Welemir Chlebnikow: Poesiealbum 107

Chlebnikow/Glöckner-Poesiealbum 107

LEITSTERN

1      Leitstern
2      Bin ich euch
3      Abermals, abermals.
4      Peilt der Seemann
5      Den falschen Stern an
6      Verbiegt er den Winkel:
7      Treibt ins Unheil sein Boot
8      Wird es an Felsen zerschellen
9      Oder auf Sandbänke prellen.
10    Aber auch ihr
11    Von Herzen falsch im Winkel zu mir
12    Unglückliche
13    An Klippen werdet ihr scheitern
14    Von Steinen verspottet
15    Wie ich von Euch!

Übertragung Otto Nebel

 

 

Welemir Chlebnikow

Welemir Chlebnikow, Freund Wladimir Majakowskis und Anreger Nâzım  Hikmets, gehört zu den Schlüsselfiguren der frühen sowjetischen Dichtung. Der russische Futurismus, den er repräsentiert, hat ebenso nachhaltig wie später der französische Surrealismus den Raum der Dichtung erweitert, und das bedeutet immer: eine Sensibilisierung des Gedichts für die neue Realität. Chlebnikows Verschöpfungen sind wahrhaft kühn und ungewöhnlich; ihre thematische Spannweite ihre Welthaltigkeit verraten das Konzept des großen Lyrikers. Die gesellschaftliche Wirklichkeit Rußlands nach dem entscheidenden Jahr 1917 ist die Quelle seiner Gedichte, die alles neuartig sagen wollen, weil die Revolution die Beziehungen zwischen den Menschen von Grund auf verändert hatte.

Ankündigung in Nâzım Hikmet: Poesiealbum 106, Verlag Neues Leben, 1976

Kehren wir zu jener Zeit von 1912/13,

zu den ersten abendlichen Dichterdebatten mit Majakowski, Burljuk, Chlebnikow und Krutschonych zurück. Es ging dabei, wie ich mich persönlich erinnere, wie bei einem Boxkampf zu.
Elsa Triolet

Bei seinen öffentlichen Auftritten führte Majakowski häufig Verse von Chlebnikow als Beispiel glänzender sprachlicher Gestaltung an.
Lilja Jurjewna Brik

Im Namen der Bewahrung der richtigen literarischen Perspektive halte ich es für meine Pflicht, sowohl in meinem Namen als auch – ich zweifle nicht daran – im Namen meiner Freunde, der Dichter Assejew, Burljuk, Krutschonych, Kamenski und Pasternak schwarz auf weiß zu sagen, daß wir ihn für einen unserer dichterischen Lehrmeister und einen großartigen und ehrenhaften Ritter in unserem poetischen Kampf gehalten haben und halten.
Wladimir Majakowski

Verlag Neues Leben, Klappentext, 1976

 

Velimir Chlebnikov

Viktor Vladimirovič Chlebnikov ist tot.
Chlebnikovs Ruhm als Dichter ist unermeßlich viel geringer als seine Bedeutung.
Von den hundert, die ihn gelesen haben, nannten ihn fünfzig einfach einen Graphomanen, vierzig haben ihn als Unterhaltung gelesen und sich gewundert, weshalb sie von all dem keine Unterhaltung hatten, und nur zehn (die Futuristen-Dichter, die Philologen des Opojaz) kannten und liebten diesen Kolumbus neuer poetischer Kontinente, die jetzt von uns besiedelt und urbar gemacht werden.
Chlebnikov ist kein Dichter für den Verbrauch. Ihn kann man nicht lesen. Chlebnikov ist ein Dichter für Produzenten.
Chlebnikov hat keine Verserzählungen. Die Endgültigkeit der von ihm publizierten Sachen ist eine Fiktion. Der Anschein des Endgültigen ist meistens das Werk seiner Freunde. Wir waren es, die aus einem Haufen von Manuskripten, die er wegwerfen wollte, ausgewählt haben, was uns am wertvollsten erschien, und es in Druck gaben. Nicht selten wurde dabei, zu Chlebnikovs heiterem Erstaunen, der Schwanz eines Entwurfs an einen fremden Kopf geklebt. Zum Korrekturlesen war er unmöglich zuzulassen – er strich immer alles durch, alles, und schrieb dann einen neuen Text. Wenn Chlebnikov eine Sache für den Druck anbrachte, sagte er meistens: „Wenn was nicht so ist – ändert es.“ Wenn er las, brach er manchmal mitten im Wort ab und gab den Hinweis: „Na, und so weiter.“
In diesem „usw.“ steckt der ganze Chlebnikov: er stellte die poetische Aufgabe, gab ihrer Lösung eine Form – die Nutzung dieser Lösung zu praktischen Zwecken überließ er den anderen. Chlebnikovs Biographie ist seinen strahlenden Wortgebäuden gleich. Seine Biographie ist für Dichter ein Beispiel, für Macher in der Dichtung ein Vorwurf.
Chlebnikov und das Wort.
Für die sogenannte neue Poesie (unsere neueste), besonders für die Symbolisten, war das Wort Material zum Schreiben von Gedichten (zum Ausdruck von Gefühlen und Gedanken), Material, dessen Strukturen, Widerstände und Verarbeitung unbekannt waren. Das Material wurde unbewußt von Fall zu Fall betastet. Der alliterative Zufall ähnlicher Wörter gab sich als innere Bindung aus, als untrennbare Verwandtschaft. Die festgefahrene Form des Wortes wurde als ewig angesehen, und man mühte sich, sie den Dingen, die das Wort überwuchert hatten, überzuziehen. Für Chlebnikov ist das Wort eine selbständige Kraft, die das Material der Gefühle und Gedanken organisiert. Daher – die Vertiefung in die Wurzeln, in den Ursprung des Wortes, in die Zeit, als die Bezeichnung der bezeichneten Sache entsprach. Als vielleicht ein Dutzend von Wurzelwörtern entstanden war und neue als Kasus der Wurzel auftauchten (die Chlebnikovsche Wurzel-Flexion) – zum B. „byk“ [Stier] ist derjenige, der stößt: „bok“ [Seite, Hüfte] ist das, wohin er stößt (byk, der Stier). „Lys“ [kahl] ist das, wozu der Wald [Ies] geworden ist: „los’“ [Elch], „lis“ [Fuchs] sind die, die im Wald leben.
Chlebnikovs Zeilen −

Lesa lysy.
Lesa obezlosili. Lesa obezlisili −

sind nicht auseinanderzureißen, sie bilden eine eiserne Kette. Und wie von selbst zerfließt

Čuždyj čaram černyj čeln
Balmont.

Das Wort in seinem jetzigen Sinn ist ein zufälliges Wort, notwendig für irgendeine Praxis. Aber das genaue Wort muß jede beliebige Schattierung eines Gedankens variieren.
Chlebnikov hat ein ganzes „Periodensystem des Wortes“ geschaffen. Wenn er das Wort in seinen unentwickelten, unbekannten Formen wählte, es mit dem entwickelten Wort konfrontierte, bewies er damit die Notwendigkeit und Unausweichlichkeit des Auftauchens neuer Wörter.
Wenn der entwickelte „pljas“ [Tanz] das abgeleitete Wort „pljasunja“ [Tänzerin] hat, so muß die Entwicklung der Aviation, des „Fliegs“ [let] den Ausdruck „letunja“ hergeben. Wenn der Tag der Kindstaufe „krestiny“ heißt, so ist der Tag des Fliegens eben „letiny“. Selbstverständlich steckt darin nicht einmal eine Spur von billigem Slavophilentum: unwichtig ist, ob das Wort „Fliegerin“ im Augenblick nicht gebraucht wird, im Augenblick unnötig ist – Chlebnikov gibt nur die Methode, wie man Wörter richtig bildet.
Chlebnikov, der Meister des Verses.
Ich sagte bereits, Chlebnikov hat keine zu Ende geführten Werke. In seiner letzten Sache zum B., im „Zangezi“, spürt man klar zwei nebeneinander gedruckte verschiedene Varianten. Chlebnikov muß man in Fragmenten auswählen, in denen, die die poetische Aufgabe am besten lösen.
In allen Sachen von Chlebnikov fällt seine ungeheure Meisterschaft ins Auge. Chlebnikov konnte nicht nur auf Wunsch unverzüglich ein Gedicht schreiben (in seinem Kopf arbeitete es an der Poesie rund um die Uhr), sondern er konnte einer Sache auch die ungewöhnlichste Form geben. So gibt es bei ihm zum Beispiel ein sehr langes Gedicht, das von der einen Seite wie von der anderen zu lesen ist −

Koni topot inok.
No ne reč, a čeren on

usw.

Aber das ist natürlich nur eine absichtliche Spielerei – vor Überfluß. Spielereien haben Chlebnikov selten interessiert, nie hat er Sachen zum Angeben oder für den Verkauf gemacht.
Seine philologische Arbeit brachte Chlebnikov zu Versen, die das lyrische Thema aus nur einem einzigen Wort entwickeln.
Das sehr bekannte Gedicht „Beschwörung durch Lachen“, 1909 gedruckt, ist bei Dichtern, Neuerern und Parodisten, Kritikern gleichermaßen beliebt:

Ihr Lacherer, schlagt die Lache an!
Die ihr vor Lachen lacht
die ihr lachhaftig lachen macht,
lach aus, lach ein,
Lacherich, Lacherach

usw.

Hier wird in einem Wort auch „smejevo“, das Land des Lachens, gebildet, wie die listigen „smejunčiki“, und die „Lachmeier“ die Kraftmeier.
Welch literarische Armseligkeit im Vergleich dazu bei Balmont, der ebenfalls versucht hat, einen Vers auf dem einen Wort „ljubit’“ [lieben] aufzubauen:

Liebt, liebt, liebt, liebt,
liebt wahnsinnig, liebt die Liebe

usw.

Tautologien. Armseligkeit des Wortes. Und das für die so komplizierten Definitionen der Liebe! Chlebnikov hat einmal sechs Druckseiten geschrieben, nur von der Wurzel „lieb-“ abgeleitet. Gedruckt werden konnte das nicht, weil in der Provinzsetzerei das „l“ nicht reichte.
Von den reinen Wortschöpfungen ging Chlebnikov zu deren Anwendung in der praktischen Aufgabe über, und sei es in der Beschreibung einer Heuschrecke:

Flügelchend mit dem Goldbrief
aus feinstem Faserwerk,
packte das Heupferdchen seinen Wanst korbvoll
mit Ufernem: Schilfen und Gräsern
Pinj, pinj, pinj! pardauzte die Roßpappel.
o schwanings.
o aufschein !

Und schließlich der Klassiker:

Am Brunnen
zerrinnen,
so wollte das Wasser,
daß in dem Tümpelchen
die vergoldeten Zügel
sich spiegeln.
Rasch wie die schmale Schlange,
so wollte der Wasserstrahl,
wollte das Wässerlein,
wollt enteilen, sich verteilen,
damit um den Preis der geleisteten Arbeit
die Stiefel grüner werden, grün,
die schwarzäugigen, von ihm.
Flüstern, Stampfen, Wonnestöhnen,
dunkle Röte der Scham,
Hüttenfenster von drei Seiten,
dunkle Röte der Scham.

Einen Vorbehalt: ich zitiere die Gedichte aus dem Gedächtnis, ich kann in Details irren und will in diesem winzigen Abriß auch überhaupt nicht den ganzen Chlebnikov umreißen.
Noch eins: ich halte mich absichtlich nicht bei den riesigen phantastisch-historischen Arbeiten Chlebnikovs auf, weil deren Grundlage – die reine Poesie bildet.
Chlebnikovs Leben.
Chlebnikov wird am besten durch seine eigenen Worte definiert:

Heute gehe ich wieder
dorthin – aufs Leben, auf die Auktion, auf den Markt,
und das Heer der Lieder führe ich
zum Zweikampf mit der Brandung des Markts.

Ich kenne Chlebnikov zwölf Jahre lang. Er kam öfters nach Moskau, und dann sahen wir uns, mit Ausnahme der letzten Tage, jeden Tag. Chlebnikovs Arbeitsweise hat mich erschüttert. Sein leeres Zimmer war immer überschwemmt mit Heften, Blättern und Papierfetzen, beschrieben in seiner winzigen Handschrift. Wenn in dieser Zeit nicht der Zufall zupackte und irgendeinen Sammelband vorbereitete, und wenn nicht irgend jemand aus diesem Haufen ein Blatt hervorzog, um es zu drucken – auf seinen Reisen machte er sich aus Manuskripten ein Kissen, auf diesem Kopfkissen schlief der Reisende Chlebnikov, und dann verlor er das Kopfkissen.
Chlebnikov war viel auf Reisen. Die Gründe und Zeiten seiner Reisen waren einfach nicht zu begreifen. Vor drei Jahren war es mir unter großen Mühen gelungen, eine Ausgabe seiner Manuskripte gegen Honorar zu arrangieren (Chlebnikov hatte mir eine kleine Mappe kunterbunt durcheinandergewürfelter Manuskripte gegeben, die Jakobson mit nach Prag genommen hatte, als er seine einzigartig schöne Broschüre über Chlebnikov schrieb). Einen Tag vor dem ihm mitgeteilten Datum, wo er Genehmigung und Geld bekommen sollte, traf ich ihn auf dem Theaterplatz mit einem Köfferchen in der Hand.
„Wo wollen Sie denn hin?“- „In den Süden, es ist doch Frühling!…“ – und er fuhr weg.
Er fuhr auf dem Waggondach; er war zwei Jahre unterwegs, er machte mit unserer Armee alle Rückzüge und Vormärsche in Persien mit, kriegte einen Typhus nach dem anderen. Diesen Winter kam er zurück, im Waggon für Epileptiker, überanstrengt und abgerissen, in einem Krankenkittel.
Er brachte keine einzige Zeile mit. Von seinen Gedichten dieser Zeit kenne ich nur das über den Hunger, es war in irgendeiner Krim-Zeitung abgedruckt, und zwei wunderbare Bücher im Manuskript, die er früher geschickt hatte – „Ladomir“ und die „Schramme am Himmel“.
„Ladomir“ wurde dem GIZ übergeben, aber gedruckt werden konnte er nicht. Konnte denn ein Chlebnikov mit dem Kopf durch die Wand?
Praktisch war Chlebnikov einer der unorganisiertesten Menschen. Er selbst hat in seinem Leben nicht eine einzige Zeile gedruckt. Die postume Lobeshymne von Gorodeckij schreibt Chlebnikov fast organisatorisches Talent zu: Schaffung des Futurismus, Druck der Ohrfeige dem öffentlichen Geschmack usw. Das stimmt absolut nicht. Sowohl der Richterteich (1908) mit Chlebnikovs ersten Gedichten als auch die Ohrfeige sind von David Burljuk organisiert worden. Und auch zu allem weiteren war Chlebnikov fast nur gewaltsam heranzuziehen. So unpraktisch zu sein ist natürlich widerlich, aber bei Chlebnikov, der selten überhaupt eigene Hosen hatte (geschweige denn etwas zu essen), nahm die Uneigennützigkeit den Charakter eines echten Glaubenseifers, eines Martyriums für die Idee der Poesie an.
Chlebnikov mochten alle, die ihn kannten. Aber das war eine Liebe von Gesunden für einen gesunden, sehr gebildeten, scharfsinnigen Dichter. Verwandte, Fähige, die – in Verleugnung ihrer selbst – ihm den Hof machen konnten, hatte er nicht. Die Krankheit machte Chlebnikov anspruchsvoll. Wenn er Leute sah, die ihm nicht ihre volle Aufmerksamkeit schenkten, wurde er mißtrauisch. Ein zufällig hingeworfener, etwas schärferer Satz, der gar nicht einmal auf ihn gemünzt sein mußte, wurde dann aufgeblasen zur Mißachtung seiner Poesie, zur poetischen Vernachlässigung seiner selbst.
Im Namen der Bewahrung der richtigen literarischen Perspektive halte ich es für meine Pflicht, sowohl in meinem Namen als auch – ich zweifle nicht daran – im Namen meiner Freunde, der Dichter Asejev, Burljuk, Kručonych, Kamenskij und Pasternak schwarz auf weiß zu sagen, daß wir ihn für einen unserer dichterischen Lehrmeister und einen großartigen und ehrenhaften Ritter in unserem poetischen Kampf gehalten haben und halten.
Nach Chlebnikovs Tod sind in verschiedenen Zeitschriften und Zeitungen Artikel über Chlebnikov erschienen, voller Mitgefühl. Mit Ekel habe ich sie gelesen. Wann endlich wird die Komödie der postumen Heilungen aufhören?! Wo waren die Schreiber von heute, als Chlebnikov noch am Leben war, bespuckt von der Kritik, als er als Lebender durch Rußland ging? Ich kenne Lebende, die Chlebnikov vielleicht nicht ebenbürtig sind, die aber dasselbe Ende erwartet.
Laßt sie endlich sein, diese Ehrfurcht der Hundertjahresfeiern, die Ehrungen durch postume Ausgaben! Den Lebenden Artikel! Den Lebenden Brot! Den Lebenden Papier!

Wladimir Majakowski, in: Rotes Neuland, Nr. 4, 1922, übersetzt von Peter Urban

Welimir Chlebnikow und die Visuelle Poesie

Welimir Chlebnikow beschäftigte sich sein Leben lang nicht nur mit der Poesie, sondern auch mit der Malerei und der Zeichnung, mit der Plakatkunst und dem optisch wirkenden Schreiben, was heute als „visuelle Poesie“ bezeichnet wird. Sein poetisches Labor war unbegrenzt: „volkstümliche Poesie“, „saumnyj jasyk“ (transrationale Sprache), „Samopismo“ (Selbst-Schriften), „Laut-Schriften“. Unter dem Einfluss von Arthur Rimbaud und Guillaume Apollinaire suchte Chlebnikow schon um 1908/09 Entsprechungen zwischen Wort und Farbe. In seinem mittlerweile „klassisch“ gewordenen Gedicht „Bobeobi“ heißt es:

Bobeobi sangen die Lippen,
Weeomi sangen die Blicke,
Pieeo sangen die Brauen,
Lieeej – sang das Gesicht,
Gsi-Gsi-Gseo sang die Kette.

So auf der Leinwand irgendwelcher Entsprechungen.
Außer der Umrisse lebte das Antlitz.

In einem späteren Kommentar kommt es zur Erläuterung: „B – Bobeobi bedeutet grelle rote Farbe, deshalb sind es die Lippen, Weeomi ist blau, Pieeo – schwarz.“
In der ersten Phase der Entwicklung des russischen Futurismus (von 1908 bis 1914) arbeitete Chlebnikow zusammen mit Alexej Krutschonych an kleinen poetischen Sammelbänden, knishki (Büchlein) genannt, die von 1912 bis 1914 erschienen sind. Die Gedichte von Krutschonych und Chlebnikow erinnern an die Formen des Stichowoj Lubok (Vers – Lubok). Sie wurden von Krutschonych herausgegeben und sollten die Funktion der Lubotschnaja literatura (Lubok-Literatur) übernehmen. Von Hand geschrieben, oft bunt ausgemalt, wirkten sie ulkig und holprig. Die meisten dieser Künstlerbücher wurden von den Malern Natalja Gontscharowa und Michail Larionow illustriert, später von Kasimir Malewitsch und Olga Rosanowa.
Chlebnikow, der bereits 1910 auf der vom Arzt und Künstler Nikolaj Kulbin organisierten Ausstellung Treugolnik (Dreieck) zusammen mit dem Dichter und einem der ersten russischen Flieger Wassili Kamenski als Autor der Selbst-Schriften vertreten war, ging es nicht nur um das rein Visuelle in der Poesie, wie es für viele Kubisten charakteristisch war, sondern um die psychologischen Wirkungen eines poetischen handgeschriebenen Textes. 1913 erklärten Chlebnikow und Krutschonych im Manifest „Der Buchstabe als solcher“:

Es gibt zwei Situationen: 1) Dass die Stimmung die Handschrift beim Schreiben ändert. 2) Dass die Handschrift, eigentümlich verändert durch die Stimmung, diese Stimmung dem Leser übermittelt, unabhängig von den Wörtern. Ebenso muss man die Frage nach den sichtbaren oder einfach – wie für die Hand des Blinden – fühlbaren Schriftzeichen stellen. Es ist selbstverständlich nicht unbedingt nötig, dass der Erzähler auch Schreiber des Selbstrunenbuches ist, besser wäre, er würde damit einen Maler beauftragen. Aber solche Bücher hat es bisher noch nicht gegeben. Sie sind zuerst von den Futuristen vorgelegt worden, nämlich: Staraja Ljubow (Die alte Liebe) wurde für den Druck von Michail Larionow abgeschrieben. Wsorwal (Gesprengst) von Nikolaj Kulbin u.a., Utinoje gnjosdyschko durnych slow (Das Entennestchen der üblen Worte) von Olga Rosanowa. Da kann man endlich sagen: „Jeder Buchstabe – küsst eure Fingerlein…‘“

Und 1921 schrieb Chlebnikow an seinen Freund Rudolf Abich: „Die Handschrift stimmt die Seele des Lesers auf die gleiche Zahl von Schwingungen von einer Seele auf die andere ein.“
Die ästhetischen Möglichkeiten einer Autorenhandschrift beschäftigten den Dichter ständig. 1919 schrieb er die Arbeit „Schriftsprache des Erdballs: Das Hieroglyphensystem, allgemein für die Völker des Planeten“. Die Arbeit wurde später umbenannt und hieß: „An die Künstler der Welt!“ „Die Aufgabe der Maler“, so deklarierte Chlebnikow, „besteht darin, dass die Zeichen-Bilder die Grundeinheiten des Verstandes geben sollten.“ Als Beispiele für die möglichen Grundlagen gibt er die russischen Konsonanten an, mit dem Vorbehalt: „… diese Versuche sind wie Säuglingsschrei, hier ist noch die Arbeit zu leisten.“
Nach Chlebnikows Tod im Jahre 1922 organisierte Alexej Krutschonych in seinem Verlag eine Ausgabe der Gedichte Chlebnikows, herausgegeben von der „Gesellschaft der Freunde Chlebnikows“. Daran beteiligten sich unter anderem Igor Terentjew, Boris Pasternak und Wassily Kamenski. Mittels Steklografija (Glasplattenabdruck) schrieben sie seine Gedichte mit der Hand nieder, als Realisierung seiner Ideen der poetischen Autorenhandschrift.

Valeri Scherstjanoi, Bildende Kunst, Heft 11, 1988

DER TOTE CHLEBNIKOV

Pritsche aus grobem Holz,
darauf Stroh,
dahinter Bretterwand.

Nur Brett,
nur Holz,
nur Astknorr.

Oder ein Loch danach.

Unter den Füßen Ährenhalme,
Feldblumenbüschel hinterm Kopf.

Emil Juliš

 

Fakten und Vermutungen zum Poesiealbum + wiederentdeckt +
50 Jahre 1 + 2 + 3 + 4 + 5 + 6

 

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Fakten und Vermutungen zum Autor

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