Fritz Rudolf Fries: Poesiealbum 206

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Fritz Rudolf Fries: Poesiealbum 206

Fries/Richter-Poesiealbum 206

CHARLIE PARKERS STATIONEN

In Camarillo waren alle Wolken blau
die Engel bliesen falsch
Nachts in Garagen war der Wind zu laut
Schallplattenstudios billige Hotels
schmutzige Garderoben Nachtbars wieder Nachtbars
Kansas City Tellerwäscher Toronto Massey Hall!
5 Cents für Suppe und ein Brief nach Haus
die Kleine starb mit dem Gesicht zur Wand
alterierende Akkorde ganz neuer Stil
indem ich die höheren Intervalle der Harmonie
als melodische Linie bewahrte
(denen fielen die Noten hinters Klavier)
mit 35 starb er an Herzschwäche sah aus wie 53:
sagten die Ärzte
erst nach zwei Tagen brachte ihn
Nica Rothschild de Koenigswarter in ein
Leichenschauhaus
welch sanfter Mensch ganz Buddha!
12 Stunden Wohltätigkeitskonzert danach
(es hatte sich ja rumgesprochen
die sprunghaft neue Qualität).

 

 

 

Die Gedichte von Fries

ordnen sich nicht untereinander zum Ganzen, und die wenigsten Einzelstücke erklären sich aus sich selber. Sie verhalten sich zum Gesamtwerk des Autors auf seltsame Weise ergänzend und kommentierend.
Das Zentrum des Werks sind drei große Romane, deren jeder ein Labyrinth für sich ist und die sich wiederum zu einem Meta-Labyrinth überlagern. Es scheint, als sei die Wahrnehmungskraft des Urhebers total, nicht selektiv wie bei uns andern Menschen. Die Gedichte sind an Gänge und Windungen der Prosa geknüpft; in den Epigrammen hingegen glückt die Konstruktion eines Irrgartens aus zwei Elementen.

Karl Mickel, Verlag Neues Leben , Klappentext, 1984

Fritz Rudolf Fries

Nach Caracas, Havanna oder Rom führen diese Gedichte. Der hier die Welt in Augenschein nimmt, verwandelt sie durch seine Art zu sehen und zu erleben in poetische Materie. Und vom Aufbruch in die große Welt scheint Fritz Rudolf Fries geschärften Blicks für das Näherliegende zurückzukehren. Fülle der Sinneswahrnehmungen, strenge Intellektualität und unerschöpfliche Phantasie treffen zusammen. Daß der virtuose Erzähler sich die Sprache auch im Gedicht gefügig zu machen versteht, liegt am ausgeprägten Sinn für die Angemessenheit der Mittel. Ob in lakonischer Kürze oder mit überquellendem Wortreichtum, seine Gedichte variieren aus überraschendem Blickwinkel Themen seiner Prosa.

aus: Itzik Manger: Poesiealbum 205, Verlag Neues Leben, 1984

 

Geschichte einer Widmung

MISTFUHRE
für Fritz Rudolf Fries

Mistfuhre kam wieder vorgefahren
und lud ab.
Kübelweise. Kein Regen schwemmt weg.
Kein Besen kehrt aus.
Eine Elster lacht.

Da liegt ein Haufen vor dem Haus.
Ich komm nicht rein und komm nicht raus.
Wechsle die Schuhe, an und aus.

Zwischen Haus und Straße häuft sich
die Höhe des Haufens,
die Elster lacht.
Dann kommt die Mistfuhre wieder
und lädt ab.

„Mistfuhre“ wurde geschrieben im Mai 96, nachdem ich durch die Presse erfahren hatte, daß der Schriftsteller Fries ein IM gewesen war. Ich hatte ihn, gerade ihn, für einen integren Autor gehalten, und war eine Zeitlang benommen von Zorn und Enttäuschung. Die Gegenwidmung FÜR FRITZ RUDOLF FRIES – sie erschien mir gerechtfertigt, als ich schrieb – war pointierter Ausdruck dieser Enttäuschung.
Sie hatte ihren Grund darin, daß Fries ein IM gewesen war, aber viel mehr noch in der Art und Weise, wie er sich öffentlich dazu verhielt, als seine Mitarbeit zur Debatte stand. Er versuchte, sie herunterzuspielen, sie war zwei Jahrzehnte lang Teil von ihm, er lachte sie weg, die Elster war Fries. Von ihm war die Behauptung zu hören, Opfer und Täter seien dasselbe gewesen. Die Bemerkung war nicht hinzunehmen. Sie verhöhnte Vernunft und Aufklärung, Leid und Angst. Ich erinnerte mich an die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, als verharmlost wurde, einzeln und kollektiv, von Verantwortung der Person keine Rede sein sollte, was zu gleichsam athletischer Verdrängung führte, kaputte Generationen zur Folge hatte, zerdrückte Gewissen und Lebenslüge en gros. Das hatte ich in der Jugend erfahren, ich verstand etwas von den Absichten des Verleugnens, von Methoden und Zwängen, sich zu entlasten, sich als Geschädigten zu stilisieren. Das war eine Antriebsstärke der Restauration, ein erstickender Dunstkreis. Darin hatte ich rebelliert und nach Luft geschnappt. Ich war kein Bürger der DDR gewesen, konnte nicht beurteilen, was es hieß, in diesem Staat existiert zu haben, erlaubte mir kein Urteil über Fries, einen Staatsinsassen, der Schriftsteller war und konspirative Zusammenarbeit für gerechtfertigt oder von Vorteil hielt. Ich wußte von andern Autoren der DDR, daß eine Mitarbeit nicht erzwungen wurde, wenn ein Mensch sich entschieden dagegen verhielt. Sie war bei meinen Freunden nicht denkbar gewesen.
Ich hatte Romane von Fries gelesen, aber keine Vorstellung von der Person. Im November sah ich ihn zum erstenmal. Ein öffentliches Gespräch fand statt zwischen ihm, Uwe Kolbe und Hans Christoph Buch. Beide sind oder waren mit ihm befreundet, ich hatte den Eindruck, daß sie ihn schonten, sie stellten Fragen und verurteilten nicht. Diskret und mit Höflichkeit wurde versucht, den Enttarnten zu deutlichen Antworten zu bewegen, und als das nicht recht gelang, etwas zu erfahren, von Beweggründen, Umständen, Absichten undsofort. Fritz Rudolf Fries schien unsicher und bedrängt, ein zerbröselter Charakter stellte sich dar, lavierend zwischen Bedauern und Aggression, Rechtfertigungsversuch und Beschwichtigung. Ich gewann den Eindruck, daß seine Mitarbeit aufgrund persönlicher Schwäche zustandekam. Er verwahrte sich gegen die ECHTEN DENUNZIANTEN und behauptete, keinem geschadet zu haben, Refrain vieler Informanten der Staatssicherheit. Er hatte sich Chancen erhofft und sie auch erhalten, Honorare, Kontakte, Reisen und manches mehr. Zurück blieb das ungenaue Bild eines Autors, der zu klaren Einsichten nicht in der Lage schien, und immer noch, AUS INTERESSE AN DESSEN SCHICKSAL, mit dem Führungsoffizier in Verbindung stand.
Beim ersten Anblick des Menschen wurde mir klar, daß die Widmung der Mistfuhre nicht zu verantworten war. Ich hatte gelesen oder gehört, daß der Schriftsteller körperbehindert sei, aber erst an dem Abend begriffen, was das hieß. Ein zarter, sehr kleiner, schwer beweglicher Mann ging mit kurzen Schritten am Stock durch das Publikum, und sein Gesicht – von Fotos bekannt – voll lebendiger Clownerie war eine Maske, die im Verlauf des Gesprächs auseinanderfiel.
Die Widmung FÜR FRITZ RUDOLF FRIES war nicht zu halten, aber die Verse waren da. Ich sah keinen Grund, sie beiseite zu tun, den Fall auf sich beruhen zu lassen – gerade dies war ausgeschlossen –, aber auch keinen vernünftigen Grund, sie ohne die Widmung zu publizieren. Ohne Widmung blieb das Gedicht ein beliebiges Ding, ein ungefähr lyrischer Kommentar zu jeder Misere, politisch oder privat. Der Zorn war weg, die Enttäuschung hielt an. Ich hatte den Körperzustand des Menschen vor Augen, und fragte mich wie vermutlich jeder, was der Zustand bedeuten mochte für ihn, sein Verhalten im Staat und die Mitarbeit. Es lag etwas vor, das nicht zu übersehen, noch weniger zu beantworten war. ICH LEBE JA LEIDER NOCH war ein Nebensatz, den ich deutlicher wahrnahm als das ganze Gespräch. Zorn war hier so unzumutbar wie Mitgefühl. Die Enttäuschung blieb.
Ich versuchte, die Widmung ins Allgemeine zu stellen – FÜR FRITZ RUDOLF FRIES UND ANDERE – aber das Allgemeine ergab keinen Rahmen, der Vorgezeigte war weiter Fries. Aus der Widmung ging nicht hervor, wer die anderen sind. Jeder einzelne Fall stellt sich anders dar, gibt eine andere Konstellation zu erkennen, ging durch verschiedene zeitliche Phasen – des Menschen, des Staates – und wirkt sich in unterschiedlicher Weise aus, auf die Öffentlichkeit, die Geschädigten und den IM. Fries’ Name als Mitarbeiter war PEDRO HAGEN. Die Widmung FÜR PEDRO HAGEN schien unmißverständlich, sie gab mir die Freiheit, den Menschen in Ruhe zu lassen, berührte aber den wunden Punkt. Nichts war gewiß. Wer war Pedro Hagen in bezug auf Fries, in Beziehung zu Fries, und wer war Fries, hinter Pedro Hagen verschanzt. Privatperson, Schriftsteller, Bürger des Staates – wer steckte auf welche Weise in welchem Namen, auf wieviele Funktionen, Rollen, Stimmen verteilt, in wievielen Anteilen Leben und Camouflage. Die Frage bedurfte keiner Staatssicherheit, sie ist HOFFNUNGSLOS VERSTÄNDLICH auch ohne IM. Leben und Camouflage trifft auf jeden zu, der von Staat und Gewalt belastet wird, das SPIEL mit Erscheinungen und Verborgenheiten. Fries hatte sich im Gespräch als SPIELER bezeichnet – ein Versuch, sich im Augenblick zu entlasten? ein öffentlicher Antrag auf Narrenfreiheit? ein Vorschlag zur Güte? ein Anhaltspunkt? Wie konnte die Widmung der Mistfuhre lauten? Für Pedro Hagen und Fritz Rudolf Fries? Für Fritz Rudolf Fries und Pedro Hagen – immer weiter als Gegenwidmung dahingestellt? Die Frage stand wie eine Fußangel offen. Sie war der Mühe einer Begründung wert. Sie ist als Janusgesicht, Verrat, Intrige in Kunst und Leben ein gewöhnlicher Stoff, der zur beliebten nächsten Frage führt: Wer, ihr Gerechten, wirft den ersten Stein, kein geschleudertes Messer und keine Lawine, die irgendwas von Frage und Antwort begräbt. Was machte ich da mit der Widmung und mit Fries.
In der unbegründeten, schwach begründbaren, leisen, stillen, verstummten, lautlosen Hoffnung, daß der Mensch sich ändert, wenn er atmen will –
daß der Teil seiner selbst, der ihn kompromittiert oder runtergezogen, halb erstickt, verschüttet, angetötet, sein Hirn und Hundeleben verdreht – was noch – seine Chance versaut hat –
in der unbescheidenen Absicht, ihn atmen zu lassen wie mich selbst und jeden, der kein Monster ist, kein ECHTER DENUNZIANT, kein Killer vom Dienst –
im Namen dieser und jeder Hoffnung, die zu Tausenden da ist, tausend und einmal fehlt, unzählige Absender hat aber keine Adresse –
in der Hoffnung ohne Zuversicht, nicht ohne Provokation und nicht ohne Witz –
habe ich die Widmung noch einmal geändert und das Fuhrwerk an den Rand der Straße geschoben:

MISTFUHRE
in memoriam Pedro Hagen

Mistfuhre kam wieder vorgefahren
und lud ab.
Kübelweise. Kein Regen schwemmt weg.
Kein Besen kehrt aus.
Eine Elster lacht.

Da liegt ein Haufen vor dem Haus.
Ich komm nicht rein und komm nicht raus.
Wechsle die Schuhe, an und aus.

Zwischen Haus und Straße häuft sich
die Höhe des Haufens,
die Elster lacht.
Dann kommt die Mistfuhre wieder
und lädt ab.

Christoph Meckel, Freibeuter, Heft 71, 1997

 

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