6
Es bleibt das „Gefühl einer Gegenwart“, „in welcher ich rauche // Und schreibe“. Der abgesetzte Schlußvers errichtet die im Schreiben erfüllte Gegenwart als einziges Bollwerk gegen das Alter. Altersgedichte stehen naturgemäß im Zeichen des Noch:
noch leb ich
Ich lebe ich schreibe ich nütze mich ab. 7
Volker Hage, der sich bezüglich der Jandlschen Alterslyrik schließlich großzügig gibt – „schön und gut, er hat sie sich verdient“ –, erscheint freilich auch besorgt:
doch hoffen darf man auf einen neuen Aufschwung.8
Worin der bestehen soll, wenn ohnehin „die poetische Kraft“ des Dichters „ungebrochen“ scheint, und wie der aussehen soll angesichts des Todes, bleibt offen. Das ästhetische Gnadenbrot, das sich einer, schön und gut, verdient hat, wird von Herzen gern gewährt, wenn ein Gemüt etwas sonniger leuchtet.
Die Dioskuren der modernen österreichischen Lyrik sind in den achtziger und neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts in die Jahre gekommen, sie erleben ihre Sechziger und Siebziger. Winterglück (1986) und Das besessene Alter (1992) heißen Gedichtbände Friederike Mayröckers geradezu programmatisch, während Jandls Titel in dieser Hinsicht neutral bleiben: idyllen (1989), stanzen (1992) und peter und die kuh (1996). Weil Avantgarde gemeinhin an das Bild jugendlichen Stürmens gebunden scheint, drängt sich die Frage auf, was nun daraus geworden ist: Revision oder Reife? Am Ende gar Klassikertum? Läßt sich womöglich so etwas wie ein Altersstil skizzieren?
Daß Ernst Jandl in seinen späten Gedichten mehr und mehr ich sagt, auch daß er mehr und mehr auf tradierte Formen und mit sichtlichem Vergnügen auf den Reim zurückgreift, wurde allenthalben wahrgenommen.[/ootnote]Vgl. Wendelin Schmidt-Dengler: „,noch ein weilchen dichterlich‘. Zu Ernst Jandls Lyrik von 1982 bis 1992“. In: Text + Kritik Ernst Jandl (1996), Heft 129, S. 51–60[/footnote] Unverkennbar ist außerdem, daß der Ausdruck vulgärer, die Darstellung obszöner wird. Peter Rühmkorf hat ein Gedicht „Altern als Problem für Künstler“ genannt, das schon durch seine Reimtechnik illustriert, daß der Autor für sein Teil wild entschlossen ist, dieses Problem mit dem Willen zu Form und Witz zu domestizieren. Es beginnt:
So alte Dichter, Gotterbarm
Auch alternde Composer,
die einen werden täglich harm-,
die andern umstandsloser.9
Kein Zweifel: Jandl gehörte demnach zu den „andern“.
Potenz
Abseits des Kur- und Küchenhumors enthält Jandls und Mayröckers Alterswerk durchaus das eine oder andere Vergleichbare: Anmerkungen zum Alltag, ein doppeltes Loblied auf den Schlaf,10 bruchstückhafte Ausgrabungen der Kindheit. Ohne Vergleich sind Jandls Demontagen der eigenen Körperlichkeit sowie sein Bekenntnis zur Schreibhemmung:
einmal kann ich schreiben
einmal kann ich nicht schreiben
auf einmal kann ich schreiben
auf einmal kann ich nicht schreiben
einmal kann ich etwas aufschreiben
einmal kann ich etwas nicht aufschreiben
so wird es bleiben
so wird es nicht bleiben11
Das ist ein, sieht man von allen Wiederholungen ab, sehr wortkarges Gedicht mit einer denkbar einfachen viermaligen Positiv-Negativ-Kopplung. Nur auf den ersten Blick illustriert es den Einfallsmangel, von dem es (auch) handelt. Die zweite Strophe variiert das grundsätzlich bestehende Problem zur Plötzlichkeit des zündenden oder erlöschenden dichterischen Funkens, und zwar allein durch den Auftakt mit der Präposition „auf“, die in der dritten Strophe mit dem zentralen Verb „schreiben“ am Versende verschmolzen wird, um die Sache noch einmal zu fassen: Es geht darum, „etwas aufzuschreiben“, also etwas schon Vorhandenes auf andere Weise zu realisieren. Die Offenheit des bald Könnens, bald Nichtkönnens machen erst die scheinbar ebenso offenen Schlußverse zunichte: „so wird es bleiben / so wird es nicht bleiben“ – weil das Schreibvermögen sich am Ende ganz erschöpft? Wohl doch eher, weil die Lebenszeit abläuft.
Die Assoziation zur dem Ich abhanden kommenden sexuellen Potenz drängt sich auf, vom Autor vielfach und grimmig abgehandelt: „er steht nicht / heraus, nicht hinein; schlimmer / als tot“,12 am ausgiebigsten im Satyrspiel der stanzen:
i waass ned wie oft
und scho goaned ob immer
aber eher a bissl weniga
und amoe gwiss nimma.13
Die wenigen Gedichte, die Momente von Glück oder wenigstens Befriedigung vermitteln, haben meist mit der Realisation von Sprache zu tun. In „erstes sonett“14 ist vom rhythmischen Dichten die Rede, das dem Taktschlagen der Jazzmusiker verwandt sei: „wir sind vom selben holz gemacht / ihr schlagt und heult, und in uns kracht / ohrenbetäubend tag und nacht / donner der sprache, heult und lacht“ – Dichtung als Lärm: fast eine richtige Idylle, aber nur fast, denn ein Donner, der Tag und Nacht kracht, ein Lärm, der sich nicht abstellen läßt, zehrt an den Kräften. In jedem Fall bleibt der innere Lärm an die äußere Lautwerdung gebunden; die Dichter-Stimme ist das zentrale Instrument, das eigentliche Organ der Kunstanstrengung, und komplementär dazu kreist eine ganze Reihe der Letzte[n] Gedichte um das Ohr, das Hören und die Taubstummheit.
Jene Gedichte, die sich mit dem Nachlassen der Schöpferkraft befassen, bilden keine chronologisch-lineare Reihe, das Bild ihrer Gesamtheit ergibt keine abfallende Kurve, sondern ein Auf und Ab heftigster Kursschwankungen. So erlebt der Autor mit dem Starten des stanzen-„motors“15 eine Hausse, die sich thematisch auch in den Texten niederschlägt, etwa im durchaus optimistischen selbstbildnis 1991, das zaghaft beginnt („bin a dichta, geh in zoppeschritt“), indem es auf einen Knöchelbruch verweist:
oowa r auf aa moe gengan so füü weata mit
und de weata jo de kaune brauchn.16
Biographisch läßt sich tatsächlich so etwas wie ein finales Verstummen feststellen, ein Verstummen als Autor, nicht als Performer: „Er wolle und müsse wieder schreiben“, zitiert Lektor Klaus Siblewski eine telefonische Aussage Jandls aus dem Jahr 2000, seinem letzten Lebensjahr.
Seit annähernd fünfzig Jahren habe er geschrieben. […] Gut zwei Jahre, schätze er, sei nichts Nennenswertes mehr entstanden.
Auch da, im buchstäblich letzten Moment, gelingt noch ein Aufschwung:
Aber das werde sich nun ändern […].17
Der Ehrgeiz des Schreibenden geht dahin, seine Macht bis zum letzten Atemzug auszuüben. So würde noch der Moment des Todes zum Schreibmaterial, also zu einem Bestandteil des Lebens. Weil auch der wachste Dichter den eigenen Tod nicht mehr erleben, nicht mehr verarbeiten kann, bleibt er auf seine Vorstellungskraft angewiesen:
Wie das Sterben geschehe, ob sich daraus ein Gedicht machen lasse? Zuerst verabschiede sich die Hand vom Fuß, dann der Arm vom Knie, der Kopf von den Beinen, der Rücken von der Brust, die Schultern vom Becken, das Herz von den Augen und dann, dann zerfalle das Ich. – Das solle er unbedingt aufschreiben und, wenn überhaupt nötig, daran weiterarbeiten.18
Doktorspiele, greisenhaft
Jandls poetische Destruktionsarbeit macht vor dem eigenen Körper nicht halt, der Zugriff ist radikal, in einem chirurgischen Sinn, das Zerlegen, Zergliedern, Verstümmeln hat etwas Berserkerhaftes: painful Love heißt der „Vernichtungsblues“,19 in dem es, wiederum auf englisch, ausschließlich um die Entfernung ungeliebter Glieder geht, beginnend mit dem Bein, endend mit dem Kopf:
the leg is not loved, oh no
the leg is not loved – cut it offf20
Hier führt der Dichter nicht nur, ähnlich wie in dem bekannten Gedicht „august stramm“,21 die Methode der literarischen Verknappung und Fragmentierung buchstäblich am eigenen Leibe vor,22 hier nimmt er einmal mehr ein Bibelwort so wörtlich, daß es wehtut:
Wenn dich aber dein rechtes Auge ärgert, so reiß es aus und wirf’s von dir. […] Wenn dich deine rechte Hand ärgert, so hau sie ab und wirf sie von dir. Es ist besser für dich, daß eins deiner Glieder verderbe und nicht der ganze Leib in die Hölle geworfen werde.23
Die Stelle, die in Mt. 18, 8 noch, um einen Fuß erweitert, variiert wird, folgt hier auf die Verdammung des Ehebruchs in Gedanken. Das Auge „ärgert“ (wie es in der Luther-Übersetzung heißt) den Mann, weil der Anblick der Frau sein Begehren weckt und ihn zur Sünde verführt. Friedrich Nietzsche hat sich in Götzen-Dämmerung auf diese Passage aus der Bergpredigt bezogen:
Es wird daselbst zum Beispiel mit Nutzanwendung auf die Geschlechtlichkeit gesagt, „wenn dich dein Auge ärgert, so reiße es aus“: zum Glück handelt kein Christ nach dieser Vorschrift. Die Leidenschaften und Begierden v e r n i c h t e n, bloß um ihrer Dummheit und den unangenehmen Folgen ihrer Dummheit vorzubeugen, erscheint uns heute selbst bloß als eine akute Form der Dummheit. Wir bewundern die Zahnärzte nicht mehr, welche die Zähne ausreißen, damit sie nicht mehr weh tun…24
Ob Ernst Jandl, der so viele Gedichte über Zahnärzte und Zähne geschrieben hat wie kaum einer, dem beigepflichtet hätte, sei dahingestellt. Zumindest sein lyrisches Alter ego, das die Reinigung von „Restzähnen“ und Zahnprothesen als hohe kunst.25 preist, hat Verständnis für den Zahnarzt, der den Zahn, an dem er immer wieder herumgebohrt hat, endlich zieht26 Es hat überhaupt ein Faible für radikale Lösungen und fällt somit unter Nietzsches Verdikt gegen die Kirche und ihre Kur des „Kastratismus“. Sie habe stets den „Nachdruck der Disziplin auf die Ausrottung“ gelegt:
Aber die Leidenschaften an der Wurzel angreifen heißt das Leben an der Wurzel angreifen: die Praxis der Kirche ist lebensfeindlich…27
Auf den ersten Blick hat Jandls Rabiatheit mit dieser Praxis nichts zu tun – sein poetisches Anliegen ist es ja, hinter dem Schein des schönen Sprechens die „Moral als Widernatur“28 zu entlarven, den Abgrund der Existenz zu zeigen und den götzenhaften alten Wahrheiten neue entgegenzuhalten, eine Art negative Schöpfungsidee:
Der Schöpfung ist der Untergang eingeschrieben, was anfängt, hört auch auf.29
Gerade in seinen späten Gedichten, unter denen es tatsächlich „fromme“ gibt, scheint der Dichter aber auch in der Auflehnung auf die katholische Vorstellungswelt fixiert. Und sein Furor gegen den (eigenen) Körper mutet tatsächlich „lebensfeindlich“ an: als begegne er dem körperlichen Verfall trotzig, mit einem Rumpelstilzchen-Zorn, als wolle er mit seiner Demontage der Natur Konkurrenz machen: Wenn schon nichts mehr so ist, wie es war, dann soll alles gleich ganz hin sein.
Nietzsches Götzen-Dämmerung trägt den Untertitel „Wie man mit dem Hammer philosophiert“, Jandls Alterswerk könnte heißen „Wie man mit dem Hammer dichtet“. Oder mit dem Schraubenschlüssel? Oder mit dem Skalpell? Das Innerste, das Jandls Gedichte preisgeben, ist nicht das, was die lyrische Tradition darunter versteht.30 Der Sehnsuchtsort der Seele ist zum Stauraum geworden. In „anatomisches selbstbildnis“ beklagt ein Ich sich über die Funktionslosigkeit seiner Brustwarzen:
überhaupt was ich so alles an mir habe
und überhaupt erst das zeug in mir drin
das muß ein affe vergessen haben
ein sehr vergeßlicher affe31
Die Introspektion bringt dem, der dem antiken „Gnothi sauton“ („Erkenne dich selbst“) folgt, nur die verständnislose Schau der eigenen Eingeweide. Der Schöpfergott figuriert als Affe, nicht etwa als Mensch – Jandl geht mit boshaftem Vergnügen noch eine Stufe tiefer in der Evolutionshierarchie.
Des Menschen Inneres gleicht in Jandls Sicht dem mit Sägespänen gefüllten Bauch einer Puppe oder dem Mechanismus einer Spieluhr, eines Roboters, bei dem, wie im kindlichen Spiel, allzu großer Forscherdrang zur Zerstörung des Ganzen führt, wie ein lapidares „gschdanzl“ zeigt:
schiasd eam hoed med an groch
in sai baichal a loch
wos komd aussä? wos drin is
solaung bis a hin is32
Das menschliche Innenleben wird auf das reduziert, was im Bauch oder im so herzig klingenden „baichal“ (Bäuchlein) „drin is“, auf den auch landläufig so genannten „Verdauungsapparat“, quasi ein „der Wartung des Benutzers anvertrautes Einbaugerät“,33 das schlicht „die scheißmaschine“ heißt:
großteils die scheißmaschine steckt in dir
du wunder mensch, verwundetes mirakel
[…]
vom munde führt der lange weg nach innen
durch röhre, ranzen und durch windungen
die du nicht gerne läßt ins freie zerren
außer um krebs den weitergang zu sperren34
Im Gewande eines Lehrgedichts wird hier das Niedere abgehandelt, das gemeinhin in einem Gedicht nichts zu suchen hat, und es wird zum Wundersamen, also Poesiewürdigen erklärt. Wie in „anatomisches selbstbildnis“ wird betont, daß der Mensch nicht der „erfinder“ dieser Merkwürdigkeiten ist – seine Zuständigkeit beginnt erst, wie die vierte Strophe erläutert, mit der Verwaltung des Endprodukts durch Muscheln, Abfluß und Kanal. Das „wunder mensch“ ein „verwundetes mirakel“ – die Gleichsetzung ist auch eine Spaltung, das Wunder entspricht dem Mirakel, und es sondert, in phonetischer, wenn auch nicht etymologischer Verwandtschaft, „verwundet“ ab, eine programmatische Fügung. Auch der prototypische Betrieb läuft im Gedicht nicht wie geschmiert, ein Defekt im Röhrensystem wird assoziiert, Krebs erscheint als die einzige Motivation, das Mirakel Verdauung ans Licht zu zerren.
Mit bemerkenswerter Hartnäckigkeit gibt die Jandlsche Alterslyrik sich der Faszination des Fäkalischen in all seinen Aggregatzuständen hin, vornehmlich dem altersbedingten Verlust der Kontrolle über die physiologischen Ausscheidungsfunktionen. Gewiß hat Jandl hier Vorläufer, so existieren abschreckende Beispiele aus dem Spätwerk Theodor Kramers („Das Pissoir“, „Von der schnellen Katherin“, „An meinen Nachttopf“). Jandl hat jedoch, keineswegs nur in den genuin vulgären Dialektgedichten, die Zerstörung des Bildes vom „wunder mensch“ mit besonderer Gründlichkeit, ja Verbissenheit betrieben, etwa in „älterndes paar“, und nur selten poetologisch-metaphorisch überhöht wie in der „stanze“ aus „eian orphischn [oarschloch]“.35 Offenkundig ist für ihn Wahrhaftigkeit allein in der Darstellung einer kruden Wahrheit des Körpers erreichbar. Nicht immer gelingt da der Dichtkunst die Verwandlung von „Scheiße in Gesang“36 mitunter – in Gedichten wie „fatterung des gefangenen“37 – scheint auch der poetische Schließmuskel nicht mehr zu funktionieren, „silbenschiss / wortabort“.38
In Jenseits von Gut und Böse formuliert Nietzsche, der Immoralist:
Im Menschen ist Geschöpf und Schöpfer vereint: im Menschen ist Stoff, Bruchstück, Überfluß, Lehm, Kot, Unsinn, Chaos; aber im Menschen ist auch Schöpfer, Bildner, Hammer-Härte, Zuschauer-Göttlichkeit und siebenter Tag.39
Jener Jandl, der in einem analfixierten Materialismus schwelgt, hat sich von solcher Ambivalenz entfernt, sein Menschenbild ist einseitig negativ.
Dabei wird man Jandls lyrischem Ich nicht nur autoaggressive Züge attestieren: Die späten Gedichte strotzen vor Aggression. Namentlich die Stanzen der stanzen sowie des Bandes peter und die kuh sind von atemberaubender Brutalität. Ein G’stanzl, das mit dem Vers beginnt „jo da fooda, hodda deara hetz ghobd“, erklärt, daß diese „hetz“ – das Wort kommt aus der Tradition der in Wien beliebten Tierhatz und bedeutet Vergnügen – darin besteht, daß ihm seine Frau mit ihren genagelten Schuhen die letzten Zähne eintritt.40 Der dialektale Diminutiv dient nur dazu, die Gemeinheit noch monströser erscheinen zu lassen, sein „goschal“ (Mündchen) nützt dem angesprochenen Du in „leukoplast“ gar nichts, es wird zugeklebt, der Erstickungstod angestrebt.41 In „memories of contergan“42 bezeichnet ein contergangeschädigtes Kind seine Hände als „fliagaln“ (Flügelchen) und wird prompt von der Mutter himmelwärts gewünscht. Wird die körperliche Integrität des anderen nicht direkt angegriffen – etwa auch durch sexualpraktische Experimente –, dann bleibt immer noch Raum für subtilere Altersbosheit, wie in dem mit zweischneidiger Freundlichkeit „für friederike mayröcker“ bestimmten Gedicht „der schöne rucksack“:
do is dei rucksack drin.
was – in an so an glaan sackerl?
hob eam zaschnittn.43
In seinem Nachwort zu den stanzen verwahrt Ernst Jandl sich dagegen, ein „büchlein der ,menschenkunde‘“ vorgelegt zu haben oder ein „büchlein der ,seelenkunde‘“, er fügt noch hinzu:
nicht einmal ein büchlein der ,heilkunde‘, was immer sich hinter diesem üblen ausdruck verbirgt.44
Daß etwas heil sein oder durch Dichtung heil werden könnte – der bekannte therapeutische Effekt von Literatur, der sich wenigstens beim Produzenten einstellen soll –, ist eine diesem Dichter zutiefst suspekte Vorstellung. Wenn er darauf besteht, der Leser habe „ein buch poesie erworben, ein buch erhebender und niederschmetternder sprachkunde, und nichts sonst“, dann wird Jandl wohl gewußt haben, daß in diesen Texten die niederschmetternde Wirkung überwiegt.
Sofern sich hinter dem „üblen ausdruck“ Heilkunde die Medizin verbirgt, hat Jandls lyrisches Ich zu deren Vertretern allerdings ein durchaus pragmatisches, wenn nicht gar kindlich-gläubiges Verhältnis, das einer wider besseres Wissen aufrechterhaltenen Reparaturmentalität entspringt. In dem Gedicht „mit engeln“45 wird sie ironisiert, wird die Welt als eine Art allumfassende Schwarzwaldklinik ausgemalt, in der das zerbrechliche Dichter-Ich gegen alle Unbill gefeit ist: „auf Straßen geh ich nur im schutz von ärzten“, heißt jeweils der erste Vers der drei Strophen; die Ärzte treten also als Schutzengel auf, Engel sind aber auch die, die den verletzten, ausrastenden oder sich besudelnden Mann von der Straße auflesen:
hebt mich auf die bahre, engel
schaffet mich ins hospital
wo die edlen ärzte warten
zu beenden meine qual
Als absolute Lichtgestalt tritt freilich in der dritten Strophe die schöne Ärztin auf, die ihn („explodierend blut und scheiße“) „mein engel“ nennt, die ihn madonnenhaft zum Kind macht, das derlei tun darf, die ihm Reinigung und ihre Brust verspricht.
Entmündigung und Regression, gemeinhin als Folgen des Alters wie des Patientendaseins beklagt, erscheinen hier als erstrebenswerter Zustand der Geborgenheit. Robert Gernhardt, der in seinen K-Gedichten explizit die eigene (Darm-)Krebserkrankung verarbeitet, dabei aber so dezent vorgeht, daß er sogar das Wort „beschissen“ nicht ausschreibt,/footnote]Robert Gernhardt: Die K-Gedichte. Frankfurt/Main: S. Fischer 2004, S. 20[/footnote] nimmt in Guter Rat einen vergleichsweise konventionellen Standpunkt ein:
O Mensch, halt ein vorm Krankenhaus.
Gehn dem einmal die Kranken aus,
dann greift man auch auf dich zurück
und du verbleibst dort Stück für Stück.
Das präludiert mit etwas Darm,
dann schneidet man sich langsam warm
an Leber, Venen und Arterien –
so’n Krankenhaus kennt keine Ferien.
[…] Was folgt daraus?
Mensch, halt dich fern vom Krankenhaus!
Gernhardt widmet sich, ähnlich wie Peter Rühmkorf, den letzten und vorletzten Dingen mit einer bemühten Lustigkeit, einem Eugen-Roth-Ton, der die böse Pointe des Gedichts – daß dies ein „guter Rat“ ist, den zu befolgen de facto eben nicht in der Macht des Menschen steht – beinahe überspielt. Obwohl die K-Gedichte auch unverblümt von der Angst handeln, vom Tod eines ebenfalls krebskranken Freundes, bleibt die Attitüde des Humoristen dominant, ganz offensichtlich eine Methode des Selbstschutzes. Die formale Virtuosität, die Lust an der Reimkunst dienen hier als Ablenkungsmanöver, während Jandl den Reim als etwas ausstellt, das diese Welt nicht mehr zusammenhält, mag der Dichter es noch so erzwingen wollen. Jandls Reime erscheinen entweder überbetont, durch abgedroschene Reimwörter entstellt, oder gebrochen, „heruntergekommen“ wie die übrige Sprache.
In dem Gedicht „vogelgeist“ heißt es am Schluß (die ersten fünf Verse sind nach dem Schema a-b-b-a-b gereimt):
gar lange
hatte ich nicht daran gedacht
daß man sagen kann: den geist aufgeben
wenn man sterben meint
so ist gar alles wohl gereimt.46
Hier ist aber gar nichts mehr wohlgereimt, der „räudige“ Reim am Ende unterläuft die Aussage, angesichts des Todes versagt der Dichter gerade den Trost in der perfekten Form, den er beschwört.
Vanitas, Tod
Nichts anderes als den Sieg der Vernichtung zelebriert Jandl in „victory“:47
das husten des alten mannes
lieblich durchdringt sein tagewerk
worin besteht es? in intervallen
läßt es ihn auf die couch fallen
mitsamt seinen wütenden gedanken
dem schweren kampf in seinem kalkkopf
zwischen dem einstigen jetzt und dem jetzigen einst
bis ihn der husten erneut hochblockt
der sterbespecht auf seine glatze trommelnd
Nicht der Husten wirft den alten Mann nach der grammatischen Logik auf die Couch, sondern sein Tagewerk. Kampf herrscht „zwischen dem einstigen jetzt und dem jetzigen einst“. Das heißt unmißverständlich und subtil zugleich, daß Vergangenheit und Erinnerung niemals zur Deckung gebracht werden können und daß das Wissen um diese Unmöglichkeit wehtut. Das Stakkato des Hustens, der sich in einem frappierenden Bild in den „sterbespecht“ verwandelt, wird zum Victoryzeichen, zum Siegesgetrommel des Todes. Der Kampf ist aussichtslos.
Dem Tod den Stachel nehmen, das müßte heißen, den Spieß umzudrehen und ihn zu suchen. In seinem letzten zu Lebzeiten erschienenen Band peter und die kuh läßt Jandl einen in indirekter Rede mit Gott über ein baldiges Lebensende verhandeln:
er bitte jedoch um eine gewisse frist
also noch nicht sofort
außer nur durch sein sofortiges ende
sei ein halb-tot sein, ein schein-tot sein
zu verhindern.
dann lieber sofort.
was wiederum nicht heiße:
auf der stelle.48
Dieser (selbst)ironischen Beleuchtung menschlicher Radikalität setzt der Dichter die unbarmherzige Anleitung vermeide dein leben entgegen, eine Lebenshilfe der besonderen Art:
du bist ein mensch, verwandt der ratte.
leugne gott.
beginne nichts, damit du nichts beenden mußt.49
Daraus folgt der Rat, der am Ende steht: „atme dich zu tode“. Da wir doch alle nichts anderes tun, hat uns im Paradox der Sarkasmus eingeholt: Das Leben läßt sich eben so halbherzig nicht vermeiden.
Für Friederike Mayröcker dagegen war der Tod immer schon der große Antagonist, der Spielverderber; in „Veduten“50 packt sie ihn quasi bei den Hörnern:
[…] angeheuert jedoch vom Tode
bin ich, nicht viele Tage bleiben mir noch, also
schnellstens und schnell, und möchte doch frei sein zu
leben, der Gedanke an Erpressung des närrischen Grimassenschneiders
Tod, sein unverständliches Kauderwelsch : ist
mir zuwider : möchte ich brüllen in seine Fratze, ich kenne
sein hassenswertes System : möchte ich brüllen, Verheerungen,
Turbulenzen, Blutbad und Torsi, oder ganz heimlich auf
Zehenspitzen schleicht er daher, schnell-spinnend
wende ich mich beiseite, nein! […]
Was das lyrische Ich dem Tod hartnäckig entgegensetzt, ist der Succus seiner Existenz:
was bleibt mir? mich betören : ich will mich betören
lassen von aller Welt : anblaffen, flanieren, Zauber-
botschaften vernehmen und weiter ausstreuen, undsoweiter […]51
Mayröckers Todesmetaphern enthalten aber mitunter auch eine beinahe gelassene Unerbittlichkeit:
ich bin abschüssig abschüssig alles wann
werd’ ich abgeschoss’ ..52
Oder:
mit dem Griffel-Ende des Lebens zwischen
den Fingern schreibe ich, dennoch gesellig, wie ..
und immer tiefer
sinkend in die Erde hinab.53
Das Bild vom sich zu Ende schreibenden Leben, vom sich gleichermaßen abnützenden Lebens- und Schreibwerkzeug erscheint als das Schlüsselbild dieser Alterslyrik, in der „Biographie“ ganz wörtlich genommen und offenbar nicht damit gerechnet wird, daß das Schreiben aufhören und das Leben weitergehen könnte.
In formaler Hinsicht läßt sich mit dem Erscheinen von Winterglück eine gewisse, sehr behutsame Annäherung an die Jandlsche Ästhetik feststellen: Etliche, meist kurze und auch kurzzeilige Gedichte schlagen einen anderen Ton an als die dynamisch-zerstreuten Hymnen. Das lyrische Ich scheint innezuhalten in der Feier des Daseins und einen Schritt zurückzutreten, altmodisch gesagt: sich zu sammeln und zu besinnen. Manche dieser Gedichte sind durchaus unkryptisch und von souveräner Einfachheit: lakonische Beobachtungen etwa und ausschnitthafte Kindheitserinnerungen – die ja genuiner Bestandteil jeder Alterslyrik sind. Mit dem Heraustreten aus dem Fluß der poetischen Assoziation wird das lyrische Ich greifbarer, rückt es dem Leser näher, etwa in „Rohrmoos 85“,54 das mit einer Grille im Gras und einem strahlenden Augustmorgen beginnt:
[…]
die Namensschildchen am Gartentor, plötzlich
fiel es mir auf, am Gartentor die beiden
Schildchen mit unseren Namen : verblichen
verwaschen verwischt vom Regen der
fiel, vom Regen der schlug gegen das
Tor in der Nacht und wehte wie über
Gräber .. von unseren
Gräbern gewaschen die Namen, Grabsteine
namenlos plötzlich fiel es mir ein, neben mir der
Andere schwieg, dachte womöglich das
gleiche
Die konventionelle Thematik ist hier (beginnend mit der Grille, seit der Anakreontik Symbol des einsam singenden Dichters) wahrhaft lapidar abgewandelt: Die Kräfte der Natur löschen nicht bloß das physische Leben aus, sondern auch die Namen, das Andenken und damit die gesamte Existenz. Das unablässige, unerbittliche Regnen und Wehen ist im Fluß der Metrik virtuos nachgebildet.
Jandl hat seine Zweifel an der Unauslöschlichkeit der Person durch den Tod im Gestus höhnischer Affirmation angemeldet:
a schdiggl flääsch und a haufn baana
olles ängwiggld in a haud
und dazua no an namen –
so an wia diii gibz nua amoe55
Die Wirkung der Stanze basiert auf einem verdeckten Widerspruch: Fleisch, Knochen und Haut sind eben nichts Einmaliges, sondern das Allgemein-Kreatürliche schlechthin. Fügt man den Namen, der scheinbar Einzigartigkeit garantiert, hinzu, ist auch er entwertet und mit ihm die Behauptung im letzten Vers.
Im Vergleich mit dieser perfiden Selbstansprache, die Illusionen vernichtet, indem sie sie bestärkt, wirkt Robert Gernhardts Gedicht Nicht mit mir geradezu frohgemut. Seine demonstrative Unehrlichkeit dient wenigstens einem Zweckoptimismus:
Mich gibt es doch nur einmal
[…] Ich bin bei Gott ein Einzelstück
So’n Stück gibt man doch nicht zurück
Das hebt man auf und preist sein Glück:
Wie schön, daß wir dich haben!/footnote] Robert Gernhardt: Die K-Gedichte. Frankfurt/Main: S. Fischer 2004, S. 37[/footnote]
Wein und Zeit
Bereits im Titelgedicht des Bandes selbstporträt des schachspielers als trinkende uhr (1983) hat Ernst Jandl eine Beziehung zwischen dem Trinken und der Zeit hergestellt. Die Schlucke aus dem Glas Gin Tonic strukturieren die Schachpartie gegen den Computer, die Bedenkzeit des Spielers und zugleich das davon sprechende Gedicht.56 In „kopf “ (Ernst Jandl: Poetische Werke in 10 Bänden. Hg. v. Klaus Siblewski. Bd. 9. München: Luchterhand 1997, S. 69) wird das Motiv des lustigen Trinkens ins Negative gewendet und ebenfalls mit der literarischen Produktion verknüpft:
dies sei
ein kopf
mit trunkes
farbenprunk
auf massigem
körpers quader
unter druck
entfahre ihm
wort-peinigung
so gereinigt
heule er sich
ins trinkgewitter
o du bitterer
konsum
Die prägnant gefügten Verse klingen vornehmlich durch Assonanzen: „trunkes“, „farbenprunk“ und „druck“, „peinigung“ und „gereinigt“, „trinkgewitter“ und „bitterer“. Aus dem Zusammenhang ergibt sich klar, daß nicht etwaige Zuhörer Opfer der „wort-peinigung“ sind, sondern der Inhaber des Kopfes selbst. Das Bild (der rote Kopf „mit trunkes farbenprunk“) erinnert an einen Druckbehälter mit Ventil oder gar: an die Austreibung eines Dämons. Im Entfahren hat die Pein ein Ende, nicht aber die Tränen, wobei Heulen – wie in „erstes sonett“ – ein stilles Weinen ebenso umfaßt wie tierische Laute, ein lautes Schluchzen oder auch Deklamieren. Das „trinkgewitter“, in das das beschriebene Ritual mündet, ist kein reinigendes, die Reinigung findet vorher statt. Die Apostrophe, die auf die Zeilen in indirekter Rede folgt, verleiht den beiden Schlußversen eine ungeheure Wucht: „o du bitterer / konsum“. „konsum“ schließt als einziger Ein-Wort-Vers den Bogen zum Titel kopf. „Konsum“ steht hier nicht nur für das Einverleiben und Verbrauchen von Trinkbarem, es schwingen alle Bedeutungen von „consumere“ mit: vergeuden, verzehren, vernichten, wegraffen.
Eine Störung der Balance zwischen Schreiben und Trinken, eine zunehmende Verschiebung in Richtung Alkoholmißbrauch in späteren Jahren hat Ernst Jandl selbst ohne Anzeichen von Reue angesprochen:
Früher habe er mit Sprache experimentiert, jetzt seien Schlafmittel und Wein an der Reihe.57
In Jandls Spätwerk finden sich auch Hommagen an den Wein, versöhnliche Ergebenheitsadressen. Das Gedicht „stille messe“58 läßt sich als eine Paraphrase des Wiener Liedes „Es wird ein Wein sein“ lesen:
nun warte ich schon sehr
auf einen tropfen wein
und denk: s’wird nicht für immer
aus damit sein
Scheint die erste Strophe noch im Diesseits angesiedelt, so verweist die zweite auf das Geheimnis der Eucharistie:
ich seh im dunkel dunkelrot
das ewige licht
und bin ich tot und bist du tot
es verlöscht für keinen nicht
Das ewige Licht, das in katholischen Kirchen die Präsenz des Allerheiligsten in Form geweihter Hostien anzeigt, leuchtet gewöhnlich in einer roten Lampe. Das Licht, das in diesen Versen „im dunkel dunkelrot“ leuchtet, ist der Wein, der im mystischen Arrangement aber unweigerlich mit dem Blut Christi konnotiert ist. Jandls „stille messe“ feiert eine Ersatzreligion, aber ohne die Religion zu diskreditieren; der Ton ist nicht blasphemisch, sondern auf eine eigene, volkstümliche (etwa mit der doppelten Verneinung „verlöscht für keinen nicht“) Weise fromm. Die dritte Strophe beginnt sogar ganz konventionell mit „herr, laß sie ruhen in frieden“ und klingt im Gemurmel eines Gebets aus: Der letzte Vers „auf diesen tropfen wein“ wird einer „wdh. a. lib.“ anempfohlen.
Neben dem bereits zitierten frühen Altersgedicht findet sich in Gerald Bisingers Gedichte[n] auf Leben und Tod ein Stück mit dem Titel „Ich trinke“, wiederum mit einem lateinischen Motto, diesmal aus Senecas De brevitate vitae.59 Bisinger hat das Gedicht an seinem 42. Geburtstag geschrieben:
[…] ich leb noch mit 42
das ist auch eine Leistung wenn man so will ich sitz
vor der Bahnhofsgaststätte im Freien zu Berlin Bahnhof-
Wannsee trink Weinbrand und Coca Cola an meinem
Geburtstag weit mehr als mein halbes Leben ist höchstwahrscheinlich
verbracht ich schreibe ich trinke
Der Band wurde 1987 als erstes Buch einer Trilogie neu aufgelegt, die den treffenden Titel Am frühen Lebensabend trägt. Gerald Bisinger (1936–1999) kommt als Widmungsträger eines spaßigen Sprachspiels in den idyllen zu Ehren:
mann & frau
in der welt des deutschen
2. folge
gerald bisinger zum 50. geburtstag
Friederike Mayröcker hat dafür plädiert, seine „scheinbar mühelos hingeworfenen Parlandoverse“60 in ihrem Alltagsgewand nicht geringzuschätzen. In ihnen konstituiert sich ein Ich eben dadurch, daß es im Akt des Wahrnehmens aufgeht. Die Gleichzeitigkeit von Trinken und Schreiben, wie sie sich in Jandls selbstporträt des schachspielers als trinkende uhr artikuliert, hat Bisinger in Ein alter Dichter zum Programm gemacht. Lauter „stille Messen“ werden da gefeiert, Auflehnung gegen die Macht des Alkohols findet nicht statt, getreu dem Motto des Bandes, „Der Weise weihet sich dem Alkohol“ (Peter Hille), ist das Einverständnis mit der communio mystica des geistigen Getränks total.
Der vollständige Verzicht auf Interpunktion, gepaart mit einem hurtig auch über Worttrennungen hinwegspringenden Enjambement, verleiht Bisingers Versen etwas unruhig Schweifendes, obwohl das lyrische Ich stets sitzt, zum Beispiel im Garten von Anny Demuths Wirtshaus „Zum alten Drahrer“ in der Liebhartstalstraße:
[…] trink Rotwein im Schatten
recht mächtig erscheinender Kastanienbäume
ich sitze also in Wien die Hitze steht der
kürzlich noch in Berlin erlebten keineswegs
nach ich bin der einzige Gast hier in vollem
die ganze Umwelt erfüllenden geradezu para-
digmatischem Sommer gelegentlich aufkommende
Stöße von Wind sind nicht erfrischend61
Scheint das Moment der Monotonie, das von der Metrik noch unterstrichen wird, auch auf den ersten Blick mit Ernst Jandls rhetorischem Gestus zu kontrastieren, so gibt es doch Konvergenzen: stille messe ist ein akustisches Perpetuum mobile, und die Stille des Zechers wird auch in dem Dialektgedicht „in der heißen heißen stadt“62 thematisiert:
[…] und soitad des wiaggli easchd
mai easchdes glaasl sään hääd …
in da haassn haassn schdott
Seichtes und Leichtes
Angesichts solcher Texte erscheint die Frage nach der unverdrossen hochgehaltenen Fahne der Avantgarde müßig: Ernst Jandl hält sich „jenseits“ auf, wohl auch jenseits von Gut und Böse, sicher aber jenseits von vorne und hinten. Seine späten Gedichte künden von einem einzigen Sichnichtscheren: um die Moral, um den guten Ton, aber auch um Konventionen des Modernen. Es ist nicht etwa so, daß Jandl – wie Wendelin Schmidt-Dengler es für den Aufbau der idyllen nachvollzieht63 – seine höchste Freiheit am Ende im Gebrauch einer von ihrer Mitteilungsfunktion emanzipierten Sprache fände. Seine Freiheit besteht vielmehr darin, weiterhin ungeniert „mitzuteilen“, wenn es (und was) ihm paßt. Es ist die Souveränität des Meisters, der niemandem mehr, auch sich nicht, etwas beweisen muß, der sich Understatement leisten kann, der freilich auch seinem Spieltrieb weiter freien Lauf läßt. Die „outrierte Banalität“, die Schmidt-Dengler in den stanzen ortet,64 findet sich auch in den idyllen, und sie ist nicht selten eine vorgespiegelte, ein Schutzschirm vor zuviel Tiefgang. Eine entschlackte Sprache läßt sich ohne Verkrampfung handhaben – zum Beispiel:
ein wort und ein wort – so nebeneinander
es ist plötzlich da
zum beispiel ein winter
frühling so fern
steht schon dahinter
und dazwischen ist nichts
doch darin ist alles
was bis dorthin
zu ende sein kann65
Die Sprache, die in der Wortfolge Winter – Frühling fugenlose Kontinuität vorgaukelt, wird hier überführt: Denn wer den Frühling erleben will, muß erst den Winter überleben. Das ist einfach geschrieben, aber nicht einfach gedacht und gar nicht so einfach zu verstehen. Eine eingängigere Abwandlung des Motivs vom scheinbar fehlenden Übergang enthalten die stanzen unter dem geriatrisch anmutenden Titel „sehprobe“:
do drimman schdeed ,jung‘
dort drimman schdeed ,oed‘
dazwischn siach i nix
oijo! wosn? ,boed‘66
Die idyllen enthalten ein Gedicht, das den Jandlschen Zuschnitt der landläufigen Bedeutung von Idylle vorführt und dabei eine Poetik seiner Alterslyrik nicht nur entwirft, sondern demonstriert:
ich war jung und dumm
ich bin alt und dumm
ich entkleide mich vor publikum
plötzlich sind alle stumm
ich bücke mich
ich zeige ein loch
ein hauch entweicht
leben ist leicht67
Alter hat demnach mit Weisheit nichts zu tun, und Exhibitionismus etwas mit Qual und Lust und Erleichterung. Peter Rühmkorfs Gedicht Abschiede, leicht gemacht enthält eine Erläuterung, die sich viel besser auf Ernst Jandls Gedichte anwenden läßt als auf Rühmkorfs eigene Produktion:
Dies als Kunstgesetz gesamt gesehen:
Ein Gedicht das auf sich hält,
das läßt sich gehen.
Und je tiefer ich empfinde, um so seichter
schmiere ich mich aus,
dann fällt der Abschied leichter.68
Daniela Strigl, aus Ernst Jandl. Musik Rhythmus Radikale Dichtung, herausgegeben von Bernhard Fetz, Paul Zsolnay Verlag, 2005
Bildnisse von Dichtern – Ernst Jandl
Das muß man gesehen haben, wenn ihm die blauen Zornäderchen an der Schläfe anschwellen. Dann stammelt sein Mund, aus seiner Kehle kommt Staub und seine Augen verdrehen sich. Die, die ihn kennen, tun die Finger in die Ohren. Dann schreit er. Niemand schreit so wie er. Wenn wir einmal einen Krieg auszufechten haben werden, spannen wir ihn vor unsern Karren und er schreit uns eine Schneise in die Feinde hinein. Mit dieser Technik haben die Schweizer schon einmal die Österreicher besiegt, bei Sempach. Er spricht ein Englisch wie ein Berserker. Wie er wohl ißt, und was? Er donnert die Gabel, die er mit der Faust hält, in den Rehrücken und säbelt mit einem Tranchiermesser ellenbogenlange Stücke herunter. Er frißt sie rasend schnell. Man meint, jetzt platzt er, aber nein, er lacht plötzlich ganz laut. Wir sehen uns an, dann ihn, und jetzt lachen wir auch. Sein Gesicht glänzt, er sieht jetzt aus wie ein Mond, und wir denken, schade, daß er nicht unser Vater ist oder wenigstens unser Onkel. Dann setzen wir uns zusammen an einen Tisch und spielen eine Partie Schach. Ich ruckle an meinen Bauern herum, er aber kracht gleich mit seinen Türmen übers Brett, und daß er dabei ein paar Rösser verliert, ist ihm wurscht. Sowieso hupfen die so unvorhersehbar. Auch den König mag er eigentlich nicht. Ihm sind die Figuren am liebsten, die wie Kegelkugeln dahinfegen können. Ich schaue auf das Chaos, das er auf dem Brett angerichtet hat und denke, wie er wohl Schnippschnapp spielt, mein Lieblingsspiel, früher, vor jetzt dreiunddreißig Jahren.
Urs Widmer, Manuskripte, Heft 47/48, 1975
„die rache der sprache ist das gedicht“
– Zerstörung und Wiedergutmachung: Überlegungen zu den Gedichten Ernst Jandls. –
Kurz vor dem Tod Ernst Jandls hat Klaus Siblewski in verschiedenen Mappen und Ordnern in der Wohnung des Dichters Gedichte gefunden, die er posthum als Letzte Gedichte veröffentlicht hat. Darin finden wir auf Seite 16 folgendes Gedicht:
bitte
lassen sie mich doch allein
bitte lassen sie mich doch allein
bitte lassen sie mich bitte doch allein
bitte lassen sie bitte mich bitte doch allein
bitte lassen sie bitte mich bitte doch bitte allein
oder bitte lassen bitte sie bitte mich bitte nicht so allein bitte
Der erste Vers ist eine Aufforderung an den anderen, „mich“ allein zu lassen – ein Satz der Alltagssprache, wie ihn jemand sprechen mag, der nicht gestört oder belästigt werden möchte. Das „doch“ gibt dabei einen Hinweis, dass das Recht auf Alleinsein gegenüber dem anderen behauptet werden muss. Im zweiten Vers erfährt die Bitte, allein gelassen zu werden, durch das vorangestellte „bitte“ eine Intensivierung, aber auch in dieser Form bleibt der Satz ein Satz der Alltagssprache. Vom dritten Vers an jedoch bricht das „bitte“ immer häufiger in den alltäglichen Satz ein, reißt ihn in seine Elemente auseinander und zerstückelt ihn. Das Bitten wird zum Flehen. Unter der sprachlichen Oberfläche des Satzes kommt eine Panik zum Ausdruck, die um das Alleinsein kreist, so als gehe es ums Überleben. Die Bitte, allein gelassen zu werden, steigert sich von Vers zu Vers bis zum herzzerreißenden Umschlag in ihr Gegenteil im sechsten Vers:
oder bitte lassen bitte sie bitte mich bitte nicht so allein bitte
Die Bitte, allein gelassen zu werden, und die Bitte, nicht allein gelassen zu werden, rücken nah aneinander. Ja, mehr noch: das „oder“ zu Beginn des letzten Verses verknüpft beide Bitten zu einer einzigen. Nicht allein sein zu dürfen und endgültig allein gelassen zu werden erweisen sich als zwei Seiten einer Bedrohung, die eine namenlose Angst vor Vernichtung hervorruft.
Was in diesem Gedicht mit großer Expressivität und sich als ein letztes „bitte“ gleichsam in einen leeren Raum hinaus schleudert und geschrien wird, hat Ernst Jandl in „skizzen aus rohrmoos, sommer 1984“ (Ernst Jandl: Poetische Werke, 10 Bde. München, Luchterhand 1997, Bd. 9, S. 148) in einer durch Anspielungen angereicherten Form als Gedicht gestaltet:
laß mich allein
ich will allein sein
ich will es auch nicht
leben ist kein verzicht
…laß mich allein
ich will nicht allein sein
…
Auch hier die gleiche tiefe Ambivalenz. Zugleich erfahren wir etwas über die Gründe, die das Alleinsein so erstrebenswert und zugleich so schrecklich machen:
laß mich allein
ich will am fuß keinen stein
ich bin vor gericht
ich will nichts, das für mich spricht
Hier kommt die erschreckende Fantasie zur Sprache, nicht für sich sprechen zu können, weil der andere immer schon ausgesprochen haben wird, was ich über mich sage. „ich will am fuß keinen stein“: der andere als „Klotz am Bein“, der die eigene Lebendigkeit mit Vorstellungen, wie „ich“ sein sollte, oder auch nicht, lähmt oder gar abtötet. In dem Ausruf „laß mich allein“ artikuliert sich ein Protest gegen die Erfahrung und die Fantasie, unendlich ausgenutzt zu werden. Es ist eine Fantasie, die Jandl schon 1962 in „my own song“ (Ernst Jandl: Poetische Werke, 10 Bde. München, Luchterhand 1997, Bd. 8, S. 223) zum Material eines Gedichts gemacht hat. Es heißt dort:
ich will nicht sein
so wie ihr mich wollt
ich will nicht ihr sein
so wie ihr mich wollt
…
nicht wie ihr mich wollt
wie ich will ich sein
nicht wie ihr mich wollt
ich will ich sein
nicht wie ihr mich wollt will ich sein
ich will sein
In einer anderen Sprache ist es die Fantasie, verschlungen zu werden. Das „ihr“ frisst das „ich / mich“ gleichsam auf, so dass es nicht länger ein abgegrenztes eigenes Sein außerhalb der anderen gibt. Deshalb endet „my own song“ mit dem Satz „ich will sein“, in dem das eigene Sein gegen das Nicht-Sein des „wie ihr mich wollt“ behauptet wird. Es ist ein Fantasieszenario, in dem Alleinsein in der Gegenwart des Anderen nicht möglich ist, in dem vielmehr die Gleichung „Nähe = Vernichtung“ gilt. Im „sekundenhörspiel (zwei männer)“ (Ernst Jandl: Letzte Gedichte. München: Luchterhand 2001, S. 13) lautet die Antwort des einen auf die vom anderen angebotene Vorstellung: „aber nah, ich meine / ständig nah, einer / in deiner nähe / für / dich / da.“ / „könnt’ ich wohl nicht aushalten.“
Das Dilemma scheint unlösbar zu sein. Stets sind beide Seiten des Alleinseins gleichzeitig da:
ich will nicht allein sein
ich bin vor gericht
einen will ich, der für mich spricht
Die Formulierung „der für mich spricht“ hat mehrere Bedeutungsebenen. Auf der Ebene der Gerichtsmetapher geht es um den Fürsprecher, den anderen, der mir in einer Situation der Anklage und der inneren und äußeren Gefahr, schuldig gesprochen zu werden, zur Seite steht. Auf einer tieferen Ebene geht es aber auch um den anderen, der für mich spricht, wenn mir die Sprache fehlt oder zerfällt. Die Sprache des anderen ist der Spiegel, in dem ich erfahre, wer ich bin. Am Anfang des Lebens ist jeder ein in-fans, ein Mensch ohne die Fähigkeit zu sprechen, für den die Mutter spricht, wenn sie seinen namenlosen körperlichen und seelischen Erregungen und Impulsen einen Namen gibt. Erst auf der Basis dieser Erfahrung beginnen wir zu sprechen – mit dem anderen uns gegenüber und mit dem anderen in uns selbst. Jemand, der nie erfahren hätte, dass es „einen“ gibt, „der für mich spricht“, bliebe unfähig, mit sich selbst zu sprechen. Die Fähigkeit, mit sich selbst durch Wörter zu kommunizieren, ermöglicht es erst, frühe „Wünsche, Ängste und Phantasien durch Symbolisierung zu integrieren“. (Hanna Segal: Wahnvorstellung und künstlerische Kreativität. Stuttgart: Klett-Cotta 1992, S. 84) Daher die namenlose Angst, endgültig verlassen und allein zu sein.
In Gedichten wie „skizzen aus rohrmoos, sommer 1984“ und „bitte“ hat Ernst Jandl den inneren Riss sprachlich zugespitzt und in die Ordnung des Gedichts integriert. Der Psychoanalytiker Donald W. Winnicott (Donald W. Winnicott: Reifungsprozesse und fördernde Umwelt. Frankfurt a.M.: Fischer 1984) hat das Dilemma in einer anderen Sprache zu formulieren versucht. Er schreibt:
Im Zentrum jeder Person ist ein Element des „in-communicado“, das heilig und höchst bewahrenswert ist.
(Donald W. Winnicott: Reifungsprozesse und fördernde Umwelt. Frankfurt a.M.: Fischer 1984, S. 245)
Wenn es in dem Gedicht „bitte“ flehentlich heißt „bitte lassen sie bitte mich bitte doch bitte allein“, kommt darin die Bedrohung zur Sprache, das „incommunicado“ im Kern der Person könnte in eine Kommunikation verwickelt und dadurch verändert oder gar vernichtet werden. Winnicott glaubt, „dass dieser Kern niemals mit der Welt der wahrgenommenen Objekte kommuniziert, und dass der Einzelmensch weiß, dass dieser Kern niemals mit der äußeren Realität kommunizieren oder von ihr beeinflusst werden darf“. (Donald W. Winnicott: Reifungsprozesse und fördernde Umwelt. Frankfurt a.M.: Fischer 1984, S. 245) Kommunikation verbindet sich leicht mit falscher oder fügsamer Kontaktaufnahme mit dem Objekt. Diese Verführung zur Fügsamkeit, die mit der Nähe zum anderen verbunden ist, ist im tiefsten Sinne „falsch“, wie der Titel eines Gedichts vom 22.03.79 (Ernst Jandl: Poetische Werke, 10 Bde. München, Luchterhand 1997, Bd. 8, S. 126) heißt:
…
immer sein da die die sagen
das du müssen tun und das du müssen tun
und ich sein das was da ja sagen tut
ja ich immer tu ja sagen
und dann ich mir sagen daß falsch
war das jasagen
ja
ganz falsch
Das „jasagen“ ist „ganz falsch“, weil es die Fähigkeit paralysiert, das, was in der äußeren und inneren Wirklichkeit herumliegt, das (Sprach-)Material, als Objekt – und das heißt für einen Dichter: als Gedicht – zu erschaffen und immer neu zu erschaffen. Jandl spricht über diesen Zusammenhang nicht diskursiv und argumentierend, sondern macht ihn für den Leser und Hörer des Gedichts erfahrbar, indem er aus dem Material der „heruntergekommenen“, d.h. „falschen“ Sprache ein Gedicht schafft, das jede Falschheit abgestreift hat.
Aber das Andere ist nicht minder wahr: jeder Mensch hat gleichzeitig ein tiefes und drängendes Bedürfnis nach Kommunikation und den Wunsch, gefunden und nicht vergessen zu werden:
oder bitte lassen bitte sie bitte mich bitte nicht so allein bitte
So stehen wir vor einem Dilemma, wie Winnicott (Donald W. Winnicott: Reifungsprozesse und fördernde Umwelt. Frankfurt a.M.: Fischer 1984, S. 244) es für das kleine Kind beschrieben hat, „das ein privates Selbst ausbildet, das sich nicht mitteilt und zur gleichen Zeit sich mitteilen und gefunden werden möchte“. „Lass mich allein“ und „lass mich nicht allein“: beide Bitten in einer zeugen von einem „differenzierten Versteckspiel, in dem es eine Freude ist, verborgen zu sein, aber ein Unglück, wenn man nicht gefunden wird“. Siblewski (Klaus Siblewski: „Schreiben und Produktion. Notizen über die Zusammenarbeit mit Ernst Jandl“. In: Bernhard Kraller (Hg.): Ernst Jandl. Wespennest, Nr. 125, 2001) hat in den Erinnerungen an seine Zusammenarbeit mit Ernst Jandl beschrieben, wie das Dilemma des Allein(gelassen)seins einen tiefen Einfluss auf dessen „Existenzarchitektur“ gehabt hat. Es sei „eine wesentliche Bedingung seines Dichterdaseins [gewesen], an die Öffentlichkeit zu treten“, zugleich aber habe die Überbeanspruchung, die eine unvermeidliche Rückwirkung der öffentlichen Anerkennung als Dichter gewesen sei, dazu geführt, dass er „vitale Bedingungen seines Daseins als Dichter aus dem Blick zu verlieren“ drohte – etwas allein zu machen und, wenn es gelungen ist, anderen zu zeigen und Reaktionen hervorzurufen. In den letzten Jahren vor seinem Tod droht mit zunehmender körperlicher Unbeweglichkeit und Krankheit die Balance zwischen den zwei Seiten des Alleinseins, die Bedingung seiner dichterischen Kreativität war, zu zerbrechen und der Schrecken des Allein-gelassen-Seins in den Vordergrund zu treten. Sterben ist schließlich das, was jeder allein tut. Davon zeugt ein Telefongespräch vom 12.11.1998, das Siblewski (Klaus Siblewski: Telefongespräche mit Ernst Jandl. München: Luchterhand 2001, S. 71) festgehalten hat:
Er sitze seit Tagen völlig alleine in seiner Wohnung, völlig alleine. Das könnte man nicht einmal einem Tier zumuten, so ununterbrochen alleine zu sein. Ein Tier würde manchmal ein anderes treffen, aber er begegne niemandem, und es komme auch niemand, Friederike Mayröcker besäße die Fähigkeit, ununterbrochen zu arbeiten und sich noch mit Leuten in Cafés zu treffen, diese Fähigkeit besitze er nicht. Er sitze am Schreibtisch und mache nichts anderes, als am Schreibtisch zu sitzen, und da sitze er eben. Nicht einmal Hunde seien so ununterbrochen alleine. Das könne man doch nicht als Leben bezeichnen, nein, mit Leben habe das nicht das Geringste zu tun.
Dies Protokoll eines Telefongesprächs ist Zeugnis tiefer äußerer und innerer Verlassenheit, eines Alleinseins, das die innere Lebendigkeit angreift und die dichterische Kreativität absterben lässt. Was bleibt, ist das bloße Dasitzen. Doch selbst das Dasitzen hat Anteil an der Doppelgesichtigkeit. Es ist beides zugleich: Zustand äußerster Leere und Raum für poetischen Einfall. So kann Ernst Jandl, der eine Abneigung gegen das Schreiben einer Autobiografie hatte, seine Biografie als Dichter auf einen Satz zusammenziehen, in dem zugleich nichts und alles gesagt ist:
Mit einem Satz sei eigentlich alles gesagt: Er saß am Schreibtisch und dachte nach. Fertig.
(Klaus Siblewski: Telefongespräche mit Ernst Jandl. München: Luchterhand 2001, S. 19)
Jandl berührt hier die Paradoxie dichterischer Kreativität, die die Fähigkeit, Zeit zu vergeuden, in sich schließt (Ernst Jandl: Poetische Werke, 10 Bde. München, Luchterhand 1997, Bd. 8, S. 250):
zeitvergeudung
zeitvergeudung
denkt er
sich hinzusetzen
und dann kein
gedicht
geschrieben haben
zeitvergeudung
denkt er
und setzt sich hin
Die Fähigkeit, Zeit zu vergeuden (gemessen an der Maxime „time is money“), am Schreibtisch zu sitzen, ohne zu wissen, ob ein Einfall kommt, ist Teil der „negative capability“, der Wilfred R. Bion (Wilfred R. Bion: Attention and Interpretation. London: Karnac 1993, S. 125) zentrale Bedeutung für das „Lernen durch Erfahrung“ zugeschrieben hat. Er bezeichnet mit diesem Ausdruck, den er von dem Dichter Keats übernommen hat, die Fähigkeit, in einem Zustand des Nicht-Wissens, der Ungewissheit und des Nicht-Verstehens zu sein, ohne schnell auf bereitliegende oder angebotene Lösungen und Antworten zurückzugreifen. Jandl selbst spricht einmal von einem „Willen zur Unsicherheit“. Er nennt ihn „ein Merkmal der sogenannten experimentellen Dichtung“ (Ernst Jandl: Autor in Gesellschaft. Aufsätze und Reden. München: Luchterhand 1999, S. 47), aber ich denke, dass er jeder Dichtung, die diesen Namen verdient, zu Grunde liegt. Jandl spricht von „eine[r] Dichtung die nichts enthält das man „wissen“ kann“. (Ernst Jandl: Autor in Gesellschaft. Aufsätze und Reden. München: Luchterhand 1999, S. 12) Die „negative capability“ eröffnet einen inneren Raum, in den etwas einfallen (ein-fallen) kann und diese Einfälle (Elemente) zueinander in Verbindungen eintreten können, die es bisher zwischen ihnen nicht gegeben hat, die also etwas Neues sind. Einmal schreibt er:
Die experimentelle Dichtung, wie jede Dichtung, und zu jeder Zeit, entsteht zwischen Mustern der Umgangssprache und den Mustern der Poesie. Dazwischen – das ist ihr Raum.
(Ernst Jandl: Autor in Gesellschaft. Aufsätze und Reden. München: Luchterhand 1999, S. 53 – Kursivierung vom Autor)
Die Formulierung erinnert an den Begriff des „potentiellen Raums“ von Winnicott (Donald W. Winnicott: Vom Spiel zur Kreativität. Stuttgart: Klett-Cotta 1974, S. 121ff.), den Jandl wohl nicht gekannt hat. Winnicott bezeichnet damit einen psychischen Raum, in dem die Frage, was Realität und was Fantasie ist und was das Selbst und der Andere, suspendiert ist und nicht beantwortet werden muss. Dies sei der Raum der Kreativität, in dem Neues geschaffen werden kann.
In dem Text „Ich mit Umwelt“ (Ernst Jandl: Autor in Gesellschaft. Aufsätze und Reden. München: Luchterhand 1999, S. 64ff.) schreibt Jandl unter dem Titel „Impulse“:
Schreiben wollen, was schreiben wollen, mal was schreiben wollen, wieder mal was schreiben wollen, immer wieder mal was schreiben wollen. Schreiben wollen.
Der folgende Abschnitt Motivation lautet: „Unmotiviert schreiben, völlig unmotiviert schreiben, plötzlich völlig unmotiviert in Schreiben ausbrechen, in ein völlig unmotiviertes Schreiben.“ Dann „Die Aufgabe“:
Nichts zu bewältigen, es gibt nichts zu bewältigen, es gibt überhaupt nichts zu bewältigen: keine dieser Sachen die man schreibt um sie herzuzeigen ist eine Antwort, keine eine Lösung, und es kann daher überhaupt nie eine Frage geben, nie ein Problem.
Jandl beschreibt hier einen Zustand träumerischer Gelöstheit, in dem subjektive Motivation und bewusste Aufgabenstellung suspendiert sind. In diesem Zustand – er ist nicht leicht zu erreichen, auch vom Dichter nicht – kommt es, wenn alles gut geht, während der dichterischen Arbeit zu „Lysis“ und „Scanning“ (Elliot Jaques: „Disturbances in the Capacity to Work“. In: Elliot Jaques: Creativity and Work. Madison (Conn.): Internat. Univ. Press 1990, S. 342ff.), zu einer Auflösung und Lockerung bestehender Zusammenhänge der Wörter, Sätze und ihrer Alltagsbedeutungen und zu einem abwägenden Mustern der dadurch vereinzelten Elemente in spielerischer Freiheit. „Sitzen“ und „Denken“, das „lassen meinen fingern / bißchen klappern“ (Ernst Jandl: Poetische Werke, 10 Bde. München, Luchterhand 1997, Bd. 8, S. 154), eröffnen einen Raum, in dem es möglich wird, über Wahrnehmungen der und an der Sprache, die vor dem Entstehen von Bedeutung und vor dem Erwerb von Symbolisierung und Sprache liegen, nachzudenken und dem Ungestalteten Gestalt zu geben. Es kommt zu einer Transformation, durch die aus „Zeitvergeudung“ ein Gedicht und aus dem Misslingen eine Sache wird, die Jandl „herzeigen kann“ (Ernst Jandl: Autor in Gesellschaft. Aufsätze und Reden. München: Luchterhand 1999, S. 65ff.):
die stelle
dahin setze ich mich
um ein gedicht zu machen
dasitze ich
um ein gedicht zu machen
da bin ich gesessen
um ein gedicht zu machen
da ist es entstanden
da ist es misslungen
(Ernst Jandl: Poetische Werke, 10 Bde. München, Luchterhand 1997, Bd. 8, S. 171)
In zwei Versen, denen Jandl den Titel „einschätzung einer tätigkeit“ vorangestellt hat, hat er den Zusammenhang zwischen dem Zustand gelöster Nicht-Intentionalität und dem Entstehen eines Gedichts aufs äußerste verdeutlicht:
nein, getan habe er nichts
nur ein gedicht geschrieben
(Ernst Jandl: Poetische Werke, 10 Bde. München, Luchterhand 1997, Bd. 8, S. 249).
II
Bisher habe ich offen gelassen, ob ich über Ernst Jandl als Person, über die Thematik und Struktur seiner Gedichte oder über beides spreche. Es gehört zu den Eigenheiten der dichterischen Arbeit Jandls, dass viele seiner Gedichte – und mit zunehmendem Alter immer mehr – autobiografisches Material enthalten. Zugleich betont er immer wieder, das Material sei nicht Teil seiner Biografie, sondern Material, das er zur Produktion seiner Gedichte benutzt, wie jedes andere auch. Mit Blick auf sein Stück aus der fremde, das er 1978 „als ein Stück mit autobiographischen Zügen geschrieben“ habe, schreibt er, er habe nie wirklich das Verlangen gespürt, eine Autobiografie zu schreiben, fügt dann aber an:
Immer habe ich, ohne ein Verlangen nach Autobiographie, Inhalte des eigenen Lebens drängend in mir gehabt, um daraus, und zumeist in Verbindung mit anderem, meine Gedichte und was sonst ich schrieb zu schreiben. Aber das Drängendste war doch fast immer oder, seit ich zwanzig oder fünfundzwanzig war, überhaupt immer, nämlich ohne daß die Kontinuität je ernsthaft zu zerbrechen drohte, das Schreiben von Poesie, Poesie als Gedicht, als Prosa, als Hörspiel, als Stück.
(Ernst Jandl: Autor in Gesellschaft. Aufsätze und Reden. München: Luchterhand 1999, S. 200)
Die Neigung, eigene körperliche und seelische Zustände und Erfahrungen zum Material der poetischen Produktion zu machen, hat im Alter zugenommen. Siblewski (Klaus Siblewski: „Schreiben und Produktion. Notizen über die Zusammenarbeit mit Ernst Jandl“. In: Bernhard Kraller (Hg.): Ernst Jandl. Wespennest, Nr. 125, 2001) spricht in den Erinnerungen an seine Zusammenarbeit mit Ernst Jandl, die ich bereits zitiert habe, von einem „Rücksturz auf Autobiografisches als Material für sein Dichten“, der alle Bücher seit die bearbeitung der mütze (erschienen 1978, in demselben Jahr, in dem auch aus der fremde entstand) bestimmt habe. Der „Rücksturz“ beschleunigt sich bis zu den „letzten Gedichten“. Siblewski meint, er sei „eine Folge dessen, dass er sich unfreiwillig in die Position eines freien Schriftstellers hineingedrängt sah“. Unter dem Druck der damit einhergehenden Überforderung habe Jandl begonnen, „vitale Bedingungen seines Daseins als Dichter aus dem Blick zu verlieren“. Das mag sein. Ich glaube allerdings, dass der verstärkte Rückgriff auf autobiografisches Material auch und vielleicht sogar entscheidend einer inneren Logik der Gedichte folgt, die mit der Wahrnehmung eigener körperlicher Verfallsprozesse und unter dem Druck einer immer stärker hervortretenden Depression, unter der der Dichter oft wochenlang leiden musste, eine radikale Verschärfung erfahren hat
Wir müssen uns hüten, die Logik des Gedichts als eines für sich selbst gültigen sprachlichen Produkts auf die Psycho-Logik des Autors zurückführen zu wollen. Davor hat uns Jandl selbst eindrücklich gewarnt:
Also hüten Sie sich vor falscher Psychologisierung, besser noch: vor Psychologisierung überhaupt.
(Ernst Jandl: Autor in Gesellschaft. Aufsätze und Reden. München: Luchterhand 1999, S. 249)
Psychologisierung verfehlt ein Gedicht deshalb, weil „kein Werk abgeschlossen und damit kein Werk ein Werk ist, das nicht alles an Klarheit und an Bewußtheit Mögliche in sich selbst enthält“ und zwar so, dass sie „für jeden anderen ohne weiteres evident ist“ (Kursivierung vom Autor). Jede Psychologisierung ist aber „eine Übersetzung von etwas innerhalb der (poetischen [F. W.]) Praxis, nämlich des Werkes, in etwas anderes, das dann vollständig außerhalb der Praxis liegt, in der dieses Werk entstanden ist“. (Ernst Jandl: Autor in Gesellschaft. Aufsätze und Reden. München: Luchterhand 1999, S. 84) Und einige Seiten später pointiert:
Alle Auskunft über die Art des Werkes ist im Werk selbst enthalten, und alle Auskunft über die Art der Person ist in der Person selbst enthalten…
(Ernst Jandl: Autor in Gesellschaft. Aufsätze und Reden. München: Luchterhand 1999, S. 87)
Deshalb ist es für die Erfahrung, die wir als Leser oder Hörer mit einem Gedicht machen, auch gleichgültig, was sich der Dichter „dabei gedacht“ hat:
alles was zu dem Gedicht gehört, müßte das Gedicht selbst enthalten.
(Ernst Jandl: Autor in Gesellschaft. Aufsätze und Reden. München: Luchterhand 1999, S. 112f.)
Das autobiografische Material, das Jandl benutzt, um daraus ein Gedicht zu machen, nimmt im Laufe der Zeit immer stärker destruktive und verstörende Züge an. Ein intensiver Selbsthass bricht hervor:
daß niemals
er schreiben werde
seine autobiographie
daß ihm sein leben
viel zu sehr
als dreck erscheine
…
(Ernst Jandl: Poetische Werke, 10 Bde. München, Luchterhand 1997, Bd. 8, S. 264)
Das Dichten selbst gerät in den Sog eines unwiderstehlichen Selbsthasses und -ekels; Poesie wird zu einem „widerlichen lebenszweck“ (Ernst Jandl: Poetische Werke, 10 Bde. München, Luchterhand 1997). Für Jandls Texte wird wahr, was er 1984 bei der Verleihung des Büchner-Preises gesagt hat:
Dichtung, bisweilen, ist ein blutiges Geschäft, zwischen Selbstverletzung und Selbstzerfleischung.
(Ernst Jandl: Autor in Gesellschaft. Aufsätze und Reden. München: Luchterhand 1999, S. 315)
Krankheit, körperlicher Zerfall und Todessehnsucht nehmen immer mehr Raum ein:
morgengrau
vormittagsekel
sonnenscheinschwarz
mittagserbrechen
nachmittagsblind
abendkrebs
einschlafen
(Ernst Jandl: Letzte Gedichte. München: Luchterhand 2001, S. 20)
Das „ich“ ist voller Scheiße, Gestank, zerstörerischer Wut:
i bin anfoch a nui
hinta mia sogns olle pfui
denn aus dera nui kommt a gschdonk
i bin anfoch oaschlochkronk
(Ernst Jandl: Poetische Werke, 10 Bde. München, Luchterhand 1997, Bd. 10, S. 52)
„das chaos und der dreck“ sind „in mir drin“ (Ernst Jandl: Poetische Werke, 10 Bde. München, Luchterhand 1997, Bd. 8, S. 164). Der Körper ist in seine Teile zersplittert, die Beine sind „zigarettentote hinterpfoten“; die Lippen sind ein „erstick-hafen“ (Ernst Jandl: aus dem wirklichen leben. München: Luchterhand 1999, S. 131); die Knie – „das eine ist spitz / das andere ist rund“ – sind beide „mir zuwider“ (Ernst Jandl: Poetische Werke, 10 Bde. München, Luchterhand 1997, Bd. 10, S. 9).
„Gott“, von dem wir nichts wissen können und der deshalb als Chiffre des Nichtwissens die „negative capability“ als äußerste geistige und emotionale Anstrengung herausfordert, wird als Inbegriff von Chaos, Dreck und Destruktivität angerufen. Die verheißene Erlösung erscheint als drohende Erstickung. So finden wir häufig blasphemische und obskure Anrufungen Gottes wie zum Beispiel in den Letzten Gedichten (S. 65):
ich klebe
ich klebe an gott dem allmächtigen vater
schöpfer himmels und aller verderbnis
und an seinem in diese scheiße hineingeborenen sohn
der zu sein ich selber mich wähne, um mich schlagend
um mein maul aus diesem meer von kot in die luft zu halten
und immer noch atem zu kriegen, warum nur?
weil ich ein von maßloser feigheit gesteuertes schwein bin
unfähig willentlich unterzutauchen ins unausweichliche
Ein ritueller Text der katholischen Kirche – hier das Glaubensbekenntnis – wird durch sprachliche Verschiebungen und obszöne Wörter zerstückelt und vernichtet. Er wird gleichsam wieder in Rohmaterial verwandelt, aus dem dann durch eine poetische „Transsubstantiation“ ein neues Gedicht wird. So tritt in der ersten Zeile an die Stelle von „ich glaube“ „ich klebe“. Der (kindliche) Glaube erweist sich als Äquivalent der Unfähigkeit, sich abzulösen und zu trennen. Kleben ist seine dunkle Kehrseite. In der zweiten Zeile steht an Stelle von „der Erde“ „aller verderbnis“. Die dunkle Kehrseite der Schöpfung, in der „alles gut“ ist, tritt ans Licht. „alles gut“ und „alle verderbnis“ rücken unmittelbar aneinander und gehören wie Licht und Schatten zusammen – kleben aneinander – eine Figur, die wir schon als Polarität von „allein sein“ und „allein gelassen werden“ kennen. In der dritten Zeile tritt an die Stelle der Formel „seinen eingeborenen Sohn“ die Formulierung „in diese scheiße hineingeborenen sohn“. Geburt und Defäkation werden ununterscheidbar. In den folgenden Zeilen löst sich der Text des Gedichts dann ganz von seiner Vorlage und endet in einer destruktiven Selbstbeschimpfung. Ein frühes Beispiel (1957) für die De(kon)struktion kirchlich-kanonischer Texte ist bekanntlich das Gedicht „fortschreitende räude“ (Ernst Jandl: Poetische Werke, 10 Bde. München, Luchterhand 1997, Bd. 4, S. 111), in dem der Anfang des Johannes-Evangeliums durch Hinzufügen und Substitution von Lauten, Fortlassen der Interpunktion und anderer dekonstruierender Strategien die sprachliche Struktur des Prätextes fortschreitend zersetzt und auflöst, um gleichzeitig auf einer neuen Ebene als lyrischer Text reorganisiert zu werden (vgl. die gründliche Analyse von S. Markić: „,Zerbrochene Teller mit Griechengesicht‘ – Zu Ernst Jandls Gedicht ,odyss bei den polsterstühlen‘“. In: Michael Vogt (Hg.): „stehen JANDL gross hinten drauf“. Interpretationen zu Texten Ernst Jandls. Bielefeld: Aisthesis 2000, S. 13–33):
him hanfang war das wort hund das wort war bei
gott … him hanflang war das wort hund das wort war blei
flott … schim schanflang war das wort schund das wort war blei
flott … schim schanschlang schar das wort schlund schasch wort
schar schlei schlott …
In einem späten Gedicht (Ernst Jandl: Letzte Gedichte. München: Luchterhand 2001, S. 111) kommt es zu einer radikalen Umkehrung. „Gott“, in der Tradition der christlichen Kirchen Kreator einer „guten“ Schöpfung und Erlöser des Menschen aus „Chaos und Dreck“, erscheint als Ursprung gegen sich selbst gerichteter Kräfte der Vernichtung:
ein in sich speiendes sei gott,
eine sich selber fressende blutfontäne,
ein im eigenen hirn steckengebliebenes
zeugungsglied
In diesen Gedichten zeigen „Zeitvergeudung“, „Sitzen“ und innerer Raum ein anderes Gesicht als das, welches ich im ersten Teil meiner Überlegungen beschrieben habe. Dort hatte ich sie als Öffnung eines „potentiellen Raumes“ (Winnicott), eines „Dazwischen“, wie Jandl sagt, verstanden, das einen Spielraum offen hält und Schreiben als kreativen Prozess dadurch überhaupt erst möglich macht. Jetzt erweist sich dieser Raum als Ort radikalen Nichtwissens (Von „Gott“ sollen wir uns kein Bild und keinen Namen machen), als Leere, in die Grauen und Ekel erregende Bilder eindringen. Darauf antwortet das Gebet um einen Kopf ohne Gedanken:
doktor ich nicht können aufhören in kopf reden
wenn wollen schlafen
du mir geben mittel für aufhören in kopf reden
und anfangen schlafen
doktor ich nicht können aufhören krepieren
du mir geben mittel für krepieren
(Ernst Jandl: aus dem wirklichen leben. München: Luchterhand 1999, S. 129)
Wir verstehen jetzt besser, warum Bion von einer „negative capability“ gesprochen hat. Der Raum des „Dazwischen“, in dem die dichterische Kreativität entspringt, erweist sich zugleich als ein Ort des Zerfalls, der Desintegration und Überflutung durch zerstörerische böse Objekte – Scheiße, Dreck, stecken bleibende und unfruchtbare Zeugungskraft (Kreativität) und maßlose Wut, „daß es für keinen gut ist bei mir zu sein“ (Ernst Jandl: Poetische Werke, 10 Bde. München, Luchterhand 1997, Bd. 8, S. 44). Von den Produkten der Zerstörung und des Zerfalls kann sich das Individuum nur dadurch befreien, dass es sie gewaltsam ausstößt. Schon „ottos mops kotzt / otto: ogottogott“ (Ernst Jandl: Poetische Werke, 10 Bde. München, Luchterhand 1997, Bd. 4, S. 60). Oder es ist Scheiße, die herausgestoßen wird: „ich scheiß mich an / es rinnt die bein hinunter / und ich geh ganz blaß / durch die wohllebgass’“ – so beginnt „die kreuzigung“, also ein Leidensweg (Ernst Jandl: Poetische Werke, 10 Bde. München, Luchterhand 1997, Bd. 10, S. 84). Oder unstillbares Nasenbluten, wie es im „choral“ anklingt:
an meiner nase greife ich herum
blut tropft aus ihr fast nie
(einst aber unstillbar
bis im spital ich lag
mit einem bellocq)
(Ernst Jandl: Poetische Werke, 10 Bde. München, Luchterhand 1997, Bd. 8, S. 170)
Oder Ejakulation, die den kleinen Jungen tief erschreckt hat: „once at the age of nine / it („the joystick“, F. W.) shocked me by emitting / a slimy whitish liquid“ (Ernst Jandl: Letzte Gedichte. München: Luchterhand 2001, S. 36): Alle diese Prozesse lassen sich willentlich nicht stoppen, wenn sie erst einmal in Gang gekommen sind. Sie entziehen sich bewusster Kontrolle und lassen den vertrauten Rahmen alltäglicher Erfahrung brüchig werden. Sie lösen namenlose Angst aus:
maunchmoe howi a r aungst
di is fiachtalich gros
do schau i und schau i
und was ned, auf wos
(Ernst Jandl: Poetische Werke, 10 Bde. München, Luchterhand 1997, Bd. 10, S. 54).
In all diesen Bildern haben wir es mit intensiven Prozessen von Zerstörung, Zerfall und Chaos zu tun. Wir wissen von Jandl selbst, aber auch durch das Zeugnis von Menschen, die ihm nahe gestanden haben, dass es sich hierbei um Prozesse handelt, die der Dichter selbst an Leib und Seele leidvoll erfahren hat. An Jandls Arbeit an und mit der Sprache können wir sehen, dass am Anfang jeder künstlerischen Schöpfung Akte der Aggression stehen. Seine Gedichte haben ihre Wurzel in der Zerstörung – in der Zerstörung der Alltagssprache und der Sprache der dichterischen Tradition und in der Auflösung eines haltenden Sinnzusammenhangs. Die vertrauten Bedeutungen der Sätze und Wörter werden destruiert; grammatikalische Strukturen und Verbindungen aufgebrochen und ihrer ordnenden Funktion beraubt; Wörter verlieren Vokale oder andere Elemente und damit ihre uns vertraute Gestalt; die Sprache wird zertrümmert, so dass nur Buchstaben, Laute oder wie in der visuellen Version des Gedichts „die lippen“ (Ernst Jandl: Poetische Werke, 10 Bde. München, Luchterhand 1997, Bd. 4, S. 96) gar nur mimische Bewegungen übrig bleiben. In diesen Zusammenhang gehört auch Jandls Interesse an der heruntergekommenen Sprache, an Phrasen, Floskeln, Aufgelesenem, Ohrwürmern, Zitaten etc. (Moser 1990, S. 135), d.h. an einer Sprache, die er als zerstört bereits vorfindet. Seine Gedichte sind niemals unschuldig. Erinnern wir uns daran, dass Jandl in den skizzen aus rohrmoos, sommer 1984 (Ernst Jandl: Poetische Werke, 10 Bde. München, Luchterhand 1997, Bd. 9, S. 148) niedergeschrieben hat:
ich bin vor gericht
Vor Gericht wird über Schuld verhandelt. Es gibt keine unschuldigen Werke.
Aber Jandl insistiert stets auf der Trennung zwischen sich als Subjekt und der vollendeten Arbeit, dem Gedicht. In jedem Gedicht ist das Ich des Autors auf intensivste Weise gegenwärtig und zugleich durchgestrichen, in der „Jakobsleiter“ vierunddreißigmal (Ernst Jandl: Poetische Werke, 10 Bde. München, Luchterhand 1997, Bd. 4, S. 35).
Wenn Jandl ab 1975 in seinen Gedichten vermehrt die drei Buchstaben i, c, h (ich) (Friedrich W. Block: „i,c,h. Über drei Buchstaben in der Poesie Ernst Jandls“. In: Michael Vogt (Hg.): „stehen JANDL gross hinten drauf“. Interpretationen zu Texten Ernst Jandls. Bielefeld: Aisthesis 2000, S. 173–191) verwendet, so lockt er den Leser damit auf die falsche Fährte der gängigen Vorstellung von einem Ich als psycho-sozialem Substrat der Dichtung. Die Ichform verbindet sich fast automatisch mit der Thematisierung einer Person und ihrer Subjektivität, vor allem der „Innerlichkeit“. Stets aber distanziert sich Jandl von der „Identifikation des Dichters mit der Innerlichkeit vom ,ich‘, zumal des Ich“ (Friedrich W. Block: „i,c,h. Über drei Buchstaben in der Poesie Ernst Jandls“. In: Michael Vogt (Hg.): „stehen JANDL gross hinten drauf“. Interpretationen zu Texten Ernst Jandls. Bielefeld: Aisthesis 2000, S. 183). Auch „ich“ wird zerstört, in eine Folge isolierter Laute aufgelöst, besonders eindrucksvoll in den 1966 entstandenen „szenen aus dem wirklichen leben“ (1966b, S. 74):
c—––––––––h
c—––––––––h
ic—––––––––h
dic—––––––––h
dic—––––––––h
c—––hdic—–––––––h
c—–hdic—––––––––h
ic—–––––––––––––h
ic—–––––––––––––h
c—–––––––––––––h
Das Gedicht zeigt auch sehr schön, wie im Prozess der Auflösung des „ich“ die Grenzen zum anderen, die Grenzen zwischen „Innen“ und „Außen“ verschwimmen: „ich“ und „dich“ verschmelzen. Wir dürfen nicht vergessen, dass das Gedicht als „Sprechgedicht“ die Stimmen und den Körper des Akteurs für seine Realisierung braucht. Die reale Sprechsituation aber variiert stets mit dem Raum und der Zeit, dem Sprecher und dem Zuhörer, so dass das „ich“ und die daran geknüpfte Identitätsvorstellung in einer Vielzahl von Situationen diffundieren (vgl. Friedrich W. Block: „i,c,h. Über drei Buchstaben in der Poesie Ernst Jandls“. In: Michael Vogt (Hg.): „stehen JANDL gross hinten drauf“. Interpretationen zu Texten Ernst Jandls. Bielefeld: Aisthesis 2000, S. 186).
Mit der Trennung des fertig gestellten Gedichts vom Autor als Subjekt kommt es zu einer klaren Trennung zwischen den Fantasieobjekten des Dichters und des Lesers und dem poetischen Werk. Das Gedicht als fertiges Produkt ist wahrnehmbarer Beleg dafür, dass es eine Unterscheidung zwischen innerer Welt (Innerlichkeit) und äußerer Welt, zwischen Fantasie und Wirklichkeit gibt. Mit der Ablösung und Trennung des Gedichts von seinem Autor im Augenblick der Vollendung ist das Gedicht „dort“, beim Leser oder Hörer. Wenn jedes Gedicht seine Wurzel in der Zerstörung hat, so ist das vollendete Gedicht das wiederhergestellte Objekt, nicht aber das wiederhergestellte Selbst des Autors. Darin liegt eine Wiedergutmachung (Hanna Segal: Wahnvorstellung und künstlerische Kreativität. Stuttgart: Klett-Cotta 1992). Das zerstörte Objekt wird nicht reproduziert, wie es vor der Zerstörung war – das „Ich“ wird nicht wiederhergestellt und anders als „gott“ ist das Gedicht kein „im eigenen hirn steckengebliebenes zeugungsglied“ etc. –, sondern als ein neues Objekt, das es vorher nicht gegeben hat, geschaffen. Deshalb sagt Jandl, durch den poetischen Arbeitsprozess entstehe „ein Ganzes, das durch Eigenschaften bestimmt wird, die außerhalb meiner bisherigen Erfahrung liegen: ein Ding, das ich bisher nicht kannte, und von dem ich, da ich mich umsehe, annehmen darf, daß es das bisher nicht gab“ (Ernst Jandl: Autor in Gesellschaft. Aufsätze und Reden. München: Luchterhand 1999, S. 60, Kursivierung vom Autor). Das Resultat ist „ein Erlebnis aus Sprache, ein sprachliches Erlebnis, das zugleich ein Gedicht ist“ (Ernst Jandl: Autor in Gesellschaft. Aufsätze und Reden. München: Luchterhand 1999, S. 144). Jandl sagt:
ein Gedicht (ist) ein Gegenstand (…), keine Aussage über einen Gegenstand
(Ernst Jandl: Autor in Gesellschaft. Aufsätze und Reden. München: Luchterhand 1999, S. 189)
Das Gleiche gilt für das Erleben: ein Gedicht ist ein Erlebnis, keine Aussage über ein Erlebnis. Eins der „letzten Gedichte“ (S. 80) zeigt sehr schön, wie das Gedicht die Wiederherstellung (Wieder-gut-machung) des zerstörten Objekts ist:
der buchstabe ist tot
auch der buchstabe ist tot
das buch ist tot
auch das buch ist tot
alle bücher sind tot
alle buchstaben sind tot
das wort ist tot
auch das wort ist tot
Inmitten der Trümmer der so beschworenen Todeslandschaft vermittelt dies gelungene Gedicht ein Erleben großer Lebendigkeit.
Als Künstler bringt Jandl seine Wünsche und Fantasien nicht mit der Wirklichkeit durcheinander. Wie aber erweist sich das? Es erweist sich in einem ausgeprägten Realitätssinn für das sprachliche Material – Material, das er vorfindet oder selbst herstellt. Er verfügt über eine genaue und richtige Beurteilung dieses Materials – seiner Art, seiner Möglichkeiten und Grenzen. Dies macht einen entscheidenden Unterschied. Als Person mag Jandl neurotisch gewesen sein – „ein manisch-depressiver Mensch“ (Leo Navratil: „Jandl – eine Psychose“. In: was. Zeitschrift für Kultur und Politik, Nr. 82, 1995, S. 37–40) oder ein „Hypochonder“ (Kurt Neumann: „Ernst Jandl als Patient und Hypochonder“. In: was. Zeitschrift für Kultur und Politik, Nr. 82, 1995, S. 41–44), in der Beziehung zu dem Material seiner Kunst, der Sprache, und zu seinen inneren, oft schrecklichen Bildern hat er einen ausgeprägten Realitätssinn besessen. Im Prozess der poetischen Arbeit stand ihm eine Wahrnehmungsfähigkeit zur Verfügung, wie sie ein Neurotiker nicht besitzt. Jandl hat das gewusst: „Kunst“, sagt er, „ist gegen Krankheit jeder Art immun“ (Ernst Jandl: Autor in Gesellschaft. Aufsätze und Reden. München: Luchterhand 1999, S. 143). Alle ängstigenden, aggressiven oder beschämenden Bilder und Gefühle sind in der Arbeit des Schreibens präsent und zugänglich, d.h. sie werden nicht verleugnet, abgespalten, verdrängt oder in der Fantasie ausagiert, sondern gewinnen Gestalt und Ordnung, d.h. ihren Platz im Gedicht. Darin liegen Schock und Trost der Jandlschen Gedichte: sie vermitteln als sprachliche Objekte die ängstigende Erfahrung, dass die innere (und äußere) Welt ständig zusammenzubrechen droht, in eins damit aber auch, dass es eine größere Fähigkeit gibt, Angst und Depression zu ertragen, und etwas zu schaffen, was es noch nicht gegeben hat – „eine Sache… die gemacht wird damit man sie herzeigen kann, und die die Leute anschauen und über die sich die einen freuen und die anderen ärgern, und die zu nichts sonst da ist“ (Ernst Jandl: Autor in Gesellschaft. Aufsätze und Reden. München: Luchterhand 1999, S. 67). Mit diesem grundlegenden Doppelgesicht ist jedes Gedicht „ein sich Einüben ins Ungewohnte“ (Ernst Jandl: Autor in Gesellschaft. Aufsätze und Reden. München: Luchterhand 1999, S. 156). Auf einen Akt der Zerstörung antwortet ein kreativer Akt. Dieser ist ohne jenen nicht möglich. Das Gedicht „von wörtern“ (Ernst Jandl: Poetische Werke, 10 Bde. München, Luchterhand 1997, Bd. 8, S. 113) endet so:
doch was du dem geringsten
von ihnen
angetan
kann
etwas sein
Für einen kurzen, beunruhigenden Augenblick nach dem „kann“ bleibt offen, ob aus der Zerstörung „Chaos und Dreck“ entsteht. Dann aber geschieht es: etwas ist. Mit dem letzten Wort „sein“ ist es im letzten Augenblick plötzlich da: das Gedicht.
Franz Wellendorf, wespennest Nummer 125 – Ernst Jandl, hrsg. von Bernhard Kraller, Januar 2002
WIEDER EIN WIENER
Zum 60. Geburtstag von Ernst Jandl
So einen Dichter hatte ich noch nie gehört.
Und wie ein Dichter hat er auch nicht ausgeschaut.
Das Stille hat er laut gesungen,
das Laute hat er stumm gekaut.
Klein war er. Und er schwitzte notgedrungen.
Und er war sehr ernst. Mir schien, daß ihn
beim Sprechen vor allem eines stört: die Sprache.
Sie machte ihn krank.
Von einer Dichterlesung konnte, gottseidank,
bald keine Rede mehr sein. Er schrie,
er flüsterte, biß in Sätze hinein,
riß sie, unendlich schweigsam, in Stücke.
Ein Clown, belehrt nur von der Tücke
des Objekts. Ein Humorist der Melancholie.
Ein einfacher Arbeiter, der zur Sache geht.
Ein Irrgewordener zugleich, verirrt ins Alphabet.
Auch wenn er lachte, lachte er durchdacht.
Eine Buchhändlerin genierte sich dafür,
daß die Poesie doch noch Fortschritte macht.
Seither sind viele Jahre vergangen.
Aber von vielem, was vergangen, sagt man doch:
damals in Wien hat es angefangen.
Wolf Wondratschek
ZUM 10. TODESTAG VON ERNST JANDL
gestern war ich auf dem Ätna droben, da
fiel der grosze Sizilianer mir ein der
einst des Stundenzählens satt, vertraut
mit der Seele der Welt, in seiner kühnen
Lebenslust sich da hinabwarf in die herr-
lichen Flammen ..
Hölderlin, Empedokles
ist dir was so frag ich ihn, ich bin so allerhand, bin in den Berg
hineingeritten. Er ist sehr still ich lieb ihn weil er still ist,
er leckt die Steine ab in seinem Grab dasz sie von neuem glänzen
sollen : Steine vom Meer in Griechenland, er hat zu tun er zeigt
mir dann den abgeleckten Stein : prächtiges Kleinod Maserung I
Trittstein zwischen hier und dort. Sein nackter Fusz zerbrochen, im
hochgewachsenen Gras vom Regen sumpfig, mit bloszen Füszen durch
die nasse Wiese er ist so still ich liebe ihn weil er so still, er
spricht kein Wort zu mir er blickt mich an gebrochnen Auges, sein
Kämmerchen aus Schlamm und Regenbogen – ob ich ihn je
gekannt, fra-
ge ich mich, komm lasz uns pflücken die ersoffnen Blumen die vio-
letten Schwertlilien gelben Iris. Schwimmgürtel, Unterwelt. Ge-
schwister sind wir, haben nämliche Temperamente, hält sich die
Ohren zu mit I Polster, Vogelschwarm
Friederike Mayröcker
Wie man den Jandl trifft. Eine Begegnung mit Ernst Jandl, eine Erinnerung von Wolf Wondratschek.
Ernst Jandl im Gespräch mit Lisa Fritsch: Ein Weniges ein wenig anders machen.
Eine üble Vorstellung. Ernst Jandl über das harte Los des Lyrikers.
Ernst Jandl und die Musikaus der Ö1 Sendung: „Ernst Jandl und Musiker:innen“ vom 1.8.2025
Lieder nach Ernst Jandl Anna Mabo und Clemens Sainitzer am 26.7.2025 beim Festival Glatt & Verkehrt in Krems
Christian Muthspiels historisches Jandl-Solo für und mit ernst im Rahmen des Brucknerfests 2008
Weltgebräuche am 26.10.1986 in der Grazer Stadtpfarrkirche mit Ernst Jandl, Rezitation, Martin Haselböck, Orgel, und Christian Muthspiel, Posaune
Zum 60. Geburtstag des Autors:
Für Ernst Jandl – Texte zum 60. Geburtstag. Werkgeschichte
Herausgegeben von Kristina Pfoser-Schewig, ZIRKULAR, 1985
Zum 65. Geburtstag des Autors:
Hans Haider: Die Berliner tageszeitung gratuliert zum 65. Geburtstag
Zum 70. Geburtstag des Autors:
Karl Riha: „als ich anderschdehn mange lanquidsch“
neue deutsche literatur, Heft 502, Juli/August 1995
Nils Jensen: Interview mit Ernst Jandl. Laudatio für einen lauten Dichter
Buchkultur, Nr. 35, Oktober 1995
Hans Haider: 1994 und 1995 – Zweimal ein 70. Geburtstag
Hans Haider: Ernst Jandl 1925–2000. Eine konkrete Biographie, J.B. Metzler, 2023
Fakten und Vermutungen zum Autor + Instagram + KLG + IMDb + PIA + ÖM + IZA + Archiv 1, 2 & 3 + Internet Archive + Kalliope + Georg-Büchner-Preis 1 & 2 + weiteres 1 & 2
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shi 詩 yan 言 kou 口
Nachrufe auf Ernst Jandl: der Freitag ✝ Der Spiegel ✝ Der Standart ✝ Die Welt ✝ Die Zeit ✝ graswurzelrevolution ✝ Schreibheft ✝ Süddeutsche Zeitung ✝ Buchkultur ✝ wespennest ✝
Weitere Nachrufe:
André Bucher: „ich will nicht sein, so wie ihr mich wollt“
Neue Zürcher Zeitung, 13.6.2000
Martin Halter: Der Lyriker als Popstar
Badische Zeitung, 13.6.2000
Norbert Hummelt: Ein aufregend neuer Ton
Kölner Stadt-Anzeiger, 13.6.2000
Karl Riha: „ich werde hinter keinem her sein“
Frankfurter Rundschau, 13.6.2000
Thomas Steinfeld: Aus dem Vers in den Abgrund gepoltert
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.6.2000
Christian Seiler: Avantgarde, direkt in den Volksmund gelegt
Die Weltwoche, 15.6.2000
Klaus Nüchtern: Im Anfang war der Mund
Falter, Wien, 16.6.2000
Bettina Steiner: Him hanfang war das Wort
Die Presse, Wien, 24.6.2000
Jan Kuhlbrodt: Von der Anwesenheit
signaturen-magazin.de
Zum 90. Geburtstag des Autors:
Alexander Kluy: „Und was wirst du dann sagen?“
Buchkultur, Österreich Spezial, 2015
Zum 20. Todestag des Autors:
Gedanken für den Tag: Cornelius Hell über Ernst Jandl
ORF, 3.6.2020
Markus Fischer: „werch ein illtum!“
Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien, 28.6.2020
Zum 100. Geburtstag des Autors:
Thomas Schmid: „Wir haben uns von dem, was die moderne Welt zur Hölle macht, seit 1945 noch nicht getrennt“
Die Welt, 31.7.2025
Klaus Nüchtern: Der Dichter gehört gehört
FALTER, 29.7.2025
Marcus Golling: So wie Ernst Jandl wird kein anderer jemals jandeln
Südwest Presse, 30.7.2025
Maria Renhardt: Ernst Jandl zum 100. Geburtstag: Gedichte[,] die nicht kalt lassen
Die furche, 31.7.2025
Peter Gnaiger: ottos mops trotzt: Zum 100. Geburtstag von Dichter-Legende Ernst Jandl
Salzburger Nachrichten, 25.7.2025
Tobias Stosiek: Ein „Sprachenschmutzer“
BR Klassik, 1.8.2025
Teresa Präauer: „die welt ist laut / laut ist schön!“
Süddeutsche Zeitung, 31.7.2025
Thomas Blum: t-t-t-t / t-t-t-t!
nd, 31.7.2025
Bernd Melichar: „Was ich will sind Gedichte die nicht kalt lassen“
Kleine Zeitung, 31.7.2025
Bernd Noack: Rinks oder lechts – die Richtung stimmt immer nie: Ernst Jandl zum 100. Geburtstag
NN.de, 31.7.2025
Florian Neuner: „auf den schaufeln von worten“
junge Welt, 1.8.2025
Michael Luisier: Der steinige Weg des Genies
SRF, 1.8.2025
Paul Jandl: Depressionen und Krisen quälten ihn – nur der Witz konnte ihn von sich selbst befreien
Neue Zürcher Zeitung, 1.8.2025
Walter H. Krämer: Ernst Jandl: Ottos Mops kotzt
evangelisch.de, 1.8.2025
Ronald Pohl: 100 Jahre Ernst Jandl: Erst durch seine Dichtung werden die Spießer lebendig
Der Standart, 1.8.2025
Ernst Jandl zum Hunderter: Neun Menschen erinnern sich
Die Presse, 1.8.2025
Peter Mohr: Wenn Ottos Mops kotzt
titel-kulturmagazin.net, 1.8.2025
Arne Rautenberg: du sein blumenbein
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 1.8.2025
Christoph Hartner: Er hat uns eine ganz neue Sprache hinterlassen
Kronen Zeitung, 1.8.2025
Post macht Marke – Jandl macht Sprache
ots.at, 14.10.2025
Bernhard Fetz: „Bei Jandl findet man die Mediengeschichte des 20. Jahrhunderts repräsentiert“
hr2.de, 1.8.2025
Peter Wawerzinek parodiert Ernst Jandl.
Ernst Jandl − Das Öffnen und Schließen des Mundes – Frankfurter Poetikvorlesungen 1984/1985.
Ernst Jandl … entschuldigen sie wenn ich jandle.









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