Bert Papenfuß: ATION–AGANDA

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Bert Papenfuß: ATION–AGANDA

Papenfuß/Lippok-ATION-AGANDA

LANG IST DIE WEILE ÜBER MIR, TACH-OK!

das geschäft hat mich geschafft
ich bin hin- & hergerissen zwischen
hackfleisch & räucherfisch, bier & weißwein

meine 3 wünsche – 3 flüche
unausgesprochen & unaussprechlich
auf- & abgerissen strauchle ich vorwärts

du ‚päische nymf oder hex‘
kannst mich sack flöhe hüten
silvina, ich bin genauso gottes sohn

wie jeder andere auch, unbillig
lieg ich flach auf’m bauch, im rücken
die wolken über mir hinlänglich & endlich

zurück zu dir, du hast keine
schwestern, nur geliebte, schmerzen &
deinen marschbefehl zum glüxritt selbst gefälscht

(klecker doch nich’ alles voll)
bitte, hab macht über mich
hämmer sausen um mich herum & vorbei

die sachte flaute – alle wetter sind gewitter
gleich ruf ich dich an
− geh die flaschen abgeben

− werde mir haarfestiger kaufen
ich sträube mich bloß
es ist jetzt 5 nach 5 – SOS
verräterische non-tantrische realität

du bist mit deiner fäulnis-
versicherung 4 monate im rückstand;
keine rivalität mehr zwischen schrat & schatz

 

 

 

Die Andere Seite bzw. der Test von „Agit-Prop

Bert Papenfuß’ opus magnum Ation-Aganda, versammelt fünf avant-barocke Gedichtzyklen aus den Jahren 1983-1990, teilweise entstanden während Papenfuß’ Dienstzeit als Bausoldat in der NVA: der tanz ums dasein (milizlyrik), die 3-teilige Version der „Ation-Aganda“, die Abrupt vervollendete -version der / „Kanalisation in’s Darumsonst“ von B. P. Mandragorek / insamt der vaso-toxin-pogo’ischen / Injektionen von Bert Papenfuß-Gorek, sowie krh! gesamm’tes & einzeln erjagtes zur lage der situation und das sühne-sünde-würde-tantra.

Die Gedichtzyklen werden so, wie sie seinerzeit als Schreibmaschinen-Durchschläge kursierten, im Buch als Typoskripte wiedergegeben; eingestreut sind Arbeitsversionen und Grafiken von Bert Papenfuß sowie eine Reihe von Zeichnungen, die Ronald Lippok während ihrer gemeinsamen Dienstzeit 1982-1983 schuf. Komplettiert wird der Gedichtband durch eine Audio-CD mit Aufnahmen aus den Jahren 1984 und 1985: Punk aus der DDR, Wortalchemie und Anarchie in der Musik von Bernd Jestram (Gitarre), Ronald Lippok (Drums), Stephan Hachtmann (Gitarre) und der Textrezitation von Bert Papenfuß.

Urs Engeler Editor, Ankündigung, 2008

 

Eine andere DDR-Literatur

Der Dichter Bert Papenfuß hat sich einen Pfad geschlagen durch das Dickicht des real existierenden Sozialismus. In seinen Werken berühren sich Regionen, die sonst streng geschieden sind, es aber nicht sein müssen: komplexe moderne Lyrik, brachialer Punkrock und früher Manierismus – jetzt erschienen als Buch mit CD.

Gröl der Erfahrungsmeute: Ohnmächtig, unbeholfen
verblutet stolz & jung
des Atems eis’ger Hauch
erstarrter Augenblicke;
umsonst uns alles troff,
verlustiert uns zum Gewinn
: Nur zur Erfahrung,
zur Erfahrung nur.

Da war mal etwas, vor gut zwanzig Jahren, auf das sich das Feuilleton begierig stürzte. Eine andere DDR-Literatur, angeschlossen an die Ästhetik der Moderne und auch an die kurrenten französischen Diskurse, eine klandestine, untergründige Bewegung, von der man wenig wusste und die es zu entdecken galt. Die Texte waren jedoch ziemlich sperrig, zwar einzusortieren in den westlichen Bildungshintergrund, aber darin nicht aufgehend. Und als dann die Stasi-Enthüllungen kamen, da war man sichtlich froh, dieses seltsame und schwierige Zeug guten Gewissens entsorgen zu können. Nun ist es wieder da. Ein Dokument und eine Einladung zu prüfen, wie gut es die Jahre überstanden hat.

Es ist 20 Jahre Wende und im Zuge dieses Events wird ja noch mal viel DDR-Geschichte aufgearbeitet. Es war nicht intendiert, dass es da rein passt, aber es war eine Idee von Urs Engeler, das Buch zu machen und es auch in dieser Form zu machen. Ich hätte die Texte neu gesetzt, aber er fand die Manuskripte gut und hat es dann mit den Originalmanuskripten gestaltet, das Buch. Und ich bin im nachhinein auch zufrieden.

Schreibmaschinensatz, laute Musik und Gedichte, die den Leser und Hörer fordern und herausfordern. Manche der Zyklen sind leicht zu entschlüsseln und zu geniessen in ihrer spezifisch Papenfußschen Mischung aus Rotzigkeit, profunder literarischer Bildung und barocker Sprachlust. Barocker Umtriebe entkleidete Gedichte heisst einer von ihnen und diese Umtriebe wuchern besonders in den Wortgirlanden der Titel der Zyklen. Die Texte selbst aber sind unverkennbar gegenwärtig.

ist es nun-gut dass ich weiss
um der zukünfte bescheide
insofern sie mich betreffen
graut mir vor bewahrheitung
& das ist wahrlich kein trost
all jenen bewusstseinsverlustigen
ihr sinnenheil abzuschminken
gibt’s selbstverständlich
kein wiedererlangen
es sei denn &
die sinne heilen aus vernunft

Schwieriger wird es, wenn Papenfuß seiner Vorliebe für die Gaunersprache des Rotwelsch freien Lauf lässt. Zwar sind Worterklärungen beigegeben, doch reichen sie dann nicht mehr aus. Ein ausgestorbenes Idiom legt sich über zeitgenössische Probleme und Gedanken und verwandelt sie in eine konkrete, musikalische Poesie, die nicht den Sinn, aber den Geschmack der Rebellion besser transportiert als der plane hochdeutsche Ausgangstext, der ihm zugrunde lag.

Uslerkönig’s Acherponim gebaut, schäfftetet ihr lepoches uslerkönig & &’s wär hitschen innerkönig nopel so schikker. Fück aber finckelt im UrSchaum bauen wir verrucht. Ja Kuchen, aber nicht London.

Kuchen, aber nicht London, das bedeutet gescheit, aber nicht weise. Das könnte man zum Lobe dieses Buchs auch sagen. Vereinnahmen und Verausgaben ist auch eines seiner wiederkehrenden Motive. Verausgaben als ein ungesundes Heilmittel gegen die Versuche der Vereinnahmung war immer eine der Strategien des Undergrounds. Einem anderen, hier anzuzeigenden Buch, hat Bert Papenfuß eine ironische Widmung an die Volksbildungsministerin Margot Honecker vorangestellt hat, die seine Bildungswut angestachelt habe. Bildungswut kann umschlagen in Gestaltungswut und speist sich aus der schlichten, aber nicht einfachen Wut. Besonders die CD führt es vor.

Heraus aus den Machtverhältnissen!
Machtmiss- & -niessbrauch sind ein & dasselbe
Macht ist überhaupt unbrauchbar, es sei denn
Zum Selbstzweck, also: Selbst-Beherrschung.
Ohnmacht als Entgegnung auf Administration,
als Selbst-Behauptung in Machtverhältnissen,
ist zwar noch ungebräuchlich, aber vergeblich.

Vor diesem Hintergrund bekommt das mitunter Kryptische dieser Texte eine andere Dimension. Es war ein Protest, der sich nicht mehr einlassen wollte auf die vorgeschriebenen Diskurse, der dem Staat die Kenntnisnahme verweigert hat, so weit er es konnte. Und der die kulturpolitisch kanonischen Texte gegen den Strich gelesen hat, um sie brauchbar zu machen. Der Musiker und Maler Roland Lippok weiss es:

Es gab ja damals auch, das darf man nicht vergessen, einen grossen Hunger nach dem Kryptischen und Irrationalen, weil die offizielle Kulturpolitik ein ganz andere Ausrichtung hatte. Ich habe den Lukács gerade nach den Sachen … & Ich hab dann immer die Sachen gelesen, die er Scheisse fand. Schlegel, die Romantiker, das waren dann Sachen, die angefangen haben, mich zu interessieren.

Bert Papenfuß und seine Mitstreiter haben sich einen Pfad geschlagen durch das Dickicht der Jahrhunderte und des real existierenden Sozialismus. In diesem Untergrund berühren sich Regionen, die sonst streng geschieden sind, es aber nicht sein müssen: komplexe moderne Lyrik, brachialer Punkrock und früher Manierismus, dessen Einfluss sich nicht nur, aber auch in Roland Lippoks Buchillustrationen offenbart. Diesen inzwischen leicht überwucherten, aber gut erkennbaren Pfad wieder zu entdecken, seinen Abzweigungen in Vergangenheit und Zukunft zu folgen, das ist auch ein amüsantes und gelegentlich anrührendes Vergnügen. In Rumbalotte continua hat Bert Papenfuß zum Beispiel eine Berliner Textversion des Dr. John – Klassikers „Walk on guilded splinters“ geliefert, die ihrer Aufführung noch harrt. Und in Ation – Aganda finden sich auch zeitlos schöne Liebesgedichte.

fast alles was du hast & bist, ist
austauschbar – das ist der „strom“
gegen den wir uns streicheln, doch
nach oben vereinigen wir uns nach unten
trennen wir uns hier ruhen wir uns aus.

Joachim Büthe, Büchermarkt, Deutschlandfunk, 27.4.2009

 

 

Sprachgewand(t) – Ilona Schäkel: Sprachkritische Schreibweisen in der DDR-Lyrik von Bert Papenfuß-Gorek und Stefan Döring

Heribert Tommek: „Ihr seid ein Volk von Sachsen“

 

 

Zum 60. Geburtstag des Autors:

Lorenz Jäger: ich such das meuterland
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.1.2016

Zeitansage 10 – Papenfuß Rebell
Jutta Voigt: Stierblut-Jahre, 2016

Zum 65. Geburtstag des Autors:

Thomas Hartmann: Kalenderblatt
MDR, 11.1.2021

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Bild von Juliane Duda mit den Übermalungen von C.M.P. Schleime und den Texten von Andreas Koziol aus seinem Bestiarium Literaricum. Hier „Das Papenfuß-Gorek“.

 

Beitragsbild von Juliane Duda zu Richard Pietraß: Dichterleben – Bert Papenfuß

 

Bert Papenfuß liest bei OST meets WEST – Festival der freien Künste, 6.11.2009.

 

Bert Papenfuß, einer der damals dabei war und immer noch ein Teil der „Prenzlauer Berg-Connection“ ist, spricht 2009 über die literarische Subkultur der ’80er Jahre in Ostberlin.

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