Felix Philipp Ingolds Skorpioversa – Schulter an Schulter mit Paul Valéry

Schulter an Schulter mit Paul Valéry
Eine Reminiszenz von Georges Perros

In sein Gedichtbuch «Ein ganz normales Leben» (Une vie ordinaire, 1967) – der Untertitel bezeichnet es als ein «Roman-Poem» – hat Georges Perros die hier folgenden Gelegenheitsverse aufgenommen:

Dem Valéry bin ich mal in einem
öffentlichen Pissoir begegnet und
hab ganz nah bei ihm Pipi gemacht
und mir das Liedchen angehört
das seiner Blase sanft entsprang …

Zu datieren sind die Zeilen auf 1944 oder 1945. Paul Valéry, international gefeiert als Dichter und Dichtungstheoretiker, hielt damals seine letzten Vorlesungen am Collège de France in Paris. Der junge Perros gehörte zu seinen enthusiasmierten Hörern, er war nach eigenem Bekunden «völlig auf den Knien vor ihm» und bewahrte ihn denn auch für lange Zeit als Vorbild. «Für mich war Valéry tatsächlich der totale Mensch», bestätigte Perros später in einem Radiogespräch: «Er war für mich das, was Leonardo da Vinci für ihn gewesen ist …»
Mit dieser hohen Einschätzung kontrastiert die krude Schilderung des zufälligen Zusammentreffens mit dem berühmten alten Mann in einem stinkenden Strassenpissoir. Perros erkennt hier seinen verehrten Lehrmeister als einen Menschen wie du und ich, befreit ihn mithin von seiner professoralen Aura, führt ihn bei seiner Notdurft vor, ohne ihn dabei blosszustellen oder lächerlich zu machen. Im Gegenteil: Paul Valéry wird als unauffälliger Normalverbraucher wahrgenommen und herausgestellt – der epochale Autor tritt hinter die reale Person zurück, das Pissoir ersetzt für ein paar Augenblicke den Vortragssaal und überhaupt den elitären lebensfernen Raum, in dem Valéry gemeinhin wahrgenommen wird.
Mit Valéry Schulter an Schulter sein «Geschäft» zu verrichten, dürfte für Georges Perros eine existenzielle Erfahrung gewesen sein, sei es dadurch, dass er bei der Gelegenheit sich selbst «erhöht» fühlen konnte, oder – umgekehrt – dadurch, dass er den hochberühmten Zeitgenossen gewissermassen vom Olymp zu sich herab beförderte und ihn somit als seinesgleichen auswies.
Wie auch immer man die zwischen Peinlichkeit und Lächerlichkeit schwankende Episode auffassen mag, Tatsache ist, dass Perros von seinem angeblichen Vorbild offenkundig nichts gelernt hat, auch nichts lernen konnte, da er eine gänzlich andere Poetik praktizierte. Denn im Gegensatz zu Valérys dichterischem Formalismus und Eklektizismus pflegte er konsequent ein lyrisches Parlando, das sich gerade nicht an der hochsprachlichen Versdichtung orientierte, sondern an der unbedarften, wenn nicht «kaputten» Umgangssprache – «… ich stehe nicht für das Phänomen der Literatur», bekräftigte er 1973 im Rückblick auf sein schriftstellerisches Gesamtwerk: «Ich schreibe so, wie ein anderer einen Stuhl macht.»
In vorgerücktem Alter empfand Perros die Auftritte Valérys im Collège de France keineswegs mehr als vorbildlich, eher schon langweilte er sich dabei und war irritiert von der akademischen Klischeehaftigkeit und dem mangelnden pädagogischen Engagement des Dichters, den er doch als seinen selbstgewählten Präzeptor verehrte. Hatte er sich in ihm nur einfach getäuscht? Und war dies vielleicht der Grund dafür, sich nachträglich mit ihm beim Wasserlösen gemein zu machen? In einer ordinären Szene, die er womöglich – wer weiss? – eigens erfunden hatte, um sein zum Denkmal erstarrtes Vorbild vom Sockel zu holen!

 

© Felix Philipp Ingold & Planetlyrik

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