Andreas Gryphius’ Gedicht „An sich selbst“

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ANDREAS GRYPHIUS

An sich selbst

Mir grauet vor mir selbst, mir zittern alle Glieder,
Wenn ich die Lipp und Nas und beider Augen Kluft,
Die blind vom Wachen sind, des Atems schwere Luft
Betracht und die nun schon erstorbnen Augenlider.

Die Zunge, schwarz vom Brand, fällt mit den Worten nieder
Und lallt, ich weiß nicht was; die müde Seele ruft
Dem großen Tröster zu; das Fleisch ruft nach der Gruft;
Die Ärzte lassen mich, die Schmerzen kommen wieder.

Mein Körper ist nicht mehr als Adern, Fell und Bein.
Das Sitzen ist mein Tod, das Liegen meine Pein.
Die Schenkel haben selbst nun Träger wohl vonnöten.

Was ist der hohe Ruhm, und Jugend, Ehr und Kunst?
Wenn diese Stunde kommt, wird alles Rauch und Dunst,
Und eine Not muß uns mit allem Vorsatz töten.

1643

 

Konnotation

Mit dem elenden Dahinsiechen des Menschen hatte der Barock-Poet Andreas Gryphius (1616–1664) schon einschlägige Erfahrungen gemacht, als er 1643 sein Gedicht über das unerbittliche Walten der Vergänglichkeit schrieb. Die schlesischen Städte Glogau und Freystadt hatte er in den Verheerungen des Dreißigjährigen Krieges versinken sehen, das Wüten der Pest hatte er selbst nur knapp überlebt. Kaum ein Gedicht ist aber so trostlos finster wie das Sonett über den körperlichen und geistigen Zerfallsprozess seines lyrischen Alter ego.
Das Leben erscheint hier nurmehr als eine Krankheit zum Tode. Das lyrische Subjekt besteht nur noch aus Schmerzen, kann weder sehen noch sprechen. In seiner Jugend hatte Gryphius, der Sohn eines Predigers, außerordentliche Privilegien genossen. Er konnte an den großen europäischen Universitäten studieren und erlernte elf Sprachen. Beim Herannahen des Todes bleibt aber nur noch Elend zurück – und auch keine tröstliche Erwartung des Himmelreichs mehr.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2008, Verlag Das Wunderhorn, 2007

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