Juri Kusnezow: Poesiealbum 274

Kusnezow/Tesmar-Poesiealbum 274

PHANTASIE

In uralten Zeiten hat unter verwirrtem Geraune
ein Pithekanthropus den ersten Roboter geboren.
Der schaute die Welt an mit scheelem Gegrinse.
In seinem Gehirn erbaute er, wie überliefert,
die Luftschlösser seiner atomaren Desaster,
in denen Ahasver in einem Kerzenhalter verbrannte.

Er schaute in den schiefen Spiegel des Weltalls,
beobachtete unser kurzes irdisches Leben,
in dem aus den Abgründen des Daseins,
das einzige für mich vorbestimmte Weib kam,
und es war wahrhaft wunderbar anzusehen
diese Gestalt, mir vorbestimmt von dem Schicksal.
Jedoch der Roboter verschob um Haaresbreite das Weltall:
Da ging sie vorbei, und ich hab nur die andere getroffen.

Auf diese Weise vergnügte sich der Roboter.
Doch plötzlich begann der Spiegel dennoch zu blinken,
und es erschien ein junges Mädchen, so glasklar
hat ihre Seele durch ihre Kleider geleuchtet!
Er nahm den Raum auseinander, aber vergeblich,
die Liebe blieb ihr Los für alle Zeit.
Ihr Antlitz, von einem überirdischen Feuer erleuchtet,
und ihre Ärmel schienen die Luft nur zu streifen.

Kein Mensch und kein Vogel zu hören, und nur mitunter
strahlte ein Stern auf, oder ein Stein regte sich im Dunkel.
Ein Schwiegen, die Schritte verschlungen vom Grase.
Er hob sich, die Höhen und Abgründe hinter sich lassend,
vor dieses Angesicht, das der Morgenröte glich.
Das also bist du, mein Kluger, mein Liebster?
Klug schon, doch dein nicht und auch nicht liebend.

Sie erstrahlte auf einer irdischen Ebene,
so wie ein Sommerstern am winterlichen Himmel,
und er sprach: Heut oder nie! – den uralten Fluch allen Stolzes.
Er kam heran mit zusammengepreßten Lippen
und schloß sie in seine kalte Umklammerung.
Aber ihr Kuß und das überirdische Feuer
schmolzen das Eisengesicht, sein Stolz war Abgrund.

Er war geblendet, wußte nicht, wohin sich wenden.
Doch auf der eisernen Brust blieb ihm ein Schatten
von dieser, deren Los es war, zu lieben.

Welcher Gedanke, sage mir, bedrückt dich?
In einer Stunde verdoppeln sich Tage und Nächte.
Voller Verwirrung sprach das Phantom: Was erdrückt mich? −
Meine Umarmungen sagte der Schatten, der eingebrannte.
Ihn herunterreißend, rannte das Phantom über die Erde
und steckte sie mit lang andauerndem Tod an.
Es brannte aus sodann nach den Konturen des Schattens
und fiel vor dieser Welt auf die Knie.

In stiller Sehnsucht nach der anmutigen Jugend
sehe ich einen Gedanken, dessen Ende schaurig.
Flimmernd die Erde, ab und an steigt ein Rauch auf,
so wie ein Fetzen des Schreis – eine armselige Wohnstatt.
Um nicht zu verbrennen, setzen sich Vögel auf Schatten,
doch ihre Füße verdorren, denn diese Erde
hat sich verwandelt in eine glühende Wüste.
Und nur einer vermochte sie zu durchqueren,
der seine Ferse mit dem Schatten einer Jungfrau bedeckt hatte.
Aber sein Name war
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaAchilles

Übersetzt von Heinz Kahlau


 

Mit beeindruckender Konsequenz

hat der Lyriker Juri Kusznezow eine romantische poetische Konzeption in die Gegenwart der Breshnew-Ära getragen. Er begnügte sich nicht mit kritischer Alltagsbeobachtung, suchte nicht tagesaktuelle Alternativen, sondern eroberte der Poesie eines ihrer ursprünglichen Felder zurück: Mythos und Utopie. Gewann er das eine aus der russischen Kultur und Geschichte, siedelte er das andere im Raum des absoluten Anspruches an, dabei immer kenntlich werdend als ein Sprecher, der sich am Schnittpunkt beider sieht.

Verlag Neues Leben, Ankündigung

Niemand hat so wie Kusnezow

die Leere, die Ziel- und Sinnlosigkeit jenes Jahrzehnts, das später als das des gesellschaftlichen Stillstandes umschrieben wurde, mit einer solchen geistig-emotionalen Konsequenz des romantischen Aufbegehrens dargestellt, schwankend zwischen Resignation vor der Gegenwart und Kraftgewinn aus dem Mythos der Vergangenheit. Ein romantisches Konzept hat wie schon oft seit dem Beginn des Industriezeitalters Nährboden gefunden. Juri Kusnezow – „der Sänger des zerrissenen Raumes“ für „Die danach“, die „die Löcher der russischen Erde flicken werden“ – ist ein zutiefst russischer Dichter, der seine Wurzeln auch im Bäuerlichen hat, und zweifelsohne ein Mystiker. Seine Poesie ist aber doch ein Zeugnis jener gesellschaftlichen Phase, die mit Kultur- und Idealverlust verbunden wird.

Irana Rusta, Klappentext, 1990

 

Fakten und Vermutungen zum Poesiealbum + wiederentdeckt +
50 Jahre 1 + 2 + 3 + 4 + 5 + 6

 

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