SAID: Psalmen

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von SAID: Psalmen

SAID-Psalmen

herr
schenke den verstummten deine stimme
so wächst dann
aus ihrer betrachtung die rebellion
und gib
daß ich diesem drang eine form verleihe
damit ich die unruhe der gischt
und das harren der grashalme begreife

 

 

 

Ein Nachwort

Psalmen sind alt. Teils verstreut in den erzählenden Partien der hebräischen Bibel, teils zu eigenen Büchern – dem Psalter – zusammengefaßt, reichen sie mit ihren Anfängen wenigstens drei Jahrtausende zurück. Da der Psalter in christlicher Zeit in die Liturgie und das Gebetsleben einbezogen und durch zahlreiche Neudichtungen erweitert wurde (so das Magnifikat, das Nunc dimittis, das Benediktus und die Psalmengesänge der Meßliturgie), umfassen die Psalmentexte jüdischen und christlichen Ursprungs insgesamt einen Zeitraum von dreitausend Jahren – wohl die umfänglichste Zeitspanne für ein noch in Gebrauch befindliches Textcorpus geistlicher Sprache überhaupt. Psalmos (gr.) heißt Lied. Die griechischen Bibelübersetzer wählten dieses Wort der Musiksprache, weil die hebräischen Psalmen nicht nur gebetet, sondern auch gesungen, möglicherweise auch von Instrumenten begleitet wurden. Das klingt noch in Joachim Neanders deutschem Kirchenlied „Lobe den Herren“ (1680) an: „Kommet zuhauf, Psalter und Harfe, wacht auf!“ –

Die Psalmen waren… Lied, Dichtung und Gebet zugleich. Aus dem Gottesdienst Israels hervorgegangen, wurden sie zunächst nur gesungen, im Gesang auch überliefert und erst nach einer langen Zeit mündlicher Überlieferung schriftlich festgehalten und gesammelt. Die Art des kultischen Psalmengesanges der alten Hebräer kann heute kaum noch rekonstruiert werden, dennoch müssen wir uns diesen Zusammenhang mit der Musik und dem Gottesdienst vergegenwärtigen, wenn wir die Psalmentexte lesen.
(Inka Bach, Helmut Galle: Deutsche Psalmendichtung vom 16. bis zum 20. Jahrhundert, 1989)

Die Psalmensprache ist eine universelle Grammatik religiös inspirierter Dichtung. Sie bildet ein Muster für das nie endende, oft jubelnde und anbetende, oft angstvoll klagende, nicht selten auch zornig anklagende Gespräch des Menschen mit Gott. Psalmen sind zugleich eine der ältesten Formen der Verbindung von Sprache und Musik. Ihr Wortschatz umfaßt alle Bereiche des menschlichen Lebens – wir hören keineswegs nur hymnische Töne, Ausdrücke des Entzückens, der Verklärung, auch das Lastende, Bedrückende des Daseins kommt zu Wort. Die Psalmensprache ist der Prosa näher als der (traditionellen) Lyrik. Sie verzichtet auf den Reim (nicht auf die Assonanz, die Alliteration). Nimmt man hinzu, daß die Psalmen alle Erfahrungen, Gefühle, Stimmungen widerspiegeln, die Menschen unterschiedlicher Zeiten und Lebenslagen beim Blick auf den Himmel überfallen können, so wird verständlich, weshalb die Psalmensprache im Lauf der Zeit eine so erstaunliche Bestandskraft und Dauer, aber auch eine so ungewöhnliche Wandlungs- und Anpassungsfähigkeit entwickelt hat.
Das gilt auch für die immer neuen Eindeutschungsversuche. Auch sie umspannen ein breites Spektrum, vom Pathos bis zum Alltäglichen, vom Hymnischen bis zum Prosaischen, vom Archaisch-Fremden bis zu vielfältigen Versuchen der Modernisierung in der Gegenwart. Martin Luther hat nicht weniger als drei vollständige deutsche Psalter erstellt – der Psalter war ihm, gut augustinisch, eine „kleine Bibel“. „Auf das, wer die gantzen Biblia nicht lesen kündte, hätte hierin doch fast die gantze Summa verfasset in ein klein Büchlin.“ Die Psalmentexte hinterließen breite Spuren in der deutschen Literatur – und ebenso in der Musik. Aus jüngerer Zeit seien die bekannten Neuübersetzungen Romano Guardinis (1950), Martin Bubers (1958) und Arnold Stadlers (1999) genannt.
Die Psalmen als Sprache der Juden und Christen – sind sie auch die Sprache der Muslime? Sind sie ein Gemeingut der drei abrahamitischen Religionen, ein gemeinsamer Vorrat ihrer Poesie? Ganz offensichtlich nicht – oder sagen wir vorsichtiger: noch nicht. Wohl gibt es – vom europäischen Standort her gesehen – formale Berührungen zwischen der Dichtung der Hebräer und der Altorientalen: die Fülle der Bilder, der Vorrang des Gesprochenen und Gesungenen, die Schwere der gutturalen, palatalen und velaren Laute, die befeuernde rhythmische Kraft. Doch stärker sind die Unterschiede. Vor allem die Erhöhung des Arabischen zur heiligen Sprache, zum Gefäß des „unerschaffenen Wortes Gottes“ im Islam schuf Abgrenzungen und eine Hierarchie unter den orientalischen Sprachen – und richtete erst recht Barrieren auf zur Sprache der Hebräer, zur jüdischen und christlichen Bibel. Gibt es etwas Ähnliches wie „Psalmen Davids“ im Koran? Man kann sich Auslegungen, die in diese Richtung gehen einstweilen noch – kaum vorstellen.

Mohammed wehrte sich heftig gegen die Behauptung, ein Dichter zu sein, obgleich die klingende Reimprosa und die kühnen Bilder seiner frühen Offenbarungen den Vergleich nahelegten.
(So Annemarie Schimmel im Nachwort zu: Lyrik des Ostens, hg. Von Wilhelm Gundert, Annemarie Schimmel und Walter Schubring, 1952)

Es ist ein beherzter, fast verwegener Versuch, Psalmen aus islamischem Geist in heutiger Sprache zu ersinnen und sich mit ihnen an ein zeitgenössisches Publikum zu wenden. Der aus Persien stammende, deutsch schreibende Lyriker SAID wagt als erster diesen Versuch. In 99 Psalmen – fast alle mit dem Anruf „herr“ beginnend und dadurch zur Einheit zusammengefaßt – läßt SAID Gefühle, Erfahrungen, Stimmungen anklingen, wie sie sich auch in den biblischen Psalmen finden: von Erhebung, Lob, Dank, Begeisterung, Jubel bis zum Ausdruck der Melancholie, der Klage und Anklage, der Zerknirschung und Verzweiflung, manchmal des Aufschreis und der Lästerung.
Es sind moderne, heutige Psalmen, nicht archaisierend, sondern gegenwärtig, nicht überquellend von Bildern, sondern nach dem knappsten Ausdruck suchend, nicht elegisch mit Gott Zwiesprache haltend, sondern ihm Aug in Aug gegenübertretend. Oft ist der Ton spielerisch, an Bilder von Paul Klee erinnernd: „… auf dem blechernen fensterbrett laufen engel umher / stolz auf ihre nutzlosigkeit! und rufen neue götter aus.“. Engel befragen jeden Mond „nach einem gott! der schön ist und breschen ins meer schlägt / nasse pilger empfängt und / maulbeerbäume mit salzfischen versöhnt“. Dann wieder verdichtet sich der SAIDsche Psalm zu einem nachdrücklichen Gebet (ein Wort, das häufig vorkommt und ein Kontinuum bildet): „… jemand muß für uns beten / oh herr / damit der fluch der leeren gebete aufhöre“. „… ich aber vertraue meinem gebet / dem alten brandstifter“.
Heimlich paktiert der Autor mit Gott gegen die „gottesbesitzer“. Er sucht einen Gott, „der uns mit seiner vernunft nicht erstickt“. Im Gespräch mit dem „herrn“, dem der 99fache Anruf gilt, schlägt der Dichter neue Töne an. Er psalmodiert mit Gott auf unverwechselbare Art, im Tonfall unseres Jahrhunderts. Seine reimlosen Anrufungen sind weit entfernt von der alten Unterwürfigkeit des Menschen, der vor Gottes Majestät „im Staub liegt“ – aber ebenso meiden sie den seit Rilke und Brecht in vielen säkularisierten Psalmtexten allzu üblich gewordenen kumpelhaften Duzton. Denn der Gott dieser Psalmen ist ein abgründiger Gott – ein Gott nach Auschwitz, Hiroshima, Srebrenica. Auf ihn läßt sich nicht einfach bauen. Er ist selbst schutzlos – kein Schutzwall mehr. Doch ist er „vielleicht ein kiesel / den ich stets in der tasche trage“. „siehe herr / ich schweige nicht / aber bist du meines wortes würdig?“.
SAID bezeichnet sich nicht als Moslem und nicht als Gläubigen. Er hat Persien früh verlassen, Gewalt im Islam ist ihm aus eigener Erfahrung bekannt, von der europäischen Welt, in der er seit Jahrzehnten lebt, hat er Geduld und Toleranz gelernt. Doch die ältere Welt, in der er aufwuchs, läßt ihn nicht los, die islamische Kindheit bleibt Teil seines Gedächtnisses und seiner Poesie. Unvermittelt heißt es im Psalm auf Seite 89: „… laß mich dem gott der kindertage treu bleiben / der licht und linderung spendete / und uns erhörte im niemandsland / zwischen ankunft und flucht“. So ist er legitimiert, eine Brücke zu schlagen zwischen Kulturen und Sprachen, Religionen und Gottesbildern. Die alten Psalmen hat er neu gehört, er hat sie neu gedichtet für unsere Gegenwart.

Hans Maier, Nachwort

Seit langem schreibt SAID,

der eine unkonventionelle und nicht-konfessionelle Spiritualität sucht und um sie ringt, Psalmen. Die biblischen Psalmen, die die gesamte geistliche Dichtung bis heute prägen, haben Vorbilder in der altorientalischen Literatur, und wer könnte sich mehr berufen fühlen als SAID, dessen lyrische Sprache immer auch von der persischen Tradition zehrt, diese uralte Form des religiösen Gesangs und Gebets auf eine zeitgemäße Art aufzugreifen und mit neuem Sinn zu füllen?
Nichts in seinen Psalmen ist selbstverständlich, auch nicht das Verhältnis zum angerufenen Gott, alles ist radikal offen und neu. SAIDs Psalmen lassen niemanden kalt, und sie lassen nichts aus, nicht die Katastrophen und Konflikte der Geschichte, nicht die Sprache der Gegenwart, nicht die Nöte des Alltags, nicht die Lust, die Sehnsucht, die Angst vor dem Tod.
Nach dem Ende der großen Utopien, einem weltweiten Sieg des Marktes und den Weltmächten und Weltkonzernen ausgesetzt, sehnen sich nicht wenige Menschen nach einem Sinn jenseits des Konsums und des Körpers, und viele greifen zurück auf konventionelle Traditionen und Rituale, auch der Religion, obwohl sie hoch anfechtbar sind. SAID bewegt sich mit seinen Psalmen in einem Raum des Religiösen, der offen bleibt für alle Fragen, die wir hier haben, und er lässt keine dieser Fragen aus.

Verlag C.H. Beck, Klappentext, 2007

 

Gebete gegen die Gottesbesitzer

Herr
rühme mich
denn ich habe viel ausgehalten
ohne ein zeichen von dir
vielleicht bist du nur das echo von meinem schrei
doch dann hilf mir
aus meiner klage ein lied zu machen
an dem sich kommende fremde erwärmen können.

In 99 Psalmen ruft Said, der Münchner Dichter persischer Herkunft, einen unbekannten Gott an. Zornig, demütig, klagend, bittend, zweifelnd. So wie die Verfasser der Psalmen in jüdisch-christlicher Tradition es schon vor 3000 Jahren taten. Eine Tradition, die bis in die Neuzeit hinein Einfluss auf die religiös inspirierte Literatur und Musik hatte.
Saids Psalmen folgen einer eigenen, radikalen Dialektik. Jedes dieser kleinen Gebete ist eine Überraschung, irritierend-schön, und Ausdruck einer Suche nach Sinn und Erlösung in einer Zeit nach Auschwitz, Hiroshima, Srebrenica und dem weltweiten Sieg des Marktes. Strenggläubige mögen sich vor den Kopf gestoßen fühlen, doch, so schreibt der ehemalige Bayerische Kultusminister und frühere Vorsitzende des Deutschen Katholikenrats, Professor Hans Maier, im Nachwort der Psalmen-Sammlung: „Heimlich paktiert der Autor mit Gott gegen die Gottesbesitzer.“
Said hat Teheran im Alter von 17 Jahren verlassen. Viele seiner Freunde wurden von den Schergen der islamischen Revolution ermordet, einer Revolution im Namen Gottes. Er selbst wuchs in einem liberalen Elternhaus auf, wo Mädchen in Miniröcken neben der „stockreligiösen“ Großmutter beim Abendbrot saßen. „Ich gehe in keine Kirche und keine Moschee“, sagt Said, der sein Verhältnis zur Religion seiner Kindheit sehr erhellend in dem Band Ich und der Islam (2005) dargelegt hat. „Aber ich glaube, dass es etwas geben muss, das über dem Leben mit Handy und Haftpflichtversicherung steht.“ 
Die islamische Kultur hat den Dichter Said geprägt, sie klingt in seiner Poesie immer wieder an, in den Gerüchen, Farben und Klängen seiner Jugend. Bis heute versucht er, seine private Religiosität vor den vielen „zwischenrufern, die sich hinter deiner fassade verschanzen“, zu retten. Seine eben erschienenen Psalmen (Beck-Verlag) sind Reflexionen von einem, der es sich nicht leicht macht. Der es sich nie leicht gemacht hat in seinem Exil, zwischen den Kulturen, und der deshalb, wie Hans Maier betont, besonders legitimiert ist, eine Brücke zu schlagen zwischen den Sprachen, Religionen und Gottesbildern. „herr / ich weigere mich / das gebet als waffe einzusetzen / ich wünsche es als einen fluß / zwischen zwei ufern / denn ich suche weder strafe noch gnade / sondern eine neue haut / die diese welt ertragen läßt.“

Martina Scherf, Süddeutsche Zeitung, 25.2.2008

Entwürfe zu Gebeten

Eigentlich ist Gott ein schlechtes Stilprinzip. Saids Psalmen aber kommen nicht feierlich-dogmatisch daher, der gebürtige Iraner befragt vielmehr gelassen den Glauben.
Chamissos Enkel: Mit diesem schönen Ausdruck hat Harald Weinrich jene ausländischen Autoren benannt, die in der deutschen Sprache heimisch wurden. Said, 1947 in Teheran geboren und 1965 nach München gelangt, ist einer von ihnen. Einer der engagiertesten und vielseitigsten. Er hat sich für verfolgte und inhaftierte Schriftsteller eingesetzt, auch war er einige Jahre Präsident des deutschen PEN-Zentrums. Für sein literarisches Werk erhielt er den Chamisso-Preis und die Goethe-Medaille. Said lebt in einem Exil auf Abruf, aber er ist in vielen literarischen Sparten zu Haus. Er hat Gedichte, Hörspiele, politische Arbeiten und Sachbücher veröffentlicht; zuletzt (2006) Geschichten über Bilder unter dem schönen Titel Das Rot lächelt, das Blau schweigt.
Dass er nun Psalmen vorlegt, mag diejenigen überraschen, die Said – eben wegen seines Engagements – auf eine säkularisierte Linie festlegen möchten. Andererseits möchte man ihn eher für einen Agnostiker halten als für einen bekennenden Muslim. Aufschluss gibt das persönliche Bekenntnis. An der Grenze zum sechzigsten Jahr kommt der Psalmist auf seine Kindheit zurück, also auch auf den Gott seiner Kindheit. Er spricht sich zu:

laß mich dem gott der kindertage treu bleiben
der licht und linderung spendete
und uns erhörte im niemandsland
zwischen ankunft und flucht.

Mit seinen Psalmen wagt Said sich auf ein völlig neues literarisches Terrain. Hans Maier verweist in seinem Nachwort darauf, dass Psalmen Gemeingut der Juden und Christen sind, aber, trotz vieler Berührungen in Bildwelt und Sprachduktus, keine Ausdrucksform des Korans. Er knüpft daran die Vermutung, dass Said den beherzten, fast verwegenen Versuch unternimmt, Psalmen aus islamischem Geist in heutiger Sprache zu ersinnen.
Das Heutige ist dabei entscheidend. Was uns Leser an diesem Versuch interessiert, sind weniger die religionsgeschichtlichen Scheidungen als der religiöse Gehalt und die poetische Substanz. Saids Psalmen sind Mischformen, mal als Poesie zu lesen, mal als Konfession oder Meditationsvorlage. Stofflich bieten sie Motive aus Gläubigkeit, existentieller Befindlichkeit und Zeitgeschichte. Said praktiziert einen spirituellen Synkretismus, in dem das aktuelle metaphysische Bedürfnis nach Ausdruck sucht.
Er ist dazu auf natürlichste Weise berufen – als jemand, der eine gelungene Akkulturation repräsentiert. Darin sind Orient und Okzident nicht mehr voneinander zu trennen. Wer die europäische Kultur erbt, erbt auch das Ecce historia. Man spürt das, wo die Jahrhundertverbrechen im psalmodierenden Gestus gefasst werden. Said stellt Gott zur Rede wegen der Denaturierung seiner Geschöpfe: „in auschwitz / in hiroshima / in halabtsche, in srebrenica“. Er provoziert ihn: „gehst du nun auf die knie vor den opfern? / und vor den tätern auch?“
Damit wird die Anklage fast schon zum Gottesbeweis. Fast alle Psalmen beginnen mit „herr“ (kleingeschrieben wie fast alles), eine Anrede, die Anklage und Demutsbezeugung zugleich ermöglicht – und auch den Zweifel. Dieser wird zum anderen Glied in der Beweiskette: „denn nur wer an dir zweifelt / sucht dich.“ So gelangt Said zu einer Art negativer Theologie, die von fern an Celans vom Holocaust geprägtes Hadern mit Gott erinnert. Celan schrieb in „Tenebrae“: „Bete, Herr, / bete zu uns / wir sind nah.“ Auch Said kehrt die Rollen um und fordert: „bete zu uns … / es ist unser licht / das an dir nagt.“ Gleichwohl sind die Unterschiede unübersehbar. Ihn treibt nicht Celans leidschwere und hintersinnige Insistenz. Er verharrt eher im abwartenden Respekt: „ich bewege mich zu dir / ohne dich anzusprechen.“
Diese Psalmen verlassen kaum die mittlere Lage zwischen Reflexion und Meditation. Said ist nicht Benns „armer Hirnhund, schwer mit Gott behangen“, er hat etwas von einem modernen Jedermann, der nach der Ressource des Glaubens sucht, weil ihm die Skepsis fatal wurde. Daraus bezieht die Gelassenheit, die er praktiziert, ihren Reiz. Saids Psalmen sind Entwürfe zu Gebeten, nicht die Gebete selbst. Sie beanspruchen keine religiöse Autorität und weigern sich, „das gebet als waffe einzusetzen.“ Sie sind undogmatisch; und so ist auch ihr Bild von Gott: „damit du in deiner einsamkeit / zu keiner kirche erstarrst“.
Saids spirituelle Texte erstarren in keiner Stilgebärde. So entgehen sie auch jenem Verdikt, wonach Gott ein schlechtes Stilprinzip ist.

Harald Hartung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.2.2008

Herr, kämpfe gegen die müde Vernunft

− SAID, der in der Tradition persischer und deutscher Lyrik steht und die Bibel so gut kennt wie den Koran, hat mit diesen Psalmen ein kleines Juwel an poetischer Sprache geschaffen. −

Dieser Band läßt einen staunen. Da schreibt ein Ungläubiger Psalmen wie sie heute ein gläubiger Christ wahrscheinlich nur selten zu Papier bringen könnte. Der Autor stammt gebürtig aus Teheran, beherrscht aber die deutsche Sprache wie nur wenige Deutsche. Das den Band uneingeschränkt lobende Nachwort wird von einem deutschen Professor (Hans Maier) verfaßt, der vor einigen Jahrzehnten dem damals auf Münchner Strassen demonstrierenden Autor wohl kaum freundschaftlich begegnet wäre. Der Verlag versucht in seiner Werbung das Buch in eine allenthalben spürbare ‚religiöse Renaissance‘ einzuordnen, aber mit religiöser Weltflucht und frommen Einverständnis zum (konservativen) Status Quo haben die hier zu lesenden Psalmen nun rein gar nichts zu tun.
Was aber sind dann diese gut einhundert, oft nur wenige Zeilen umfassenden Psalmen, wenn sie nicht von einem Gläubigen, sei er Christ oder Moslem, geschrieben sind und nichts zu tun haben mit frommer Erweckungsliteratur? Traditionell im Stil eines biblischen Psalmes ruft SAID immer wieder den ,Herrn‘ als ein Gegenüber, als Vater, als Freund, als den radikal Anderen an. Klagend, zweifelnd, hoffend, selten aber dem „Herrn“ vertrauend. Vielleicht ist es dieses fehlende, aber immer suchende Grundvertrauen zum ‚Herrn‘, das an diesen Psalmen so fasziniert.

herr
entzweie dich
für den abtrünnigen der ich bin
für meine zornlosen hände
für meine selektive treue
die alles verrät
bis auf träume und gebete.

Und – das vor allem – diese Psalmen eines Ungläubigen sind in einer betörend schönen Sprache geschrieben.

siehe oh herr
ich rufe deinen namen
mit dem wehgeruch der felder
mit dem ruf des kiesels nach der mulde einer hand
sind wir dann nicht wie zwei tauben
denen man keine botschaft anvertraut?

Was in vielen der heute auch in den liberalen Feuilletons wieder modisch gewordenen Serien über die ‚neue Religiösität‘, die „Suche nach Gott“ und ähnliche Weichspülungen der harten Gegenwart fehlt, findet man in diesen alttestamentarisch gefärbten ungläubigen Gebeten: den Zorn, den Zweifel, die noch nicht aufgegebene Utopie, daß die Welt, so wie sie ist, nicht bleiben darf: „herr / bleibe bei mir… und gib / daß mein warten voller revolte sei.“ Für die Lektüre dieser Psalmen oder Gebete oder Gedichte sollte man sich sehr viel Zeit nehmen.
SAID, der in der Tradition persischer und deutscher Lyrik steht und die Bibel so gut kennt wie den Koran, hat mit diesen Psalmen ein kleines Juwel an poetischer Sprache geschaffen, das den immer wieder neuen Dialog wie den Streit zwischen Gläubigen und Ungläubigen, zwischen den ‚Rationalisten‘ und den ‚Mystikern‘ eine ganz neue Grundlage verschafft. „Herr / bedränge mich nicht / mit deinen gebeten und geboten / verbleibe stumm in rufweite / und kämpfe mit mir gegen die müde vernunft / und für eine schönheit / die auch diese grenze überschreitet.“ Der argentinische Schriftsteller Ernesto Sabato, bei uns so schändlich wenig bekannt, hat einmal geschrieben: „Ein religiöser Mensch ist nicht jemand, der unbedingt an Gott glaubt, sondern jemand, den diese Frage ein Leben lang beschäftigt und quält.“ Genau hier sind auch die ‚Psalmen‘ von SAID angesiedelt, die von weit her kommen und von einer beunruhigenden Aktualität sind.

Carl Wilhelm Macke, culturmag.de, 25.4.2007

Psalmen der Einforderung

Im Jahr 2007 erschien ein überraschender Gedichtband. Er stammt von dem seit langem in München lebenden, muslimisch aufgewachsenen Exiliraner SAID (*1947). Psalmen nennt er seine 99 Gedichte, im Titel ein bewusster Bezug zu den alttestamentlichen Gebeten, in der Zahl eine Anspielung auf die vor allem im Islam bezeugte Tradition der ‚99 schönen Namen Gottes‘. Immer wieder haben Dichter der Moderne neue Psalmen verfasst: von Celan bis Bernhard, von Rilke bis Bachmann, von Brecht bis hin zu Ernesto Cardenal oder – im Kontext unseres Buches – zu Ralf Rothmann. Ausgespannt zwischen Lob, Preis, Dank, Bitte und Klage haben alle PsalmendichterInnen ihren je eigen Zugang gesucht. Doch nie so radikal wie hier. Für SAID – doppelt vertrieben vom Regime des Schahs wie von den Mullahs, gezeichnet vom Wissen um Folter und äußerste menschliche Grausamkeit, selbst religionsfern aufgewachsen im Hallraum des Islam – sind die Psalmen vor allem eines: Texte der Einforderung des Eingreifens Gottes.
In der christlichen Spiritualität hat sich erst in den letzten Jahren die vom Alten Testament angebotene Einsicht durchgesetzt, dass Klagen einer der Grundvollzüge einer lebendigen Gottesbeziehung sein kann. Aber ‚Forderung‘? Tatsächlich leben die biblischen Psalmen auch von diesem Sprachduktus: Gottes ausbleibende Hilfe wird nicht nur beklagt; Gottes wirksames Handeln wird nicht nur erfleht, erbeten und erhofft, sondern konkret eingefordert. Diese spirituelle Haltung ist im Christentum, geschweige denn im Islam kaum entwickelt. Bei SAID steht sie im Vordergrund. Von Lob, Preis und Dank ist hingegen keine Rede. Schon diese Differenzen weisen darauf hin, dass die Rezeption dieser Gedichte von – produktiven – Spannungen und Auseinandersetzungen bestimmt ist. Aber mehr noch: Alle 99 Psalmen richten sich – zumeist im ersten Wort – in direkter Anrede an den ‚Herrn‘. SAID gibt aber offen zu, an den Gott der monotheistischen Religionen nicht glauben zu können, bestenfalls auf der Suche nach ihm zu sein – ohne die Erwartung zu haben, ihn wirklich finden zu können. Die direkte Anrede an den kaum für existent gehaltenen Gott dient ihm aber dazu, „Gefühle wie Wut und Zorn auszudrücken“. Er will diesen „Gott auf Augenhöhe“ „auf die Erde bringen“, um von ihm Gerechtigkeit einzufordern. Im Rahmen „meiner Religiosität“ – so SAID in einem Interview mit der Zeitschrift Publik-Forum (11/2008, S. 70-72) – findet er so eine eigene lyrische Sprache.
Und genau das findet sich in diesem Gedichtband: Versuche, ganz eigenartige, heutiger Spiritualität verpflichtete Psalmen zu schreiben, die sich im Spannungsrahmen von Islam, Judentum, Christentum und Humanismus bewegen. Es handelt sich – so Hans Maier im Nachwort des Bandes – um einen „beherzten, fast verwegenen Versuch, Psalmen aus islamischem Geist in heutiger Sprache zu ersinnen und sich mit Ihnen an ein heutiges Publikum zu wenden“. Wer nach Bestätigung von bereits nur zu gut Bekanntem und Gewusstem sucht, wird hier nicht fündig. Zwei Beispiele:

herr
verlange nicht von mir
über den umweg der sünde
zu dir zu gelangen
vielleicht genügen uns meine abgründe
die mich zu deinen füßen führen
und sieh die vögel
die vor dem stein der kinder zum himmel auffliegen
als wären sei bestrebt
mich dir näherzubringen

Dieser erste Beispieltext meditiert eher in ruhigem Bedenken die Beziehung des Gedichtsprechers zu dem angeredeten ‚Herrn‘. Die Textzeilen ziehen den Leser hinein in eine den Psalmen vergleichbare rhythmisierte Sprachmelodie. Dennoch geht es nicht um Bestätigung, sondern um Gegenrede: Ein klassisches Theologumenon wird zurückgewiesen: Der Weg des Menschen zu Gott müsse nicht über „den Umweg der Sünde“ führen. Die Beziehung zu Gott könnte ja auch allein aus den erfühlten „Abgründen“ im Selbst wachsen. Das Bild der von den Steinen aufgeschreckten Vögel, die zum Himmel empor fliegen, wird zum Vorbild eines möglichen Aufstrebens des Menschen zu Gott. Kritischer, kantiger wirkt ein zweites Beispiel:

herr
gib dass ich unbelehrbar bleibe
mich vor der kompatiblen vernunft schütze
und deren postmodernen furien
so dass ich meine erregbarkeit nicht verliere
denn dann verlöre ich auch dich
höre auf mich
oh herr
nicht auf diejenigen
die auf dich hören
denn sie sprechen
von einer mischung aus gott und vernunft
nützlich und konvertierbar

Immer wieder greift SAID diejenigen an, die sich im Besitz Gottes glauben, die vorgeben, Gottes Willen zu kennen und auszuführen. Dem stellt er eine rebellische eigene Spiritualität der erregbaren Suche entgegen, eine Spiritualität des Nichtwissens, des sich einer theologisch ausgefeilten vernünftigen Gotteslehre Verweigerns. „Kompatible Vernunft“ als Zugang zu Religion – darin scheint ihm das Grundübel von Missbrauch und letztlich Desavouierung der Gottesidee zu liegen. SAIDs Texte sind auf mehreren Ebenen lesbar: Im Wissen um den Hintergrund des Verfassers kann man sie als kontrafaktische Gegenrede zu den biblischen Psalmen lesen, die im Spiegel der fiktiven Anrede des ‚Herrn‘ eigene Gefühle, Gedanken, Überlegungen in Sprache bringen. Die biblische Sprachfolie wäre so vor allem eine Quelle ästhetischer Anregung. „das gedicht entsteht aus der schwäche des gebets – diese chronische krankheit unserer Zeit“, so SAID in einem Nachwort zu den Gedichten des Jesuiten Georg Maria Roers. Weil das klassische Gebet in unserer Zeit ‚schwach‘ ist, ‚chronisch krank‘, braucht es Gedichte als Ersatz… Soweit die eine Lesart.
Genau so gut lassen sich die Texte aber auch als Zeugnisse innerhalb einer Gottesbeziehung lesen und deuten, in der Klage und Einforderung eben jener Platz zukommt, der ihnen in der Bibel selbst auch gewährt wird. Folgt man dieser Lesart, so liegen hier Zeugnisse des Ringens um eine neue Gottesrede vor, ganz und gar nicht ‚unbefangen‘, vielmehr aus tiefster Befangenheit und Verstricktheit heraus. Dann geht es um eine Gottesbeziehung, die von Auseinandersetzung und Konflikt bestimmt ist, von Unsicherheit und Zweifel, von Trotz und Erwartung gegen alle Erfahrung. Die Texte selbst lassen beide Lesarten zu, auch wenn der Autor selbst nur die erste bestätigt.

Georg Langenhorst, theologie-und-literatur.de

Psalmen von SAID

Psalmen als individuelle künstlerische Ausdrucksform und Möglichkeit der lyrischen Zwiesprache mit Gott haben Dichter und Komponisten immer wieder fasziniert und zu eigenständigen Neuschöpfungen inspiriert. So bezogen sich in der literarischen Moderne des 20. Jahrhunderts nicht nur Bertolt Brecht und Paul Celan in teilweise sehr eigenwilliger Form auf diese Gattung. Der Dichter und Sänger Leonard Cohen veröffentlichte Anfang der 1980er Jahre mit seinem Book of Mercy einen ganzen Band mit ausgesprochen kunstvoll komponierten Psalmen, die viel über seine Weltsicht sowie sein Verhältnis zu Gott und zum Judentum verrieten. Dass sich nun mit dem deutschsprachigen Lyriker SAID, geboren 1947 in Teheran, zum ersten Mal ein muslimischer Autor an diesem Genre versucht hat, wie Kommentatoren bisher betont haben, ist weit weniger sensationell, als es auf den ersten Blick den Anschein haben mag. Denn obwohl der ehemalige Präsident des deutschen PEN-Zentrums schon allein aus biographischen Gründen zwangsläufig von der klassischen persischen Poesie beeinflusst ist, äußert sich dies in seiner Lyrik – und das trifft auf seine Psalmen in besonderem Maße zu – vor allem in seiner überaus weltoffenen, nach Universalität strebenden, toleranten Grundhaltung, nicht aber in etwaigen Bezügen auf islamische Religiosität oder geistliche Dichtung. SAIDs Psalmen sind aus einem vollkommen weltlichen Geist geschaffen, sein lyrisches Ich tritt in einen absolut gleichberechtigten Dialog mit Gott ein und vertritt jenem gegenüber sogar eine weitaus reifere, erwachsenere Position. Übergeordnetes Thema der Gedichte ist ein sehr konkretes kulturelles Unbehagen und das offensichtliche Streben des Autors nach einer universellen, überkonfessionellen und der Welt zugewandten Spiritualität als Trost für die Seele des unter den Anforderungen unserer Zivilisation zusammenbrechenden, modernen Menschen. Da die 99 Texte des Buches durch eine für den Leser leicht und unmittelbar zu erschließende Alltagssprache gekennzeichnet sind, ist SAID in Zweck und Form eine tragfähige Psalmdichtung im klassischen Sinne gelungen.

Florian Hunger, Jüdische Zeitung, Juni 2007

 

„Mats-Up“ spielt Psalmen von SAID

Trialog der Kulturen – Eine Annäherung über die Psalmen SAIDs 

Der Autor im Gespräch mit Armin Kratzert

 

SAID

Bei jedem Irrtum gewinnt das Land Sehnsucht.
Die Zukunft ist, wenn man trotzdem lügt.
Meinen Alten Ego lasse ich morgen wieder frei.
Will Großes erreichen, zwischen Wahn und Sinn, Freizeit und Freiheit verwechseln.
Die wahre Schönheit kommt heute Nacht über mich vom Glück verfolgt.
Ein echter Rechthaber stellt sich nicht selbst in Frage.
Narziss zog man aus seinem Teiche als aufgeduns’ne Wasserleiche.
Die Pubertät beendet man mit Lachen und persönlichen Krisen oder mit einer Stoppuhr.

Peter Wawerzinek

 

Aveleen Avide interviewt SAID

 

Zum 70. Geburtstag des Autors:

Maryam Aras: Im Niemandsland, vorläufig für immer
26.6.2017, faustkultur.de

Fakten und Vermutungen zum Autor + Porträt 1 + 2 + KLG
Porträtgalerie: Autorenarchiv Isolde Ohlbaum +Galerie Foto Gezett
shi 詩 yan 言 kou 口

 

SAID liest das Gedicht „Manchmal gehen meine Schuhe“ aus beim 2. Hochstadter Stier 2010.

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