Felix Philipp Ingolds Skorpioversa – Dass und weshalb sich Lyrik nicht zusammenfassen lässt (Teil 1)

Dass und weshalb sich Lyrik nicht zusammenfassen lässt

 

Die Zusammenfassung literarischer oder wissenschaftlicher Werke ist unter der nun schon geläufigen Bezeichnung «Abstract» zu einer eigenständigen Textsorte geworden. Mancherlei Firmen und Institutionen haben mit Rückgriff auf diesbezüglich trainierte künstliche Intelligenz erfolgreich entsprechende Dienstleistungsprogramme entwickelt. Wenn Zusammenfassungen von Epen, Romanen, Dramen oder auch von philosophischen Monographien bis zur Jahrtausendwende nur in voluminösen Handbüchern zu finden waren (man denke an die Literaturlexika von Kindler), so sind kompakte Abstracts heute bequem von einschlägigen Plattformen im Internet abzurufen.
Die Nützlichkeit solcher Angebote steht ausser Frage, und ihre Nutzung nimmt denn auch stetig zu. Grosswerke wie Hegels Rechtsphilosophie oder Tolstojs «Krieg und Frieden» resümiert zu bekommen, kann als Trailer für die Lektüre sowohl anregend wie auch abschreckend sein. Der Gesamttext ist dadurch in keinem Fall zu ersetzen, doch sein Grundriss und Aufbau wird klarer ersichtlich. Im Hinblick auf Erzähl- oder Bühnenwerke treten in der adäquaten Zusammenfassung Struktur und Inhalt, Handlung und Personal übersichtlicher in Erscheinung als im integralen Original. Daraus lassen sich erste Schlüsse ziehen, doch die Aussage, die Bedeutung der jeweiligen Vorlage bleibt dabei notwendigerweise ausseracht – sie kann einzig anhand des integralen Texts erschlossen werden, da hierfür vielerlei Details und Techniken der Darstellung berücksichtigt werden müssen, die bei zusammenfassender «Abstraktion» verloren gehen.
Die täglichen Rezensionsrapporte bei «Perlentaucher» mit knappsten Zusammenfassungen aktueller Buchkritiken sind Beleg dafür, dass auch Texte, die an sich schon eine zusammenfassende Funktion haben, noch einmal zusammengefasst werden können, ohne dass deren Aussage (die Werkbeschreibung und -beurteilung) beeinträchtigt oder gar verfälscht würde.

… Fortsetzung am 24.9.2025 …

© Felix Philipp Ingold & Planetlyrik

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