Hilde Domin & Clemens Greve (Hrsg.): Nachkrieg und Unfrieden

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Hilde Domin & Clemens Greve (Hrsg.): Nachkrieg und Unfrieden

Domin & Greve (Hrsg.)-Nachkrieg und Unfrieden

SELBSTKRITIK

Meine Herausgeber wühlen in alten Texten
Manchmal wenn ich sie lese überläuft es mich kalt
aaaaaDas
Habe ich geschrieben IM BESITZ DER
aaaaaWAHRHEIT
Sechzig Jahre vor meinem mutmaßlichen Tod
Auf dem Bildschirm sehe ich meine Landsleute
Mit Händen und Füßen abstimmen gegen die Wahrheit
Die vor vierzig Jahren mein Besitz war
Welches Grab schützt mich vor meiner Jugend

Heiner Müller

 

 

Das politische Gedicht und die Öffentlichkeit

I. Die inhärenten Widersprüche dieses Versuchs 

Dies ist ein Buch, das sich zwischen alle Stühle setzt, zwischen die politischen und die methodischen, um einer Sache willen. Daher will ich mich an den Satz von Luther halten „pecca fortiter“, tue es kräftig.
Die Sache ist die der Dichtung, ihrer Existenzberechtigung heute. Die will ich nachweisen am ungeeignetsten Objekt: am politischen Gedicht, weil es die Politisierung ist, die der Literatur den Garaus zu machen droht, indem sie das Interesse der Lesenden wie der Schreibenden zunehmend monopolisiert. Denen, die ohnehin Gedichte lesen, braucht nicht bewiesen zu werden, daß sie es tun dürfen.
Wissend und ausdrücklich feststellend, daß alle Gedichte ihrer Natur nach „öffentlich“ sind, nämlich virulente: = „ansteckende“ Formulierung von Erfahrungsmodellen (sonst wären es überhaupt keine Gedichte, sondern Briefe, die Dritte nichts angehen), stelle ich hier nur öffentlichen Themen gewidmete Texte zur Diskussion: Das heißt, ich gebe der Erfahrung der politischen Wirklichkeit vor jeder andern Wirklichkeitserfahrung den Vorrang, wegen ihrer Beweiskraft für die, die vielleicht keine Gedichte mehr lesen wollen.
Gleichzeitig verlange ich von den Gedichten, die ich zusammenstelle, literarisches Niveau. Einfacher gesagt, daß sie noch Sprache sind und nicht Sprachleichen. Sonst wären sie reine Dokumente ohne Beweiskraft für Dichtung, um die es hier geht. Ich verlange also von den Gedichten, daß sie tun, was Gedichte zu tun vermögen: daß sie den Menschen im Leser mobilisieren. Im konkreten Fall, den politischen Menschen. Dabei darf nicht vergessen werden, daß jedes Gedicht, das im Leser (dem in ein Gefüge sozialer Erwartungen und Verpflichtungen eingespannten „Rollenmenschen“) das Ich von seiner Rolle befreit, ohne weiteres ein gesellschaftliches Faktum ist. Über diese allgemeine gesellschaftliche Funktion des Gedichts hinaus ist aber hier eine spezifische Relevanz nachgewiesen. Politische – oder doch „öffentlichen“ Themen gewidmete – Gedichte wurden in der Reihenfolge ihrer Entstehung abgedruckt, also so dicht wie möglich an die sie auslösenden Ereignisse herangerückt, so daß ihr Wirklichkeitsbezug über den Untersuchungszeitraum hin durchsichtig gemacht wurde. Auf diese Weise entstand eine Kurve des geistigen und politischen Bewußtseins der letzten 25 Jahre in der Bundesrepublik. Sind die Lyriker der Realität gerecht geworden, haben sie den Erwartungen, den Forderungen, den Enttäuschungen dieses Vierteljahrhunderts eine Stimme gegeben, die über die Zeitungsnotiz hinaus die Erfahrungen des Augenblicks akut und dringlich macht, so daß die res publica, die öffentliche Sache, zur Sache des einzelnen wird? Falls der Leser das mit „ja“ beantwortet, hat er zugleich auch eine Antwort gegeben auf die Frage Wozu Lyrik.

Die Paradoxie des Auswahlprinzips. Ent-geschichtlichung und Ent-literarisierunq durch Aktualisierung; der Modellcharakter des Gedichts
Daß eine so geplante Zusammenstellung methodische Probleme aufwerfen mußte, war zu erwarten. Zunächst einmal steht das thematische Kriterium im Widerspruch zu dem dialektischen Verständnis von Dichtung als einer Einheit von Form und Inhalt, die nur zwei Dimensionen derselben Sache darstellen. Methodisch noch widersprüchlicher wurde das Vorhaben dadurch, daß die Gedichte einen Bewußtseinsablauf verdeutlichen sollten, an dessen Formulierung sie nicht nur reaktiv, sondern auch aktiv mitgewirkt haben, und daß sie daher zunächst am geschichtlichen Vorgang wie an einer Schnur aufgereiht werden mußten. Wobei sie aber zugleich auch ihre Stimmkraft unter Beweis zu stellen hatten. Dadurch wurde die Auswahl nochmals konditioniert. So stand es z.B. dem Herausgeber nicht frei, zu jedem Ereignis, das als wichtig erschien, ein oder auch mehrere Gedichte zu bringen, wenn es eben keine stimmkräftigen Gedichte dazu gab. Es sei denn, er entscheide sich, eine reine Materialsammlung zu machen. Gerade das war nicht beabsichtigt. Eine Materialsammlung ist etwas Museales, die Texte werden Studiengegenstände. Objekte: und zwar zugleich der Geschichte und der Literaturgeschichte. [Zwei Materialsammlungen deutscher politischer Lyrik, auch ausdrücklich von den Herausgebern als solche gekennzeichnet, und beide ausschließlich dem Deutschlandproblem gewidmet, wurden letzthin vorgelegt: Kurt Morawietz, Deutsche Teilung. Lyriklesebuch aus Ost und West, Wiesbaden 1966, und Helmut Lamprecht. Deutschland, Deutschland. Politische Gedichte vom Vormärz bis zur Gegenwart, Bremen 1969.] Die Gedichte in diesem Buch sollen ja agieren: Sie sollen das Erfahrungsmodell im Leser akut machen. Dazu müssen sie heute, im Jahre 1970, noch assoziationsträchtig sein. Wo dies angestrebt ist, fallen all die Gedichte weg, die in einem bestimmten politischen Augenblick der Vergangenheit wirksam waren, aber heute nur in Beziehung auf diese historische Wirkung gelesen werden könnten. Also historisch wichtige, aber „verstaubte“ Gedichte. In andern Worten, es mußte von den Gedichten, die hier abgedruckt sind, verlangt werden, daß sie ihre historische Situation überdauert haben und heute noch exemplarisch sind. [Das muß wörtlich genommen werden, der sogenannte „Ewigkeitsanspruch“ ist dem Herausgeber nicht zu imputieren. „Wirksamkeit heute“, das ist eine Frage des Kriteriums, aber auch des Consensus. Die Auswahl wurde, nach Möglichkeit, gemeinsam von Autoren und Herausgebern getroffen, nach Grundsätzen, über die hier (wie auch schon in Wozu Lyrik heute. Dichtung und Leser in der gesteuerten Gesellschaft, München 1966) Rechenschaft abgelegt wird und die sich, was das politische Gedicht angeht, weitgehend mit denen von Enzensberger treffen (Poesie und Politik. In Einzelheiten, Frankfurt/M. 1962). Um des thematischen Ablaufs willen wurde eher zu großzügig als zu strikt verfahren.] Das heißt, daß sie aus ihrer Entstehungssituation eine Modellsituation gemacht haben, die dem Leser hilft, die eigene zu identifizieren. [Wobei zugegebenermaßen die letztgeschriebenen Gedichte die Zukunftsprobe noch vor sich haben. Ob sie sie bestehen oder ob sie schon verurteilt sind, im Augenblick sind sie „da“ und können mittun in diesem Buch. – Die einzige Konzession an „Vollständigkeit“ im literarhistorischen Sinne ist, überstrapaziert wie sie ist, die „Todesfuge“ (zusammen mit Bächlers „Die Erde bebt noch“). Daß sie ganz an den Anfang gehört, ein Jugendgedicht, wenngleich sie erst Mitte der 50er Jahre wirklich gelesen und geradezu exploitiert wurde, gibt ihr überdies einen geänderten Stellenwert.]
Durch die streng chronologische Abfolge politischer Gedichte, ein Vierteljahrhundert hindurch, eine Entwicklungskurve darzustellen, zugleich aber jeden Punkt dieser Kurve durch die Virulenz der Gedichte aus der Vergangenheit ins Heute zu bringen und damit Geschichte zu ent-geschichtlichen und Literatur zu ent-literarisieren, das scheint mir das Neuartige dieses mit methodischen Paradoxen jonglierenden Versuchs.
Warum nun ein Gedicht, das ein Erfahrungsmodell für den Leser zur Verfügung stellt, es zugleich zur Gegenwart macht, auch wenn die Erfahrung des Schreibenden datierbar und vergangen ist, das liegt in der Natur des Gedichts, das gestoppte Zeit ist, eingefrorener Augenblick, den jeder Leser für sich wieder ins Fließen, in sein Hier und Jetzt bringt, wobei der aktualisierbare Augenblick immer der des Lesenden ist, die eigene Erfahrungsspitze. Daher sind Gedichte, solange sie wirksam sind, und für den sie wirksam sind, aktuell: Gesprächspartner (besser: Selbstgesprächspartner). [Auch exemplarische Gedichte können, wie alle Kunst, vorübergehend in eine Eklipse geraten, in jene Zwischenzone, wo sie nicht mehr nah genug, aber auch noch nicht fern genug sind. Der Jugendstil, der gerade diese kritische Zone verläßt und für uns wieder sichtbar wird, ist ein gutes Beispiel dafür.] Und daher ist ein Gedicht geeignet, den Kern auch einer historisch-politischen Erfahrung, wie jeder anderen Erfahrung, bewußt und verletzend zu erhalten.

Demonstration zu einem Gedicht von Günter Eich aus dem Jahr 1950
Was hier über das Gedicht als virulentes Erfahrungsmodell gesagt ist, läßt sich nachprüfen: zum Beispiel an Günter Eichs „Wacht auf denn eure Träume sind schlecht“, einem Gedicht, dessen letzte Zeile in aller Munde ist („Seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt“), das als solches aber im Augenblick so wenig gegenwärtig ist, daß es für den Leser wieder neu ist.

Nein, schlaft nicht, während die Ordner der Welt geschäftig sind!
Seid mißtrauisch gegen die Macht, die sie vorgeben für euch erwerben zu müssen!
Wacht darüber, daß eure Herzen nicht leer sind, wenn mit der Leere eurer Herzen gerechnet wird!
Tut das Unnütze, singt die Lieder, die man aus eurem Mund nicht erwartet!
Seid unbequem, seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt!

Der Leser oder Zuhörer von 1950 – das Gedicht entstammt einem Hörspiel – hat bei diesem Aufruf gegen die Gleichgültigkeit des Herzens zweifellos den Vorwurf der eigenen Mitschuld an den Naziverbrechen gehört: als einen Stachel, sich zu ändern. Diesen Beiklang gehabter Versäumnisse, der dem Gedicht seinen besonderen Impetus gab, hat es 1970 verloren. Man kann das heute hinzulesen, wenn man will. Aber wenn es nur darum ginge, so wäre uns das Gedicht vermutlich egal, ganz sicher aber wäre es für uns nicht mehr als ein Schaufensterobjekt. Gerade das ist es nicht. Vielleicht scheint es in diesen zwanzig Jahren eher dringlicher geworden zu sein, es schreit uns geradezu an, auch die, die nichts von den Entstehungsumständen wissen. Die Brutalität dieses Augenblicks, die uns bedroht, hat ganz andere Züge. Es ist eine komplexe Situation, vielerlei Bedrohungen kommen heute zusammen, nicht jeder wird die gleiche Erfahrung in das Gedicht hineintragen wie sein Nebenmann. Aber den Aufruf, nicht mitschuldig zu werden durch Gleichgültigkeit, nicht „mitzufunktionieren“, den hört jeder ganz unmittelbar. Vielleicht stockt er ein wenig, wenn er so persönlich auf die „Leere des Herzens“ angesprochen wird, obwohl gerade das ihn bedrückt, jeden. Mehr am andern als an sich selbst, natürlich. Jeder fühlt sich isoliert, im Stich gelassen, ersetzbar. Der Imperativ ergeht hier an ihn: nicht an das Objekt Mensch, das im Stich gelassen und ersetzt wird, sondern an das Subjekt, das andere im Stich läßt und austauscht. Das Gedicht von Eich, wie jedes Gedicht, verwandelt den Leser, aus einem Objekt, in das Subjekt von Tun. Die Subjekt-Werdung stärkt seine Identität, er wird für einen Augenblick er selbst, also nicht mehr austauschbar. Und tauscht auch den andern nicht mehr ohne weiteres aus. Der Aneignungsprozeß des Gedichts bewirkt, durch den bloßen Vorgang dieser Aneignung, bereits, was dieser Text verlangt: Er schafft „Leere“ ab und ersetzt sie durch: ich, du, wir. Das ist das, was ich die „Mobilisierung des Menschen [Zum Begriff der „Mobilisierung des Menschen“ vgl. die metaphorischen Umschreibungen von H.M. Enzensberger in Kursbuch 20, 1970.] im Rollenmenschen“ nannte, etwas, das Lyrik tut.
Damit die „Herzen nicht leer sind“, dazu muß diese Leere benannt werden, aber sie ist so weit fortgeschritten, daß sie kaum mehr benennbar ist, und dadurch kann sie sich desto ungehinderter ausbreiten. Das ist ein dialektischer Prozeß, in negativer Progression. Dabei hat das „Benennen“ durch das virulente Wort des Lyrikers, das Identität steigert und Isolierung aufhebt, eine andere Wirksamkeit als die Diagnostizierung durch den Soziologen. Lyrik vermag etwas, unmittelbar: to unlearn hatred and to teach love. (Daß Auden diese Definition dessen, was Gedichte tun, in seiner letzten Ausgabe strich, gab mit Recht große Aufregung in England. Auch Eich würde heute schwerlich von „leeren Herzen“ zu schreiben wagen.) Auf jeden Fall ist es gerade diese unerträglich wachsende „Leere des Herzens“ („Entfremdung, Isolierung, Identitätsverlust“, auf soziologisch), die zum Aufbruch der jungen Generation geführt hat: zu den Hippies (make love not war) wie, ursprünglich, zur Protestbewegung der Studenten. Man ängstigt sich zu denken, unter welchen Umständen Eichs Aufruf gegen das „Mitfunktionieren“ im nächsten Jahrzehnt noch gelesen werden könnte und wie die Wirklichkeit aussehen wird, deren sich spätere Leser des Gedichts bei seiner Lektüre zu schämen haben.
Wenn hier von einem Erfahrungsmuster die Rede ist, dem sich immer neue Wirklichkeitserfahrungen einpassen, also einer Kernerfahrung, so könnte dieser Begriff sehr wohl durch eine Metapher Majakowskis verdeutlicht werden, wenngleich die suggestive Metapher hinter der Genauigkeit theoretischer Analyse zurückbleibt. „… wie bis zum heutigen Tag / die Wasserleitungsbauten Roms noch stehn und Wasser leiten“. sagt Majakowski von der Zukunft des Gedichts („Mit aller Stimmkraft“. 1930). Auf jeden Fall hängt die Aktivierung eines Erfahrungsmodells immer davon ab, daß der Leser sich einer vergleichbaren Wirklichkeit gegenübergestellt sieht, in der er das Gedicht „brauchen“ kann, oder auch will (Gedichte werden ge– aber nicht verbraucht, ganz wie sie „angeeignet“, aber nicht wie anderes Eigentum behalten werden, im Gegenteil, sie gedeihen durch Benutzung, sind also keinesfalls Konsumgüter).

Politische Bandbreite und „blind spots“
Bei engagierten Gedichten ist naturgemäß nur nachvollziehbar, was dem eigenen politischen Engagement entspricht oder doch nicht ganz zuwiderläuft. Deswegen erhöhen und aktivieren Gedichte Bewußtsein, in andern Worten, sie machen aus Indifferenten Verantwortliche. Und das ist die Hauptsache. Im Gegner können sie immer nur das anreden, was ihnen zugewandt ist. Da es sich hier nicht um ein gleichgeschaltetes politisches Lesebuch für eine politisch gleichgeschaltete Leserschaft handelt, sondern um ein „pluralistisches“ [Das Wort „pluralistisch“ verliert gerade den positiven Beiklang und kommt als Schimpfwort für „antitotalitär“ in Mode. Es wird hier mit Absicht wertneutral gebraucht.] und demokratisches Buch, das, zumindest der Absicht nach, „Index“ einer Gesamtentwicklung sein will, wird der Leser je nach seiner politischen Stellung einen Teil der Gedichte nachvollziehen, einen Teil als Dokument lesen oder auch heftig ablehnen. Diese Reaktion wird sich, je näher er an die Gegenwart kommt, um so stärker polarisieren, wie es der zunehmenden politischen Polarisierung der letzten Jahre entspricht, die diese Gedichte spiegeln und dem Strukturprinzip des Buches nach auch spiegeln müssen.
Dabei ist auffallend, daß die politische Bandbreite nur von der Mitte, einer linksliberalen Mitte, heute kurz „scheißliberal“ genannt, bis linksaußen reicht, daß also konservativere Texte so gut wie gar nicht enthalten sind. Wird es dem Leser überhaupt „auffallen“? Es ist einfach eine Tatsache, an die ein politisch interessierter Leser gewohnt ist. „Mangels Rechtsintellektueller gibt es heute keine Linksintellektuellen. Intellektuelle sind ohne weiteres links, so wie die Löwen Fleischfresser sind“, schreibt ein so wenig des Linksradikalismus verdächtiger Autor wie der Direktor des Goethe-Instituts. [Werner Roß, „Machtergreifung der Redakteure“, Die Zeit, 26.2.1970.] Da politische Gedichte immer zugleich kritisch, Analyse einer Situation sind, ist der politisch engagierte Lyriker, mehr als z.B. der Naturlyriker, immer auch ein Intellektueller, das liegt in der Natur der Sache. Insofern ist auch nicht anzunehmen, daß rechte Gedichte nur kein Forum hätten und irgendwo in den Schubladen liegen, sie sind vielmehr in diesem Zeitabschnitt bei uns nicht geschrieben worden. Und da keine Erwartung dieser Art bei der Leserschaft besteht, werden sie auch kaum vermißt werden. [Eine Umfrage bei Germanisten, Schriftstellern und Bibliothekaren ergab ein einmütiges Resultat, das sich auch an den oben genannten Materialsammlungen nachprüfen läßt, die neuere reaktionäre Texte mit spürbarer Mühe zusammengekratzt haben (für die Periode 1933/45 ist, wie zu erwarten, die Gegenüberstellung bei Lamprecht, wenn auch nicht literarisch, so doch dokumentarisch von Interesse).]
Was nicht heißt, daß der Herausgeber nicht das allgemeine Mißfallen und den Tadel beider Lager auf sich ziehen wird: Die einen werden ihm vorwerfen, daß er zu viele zu linke Stimmen zu Wort kommen läßt, welche – so höre ich schon sagen – ohnehin zu sehr das Bild der Bundesrepublik bestimmen: eben der Grund, aus dem sie in einen „Index“ wie diesen aufgenommen werden mußten. Die extreme Linke dagegen wird ihn als „scheißliberal“ beschimpfen (von beidem gab bereits die Redaktionsarbeit einen ersten Vorgeschmack).
Ferner kann man diesem Buch die „blind spots“ vorrechnen: Das sollte man unbedingt auch tun. Denn diese „blind spots“: das, was akut genug wurde, um Anlaß zum Gedicht zu werden, und das, was nicht akut wurde, sind ein wichtiger Index der Situation. Trotz aller Mühe ist es nicht gelungen, diese Leerstellen im Rahmen des einmal gestellten Auswahlprinzips zu füllen. Eine solche Leerstelle ist z.B. das Thema Biafra. Wenig ist da zum Ungarnaufstand [Kultur brachte eine Sondernummer, herausgegeben von Hans Josef Mundt und Hans Werner Richter, in der auch einige Gedichte abgedruckt waren, darunter eines von Werner Helwig („Freunde, befleckt nicht fürderhin unsere Tage“) und eines von Nossack, ursprünglich für die Verfolgten des Dritten Reiches geschrieben und neu veröffentlicht („Zur Nacht, weil alle Menschen schliefen, / rief da ein Mann? O wie er rief…“). Der Hanser Verlag brachte eine Sammlung ungarischer Autoren.] – sei es dafür oder dagegen –, zum Mauerbau oder zum Tod an der Mauer, zur Tschechoslowakei. [Als Dokumente interessant sind die beiden widersprüchlichen Gedichte von O. Behnssen und W. Brannasky in Kürbiskern 1, 1969. Am Ende der Nummer ist folgerichtig der Austritt von Redaktionsmitgliedern angekündigt.] Ein einziges Gedicht zum Kennedy-Mord. Um nur einige der leeren Stellen zu benennen.
Zumindest sagt das etwas aus über die Legitimierung von Themen. Erschwert wird das Ablesen einer solchen „Skala“ weiterhin durch nur den Eingeweihten bekannte Interferenzen: z.B. dadurch, daß ein zunächst offenbar starkes und auch legitimes Thema plötzlich dem Vorwurf der Ästhetisierung ausgesetzt ist und aus der Literatur zurückgenommen wird, wie es nach 1966 mit dem Vietnamthema geschah. [Diese Bemerkung ist Walter Höllerer verdankt. Nur Erich Fried scheint dem Thema als eine Art lyrischer Chronist unentwegt treu geblieben zu sein.] Die Intellektuellen sind ja in einem immerwährenden, zumindest indirekten Gespräch miteinander, als Bediener und Nutznießer ein und desselben Kommunikationsapparats. Mit andern Worten, die „blind spots“ sind nur eine Probe aufs Exempel dafür, daß die politische Bandbreite eine relativ begrenzte ist, wobei innerhalb der Gesamtgruppierung einzelne Gruppen über stärkere Druckmittel verfügen als andere. [All dies gilt nicht für Außenseiter, die am Kommunikationsapparat so gut wie nicht teilhaben und außerhalb des „Spiels der Eingeweihten“ stehen, so wenig wie für neu auftauchende, vorläufig außenstehende Autoren, die insider werden können oder auch nicht. Mehrere solcher Einzelgänger sind hier aufgenommen, im Versuch, das Buch innerhalb der gegebenen Grenzen so vielfältig wie möglich zu machen.]

Das anti-poetische Prinzip der Entstehungsinformation durch den Autor
Im übrigen geben die Autoren hier selbst Auskunft über die Chronologie und Motivation ihrer Texte: ein an sich antipoetisches Verfahren. [Einzelne Autoren hatten Widerwillen dagegen. Dieser Widerwille war spürbar kleiner als der, den manche gegen das Ansinnen der Selbstinterpretation bei den Doppelinterpretationen hatten. Fakten, soweit erinnert, wurden mit einer gewissen Großzügigkeit angeboten, zum Teil wohl, weil die Gedichte so weit zurücklagen, daß die Autoren gerne zum Dokumentcharakter beitrugen, d.h., sich selbst in historischer Perspektive zu sehen beginnen. Bachmann und Eich z.B. gaben diesmal ohne weiteres Auskunft. – Erich Fried schrieb hierzu: „Dichter haben selten Inspirations-Archive angelegt. Interessant, daß die Tendenz dazu heute größer wird.“] bei dem Gedichte; nachdem sie es glücklich geschafft haben (denn sonst stünden sie, mit Ausnahme der neuesten, gar nicht in diesem Buch), sich vom Augenblick der Entstehung zu lösen und ins Exemplarische zu gelangen, zurückgeholt und an die konkreten Umstände, deren Aufhebung sie sind, gleichsam wieder angebunden werden. Durch diesen methodischen Dressurakt an lebendigen Texten (lebendig = multivalent) wird dem Leser vor Augen geführt, daß es sich bei der Arbeit mit Sprache um einen veritablen Verwandlungsprozeß von Wirklichkeit in den Wirklichkeitskern, das vom Zufall befreite Modell handelt. Dabei wird das aneignende Lesen ihm momentan gestört, auf ähnliche Weise, wie es ihm auch vorübergehend suspendiert wird durch Interpretieren: durch die analysierende Rückverwandlung des Gedichts in den Prozeß seiner Entstehung durch Worte. (Für den Herausgeber des vertrackten Buchs ergab sich, daß er bis zum Redaktionsschluß bei jedem neuen Autorenbrief die Reihenfolge des Ganzen ändern mußte, wobei dann häufig die Gedichte sich überraschend gut in ihr historisches habitat einfügten.) Das mindeste, was der Leser mitbekommt, ist, daß die Lyriker nicht in Wolkenkuckucksheim leben, daß sie auf dem gleichen Boden gehen, auf dem er sich bewegt. Daß sie aber häufig schon früher da waren als er selbst, daß sie bessere Antennen hatten. Auch daß es z.B. in der Lyrik nicht, wie im staatsbürgerlichen Alltag, eine Zeit des „Ohne mich“ gegeben hat. Vielmehr sieht er sich vor einem beeindruckenden Kontinuum von 25 Jahren, wie es auch der Herausgeber keineswegs erwartet hatte. Als dies Buch noch nicht mehr als ein Plan war, dachten alle, es werde sich herausstellen, daß das Politische nur in Schüben interessiert habe. Daß es ab 1960, und später ab 1965, zunehmen würde, das war vorauszusehen. [Daß die proportionale Zunahme der späteren gegenüber den früheren Texten mit dem Computer errechenbar wäre, ist nur bedingt richtig, obwohl naturgemäß nur ein gewisser Prozentsatz von Gedichten über die Runden kommt. Es stand in den späteren Jahren eine objektiv größere Auswahl von politischen Texten zur Verfügung.] Der warnende Ruf „Alles, was geschieht, geht dich an“ ist aber seit 1950, seit Günter Eich ihn beim Ausbruch des Koreakrieges das erste Mal erhob, nicht wieder abgerissen, und das ist ein Memento. Niemand wird sagen können, daß die Unruhe, die wir heute miterleben, von nirgendwoher kommt.
Dabei bleibt dem Autor, wie jedem Leser, unbenommen, die eigene Position zu revidieren. Und mancher hat die Gelegenheit eines Kommentars benutzt, sich demonstrativ von dem eigenen Gedicht oder sogar von der Dichtung loszusagen. [Radikal nur Peter Hamm, der auch sein Gedicht wieder zurückzog, „sich schämt“, Gedichte geschrieben zu haben. Enzensberger will seine Erklärung, „der isolierte Franctireur von damals [der Verfasser des Gedichts „bildzeitung“, 1955], der unverdrossen gegen den Wind geredet“, habe „ausgelitten“, nicht grundsätzlich verstanden wissen. Immerhin hat er mit dem Bekenntnis, daß er bei den Berliner Demonstrationen „kein Einzelner mehr“ war und „keine Gedichtbände in der Hand hatte, sondern Analysen und Steine“, den Wunsch seiner alten Gegner nahezu erfüllt (Sieburg und Holthusen): „Sollen die Unterzeichner solcher Manifeste doch auf die Barrikaden gehen“, etwas, wogegen er sich noch 1960 mit aller Kraft sträubte. Man wolle, schrieb er damals, die literarische Opposition „wenn schon nicht von der Opposition, so doch von der Literatur abbringen. Ach, müßte das schön sein, wenn die lästigen Schreihälse endlich den Federhalter mit der Flinte vertauschten… Im Nu wäre ihnen das Handwerk gelegt“ (Die literarische Regierungspartei, 1960, „Einzelheiten“). Im Gegensatz zu Enzensberger sprach Erich Fried sich dahin aus, daß Gedichte als „Verhaltensmuster“ auch weiterhin politisch relevant seien. Auch jüngere Autoren äußerten sich zuversichtlich zur Möglichkeit und auch Notwendigkeit des Schreibens von Gedichten, so Uwe Herms (geb. 1937), daß „die Zeit, wo Gedichten die Berechtigung abgesprochen“ werde, „doch vorbeizugehen“ scheine. Ingeborg Bachmann sagte zum Thema genau zwei Worte: „Gedichte überstehen.“] Das mindert in keiner Weise den exemplarischen Wert seines Gedichts für Dritte.

Das Gedicht als Gebrauchsgegenstand und seine Benutzung – Ist das Gedicht „demokratisch“?
Ein Gedicht gehört nicht dem Autor, sondern den Lesern. Die Wirklichkeit, auch die aufregendste, wird durch die Reduzierung auf ihren Modellcharakter – das ist ein kritischer Vorgang – und durch ihre Verwandlung in das virulente „Modell aus Worten“ – das ist ein kreativer Vorgang – zugleich objektiviert und „bewältigt“: Das ist ein befreiender Akt des Autors, der eine unbegrenzte Zahl entsprechender Befreiungen anderer nach sich zieht, solange das Gedicht virulent bleibt. Insofern – und nur insofern – ist, wenn man das heute so viel mißbrauchte Wort versuchsweise hierfür benutzen will, das Gedicht auch etwas „Demokratisches“. Das Gedicht gehört jedem, der in eine entsprechende Grundsituation gerät. Und zwar seiner Natur nach. Es war, in diesem Sinne, immer „offen“: für die Erweiterung und Modifizierung durch neue Assoziationen. Dadurch wird es das Gedicht des Lesers (auch der Leser anderer Zeiten und anderer Länder), der seinerseits deswegen durchaus nicht fähig zu sein brauchte, Gedichte, also virulente Wortmodelle, herzustellen. Das zu verlangen, hieße die Arbeitsteilung rückgängig machen: eine durch und durch romantische, reaktionäre Vorstellung von Demokratisierung. Schon der Gebrauch einer Maschine erfordert eine gewisse Übung – ganz wie der Gebrauch eines Gedichts. Man muß Autofahren lernen. Man kann das lernen. Deswegen wird nicht jeder ein Auto basteln, und noch weniger wird er bessere Modelle erfinden, ein „blue-print“ entwerfen wollen. Beim Auto ist das klar. Bei der Sprache sollte es zumindest ebenso klar sein. [Mit der Gesellschaftsordnung hat eine solche Forderung nichts zu tun. Marx würde sich im Grabe umdrehen, wenn man ihm statt des „Jeder nach seinen Fähigkeiten“ ein superabstraktes „Jedem jede Fähigkeit“ unterschöbe. Nicht weniger sachfremd ist die im gleichen Atem erhobene Forderung, bei dem durch jeden Leser machbaren „demokratisierten“ Gedicht solle möglichst „nichts mehr zwischen den Zeilen“ stehen, was vermutlich mit der Forderung nach Genauigkeit verwechselt wird. Gedichte haben „genau“ zu sein. Aber es steht immer etwas zwischen den Zeilen, und sogar zwischen den Worten ist ein Leerraum. das ist unvermeidlich. Jedes Wort hat Bedeutungshöfe, horizontale wie vertikale. Daß es Wortkern und Wortperipherie gibt, macht es möglich, daß aus Worten Wirklichkeitsmodelle zusammengesetzt werden können, innerhalb derer die Worte zwischen ihren Assoziationsmöglichkeiten Schwingungsraum haben. Sonst würden Gedichte nicht „benutzbar“ sein, von Dritten, sondern tot. Wortkerne sind geeignet, Erfahrungskerne darzustellen. Hierher gehört der von mir geprägte Begriff der „unspezifischen Genauigkeit“.] Das Stichwort für die Benutzung des Gedichts, dieser Zeit-„Konserve“, heißt „Grundsituation“: War der Autor in einer Situation, die so privilegiert war, daß nur eine kleine (sozial bestimmte) Schicht der Leser sich in seinem Modell wiedererkennen könnte? Das war der Autor dieses letzten halben Jahrhunderts nur selten, und er wird es immer seltener sein. Diese – unaufhaltsame – Entwicklung hat insofern ihr Gutes, als der unprivilegierte Autor, sofern er überhaupt die Kraft zur Formulierung bewahrt, Erfahrungen formulieren wird, die für einen immer größeren Kreis von Menschen, Zeitgenossen und künftige Zeitgenossen, nachvollziehbar sind. (Soweit das Gedicht aber nur Kernerfahrungen, eben „Muster“ formuliert, ist die Chance weitgehender Identifizierbarkeit grundsätzlich ohnehin gesichert. Wir identifizieren uns ja mühelos mit Gedichten, die in fernen Zeiten oder fernen Ländern unter ganz anderen Lebensumständen geschrieben wurden.)
Das Gedicht, das, wie wir feststellten, immer „offen“ war, ist eben heute nur demonstrativ offener geworden. (Das sind Akzentverschiebungen, so wie wir heute mehr auf der Unvereinbarkeit des Vereinigten, frühere Jahrhunderte mehr auf der Vereinigung des Unvereinbaren insistiert haben. Ihnen kam es mehr auf die Harmonie an, so wie es uns um das Paradox geht.) Wenn heute auf Ausstellungen Objekte sich dem Publikum zur Behandlung anbieten, Pflöcke von einer Seite auf die andere geschlagen werden können, wozu ein Hammer neben der Holzplatte liegt, so wird nur ein Vorgang handfest ins Mechanische umgesetzt, der weniger sichtbar, aber unzweifelhaft das A und O aller Kunst ist: die aktive Aneignung seitens des „Gebrauchers“, Lesers, Hörers etc. Dabei wird der Vorgang, in dieser äußersten Simplifizierung und Verdeutlichung, zugleich seines Sinnes entleert und widerlegt, das liegt in der Dialektik der Sache. Jeder sieht enttäuscht, daß er nichts getan hat, wenn der Pflock auf der anderen Seite ist. Befreiung vom Einzel-Ich und vom Funktionszwang, wie sie sonst durch das Aktivwerden des Benutzers von Kunst, durch aktive Aneignung, statthat, vollzieht sich gerade nicht. Vielmehr wird hier die mechanisierte Aneignung wie der Aneignende durch sein eigenes Tun verspottet: Er widerlegt zugleich das Objekt und sich selbst, den es benutzenden Betrachter. (Nicht anders ist es z.B. bei aus Telephonbüchern oder sonstigen Sachtexten montierten Poèmes trouvés [Das poème trouvé (wie das objet trouvé, der vorgefundene und für den Betrachter isolierte resp. in neue Bezüge gesetzte Gegenstand) macht, wie Bienek es ausdrückte, „auf die Poesie der Wirklichkeit aufmerksam“, sei daher etwas „Didaktisches“. Nicht zufällig hat Bienek, Gegner der „Konkreten“, das ausprobiert und auch so perfekt durchgeführt, daß es als Verfahren zugleich dargestellt und erledigt, im Sinne einer erledigten Aufgabe, ist. Das Verfahren unterscheidet sich von dem üblichen, gestaltenden Umgang mit Sprache dadurch, daß es nicht auf die kleinste Einheit, das Wort, zurückgeht, das in immer neue Kontexte gestellt wird (Variante) und dadurch Sprache frisch hält, sondern daß es mit größeren, bereits geprägten, also „vorgefundenen“ Wortverbindungen als festen Bestandteilen arbeitet, diese durch Addierung oder Kontrastierung zueineinander in Beziehung setzt. Es ist das dem sogenannten „konkreten“ Dichter am meisten entgegengesetzte Verfahren: Dieser geht nicht auf das Wort zurück, daß er aus den abgebrauchten Kontexten löst und in neue stellt, sondern er löst das Wort noch auf in die Silbe oder in den Buchstaben und arbeitet mit diesen Mindestpartikeln: ein ins Extrem vorgeschobener Gestaltungsprozeß. (Wie sehr das poème trouvé, wenn das Rezept einmal vorexerziert ist, sich zur Karikatur im Sinne einer Abiturzeitung eignet, dazu vergleiche das aus den Überschriften von Schulanthologien zusammengesetzte, amüsante poème trouvé „Morgenrot. Lyrische Signaturen“, in Tintenfisch 3, Berlin 1970)] [Bienek, auch Handke]. Sie sind ein Jux, den sich der Autor mit sich selbst, mit der Kunstform und mit dem naiven Benutzer dieser Kunstform erlaubt: ein gelegentliches Spiel für sich selbst relativierende Spielende. Als Spiel für alle, doppelt untauglich. Und so schnell langweilig wie der Holzhammer.)
Durch die Aneignung des Erfahrungsmodells wird der Leser nicht nur Subjekt, objektiviert er nicht nur seine Erfahrung und wird so ihrer Herr. Sondern darüber hinaus versteht er sich als Teil eines Erfahrungsmusters. und zwar sowohl kritisch wie emotional. Sobald in seinem Sonderfall das Allgemeine deutlich wird, hört er auf, ein einzelner zu sein, wird erlöst von der Isolierung, die, neben der Verdinglichung, eine der Plagen unserer Gesellschaft ist. Er kommuniziert. [Hierin beruht auch, was neuerdings gelegentlich in tadelndem Tone vorgeworfen wird: der Trost der Kunst. Trost wird als aktionsfeindlich abqualifiziert. Als ob Verzweiflung oder Isolierung erhaltenswerte Zustände seien, weil Verzweifelte leichter manipulierbar sind. Eine derartige Argumentation erinnert an Wahlmanöver und ist auf jeden Fall auf der Suche nicht nach Menschen, sondern nach Objekten.] Während der Autor, ganz im Gegenteil, ein „isolierter Franctireur“ bleibt, „der unverdrossen gegen den Wind redet“ (Enzensberger) und der gerade aus dieser Isolierung und dem Bewußtsein dieser Isolierung immer neu Musterhaftigkeit virulent macht, für die andern, für ihn selber hält das nicht vor. [So daß Enzensberger nicht der erste ist, der die Kommunikation, die „Enteinzelung“, auf den Barrikaden erfährt. Auch Auden hatte in den 30er Jahren solche Anwandlungen. (Enzensbergers paradoxe Formulierung „Analysen und Steine“ entspricht allerdings nicht dem von der Soziologie definierten Massenverhalten.) – Anders, rein artistisch, ist Bretons Verherrlichung der Barrikaden zu werten. In diesem Falle wird Aktion ästhetisiert: „Die einfachste surrealistische Tat besteht darin, mit Revolvern auf die Straße zu gehen und so lange wie möglich blind in die Menge zu schießen“ („Second Manifeste du Surréalisme“, 1930). Zu diesem ganzen Fragenkomplex vgl. Karl Heinz Bohrer, Die gefährdete Phantasie oder Surrealismus und Terror, München 1970.] Der Autor ist „fertig“ mit seinem Gedicht, in jedem Sinne des Worts. Nur selten wird es erneut verfügbar für ihn, wie für Dritte. Es bleibt aber ein Markstein seiner eigenen Biographie, er kann es darauf befragen, ob er noch der gleiche ist, der es geschrieben hat, sei es, daß er sich von seinen früheren Arbeitsprinzipien oder von seiner damaligen Bewußtseinslage distanziert. Der Autor ist immer unterwegs, sonst hörte er auf zu schreiben. Was mit dem Autor passiert, das geht den Leser im Grunde nichts an, soweit er das Gedicht, das sich ja vom Autor gelöst hat – sonst wäre es keines –, zur Objektivierung und Intensivierung seiner eigenen Erfahrung gebrauchen kann. Weswegen der Leser, nachdem er den Kommentar des Autors zur Kenntnis genommen hat, den Text voll zu Wort kommen lassen muß, wobei er die gelieferte Information nur „mitliest“: indem er sie zwar weiß, aber gleichzeitig vergißt, so daß sie nur noch zu einer Variante des eigenen Lesevorgangs wird. [Was der Autor über die Sachinformation hinaus an Persönlichstem beisteuert, z.B. ob er noch gerne Gedichte schreibt oder nicht, das ist als vertraulich zu behandeln, hat nichts mit dem Text zu tun.] (Ganz wie nach einer Formanalyse, die sich ja auch von der Lektüre unterscheidet.) Dem Leser wird also hier ein bewußt paradoxes Verhalten zugemutet, wie Kunst es im Grunde immer verlangt: Die Schizophrenie des Nähe/Ferne-Verhältnisses muß in den qualifizierten Aneignungsprozeß bewußt hineingenommen werden.

Die Beschränkung auf den Wirklichkeitssektor als Untersuchungsgegenstand
An diesem Punkte bedarf es wohl kaum noch einer Erklärung dafür, daß diese Anthologie, im Gegensatz zu allen mir bekannten Nachkriegsanthologien, sich grundsätzlich auf die Lyriker der Bundesrepublik beschränkt und Österreich, die Schweiz und auch die DDR ausklammert. [Die bereits erwähnten Sammlungen von Morawietz und Lamprecht haben es naturgemäß zu einem besonderen Programmpunkt gemacht, Stimmen aus beiden deutschen Staaten zum Thema Deutschland zu sammeln, während die Anthologien üblicherweise den deutschen Sprachraum als ein Ganzes bearbeiten (so auch Domin, Doppelinterpretationen, Frankfurt/M. 1966)]. Wer auf die Relation von Lyrik und politischer Wirklichkeit abstellt, muß seinen Untersuchungsgegenstand wie ein Naturwissenschaftler isolieren. Er kann es nicht machen wie jener Bauer, der mit einer Literflasche Urin in die Apotheke kam und verlangte, man solle den „Familienurin“ untersuchen.
Dabei ist die Abgrenzung eine relative: Die in der Bundesrepublik lebenden oder ihrer Nachkriegsliteratur untrennbar verbundenen Österreicher z.B., und das sind viele, sind miteinbezogen, wie es anders ganz undenkbar wäre (Bachman, Celan, Fried, Handke). Miteinbezogen ist sogar der Grieche Tsakiridis, allerdings in einer uns alle angehenden Sache, seinem Ausweisungsprozeß. Ebenso sind diejenigen Lyriker, die aus der DDR in den Westen gekommen sind und jetzt teilnehmen an unserer politischen Bewußtseinsbildung, vertreten, und zwar konsequenterweise mit Texten, die sie seither geschrieben haben und die sich ja auch deutlich von den vorher entstandenen unterscheiden.
Wir stehen aber mit der DDR in einer anderen Art dialektischer Wechselwirkung als mit den übrigen deutschsprachigen Ländern: Die Auseinandersetzung mit ihr ist ein Teil unserer politischen und ganz bestimmt auch unserer intellektuellen Szene. Dabei ist die Wirkung der Lyriker, selbst von so bedeutenden wie Huchel und Bobrowski oder auch Kunert, und sogar Biermanns Liedern, vergleichsweise gering neben einem Einfluß wie dem von Uwe Johnson (bei seinem Auftauchen) oder gar von Ernst Bloch, von Brecht ganz zu schweigen, der Benn als Modell verdrängt hat und seit gut einem Jahrzehnt in der westdeutschen Lyrik den Ton angibt. So ist die DDR, die wir um der Präzision der Untersuchung willen ausgeklammert hatten, doch gleichzeitig „drinnen“, als integrierender Teil unserer eigenen Entwicklung.

Die Schwierigkeiten der Titelfindung als Index unserer Lage 1970
Diese widersprüchliche Lage erschwerte die Titelfindung für das Buch. „Gedichte als Index“? Das Adjektiv „deutsch“ hätte den Wirklichkeitssektor falsch definiert, überdies fatal nach „Alleinvertretungsanspruch“ gerochen. Auf „bundesdeutsch“ wie auf „westdeutsch“ reagierten alle Befragten allergisch, als könne wohl die Wirklichkeit, nicht aber ein Buchtitel einen solchen Schönheitsfehler haben. Der Ausweg, auf das Adjektiv „deutsch“ in all seinen möglichen Abwandlungen ganz zu verzichten, hatte die sofortige Zustimmung aller. Selbst berufsmäßigen „Benennern“ – wenn Lyriker das sind, und was wären sie sonst, wenn nicht zunächst das? – fiel kein brauchbares Adjektiv ein, um diesen Index der letzten fünfundzwanzig Jahre als den „unsern“ kenntlich zu machen. Aber gerade das Dilemma dieses wie eine Obszönität verschwiegenen Adjektivs (auch das ein blind spot) macht ihn symptomatisch zu dem unsern.
Auch die Untersuchungsperiode, dies Vierteljahrhundert seit Kriegsende, widerstrebte der Benennung. „Nachkrieg“? Der ist spätestens seit 1965 vorbei: das einzige, worin die Linke und Erhard übereinstimmen. Als „Friede“ läßt sich diese Periode, trotz der Abwesenheit von Kriegshandlungen in Mitteleuropa, kaum bezeichnen. [„Gefragt, ein Gedicht vom Frieden zu schreiben / schäme ich mich für die Frager. / Leben sie sonstwo?“ schreibt Dorothea Sölle (Meditationen und Gebrauchstexte. Berlin 1969). „Frieden ist mehr als bloß, daß da kein Krieg ist…; / im Frieden erst tritt, seiner Fesseln ledig, / der mehr als vielgewaltige Riese Menschheit / den Dienst bei seinem Herrn, dem Menschen an.“ heißt das bei Peter Hacks (zitiert nach Lamprecht, a.a.O.), in jenem großen Schillerschen Ton, den sich manchmal Autoren in der DDR leisten: „Und unserer Bilder Wirkung ruft sie näher“, fährt er mit einer Geste rhetorischer Zuversicht fort, die allem, was in diesem Band steht, unähnlich ist.] „Unfrieden“, sagte jemand, „nennen Sie es doch Unfrieden.“ Plötzlich präsentierte sich dieses Junctim, Nachkrieg und Unfrieden, das sich erst nachträglich als beklemmend zeitgemäße Umformulierung des Tolstoischen erwies.
Der Titel war vor dem Buch, wie das Nachwort nach dem Buch ist. Inzwischen steht fest: Paradigmatischer konnte es nicht benannt werden. Was ursprünglich als Verteidigung der Lyrik, als Eingreifen in eine laufende und täglich aussichtslosere Debatte um ihre Existenzberechtigung geplant wurde, ist im dialektischen Umschlag zu einem eminent politischen Buch geworden, das die stilleren Ufer der Poesie verläßt und sich in den Strom dieses antiliterarischen und antihistorischen Augenblicks wirft, um auf diesem Strom gegen ihn zu schwimmen: von Paradox zu Paradox.
Bei dieser tour de force zur Verteidigung der Dichtung, als pfiffe sie aus dem letzten Loch, als könne sie je aufs letzte Loch kommen – außer der Funktionszwang mache buchstäblich aus uns ferngesteuerte Roboter –, ist es interessant, sich vor Augen zu halten, wie kurz es erst her ist, knappe 15 Jahre, daß Wolfgang Weyrauch, in einem „Katechismus dem deutschen Sortiment aufgesagt“, einem getippten Zettel, der seinem Buch Gesang um nicht zu sterben, 1956, beilag, sich aufregte über die Buchhändler, „die für Lorca und Prévert sind, weil der eine ein Spanier, der andere ein Franzose ist, und die gegen Marie Luise Kaschnitz und Günter Eich sind, weil sie in deutscher Sprache schreiben“, und beschwörend mitteilt: „Gedichte müssen sein. … Es ist nicht wahr, daß die deutschen Leser gegen Gedichte sind.“

II. Die Re-Ideologisierung, seit 1965 – Die Abkehr von der Literatur zur Politik – Thematische Programmierung als Existenzgefährdung der Lyrik

In den letzten Jahren, spätestens seit 1965/66, mit der zunehmenden Re-Ideologisierung – Ideologie war vor kurzem noch ein Schimpfwort, wir waren stolz darauf, ideologiefrei zu sein –, begann Politik die Literatur und mehr als alles die Lyrik enger und enger in die Zange zu nehmen. Und zwar von innen und von außen. Einerseits, indem das Interesse sich von Literatur ab- und der politischen Diskussion (und Agitation) zugewandt hat. Andrerseits, indem Politik als Thema, geradezu als Pflichtübung, die Lyrik von innen her aushöhlt: weil Politik plötzlich als das einzig legitime oder zumindest aussichtsreiche Thema erscheint. Zwar ist die „öffentliche Sache“ so legitim wie jedes andere Thema, insoweit eine Erfahrung exemplarisch formuliert wird (wie die hier versammelten Gedichte der letzten 25 Jahre beweisen). Thematische Programmierung aber, gleichgültig welcher Art, macht unfrei und ist poesiefeindlich. Dazu kommt, daß der moderne Kommunikationsapparat jede Programmierung in fataler Weise durchsetzen kann, so daß der Autor, der die Kraft hätte, sich von der Programmierung als Arbeitsparole freizuhalten, dann in die Mühle einer vorprogrammierten Kritik gerät, durch die die Entfaltung unbotmäßiger Begabungen (und überhaupt von Begabungen, denn Begabungen sind eigenständig = unbotmäßig) in erheblichem Maße präjudiziert [Besonders tückisch ist die ganz willkürlich und ohne auch nur den Versuch eines Beweises verwandte neue Schimpfvokabel „Sprache der Herrschenden“, um die Sprache anderer Autoren von primitiven inhaltlichen (!) Kriterien her zu verdächtigen, frei nach dem Satz von Göring: „wer Jude ist, bestimme ich.“ Wobei unbestritten sei, daß es nachweislich reaktionäre Sprachlagen gibt. In den mir bekannten Fällen sprach der Beschimpfende jedoch nachweislich die gleiche Sprache wie der Beschimpfte: unsere Alltagssprache.] ist.

Die kurze Erholung der deutschen Lyrik 1955–1965; Deutsche Nachkriegslyrik zwischen Hitler und Marcuse
Wieweit zeitlich und ursächlich das Auftreten Herbert Marcuses auf dem Max Weber gewidmeten Heidelberger Soziologentag 1964 („Marcuse ist heute der Geheimtip“, sagte Adorno wörtlich) und seine daraus folgende Verbindung mit dem Suhrkamp Verlag, so dann Peter Weiss’ zunächst zögerndes, aber dann rückhaltlos vollzogenes Bekenntnis zum DDR-Kommunismus und die daran wiederum sich anschließende öffentliche Auseinandersetzung mit Enzensberger (Spiegel, Nr.34, 1996), mit der Reideologisierung zusammenfallen [Die erste Nummer des Kursbuch, mit Prozeßauszügen von Peter Weiss, erschien 1965. Ebenfalls 1965 taucht Marcuse, dessen früheste Veröffentlichung bei Luchterhand 1962 (Vernunft und Revolution) keine sonderliche Resonanz ausgelöst hatte, mit zwei Bänden in der 1963 gegründeten edition suhrkamp auf und zugleich mit einem weiteren Band in der Bibliothek Suhrkamp. 1967 sprach Marcuse zum erstenmal in der FU Berlin.] und wie diese (biographischen) Daten sich mit den internationalen und historischen [Der Vietnamkrieg in all seiner Ausweglosigkeit; der Tod Che Guevaras; die Notstandsdebatte; die Enttäuschung über die große Koalition.] und alle wieder mit den literarischen dialektisch gesteigert haben, das wäre eine Untersuchung wert. Eine charismatische Figur, machte Marcuse die theoretischen Ergebnisse der „Frankfurter Schule“ recht eigentlich virulent und wurde der Hauptpromotor des Aktivismus. Die Eskalation der Studentenbewegung datiert vom Juni 1967. Vermutlich wäre Marcuse, der gelegentlich in Umkehrung des Adornoschen Worts „Gedichte nach Auschwitz“ als „notwendig“ bezeichnet hat, beunruhigt, zu denken, daß er, wenn auch nur indirekt – innerhalb einer Gesamtkonstellation, deren personifizierter Träger er wurde – dazu beigetragen haben könnte, die damals seit kaum mehr als einem Jahrzehnt wieder auferstandene deutsche Dichtung, die sich endlich von der Erstickung unter Hitler erholt hatte und auf internationalem Plan erschien, in eine neue Krise zu bringen. [Exkurs zur Chronologie der deutschen Nachkriegslyrik (aus dem bio-bibliographischen Anhang leicht zu ergänzen): Ingeborg Bachmann. Die gestundete Zeit, 1953 (diese Erstveröffentlichung kam kaum in den Handel, Neuausgabe bei Piper 1957); 1953, mit 27 Jahren, erhielt Bachmann auch den Preis der Gruppe 47. Ihr zweiter Lyrikband 1956. – Paul Celan hatte die „Todesfuge“ mit 25 geschrieben, sie wurde erst durch Mohn und Gedächtnis, 1952, bekannt. Nächste Bände 1955, 1959, Bremer Preis 1959. Vier weitere Bände bis 1970. – Enzensberger veröffentlichte Verteidigung der Wölfe 1957, mit 28 Jahren; die beiden andern Lyrikbände 1960 und 1964. – Grass begann 1956, mit 29 Jahren, mit dem Gedichtband Die Vorzüge der Windhühner, 1959 folgte Die Blechtrommel. – Eich veröffentlichte zwei Bände, 1948 und 1949, kam 1953 (Träume) zu Suhrkamp. Botschaften des Regens, 1955. Bisher letzter Lyrikband: Anlässe und Steingärten, 1966. – Krolow, Büchner-Preis 1956, Fremde Körper, sein erster Band bei Suhrkamp, 1959. – Kaschnitz war, wie Eich und Krolow, gleich nach Kriegsende da. Nelly Sachs wurde erst mit Und niemand weiß weiter, 1957, und Flucht und Verwandlung, 1959, bekannt, in größerem Umfang aber erst durch Fahrt ins Staublose. Suhrkamp 1961, Friedenspreis des deutschen Buchhandels 1965. – Eich war bei Kriegsende 39 Jahre, Krolow 30, Heißenbüttel 24, Höllerer (Akzente seit 1954) 23, Franz Mon 19, Rühmkorf 17 Jahre alt; Meckel 10 (Tarnkappe, 1956, mit 21 Jahren). Hinzugesehen werden müßten, in ihrer Funktion der Angleichung ans Weltniveau (der Auffüllung des „Nachholbedarfs“): 1956 Hugo Friedrichs Taschenbuch Struktur der modernen Lyrik (eine Art „vademecum“ der modernen französischen Poesie plus Benn, in dem er auch Krolow einführte und ihn in den internationalen Kontext stellte). Fast gleichzeitig, 1955, die Rezeption der spanischen Lyrik der 30er Jahre (E.W. Palm: Rose aus Asche. Spanische und spanisch-amerikanische Lyrik seit 1900; A. Theile: Schwan im Schatten. Latein-amerikanische Lyrik von heute; E. Becks Lorca-Übertragungen schon seit 1948). Brecht-Rezeption erst Ende der 50er Jahre (Mitte der 50er war er noch unverkäuflich), Brecht-Ausgabe seit 1960. – In Enzensberger trafen Benn- und Brecht-Tradition zusammen, ist auch die moderne spanische Lyrik (Pablo Neruda) wirksam. Nach ihm schwang das Pendel endgültig von Benn zu Brecht.]
Die Fahrten der Gruppe 47 nach Stockholm. 1965, und nach Princeton, 1966, schienen Höhepunkte internationaler Anerkennung. Sie bezeichneten aber bereits das Ende der kurzen zehn Jahre, in denen die Literatur, und vor allem auch die Lyrik, in der Bundesrepublik im Zentrum nicht nur des Interesses, sondern eines geradezu leidenschaftlichen Interesses gestanden hatte. Es ist kein Zufall, daß keine Generation von Lyrikern nachgewachsen ist, die heute, im Jahre 1970, unter dreißig wären, wie es die meisten der Lyriker waren, die um die Mitte oder zu Ende der 50er Jahre einen so starken Widerhall hatten (Bachmann, Celan, Enzensberger). [Schon die 30er Jahrgänge waren weniger stark vertreten als die 20er. Als Autor unter dreißig von vergleichbarer Resonanz ist 1970 wohl nur Peter Handke sichtbar, und das auf Grund seines Theaters (eine ungewagte Behauptung, die sich durch einen Blick in den bio-bibliographischen Index von Klaus Wagenbachs – nicht unparteiisch, aber sicher parteilich für junge Autoren zusammengestelltem – Lesebuch. Deutsche Literatur der sechziger Jahre, Berlin 1968, nachprüfen läßt). In Kursbuch 20, 1970, wird Handke, weil er noch Literatur macht, „Theatertheater“, schwer unter Beschuß genommen, während hinten in der gleichen Nummer der Suhrkamp Verlag ihm mit zwei Seiten pointierter Kritikauszüge („Was Brecht nur wollte… Handke erreicht es“) einen kugelsicheren Unterstand zu bauen versucht. (Brecht = freies Geleit. Alles startet unter seinem Zeichen, wie in den katholischen Ländern kein Autobus losfährt, ohne daß das Kreuz geschlagen wird.) Anders ist die Lage z.B. in Rußland, Polen und anderen Ostblockländern oder auch in den USA, wo Lyrik gerade jetzt als wichtig empfunden wird. Vgl. hierzu Wosnessenskij (Ein Gedicht und ein Autor. Hrsg. von Walter Höllerer, Berlin 1969): „Ich denke, die Menschen fühlen sich heute zur Poesie hingezogen, so wie man, bei Skorbut, zu Vitaminen sich hingezogen fühlt.“ Ähnlich der Jugoslawe Popa und der Pole Rozewicz. In den USA erreichen gerade jetzt Lyrikbände nie erlebte Auflagen, ganz wie auch in Rußland.] Und daß die Namen derer, die diese Art Renaissance bestimmten, bereits an die Peripherie einer vorzeitigen Klassik rücken, obwohl sie noch relativ jung sind. Der Freitod Paul Celans im Mai 1970 wurde fast als ein Signal aufgefaßt, obwohl der Autor zu den gezählten gehörte, deren Bände eine Kontinuität darstellen. (Im Gegenteil, er veröffentlichte aus einem sich immer weiter entfernenden Raum seiner selbst immer mehr.)
Es ist eine Tatsache und ebenfalls keine zufällige, daß immer weniger Lyrik geschrieben und immer mehr Programmgedichte, Kampftexte, „KT“ genannt, gemacht oder auch fabriziert werden, serienweise, als handle es sich um die Massenproduktion eines beliebigen Konsumguts. Und ganz wie Konsumgut werden diese Texte ja auch nicht nur gebraucht, sondern verbraucht, [Exkurs zum Agitpropgedicht: „Fertige Agitpropgedichte zu fordern ist ein Symptom der Kosumentenhaltung“, schreibt Erich Fried, nicht so sehr zur Frage ihrer Verwendbarkeit wie zur Herstellung (Agitprop, Hamburg 1969). Seine eigenen Gedichte schreibe er jeweils zweckentsprechend für die Agitation um. Nichtsdestoweniger – oder eben deswegen – wird er von einem der Mitautoren angegriffen, weil er nicht aufhöre, „stundenlang Lyrik zu reproduzieren“. Daß sich eine „scharfe Abgrenzung“ zwischen Agitprop und „anderen Gedichten“ nicht durchführen lasse, darin hat Fried sicher recht.
Agitpropgedichte im engeren Sinn (zwei oder drei Texte ließen sich vermutlich so einordnen, ein Text ist als „Gegenmanipulation“ geschrieben) sind hier grundsätzlich nicht aufgenommen, so wenig wie politische Lieder, da sie, gleichgültig ob für oder gegen das Establishment, zum Instrumentar der Steuerung gehören. Das heißt, sie benutzen Emotion, um Kritik auszuschalten, erhöhen also nicht, wie Gedichte, Bewußtheit, sondern engen die Sphäre der Freiheit ein. Sie werden „Teil der Situation, die sie bekämpfen“ (Adorno).
Einen „Katechismus des Kampftextes“ gibt Erasmus Schöfer (Flugschriften Ça Ira Presse, 1968, Nr. 2). Vom KT wird gefordert: Allgemeinverständlichkeit, konkret zu messen an der „oberen intellektuellen Grenze des gegebenen Publikums“, genaue Bezogenheit auf das Versammlungsthema. Ästhetische Formalisierung, „da formalisierter Text die angemessene Ausdrucksweise eines Schriftstellers ist, wenn er sich als solcher äußert; da die ästhetische Qualität eines Textes einen intellektuellen und sensorischen Reiz ausübt und dadurch seine Überzeugungswirkung vergrößern wird“. Unter den sprachlichen Postulaten, Raffung etc., ist auch bildhafte Anschaulichkeit (also Metaphorik) ausdrücklich genannt. KT „… vervollständigen die Überzeugungsweisen anderer Formen politischer Werbung; sie sind im allgemeinen kurz, ihre Vortragsdauer schwankt zwischen drei und zehn Minuten. KT zielen darauf ab, beides, Überzeugung und Enthusiasmus, hervorzurufen und dadurch auf Aktion vorzubereiten“ (verkürzter Auszug). Als Vorbilder werden Brecht, Büchner, Heine, Majakowski etc. angegeben, wobei übersehen wird, daß hier Dichter ihre politische Erfahrung in Sprache umsetzen. Belehrend ist, wie z.B. Majakowski die eigene Tätigkeit einschätzte: „Diese heutigen Oden und Gedichte, / umbrüllt vom Jubel, vom Klatschen umkracht, / gehen einst als Spesen ein in die Geschichte, / dessen, was zwei – drei von uns vollbracht“ („Gespräch mit dem Steuerinspektor über die Dichtkunst“, 1926).] und zwar rapide, ohne daß sie über den Anlaß hinaus die Kraft zu exemplarischer Erneuerung mit sich brächten. Der daraus entstandene Leerlauf wirkt zunehmend auch auf die Schreibenden ermattend. Eine Abkehr vom Schema des Protestgedichts (es ist aufs Schema heruntergekommen) ist leicht vorherzusagen. [Im Jahre 1969 scheint der Höhepunkt bereits überschritten. Ebenso urteilt Reinhard Baumgart („Sechs Thesen über Literatur und Politik“, Tintenfisch 3, Berlin 1970) zur „aufklärerischen politischen Literatur“ der letzten Jahre: „Die von ihr versuchten Demaskierungen, die in ihr vorgetragenen utopischen Bedürfnisse wurden inzwischen mit ungleich größerer Echowirkung demonstriert, eben von der neuen außerparlamentarischen Opposition. Insofern war diese tatsächlich – Literaturersatz:“ Folgerung: „Literatur könnte auch endlich ihre erhabene Unentbehrlichkeit für die Erreichung gerade konkreter politischer Ziele, ja sogar als Produktionsmittel von Kritik einsehen… Sie könnte wieder an Phantasie und Sinnlichkeit, an das fast erstickte utopische Bewußtsein appellieren… durchaus im Sinne von Ernst Bloch oder Marcuse, uneingelöste Hoffnungen, Freiheitsbedürfnisse, vorausspringende Träume artikulieren. …“ Ähnlich Regisseur Hans Neuenfels über die jetzt notwendige Abkehr vom politischen zum poetischen Theater, Heidelberger Tageblatt, 16.7.1970. Karl Heinz Bohrer (FAZ, 18.7.1970, „Schöner Geist und Ökonomie“, Tintenfisch 3) spricht von den „literarisch verbrauchten Vorbildern der Agit-Prop-Lyrik“ und von „der alten, überkommenen Form des Engagements“, das „der Frage nicht standhält, was da überhaupt noch geleistet werde, da seine Leistung offensichtlich nur in der unmittelbaren politischen Effizienz liegen könnte…“] In der Tat hat diese immer spürbarere Schematisierung, in dialektischer Wechselwirkung, das grassierende Ungenügen an Dichtung, und an Literatur überhaupt, mit herbeigeführt, so daß die Flucht der Dichter in das programmierte politische Gedicht sich als Flucht in eine Sackgasse erweist. [Der wachsenden Einbeziehung des Politischen in die Dichtung entspricht, komplementär, die Abwanderung aus jeglichem Thema zum „Thema Sprache“, d.h. die Zunahme der sogenannten „konkreten“ Poesie (eine Benennung, die ihrerseits kaum weniger fragwürdig ist als die des „öffentlichen“ Gedichts). Daß Reflexion auf Sprache, eine periodisch in allen Zeiten auftauchende Kunstübung, in der Moderne anknüpfend an Mallarmés Le coup de dés, letzthin als „Reflexion des Dichters auf seine Produktionsmittel“ deklariert und somit von der marxistischen Ideologie versuchsweise vereinnahmt wird, ist nicht mehr als ein Spiel mit Begriffen. Die Sprache ist „für den Autor gerade nicht das Entfremdete“ (Franz Mon). Der zu oft unterschätzte gesellschaftliche Beitrag der Experimenter ist vielmehr ein Beitrag zur Schärfung des Instruments Sprache. Die Produktionsmittel des Autors sind, wie kaum gesagt zu werden braucht Papier, Druckmaschinen und Verteilerapparat.]
Eine Anthologie wie diese, die „mitzufliehen“ scheint, kann sich das nur leisten, wenn sie sich auf Schritt und Tritt des genauen, begrenzten Zwecks ihres Vorsatzes bewußt bleibt und die inneren Widersprüche ihres methodischen Vorgehens klarlegt. Sie wird nur ermöglicht durch eben das geschärfte Bewußtmachen ihrer Unmöglichkeit, das ihr die Freiheit bei gleichzeitiger Teilnahme wahrt.

Grundsätzliches zum politischen Gedicht
Niemand hat sich schärfer und grundsätzlicher gegen das politische Gedicht als Gattung ausgesprochen als gerade Enzensberger, dessen Werk [Seit Blindenschrift, 1964, keine Lyrikveröffentlichungen, mit Ausnahme von 5 Texten in Kursbuch 10, 1967 (darunter der hier veröffentlichte). Seine kritische Vehemenz wurde zunehmend in die Publizistik umdirigiert, ein Prozeß, der bereits nach Landessprache (1960) einsetzt.] von Anfang an eine militante Stellungnahme zur „öffentlichen“ Sache war. Für ihn ist das entscheidende Kriterium die – konstitutionelle und unabdingbare – „Nicht-Verfügbarkeit“ des Gedichts. Ausdrücklich setzt Enzensberger das Herrscherlob als Thema, also ein Gedicht auf Stalin oder auch auf Hitler, das keiner von uns ernst nimmt, und das agitatorische Gedicht gleich. „Ansichten“, schreibt er, [Einzelheiten, Frankfurt/M. 1962.] „sind den selbstgestellten ideologischen Wächtern, seit Platons Tagen, immer wichtiger gewesen als der objektive gesellschaftliche Gehalt der Poesie, der nirgends sonst als in ihrer Sprache zu suchen ist. […] Fragwürdig bis zur Unbrauchbarkeit wird unter solchen Auspizien der Begriff des politischen Gedichts. Was er besagt, meint jeder zu wissen. Sieht man näher zu, so findet man ihn fast ohne Ausnahme angewandt auf Texte, die agitatorischen oder repräsentativen Zwecken dienen […], gleichgültig wem und welcher Sache sie nützen sollen. Sie sind entweder unbrauchbar für die Zwecke ihrer Auftraggeber oder sie haben mit Poesie nichts zu tun. […] Der revolutionäre Prozeß der Poesie entfaltet sich, so steht zu vermuten, eher in stillen, anonymen Wohnungen als auf den Kongressen, wo drohende Barden in der Sprache dichtender Kaninchenzüchter die Weltrevolution verkünden.
Der politische Auftrag des Gedichts ist, sich jedem Auftrag zu verweigern und für alle zu sprechen noch dort, wo es von keinem spricht, von einem Baum, von einem Stein, von dem was nicht ist. […] Das Gedicht, das sich, gleichviel ob aus Irrtum oder aus Niedertracht, verkauft, ist zum Tode verurteilt. Pardon wird nicht gegeben. […] Was früher Inspiration hieß, ist auf den Namen der Kritik getauft: Kritik wird zur produktiven Unruhe des poetischen Prozesses. […] Poesie tradiert Zukunft. Sie ist Antizipation, und sei’s im Modus des Zweifels, der Absage, der Verneinung. Nicht daß sie über Zukunft spräche: sondern so als wäre Zukunft möglich.“
Dieser Bannstrahl Enzensbergers (1962) hat von der Produktion politischer Gedichte offenbar nicht abgeschreckt. Durch die im Kursbuch und der edition suhrkamp betriebene Politisierung hat Enzensberger sie vielmehr indirekt gefördert, wenn auch sein Verdikt gültig blieb: daß Protestgedichte sich ihr eigenes Todesurteil sprechen. [Interessant ist die Feststellung, daß in keiner der 20 Nummern des Kursbuchs Agitpropgedichte aufgenommen sind, daß Enzensberger demnach, wie weit er auch sonst von seinen damaligen Ansichten abgewichen ist, in seiner Forderung der „Unverfügbarkeit“ des Gedichts strikt geblieben ist.]

Laßt sie aus ihren Wolken kippen.
Brennt ihnen Verse auf die Haut.
Schlagt ihnen Lieder auf die Lippen.
Sagt ihnen, wer die Welt versaut.

fordert Volker von Törne 1967 in einem „Zeitgespräch“ mit Christoph Meckel. [„Die Dummheit liefert uns ans Messer. Ein Zeitgespräch in zehn Sonetten.“ In Kürbiskern. Nr. 3, 1967, dann: Friedenauer Presse, Berlin 1967.]

Ich rede vom hölzernen Schwert und vom fehlenden Zahn,
aaaaavom Protestgedicht.
Wie Stahl seine Konjunktur hat, hat Lyrik ihre Konjunktur.
Aufrüstung öffnet Märkte für Antikriegsgedichte.
Die Herstellungskosten sind gering…
Denn mittelgroße Gefühle gegen den Krieg
aaaaasind billig zu haben…

schreibt, skeptischer, Günter Grass [Ausgefragt, Neuwiedt/Berlin 1967. Grass’ Vorwurf, daß das „Unbehagen an Zuständen“ als „Vehikel“ benutzt wird („sie kommen ans Ziel, sie kommen ans Ziel: / zuerst ins Feuilleton und dann in die Anthologie“) hatte zwar nicht ganz unrecht, war aber auch nur bedingt richtig. Denn es ging hier nicht nur um die Frage des literarischen Ehrgeizes, obwohl es auch darum ging, natürlich. Aber das Wichtigere war doch wohl die seit 1965 plötzlich neuen Zündstoff entwickelnde Frage des Alibis, des Begehrens, „nicht schuld daran zu sein“, nachdem die vorige Generation mitschuldig geworden war, soweit sie nicht schuldig wurde. Im Jahre 1970 dürfte der Wunsch nach literarischem Prestige bereits hinter dem nach Notorietät als Aktivist verblaßt sein.], ebenfalls 1967. Mit der – an sich sehr unterschreibbaren – Forderung Törnes und der – nicht zu leicht zu widerlegenden – Bestandsaufnahme von Grass sind die Grenzen der Situation abgesteckt. Nur daß die politischen Gedichte, die Leser oder Zuhörer „aus den Wolken kippen“ lassen, so gezählt sind. Ganz abgesehen davon, daß gute Gedichte immer gezählt sind. Aber das Gedicht, das mitteilt, „wer die Welt versaut“, begibt sich allzu leicht in die Gefahr selbstmörderischer ideologischer Verfügbarkeit, „enkanailliert sich“, wie Adorno das nennt, so daß es weit seltener noch als andere Gedichte dem Leser auf die Haut gebrannt ist.
Vergleichsweise unwichtig ist es, ob der Autor – zum Beispiel im Vietnamkrieg, im Gegensatz zum Spanienkämpfer der 30er Jahre [Interessant ist ein Vergleich dieser Sammlung mit der englischen Anthologie Poetry of the Thirties (Hrsg. Robert Skelton, Penguinbooks, 1968). Sie stellt keinen Ablauf, sondern eine orthodox nach Themen unterteilte Sammlung dar. „And I remember Spain“ ist ein Kapitel. Das Buch endet mit Gascoynes Farewell Chorus: „Goodbye, grim Thirties… May we take wiser leave of you, knowing disaster’s cause“. Politische Pflichtübungen, vergleichbar denen der letzten Jahre hier, sind keine dabei. Trotzdem liegt das Erregungsniveau der „öffentlichen Gedichte“, mit wenigen Ausnahmen, spürbar unter dem Durchschnitt des Bandes.] – eine „ersthändige“ Erfahrung im Sinne biographischer oder topographischer Erfahrung vorweisen kann. Jede Erfahrung, auch die fernste, kann für den Lyriker zur „ersthändigen“ werden, wenn er sie als Schock erfährt, etwas, das ihm zustößt, jenseits seines Programms. Erkenntnis ist Voraussetzung, aber sie reicht nicht. Nur was ihm „auf der Haut brennt“, wird andern „auf der Haut brennen“. Das politische Gedicht, wie jedes Gedicht, ist daher so virulent, wie es als „Gedicht“ virulent ist. Ein „Aus den Wolken kippen“ scheint nur stattzufinden, wenn für den Autor die allgemeine Sache zur eigenen Sache wird. So eigen wie der eigene Tod oder das eigene Ersticktwerden oder Verbrennen. Oder Tötenmüssen.
Wer allerdings denkt, die Mehrzahl der politischen Gedichte seien „deswegen so schlecht, weil politische Aufregungen nicht unmittelbar in Sprache umgesetzt werden können“, [Das wurde mehrfach geäußert.] dem sei entgegengehalten, daß Aufregungen überhaupt nicht unmittelbar in Sprache umgesetzt werden können, gleichgültig, welche Erfahrung das Gedicht objektiviert. „Aufregung“ wird in einem schizophrenen Arbeitsprozeß immer gleichzeitig erhitzt und abgekühlt, wobei die nötigen Spannungsverhältnisse entstehen, ohne die Sprache nicht flüssig wird. Es ist also gerade die „mittelgroße“ Aufregung, der Mangel an Intensität, die sich durch Abkühlung in Sprache verwandeln ließe, schuld, daß das Gedicht nicht „Messer“ [Mein Gedicht ist mein Messer, Lyrikanthologie. hrsg. von Hans Bender. Heidelberg 1959. Titel nach einer Formulierung von Weyrauch.] wird, sondern ein hölzernes Schwert bleibt. Denn nur, was in Sprache verwandelt wird, läßt Menschen „aus den Wolken kippen“, aufprallen auf den harten Boden der Realität.

Zur Entwicklung der politischen Lyrik in der Bundesrepublik seit den 50erJahren
Enzensberger „Landessprache“ oder „Schaum“, die „öffentlichen“ Gedichte der Bachmann, Günter Eichs, der Kaschnitz oder gar der Nelly Sachs oder auch die „Todesfuge“ (wenn wir mit Krolow trotz aller Einwände die umfassendere Bezeichnung „öffentliche Gedichte“ wählen) waren eben nicht die lyrische Aufbereitung von Tagesnotizen, nicht der Wunsch – das Programm, im Unterschied zur spontanen Notwendigkeit –, die Tagespolitik den Leuten „auf die Haut zu brennen“. Sie entsprangen dem Ungenügen, dem Leid, der Verzweiflung eines Menschen, der diese Welt: die historische Wirklichkeit, Deutschland, die Nähe der Morde und der Mörder oder auch das Manipuliertwerden nicht ertrug. Hier handelte es sich nicht um „mittelgroße Gefühle“ oder um ein literarisches oder auch politisches Soll. Hier handelte es sich um überhaupt kein Soll. Sondern um ein Muß. Um ein „Ich kann nicht anders“. Enzensbergers Gedichte fahren wie ein großer Sturm daher, Windstärke zehn, die Worte vor sich hertreibend. Diese Angst vor dem Verschlucktwerden durch die konformierenden Mächte des Ambientes, die den Menschen sanft und freundlich abzuschaffen drohen. Und die unser aller Angst ist. Oder doch sein müßte.

Hier stehe ich täglich…
aaaaaknietief im schäumenden status quo.
unter vergasern und ampeln.
aaaaahorch!
wer ruft grüßgott aus dem schaum?
wer heißt mich hoffen? und warum hoffen?
wer reicht mir die klebrige bruderhand?
loslassen! loslassen! ich bin keiner von euch
und keiner von uns: ich bin zufällig geboren…
……………..
woher die möblierten herren, die unter die teppiche kriechen
und das geflammt furnier und die stellenangebote
aaaaazerbeißen?
woher? und wohin mit ihnen? wohin mit den witwen?
wohin mit den kommunisten? wohin mit dem,
was da sagt hölderlin und meint himmler…
aaaaahinaus, hinaus in den regen!
in den tiefen ranzigen schaum. in die irrenhäuser,
in die gefängnisse, in die kongreßhallen,
wo der speichel der lügner von den wänden rinnt,
wohin denn sonst? in die gußeisernen krematorien,
und in die hundertfältig verfluchten zollämter,
hauptzollämter und zollaufsichtsbehörden!
und wohin mit uns?…
loslassen! finger weg! zufällig lebe ich noch!
zufällig bin ich geboren!…

[Teilzitat. von mir gekürzt, aus „Schaum“, Landessprache, 1962.]

Ein Protest, ein Hilfe- und Protestruf mit solcher Stimme! 1960 war das erst, daß einer so schreiend durch die Welt fuhr, daß er die Leser „aus den Wolken kippen“ ließ (um Törnes Maßstab hier anzulegen). Und das trotz der unleugbaren Redundanz, die dieser pathetische Wörtersturm mit sich führt. Selbst die intelligentesten und gekonntesten Gedichte Erich Frieds, der in gewisser Weise die Nachfolge des – aus der Lyrik in die Publizistik ausgewanderten – Enzensberger angetreten hat und dessen und Vietnam und, 1966, bestimmend für die deutsche Protestdichtung geworden ist, wirken daneben fast wie Predigten. Dabei haben sie eine ganz eigene, gelegentlich an die Texter erinnernde Sprachintelligenz und sind von einer mehr als oberflächlichen Gewissenhaftigkeit. Einer Gewissenhaftigkeit die es im Hauptberuf ist und der es vielleicht an Vehemenz, gewiß nicht an ethischem Elan gebricht. Aber immer wieder geraten sie an die heikle Grenze zum Programmgedicht, durch die Konstanz des ihnen innewohnenden Vorsatzes. Und damit begeben sie sich, als Mittel, Bewußtsein zu steigern, in die gefährliche Konkurrenz der Reportage und besonders des Fernsehberichts.
Eines der gezählten Vietnamgedichte, die neben den großen öffentlichen Gedichten der 50er Jahre standhalten, scheint mir Karsunkes „Kilroy war hier“ zu sein. [Berlin 1967. Ich zitiere das Gedicht im Anhang, da es exemplarisch ist wie kaum ein anderes und der Autor aus einem Komplex von Gründen diesem Buch seine Teilnahme verweigerte.] Was unterscheidet dieses Gedicht von den vielen, die sonst von Fried das Stichwort nehmen? Daß es durch das Nadelöhr dieses einen Menschen, eben des Autors, ins Allgemeine geht. Daß es nicht nur Wissen und Sollen ist, sondern eine Grunderfahrung wiedergibt: die Enttäuschung einer Generation an ihren Vorbildern. Eine neue Generation lernt (wenn auch weniger hart), daß Vorbilder nicht Wort halten. Die Amerikaner, die Befreier.

Kilroy, der beste freund, den ich hatte
als ich 11 war waren
als drei goldene worte
„Kilroy is here“
fast so schön wie die drei
der french revolution
von der er erzählte
freiheit und gleichheit und brüderlichkeit.

als ich 11 war hatten
meine eltern
mich falsch erzogen
Kilroy gab sich die mühe
erklärte mir menschenrechte

Es ist eine Liebeserklärung an das Verlorene. Und zugleich eine Absage. Der Verlust ist glaubhaft. Eine Liebeserklärung wie diese, was für eine Liebeserklärung:

selbst an Shakespeare-sonetten
noch den brooklyn-akzent…

Hier spricht ein persönlicher und zugleich musterhafter Schmerz, die Absage ist nicht leichthin gesagt es ist die Absage an die eigene Kindheit:

jetzt steht…
auf den rauchschwarzen resten von dörfern
„Kilroy is here“

Daß es hier um einen erlittenen und ganz realen Kummer geht, das unterscheidet dies Gedicht von den nur – gut oder auch weniger gut – gemachten Serienfabrikaten. Diese persönlichste Absage ist aber zugleich die Absage einer Generation.
Wer sich vornimmt, die allgemeine Sache als allgemeine, nur so, zum Gegenstand des Gedichts zu machen, dem wird es gehen wie dem jungen Lyriker, der sich beklagt „Für alle wollte ich sprechen und konnte nicht sprechen für mich“. [Peter Hamm, „Für alle wollte ich sprechen“. in Lyrik aus dieser Zeit. 1963/64, München/Esslingen 1963] Im Augenblick, wo diese sehr persönliche, diese Erfahrung eigenen Versagens ausgesprochen wird, schlägt sie sofort um ins Paradigmatische: Kaum spricht er sie aus, kaum verzichtet er darauf, „für die andern zu sprechen“, so spricht er auch schon für sie mit. Das ist die innere Dialektik der Dichtung, in der nichts ohne seine Gegenseite ist und in der man nichts „wollen“ darf – allenfalls „Geheimbefehle“ sind möglich – und auf alles verzichten muß außer auf den Mut zur Wahrhaftigkeit.
Was die mit „mittelgroßen Gefühlen“, wenn auch soliden handwerklichen Kriterien erledigte Pflichtübung, das „Sprechen für alle“, vom politischen Gedicht aus dringender, nach Sprache verlangender Erfahrung trennt, das läßt sich – zufällig sind wir in der Lage, die Probe aufs Exempel zu machen – an zwei Gedichten eines Lyrikers demonstrieren, die aus entgegengesetzten Erfahrungslagen entstanden sind: Helga Novaks „Postwurfsendung“, ein stark voluntaristischer Text, geschrieben 1968, nach ihrer Übersiedlung in den Westen, paßt sich dem hiesigen Ambiente fugenlos ein. Technisches Können vorausgesetzt (wir haben einen erfreulich hohen handwerklichen Standard), könnten viele ihn geschrieben haben. „Lernjahre sind keine Herrenjahre“, noch in der DDR entstanden, macht ihr so leicht keiner nach: [Der Gerechtigkeit halber muß gesagt werden, daß auch verschiedene andere Texte dieser Anthologie nicht die Spitzengedichte ihrer Autoren sind (vgl. oben S. 242, die gleiche Feststellung hinsichtlich der „öffentlichen Gedichte“ in Poetry of the Thirties). Alleine Novak hat, durch ihr doppeltes Leben, politische Gedichte von so unterschiedlicher Überzeugungskraft, daß sie paradigmatisch werden. (Aus: Ballade von der reisenden Anna, Neuwied/Berlin 1965.)

mein Vaterland hat mich gelehrt:
achtjährig
eine Panzerfaust zu handhaben
zehnjährig
alle Gewehrpatronen bei Namen zu nennen
fünfzehnjährig
im Stechschritt durch knietiefen Schnee zu marschieren
siebzehnjährig
in eiskalter Mitternacht Ehrenwache
zu Stalins Tod zu stehen
zwanzigjährig
mit der Maschinenpistole gut zu treffen
dreiundzwanzigjährig
meine Mitmenschen zu denunzieren
sechsundzwanzigjährig
das Lied vom guten und schlechten
Deutschen zu singen
wer hat mich gelehrt
Nein zu sagen
und ein schlechter Deutscher zu sein?

Zugleich ist dies Gedicht ein handgreiflicher Beweis – besonders wenn man es ergänzt mit der Schillerschen Diktion von Peter Hacks –, wie anders zwar nicht unbedingt die Sprache, aber doch die Bewußtseinslage der Autoren der DDR ist [Diese Verschiedenheit zeigt sich bereits an etwas so Einfachem wie dem morgendlichen Briefkasten hier und dort, um gleich bei Novaks „Postwurfsendung“ zu bleiben (und wir haben ja auch Enzensbergers Postwurfsendung: „an alle fernsprechteilnehmer“, 1959): „Broschüren Statistiken Revuen / verstopfen die Briefkästen / und die Schlitze der Türen / ein Bergmann lachend mit Blumen / ein Präsident lachend mit Kindern / ein Bauer lachend mit Blumen…“ etc.
Reiner Kunze in Thüringen, „feustelstraße 10“, begrüßt den Briefträger so: „Brief du / 2 Millimeteröffnung / der tür zur Welt.“ und „Briefträger, blauer / zeiger, solang du an der ziffer zehn / erscheinst bin ich / noch nicht tot.“ Oder auch: „Solang der briefträger / von haus zu haus geht, kommen noch / briefe an.“ (Sensible Wege. Reinbek 1969.) und wie unrealistisch und unaufrichtig es gewesen wäre, hier etwas wie eine gemeinsame „Kurve“ aufzeigen zu wollen.
Methodisch ebenso interessant wie die Nebeneinanderstellung der beiden Novak-Gedichte ist es, zwei Montagetexte dieser Sammlung zu vergleichen: einen, der die bei den Zusammenstößen in Berlin gemachten gegenseitigen Beschuldigungen, also die des Senats, des Bürgermeisters, der aufgebrachten Bürger (wie auch die der gleichfalls aufgebrachten Studenten) montiert und dabei umkehrt und zurückschleudert: „Berliner Para-Phrasen“, 1967, von Nicolas Born. An abkühlbarer Vehemenz fehlt es diesem Gedicht keinesfalls. Doch opfert es seine Unverfügbarkeit und begibt sich bewußt in den Kontext eines eng umschriebenen Zwecks. [Wie nicht nur sprachgeschickt, sondern sprachstark Born ist, zeigt der andere von ihm abgedruckte Text, der keine außerhalb seiner selbst liegenden Zweckverbindungen eingeht (Da hat er gelernt was Krieg ist sagt er). Montierte politische Texte in dieser Sammlung sind, außer Born, Handke, Heißenbüttel: Delius, „Selbstschutz“; Fried, „Gründe“ (bedingt); Herms, „Deutscher Zeuge“. Aufschlußreich wäre es, die politische Wirksamkeit einer Parodie, wie Delius’ „Selbstschutz“, mit dem direkten Appell zu vergleichen, wozu das Gedicht „Sirenen“ von Rolf Bongs („Morgen in Opatija“, Darmstadt 1969) eine Möglichkeit böte: „Vergiß nicht, / was das Geheul der Sirenen / bedeutet. / Auch dann nicht, / wenn du es nicht erlebt hast. / In den Keller geschickt zu werden / und dort auf den Tod / oder auf das Überleben zu warten. / Wie einst. / Wehrlos.“] Rechtens erschien das Gedicht in der Sammlung Agitprop, ein Kampftext (nicht alltäglichen Ranges) von heute: ein Dokument von morgen. Und daneben Helmut Heißenbüttels leise und behutsame „Spielregeln auf höchster Ebene“ (1965), in denen nichts geschieht, als daß Worte, Alltagsworte, ihren Platz wechseln, meist Infinitive, und immer neue Verbindungen eingehen. Ein scheinbar unpolitisches Verfahren, ein reines Sprachspiel. Dabei entsteht ein politisches Modell, das in diesen fünf Jahren nicht gealtert ist und dessen Anwendbarkeit, während es sich mit den Assoziationen der jeweiligen Realität füllt, praktisch unbegrenzt ist, für die, die einen solch exemplarischen Leertext anwenden möchten. Freilich zeichnet es nur eine Verhaltensmechanik auf, wie auch der an die verschiedenen Fassungen der Notstandsparagraphen erinnernde Texte von Handke, es macht sichtbar, aber es „ändert“ nichts.

III. Die Frage des „Alibis“ und der „Veränderung“ der Wirklichkeit – Das Paradox der „Befreiung“ – Innensteuerung als Widerstand gegen Verapparatung

Hier also kommen wir wieder zurück auf die Frage des Alibis. Ob denn Gedichte überhaupt etwas ändern (d. i. an der Realität). „Veränderung“ ist aber, im Gegensatz zu Kunst (die von sich aus eine Übung im Gebrauch von Freiheit ist, im Subjekt- statt Objekt-Sein), kein Zweck in sich. Die Frage nach der Veränderung der Gesellschaft, diese stereotyp gewordene Gretchenfrage, zum Klischee degradiert durch die Bewußtseinsindustrie des Antiestablishments, ist, das muß man sich klarmachen, nur berechtigt als Frage nach der möglichen Freiheit des Menschen, seinem Menschsein. Oder sie ist gleichgültig.
Ich erinnere mich an ein „Gedicht“, das auf einer roten oder gelben Postkarte ins Haus kam, irgendeine Einladung zu einer Veranstaltung – und aufforderte, „diese Karte zu verbrennen wie Vietnam brennt“. Ein Gedicht, das kein Gedicht ist, ruft zu einer Tat auf, die keine Tat ist. „War Ihnen wohler, als Sie das Stück Papier verbrannt hatten?“ fragte ich die Veranstalter. „Aber das tut doch keiner“, sagten sie. Redundanz, Happening, ein Pseudoalibi, wie jedes der vielen als politischer Akt verkleideten Happenings eben nur Pseudoalibis liefert. Das Pseudoalibi läßt sich leicht als solches entlarven. Es stellt kein Problem außer dem der Eitelkeit seiner Veranstalter.
Die Frage der Wirkung von Kunst, ob Gedichte etwas „ändern“, ist weit komplizierter.
Skeptischer als Brecht (Lyrik soll die Wirklichkeit verändern), zuversichtlicher als Benn (Lyrik, Kunst ist folgenlos), frage ich: Handelt es sich zumindest um ein Höherlegen der Schwelle der Manipulierbarkeit? Der Schwelle, hinter der der Mensch nicht mehr „etwas aus dem macht, was man aus ihm gemacht hat“, sondern etwas „aus sich machen läßt“? [Sartre, in L’Arc Nr. 30, 1966] Wie steht es um die Steigerung des Menschen zu seinen eigenen Möglichkeiten, als Voraussetzung einer menschlicheren Welt?
Um ehrlich zu sein, es steht schlecht. Hat etwa der Lyriker, hat der Lyrikleser zu denen gehört, die sich besonders bewähren, wenn die „Proben“ kommen? Widersteht er den geheimen – oder durchaus nicht geheimen – Verführern diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs besser als die meisten? Wenn Lyrik den Menschen sich selbst zurückgibt, wenn sie ihn anhält zur Wahrhaftigkeit, müßten der Lyriker und sein Leser nicht verantwortungsfreudiger sein als andere?
Die hohe Identität mit sich selbst, die das Gedicht auslöst (beim Schreiben, beim Lesen), ist eine Identität auf Augenblicke. Punktuelle Ekstasen. Derartige Augenblicke tragen ihr Alibi in sich. Die Katharsis, diese Bereinigung zwischen Innen und Außen, zwischen Wirklichkeit und Gegenwirklichkeit, vollzieht sich in der „Sphäre der Entlastung“ (Gehlen), ist als solche in der Tat „folgenlos“.
Diese Sphäre ist aber nicht aufgehängt im Nichts und Nirgends, auch wenn es sich um „Zeitinseln“ handelt, um „Punkte“. Die Instanz, die „innehält“ und zu sich beurlaubt, bringt sich selbst nicht als Abstractum, sondern als Concretum mit, und damit auch das Paket ihrer Erfahrungen, von denen sie sich gerade „entlastet“, indem sie sie in ihr Modellhaftes auflöst. Die Summe dieser das Ich intensivierenden Augenblicke, auch wenn jeder einzelne folgenlos ist, d.h. in sich verpufft (oder verpuffen würde), müßte eine „innere Linie“ ergeben und rückwirken auf die „Instanz“, die sich dieser Steigerung ihres Bewußtseins von sich selbst und der Welt aussetzt. Also auf den Menschen, der mehr ist als der zufällige Treffpunkt von Reizen. Wie bei der Häufigkeit einer débauche, würde es im Prinzip von der Häufigkeit dieser Reinigung abhängen, wie sehr ein Mensch davon geprägt wird und wie sehr er demnach bei sich selbst und „da ist“: für sich und die andern. Und um wie vieles weniger „steuerbar“. Obwohl dies eine heikle und statistisch unbeweisbare Hypothese ist. Die „punktuelle Ekstase“, diese „sich kurzschließende Erfahrungskette“, ist sie ein ganz sich schließender Ring?
Was befreit, kann nicht wirken? Je befreiender, je erregender Kunst ist, um so folgenloser wäre sie? Der „Innehaltende“ in diesem – auf jeden Fall „produktiven“ – Augenblick des Innehaltens, seiner punktuellen Ekstase, ist „herausgetreten“ aus Zeit und Aktivität. Obwohl er sich gerade der Wirklichkeit, der Essenz der Wirklichkeit seiner Erfahrung, zuwendet und in diesem Augenblick frei ist von jedem korrumpierenden „Interesse“, das Tun verhindert oder verbiegt. Doch ist dieser Augenblick der Freiheit kein Augenblick der Tat. Und nicht praktischer „Herstellung richtigeren Lebens“. Wiederum, das ist die Dialektik des Widerstands, bleibt im „Innehalten“ als Freiheit virulent, was in der Anwendung um sich selbst gebracht würde. Aus diesem Zirkel kommen wir nicht heraus. Zumindest nicht in der Theorie.
Und doch wird aus dieser Sphäre der „Entlastung“, des vom Handeln abgewandten Antriebs heraus, immer erneut auf die Wirklichkeit zugehalten, die, aus der abstrahiert und sublimiert worden ist, um des „es soll anders sein“ willen, um des Traumbilds dieser Wirklichkeit, das sich täglich mehr entfernt. Dieser sich immer mehr erweiternde Riß zwischen der Realität und ihrer Möglichkeit erzeugt den Sprung und den Vorstoß, das Sich-nicht-Abfinden, Sich-nicht-Einpassen. Das immer neue Aufreißen des Gegensatzes zwischen dem, was ist, und dem, was sein sollte, zwischen Wirklichkeit und Gegenwirklichkeit (dem outtopos, dem, was nicht „statt“ hat, dem Traum). Immer erneut macht der Lyriker diesen Riß schmerzhaft virulent, für sich und die andern, realisiert ihn und überwindet ihn, auf einen Atemzug, indem es ihn zu Sprache macht, im Gedicht. Und so bleibt aus all diesen Augenblicken höchster Identität und höchster Objektivierung vielleicht doch eine Art Residuum, eine potentielle Kontinuität im Lebendigen – Kontinuität der Diskontinuität –, die „trägt“ oder auch nicht trägt, je nachdem. Wenig, wie es ist, gehört es zum Besten, was wir haben. Zu dem, was den Menschen rettet, in seinem Menschsein, ihn befreit von den Zugriffen, gleichgültig in welcher Gesellschaftsform er zu leben haben wird. Denn alles muß in den Menschen zurückverlegt werden, wenn überhaupt etwas „gerettet“ werden soll, in dieser Krise der bisher versuchten Lebensmodelle (die bei gänzlich verschiedener Oberfläche eine fatale Ähnlichkeit der Struktur aufweist in Ost und West).
Die Möglichkeit der Verantwortung wäre also nicht so sehr im Inhalt des Mitgeteilten, in der Themenwahl des Gedichts, sondern bereits in der Identität des Sich-Zurücknehmens aus der Welt des Funktionierens, auf den archimedischen Punkt außerhalb dieser Zweckbezogenheit. Das könnte Idylle sein. Das war früher häufig Idylle. Das ist aber in einer synchronisierten und durch Zweckverbände gesteuerten Gesellschaft wie der unsern, einer Gesellschaft von Vorder-Hinter-Nebenmännern, bei der sich die Funktionen umkehren, die unabdingbare Voraussetzung zu Handlungs- und Kommunikationsfähigkeit überhaupt. [Über die „Fähigkeit, sich zu distanzieren“, das „Ausklinken“ aus einer „starren Handlungsfolge“ als „Voraussetzung des Dialogs, und als eine der Wurzeln menschlicher Freiheit“. vgl. Irenäus Eibl-Eibesfeldt, Grundriß der vergleichenden Verhaltensforschung, München 1967] Die Befreiung aus dem Manipuliertwerden. Subjekt statt Objekt sein, und sei es auf Augenblicke, damit fängt alles an. Oder kann doch anfangen. (Zumindest muß das Subjekt sich so weit mit sich „identifizieren“. daß es sich in seinen Abhängigkeiten nicht nur weiß, sondern erfährt.)
Ob wir etwas ändern oder nicht, es geht um die mögliche Verantwortung eines jeden, in einer Zeit, deren wesentliches Erlebnis die Ohnmacht des einzelnen ist. Um das Paradox des Festhaltens an der unmöglichen Verantwortung. [Dieser Appell zur Verantwortung des einzelnen, angesichts der gewußten, aber kaum lebbaren Unmöglichkeit, vom einzelnen her etwas aufzuhalten, wirkt geradezu pathetisch paradox in der Formulierung von Erich Fried. So wenig wie wir alle und eher noch etwas weniger, als überzeugter Marxist, kann er hoffen, daß seine Leser imstande seien, z.B. den Atomkrieg aufzuhalten. Trotzdem droht er: „Wenn ihr auf mein Gedicht nicht hört und euch nicht bessert, kommt die Bombe“. Es ist damit wie mit der ganzen conditio humana: der langfristigen Zukunftsplanung kurzlebiger Planer, ohne die Handeln unterbliebe. (Das Ganze ist so anstrengend paradox erst seit dem Wegfallen des religiösen Trosts.) Sicher läßt sich sagen, daß ohne einen letzten Glauben an die Anrufbarkeit der andern, selbst eine heikle Anrufbarkeit, keine Gedichte geschrieben würden. Gedichte stiften Kommunikation und antizipieren sich zugleich.] Und auch um die Verantwortung dessen, der die gemeinsame Erfahrung zu objektivieren hat, um die Verantwortung des Autors, die „richtigen Namen zu nennen“. Um – Mindestforderung – das wahrhaftige Benennen unserer Welt.

Das Benennen der Wirklichkeit – Kommunikation und Kommunikationskrise
Die unverlogen, unerschrocken benannte Wirklichkeit wird deutlich erkennbar. Nur so kann man ihr gegenübertreten. Der Lyriker ist mehr als jeder andere Sprachhygieniker. Für ihn gibt es keine wichtigen und keine unwichtigen Worte. Jedes Wort wird von ihm geprüft und immer neu geprüft, damit es genau auf die immer sich wandelnde Wirklichkeit paßt. Das ist eine gesellschaftliche Funktion ersten Ranges. Ich meine das im Sinne des Konfuzius:

Wenn die Sprache nicht stimmt, so ist das, was gesagt wird, nicht das, was gemeint ist; ist das, was gesagt wird, nicht das, was gemeint ist, so kommen die Werke nicht zustande, so gedeihen Moral und Kunst nicht; gedeihen Moral und Kunst nicht, so trifft die Justiz nicht; trifft die Justiz nicht, so weiß das Volk nicht, wohin Hand und Fuß setzen. Also dulde man keine Willkür in den Worten. Das ist alles, worauf es ankommt.

Jede kleinste Verschiebung zwischen dem Wort und der mit dem Wort gemeinten Wirklichkeit zerstört Orientierung und macht Wahrhaftigkeit von vornherein unmöglich. Niemand aber ist eine feinere Waage für die Worte als der Lyriker. Deshalb erfüllt jedes Gedicht, das Sprache erneuert und lebendig hält, eine Funktion für alle – und das ganz unabhängig von seinem Inhalt –, denn es hilft, die Wirklichkeit, die sich unablässig entziehende, benennbar und gestaltbar zu machen.
Die benannte Wirklichkeit wird nicht nur sichtbar – und auch greifbarer, auf Augenblicke zumindest –, sie wird zunächst einmal sagbar und mitteilbar, sie wird Gegenstand der Kommunikation, des unerläßlichen Gesprächs. „Das Versagen der Kommunikation ist der Anfang aller Gewalttätigkeit… Wo die Mitteilung aufhört, da bleibt nichts als Prügeln, Verbrennen, Aufhängen.“ [Sartre (Qu’est-ce que la littérature, hier zitiert nach dem Gallimard-Taschenbuch, Paris 1947), der angesichts der Sprachkrise fragt, warum unser Denken denn so viel mehr gelten solle als unsere Sprache. Von den drei Funktionen des Gedichts, dem Sagen, dem Rufen, dem Benennen, spricht Sartre übrigens – und sehr zu Unrecht – gerade diese letzte dem Lyriker ab.] Die Krise der Lyrik braucht nicht notwendigerweise eine Krise der Kommunikation zu sein. Daß wir uns einem Kommunikations-Engpaß nähern und die Kommunikation ebenso wie die Dichtung in akuter Gefahr ist, ist nichtsdestoweniger eine Tatsache, die sich an dem steigenden Barometer der Violenz und an den Klagen über die Verzerrung der Wirklichkeit, die wachsende Diskrepanz zwischen Berichten und Fakten, von Tag zu Tag nachprüfen läßt. Jede Gruppe reihum fühlt sich als Leidtragende und kann dafür Gründe aufweisen, die zur Aggression legitimieren, während das Gespräch immer unmöglicher wird.
Wo es aber nur noch um Steuerung von Gruppen geht, gleichgültig zu welchem Zweck, Manipulation oder Gegen-Manipulation, da scheidet die freie Sprache aus. Und mit ihr die Lyrik. Denn jedes Gedicht ist ein Aufruf gegen Verfügbarkeit, gegen Mitfunktionieren. Also gegen die Verwandlung des Menschen in den Apparat. Was dasselbe ist oder schlimmer als die Verwandlung in den Unmenschen. Dagegen rufen alle Gedichte in diesem Buch auf, man kann es öffnen, wo man will. Sie sind – zumindest die besten von ihnen sind es, wie jedes starke Gedicht – nicht nur der Aufruf, sondern auch die Sache selbst: Sie nachvollziehend, „ändert“ der Lesende nicht die Umstände, aber sich: Er wird mehr „er selbst“, und damit der Freiheit fähig. Der Freiheit zu etwas wie Entscheidung, statt daß über ihn wie über ein Ding entschieden wird. Nur so ist Zukunft möglich.
Für die vergangenen 25 Jahre aber zeigen diese Gedichte – und das könnte nicht jedes Gedicht – die Kurve der politischen Hoffnungen und Enttäuschungen. Ob wir in einem Zirkel gegangen sind oder in einer Spirale, das entscheidet sich danach, ob und wie wir aus dem Engpaß, in den wir gerade einzumünden scheinen, wieder herausfinden.

Hilde Domin, Nachwort, Juli 1970

Fortsetzung des Nachwortes:

„Jedes Gedicht ist ein Aufruf gegen Verfügbarkeit, gegen Mitfunktionieren. Dagegen rufen Gedichte auf jedes Gedicht in diesem Band“, schrieb ich im Nachwort 1970, als dies Buch zuerst erschien: die ersten 25 Jahre politisch bewußter deutscher Nachkriegslyrik präsentierend. Das ist ein Satz, der gilt, der eher noch akuter geworden ist: jetzt wo der Band die ersten fünfzig Jahre bewußt Stellung nehmender deutscher Lyrik vorstellt, bis hin zur unmittelbaren Gegenwart. Damals war die DDR ausgeklammert, es waren nur die in der Bundesrepublik lebenden Poeten vorgestellt: das Buch wollte ja „die Kurve unserer politischen Hoffnungen und Enttäuschungen spiegeln“.
Diese Kurve verlief in der DDR ganz anders, naturgemäß, was sehr deutlich wird, wenn nach zwei Jahrzehnten plötzlich die DDR zu uns kommt.
Die ersten Gedichte, in denen das geschieht, sind nicht von ungefähr Mauergedichte: beginnend mit Michael Wüstefeld (einem Dichter, der bekannt zu werden verdient), in dessen Gedicht, „Falstaff/Oktober 1989“, die Mauer sozusagen optisch zu sehen ist: Das Gedicht zerfällt in zwei Hälften, eine dem Leben im Osten gewidmet, die zweite dem Leben in Westeuropa, dazwischen die Zweifel der Kippsituation. Nicht umsonst erschienen Wüstefelds Gedichte in der Anthologie Grenzfallgedichte (1991). Eben dort wurde auch das Mauer-Gedicht von Reiner Kunze („Die Mauer / zum 3. Oktober 1990“) veröffentlicht.
Die deutsch/deutsche Frage wird in dieser fortgeführten Sammlung von allen Seiten von Dichtern diskutiert, von denen drinnen (drüben, wie wir früher sagten), von denen hüben, von den Herübergekommenen, den dort Gebliebenen und den Wiedervereinten.
„Ob wir in einem Zirkel oder in einer Spirale gegangen sind und ob wir wieder herausfinden“, diese Fragen, mit denen die Ausgabe von 1970 schließt, haben sich 1989/90 beantwortet und werden hier von allen Seiten diskutiert. Womit diese Sammlung – die seinerzeit den einen zu links und den andern nicht links genug war – noch an Vielfalt und Brisanz gewinnt.
Dieses zweite Vierteljahrhundert, in dem, naturgemäß, gerade auch die Stimmen der jungen und jüngsten Autoren zu Worte kommen, ist zum größten Teil von dem jungen Mitherausgeber, Clemens Greve, gestaltet worden, mit dem mich verwandte künstlerische Kriterien verbinden: Voraussetzung jeder derartigen Zusammenarbeit. Ohne ihn, der in wahrhaft kreativem und kenntnisreichem Engagement noch aus jedem labor improbus – und eine Anthologie erfordert immer eine Unmenge labor improbus, d.h. Zeit und Mühe – einen labor probus gemacht hat, wäre die Idee, diesem Buch eine Fortsetzung bis heute zu geben, nicht möglich gewesen. Ihm gilt nicht nur meine Dankbarkeit und die der Autoren, sondern er sollte auch einen hohen Anteil an der Freude und Dankbarkeit der Leser haben.

Hilde Domin, Nachwort, April 1995

 

Die „öffentlichen Gedichte“

der Nachkriegszeit auf ihren Wirklichkeitsbezug durchsichtig zu machen, ist das Ziel dieser Anthologie. Unter der Mitwirkung der Autoren wurde versucht, die Anlässe des politischen und gesellschaftlichen Lebens herauszufinden, die die hier abgedruckten Gedichte ausgelöst haben, und sie gemäß der Chronologie ihrer Entstehung zu ordnen. Auf diese Weise werden die Texte so nahe an die Wirklichkeit herangerückt, daß sich aus der Gedichtabfolge die Kurve des geistigen und politischen Klimas der letzten fünfzig Jahr ablesen läßt. Sind die Lyriker der Realität gerecht geworden, haben sie den Erwartungen, den Forderungen, den Enttäuschungen dieses Vierteljahrhunderts eine Stimme gegeben, die über die Zeitungsnotiz hinaus die Erfahrungen des Augenblicks akut und dringlich macht, so daß die res publica, die „öffentliche Sache“, zur Sache jedes einzelnen wird? Die „öffentliche Sache“ ist hier, zumindest seit 1949, die der Bundesrepublik, deren politische Entwicklung die Anthologie nachzeichnet.

Fischer Taschenbuchverlag, Klappentext, 1995

 

Fremdes Deutschland

Nachkrieg und Unfrieden heißt die Anthologie, die Hilde Domin 1970 herausgegeben hat; der Titel erinnert an Tolstois Roman Krieg und Frieden. Ein Vierteljahrhundert später gab die inzwischen fast 85 Jahre alte Heidelberger Dichterin zusammen mit Clemens Greve eine Neuauflage der Lyriksammlung aus der Nachkriegszeit heraus, erweitert um fast noch einmal so viele Gedichte aus den letzten 25 Jahren. Für die junge Generation handelt es sich um eine Einführung in fremde Welten: Das soll einmal die Stimmungslage in Deutschland gewesen sein? Wohlstandskinder können viele dieser Gedichte ebensowenig nachempfinden wie manche Reaktionen ihrer Eltern und Großeltern; um so wichtiger ist es, sie zu lesen. Beim Vergleich der ersten mit der zweiten Auflage fällt auf, daß sich der Ton der neueren Gedichte geändert hat: Weniger Gefühl und Protest, mehr Pragmatismus und Ergebung in das scheinbar Unabänderliche. Doch bleibt die Herausgeberin selbst bei ihrem hoffnungsvollen „Trotzdem“.

Matthias Reumann, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.1.1997

 

Fakten und Vermutungen zu Clemens Greve
Fakten und Vermutungen zu Hilde Domin + KLG
Porträtgalerie

 

Hilde Domin – Wortwechsel (1991). Christa Schulze-Rohr interviewt Hilde Domin.

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