Peter Demetz: Zu Franz Kafkas Gedicht „Kühl und hart“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Franz Kafkas Gedicht „Kühl und hart“ aus Franz Kafka: Gesammelte Werke in acht Bänden. Band 8: Briefe 1902–1924. –

 

 

 

 

FRANZ KAFKA

Kühl und hart

Kühl und hart ist der heutige Tag.
Die Wolken erstarren.
Die Winde sind zerrende Taue.
Die Menschen erstarren.
Die Schritte klingen metallen
Auf erzenen Steinen,
Und die Augen schauen
Weite weiße Seen.

In dem alten Städtchen stehn
Kleine helle Weihnachtshäuschen,
Ihre bunte Scheiben sehn
Auf das schneeverwehte Plätzchen.
Auf dem Mondlichtplatze geht
Still ein Mann im Schnee fürbaß,
Seinen großen Schatten weht
Der Wind die Häuschen hinauf.

Menschen, die über dunkle Brücken gehn,
aaavorüber an Heiligen
aaamit matten Lichtlein.

Wolken, die über grauen Himmel ziehn
aaavorüber an Kirchen
aaamit verdämmernden Türmen.
Einer, der an der Quaderbrüstung lehnt

und in das Abendwasser schaut
die Hände auf alten Steinen.

 

Im Drang nach Zuflucht und Zweisamkeit

Ob das ein Gedicht ist, oder zwei oder drei, darüber läßt sich trefflich streiten – nicht über den Verdacht, daß sich der zwanzigjährige Franz Kafka noch in diesem oder jenem poetischen Idiom übte. Es ist jedenfalls das älteste lyrische Bruchstück, das sich in einem Briefe vom 9. November 1903 erhalten hat. Kafka schrieb damals an seinen Schulfreund Oskar Pollak, noch vom Gymnasium her, von „einigen Versen“, die er „in guten Stunden lesen“ möge.
Die erste Strophe mit ihren Satzreihungen, Dingen und Menschen im Plural und der apokalyptischen Unwirtlichkeit der Stadt erinnerte spätere Kommentatoren an den frühen Expressionismus; und in den „zerrenden Tauen“ hallen noch Hölderlins „klirrende Fahnen“ nach. Die folgende zweite Strophe ist eine lyrische Katastrophe, denn Kafka wandelt deutschtümelnd und „fürbaß“ durch adrette Verkleinerungsformen, wie er sie zu jener Zeit in der lebensreformatorischen Zeitschrift Der Kunstwart zu lesen liebte. Vom Schmarren zur Kunst ist es hier nur ein Schritt, und die dritte Strophe bildet das wunderbarste Gedicht, das Kafka je geschrieben hat.
Mag sein, daß er, der eben zu studieren begonnen hatte, aber noch nicht recht wußte, an welcher Fakultät („ein klein wenig Germanistik, in der Hölle soll sie braten“), seinem Freund Pollak eine kleine Anthologie seiner poetischen Versuche vorlegen wollte, das Schlechte wie das Gute. Die Fragmente, so verschieden die Schreibarten sind, haben etwas Gemeinsames, denn sie sind von der poetischen Bewegung eines winterlichen Spazierganges getragen; und nicht nur Kafka und seine Freunde, auch Spätere kennen den Weg.
Man beginnt am ungeschützten Moldauquai, ausgesetzt den heftigen Winden und mit einem Blick auf den flachen und frostigen Fluß, geht dann quer durch den Altstädter Ring, wo der traditionelle Weihnachtsmarkt mit den üblichen Buden stattfindet, erreicht in wenigen Schritten das „schneeverwehte Plätzchen“ (hier stimmt das Diminutiv, denn es handelt sich um den „Kleinen Ring“) und begibt sich zuletzt zum Kreuzherrenplatz und zur Karlsbrücke, mit den Kirchen und Heiligenfiguren. Endlich, auf der Brücke, hält der Spaziergänger mit einer Geste inne, in welcher seine ruhelose Bewegung ihr beruhigteres Ziel findet, „die Hände auf alten Steinen“.
Aus drei mach eins? Nicht ganz, aber zumindest zwei der Strophen, Anfang und Ende, arbeiten mit einer Formelhaftigkeit, die nicht zu überhören ist, die erste aufgefüllt durch analoges Vokabular (Wolken/Menschen erstarren) und in der dritten, die Konstruktion mit dem Relativsatz, das wiederholte „mit“ und „vorüber“. Ich finde die entscheidendere Verknüpfung der drei Strophen, so verschiedenartig sie sind, in der Gestalt des tragischen Flaneurs selbst – als ob Kafka die Absicht gehabt hätte, dem Freunde seine Einsamkeit anklagend entgegenzuhalten. Anfangs ist der Spaziergänger noch in der Anonymität der Menge verborgen, wird dann zu einem „Mann“ auf dem Wege durchs Getriebe (sein „großer Schatten“ über die Häuserfronten geworfen, als ob ein expressionistischer Filmregisseur die Frage stellte, was dieser Ahasver auf dem Christkindlmarkt suche) und zuletzt der „Eine“, immer vorüber an Kirchen und Heiligen, im Drang nach Zuflucht, Zweisamkeit und erlösender Berührung, die er nur findet, indem er seinen Körper gegen die Brückenquadern lehnt und die Hände sanft auf die alten Steine legt.
Das Gedicht, alle seine Strophen, ist ein Weg durch Frost und Fremdheit, und es will den Freund fragen: Ich suche Trost, Nähe und Wärme, und wo bist Du, lebendiger Mensch? Es ist eine Frage, die Kafka noch lange in seinen Schriften und in seinem Leben wiederholen wird.

Peter Demetzaus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Zweiundzwanzigster Band, Insel Verlag, 1999

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