Engel

Eine Frau wie fast jede, es war die Beliebige. Wir standen beide vor der Kinokasse an, »Hélas pour moi«, trafen uns wieder, während der kurzen Pause, in der Eingangshalle, sie rauchte, ich nickte ihr zu, sie reagierte nicht. Als der Film aus war, stieß ich beim Verlassen des Saals noch einmal, wieder zufällig, aber diesmal ziemlich heftig, mit der Frau zusammen, ich entschuldigte mich.
»Das Leben«, schrie sie und wandte sich im Gedränge rasch zu mir um, »ist der Flügelschlag eines Affen.«
»Was denn sonst«, sagte ich; ich lachte, es wurde gelacht.
»Eines Affen«, zischte sie nah an meinem Gesicht. Und schon eilte sie, mit Knien und Ellenbogen komisch rudernd, zum Ausgang. Ja … und gleich war sie, unter all den Menschen dort, verschwunden. Der Film beschäftigt mich noch heute; ich habe ihn mir inzwischen mehrmals angesehn. Jener Engel kommt nicht darin vor.


aus: Felix Philipp Ingold: Freie Hand.
Ein Vademecum durch kritische, poetische und private Wälder

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.