Felix Philipp Ingolds Skorpioversa – Kleines Plädoyer für das Gedicht (Teil 1)

Kleines Plädoyer für das Gedicht

 

Buchmessen, Bücherwochen, Poesiefestivals, Schreibwettbewerbe und Lesemarathons bezeugen zwar die fortdauernde Hochkonjunktur des Literaturbetriebs, können aber immer weniger darüber hinwegtäuschen, dass das Publikumsinteresse an literarischer Lektüre zusehends abnimmt.

Wenn es für öffentliche Lesungen weiterhin eine beachtliche Nachfrage gibt, so ist dies eher auf die Live-Präsenz der Autorinnen oder Autoren und den Event-Charakter der Veranstaltungen zurückzuführen denn auf die Attraktivität beziehungsweise die Qualität der Texte. Entsprechend spärlich fällt denn auch in aller Regel der Verkaufsertrag von Büchertischen aus, die zu eigenständiger Lektüre der vorgetragenen Werkauszüge und darüber hinaus zum Kauf anderer Publikationen anregen sollen. Im Übrigen lässt die zunehmende Beliebtheit von Hörbüchern darauf schliessen, dass passives Mithören dem aktiven Nachlesen von Texten vorgezogen wird.

Dem scheint das Faktum zu widersprechen, dass dickleibige Bücher weit häufiger gekauft werden als schmale Bände, Schmöker mithin häufiger als broschierte Lyrik. Das dürfte einerseits auf die Werbewirksamkeit von Besten- und Bestsellerlisten, aber auch auf das Tagesfeuilleton zurückzuführen sein – da wie dort werden grossangelegte Erzählwerke klar privilegiert, derweil kleinere, dichter gewirkte Literaturformen weitgehend aus dem kritischen Diskurs ausgeschlossen bleiben; anderseits fällt vermutlich – trivial genug – auch das Gewicht ins Gewicht: Man ist eher geneigt, CHF 39.90 für 467 Druckseiten auszulegen als für deren 68 oder 86. 

… Fortsetzung hier

 

© Felix Philipp Ingold
aus unveröffentlichten Manuskripten

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