Else Lasker-Schüler: Dein Herz ist wie die Nacht so hell

Lasker-Schüler-Dein Herz ist wie die Nacht so hell

WELTENDE.

Es ist ein Weinen in der Welt,
als ob der Liebe Gott gestorben wär,
und der bleierne Schatten, der niederfällt,
lastet grabesschwer.

Komm, wir wollen uns näher verbergen…
Das Leben liegt in aller Herzen
wie in Särgen.

Du, wir wollen uns tief küssen…
Es pocht eine Sehnsucht an die Welt,
an der wir sterben müssen.

 

 

 

Nachwort

Else Lasker-Schüler verschwindet hinter dem Bild, das sie von sich erschaffen hat. Aber auch ihre Anbeter haben eine Puppe aus ihr gemacht, eine mit bunten Fetzen und falschem Schmuck behängte Ikone, die grelle und dunkle Wörter hinterlassen hat, dunkel genug, um eine Menge Platz für allerlei exaltierte Interpretationen zu lassen. Ihre Kindheit liegt in einem Halbschatten, der sich im Lauf der Zeiten vertieft hat. Aber das tun Kindheiten von Dichtern eigentlich immer, und vielleicht ist es ja auch gar nicht so wichtig, welche Wirklichkeit der Brunnen war, aus dem so große Dichtung geholt wurde. Aus Elberfeld wird Theben, aus einem Urgroßvater der Rabbuni, der mit dem strömenden Herzen.
Wahrscheinlich ist ihr schon früh aufgegangen, daß man mit Hilfe von Träumen und Bildern eine ganze Menge aus seinem Leben machen kann. Die bürgerliche Wirklichkeit einer deutschen Kleinstadt im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts: ziemlich enge Wohnungen, Respekt vor den Eltern, du bist ein Mädchen, gestärkte Schürzen und Kragen, Klo auf dem Zwischenstock, samstägliche Langeweile, Sehnsucht. Else Schüler hat offenbar Glück mit ihren Eltern, die sie nicht verbogen oder zum Schweigen gebracht haben. Sie wird beide in das bunte Geflecht ihrer Texte und erfundenen Welten einweben, vor allem die Mutter.
Das Leben kann nur verkleidet ertragen werden und die Liebe sowieso.
Die Liebe ist der ewig feuerspeiende Vulkan, aus dem Gedichte fließen, seit es Literatur gibt. Die meisten versteinern im Lauf der Zeit und werden kalt, nur wenige behalten ihre Hitze. Das trifft für die ihren zu, aber das allein berechtigt noch nicht dazu, eine willkürliche Auswahl von Liebesgedichten aus ihrem Gesamtwerk herauszubrechen, das, nimmt man es im umfassenden Sinn, aus gar nichts anderem besteht als aus Begegnungen mit der Liebe. Die hier versammelte Hundertschaft von Gedichten ist auf ein Du, ein begehrtes und geliebtes Gegenüber gerichtet. Nicht auf Gott, Mutter oder Engel, obwohl die Objekte ihrer Liebe durchaus Gleichsetzungen mit Göttern aushalten müssen. Oder sich als Engel fühlen dürfen, Bewohner von Reichen, die nicht von dieser Welt sind.
Nicht nur die Liebende verkleidet sich, auch die geliebten Sujets werden verkleidet und geadelt. Wer davon nach vielen Jahren liest, könnte plötzlich erschrecken: Wie ist seither die Liebe geworden, wie drückt sie sich aus, wie überfällt sie den oder die Begehrten? Welche Wörter macht sie? Oder ist sie verstummt, vertrocknet, hinter den Zäunen des Zynismus verschwunden, in Schlagertexten erstickt?
Else Lasker-Schülers Liebesgedichte zeigen, wie rücksichtslos die Liebe sein muß, wie anstrengend und fordernd. Und daß keine der anderen gleicht. Liebe ist der einzige Beweis für die Einzigartigkeit des einzelnen.
Diese Einzigartigkeit, das Herausgehobensein hat bei Else Lasker-Schüler eine große Rolle gespielt. Sie hat auch die von ihr Begehrten mit heraus- und emporgerissen, mehr als das ein bürgerlich Liebender jemals zu träumen wagt. Es geht nicht ohne Gewalttätigkeit, ohne Zwang ab, dieses Herausreißen eines angebeteten Wesens aus der alltäglichen Unsichtbarkeit! Wahrscheinlich bringen deswegen sie und ihr Werk Menschen bis zum heutigen Tag in Verlegenheit.
Die Lasker-Schüler hat es mit ihrem Ringen um Besonderheit nicht bei der Literatur bewenden lassen, sie wollte ihre sonder- und wunderbare Orient-, Götter- und Adelswelt für jeden sichtbar am Leibe tragen.
Noch heute wird ihrem Auftreten fast mehr Aufmerksamkeit und Neugier gewidmet als ihrem Werk, und sie ist die einzige deutsche Dichterin, von der ich mir vorstellen könnte, daß man einen look nach ihr benennt. Einen im übrigen, der immer wiederkehrt und eisige Zeiten von Verachtung unbeschadet übersteht.
Die Welt der orientalischen Märchen und der geheimnisvolle Glanz dessen, was sie als hebräisch bezeichnet, ist trotz mannigfacher Mordversuche nicht untergegangen. Gemeint sind hier nicht nur Verfolgung und Vernichtung durch die Nazis. Auch die Marschtritte der Moderne, der Sachlichkeit, des Rationalismus vermochten nicht, das schöne Universum ihrer Gedichte dauerhaft zu zertrampeln.
Sie trug Samtjäckchen, Pluderhosen, billige Glitzerklunker und Brokat. Sie scheute sich nicht, mit Stern und Mond, Gold und Blau zu spielen. Ihre Gedichte tragen die Farben der alten Buch- und Ikonenmaler. Man hat ihr schon zu Lebzeiten vorgeworfen, nicht politisch zu sein – es ist allerdings bis zum heutigen Tage nicht bewiesen, daß Resolutionen oder Pamphlete besser gegen Barbarei helfen als Träume und Liebe.
Wie auch immer: Ihr den Unwillen vorzuwerfen, in ihren Gedichten die Stimme zum Kampf gegen die Mörderbande zu erheben, ist wie der Vorwurf gegen eine Schwalbe, daß sie nicht schwimmen kann. Sie hat es sich ja nicht ausgesucht, daß es sie immer wieder „packt und schüttelt wie die Eichen im Gebirg“ – so nennt das Gefühl Sappho, eine nur zeitlich entfernte Verwandte. Natürlich war eine wie sie befremdlich, auch mitten in einer vielfältigen Boheme und als Nutznießerin einer Zeit, in der Künstler sich nicht nur deshalb Verrücktheit leisteten, weil sie gut dafür bezahlt wurden. Genaugenommen wurden sie alle nicht besonders gut bezahlt, und genau genommen war ihr Theben ein armes Land. Aber wenn man sich dort aufhielt, und das in der richtigen Gesellschaft, merkte man nichts von Krieg, politischem Wetterleuchten oder Geldsorgen. Wen die Dichterin in ihre Königreiche und magischen Städte ließ, konnte sich auf was gefaßt machen: Für die Zeit der Liebe war es aus mit Mittelmaß, Nachlässigkeit oder Mißmut. Alle Liebenden pflegen das Geliebte in einen adligen Zustand zu versetzen, aber keine tat das so gründlich und prachtvoll wie sie. Wenn es eine freundliche Pandora gäbe, in deren unerschöpflicher Wörterbüchse die leuchtenden Attribute und Wünsche nicht ausgingen, wäre sie das gewesen. Südenbraun ist die Wange des Geliebten, sehnende Rosen schickt er, aus wildem Gold ist sein Haar. Es sind Sommernächte, und alle Sterne und Monde sind nur für diese einzige Liebe da. Und für die nächste und die übernächste einzige und einmalige Liebe. Denn ihre Seele friert vor Hunger. Wie nordische Meereswellen sind die Arme des Geliebten.
Und all die unvergleichlichen Orte, die sie als Wohnort für Liebe und Liebesleid ersinnt! Sphinxgestein und Smyrnateppiche, goldene Mauern zuhauf und Lenznächte voller – Malvenblüten und Hyazinthenträume.
Kein Alltag, nirgends.
Kein Grau, kein Verzicht auf Glanz und Pracht, auch nicht im Leid, grade da nicht:

Durch alle Sümpfe schleift’ ich mein verhungert Glück,
Und warf mich müd dem Satan in die Arme.

Düster wird die Welt, wenn das Rot und Gold der Liebe vergangen ist – aber nicht arm. Die Dichterin hört auch im Leid nicht auf, die Welt zu illuminieren, und das ist das Großartige an ihr. Vielleicht hat aber grade das ihre Zeitgenossen, auch manche Objekte ihrer Leidenschaft in Verlegenheit versetzt und in die Flucht getrieben.
Wer konnte und kann schon ertragen, so vergöttert zu werden, so in den Mittelpunkt eines poetischen Universums zu geraten? Zu Else Lasker-Schülers Zeiten hatte der Expressionismus dem Pathos Platz und Atem verschafft – seither ist der Kunst das Pathetische immer von neuem ausgetrieben worden. Es wird aber gebraucht, wie man daran sieht, daß Poeten, die sich nicht davor gefürchtet haben, jung zu bleiben scheinen.
Nicht für jeden: Schon zu ihren Lebzeiten hat es welche gegeben, die gegen ihre Attitüde und ihr Werk immun waren und die sie durch ihre Exaltiertheit und das immer präsente große Gefühl nervös gemacht hat. Kafka zum Beispiel hat sie nicht gemocht, er langweilte sich bei ihren Gedichten und attestierte ihnen einen künstlichen Aufwand. Ihm wird mehr als fremd gewesen sein, daß sich da eine aus Armut und vielfacher Begrenztheit mit Wörtern herausgeholfen hat, hinein in jenes Theben, das man, bewohnt man es erst einmal, nicht mehr so leicht verlassen kann. Sein Schloß war sehr anders geartet als ihre goldenen Orte. Ihre Freunde aber beteten sie auch nicht kritiklos an, dazu muß sie zu anstrengend gewesen sein.
Einer von ihnen, der Schauspieler Ernst Ginsberg, erinnert sich an sie und ihre unbedingte, zutiefst antiintellektuelle Hingabe an die Inspiration, er entsinnt sich ihrer Worte, daß es im Dichter dichte, denn der Dichter könne sich nichts aussuchen, der fertige Vers, ob rauh wie eine Nuß oder süß wie ein Paradiesapfel, falle ihm in den Schoß, genau wie eine Birne reif vom Zweig auf den Rasen falle. Die Dichtung, sagt sie, ist ja die betreuende Liebe selbst, man kann nicht genug von ihr pflücken. Von der Dichtung nicht und von der Liebe, ihrem Synonym, auch nicht.
Ginsberg beschreibt die exzentrische Erscheinung der Dichterin, aber auch die Wahrhaftigkeit, die er in ihr fand, und ihre Begabung, Ereignisse, die jeder mit Fug für erfunden und erdichtet halten würde, tatsächlich auf sich zu ziehen. In seinem Buch Abschied zählt er eine ganze Reihe skurriler und auch etwas unheimlicher Begebenheiten auf, in deren Mittelpunkt sie stand, und er verschweigt auch nicht ihren Wuppertaler Dialekt, der zum Prinzen von Theben vielleicht nicht ganz gepaßt hat.

Bitte jehn Se wech! jehn Se wech! Wissen Se, für mich is jeder Mensch en Buch, un eck kann jetz nich lesen!

So hatte sie in Berlin im Romanischen Café auf einen Anbeter reagiert, der sich ihrem Tisch mit Lobpreisungen genähert hatte.
Aber war sie wirklich berühmt? In einer sehr überschaubaren Welt war sie es wohl, eine Dichterin für andere Dichter, eine Unverwechselbare, eine besondere Farbe in der notleidenden, gefährdeten und hochmütigen Aristokratie der Poeten. Junge Kollegen verliebten sich in die exotische Gestalt. Wieland Herzfelde, damals fast noch ein Knabe, hatte sie bei einer Lesung erlebt und war von Jussuf und ihrer Schönheit begeistert. Damals war sie angeblich achtunddreißig, in Wahrheit aber fünfundvierzig. Seidiges schwarzes Haar, diese riesigen schwarzen Augen, Seidenjacken, Tigerfellmützchen: Seht mich an! sagte das alles.

Und mein Dornenlächeln spielt
Mit Deinen urtiefen Zügen

Wir, ihre Leser, sind Voyeure, wir setzen uns, ihre Gedichte lesend, an die Stelle jener, die sie umworben, angefleht und erhöht hat. Fremd kommt uns die Liebe in ihren Worten vor, auch dem Publikum ihrer Zeit waren ihre Zauberreiche, die dschungelhafte Erotik und die Verbindung zwischen Frömmigkeit und Sinnlichkeit fremd. Das wilde Land der Sünde, die sengende Glut. Rotfunkelnd wie ein Feuermeer, Lust stöhnt wie eine Marterklage, der rote Garten der Natur, Rot wie die Liebe der Nacht, die Palmenblätter schnellen wie Viperzungen in die Kelche der roten Gladiolen.

Dieses wahnwitzige Rot war die Farbe ihrer frühen Jahre. Es leuchtet später nur noch gelegentlich auf, zwischen Gold, ihrer Farbe der Frömmigkeit und des Glücks, und Blau, ihrer magischen Farbe, die sie aber der Liebe selten zuordnet. Auch die Abendfarben Jerusalems sind rot, wer sie je gesehen hat, weiß das.
Wir sind ihre Voyeure, auf die der Abglanz ihrer Farben fällt: Man fühlt sich ihren Gedichten gegenüber manchmal feige, manchmal ermattet und ungenügend. Zuviel beige und grau in der Liebe von heute? Zu viel baby I love you so, und damit soll man sich zufriedengeben?
Andererseits: Das Zusammenleben mit einer wie ihr kann nicht gutgehen. Sie ist fünfundzwanzig, als sie 1894 den Arzt Jonathan Berthold Lasker heiratet. Fünf Jahre später wird ihr Sohn Paul geboren – dessen Vater nach ihren Angaben mal ein Grieche, mal ein spanischer oder sonst ein Prinz gewesen sein soll –, um die gleiche Zeit trifft sie Peter Hille, den sie weit über seinen frühen Tod im Jahr 1904 hinaus liebt. Aber schon 1903, ein halbes Jahr nach ihrer Scheidung von Lasker, heiratet sie Herwarth Walden. Von dem trennt sie sich sieben Jahre später.
Eine beständige Liebe ist die zu ihrem Sohn Paul, dem armen, gefährdeten Päulchen, den sie für ein Genie hält und der so früh wird sterben müssen.

Aus roten Geisteraugen stiert der Tod.

Auch ihm ordnet sie die Liebes- und Leidenschaftsfarbe zu, ihm, den sie gründlich kennenlernen wird. Sie ist über vierzig, als sie einen Magier des Todes trifft und sich in ihn verliebt: den Arzt Dr. Gottfried Benn, der damals seine ersten Gedichte veröffentlicht hat: Morgue. Seltsamerweise erkennt die Schöpferin bunter poetischer Traumwelten sofort die den Bennschen Todesgedichten innewohnende Pracht. Zwar sind die „Kleine Aster“ und die „Tuberosen“ sehr unterschiedliche Blumen, aber sie finden doch zueinander und führen zu einem einzigartigen poetischen Dialog, ein Duell aus stürmischer Werbung und Abwehr, Hingabe, Trauer und Abgrenzung.
Giselheer, der Heide, der König, der Knabe: Er ist ein Produkt. Wie der Golem aus Lehm ist dieser aus Liebe gemacht und von der Dichtung beseelt. Der große, vor furchtbaren Irrtümern nicht gefeite Dichter Gottfried Benn wurde in seinen frühen Jahren von der Dichterin Else Lasker-Schüler auf einzigartige Weise zum Blühen gebracht.

An meiner Wimper hängt ein Stern,
Es ist hell
Wie soll ich schlafen –

schreibt sie, und als letzten Satz des kurzen Gedichts ganz einfach

Dein Leib ist eine Seele.

Benn ist, wir wissen es, damit nicht zurechtgekommen, er verteidigte in ebenso schönen Gedichten seine Unabhängigkeit.

Mein Weg flutet und geht allein.

Als ob sie das nicht gewußt hätte!

Kann nicht beten
Vor Schluchzen.

Ein früherer, als solcher wegen der Skrupellosigkeit des männlichen Parts nicht so bekannt gewordener Dialog heißt „West-östlicher Divan“. Die weibliche Stimme, Marianne von Willemer, von Goethe einfach vereinnahmt, hat sich von dieser Liebe bis an ihr Lebensende nicht erholt.
Giselheer, Dr. Benn, der falsche Gaukler, der ein loses Seil spannte, hat eine Rede auf sie gehalten, da war sie schon sieben Jahre tot. Er sagte:

Es war 1912, als ich sie kennenlernte. […] Frau Else Lasker-Schüler wohnte damals in Halensee in einem möblierten Zimmer, und seitdem, bis zu ihrem Tode, hat sie nie mehr eine eigene Wohnung gehabt, immer nur enge Kammern, vollgestopft mit Spielzeug, Puppen, Tieren, lauter Krimskrams. Sie war klein, damals knabenhaft schlank, hatte pechschwarze Haare, kurzgeschnitten, was zu der Zeit noch selten war, große rabenschwarze bewegliche Augen mit einem ausweichenden unerklärlichen Blick. Man konnte weder damals noch später mit ihr über die Straße gehen, ohne daß alle Welt stillstand und ihr nachsah: extravagante weite Röcke oder Hosen, unmögliche Obergewänder, Hals und Arme behängt mit auffallendem, unechtem Schmuck, Ketten, Ohrringen, Talmiringen an den Fingern, und da sie sich unaufhörlich die Haarsträhnen aus der Stirn strich, waren diese, man muß schon sagen: Dienstmädchenringe, immer in aller Blickpunkt.

In diesem Text scheint jener etwas spießige und dem evangelischen Pfarrhaus verhaftete Herr hindurch, diese andere Hälfte des Zwiegesichts, das Benn zeit seines Lebens hatte. Erst kürzlich enthüllte eine späte Gefährtin noch mehr von jenen Seiten, auf die seine Verehrer gern verzichtet hätten: den der: Nur nicht auffallen! sagte und sich Gedanken um Zugkarten zweiter Klasse, Bier und warme Unterwäsche machte.
Aber derselbe Mephisto mit der Bürgerseele sagt in der gleichen Rede weiter:

Und dies war die größte Lyrikerin, die Deutschland je hatte. […] Ihre Themen waren vielfach jüdisch, ihre Phantasie orientalisch, aber ihre Sprache war deutsch, ein üppiges, prunkvolles, zartes Deutsch, eine Sprache reif und süß, in jeder Wendung dem Kern des Schöpferischen entsprossen. Immer unbeirrbar sie selbst, fanatisch sich selbst verschworen, feindlich allem Satten, Sicheren, Netten, vermochte sie in dieser Sprache ihre leidenschaftlichen Gefühle auszudrücken, ohne das Geheimnisvolle zu entschleiern und zu vergeben, das ihr Wesen war.

Der Freund und Bewunderer hat sie enthusiastisch zum Kleist-Preis beglückwünscht, den sie 1932 bekam, ausgerechnet sie, im letzten Jahr vor der großen Katastrophe. Irgendwie war sie eine alte Frau geworden, zunächst fast unbemerkt, zumal sie ja ihr wirkliches Alter nicht eingestand und ihre Leidenschaft, ihr entschlossener Schönheitswille den Schwung behielten. Und es wurde viel von ihr gefordert: Palästina, das Hebräerland, war nicht mehr Traum und Dichtung, sondern bald letzte Zuflucht.
1933 ging sie in die Schweiz, mußte das demütigende Hin und Her mit der Aufenthaltserlaubnis ertragen, wenn sie der Fremdenpolizeilichen Weisung gefolgt wäre, hätte sie nicht einmal dichten dürfen, denn sie hatte ihre Erwerbstätigkeit mit Dichterin angegeben. Sie verdiente ein bißchen Geld im Rundfunk und wurde da und dort eingeladen. 1934 reiste sie dann zum ersten mal nach Palästina. Zurück in der Schweiz, führte sie weiter das schwere, unstete und geängstigte Leben einer mittellosen alternden Emigrantin.
Es blieb ihr nicht erspart, für die Außenwelt lächerlich zu werden. Die Tragödie der Extravaganten, derer, die sich gern in Rollen bewegt haben und denen das Alter keine neuen schreibt.
Sie sei ungepflegt gewesen, heißt es, Jussuf von Theben war ein kleines, mißtrauisches Lumpenmuttchen geworden. Ob sie es bemerkt hat? Ich glaube nicht. Ich glaube, daß sie weiter unangefochten ihre Königreiche aus Poesie bewohnte, umgeben von Rot, Gold und Blau, von einem wörtergestirnten ewigen Himmel überwölbt. Ich hoffe es jedenfalls.
Noch immer trug sie die Narrenkappe der Unpolitischen – aber ihr Freund Ernst Ginsberg, Emigrant auch er, zitiert sie mit den Worten: „Glauben Se mir, lieber Kaplan“ (dieser Name Kaplan, mit dem sie den Juden Ginsberg ab ihrer ersten Begegnung im Romanischen Café in Berlin ansprach, war ein merkwürdiges Zeichen für ihre Hellsicht – sie hatte keine Ahnung, daß Ginsberg die Absicht hatte zu konvertieren, denn er hatte wegen der Verfolgung durch die Nazis fürs erste innerlich von dem Plan Abstand genommen). „Lieber Kaplan“, sagte sie also, „wir dürfen uns mit Hitler jar keene Illusionen machen. Der is nich zu stürzen. Nur die Jeneräle! die Jeneräle! die sin unsere einzige Chance!“ Hellsichtig auch das, zumal für eine, die man als große Träumerin und nicht von dieser Welt ein bißchen verachtete.
Sie wurde wieder nach Palästina eingeladen, und Ginsberg erinnert sich daran, was sie ihm beim ersten Mal gesagt hatte:

Wat sagn Se, Kaplan, nu hab eck mein Leben lang von Israel jedichtet. Un nu komm eck wirklich hin. Denken Se, wenn eck morjens aufwache, un dann hör eck draußen ,klingling‘, ,klingling‘, ,klingling‘, un dann jehn unten richtje Kamele vorbei – oder glauben Se, et jibt jar keene mehr un eck bin dat einzje?

Auch in Jerusalem machte sie Lesungen, in ihrem mehr und mehr befremdlichen Aufzug, sie unterstrich ihren Vortrag wie schon in den zwanziger Jahren in Berlin mit Glockenspiel und Orgel. Ein Bild aus dieser Zeit zeigt den Prinzen von Theben nur noch als ferne Erinnerung, eine Frau mit tiefen Falten, den Blick nach oben gerichtet, hart und voll von jenem Mißmut, den Einsamkeit und Alter mit sich bringen. Eine merkwürdige Mütze, Truthahnhals, zu greller, geschmackloser Schal. Aber dann ein anderes: Ganz dieselbe, aber den Blick voll auf uns, ihre Betrachter und Voyeure, gerichtet: Und nichts ist mehr wichtig außer diesen großen schwarzen Augen, so schwarz, daß die Pupillen nicht mehr sichtbar sind.
Natürlich verliebt sie sich immer wieder, natürlich hört sie nicht auf, die Objekte ihrer Liebe mit in das wunderbare Land ihrer Dichtung zu nehmen und ihnen dort großartige Würden zu verleihen. Sie kann ja gar nicht anders.

Ich liebe dich
Und finde dich
Wenn auch der Tag ganz dunkel wird.

Aber die Liebe macht die Tage nicht hell. Sie, die sich selber eine Verscheuchte nennt, geht doch wieder zurück in die Schweiz, arbeitet, wird publiziert, wenn auch in sehr bescheidenem Rahmen. Sie arbeitet auch fürs Theater, was aber mit Schwierigkeiten verbunden ist.
Ich glaube nicht, daß ihr der Heimatverlust in gleichem Maße zusetzte wie vielen anderen Emigranten. Sie hatte in besonderem Sinne ihr portables Vaterland bei sich, nicht nur die Sprache, sondern eben jenes Reich, das sie schon von Beginn ihres Dichtens an besaß. Sie wird gewußt haben, daß ihres das wahrhaft tausendjährige war! Und dessen Einwohner auch aus Staub gemacht sind, wie alles Lebendige, aber eben aus goldenem Staub.

Lösche mein Herz nicht aus –
Du den Weg findest –
Immerdar.

Sie ist wohl nicht nur aus Notwendigkeit bedürfnislos, sondern auch wegen dieses unsichtbaren Fürstentums, über das sie gebietet. Ein Herzstück dieses Fürstentums ist ihr Elternhaus, aber ein traumverändertes, papierenes Elternhaus. So eins kann man an jeden Ort der Welt ohne Mühe mitnehmen.
In Zürich hat sie auch nur ein Zimmer und ihren Tand, den Benn schon so indigniert beschrieben hat. Sie kauft Süßigkeiten für fremde Kinder und liebt es, ins Kino zu gehen. Film kommt ihr sehr entgegen, in ihm ist Liebe unveränderbar, die schönen schwarzweißen Gesichter altern nicht. Sie als Nicht-Intellektuelle hat eine ganz unverkrampfte Beziehung zu dieser noch nicht versteinerten Kunst, und sie benutzt in ihren Stücken durchaus filmische Methoden.
Eigentlich will sie 1939 nur für ein paar Monate nach Palästina gehen, aber der Beginn des Krieges verhindert ihre Rückkehr. Sie muß in dem Land bleiben, von dem sie weiß, daß es dem von ihr gedichteten nicht gleicht.
Giselheer, der sich sternenweit von ihr entfernt hat und seinen Irrtümern zum Opfer fällt – wenn auch nicht für lange Zeit –, hat nach ihrem Tod Nachdenkliches und Bedenkenswertes über ihr Leben im Hebräerland gesagt:

Das Jüdische und das Deutsche in einer lyrischen Inkarnation! Und damit berühre ich ein Thema, über das ich oft nachgedacht und auch oft mit ihr gesprochen habe. Es war auffallend, daß ihre Glaubensgenossen nicht das in ihr sahen oder sehen wollten, was sie ihrem Range nach war. Der Grund hierfür liegt in dem innersten Wesen der Lasker-Schülerschen Dichtung. Diese hatte einen exhibitionistischen Zug, daran ist kein Zweifel, sie exponierte ihre schrankenlose Leidenschaftlichkeit, bürgerlich gesehen, ohne Moral und ohne Scham. Anders ausgedrückt: sie nahm sich die großartige und rücksichtslose Freiheit, über sich allein zu verfügen, ohne die es ja Kunst nicht gibt.

Man habe ihr das zwar zugebilligt, sich aber damit nicht identifizieren wollen. Benns Bedauern über das Unverständnis der Juden ihrer großen Tochter gegenüber ist mir ein bißchen verdächtig. Das Leidenschaftliche, die zu Kunst gewordene Passion in mehr als einem Sinn, muß immer damit rechnen, von den Lauen abgelehnt zu werden. Wer von uns, von ihren Lesern würde ihre Art zu lieben aushalten – im aktiven wie im passiven Sinn? Der Dichter, sagt Kierkegaard, verzerre den Mund vor Schmerz, und das Publikum fordere ihn zum Weitersingen auf. Auf keine paßt das Bild besser als auf den schwarzen Schwan. Wir haben sie immer zum Weitersingen aufgefordert und im stillen dafür gedankt, daß wir so nicht fühlen müssen. Oder? Wollten wir doch manchmal den Preis für den Eintritt in ihre goldenen Welten zwischen Weiß und Rotdorn bezahlen? Wissend, daß der Eingang längst zugewuchert ist vom Gestrüpp der Banalität?
Sie hat sich in Jerusalem natürlich noch einmal verliebt, wie so oft in ihrem Leben erst in Wörter und dann in den, der sie gemacht hat. Der letzte Stern am Götterhimmel ihrer Liebe war Ernst Simon, den sie durch seine Übersetzungen der Gedichte Chajim Nachman Bialiks kennen gelernt hatte. Noch einmal werden wunderbare Gedichte Kinder ihrer Liebe: Er ist Ernest und Apollon. Noch einmal scheut sie sich nicht, Anbetung und sinnliche Aufforderung zu vermischen, im Gedicht und in der Liebe ist sie eben nicht alt.

Er legte Brand an meines Herzens Lande –

Aber müde wird sie dann doch.

Gejagt und wüßte auch nicht mehr wohin
Und bin zu müde dich zu küssen und zu herzen

Das Hebräerland, die geliebte und schwierige Fremde, wird ihr Abschiedsland, von der Liebe und vom Leben. Im Januar 1945 stirbt sie.

Liebe ist aus unserer Liebe vielfältig erblüht.
Wo mag der Tod mein Herz lassen?

Eva Demski, Nachwort

 

Inhalt

Eine der letzten Äußerungen Else Lasker-Schülers vor ihrem Tod soll gewesen sein:

Mit mir geht es zu Ende, ich kann nicht mehr lieben.

Ihr großes lyrisches Werk zeugt davon, wie mutig, wie rücksichtslos, wie unbedingt die Liebe sein kann – und wie die Liebe auch die Kunst. Liebe ist für diese allem Gemäßigten abholde Dichterin das Recht und der Wunsch, jemanden so sehr zu fordern, bis er den Ansprüchen des anderen zu gleichen beginnt. Die Liebende erschafft sich den Geliebten, und keine hat das so groß- und fremdartig gekonnt wie Else Lasker-Schüler. Daraus resultieren zuweilen auch Irritationen, wenn wir das Objekt ihrer Leidenschaft zu kennen glauben – oder gelingt es uns, den Giselheer ihrer wunderbaren und ungestümen, fast gewalttätigen Gedichte mit dem Dr. Gottfried Benn, der uns vor Augen steht, in Übereinstimmung zu bringen? „Ihr kennt ja All’ die Liebe nicht“ – die Liebesgedichte Else Lasker-Schülers zeigen uns, wie sie sein kann, die Liebe, von der Einsamkeit unerwiderten Begehrens bis zu ihrem verschwenderischen Überschwang.

Jüdischer Verlag, Ankündigung

Thumb up

Ich kannte E. Lasker-Schüller nur vom gleichnamigen IC nach Berlin anno tuck. Nun wollte ich doch mal herausfinden, wer sich hinter dem Namen versteckt. Und stieß auf das genannte Büchlein. Lassen wir die selbstinszenierte Person L-Sch. mal außen vor: die kleinen Liebesgedichte sind „not bad“, auf jeden Fall wert, mal gelesen zu werden. Es geht sicher sprachwitziger, more gaga or dada, aber es geht eben auch neuzeitlich-romantisch. Vielleicht nicht für jedermann, aber mir gefällts.
Thumb up.

Erik Michel, amazon.de, 16.11.2013

 

Die Frau, die die Träume nach Israel entführte

Die Dichterin der schönsten deutschen Liebesgedichte schenkte einer Freundin nach einem Streit eine rote Rose. Das war im Januar 1945 in Jerusalem, wo die deutsch-jüdische Schriftstellerin Else Lasker-Schüler vor den Nazis Zuflucht gefunden hatte. Avital Ben Chorin hat dieses Geschenk bis heute nicht vergessen:

Ich wunderte mich damals, daß sich die Rose so lange hielt. Die Dichterin wurde krank, die Blume blühte und blühte. Die Dichterin kam in ein Hospital, die Blume verwelkte nicht. Sie verwelkte erst an dem Tag, an dem Else Lasker-Schüler starb.

Es war der 22. Januar 1945. Der pensionierte Samuel Wassermann, der ebenfalls mit der Dichterin befreundet war, erinnert sich noch heute an einen Traum, den er in jener Winternacht gehabt hat:

Ich sah Else Lasker-Schüler abgemagert im Krankenhaus liegen, ihr vom Alter verwittertes Gesicht mit den dunklen brennenden Augen. Und über dem Krankenbett hingen Glockenstränge. Sie hob ihre Hände und zog an den Strängen. Es dröhnte so sehr, daß ich aufwachte. Gegen Mittag erfuhr ich, daß die Dichterin gestorben war. In meinem Traum hatte sie ihr eigenes Totengeläut geläutet.

Wunder und Zeichen waren das Thema ihrer Dichtung. Wunder und Zeichen begleiteten ihr Leben. Was über sie heute bekannt ist, wurzelt stärker in der Legende als in der Wirklichkeit.
Um der Wirklichkeit näherzukommen, in der die Dichterin gelebt hat, flog ich nach Israel, fuhr nach Jerusalem, über das Else Lasker-Schüler bereits 1902 visionär geschrieben hatte:

Und meine Seele verglüht in den Abendfarben Jerusalems.

In der Innenstadt suche ich einen Parkplatz. Neben mir ein Bekannter, genauso hilflos wie ich. Ich biege in eine Nebenstraße ein, sehe dort die einzige Parklücke. Der Bekannte steigt wie ich aus, macht zwei Schritte, steht an einer Pforte und sagt:

Gehen Sie mal durch. Sie stehen genau vor dem Haus, in dem Else Lasker-Schüler zuletzt gewohnt hat.

Vor mir ein einstöckiges Gebäude, aus Naturstein gehauen, versteckt hinter drei Zedern und einem Johannisbrotbaum. Eine Außentreppe, 19 Stufen bis zur Haustür im ersten Stock. Katzen springen davon. Ich klingele. Eine ältere Frau erscheint. Ich bitte sie, mir das Zimmer zu zeigen, in dem die mit 76 Jahren gestorbene Else Lasker -Schüler zuletzt gewohnt hat. Die Frau fragt mich auf Deutsch:

Wer ist Else Lasker-Schüler? Ich habe nie etwas gehört von ihr.

Wer ist Else Lasker-Schüler? Eine Frage, die in Deutschland nicht einmal Germanisten hinreichend beantworten können. Was an Fakten bekannt ist, sagt wenig über sie. Sie ist die Enkelin eines Rabbiners und die Tochter eines Bankiers. Sie wurde am 11. Februar 1869 in Elberfeld geboren und wuchs in der Sadowastraße 7 auf. Sie war zweimal verheiratet, wurde zweimal geschieden und hatte einen unehelichen Sohn. Sie schrieb Gedichte, Romane und Theaterstücke, ihre Themen waren häufig jüdisch, ihre Phantasie war orientalisch, ihre Sprache war deutsch. Im Jahre 1932 erhielt sie den damals begehrten Kleist-Preis. Ein Jahr später ging sie – von den Nazis bedroht – in die Schweiz, von der Schweiz nach Palästina. Auf dem Ölberg in Jerusalem ist sie begraben.
Ihr letzter Gedichtband erschien in deutscher Sprache kurz vor ihrem Tode in Jerusalem. Die aus Deutschland Vertriebene widmete ihn „Meinen unvergeßlichen Freunden und Freundinnen in den Städten Deutschlands – und denen, die wie ich vertrieben und nun verstreut in der Welt, in Treue!“ Darin steht das erschütternde Gedicht einer Frau, die unerkannt in ihren Gefühlen geblieben ist:

Ich liege wo am Wegrand übermattet
Und über mir die finstere kalte Nacht
Und zähl schon zu den Toten längst bestattet.

Wo soll ich auch noch hin – vom Grauen überschattet –
die ich vom Monde Euch mit Liedern still bedacht
und weite Himmel blauvertausendfacht.

Die heilige Liebe, die ihr blind zertratet,
Ist Gottes Ebenbild…!
Fahrlässig umgebracht.

Wer also ist Else Lasker-Schüler? Eine Frau von 33, als ihr erster Gedichtband Styx im Jahre 1902 erscheint. Sie stammt aus einem wohlbehüteten Haus. Den Vater beschreibt sie als eine zu Streichen und Späßen aufgelegte Eulenspiegelfigur, die Mutter als eine den Künsten aufgeschlossene Frau. Die verträumte Tochter Else hatte es schwer in der Schule und leicht zu Hause:

Ich war die Jüngste und durfte immer neben meiner angebeteten Mama sitzen, die mir heimlich eine Zuckerfreude ins kleine karierte Kleidertäschchen steckte. Ich fühlte mich wie das ewige Leben neben ihr, die mich mal zur Welt gebracht hatte.

„Wir wohnten am Fuße des Hügels“, so heißt es in ihrem Buch Konzert.

Steilauf ging’s von dort in den Wald. Wer ein rotes, springendes Herz hatte, war in fünf Minuten bei den Beeren. Sonntags kamen ganze (Familien vom Berge gestiegen, an unserem Haus vorbei… Ich bin immer so stolz auf unseren großen Wald gewesen, in den man, ob man’s wollte oder nicht, beim Heraufklettern der Sadowastraße hineinblicken mußte. An ihrem Fuße lag mein Elternhaus… Immer strömte aus dem Walde frischer, grüner Atem und kräftigte die Lunge… Wenn die Gewitter kamen von den vier Himmelsrichtungen, die schwarzgezückten Reiter nahten, setzte sich meine teure Mama auf den Balkon, der zwischen Osten und Westen frei zu schweben schien. So war’s einem. In einem kleinen Nachen glaubte man zu sitzen zwischen den Luftwellen; das bewog meine Mutter zum Einsteigen…

Als die Mutter 1890 stirbt, verliert die damals 21jährige ihren ganzen Halt. Sie sieht eigentlich erst in diesem Augenblick den Moment ihrer eigenen Geburt, den sie später in dem Totenlied „Mutter“ in Worte faßt:

Ich fühle mein nacktes Leben,
Es stößt sich ab vom Mutterland,
So nackt war nie mein Leben,
So in die Zeit gegeben…

Und so sehnt sie sich in die Urheimat zurück:

Und es lege eine Schöpferlust,
mich wieder in meine Heimat
Unter die Mutterbrust.

Als 25jährige verläßt sie das Elternhaus in Elberfeld und heiratet den Berliner Arzt Dr. Berthold Lasker. Der Ehemann richtet der zeichnerisch begabten und versponnenen Else Lasker-Schüler ein Maler-Atelier im Tiergartenviertel ein.
Vier Jahre lebt sie so dahin. Dann lernt sie einen Mann kennen, der sie aus ihrer bürgerlichen Ruhe reißt. Die 29jährige sieht ihn auf der Straße, folgt ihm und läßt ihn nicht mehr aus den Augen. Sie wirbt um ihn: impulsiv und naiv zugleich, verspielt und sprunghaft, verliebt und begeistert:

Ich wollte, Du und ich, wir würden uns verzweigen,
Wenn sonnen toll der Sommertag nach Regen schreit
Und Wetterwolken bersten in der Luft!
Und alles Leben wäre unser Eigen;
Den Tod selbst rissen wir aus seiner Gruft
Und jubelten durch seine Schweigsamkeit!
– Ich folge Dir ins wilde Land der Sünde
Und pflücke Feuerlilien auf den Wegen,
– Wenn ich die Heimat auch nicht wiederfinde…

Else Lasker-Schüler bekommt von dem Geliebten, dem sie den Phantasienamen Alkibiades de Rouan gibt, dessen wirklichen Namen sie aber nie verrät, einen Sohn, Paul. Der Geliebte verläßt sie und verschwindet spurlos.
Die Vernunftehe mit Dr. Lasker zerbricht, wird aber erst im Jahre 1903 geschieden. Dazwischen liegen fünf Jahre bitterster Armut. Die junge Frau zahlt den Preis für diesen unvermittelten Ausbruch: Sie verläßt den Ehemann und lebt mit ihrem Sohn für 75 Pfennige im Monat in einem Kellergelaß, das sie einem Portier abgemietet hat. Sie schreibt das Gedicht:

Ich will in das Grenzenlose
Zu mir zurück,
Schon blüht die Herbstzeitlose
Meiner Seele,
Vielleicht – ist’s schon zu spät zurück!

O, ich sterbe unter Euch!
Da ihr mich erstickt mit Euch.
Fäden möcht ich um mich ziehn –
Wirrwarr endend!
Beirrend,

Euch verwirrend,
Um zu entfliehn
Meinwärts’

Aus dem Kellerverlies wird Else Lasker-Schüler von einem Mann herausgeholt, der so arm an materiellen Gütern und so reich an Phantasie ist wie sie selbst: von Peter Hille, dem bekannten Dichtervaganten der Jahrhundertwende, dessen einzige Habe ein Rucksack ist, in dem er auf vielen kleinen Zetteln seine Gedichte und poetischen Fragmente verwahrt. In der Künstlerkolonie Neue Gemeinschaft in Berlin-Schlachtensee, einer Art Kommune, findet Else Lasker-Schüler eine neue Unterkunft.
Hier nimmt Peter Hille ihr die Angst vor den eigenen Gefühlen. Hier bestärkt er sie darin, sich ohne Rücksicht auf eine rational eingeschworene Welt auszuleben. Hier erfährt sie, daß es wichtiger ist, eine zweite Naivität zu gewinnen, als sich bequem im technischen Fortschritt einzurichten. Fortschritt heißt für sie von nun an, sich von den Quellen des menschlichen Lebens entfernen. Sie kämpft mit Worten, mit Gedichten gegen die technischen Zurüstungen für die Puppe Mensch, Zurüstungen, die den Schmerz eliminieren und den Tod überspielen.
Bereits mit ihrem ersten Gedichtband – Styx – gelingt ihr der literarische Durchbruch. Peter Hille bezeichnet die 33jährige als den „Schwarzen Schwan Israels, eine Sappho, der die Welt entzweigegangen ist“. Der unbestechliche Sprachkritiker Karl Kraus aus Wien nennt sie „die stärkste und unwegsamste lyrische Erscheinung des modernen Deutschland“. Sie verzaubert die Welt um sich herum. Die Träume werden ihre Überwirklichkeit. Sie baut sich ein Fabelreich, in dem sie als Tino von Bagdad, als Jussuf, Prinz von Theben, lebt und dichtet. Jussuf, der arabische Name für den biblischen Josef, den seine Brüder preisgeben und verkaufen. Ihren Freunden gibt die Dichterin fürstliche Titel: Karl Kraus wird Dalai Lama, Franz Marc der Blaue Reiter Ruben, Franz Werfel der Prinz von Prag.
Noch in der Künstlerkolonie Neue Gemeinschaft lernt Else Lasker-Schüler den Kunstschriftsteller und Musiker Georg Lewin kennen, den sie in Herwarth Walden umtauft und 1903 heiratet. Unter dem neuen Namen wird Herwarth Walden mit seiner avantgardistischen Zeitschrift Der Sturm – der Name geht ebenfalls auf Else Lasker-Schüler zurück – der große Förderer expressionistischer Kunst. Herwarth Walden betrügt sie, und Else Lasker-Schüler klagt:

Ich würde den Liebenden mit mir tragen in den Tod… Wer weiß von meinem Herzen… Wer hat mich geliebt?

War die Trennung von ihrem ersten Mann eine Befreiung zu Liebe und Leben, so bedeutet die zweite, von Walden 1912 erzwungene Scheidung den Beginn einer unaufhebbaren Vereinsamung. In dem Briefroman Mein Herz, der Geschichte des Scheiterns ihrer Ehe, schreibt sie trauernd an Herwarth Walden, daß sie „nicht alleine die Dichterin“ sein wolle, „sondern auch ein ganz kleines Mädchen, das zum ersten Mal von seinem Herrn zu Kempinski zum Abendbrot mitgenommen wird und Geschmack an Kaviar und Ente mit Mirabellen findet, sich aber noch schüttelt, entsetzt vor der Schnecke in der geöffneten Muschel“.
Das Glück zerbricht, wo immer sie es anfaßt. Seit ihrer Scheidung von Herwarth Walden hat Else Lasker-Schüler nie mehr eine richtige Wohnung gehabt. Sie lebt in möblierten Zimmern. In engen Kammern, die vollgestopft sind mit Spielzeug, Puppen, Tieren und lauter Krimskrams. Eine Bibliothek besitzt sie nicht. Aber sie kennt die Menschen, die der Kunst in den ersten 30 Jahren dieses Jahrhunderts die Richtung geben: Georg Trakl, der ihr eines seiner schönsten Gedichte widmet, Franz Marc, der ihr auf Postkarten einen ganzen Zyklus von Zeichnungen schickt, Oskar Kokoschka, George Grosz, Ernst Toller, Theodor Däubler.
In Berlin ist sie eine stadtbekannte Erscheinung. Um sie scharen sich die literarischen Talente. Das alte Café des Westens und später das Romanische Café sind ihre Heimat. Hier schreibt sie ihre Bücher Der siebente Tag, das Peter Hille-Buch, Die Nächte Tino von Bagdads, Die Hebräischen Balladen und Malik – eine Kaisergeschichte. Hier sitzt sie täglich, trinkt Wasserkakao, ißt Anisplätzchen.
Sie ist klein, knabenhaft schlank und hat pechschwarzes Haar, kurzgeschnitten. Sie trägt immer Hosen, die weit sind und unten zugebunden werden. Dazu Husarenkittel oder Russenblusen. Bei ihren Lesungen tritt sie mit Dolchen im Gürtel auf. Sie liest nur bei Kerzenlicht und untermalt ihren Vortrag mit Glockengeklingel oder spielt auf der Blockflöte. Sie ist behängt mit unechtem Schmuck, Armbändern, Ketten, Kettchen, Ohrringen, Talmiringen. „Für mich ist das Gold“, sagt sie und schert sich nicht im geringsten um das Lächeln der verständnislosen Umwelt.
Als einer der Stammgäste im Café des Westens sie beleidigt, steht der junge Wieland Herzfelde, später Verleger des berühmten Malik-Verlages, auf und ohrfeigt den Mann. Herzfelde wird des Lokals verwiesen. Else Lasker-Schüler erhebt sich – mit ihr die anderen Künstler – und geht: Das Café des Westens hat seine Rolle als Treffpunkt der Bohème für immer ausgespielt. Seit jenem Tag treffen sich die Künstler im Romanischen Café.
Wohlmeinende nennen sie exzentrisch, Gehässige nennen sie einfach verrückt. Else Lasker-Schüler sagt:

Ich will lieber ein Menschenfresser werden als Nüchternheit wiederkäuen.

An Herwarth Walden schreibt sie einmal:

Du weißt doch, was ich von der Liebe halte, wäre sie eine Fahne, ich würde sie erobern oder fallen.

Sie vertraut dem „göttlichen Wunder der Liebe“. Daß die Wunder in einer Liebesbeziehung sehr schnell erlöschen, will sie nicht hinnehmen. So fordert sie in ihren eigenen Beziehungen zu Männern die Verzweiflung heraus. Mit dieser Verzweiflung lebt sie. Sie ist auf eine heillose Weise spontan. Wenn ihr Leute bei Vorlesungen nicht gefallen, wirft sie sie hinaus. Gescheit daherredende Menschen unterbricht sie mit dem Wort:

Sie sind mir zu intelligent.

Und verschwindet.
Aber einen der intelligentesten Menschen verehrt sie: Karl Kraus, den Herausgeber der Fackel. Als sich Else Lasker-Schüler mit der Broschüre Ich räume auf! – eine Anklage gegen die Verleger als Ausbeuter der Schriftsteller – zwischen alle Stühle setzt, ruft Karl Kraus zu Spendenaktionen für die Dichterin auf. Jahrelang bringt Else Lasker-Schüler bei den Verlagen kein Buch mehr unter. Damals geht es ihr so schlecht, daß sie nachts auf Bänken schläft, weil sie ein Zimmer nicht bezahlen kann. Durch die Spendenaktion kommen mehrere tausend Reichsmark zusammen. Die Freundschaft zu Karl Kraus zerbricht schließlich, weil er nicht bereit ist, den Sohn Else Lasker-Schülers als großen Künstler anzuerkennen. Paul Lasker-Schüler, der 1927 im Alter von 28 Jahren an Schwindsucht stirbt, ist ein mittelmäßiger Zeichner, der von seiner Mutter abgöttisch geliebt wird. Sie ist es, die seine Liebesbriefe zu den Mädchen trägt. Er, der Sohn, ist in den zwanziger Jahren für Else Lasker-Schüler das einzige Du, das ihrer sich stets radikal verausgabenden Liebe ein Ziel bietet.
Am Grabe ihres Sohnes steht Gottfried Benn neben ihr, jener Schriftsteller, der später die wahren Absichten der Nazis verkennt und als einziger der Großen in der deutschen Literatur 1933 nicht emigriert. Er war 26 Jahre alt, als er sich 1912 in die 43jährige Else Lasker-Schüler verliebte. Gottfried Benn hatte gerade seinen ersten Gedichtband, Morgue, veröffentlicht. In diesen Gedichten trat der gelernte Mediziner im weißen Mantel auf und präsentierte anatomische Greuel, so daß Else Lasker-Schüler schrieb:

Er steigt hinunter ins Gewölbe seines Krankenhauses und schneidet die Toten auf. Ein Nimmersatt, sich zu bereichern am Geheimnis. Er sagt: Tot ist tot. Dennoch fromm im Nichtglauben liebt er die Häuser der Gebete, träumende Altäre, Augen, die von fern kommen. Er ist ein evangelischer Heide, ein Christ mit Götzenhaupt, mit der Habichtnase und dem Leopardenherzen… Jeder seiner Verse ist ein Leopardenbiß, ein Wildtiersprung. Der Knochen ist sein Griffel, mit dem er das Wort aufweckt.

Benns Antwort:

Du bist Ruth. Du hast Ähren an deinem Hut.
Dein Nacken ist braun von Makkabäerblut.
Deine Stirn ist fliehend: Du sahst so lange
Über die Mandeln nach Boas aus.
Du trägst sie wie ein Meer, daß nichts Vergossenes
Im Spiel die Erde netzt.

Nun rüste einen Blick durch deine Lider:
Sieh: Abgrund über tausend Sternen naht.
Sieh: Schlund, in den du es ergießen sollst.
Sieh: Ich. –

In 17 Gedichten beweist Else Lasker-Schüler ihre Liebe zu Benn:

Ich habe in deinem Antlitz
Meinen Sternenhimmel ausgeträumt.

Alle meine bunten Kosenamen
Gab ich dir,

Und legte die Hand
Unter deinen Schritt,

Als ob ich dafür
Ins Jenseits käme.

Verbittert stellt sie fest:

O du falscher Gaukler,
Du spanntest ein loses Seil.

Wie kalt nur alle Grüße sind,
Mein Herz liegt bloß,

Mein rot Fahrzeug
Pocht grausig.

Bin immer auf See
Und lande nicht mehr.

Beschwörend ihr Vers:

Ich bin dein Wegrand.
Die dich streift,
Stürzt ab.

Doch Gottfried Benn antwortet:

Keiner wird mein Wegrand sein.
Laß deine Blüten nur verblühen.
Mein Weg flutet und geht allein.
Zwei Hände sind eine zu kleine Schale.
Ein Herz ist ein zu kleiner Hügel,
Um dran zu ruhn,

Es war eine kurze Zeit der Leidenschaft, Else Lasker-Schüler danach:

Ich suche allerlanden eine Stadt,
Die einen Engel vor der Pforte hat.
Ich trage seinen großen Flügel
Gebrochen schwer am Schulterblatt
Und in der Stirne seinen Stern als Siegel.

Und wandle immer in die Nacht…
Ich habe Liebe in die Welt gebracht –
Daß Blau zu blühen jedes Herz vermag,
Und hab ein Leben müde mich gemacht,
In Gott gehüllt den dunklen Atemschlag.

O Gott, schließ um mich deinen Mantel fest;
Ich weiß, ich bin im Kugelglas der Rest,
Und wenn der letzte Mensch die Welt vergießt,
Du mich nicht wieder aus der Allmacht läßt
Und sich ein neuer Erdball um mich schließt.

Es gibt da kein Beruhigungsmittel, das die Schmerzerfahrung aufheben kann. Goethe hat sich mit den Leiden des jungen Werther von der Schmerzerfahrung befreit, sie schreibt sich immer tiefer hinein. Es wird ihr Los, tiefer zu erschrecken von Ereignis zu Ereignis. Es sind da noch viele Männer im Leben Else Lasker-Schülers. Fast niemand kann ihrer Zuneigung widerstehen, aber auf Dauer hält ihr niemand stand. Sie aber schreibt:

Immer suche ich nach deinen Lippen
hinter tausend Küssen…

Da ist die Sehnsucht, sich verzaubern zu lassen, nicht zu erstarren. Und andererseits das tiefe Ungenügen am Mitmenschen und an sich selbst:

Es pocht eine Sehnsucht an die Welt, an der wir sterben müssen.

Sie sucht Menschen, die „einen Himmel in sich tragen“, sie sucht überall die „Überbleibsel Edens“. Und sie schreibt von sich: „Deine Sehnsucht war die Schlange“, die Sehnsucht, die sie „zu früh ins Licht sehen“ läßt.
In dieser völligen Vereinsamung nimmt sie ihr Ausgesetztsein, ihre „Todesverlassenheit“ als ihre Identität an. Und sie wirft die Gnaden hin, die sie zu verschenken hat. Sie haßt alles Kalkül und die ganze Vergötterung des Gehirns, nicht weil sie zu wenig Intellekt hat, sondern weil sie gelernt hat, die Verführung des Intellekts zur Feigheit in den Männern, die sie liebte, zu verabscheuen.
Ein Zimmermann, der in den zwanziger Jahren für das Berliner Hotel Sachsenhof arbeitete, in dem Else Lasker-Schüler lange Zeit wohnte, erzählt:

Wenn sie keinen Liebhaber fand, zertrümmerte sie am Abend regelmäßig die Holzbalustrade in ihrem Hotelzimmer. Ich mußte dann kommen und sie ausbessern. Sie ließ mich nicht eher gehen, bis ich ihr Frühstück gegessen und sie mir dabei ihre Gedichte vorgetragen hatte.

In dieser Äußerung enthüllt sich die Verlassenheit dieser Frau, die von sich sagte, daß sie immer ganz dicht an der Häuserfront entlanggegangen sei, damit ihre Eltern im Himmel sie in ihrer Armut nicht sähen.
Mit 64 Jahren mußte sie Deutschland verlassen. Im März 1933 wird ihr Stück Arthur Aronymus und seine Väter im Berliner Schiller-Theater noch vor der Generalprobe von den Nazis abgesetzt. Ein Stück, in dem sie hellsichtig die Judenverfolgung vorwegnimmt:

Unsere Töchter wird man verbrennen auf Scheiterhaufen. Nach mittelalterlichem Vorbild! Der Hexenglaube ist auferstanden. Aus dem Schutt der Jahrhunderte. Die Flamme wird unsere unschuldigen jüdischen Schwestern verzehren…

Kurz vor ihrer Flucht wird sie von SA-Männern auf offener Straße mit einer Eisenstange niedergeschlagen. In Zürich, wo sie Zuflucht sucht, irrt sie hilflos durch die Straßen. Auf einer Bank im Park übernachtet sie und wird wegen Landstreicherei festgenommen. So erfährt die Schweizer Öffentlichkeit von der Dichterin. Und die Dichterin erfährt in der Schweiz von der öffentlichen Verbrennung ihrer Bücher in Deutschland. 1934 reist Else Lasker-Schüler zum erstenmal nach Palästina, kehrt wieder in die Schweiz zurück, reist erneut, kommt wieder zurück. Die dritte Reise ist ihre letzte, der Krieg läßt keine Rückkehr mehr zu. Die Uraufführung ihres in Deutschland abgesetzten Stückes Arthur Aronymus und seine Väter findet in Zürich statt, das Stück wird dann aber auf Druck der deutschen Botschaft vom Spielplan gestrichen.
In Jerusalem spricht die Dichterin von ihrem Heimweh nach Deutschland. In ihrem Buch Das Hebräerland hält sie die Vision eines einträchtigen, friedlichen Zusammenlebens zwischen Juden und Arabern fest. Und sie schreibt von sich:

Mich brachte der Mond als unwiderruflich ,Letzte‘ heim. Will man von Palästina erzählen – geschmacklos, sich einen Plan zu konstruieren. Ganz Palästina ist eine Offenbarung! Palästina getreu zu schildern, ist man nur imstande, indem man das Hebräerland dem zweiten – offenbart.

Else Lasker-Schüler tut es so:

Darum denkt man gerade in Jerusalem an seine erste Kindheit, an die man sich bis dahin gar nicht mehr erinnern konnte. Als man noch mit der Welt in die Sonne gesetzt wurde; mit dem Riesenkind, das sich – nackt, nicht vor Gott zu verstecken braucht… Palästina – eine Einzige, Einzige Auferstehung! Noch von der Schöpfung her liegt auf dem Bauplatz, auf Palästinas Boden, Urmörtel, wilder Schlamm, Erzlehm und Materienrest, in Felsspalten aber neues Material zu neuem Aufbau. Vergehen und neu entstehen soll immer wieder das Heilige Land, bis es dem Himmel gleicht und mit ihm der Hebräer. Begraben und vergessen doch das ,kühle, leblose‘ Herz des Lauen. „Den Lauen aber speie ich aus meinem Munde“ sprach der Gottesjude von Nazareth… Ob man von Stern zu Stern wieder gelangen kann, vom Bibelstern zum Stern der Erde?

In ihrem Buch Das Hebräerland gedenkt Else Lasker-Schüler auch noch einmal der verlorenen Liebe zu Gottfried Benn. Kommt das Gespräch auf den deutschen Dichter, der seinen Irrtum im „Dritten Reich“ zwar erkannte, aber zu spät, dann reagiert sie ungehalten:

Ihr kennt ihn alle nicht.

In ihrem letzten Gedichtband Mein blaues Klavier zeichnet sie sich als Kind und als eine Greisin zugleich:

Ich sitze noch heute sitzengeblieben auf der untersten Bank der Schulklasse, wie einst… Doch mit spätem versunkenem Herzen: 1000- und zweijährig, dem Märchen über den Kopf gewachsen.

Sie hat ein Zimmer in Jerusalem, und sie hat ihr Auskommen. Der Verleger Salmon Schocken und die Jewish Agency unterstützen die Dichterin finanziell. Doch Else Lasker-Schüler kann mit Geld nicht umgehen, es zerrinnt ihr zwischen den Fingern. Sie lädt dann alle Kinder ein und nimmt sie mit ins Kino. Jeden Film sieht sie sich zwei-, dreimal an. Sie haßt die Geschäftigkeit dieser Stadt, von der sie in Deutschland geschrieben hat, Jerusalem sei der „Vorhimmel des Himmels“.
Die Frau, die die Träume nach Israel entführte, stieß sich dort hart an den Wirklichkeiten: Die Juden aus Deutschland kämpften ums Überleben, um ihr täglich Brot. Die Zeit, die sie sich für Else Lasker-Schüler nahmen, mußten sie sich stehlen. Die Dichterin aber beanspruchte die Menschen ganz oder gar nicht. So wurde in ihrem letzten Lebensjahr ein Kind ihr liebster Mensch: die achtjährige Mira Bein, Tochter der Hauswirtin von Else Lasker-Schüler, ein pummeliges Mädchen mit einem braunen und einem blauen Auge.
Sie fütterte die Kleine mit Bonbons. Das Silberpapier, in das die Bonbons gewickelt waren, benutzte sie für ihre Collagen. Mira mußte zu jeder Filmvorführung mitgehen und neben ihr sitzen. Als die Nachricht vom Selbstmord des Schriftstellers Stefan Zweig eintraf, war sie tagelang aufgewühlt. Murrend ging sie in ihrer Stube auf und ab:

Nur einen Augenblick… Einen Augenblick nur noch… Im nächsten hätte er es ja nicht mehr getan.

Else Lasker-Schülers Zimmer war schwarz von Spinnweben, sie sah es nicht mehr. Ins Zimmer ließ sie nur Mira und sonst niemanden hinein. In der Mitte stand ein Tisch, darauf ein Spirituskocher, auf dem sie Würstchen heißmachte. In der Ecke eine Art Altar mit Fotos von ihrem Sohn. Sie schlief auf einem Liegestuhl.
Mira Bein, heute mit einem israelischen Diplomaten verheiratet, sagt:

Meine Mutter ist vor 15 Jahren gestorben. Ich kann mich an ihr Aussehen nicht mehr erinnern. Aber Else Lasker-Schüler sehe ich noch heute vor mir, als wäre ich ihr gestern zum letztenmal begegnet. Da trug ein alterloses Gesicht an der Last seiner Augen; ihre Lippen waren bitter, aber wenn sie lächelte, wirkten sie kindlich und unschuldig. Sie wirkte hinfällig, aber sie war es nicht. Sie hatte einen energischen Schritt, wenn sie mit mir durch die Stadt zog und ich Mühe hatte, ihr zu folgen.

Als ein arbeitsloser Pianist, für den Else Lasker-Schüler in Jerusalem ein Konzert durchgesetzt hatte, bei einem Autounfall verletzt wurde, brachte sie ihn in ihr Zimmer, bettete ihn auf ihren Liegestuhl und schlief selbst auf dem Fußboden. Die im Hause wohnende Rachel Katinka sagte zu ihr:

Schlafen Sie doch auf der Couch in meinem Zimmer.

Aber sie antwortete:

Es schläft sich gut am Boden, wenn man sein Bett einem Menschen gibt.

Sie pflegte den kranken Freund Tag und Nacht, bis er wieder laufen konnte.
Am Yom-Kippur-Tag hat Else Lasker-Schüler einmal den Gottesdienst in einer Synagoge besucht. Aber sie mißachtete das strenge Fastengebot. Während des Gottesdienstes zog sie aus ihrer Tasche eine Tafel Schokolade und biß genüßlich Stück für Stück ab. Neben ihr war eine Frau entsetzt:

Aber Frau Lasker-Schüler, das ist doch heute verboten!

Else, Lasker-Schüler:

Stören Sie mich nicht in meiner Andacht!

Else Lasker-Schüler war nicht hochmütig, aber sie hatte, das sichere Gefühl ihrer Besonderheit:

Ich habe Vertrauen zu meinen guten und zu meinen bösen Taten.

Einen Vortrag des Professors Martin Buber, der in Gottesfragen immer eine Antwort parat zu haben pflegte, unterbrach sie mit den Worten:

Herr Professor, glauben Sie an die Unsterblichkeit der Seele?

Die Frage hatte mit dem Thema des Vortrags überhaupt nichts zu tun. Das große Kind fragte da den großen Buber. „Es war das einzige Mal“, so erzählt der Bibliothekar Samuel Wassermann, „daß Buber keine Antwort wußte.“ Else Lasker-Schüler reagierte auf das Schweigen mit einem Stoßseufzer:

Ach Herr Professor, und ich dachte, Sie wissen alles.

Niemand sollte ihr wirkliches Alter wissen, aber man sah ihr das Alter an. Auf Geburtstagsgratulationen reagierte sie mit Tobsuchtsanfällen. Und zugleich schrieb sie das Gedicht:

Sieh in mein verwandertes Gesicht
Greise sind die Sterne geworden…
Sieh in mein verwandertes Gesicht.

Sie hat noch einmal in ihrem Leben Liebe erfahren und als 70jährige über diese Erfahrung hinreißende Gedichte geschrieben:

Das ewige Leben dem, der viel von Liebe weiß zu sagen.
Ein Mensch der Liebe kann nur auferstehen!
Haß schachtelt ein! Wie hoch die Fackel auch mag schlagen.

Immer faßte sie die Liebe als Widersacher des Todes auf. Und als die Liebesbeziehung zu dem Jerusalemer Professor Ernst Simon zerbrach, sagte Else Lasker-Schüler:

Mit mir geht es zu Ende. Ich kann nicht mehr lieben.

Am 16. Januar 1945 wurde die Dichterin, die auf dem Weg zum Arzt zusammengebrochen war, mit Angina pectoris ins Hadassah-Krankenhaus gebracht. Sechs Tage später starb sie. Am 24. Januar wurde Else Lasker-Schüler auf dem Ölberg beigesetzt. Der Rabbiner rezitierte eines ihrer letzten Gedichte:

Eine Blume brichst du mir zum Gruß –
Ich liebte sie schon im Keime.
Doch ich weiß, daß ich bald sterben muß…

*

Else Lasker-Schülers Heimatlosigkeit reicht über den Tod hinaus. Die Eltern in Wuppertal beerdigt, der Sohn in Berlin, sie in Jerusalem. Der Ölberg wurde jordanisches Territorium. Die Araber benutzten die glattgehauenen Grabsteine zum Bau von Häusern. Der Stein Else Lasker-Schülers, unbehauen und mehrere Tonnen schwer, wurde von einem Bagger beiseite geschoben und umgestürzt. Eine Straße war an der Stelle im Bau, wo die sterblichen Überreste der Dichterin lagen. Mit dem Sechs-Tage-Krieg 1968 kam der Ölberg wieder in den Besitz der Israelis. In einem Sammelgrab wurde die Dichterin ein zweites Mal beigesetzt. An anderer Stelle wurde 1976 der alte Grabstein wieder aufgestellt.

Jürgen Serke, aus Jürgen Serke: Die verbrannten Dichter, Fischer Taschenbuch Verlag, 1980

ELSE LASKER-SCHÜLER
1876–1945

In das Labyrinth der
Träume stellte sie
Spielzeug, pflanzte Blumen,
in die der frühe Hagel schlug.
Und ER sah zu und neigte
sich nicht zu ihr…

Und kam die Nacht, die
dunkle Gauklerin,
in deren Schwarzhaar
Liebende die Nester bauen,
glich ihr Bett dem
verschneiten Garten.

Das Hexagramm auf Deutschlands
düstrem Himmel brannte.
Sie floh. Die Bahnhöfe der Welt
warn offene Türen zu endlosen
Straßen. Laternen stützten diese
Weltverlassenheit.

So wurden ihre Augen leere Boote,
das schwarze Wimpernsegel
müde eingezogen.
Auf greisem Lid die Einsamkeit
wog schwer, und alle Träume fielen
als Tränen in das Tote Meer.

Christa Kożik

 

 

Fakten und Vermutungen zur Herausgeberin
Porträtgalerie: Autorenarchiv Susanne Schleyer +
Autorenarchiv Isolde Ohlbaum

 

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Carl Stern: Erinnerungen an Else Lasker-Schüler

Zum 70. Todestag der Autorin:

Burkhard Reinartz: „Meine Seele verglüht in den Abendfarben Jerusalems“
deutschlandfunk.de, 21.1.2015

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