Norbert C. Kaser: es bockt mein herz

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Norbert C. Kaser: es bockt mein herz

Kaser-es bockt mein herz

BESCHNEITES LAND

die fueße sind mir
nicht mehr warm
die großen flocken
verderben in der kneipe

nur laerm der scopaspieler
ist der stille draußen
gleich & das trocknen
meiner fueße

 

 

Nachbemerkung

In Norbert Conrad Kasers Nachlaß fand sich ein Zettel, darauf hatte der junge Dichter den Spruch notiert „la poésie est dans la rue“. Daß sich Poesie auf der Straße finden ließe, war wohl Kasers erste poetische Maxime. Sie konnte sich ausleben in seinen Kalendern und Notizbüchern, worin er eintrug, was ihm gefiel. Wer die Düsternis des realen Lebens leid war, versuchte sich unterwegs. Wer Wahrheit über sein Leben erfahren wollte, mußte Lust haben, utopische und kollektive Welten zu denken. 1968 war der Südtiroler N.C. Kaser einundzwanzig Jahre alt. Viele junge europäische Schriftsteller, deutschsprachige zumal, liebten die unschuldige Haltung mancher nordamerikanischer Dichter der fünfziger und sechziger Jahre, die umherschweifend ihre Verse auf Postkarten, fliegende Blätter oder auf die Notizzettel ihrer Freunde schrieben und wenig Interesse zeigten, so schnell Literaturgeschichte zu werden. Kaser las fremdsprachige Literaturen, womöglich alles, was das Taschenbuchprogramm des Suhrkamp Verlags ab 1964 bot; er las nordamerikanische Dichter, darunter Robert Creely, den Meister reduzierter Sprache, und Charles Olsons spontane Dichtungen.
In einer Rede, die er 1969 vor der „Südtiroler Hochschülerschaft“ in Brixen hielt, polemisierte Kaser gegen die Alten der Südtiroler Literatur, verwies auf den Mangel an guter literarischer Tradition. Volkstümliche, dem Volk sich anbiedernde Literatur war tonangebend, wie Kaser nachwies; nicht volkstümlich zu schreiben galt als Verrat an Südtirol noch mehr als an seiner Literatur. Die Kritik brachte ihm die „aechtung“ seiner Person ein, war aber gleichermaßen Schuld, die er auf sich laden mußte, um eine neue Südtiroler Literatur schreiben zu können: „Südtirol wird eine Literatur haben, wie gut, daß es niemand weiß. Amen.“ Südtirol, bis 1918 Teil des Habsburgerreiches, dann italienisch, Provinz unter Mussolini, bevormundet durch italienische Bürokratie, heute wirklich Südtirol und Alto Adige zugleich. Ein armes Land bis vor wenigen Jahrzehnten und immer gern besucht von Fremden, mit eminentem Einfluß der katholischen Kirche auf Erziehung und tägliches Leben, deutsch- und italienischsprachig, ohne Universität und seit den siebziger Jahren von höchster wirtschaftlicher Prosperität. Kaser hat diese Wirklichkeit in seinem Leben aufgehen lassen. Das hieß Ich sagen in einem Land, wo er im Grunde keine Achtung genoß und dem er nichts zugestand, hieß Austritt aus der Kirche, „da ich ein religioeser mensch bin“, und Eintritt in die Kommunistische Partei, hieß viel unterwegs zu sein. All dies mögliche Ausbrüche vor dem Zugriff der Südtiroler Autoritäten. Soweit war er ein Kind der sechziger Jahre. Kaser suchte eine Lebensalternative, sei es in Kontemplation als Kapuzinermönch (ähnlich dem damals populären nordamerikanischen Dichter Thomas Merton), sei es in Norwegen, dessen Landleben er während der Sommermonate 1970 erprobte, sei es als Lehrer in Südtirol. Den in Vergangenheit und Zukunft schauenden Januskopf, beliebter Anhänger in jenen Jahren und treffendes Symbol der „januskopfkultur“ Südtirols, trug der hagere Dichter am Lederband um den Hals.
Als Neugeborenes wurde Norbert Kaser Pflegeeltern übergeben, zwei Jahre später kam er zur leiblichen Mutter und zum Stiefvater zurück. Seine Familie war ihm eine Riesenwelt des Unbehagens, erfüllt von Drohungen und Repression, wie er in manchen Briefen schrieb. Tanten, Eltern, Lehrer zwangen ihn zu einwandfreier deutsch-südtiroler Identität, sie wollten einen ordentlichen Jungen Norbert Kaser. Bitterkeit und Schärfe im jugendlichen Wort fiel auf sie zurück. Denn Norbert Kaser begann sich zu verweigern, entzifferte mit Nicolas Borns „Ruhe auf dem Lande ist oft stille Wut“ die subtile Bedrohlichkeit solchen Lebens. Bindungslosigkeit verhalf ihm endlich zur Flucht aus dem bindungsgierigen und starren Land, seine Gedichte trugen ihn fort.
Das Eingeständnis, daß nichts sich ereignen könnte im Leben, außer anders zu sein als die anderen, der Makel, unehelich geboren zu sein, abgeschoben in die Pflege durch Fremde, auch Schuldgefühl gegenüber Südtirol durch die Lust auf Heimatlosigkeit, die er beklagte, obgleich sie sein Lebenselixier war, waren Themen Kasers, als er seine ersten Gedichte in Hefte und Kalender schrieb. Folge dieser Themenlast war die Spaltung seines Werkes in einen goetischen Teil der Dichtung, der Prosa und der Briefe und in einen anderen politischer Gegenwelt, für die er später mit Glossen im deutschsprachigen Teil der Tageszeitung Alto Adige focht. Ungern kam Kaser politischen und ästhetischen Forderungen seiner Zeit nach, er lieferte keine stereotypen politisch-literarischen Texte für ein möglichst heterogenes Publikum, sondern schrieb entweder für wenige, gar nur potentielle Leser, poetische Texte oder für Zeitungsleser seine politischen Glossen und faktenbezogene Aufsätze.
Vergnügen fand er dabei, in die Welt des anderen einzudringen, mit seinem Gegenüber zeitgemäß dialektisch zu existieren. Seinem Wiener Freund Christian Alton führte er in seinen Norwegenbriefen Sehnsüchte, Poetiken, Ästhetiken, Lebensformen und Hoffnungslosigkeiten der sechziger Jahre vor. Man konnte sich durch ihn erfahren, sagte einmal die Berlinerin Rosemarie Judisch, die er während eines Kuraufenthaltes in Bad Berka bei Weimar kennengelernt hatte. Dies könnte auch auf Kasers Bedeutung in der Südtiroler Literatur hin gesprochen sein, denn je mehr wir Abstand von Kaser gewinnen, desto deutlicher wird, wie sehr sich Literatur der Generation nach ihm durch ihn erfahren konnte. Vor Kaser gab es in Südtirol kaum deutschsprachige Literatur, die über das Land hinaus besondere Aufnahme fand; von Ausnahmen abgesehen, die kümmerlich oszillierten zwischen dem Minnesänger Oswald von Wolkenstein und dem in Berlin lebenden Franz Tumler. Niemals belastete Kaser seine Literatur mit Spekulationen zur Verbesserung Südtirols. Seinen Adepten und denen, die über ihn staunten, empfahl er sich durch seine Poesie und eine unabhängige Lebenshaltung gerade im elenden Leben. Die Publikationsarten seines Werkes waren recht unterschiedlich, es gab Gelegenheiten, auch im Rundfunk, Texte vorzutragen. Zahlreiche Gedichte und Prosatexte konnte er in Literaturzeitschriften veröffentlichen. „troepfelweis sind die verse mein“, schrieb Kaser wenige Wochen vor seinem frühen Tod 1978 an Rosemarie Judisch. So schwierig war es für ihn in der Tat, seine eigenen Texte zu gewinnen. Die in seiner Wiener Zeit von 1967 bis 1970 entstandenen Sammlungen hat er selbst produziert. Die Texte wurden auf Durchschlägen geschrieben, dann gelocht, geklammert und mit einem kartonierten Umschlag versehen, die Auflage betrug nie über fünf Exemplare pro Sammlung. Ein Exemplar schenkte er demjenigen, dem die Sammlung gewidmet war, eines behielt er für sich und andere schickte er an Freunde. Als er später in Südtirol als Lehrer arbeitete, legte er persönlichen Briefen Hektographien und Durchschläge der Schulgeschichten, Fabeln und anderer Texte bei. Kasers wenige Leser, die Literatur in dieser Mappenform zugeschickt bekamen, wurden gleichzeitig zu Lektoren, zu kritischsten Lesern, hielten sie doch ein Original in Händen. „wir koennten gemeinsam etwas herausgeben: illustrierte lyrik oder sowas der graphische teil waere dein“ – in einem Brief an Irmtraud Mair schlug Kaser einmal die gemeinsame Herstellung eines (dann aber nicht realisierten) Malerbuches vor. Schnell verflüchtigten sich die derart verbreiteten Texte, denn ihnen fehlte der beständige Charakter massenhaft reproduzierter Literatur. Kasers Gedichte, Prosa und Briefe wurden nie zu einem abgeschlossenen Buch, das Gesamtwerk erscheint als work in progress, vollendet mit offenem Ende. Sein Werk war auf Buchlosigkeit, auf Verbreitung durch den Dichter selbst hin angelegt. Deshalb gelangte seine Literatur auch nicht in den damals heftig kritisierten ökonomischen Zusammenhang des Literaturbetriebs. Beinahe alle Texte, die wir heute lesen können, waren nie dem korrigierenden Blick eines Verlagslektors ausgesetzt.
1975 sollte Kaser in einer psychiatrischen Anstalt in Verona von der Trunksucht befreit werden. Typisch für ein biographisches Repertoire des Andersseins in den siebziger Jahren war die psychotherapeutische Behandlung. Da sich seine Biographie in Literatur verwandelt hatte, konnte Kaser den hilfswilligen Rückschluß des Arztes von Biographie auf Krankheit so ernst nicht nehmen: „tut mir leid, aber meinem kopf fehlt einfach nichts“, antwortete der Dichter dem Arzt; dem nicht der Einfall kam, die Texte des Dichters zu befragen, um seinen Patienten besser kennenzulernen. Über ihren schlimmen Gegenstand sagt die Originalsprache demütigender Erziehung sehr viel weniger als die Dichtung; um wieviel kann denn auch die poetische Sprache mehr erzählen als ein Bericht über den täglichen Rapport an die Eltern. „Dieser Kopf hatte Vorkehrungen zu treffen, er hatte projektiv seinen Wahrnehmungshunger zu stillen, er hatte aber auch, vom Neuen als Fluchtweg zurückkehrend in der Erinnerungsarbeit sich neue Fluchtwege und Fluchtbewegungen offenzuhalten in Sprache und Text“, schrieb der Südtiroler Germanist Elmar Locher über die poetischen Rückzugsmöglichkeiten in den Bau individueller und kollektiver Erinnerungen.
Invektiven wollte Kaser der offiziellen Südtiroler Sprache antun, indem er sie einfach nicht verwendete. Weil er deren durchtriebene, „verrückte“ Rhetorik verachtete, verletzte sich seine Literatur nie an den Plattitüden eines volkstümlichen Sprachgebrauchs. Nur eine reflektierte, literarische Sprache gedachte er zur Verwendung im Kopf zu haben und von sich herzugeben. Wenn Bestechlichkeit und Deformierung der Sprache durch moralische Autoritäten wie Kirche oder Südtiroler Presse ein Ende hätte, dann, so war sich Kaser sicher, kämen Intellektualität und Ausdrucksreinheit in der Südtiroler Mundart wieder zum Vorschein. In seinem subjektiven Ton beförderte er niemals einen wie auch immer bestimmten moralischen Imperativ dieser Instanzen. Dialekt hätte dem Poetischen seiner Dichtung das Transzendieren genommen, solche Dichtung hätte sich in der Region verirrt, aus der ihr Urheber doch fliehen wollte. Kaser, als Dichter einer kleinen, regionalen Literatur, legte Wert auf „gutes deutsch“, wie er schrieb, ohne freilich selbst die süddeutsche Sprachfärbung zu verlassen. Damit hielt er sich die Option auf die Verwendung einer gereinigten Südtiroler Mundart offen, versuchte dahingehend sogar für seine Schüler eine Grammatik zu formulieren. Selten benutzte Kaser die italienische Sprache, sie war ihm fremde Nähe. Sein Blick auf die italienischen Mädchen in „erstkommunion oder die gewaltsame begegnung mit gott“ (1975) verrät die Reflexion des Dreißigjährigen über verhaltenes, jungenhaftes Interesse an Italienischem und insgeheime Verehrung von Pracht und Sentimentalität. Wenige Jahre früher schrieb Kaser „fanciulla romana“ („mädchen aus rom“), späte Verklärung jugendlicher Italiensehnsucht, er ließ Poesie in einer Gestimmtheit sprechen, die er im Deutschen nicht hören mochte, da ihm die Muttersprache in ihrer Ernsthaftigkeit doch zu nahe war. Mancher Grammatikfehler schlich sich in die italienischen Gedichte ein, verlieh ihnen den Klang anrührenden Mutes. Dieses Experiment betrieb er auch ohne wirkliche Sprachkenntnisse im Norwegischen, denn er fühlte sich im Fremden wohl.
Kaser maß seiner Korrespondenz den Rang einer literarischen Gattung zu. Die vorgenommene Literarisierung der meisten seiner Briefe war eine Konstruktion zur Umwandlung von Lebensschreibung und Dialog in poetische Prosa. In den Lyriksammlungen reflektieren sich Bilder und Themen der sechziger und siebziger Jahre, Szenen der Großstadt werden poetische Bilder, deren Einstellungen von einem Menschen des Landes vorgenommen sind. Ereignisse, Lektüren, Imaginationen, Empörungen, politisierte Lebensformen bilden sich auf dem Film des Südtiroler Kopfes ab. Ton und Sprachduktus lassen vernehmen, wohin der Dichter die Bilder ausgesandt hat: zurück nach Südtirol, zu Lesern, die er sich vorstellte. Kaser hätte in den siebziger Jahren auch weiterschreiben können in den etwas plakativen Stimmungen der „klampflaute…“, dieses poetische Experiment reichte gerade für die Wiener Zeit. Denn wichtig war dem Unsteten der Wechsel von Gattungen, Themen und poetischen Verfahren. In der Prosa griff Kaser auf Sagenmotive zurück (z.B. in „die koechin eines pfarrers“), die vom offiziellen Südtirol entweder vergessen oder zu Urigkeit verballhornt wurden. „die gans“, „karapoff“ oder „eine kuh“ sind Texte, die er für seine Schüler verfaßte. Die Aufnahme von Fabelmotiven des russischen Dichters Ivan Krylov (1769-1844) griff in politische Sphären ein, „der einsiedler und der baer“, in Weimar geschrieben, erzählt über das Verhältnis der DDR zur Sowjetunion. Kaser inszenierte gerne poetische Aktionen. Der erste Schritt war die unbedingte Kleinschreibung, die er um 1967 mit den Versen „wie anderswo / um die großschreibung steht es schlimm“ einführte. Mit dieser Eigenart als Südtiroler wurde Kaser zum italienischen „welschen“ Dichter und markierte zugleich sein Zuhause im Kontext der Dichtung der sechziger Jahre. Zweiter Schritt war die Verwandlung von Wirklichkeit in Aktionen des Fiktiven; in „gaenseklein:“, einem 1977 in Südtirol entstandenen Gedicht wird im Ton einer Aktionsanweisung der Mantel des Heiligen mit den Innereien einer Gans, dem traditionellen Gericht des Martinstages, durch den Fleischwolf gedreht. Eine Metapher für das Zerlegen, gar Zerbrechen von Sprache und für den vorläufigen Abschied von der Schrift, vom Dichter als unbedingte kulturelle Purgierung vorgeführt. „Um die Weihe von den Traditionen zu nehmen, damit der Dichter mit ihnen wieder existieren und arbeiten kann“, beschrieb Benedikt Sauer die Hinwendung des Südtirolers zu Stoffen der Volkskultur; Liebe zu ihr bewies Kaser erst durch die rituelle Tötung des heiligen Mantels und der Gans. Kaum etwas hat in den siebziger Jahren größere Auseinandersetzung mit solchen Themen initiiert als die Veranstaltungen des Wiener Aktionismus, mit denen Künstler versuchten, von der Gesellschaft verhängte Tabus aufzuheben. Intuitive Gesten und rituelle Handlungen beherrschten diese Aktionen; mit „wer’s macht / der kann’s“ signierte Kaser „gaenseklein:“, Verweis auf seine Poetik, die sich zum Gedicht machte, was andere auf der Straße, im Volk, liegen ließen.
„in der dichte des gestruepps aus wort“ klingt Kasers Dichtung der Kargheit, ein leptosomer Typ war er auch in der Sprache. Im Nachlaß fand sich kein Fragment einer Erzählung oder eines Romans. Wie schwer hätte er auch an solch einem Vorhaben getragen. Der Dichter mußte sich beweglich halten, mit seinen Texten sich zum Überleben disziplinieren. In Prosa, Poesie und Briefen hat Kaser sich so ausdrücken können, daß er sich als lebendig bezeichnen konnte.

Christian Pixis, Nachwort

 

Editorische Notiz

Die Auswahl der Gedichte wurde chronologisch von den letzten Gedichten zurück zu den dichterischen Anfängen von Kasers geordnet. Diese Ordnung hat auch Sigurd P. Scheichl in der Haymon-Ausgabe 1988 vorgenommen.
Ausgewählte Gedichte aus den von Kaser selbst zusammengestellten Sammlungen wurden grundsätzlich im jeweiligen Zusammenhang belassen. Das Gedicht „scherzo 11“ wurde aus Gründen der Übersichtlichkeit in die „Sammlung ohne Titel“ aufgenommen, obwohl es erst 1972 entstanden ist.

Reclam Leipzig

 

 

Fakten und Vermutungen zum Herausgeber
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