Sascha Anderson: Jewish Jetset

Anderson/Penck-Jewish Jetset

HELL, HELLER

fix und fertig und der zins, von der geschichte in einen
aaaaagranatapfel
verwandelt. okay, war nichts, höchstens die wiederletzte
aaaaalektion für
einen notorischen selbststeller. mit dem revolutionskalender,
aaaaamit
den 30 tagen pro monat, dem wissen vom unteilbaren rest
aaaaaund dem
großen löffel geht es, alles in allem, noch schneller. chaos halb
göttliches: im anfang war wohl doch vernunft, sonst wär jetzt auch
kein bild am grund des tellers.

 

 

 

Der ewige Jude im modernen Gewand,

diesmal im Düsenflugzeug, eine weitere Antwort zur Gretchen-Frage der Kommunikativen: Was kann Sprache?, beides findet sich im dadurch sehr zeitgemäßen Gedichtband Sascha Andersons: Jewish Jetset, üppig ausgestattet durch 16 Bleistiftzeichnungen von A.R. Penck.
Die Gestalt des Buches erregt Aufsehen; der Kontrast zwischen Wort und Bild entspannt sich über Graphit und Weiß.
Andersons Gedichte bleiben zunächst spröde. Der Schleier, der Rock der Intellektualität hebt sich erst beim dritten Gongschlag. Die schlimmste Befürchtung, hier, im ersten Darunter, am Grunde angekomen zu sein (s. Entblößerliteratur), erfüllt sich nicht. Durch eine perfekte Rhythmik zusammengehalten, tut sich ein weiter Raum kühler Assoziation auf, dessen Ende nicht abzusehen ist, dessen Boden verborgen bleibt. Diese letzten Instanzen ans Licht zu befördern, hätte ihr Verlöschen zur Folge. Der Betrachter müsste ernüchtert erstarren über der schwindelerregenden Ebene.
Raum entsteht durch Bewegung; Andersons Sprache dreht und wendet sich, pointiert, sogar witzig. In seinem Ausdruck verfertigen sich Gefühl und Gedanke; vom Chaos zur Ordnung. Und doch wieder zum Chaos, nicht umsonst beißt sich die Schlange in den Schwarz. Anderson zerschlägt den Teller, bevor er ihn auslöffelt, um dann am Boden nur den Blick der tödlichen Vernunft zu sehen. Ikonoklast statt Anankast.
So bleibt auch das Visionäre aus. Anderson schöpft aus seiner Erinnerung. Erinnerung ist die Mutter der Musen. Doch auch hier sinkt er nicht zu tief und entrinnt so dem kollektiven mystischen Sumpf. Er berührt die Historie, manchmal zu sehr.
Kein Fehltritt im Keller, weder Ersticken noch Freischaufeln; keine Ich-Entblößung; bleibt die Geißel der heutigen Schreib- und Sprachtiere: die Frage nach der Distanz zwischen zu Sagendem und Gesagtem. Das Wort zum Sonntag.
Wohl kaum zwei Texte vergehen, in denen nicht über die Schuld der Worte der Wunsch zu schweigen geäußert wird. Das Lamentieren wird zum Sujet erhoben. Und um diesen Stolperstein kommt auch Anderson nicht herum, doch der beigefügte Text zum Thema ist kurz und, letztendlich, positiv zu lesen. Um es einfacher und einfach klassisch zu sagen, sei Plato zitiert: Wenn man Werke sieht, die von irgendjemandem geschrieben wurden, darf man annehmen, daß sie für diesen nicht die tiefste Sache waren, wenn er wirklich tief ist, und daß diese tiefste Sache dem edelsten Bereich seiner Person angehört; aber wenn er wirklich die Furcht seiner Tiefe niederschreibt, dann ist es sicher, daß nicht die Götter, sondern die Sterblichen ihn den Verstand geraubt haben.
Dies ist bei Anderson nicht der Fall, zu persönlich die Themen, zu hellsichtig der Verfasser, zu dunkel der Keller und dessen ist er sich bewusst.
Die Lüge des Dichters, einzig wahre, gelingt.
Ob die glasklaren Bilder, die strenge Form die Unschärfe erzeugen; ob der feste Körper des Gedichts bei näherer Betrachtung verschwimmt, er will das entscheiden. Nur so wird das Ganze sichtbar.
Ein Maler ist hierbei im Vorteil, zumindest kann die Distanz zwischen Bild und Abbild, zwischen a und á geringer sein, ohne gleich einen Offenbarungseid schwören zu müssen. Pencks Bilder sprechen für sich und sagen das ihre. Immer wieder neu.
Die Kombination mit Andersons Lyrik ist nicht neu, erzeugt aber einen Reiz, dem man sich nicht entziehen möchte. Maler und Dichter stehen für sich und zueinander. Eine weitere Dimension entsteht, zum Glück weder Ringen noch Botschaft, denn:… Das – der Wahrheit Freier?

Nur Narr! Nur Dichter! (Nietzsche)

Kreuzer, 7/1991

Eine glückliche Symbiose von Grafik und Lyrik

− Eine Gemeinschaftsarbeit von Sascha Anderson und A.R. Penck in einer Galrev Edition. −

Obgleich es sich beim im jungen Berliner Verlag Druckhaus Galrev veröffentlichten Buch Jewish Jetset eigentlich um eine Gedichtpublikation handelt, ist die gleichberechtigte Nennung des Dichters und des Grafikers auf dem Umschlag vollkommen angemessen. Denn man findet in der jeweiligen Präsenz tatsächlich zwei Autoren. Nur selten gelingt eine solche Symbiose; und man merkt, daß sich die Künstler seit Jahren kennen. Freilich, dieses Buch ist zum Glück nicht mit Liebe gemacht (wie man es manchmal hört), sondern mit feinfühliger Professionalität, mit Genauigkeit, die ja Liebe nicht ausschließt, aber den Anteil an Blindheit bei jener nicht zulässt.
Die sechzehn Zeichnungen von A.R. Penck zeigen den Meister einmal mehr auf höchstem Niveau. Ein Niveau, das er seit Jahrzehnten hält und bei dem eine Entgleisung letztlich ausgeschlossen sein dürfte. Der Künstler, dessen grafisches Werk übrigens ebenbürtig neben seinem malerischen Œuvre gesehen werden muß, hat in den Zeichnungen fast die gesamte Breite seines derzeitigen Schaffens aufgeworfen. Von Blättern mit abstrakten Formen über die Tierthematik bis zum sogenannten PenckMann. Dabei unterliegt gerade auch der PenckMann einer fortwährenden Metamorphose; im Gegensatz zu den Werken der sechziger und siebziger Jahre hat sich der literarische Aspekt zu Gunsten grafisch-flächiger Aspekte verschoben. Zumindest die Penck-Freunde, die hinter seinen Arbeiten mehr als das simple Abkupfern (und dabei noch inflationär) irgendwelcher Höhlenzeichnungen zu erkennen vermögen, die eben wissen, daß beispielsweise für die Höhlenzeichner die Fläche als Spannungsfeld gestalterischer Interessen kaum von Bedeutung war, werden an den Grafiken Pencks und dessen schier unerschöpflichem Vorrat an optischen Informationen ihr großes Vergnügen haben. Schließlich wurde, was die Anzahl der Grafik im Verhältnis zu den Texten betrifft, ein ausgewogenes Maß gewahrt. So daß es sich, wie oben bereits erwähnt, wirklich um ein Buch mit zwei gleichberechtigten Autoren handelt.
Daß sich auch die Typografie (Schrift: times new roman) durch Klarheit auszeichnet und dadurch eher zurückhaltend zeigt, wundert dann schon nicht mehr. Die Verwendung von Anthrazit statt Schwarz beim Druck trägt zur allgemeinen Dezenz ebenfalls bei; wobei hier – um zumindest einen negativen Punkt anzuführen – Grenzwerte erreicht sind.
Die Texte von Sascha Anderson lassen im Vergleich zu seinen älteren Publikationen erkennen: Die Zeiten haben sich geändert. Der Band enthält Texte von überschaubarer poetischer Struktur, die sich rasch entschlüsseln, dabei mit sprachlicher Präzision geschrieben sind. Die also für das Lesen kein Problem sein dürften. Kommt zufällig Ortskenntnis hinzu, wie z.B. bei dem Gedicht ADDITION UND SUBTRAKTION (Radebeul), ergibt sich eine zusätzliche Dimension. Gewissermaßen als Geschenk. Die Sprache des Autors ist andererseits durch einen verhältnismäßig hohen Anteil an metaphorischen Elementen geprägt, die auf Grund ihres Abstraktionsgrades nicht überaus schnell sinnfällig werden. Es sei denn, man genießt die Metaphern als Bilder. Was natürlich möglich ist und Spaß machen kann. Ein Punkt, der die Rezeption mancher Texte von Anderson problematisch werden lassen könnte, sind die mitunter mehrfach eingefügten Parenthesen. Da der Autor lang schreibt, die semantische Achse (bei ihm meist ein Satz) sich oft über mehrere Verszeilen erstreckt, erfordert es eine gewisse Konzentration, die Zusammenhänge zu entdecken.

die maschinen, die sich noch
heißlaufenden
reste, haben mit der finstren erfahrung unserer versuche,
schnell
und schneller, film in film gleich, zu gehen, die utopie,
WIR WANDERTEN AUS IN DIE
HIMMLISCHEN STAATEN, bei weitem überflügelt (1306).

Freilich lassen sich die Parenthesen schlicht aus dem Satz lösen, um zu einer Vereinfachung und dadurch zu einem Überblick zu gelangen. Wobei diese etwas ungewöhnliche Vorgehensweise ebenfalls Spaß bereiten kann. Hat man aber die Texte zwei-dreimal zerlegt, sieht man die Systematik und die Probleme des Lesens erübrigen sich von selbst.
Demgegenüber vermag der Autor Passagen von erstaunlicher Lockerheit und voller Witz zu schreiben. Die die schwierigen Zeilen abfangen oder (wiedermal Hegel) aufheben. So im Gedicht

HELL, HELLER.

fix und fertig und der zins, von der geschichte in einen granatapfel
verwandelt. Okay, war nichts. höchstens die wiederletzte lektion für
einen notorischen selbstdarsteller…

Ein weiteres Kennzeichen Andersonscher Lyrik besteht in einem verhältnismäßig langen poetischen Auftakt, der dann in einem sozusagen absurden Finale seine Entsprechung hat. Wie man es etwa bei Robert Walser findet. Interessant an dieser Schreibmethode des Autors dürften indessen die Gründe für sie sein. Ganz gewiß handelt es sich nicht um irgend eine bewußte Verdunklung. Eher lässt sich vermuten, daß der Dichter bei seinen Produkten aus einer äußerst privaten Sphäre schöpft, die er durch Metaphorik überhöhen und in eine allgemeingültigere transformieren möchte, und um dadurch auch eine ihm notwendige Distanz; zwischen dem literarischen Ergebnis und seiner Person zu erreichen. Gut. Bliebe noch die Frage nach dem Titel des Bands: Jewish Jetset deutet in seiner Umschreibung die Lebensführung beider Künstler an. Andersons wie Pencks Alltag wird von kreativer Beweglichkeit bestimmt. Jeder an seiner Statt sind sie zwischen Amsterdam, Berlin, Düsseldorf, London, New York oder Rom unterwegs. Und auch dies macht wohl einen Punkt der Zusammengehörigkeit des Opus aus. JEWISH JETSET – die ewig Umgetriebenen.

Uwe Hübner, Unionzeitung, 20./21.4.1991

Die Eltern sind viel zu nett

− Lyrik auf dem Weg vom Prenzlauer Berg in die Bundesrepublik. −

Noch vor einigen Jahren galten sie als aufrührerisch und subversiv, die Poeten der „Prenzlauer-Berg-Connection“, wie man sie anerkennend und gruselnd nannte. Zwischen Anpassung und Dissidenz hatten sie einen dritten Weg gewählt: die Verweigerung, das Abtauchen in den Untergrund. Zuerst wurden sie ignoriert, dann verfolgt, zuletzt zugelassen. In der langsam zerbröckelnden DDR schien Poesie noch einmal politisch wirksam zu sein: weniger durch brisante Thesen, als durch den Anarchismus der Sprache, durch ein witzig verfremdetes „Kwehrdeutsch“.
Was ist davon geblieben? Wie geht es weiter? Drei Bände der Edition Galrev könnten Antwort geben. Wer heute Sascha Anderson, Bert Papenfuß-Gorek oder Rainer Schedlinski liest, wird ihre Texte nicht mehr nach verschlüsselten Subversionen befragen. Wer über sie urteilt, hat nicht mehr ihr Schreibrisiko abzuschätzen und Moral und literarische Qualität miteinander zu verrechnen. Was bleibt?
Sascha Anderson möchte ungemütlich bleiben und kein Spieler sein. Er taucht seine Gedichte in eine Sprachverdunkelung, in der die Gesten groß und pathetisch wirken, aber auch so rätselhaft wie die graphischen Chiffren, die A.R. Penck zu Jewish Jetset beisteuerte. Am kommunizierbarsten sind einige Texte zu Anfang. Sie sprechen von Verhör, Tortour, Gefangensein; manchmal unverschlüsselt, manchmal im Ton einer Privatsprache. Das Titelgedicht „Jewish Jetset“, das auf die Judenvernichtung anspielt, weiß: „das böse trägt von jetzt an keine stiefel / mehr.“ Andere Texte, die, nach Auskunft des Verfassers, mit den historischen Vertreibungen der Juden zu tun haben, lösen ihr Thema in dunkle Assoziationen auf. Anderson träumt von einem „strukturorientierten, polyedrischen ansatz der literatur“. Was „polyedrisch“ gedacht sein mag, erscheint dem Leser oft bloß als Geröll von Sprachbrocken. Die Notwendigkeit der Sprachverdunkelung leuchtet nicht ein und deshalb auch nicht des Autors preziöse Verfluchung:

ach wie verfluch ich vater
und muttersprache, die dem umzugsgut im eisenbahncontainer ähnelnde
fähre des verstands

Harald Hartung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 8.8.1991

Verlorene Poesie des Findens

Poetologie ist die Logik fließender Syntax und Semantik angesichts einer sich verdichtenden Wahrnehmung im Bewußtsein des Nichts. Heilig die Kabbala, unendlich die Möglichkeiten einer Ausdeutung von Worten auf Thora-Rollen.
Andersons Jewish Jetset ist Mythos und Deutung gleichermaßen. „Wir schalten die zeit aus, schließen sie ein in eine variante des möglichen; und da auch das sprechen erst beginnt, wenn die sprache am ende ist, katholizieren wir ununterbrochen unsere wurzeln.“
Anderson versucht, die Katholizierung der Wurzeln zu unterlassen, ihr zuvorzukommen. Die Abstraktion seiner Begriffe enthüllt den Magnetismus des Unlogischen, Andersgearteten angesichts einer bis zur Auflösung entseelten Welt:

nichtig vor den worten, den wellen
vom selben grund, bin ich doch gleichzeitig
zwangsläufig des nordens werkzeug
kein zeuge am horizont, im gesamtplan des möglichen
schiffs oder buch, sperrangelweitoffenen ohrs

Abstraktion ist Phantasie der Auflösung und des Neuzusammenbaus. Wo die Worte nicht mehr greifen, müssen sie collagiert werden, mit einer Binde versehen, und vorsichtig ins Bett des neuen Sinns gebracht. Deshalb ist ein „auffahrunfall ein grammatikalischer kollaps“, sinkt „der vorschmerz in die form der flasche“. Die Moderne schreitet voran. Seitdem Dada „die beste Lilienmilchseife der Welt (Hugo Ball) wurde, vermarktet wie die Rasierklingen der Frühpunks am Halse Frau Obstschichts, bedarf es weitergehender Flüge in die Unendlichkeit des Ausdrucks, nicht der Mond ist mehr das Ziel der Träume, sondern Venus und die Milchstraßen.
„Ich weiß, die komplexität und der technologische standart literarischer produktion und produzierender produkte verführen zur übersetzung. die distanz aber, von der ich meine, daß sie eine grundlage poetischer existenz ist, ich zu denken, ohne dich auf die fähre mit dem schönen namen differenz zu locken ist gleichfalls in die sprache verliebt, und würde im moment des sprechens verschwinden, als könnten ihre kinder nur groß werden, wenn sie jenen text, der sie frißt, fressen.“
Mit Zeichnungen von A.R. Penck versehen, die S. Andersons Gedichtband kongenial vervollständigen, ist Jewish Jetset obligatorische Lektüre für die Kenner der Avantgarde.

Manfred Steinbrenner, mid

Mit dem Wind drehen sich die Mühlen?

Enttarnt wurden sie als Stasi-Spitzel: Sascha Anderson und Rainer Schedlinski. Ersterer ist inzwischen als Gesellschafter des Berliner Verlages Druckhaus Galrev ausgeschieden, letzterer wurde einstweilen von der Geschäftsführung entbunden. Waren sie wirklich nur und ausschließlich Speichellecker der Mächtigen? Was ist dran an ihren lyrischen Qualitäten – leider fragen danach die wenigsten und sie haben nur Rache im Sinn.
Sascha Anderson? Am liebsten möchte er alle Zeitumstände umkehren und auf den Kopf stellen, der Hellseher, der Analytiker, ein Leidender an dieser Zeit, dieser Welt und dieser Menschheit. „Ich sehe etwas, was du nicht siehst“, – „auf meiner netzhaut haben die segel sich gedreht“, – „nicht jonas spricht aus des fisches, sondern jemand aus jonas bauch.“ Solche Sätze muß man in sich hineinlassen…
„um den vater kaltzustellen, bin ich das gesetz“, „die reformation füllt das fenster ich öffne das zimmer und zerleg das kreuz…“, und Worte wie: „da wird es problematisch im hinblick darauf, worauf ich hinaus will (menschen lieben viehisch, nicht weil es umgekehrt, aber das ist natürlich ein witz wie: ein vogel ging sich einen käfig kaufen.)“ Hier sind Kritik und Verweisung auf Menschenliebe singend so miteinander verwoben, daß Konstruktives sich herausschält auch ohne erhobenen Zeigefinger – soll das alles nur Berechnung sein?
Des Dichters schmerzliche Erfahrungen während der „Mauerzeit“ weiten sich global aus und „… das hirnrissigste durcheinander seit der erfindung des feuers“ prangert Zustände an, die vielerorts auf der Welt anzutreffen sind.
Faszination geht aus von diesem Poeten – trotzalledem, wenn man nicht wüßte, daß er gespitzelt hätte… Weiß „man“ es wirklich genau und kennt man die Umstände?
„… hab verirrt mich am himmel, was nun?“ Der Ruf nach einer anderen Sprache, nach einer anderen Erde, die „abgestaubt werden müsse wie ein alter Zylinder … in dem astronauten in kaninchen verwandelt werden“, wird laut. Wahrhaftig, er macht es sich nicht leicht mit Aufarbeitung von Menschheitsgeschichte, mit seiner Auseinandersetzung mit menschlicher Existenz zwischen Anfang und Ende, Leben und Tod und Gott. Wir nehmen teil an der geistigen Expedition eines Aussteigers, der frei von jeglicher Enge unsere heutige Sprache spricht.
Er propagiert das „… heraus aus dem Kartenhaus“ mutiger Unverfrorenheit. Um der Verstellung zu entgehen, die „begann mit der Christianisierung der Automaten“, wünscht er die „Auswanderung“, und seine Traumvision „von stern zu stern zu springen“, läßt die Vorstellung eines unabdingbaren, unbändigen Freiheitsbedürfnisses zu. Es fragt sich, wieviel Vertrauen und Güte sind notwendig, um wenigstens bruchstückweise der Utopie näherzukommen.
Es lohnt sich vielleicht doch einmal, bei diesem dichtenden Feuerschlucker kurz sein Zelt aufzuschlagen, um zu erfahren, „was erst nach dem abheben geändert werden kann“.

Christa Fenzl, Main Echo, 13.2.1992

Sascha Anderson Gedichtband Jewish Jetset

erschien 1991 im Galrev Verlag mit Zeichnungen von A.R. Penck. Der Bezug zum Judentum durch den Titel ist lediglich am Rande erkennbar, z.B. durch die Jahreszahlen als Titel, die auf die unterschiedlichen Pogromzeiten verweisen. Die Gedichte sind um einen Essay, der sich in der Mitte des Buches befindet, angeordnet. Im folgenden wird zuerst auf diesen Essay eingegangen.
In dem Essay „BIN ICH DENN NUR EIN GOTT AUS DER NÄHE UND NICHT AUCH EIN GOTT AUS DER FERNE“ legt Anderson sein Programm fest, um Sprache aus ihrer Kommunikationsfunktion herauszulösen. Anderson geht davon aus, daß Sprache erst nach ihrer Befreiung aus dem gesellschaftlichen Kontext eine Möglichkeit bietet, ein Gespräch mit einem zweiten zu führen, ohne diesen einem Diskurs zu unterwerfen. Es geht für Anderson darum die eigenen Grenzen zu erweitern, ohne den anderen einzuengen.
Ein Text braucht nach Anderson keine für den anderen verständliche Aussage, sondern ist ein Auslöser, durch den und an dem sich der Leser einen individuellen Sinn bilden kann, und zwar dadurch, daß der Text auf vieles, im Idealfall auf alles, verweist. Die dem Text bzw. der Sprache innewohnende Grammatik ist eine Herrschaftstechnik, die auch vom einzelnen Individuum instrumentalisiert werden kann, indem es ein Gegenmodell zur Herrschaftsgrammatik verwendet. Das Gegenmodell zur eindeutigen Festschreibung von Sinn ist dessen Auflösung durch Widerspruch und Mehrdeutigkeit. Dies ist der Kern von Andersons „polyendrischem ansatz der literatur“. Anderson geht es um ein Vermeiden eines von der Gesellschaft durch Sinn bestimmten Verstehens. Seine Lyrik soll sich, vollkommen losgelöst von gesellschaftlichen Verhältnissen, ihren formalen Raum schaffen. Diese ideale Lyrik schafft nicht nur einen gesellschaftsfreien, sondern darüber hinaus einen sprachfreien Raum, Lyrik ist Sprache ohne Sprechen.
Geht man von der Grundüberlegung aus, sich einen diskursfreien Raum zu schaffen, so sind Andersons Gedichte Versuche, diesem Raum nachzuspüren.

HINABSTAMMUNGEN

z.b. leutnant krüger, der die frühen rolling stones liebte,
und von diesen wieder jene lieder, die life aufgenommen
sind unübersetzbar, weil es wie ein müllkübel
der in ein müllauto ausgeleert wird, klingt. Für mich
ein handicap. Ich übersetze
grün, wenn er, früh um vier, vor der ersten schicht
im heizungskeller, mein ohrwerk aus dem ermatteten rauschen
des himmels der zelle
aufrief, gemeinsam an die wurzel zu ziehen. HINTERM FENSTER
DAS GRÜNE MÄNNCHEN, BIST DU, UND IN DIR SCHLÄFT DER
ZWERG, DER GLÖCKNER DER VIERTELSTUNDEN
IM KLOSTER VON LIPPOLDSBERG.

Bei der Betrachtung dieses Gedichts fällt auf, daß es eine inhaltliche und eine formale Ähnlichkeit zu den Texten in „brunnen randvoll“ gibt. Bilder und Metaphern werden mit inneren Monologen und historischen Verweisen vermischt. Diese völlig unterschiedlichen Mittel werden scheinbar wahllos aneinandergereiht. Sie bilden jedoch zusammen ein Ganzes, indem sich Anderson als strukturierendes Element einführt. Dies geschieht, indem er auf seine Haftzeit Bezug nimmt. Anderson entwickelt ein biographisches Sprechen, das es ermöglicht, die Gesellschaft ansatzweise auszugrenzen. Anderson im Gespräch mit Egmont Hesse:
„nicht die ganze menschheit will ich erreichen, sondern ich schalte ein sieb vor, und die durch dieses sieb, das kein moralisches oder ethisches, sondern ein sehr persönliches ist, durchfallen, für die schreibe ich auch. das sind menschen, mit denen es mir möglich ist, zusammen zu leben, ohne daß aggressionen, invasionen oder grenzüberschreitungen stattfinden, und die haben auch die möglichkeit, meine texte zu verstehen.“
Durch diese biographisch verbürgte Form einer Sprache ohne Kommunikationsintention versucht Anderson, seine Erfahrung mit Hilfe der Sprache bildlich werden zu lassen. Dieser Umgang mit Sprache besitzt den Anschein eines „Sprachmalens“. Dieses Malen mit Sprache spürt einer mythischen, diskursfreien Sprache nach und korrespondiert treffend mit Pencks Strichmännchen, die, in Anlehung an die Höhlenmalerei, eine neue Form der Mitteilung entwerfen.

Sacha Szabo, „Sascha Arschloch“. Verrat der Ästhetik – Ästhetik des Verrats, Tectum Verlag, 2002

Weiterer Beitrag zu diesem Buch:

Sieglinde Geisel: Walkman der Poesie
Der Freitag, 15.11.1991

 

Fakten und Vermutungen zum Autor + KLG
Gegner + E. E. + noch einmal + Förräderi
Porträtgalerie: Autorenarchiv Susanne Schleyer +
Dirk Skibas Autorenporträts

 

Sascha Anderson antwortet auf die Standartfragen von faustkultur.

 


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