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Das Aug, so oft mit der Seele … etwa als deren Fenster … in Verbindung gebracht, ist das kälteste Organ; es ist, wie der Spiegel, auf Erkenntnis angelegt, auf Objektivierung, es markiert eine Grenze, Distanz. Das Aug, im Unterschied zum Ohr, zur Vulva, kennt keine Intimität, vermag nichts für sich zu behalten, gibt lediglich Impulse weiter; und sein bald verführerischer, bald abweisender Glanz steht in seltsamem Kontrast zum dumpfen Grau der Gehirnmasse, in deren Windungen die Außenwelt zum Bild gerinnt.
Daß das Aug, im übrigen, nicht stinkt, macht deutlich, wie wenig es dem Körper angehört, wie weitgehend es sich von ihm emanzipiert hat.
Ich bin, wenn ich »ganz Aug« bin, außer mir.

 

aus: Felix Philipp Ingold: Freie Hand
Ein Vademecum durch kritische, poetische und private Wälder

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