nureins

Mashup von Juliane Duda zu der Einblattserie nureins

nureins

IN DER FREIHEIT

Ob, was war, auch wirklich wahr ist?
Gitterfenster, Gittertür?
Ich vergaß – das Herz vergaß nicht
Die Erniedrigung zum Tier.
Heute noch schlägt wie an Gitter
Es ans Leben ausgebrannt,
Ausgemergelt, ausgewittert –
So schlägt nur die Zitterhand.
Und ich hör bei diesem Pochen
eine Stimme, die nie schweigt.
„Denk daran!“ – „Ununterbrochen!“
Denn: was war, ist wahr – und bleibt.

Olga Berggolz

 

 

Blätter für Lyrik, Erstdrucke, Benn und Lolini

Ein Wissenschaftler der Uni Potsdam, Dr. Kilian, bespricht den Gedichtband von Attilio Lolini Lange Treue der Obszönität die man Leben nennt, eine deutsche Erstveröffentlichung der Edition Raute. Er wirft zwei Fragen auf.

Frage eins: Warum ein Präsens im Titel, statt eines „passato remoto“?
Eine ganz einfache Antwort Herr Dr. Kilian: Es ist davon auszugehen, dass der Übersetzer Dr. Christoph Ferber, der auch für seine fulminanten Montale und Quasimodo Bände mit dem hochdotierten Schweizer Lyrikpreis ausgezeichnet wurde, der italienischen Sprache, zumal er ständig auf Sizilien lebt, in all ihren Feinheiten mächtig ist. Die Unkenntnis eines „passato remoto“ war es nicht, es war eine Absprache zwischen Lolini und Ferber, des Sprachklanges wegen, die so zum Titel führte.

Frage zwei: Wieso ausgerechnet im ersten deutschen Lolini Band das Gedicht „Benn“ fehlt?
Die Frage ist berechtigt. Ich, als Herausgeber, dachte mir, Lolini entsprechend, dieses Gedicht in einer der von ihm bevorzugten Kleinauflagen, eines Plaquettes, gesondert herauszubringen. Eine Anregung für diese Form bildete auch der im Dritten Reich gegründete Kleinverlag Heinrich Ellermanns „Das Gedicht – Blätter für die Dichtung“, der ganz bewusst die offiziellen Kunstdoktrin umschiffte, die Blätter frei von nationalsozialistischer Parteilyrik hielt und auch verfemten Künstlern, wie Heym, Stadler, Trakl, Engelke und sogar Yvan Goll (unter dem Pseudonym Johannes Thor) bis in die Kriegsjahre hinein ein Podium schuf. Gottfried Benn übergab nach seiner offiziellen Ächtung Heinrich Ellermann ebenso Gedichte zum Erstdruck.

Einige Zeit verging auf der Suche nach der geeigneten Form. Die Idee einer Variante des Einblattdruckes  traf mich. Das entsprechende Büttenpapier fand sich, die Idee der Reihe „nureins“ entstand. Somit konnte die Produktion beginnen. Christoph Ferber war wie immer ein zuverlässiger Lieferant hochwertiger Übertragungen für deutsche Erstveröffentlichungen.

nureinseins:    aaa   Attilio Lolini (geb. 1939) „Benn“ – Sonderausgabe mit einem
aaaaaaaaaaaaaaaaeingeklebten getrockneten Blatt vom Grabe Benns.

nureinszwei:   aaa   Marina Zwetajewa  (1892–1941) 47 – aus dem Zyklus „Für A. Achmatowa“
aaaaaaaaaaaaaaaavom 14. August 1918

nureinsdrei:              Olga Berggolz (1910–1975) „In der Freiheit“
aaaaaaaaaaaaaaaaentstanden nach ihrer Einkerkerung durch den NKWD 1939

nureinsvier:               Natalija Gorbanewskaja (1936–2013) russische Menschenrechtlerin
aaaaaaaaaaaaaaaaund später Exilrussin in Paris „o.T.“ 1972

nureinsfünf:              Anna Achmatowa (1889–1966) „Elegie zum Frühjahrsbeginn“ 1963

nureinssechs:          Olga Berggolz (1910–1975) „o.T.“ 1939

nureinssieben:         Bartolo Cattafi (1922–1972) „Trugbild“ 1971
aaaaaaaaaaaaaaaaDer heute fast vergessene italienische Dichter
aaaaaaaaaaaaaaaabrachte nach dem Krieg 10 beachtete Gedichtbände heraus

nureinsacht:             Irina Knorring (1906 im Gouvernement Samara geboren, 1920 ist sie mit dem
aaaaaaaaaaaaaaaaVater, einem „literator“ über Konstantinopel nach Tunesien geflüchtet,
aaaaaaaaaaaaaaaawo sie die Schule beendet hat. Seit 1924 lebte sie in Paris,
aaaaaaaaaaaaaaaaHeirat 1928, lebte in Armut, war diabeteskrank, starb 1943.
aaaaaaaaaaaaaaaaDrei Lyrikbände, einer nach dem Tod erschienen.) „o.T.“ Paris, o3.03.1942

nureinsneun:           Marina Zwetajewa  (1892–1941) 47 – aus dem Zyklus „Für A. Achmatowa“ 
1916

nureinszehn:          Giovanni Giudici (1924–2011) Italienischer Journalist, Redakteur, Autor
aaaaaaaaaaaaaaaund Übersetzer (aus dem Englischen und Russischen. Puschkin, Pound, Plath)
aaaaaaaaaaaaaaa„In einem öffentlichen Park“ 1967
aaaaaaaaaaaaaaa[Fehlauflage unter Giovanni Giuduci]

nureinself:               Iwan Bunin (1870–1953; 1933 Nobelpreis für Literatur)
aaaaaaaaaaaaaaa„Lied“ entstanden um 1905,
aaaaaaaaaaaaaaaBunin sprach das Gedicht 1910 auf Tonträger/Schallplatte ein

nureinszwölf:        Marina Zwetajewa  (1892–1941) 47 – aus dem Zyklus „Schlaflosigkeit“ 
1916

nureinsdreizehn: Alda Merini (*21.3.1931 Mailand; † 1.11.2009 ebda.) war eine italienische Poetin und Romanautorin.
aaaaaaaaaaaaaaGedicht aus dem Zyklus Letter Ai Figli / Brief an die Kinder it./dt. ca. 1995
aaaaaaaaaaaaaaAus dem Italienischen Christoph Ferber

nureinsvierzehn bis nureinsX sind in Vorbereitung.

Holger Wendland

 

Eine unikale Kollektion von Preziosen

Der Dresdener Verlag Buchlabor (Edition Raute), den der Projektkünstler und Publizist Holger Wendland leitet, ist eine gute Adresse für alle, die auf der Suche nach exquisiten Übersetzungen moderner Lyrik sind. Wendland realisiert seit über zwanzig Jahren internationale Kunstprojekte, vorzugsweise mit den Schwerpunkten Osteuropa und Kaukasus. Einige seiner Pionierleistungen haben wir in Osteuropa schon vorgestellt, so die Schwarze Reihe, in der Erstausgaben von Autoren wie Zinaida Hippius, Vjačeslav Ivanov, Konstantin Balmont und David Samojlov erschienen sind, und die bibliophile Edition 21 mit Texten von Vladimir Solovev und Osip Mandelštam. Wendlands jüngstes Projekt ist die Reihe NUREINS, internationale Lyrik, präsentiert mit jeweils nur einem Gedicht, auf Bütten beidseitig gedruckt und gefalzt. Alle bisher dort veröffentlichten Gedichte wurden von Christoph Ferber aus dem Russischen oder Italienischen übersetzt.
Jedes Gedicht der Reihe NUREINS ist von einem spezifischen Gewicht, hat eine besondere Bedeutung im Gesamtwerk oder in einer bestimmten Schaffensperiode des jeweiligen Autors. Die Reihe, die mit dem um 1985 entstandenen Gedicht Benn des avantgardistischen Italieners Attilio Lolini beginnt, umfasst zum gegenwärtigen Zeitpunkt auch neun Gedichte von sechs russischen Autoren. Drei dieser Texte stammen von Marina Cvetaeva (1892–1941). Am 14. August 1918, nach einem Spaziergang mit Tochter Alja in Fili, entstanden die filigranen Verse „Gedichte sind wie Blumen, sind wie Rosen, / Sie wachsen wie die Schönheit: einfach so!“. Aus dem Zyklus „Für Achmatova“ stammt das am 2. Juli 1916 geschriebene Gedicht „Du verfinsterst mir die Sonne, / Alle Sterne sind in deiner Hand!“, in dem sich das zeitlebens angespannte Verhältnis zwischen den beiden Dichterinnen niedergeschlagen hat. 1916 schuf Cvetaeva die 11 Gedichte des Zyklus „Schlaflosigkeit“, aus dem NUREINSZWÖLF diese poetische Übersetzung anbietet:

Zärtlich hat’s im Fichtenbaume
Mal getuckert, mal getickt.
Da: ein Kind mit schwarzen Brauen
Hab im Traume ich erblickt.

Anna Achmatova (1889–1966) ist in der Reihe mit der „Elegie zum Frühjahrsbeginn“ von 1963 vertreten. Einen starken Eindruck hinterlassen zwei Beiträge von Olga Berggolc (1910–1975), einer Leningrader Dichterin, die nur in den unveröffentlichten Teilen ihres Tagebuchs sagen konnte, was sie wirklich dachte. Berggolc wurde 1938, nach der Erschießung ihres ersten Mannes, des Lyrikers Boris Kornilov, verhaftet. Die Prügel der KGB-Schergen lösten eine Totgeburt aus. 1939 rehabilitiert, trat sie wenig später unter großem psychischen Druck in die Partei ein. In dem Gedicht „In der Freiheit“ vom September 1939 fragt das lyrische Ich, das seine „Erniedrigung zum Tier“ nicht vergessen kann: „Ob, was war, auch wirklich wahr ist?“ 1939 entstand NUREINSSECHS, ein Gedicht der Berggolc ohne Überschrift:

Mein Maßstab fürs Schweigen
Waren Jahrzehnte.
Und es drückt wie ein Siegel
Dafür, dass ich alles
Gesehn – und geschwiegen,
Bin heute ich – wer?
Ach, schweigen wir lieber!

Die russische Exillyrik ist in der Reihe NUREINS bisher mit drei Gedichten vertreten. Irina Knorring (1906–1943), die ab 1925 in Paris lebte und dort zwei Lyriksammlungen herausbrachte, schuf 1942 das Gedicht „Die Straßenlaternen stehn finster“, das NUREINSACHT als ihre erste Übersetzung in Deutschland vorstellt. Als Angehörige der Dissidentenbewegung wurde Natalja Gorbanevskaja (1936–2013) im Samizdat bekannt. Ihre frühe Lyrik kam in Frankfurt am Main (1969), Ann Arbor (1973) und Bremen (1975) heraus. Ab 1976 arbeitete Gorbanevskaja in der Pariser Redaktion der Zeitschrift Kontinent. NUREINSVIER enthält ihr Gedicht „Nenn mich nicht jemand und etwas“ (1972), in dem das lyrische Ich selbstbewusst seine Protesthaltung vorträgt. Von Ivan Bunin (1870–1953), dessen Lyrik auf Deutsch bisher nur in dem schmalen Bändchen Gedankenspiele (2003 bei Pano Zürich) vorliegt, hat Ferber das ausdrucksvolle Lied von 1905 ausgewählt. Die Reihe NUREINS ist erweiterungsfähig und wird gewiss ihre Liebhaber finden.

Karlheinz Kasper: Wiederentdeckte Sprachkunst, Russische Literatur in Erst- und Neuübersetzungen 2014, Osteuropa, Heft 11/12, November/Dezember 2014

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