Georges Poulet: Metamorphosen des Kreises in der Dichtung

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Georges Poulet: Metamorphosen des Kreises in der Dichtung

Poulet-Metamorphosen des Kreises in der Dichtung

III JORGE GUILLÉN

Nicht das Ich, nur die äußere Welt. Bei Jorge Guillén beginnt alles mit der Gegenwart einer rein objektiven Wirklichkeit. Nur außen gibt es Sein. Dort jedoch steht das Sein außer Frage. Die Gegenwärtigkeit des Seins ist offensichtlich. Es ist wie eine Lichtflut, welche die Leere erfüllt. Das Licht ist das, was ist und sich durch das Sein zeigt. Sein heißt erhellen und sich erhellen. Es heißt Zeugnis ablegen von der eigenen Wirklichkeit. Was ist, ist da, klar umrissen, in seiner Ganzheit. Nichts verbirgt sich davor im Schatten. Alles ist im Licht, alles ist Licht. Sein und Erscheinen fallen zusammen, und dieses Eine ist ein richtiges Ganzes. Die Welt ist vollkommen. Nichts fehlt.
Vorausgesetzt, es gebe ein Auge, das sie sieht, kann diese Fülle des Alls also in ihrem ganzen Ausmaß unmittelbar erfahren werden. Die Welt bietet sich dem Blick dar, und die Welt ist Blick. Es gibt ein universales Bewußtsein einer ebenfalls universalen Pracht. Nicht nur existiert die Welt in sich, sie freut sich auch über sich selbst. Schon Parmenides hatte sie mit einer Kugel verglichen. Guillén vergleicht sie mit einer Kuppel, also wieder mit einer Kugel, doch von innen wahrgenommen. Wenn sich nämlich die einzige Wirklichkeit in der Außenwelt befindet, so wird diese durch Spiegelung umgekehrt, umgestülpt, eine Außenwelt, die sich verinnerlicht. Die Welt ist eine riesige konkave Oberfläche, deren Wände aus Licht und Himmel sich dem Blick gleichzeitig an allen Punkten darbieten. Da nichts fehlt, darf es zudem nirgends einen Hiatus geben, sondern eine vollkommen fortlaufende Kontinuität muß alle Linien kennzeichnen. Um sich besser zu zeigen, ordnet sich die Welt überall in Kurven an:

Das Firmament ist gekrümmt,
Ein dichtes Blau, über dem Tag.
Es ist die Rundung
Des Glanzes: Mittag.
Alles ist Kuppel…

Der Raum ist Kuppel. Die Dauer auch. Wie die verschiedenen Teile der Fläche sich Nebeneinander zu einem Ganzen fügen, dessen Zusammenhang sofort sichtbar wird, so reihen sich die verschiedenen Ereignisse der historischen Vergangenheit aneinander zu einem Ganzen, dessen Kontinuität unmittelbar begreifbar wird. Demnach entspricht Guilléns Zeitbegriff demjenigen Bergsons so wenig als nur möglich. Die vergangenen Augenblicke kommen und beziehen nacheinander eine Art Gebäude, in dem sie eine Menge aneinandergrenzender Abteile einnehmen, ähnlich den Fresken, die sich auf den Innenwänden gewisser italienischer Kirchen fortsetzen. Die Zeit ist ein Raum, der größer wird oder dessen Inhalt, genauer gesagt, immerzu anwächst. Obwohl eine unbestimmte Anzahl von noch leerstehlenden Nischen auf das Werk des Künstlers warten, ist das zeitliche Gefüge vollendet und zeigt die gleiche Kreisförmigkeit wie der Raum.
Ein solches Schauspiel bietet uns die Dichtung Jorge Guilléns. Von Anfang an ist die Vollendung erreicht, von Anfang an auch ist sie offenbart. Hier gibt es also weder Fortschritt noch Widerstand, sondern nur die Aufzeichnung der objektiven Pracht. Von diesem Gesichtspunkt aus hebt sich Guilléns Werk klar ab von der übrigen europäischen Dichtung. Es beginnt nicht mit dem Innern, sondern mit dem Äußern. Es situiert das Seiende nicht im zentralen Hohlraum eines Bewußtseins, sondern in der peripheren Manifestation einer greifbaren Wirklichkeit. Alles ist darin, und alles beginnt an diesem Punkt. Freilich läuft der Dichter nach der unmittelbaren Feststellung der äußeren Vollkommenheit des Seins Gefahr, nichts mehr aussagen zu können. Alles wird sofort, auf ein einziges Mal ausgedrückt. Doch fällt die Haltung Guilléns nicht mit jener der Eleaten zusammen. Die Anerkennung der Pracht des äußeren Seins genügt hier nicht. Der Dichter begreift und schildert sein Wirken. Tatsächlich ist ja das Sein das, was sich in der Außenwelt situiert. Es entwickelt sich allseits in Kurven, die sich in sich selbst wieder schließen; doch indem sie sich wieder schließen, umkreisen sie den Punkt, auf den ihre Wirkung konvergiert. Die Vollendung ist nicht eine statische. Es ist eine Strukturierung des auf ein Zentrum ausgerichteten Kosmos:

Und von leuchtenden
Sonnenstrahlen wird die
Wesenhafte Stadt umschlossen

Wie der Kreis kann das Zentrum selbst objektiv sein: ein Objekt inmitten eines Universums von Objekten. Dieses Objekt kann ein Baum sein, eine Stadt, eine Rose. Wie es die Rilkesche Rose gibt, so gibt es die Guillénsche Rose:

Alles ist Kuppel. Es liegt die Rose
Im Mittelpunkt, ohne zu wollen,
Ausgesetzt einer Sonne im Zenit

Eine Blume, die in der äußersten Verdichtung eines Objekts dargestellt wird, um das sich die Welt sanft schließt; doch wie wirklich und folglich anders als die rein geistigen Blumen eines Rilke! Eine physische Sonne zwingt der Rose ihre Wohltaten auf. Aus ihrer Umgebung erhält sie das zum Dasein Notwendige. Sie ist eine Mitte, die voll und ganz vom Wirken der Peripherie abhängt. – Auch erinnert hier nichts an die statischen Kombinationen der Mallarmé-Gedichte. Kein unerreichbares Azur mehr, auch kein Heimweh nach dem Azur. Der ganze Himmel wirkt hier zusammen, um der Rose die kostbarsten Gnaden zu spenden. Und die Rose, zugleich begierig und erfüllt, vertraut auf die Wiederholung der Gaben, die ihr geschenkt werden und die ihr Dasein und zugleich Sättigung und Ruhe verleihen.
Ein eigenartiger Bezug, der die übliche Richtung des Denkens umzukehren scheint. Wie? Es sprudelt also nicht mehr alles aus dem Innern hervor? Wie? Das Leben entsteht also nicht mehr in einem Zentrum, von dem aus es sich alsdann ausbreitet? Es werden also nicht mehr, vom Innern der Seele ausgehend wie bei Rilke (oder vom göttlichen Zentrum wie bei Eliot), eine ganze Reihe von Strahlen oder exzentrischen Kreisen den Raum umfassen? Im Gegenteil, bei Guillén wird der Raum konzentrisch durchzogen, und die wohltuenden Kräfte konvergieren zu einem Zentrum, um ihren Einfluß auf das Objekt auszurichten, in dem sich ihre Strahlen treffen. Im Unterschied zu aller ihm vorausgehenden Poesie findet Guillén so nicht nur den Sinn der umliegenden Fruchtbarkeit, der kosmischen Fülle, sondern durch einen sich daraus ergebenden Vorgang auch das Gefühl der Aufnahmefähigkeit, die glückliche Demut des Wesens, das sich entdeckt, reich beschenkt von einer prachtvoll leuchtenden Natur. Anstelle der bloßen Darstellung eines objektiven Zentrums tritt jetzt die Offenbarung eines zentralen Bewußtseins. Nicht mehr eine Blume, ein Baum, eine Stadt, sondern ich. Ich im Zentrum der Welt, ich, der ich die ganze Welt erhalte:

Mit ihrer Schöpfung umgibt
Mich die Luft. Göttlicher Zauberkreis!
Einer unaufhörlichen Schöpfung
− ich gehöre zur Luft – unterwerfe ich mich

Im Lichte vollende ich mich.
Dank der schönen Offenbarung
Bin ich dieser Erdball.
Es schwillt eine Lust
Ohne Ende…

aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaIch war es,
In jenem Augenblick gleichsam Mittelpunkt
Einer so großen Umwelt,
Der alles vollständig
Wie für einen Gott erschaffen sah

Nichts ist bei Guillén wichtiger als dieses späte Erscheinen des Selbstbewußtseins. Hier erhebt das Bewußtsein keineswegs den Anspruch darauf, die Macht des Denkens über den Raum und jene der Innerlichkeit über die Äußerlichkeit kundzutun. Es begnügt sich damit, das bewußte Subjekt an dem Punkt seinen Standort einnehmen zu lassen, wo es am vorteilhaftesten an den Gaben teilnimmt, die ein peripheres All im Überfluß ausbreitet. Nun ist dieser Punkt unverkennbar der Mittelpunkt. Das Zentrum ist recht eigentlich der Endpunkt. Nicht, wie es die Aristoteliker geglaubt hatten, der tiefste, und niedrigste Punkt des Alls; auch nicht, wie es die Platoniker geglaubt, der höchste und geistigste Punkt, sondern ganz einfach der Punkt, um den sich der Reichtum der Welt von sich aus verteilt. Doch ist jeder Ort des Raumes Mitte des Raumes, wie jeder Zeitmoment Mitte der Zeitdauer ist. Kein besonderes Vorrecht verschafft dem menschlichen Bewußtsein eine vorteilhafte Stellung; keine besondere Pflicht zwingt es, die Welt von einem ganz bestimmten Punkt aus wahrzunehmen. Wo immer auch es sich befindet, seine einzige Aufgabe besteht darin, an diesem Ort dem Geist die außergewöhnliche Konzentration von zeitlichen und räumlichen Wirklichkeiten sichtbar zu machen, die dort zusammenströmen. Dies kann man Guilléns Cogito nennen: Ich bin, aber ich bin durch die Gnade von Luft und Licht, durch die Offenbarung einer Welt, deren wundervolle Kugelgestalt sich in mir konzentriert, wie um mich der Wunsch anschwillt, die Kugel zu umspannen. Ich entdecke mich im Mittelpunkt der Dinge. Sie enden in mir, wie ich mich in ihnen ausweite:

O herrliches Zusammenwirken!

… die Gegenwart nimmt den Mittelpunkt ein
Einer so großen, so konkreten Unendlichkeit

Wenn die Geschichte des Kreises mit Parmenides beginnt, so kann man sie mit Guillén enden lassen. Beim einen wie beim andern ist der Kreis die Figur der Vollkommenheit des Seins.

 

 

 

Vorwort

Keine Form ist so ,vollendet‘ wie der Kreis; auch hat keine Form mehr Bestand. Der Kreis, den Euklid beschreibt, und der Kreis, den die moderne Mathematik verwendet, gleichen sich nicht nur, sondern sie sind identisch. Das Zifferblatt der Uhren und das Glücksrad überdauern die Zeit unversehrt, ohne von den Wechselfällen, die sie registrieren oder bestimmen, verändert zu werden. Will sich der Geist die Ausdehnung vorstellen, so läßt er stets eine gleiche Kurve um ein gleiches Zentrum kreisen. Ungeachtet des Durchmessers haben sich die Menschen immer desselben Zirkels bedient.
Die Form des Kreises ist also die dauerhafteste jener Formen, die uns eine Vorstellung von unserem geistigen und realen Standort gestatten; dank ihr können wir das, was uns umgibt, und das, womit wir uns umgeben, einordnen. Die Einfachheit, die Vollkommenheit und die ständig universelle Verwendung machen aus ihr die erste jener bevorzugten Formen, die sich im Hintergrund aller Anschauungen wiederfinden und die allen Geistern als Strukturprinzip dienen. Der Kunsthistoriker Focillon bemerkte hierzu: „Diese Formen, bestimmt mit kräftiger Klarheit und wie in hartes Material geprägt, durchziehen die Zeit, ohne von ihr berührt zu werden.“ Und er fügte bei: „Wandelbar ist die Art, wie sie von den Generationen, die einen verschiedenen Inhalt hineinlegen, interpretiert werden.“
Unter Metamorphosen des Kreises sind also hier nicht die Metamorphosen einer definitionsgemäß unwandelbaren Form zu verstehen, sondern die Bedeutungsänderungen, welche diese Form im menschlichen Geist stets neu erfährt. Diese Bedeutungsänderungen fallen zusammen mit dem Wandel der Vorstellungen der Menschen von ihrem Innersten, nämlich ihrem Verhältnis zum Drinnen und Draußen, dem Bewußtsein von Raum und Zeit. Einige dieser parallel verlaufenden Metamorphosen nachzuzeichnen ist der Gegenstand dieses Buches. Ein Buch, das ohne Zweifel more geometrico geschrieben wurde, doch nach einer ganz subjektiven Geometrie.

Inhalt

  1. Die Renaissance
  2. Die Barockzeitalter
  3. Pascal
  4. Das 18. Jahrhundert
  5. Rousseau
  6. Die Romantik
  7. Lamartine
  8. Balzac
  9. Vigny
  10. Nerval
  11. Edgar Allen Poe
  12. Amiel
  13. Flaubert
  14. Baudelaire
  15. Mallarmés „Prosa“
  16. Henry James
  17. Claudel
  18. Drei Dichter: Rilke, T.S. Eliot, Jorge Guillén

 

Fakten und Vermutungen zum Autor + Nachlass

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