Celan wiederlesen

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch Celan wiederlesen

Celan wiederlesen

„IM GRUNDE BIN ICH WOHL EIN RUSSISCHER DICHTER…“

− Dichtung und Poetik Celans im Kontext seiner russischen Lektüren −

Nach Rilke hat wohl kein zweiter deutschsprachiger Dichter sich auf vergleichbare Weise Rußland verbunden gefühlt wie Paul Celan. Ähnlich wie bei Rilke führt die tief empfundene Wesensverwandtschaft mit der russischen Dichtung zu einer zwar kurzen, jedoch bemerkenswert intensiven Auseinandersetzung mit Russischem, auf deren Höhepunkt Celan sich selbst als einen „russkij poet“, einen „russischen Dichter“ bezeichnet. Dieses Bekennntnis findet sich mehrfach in Briefen, die er um 1960 an verschiedene Freunde sendet. Es findet sich verschlüsselt aber auch in zahlreichen seiner zur selben Zeit entstehenden Gedichte und poetologischen Äußerungen.
Der vorliegende Beitrag will daher nicht nur Celans Übersetzen aus dem Russischen kurz skizzieren, sondern zugleich auch aufmerksam machen auf einige wichtige Aspekte seiner Beschäftigung mit russischer Literatur überhaupt, die weit über das Übersetzen hinausführte. Sie betraf Celan in einer Krisensituation seines Lebens, sie führte ihn in Gedanken zurück an den Ort seiner Herkunft und sie half ihm seine gegenwärtige Position als Dichter im Exil zu bestimmen.
Geboren 1920 in Czernowitz als Sohn deutsch-jüdischer EItern hatte Celan als Zwanzigjähriger das Russische erlernt, nachdem seine Heimatstadt von der Roten Armee besetzt worden war, „gerne und dankbar“, wie er sich später erinnert. Schon bald beginnt er, russische Literatur im Original zu lesen und wenig später auch zu übersetzen. Zu diesen ersten Übertragungen gehören Gedichte des Symbolisten Walerij Brjussow; Celan übersetzt aber auch schon fast einen ganzen Zyklus aus dem Werk von Sergej Jessenin, einem der eindrucksvollsten Vertreter der russischen Avantgarde überhaupt.
Als Celan nach dem Krieg die Bukowina verlassen hat und nach Bukarest gezogen ist, arbeitet er zunächst als professioneller Übersetzer für den rumänischen Verlag Das russische Buch (Cartea rusă). Dieser Verlag war soeben erst begründet worden, um klassische Werke der russischen Literatur, aber auch Propagandaschriften möglichst schnell in Rumänien zu verbreiten. Celan übersetzt hier einige Bücher aus dem Russischen ins Rumänische, darunter auch den einzigen Roman des berühmten russischen romantischen Dichters Michail Lermontow, Ein Held unserer Zeit. Diese Übersetzung hat übrigens zahlreiche Auflagen erlebt; mehrere Generationen rumänischer Schüler haben diesen Klassiker der russischen Literatur also in Celans Worten kennengelernt. Celan selbst lebt allerdings nur kurze Zeit in der rumänischen Hauptstadt. Nach einem kurzen Zwischenaufenthalt in Wien läßt er sich im Juli 1948 in Paris nieder. Dort scheint er die russische Sprache und Dichtung zunächst völlig vergessen zu haben. Es dauert fast ein Jahrzehnt, bis er wieder auf ihre Spur gebracht wird.
Erst Ende der fünfziger Jahre nämlich beginnt Celan sich auf Drängen des ukrainischen Gelehrten Ėmanuil Raïs erneut der russischen Poesie zuzuwenden. Raïs, der ebenfalls aus der Gegend um Czernowitz stammte, hatte sich in Paris schon seit Jahren um die Vermittlung der russischen und der ukrainischen Literatur in den Westen bemüht. Er macht Celan in ganz kurzer Zeit vertraut mit den wichtigsten Vertretern der russischen Moderne, darunter nun auch mit Georgij Iwanow, Marina Zwetajewa, Welemir Chlebnikow und Ossip Mandelstamm, die Celan bis dahin nicht gekannt hatte, die er eben aus politischen Gründen nicht hatte kennenlernen können. Raïs erinnert sich, daß Celan damals ungewöhnlich schnell Interesse an der russischen Literatur gewann; besonders heftig sei er für die Dichtung Mandelstamms „entbrannt“.
Seine erste große Übersetzung aus dem Russischen jedoch wurde die Übertragung von Alexander Blocks Poem Die Zwölf (erschienen 1958), mit der Celan anknüpfte an die kurz zuvor erst abgeschlossene Übertragung von Rimbauds „Bateau ivre“. Damit stellte Celan den russischen Symbolisten Block ganz bewußt in die vorderste Reihe der großen Dichtungen des europäischen Symbolismus, wobei er hier den Akt des Revolutionären – Aufbruch und Zeitenwende zugleich -, den er auch bei Rimbaud besonders herausgearbeitet hatte, in einer kurzen Notiz des Übersetzers noch eigens betonte. Zugleich knüpfte Celan mit dieser Übersetzung ähnlich wie auch bei seinen Übertragungen aus dem Französischen an eine große übersetzerische Tradition an, die in den voraufgegangenen beiden Jahrzehnten abgebrochen war.
Seine Rolle als Vermittler russischer Literatur nahm Celan aber weniger im Hinblick auf „klassische“ Dichtungen oder auf Texte der schon klassisch gewordenen Moderne ernst. Vielmehr bemühte er sich vordringlich, in Deutschland noch überhaupt nicht bekannte Autoren und Texte erstmals der Öffentlichkeit vorzustellen. In nur wenigen Monaten entstehen so viele Übersetzungen, daß Celan schon 1959 ein Bändchen mit Gedichten Mandelstamms und 1961 eines mit Gedichten von Jessenin herausbringen kann. 1963 faßt er diese Übersetzungen und das Block-Poem dann noch einmal zusammen in der nur um wenige Gedichte Mandelstamms ergänzten Ausgabe Drei russische Dichter. Mit diesen vier Bänden erlangte Celan über die Grenzen Deutschlands hinaus Achtung und Anerkennung als kompetenter Kenner und Vermittler russischer Literatur. Anfang der sechziger Jahre wird ihm von seinem Verleger sogar eine bezahlte „Beratertätigkeit“ für die russische Literatur angetragen, die er jedoch nur wenige Monate lang wahrnimmt.
Obwohl Celan in der kurzen Periode zwischen 1958 und 1963 ausgesprochen viel russische Literatur las und eine über 500 Titel umfassende „russische Bibliothek“ zusammentrug, waren es doch nur wenige Autoren, denen er sich intensiver widmete und die im Zentrum seines Interesses standen. Fast alle gehören sie zum „Silbernen Zeitalter“, dem zweiten Höhepunkt der russischen Poesie nach Puschkin, fast alle sind sie Zeitgenossen der Oktober-Revolution gewesen. Neben den schon genannten Autoren hat Celan auch einzelne Gedichte von Konstantin Slutschewskij (Upala molnija), von Boris Pasternak (Otplytie), von Wladimir Majakowskij (Flejta-pozvonoćnik) und, vor allem in seinen späteren Jahren, Texte von Welemir Chlebnikow übersetzt. Nicht mehr als fragmentarische Übersetzungsnotizen lassen sich hingegen bei Gedichten von Georgij Iwanow (Igra sudby) finden; bei Marina Zwetajewa, deren Dichtung Celan überaus hoch schätzte, sind in einzelnen Gedichten und Poemen nur noch Spuren zu verzeichnen, die von seiner intensiven Lektüre zeugen, jedoch keine Ansätze zur Übersetzung. Ihre Gedichte zu übertragen, hielt Celan für fast unmöglich; sie markieren die auch von ihm nicht mehr übersetzbare Grenze.
Mit der übersetzerischen Annäherung an die russische Dichtung intensiviert Celan seine persönlichen Beziehungen zu wichtigen Vertretern der russischen Emigration in Paris. Durch sie angeregt, verfolgt er intensiv auch die aktuelle, die jüngste russische Literatur. Dennoch gibt es von Celan nur eine einzige Übersetzung eines zeitgenössischen Gedichts: das Poem „Babij Jar“ von Jewgenij Jewtuschenko, das Celan schon bald nach dessen Veröffentlichung in der Literaturnaja gazeta im September 1961 übertragen hat. Die Übersetzung erschien 1962 (dank des Engagements von Peter Huchel) fast gleichzeitig in Ost- und in Westdeutschland (Im Fischer Almanach und in Sinn und Form). Für Celan war die Übersetzung gerade dieses Poems nicht ein gegen die damalige Sowjetunion gerichtetes Politikum, so wie es vor allem anläßlich des Deutschland-Besuches von Jewtuschenko im Januar 1963 aufgenommen und medienwirksam aufgebauscht wurde. Daß in diesem Zusammenhang auch die deutschen NS-Verbrechen in Rußland bewußt beschönigt und gerade in der Diskussion um das Gedicht die historischen Tatsachen verdreht wurden, bestätigte nur Celans aktuelle Furcht und Erfahrungen:

Über Babij Jar, da steht keinerlei Denkmal.
Ein schroffer Hang – der eine, unbehauene Grabstein.
[…]

 

Über Babij Jar, da redet der Wildwuchs, das Gras.
Streng, so sieht dich der Baum an,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaamit Richter-Augen.
Das Schweigen rings schreit.
Ich nehme die Mütze vom Kopf, ich fühle,
ich werde
aaaaaaaaagrau.
Und bin – bin selbst
aaaaaaaaaaaaaaaaaein einziger Schrei ohne Stimme
über tausend und aber
aaaaaaaaaaaaaaaaaaatausend Begrabene hin.

Jewtuschenkos Gedicht gegen das Vergessen der Verbrechen an den europäischen Juden entsprach in seiner Stoßrichtung Celans eigenen dichterischen Intentionen. Die Nähe zu seinem wichtigen, schon vier Jahre zuvor entstandenen Poem „Engführung“ (in Sprachgitter [1959]) ist unübersehbar:

Verbracht ins
Gelände
mit der untrüglichen Spur:
Gras, auseinandergeschrieben. Die Steine, weiß,
mit den Schatten der Halme:
Lies nicht mehr – schau!
Schau nicht mehr – geh!

[…]

aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaNirgends
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaafragt es nach dir −
Der Ort, wo sie lagen, er hat
einen Namen – er hat
keinen.
[…]

Celan versucht in seiner Übersetzung aber nicht nur, dem Leser diese Nähe deutlich zu machen. Unter Bewahrung größtmöglicher Wörtlichkeit in der Übertragung gelingt es ihm zugleich, auf die mit der Verdrängung der Vergangenheit Hand in Hand gehende Verleumdung hinzuweisen, die ihn selbst zu dieser Zeit ganz aktuell betraf. Schon 1953 war durch die Witwe Yvan Golls ein ungerechtfertigter Plagiatsvorwurf gegen ihn aufgebracht worden. 1960 und in den Jahren danach hatte sich die Angelegenheit durch eine breite öffentliche Diskussion zu einer Affäre ausgeweitet, die in Celans Augen deutlich antisemitische Züge trug. Spricht Jewtuschenko nun in seinem Poem von Judenpogromen und Verleumdung, so schreibt Celan in die Übersetzung die gegen ihn selbst gerichteten verleumderischen Vorwürfe mit hinein:

Der Spießer
aaaaaaaaaadenunziert mich,
der Philister
aaaaaaaaaaspricht mir das Urteil.
Hinter Gittern bin ich.
aaaaaaaaaaaaaaaaaaUmstellt.
Müdgehetzt.
aaaaaaaaaaaUnd bespien.
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaUnd verleumdet.
aaaUnd es kommen Dämchen daher, mit Brüsseler Spitzen,
aaaund kreischen
aaaund stechen mir ins Gesicht
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaamit Sonnenschirmchen.

Diese Verbindung von konkreter historischer Bezogenheit des Gedichts, einem im Gedicht artikulierten Gedächtnisauftrag und einer großen existentiellen Betroffenheit seines Autors läßt sich gerade an diesem Beispiel als charakteristisch nicht nur für Celans eigenes Dichten, sondern vor allem auch für das Übersetzen, insbesondere für das Übersetzen aus dem Russischen beschreiben. Diese Faktoren bestimmten Celans gesamtes Werk, und sie leiteten auch seine Lektüre. Sie bedingten schließlich wesentlich die alle anderen russischen Lektüren zunehmend dominierende Neigung Celans zu Person und Dichtung Ossip Mandelstamms.
Celan lernte also wie schon gesagt die Gedichte Mandelstamms und die ihnen eingeschriebene Geschichte erst in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre kennen. In Paris erwirbt er nicht nur die dort und in den USA erschienenen Gesammelten Werke Mandelstamms, sondern bemüht sich auch auf antiquarischem Wege möglichst alle Originalausgaben von dessen Gedichtbänden Der SteinKamen’ (1913), Tristia (1922) und GedichteStichotvorenija (1928) aufzufinden. Zusätzlich sammelt er alle verfügbaren Informationen über Lebensweg und Schicksal des verschollenen Dichters, über dessen genaue Todesumstände man zu diesem Zeitpunkt noch im Zweifel ist. Die Möglichkeit, daß Mandelstamm in einem Lager Hitlers umgekommen ist, macht Celan besonders betroffen, um so mehr, als seine eigenen Eltern von den Nationalsozialisten verschleppt wurden und in der Ukraine ums Leben gekommen sind. Aufgrund einer tief empfundenen Schicksalsgemeinschaft stilisiert Celan im Laufe seiner Lektüre den Menschen Mandelstamm zu einem Bruder im Leid; Mandelstamms Dichtung aber wird Celan in der Übersetzung zum eigenen Wort.
Celans Auswahl ist nicht nur die erste Mandelstamm-Ausgabe in deutscher Sprache, es ist die erste fremdsprachige Buchausabe überhaupt, die in einem repräsentativen Querschnitt das Gesamtwerk des Dichters einer breiteren Öffentlichkeit vorstellen wollte. Als 1961 die nachgelassenen Gedichte Mandelstamms aus den Woronescher Heften / Noronežskie tetrady in dem amerikanischen Almanach Luftwege 11 / Nozdušnye puti II veröffentlicht werden, nimmt Celan das Heft mit in die Ferien. Aus dem intensiven Studium der über vierzig Texte gehen zwei neue Übersetzungen hervor, die Celan 1963 in der Zeitschrift Die Neue Rundschau erstmals veröffentlicht. Diese Publikation weist geradezu bekenntnishaft auf die große Bedeutung hin, die Mandelstamm für Celans eigenes dichterisches Werk unterdessen zugewachsen ist. Im Augenblick einer schweren dichterischen und existentiellen Krise, die um 1960 alles in Frage stellte, wofür Celan bis dahin gelebt hatte und was das Zentrum seiner dichterischen Arbeit ausmachte, wurde das Wiedererkennen des eigenen Leids in der Beschäftigung mit Mandelstamm für Celan zum paradigmatischen Fall von Dichtung im 20. Jahrhundert. Celan spricht – ähnlich wie in Jewtuschenkos Babij Jar – auch mit den Mandelstamm-Übersetzungen zugleich von sich selbst:

WO’S MICH NICHT GIBT, dahin
zu fliegen, ungesehn,
wohin der Strahl ging, gehn:
danach steht mir der Sinn!

 

Du: hier im Rund erstrahl −
Ein andres Glück ist nicht −
Und lern beim Stern, was
Licht bedeutet und besagt.

 

Das Licht ist er, der Strahl,
aus diesem einen Grund:
ein Flüstern, ein Gelall
gab Kräfte und gab Glut.

In der Sprache der deutschen Klassiker verbindet Celan das Gedächtnis an den verstorbenen Dichter Mandelstamm mit der, wie er selbst formuliert, „ersten Chance jeder Dichtung“: der „des bloßen Vorhandenseins“. Das Gedicht spricht so aber auch die Erfahrung und die Hoffnung des Dichters mit aus, dessen Überleben durch die Übersetzung gesichert ist. Daß sich diese Hoffnung auch auf die eigene Existenz und das eigene Gedicht mitbezog, das markierte Celan an dieser Stelle zugleich durch eine in der Druckanordnung der Zeitschriftenpublikation hergestellte „Konstellation“: die beiden Nachlaß-Übersetzungen gehen auf Anweisung Celans einem Vorabdruck von sechs eigenen Gedichten aus dem späteren Band Die Niemandsrose voran. Der Vorabdruck trägt wie der spätere Gedichtband die Widmung „Dem Andenken Ossip Mandelstamms“; sie verknüpft das eigene und das übertragene Gedicht unmißverständlich. War die Dichtung Celans immer schon von der Trauerarbeit her bestimmt, so erhalten die Gedichte dieses Bandes nun ihren konkreten Auftrag aus der Zueignung an Mandelstamm. In jedem der vier Binnenzyklen gibt es ein Gedicht, das sich als explizite Anspielung auf den Dichter lesen läßt, jedes Mal sind es Wortspiele mit seinem Namen und damit zugleich eine Hommage an den berühmten Vers aus Mandelstamms Der Hufeisen-Finder (Našedšij podkovu):

Triždy blažen, kto vvedet v pesn’ imja;
Ukrašennaja nazvan’em pesn’
Dol’še živet sredi drugich –
Ona otmečena sredi podrug povjazkoj na Ibu,

 

Dreimal selig, wer einen Namen einführt ins Lied!
Das namengeschmückte Lied
lebt länger inmitten der andern –
Es ist kenntlich gemacht inmitten seiner Gefährten durch
eine Stirnbinde,

Im ersten Zyklus der Niemandsrose „spielt“ Celan mit dem Namen Mandelstamm, indem er dessen konkrete Bedeutung lautmalerisch variiert:

Denn es blühte der Mandelbaum.
Mandelbaum, Bandelmaum.
Mandeltraum, Trandelmaum.
Und auch der Machandelbaum.
Chandelbaum.

 

Heia.
Aum.

Es ist ein grausames Spiel, das ein biblisches, dem Stamm Juda zugeschriebenes Symbol, den Mandelbaum, als ein Symbol des Lebens mit dem Galgenbaum verknüpft.
Ein weiteres Mal erscheint die Mandel als Bestandteil des Namens Mandelstamm im Gedicht „Mandorla“. Die Mandorla als bildlicher Ausdruck christlicher Geborgenheit wird mit der Frage:

In der Mandel – was steht in der Mandel?
Das Nichts.

geradezu entlarvt. Das Gedicht, das der göttlichen Gerechtigkeit das Leiden des jüdischen Volkes entgegenstellt, kann allein im „Nichts“ das Beständige erblicken. In diesem Gedicht wird das Judesein dem Menschsein gleichgestellt, das Leiden des jüdischen Volkes als Leiden der Menschheit erkannt, dessen Ausdruck sich der Dichter verpflichtet weiß. Dieser Gedanke wird von Celan erst über seine Begegnung mit Mandelstamm, dem jüdischen Dichter, dem verfemten Dichter, dem leidenden Dichter, der dennoch unverbrüchlich „steht“, faßbar.
Als Epiphanie gestaltet Celans persönliche Begegnung mit Mandelstamm schließlich das dritte an den Dichter erinnernde Gedicht im Band Die Niemandsrose:

NACHMITTAG MIT ZIRKUS UND ZITADELLE

 

In Brest, vor den Flammenringen,
im Zelt, wo der Tiger sprang,
da hört ich dich, Endlichkeit, singen,
da sah ich dich, Mandelstamm.

 

Der Himmel hing über der Reede,
die Möwe hing über dem Kran.
Das Endliche sang, das Stete, −
du, Kanonenboot, heißt „Baobab“.

 

Ich grüßte die Trikolore
mit einem russischen Wort −
Verloren war Unverloren,
das Herz ein befestigter Ort.

Es entstand in eben jenem Sommerurlaub, als Celan die Nachlaßgedichte Mandelstamms zum ersten Male las, und es formuliert die „Befestigung“ des Herzens, die Celan in der Begegnung mit Mandelstamm offenbar erfahren hatte. Die Anspielung auf das Russische erfolgt hier explizit in der Nennung des russischen Dichters, aber auch in dem russischen Gruß, der zugleich ein Fahnenbekenntnis ist. Die hier genannte „Trikolore“ mag – ebenso wie Brest neben dem französischen Ort auch das weißrussische Brest-Litowsk anklingen läßt – hier beide Lebensbereiche meinen, denen Celan sich verpflichtet wußte: Frankreich, wo er ein Zuhause gefunden hatte und Rußland, das, zumindest in diesen Jahren, für ihn so etwas wie „Heimat“ bedeutete.
Noch konkreter, ja geradezu intim wird die Begegnung mit Mandelstamm von Celan schließlich im vierten Binnenzyklus der Niemandsrose gestaltet. In dem Gedicht „Es ist alles anders“ heißt es:

aaaaaaaaaaaaaaa[…] ein Weg
nach Rußland steigt dir ins Herz,
die karelische Birke
hat
gewartet,
der Name Ossip kommt auf dich zu, du erzählst ihm,
was er schon weiß, er nimmt es, er nimmt es dir ab, mit Händen,
du löst ihm den Arm von der Schulter, den rechten, den linken,
du heftest die deinen an ihre Stelle, mit Händen, mit Fingern, mit Linien,

 

– was abriß, wächst wieder zusammen −
da hast du sie, da nimm sie dir, da hast du alle beide,
den Namen, den Namen, die Hand, die Hand,
da nimm sie dir zum Unterpfand,
er nimmt auch das, und du hast
wieder, was dein ist, was sein war,
[…]

„Bruder Ossip“ hatte Celan in einem zur selben Zeit entstandenen Gedichtentwurf Mandelstamm genannt. Hier wie dort ist es eine Annäherung, bei der er sich der als Name auf ihn zugekommenen Gestalt des Dichters zu versichern, sie sich zu vergegenwärtigen sucht. Mandelstamm wurde für Celan zunehmend zum Inbegriff des verleumdeten, vertriebenen und verlorenen Dichters, dessen Schicksal zum einen dadurch bedingt war, daß er als Jude Restriktionen und Verfolgungen ausgesetzt war. Zum anderen aber betont Celan, Mandelstamm sei einer der wenigen gewesen, die nie „nach Canossa“ gegangen seien. In dieser Redewendung wird eine geistige Haltung sichtbar, die Celan vor allem an Mandelstamm bewunderte und die er bei den meisten von dessen wie auch bei seinen eigenen Zeitgenossen vergeblich suchte. Mandelstamms schließlich selbst das eigene Leben nicht mehr achtendes kompromißloses Einstehen für die europäische Kultur, für Humanität, für eine Revolution, die einzig und allein den Unterdrückten gilt, wird zur Grunderfahrung Celans mit der russischen Dichtung überhaupt. Wo er sich ihr zuwendet, ist es dieser Gestus, den er aufsucht, den er in seiner Übersetzung zu bewahren sucht, sei es bei Jewtuschenko, sei es bei Block, Majakowskij oder Chlebnikow, sei es bei Jessenin oder eben bei Mandelstamm. In diesem Gestus bindet Celan schließlich die russische Oktober-Revolution mit den Volkserhebungen in Wien und Madrid 1938 als letztem Widerstand gegen den Faschismus zugleich mit der Geschichte der Pariser Aufstände zusammen, so im Gedicht

IN EINS

 

Dreizehnter Feber. Im Herzmund
erwachtes Schibboleth. Mit dir,
Peuple
de Paris.
No pasarán.

 

Schäfchen zur Linken: er, Abadias,
der Greis aus Huesca, kam mit den Hunden
über das Feld, im Exil
stand weiß eine Wolke
menschlichen Adels, er sprach
uns das Wort in die Hand, das wir brauchten, es war
Hirten-Spanisch, darin,

 

im Eislicht des Kreuzers „Aurora“:
die Bruderhand, winkend mit der
von den wortgroßen Augen
genommenen Binde – Petropolis, der
Unvergessenen Wanderstadt lag
auch dir toskanisch zu Herzen.

 

Friede den Hütten!

Auch dieses Gedicht gedenkt Mandelstamms. Es ist aber nicht der persönliche Name (Ossip) oder der auf seine jüdische Abstammung verweisende Familienname (Mandelstamm), mit dessen sprechenden Bestandteilen Celan in den anderen Gedichten „gespielt“ hatte. Mandelstamm wird nicht durch seinen Namen evoziert, er wird nun allein sichtbar gemacht durch eine spezifische Geste: „winkend mit der / von den wortgroßen Augen / genommenen Binde“ (und erinnert damit an die schon zitierte Passage aus Mandelstamms „Hufeisen-Finder“, wo von der Stirnbinde als Erkennungszeichen die Rede war) – und allein in diesem Gestus erscheint seine grüßende Dichterhand als „Bruderhand“.
Celan hat sich in den Jahren um 1960 intensiv um die Übersetzung und Vermittlung russischer Dichtung, vor allem aber der Dichtung Ossip Mandelstamms bemüht. Anfang 1960 kommt ihm dabei der Auftrag eines norddeutschen Rundfunksenders entgegen, der Celans Mandelstamm-Übersetzungen senden will. Er benötigt für die Sendung einen begleitenden einführenden Text, den Celan selbst verfassen soll. Obwohl Celan aus dem Werk von mehr als 35 Autoren übersetzt hat, ist dies die einzige je von ihm über einen anderen Dichter verfaßte Schrift – ein weiteres Beispiel für die außerordentliche Bedeutung, die Mandelstamm für ihn gewonnen hatte. Der in nur wenigen Wochen formulierte Text nimmt zahlreiche Gedanken auf, die Celan schon früher im Hinblick auf einen etwaigen Essay über Mandelstamm notiert hatte. Er trifft aber – glückliche Fügung – auch zeitlich zusammen mit den Aufzeichnungen Celans für die im Herbst desselben Jahres zu haltende Rede an läßlich der Verleihung des Georg-Büchner-Preises. Zu großen Teilen geht das zunächst über „Die Dichtung Ossip Mandelstamms“ Gesagte schließlich ein in Celans in der Preisrede ausgeführte Poetik des Gedichts. Es wird hier aber auch ergänzt um einen Gedanken, der das einmalige Ereignis seiner Auseinandersetzung mit Mandelstamms Dichtung allgemein zu erfassen versucht:

Das Gedicht ist einsam. Es ist einsam und unterwegs. Wer es
schreibt, bleibt ihm mitgegeben.
Aber steht das Gedicht nicht gerade dadurch, also schon hier,
in der Begegnung –
im Geheimnis der Begegnung?

Mit dieser Wendung antwortet Celan unmißverständlich auf das Credo Mandelstamms: „Es gibt keine Lyrik ohne Dialog“ „Net liriki bez dialoga“. Es ist das Gedicht Celans, das – im Geheimnis der Begegnung stehend – dieses Gespräch für uns bis heute fortsetzt.
Die Begegnung mit Mandelstamm, das Wiedererwachen des russischen Dichters im eigenen Wort war Celan ein geradezu existentielles Anliegen. Über den Eisernen Vorhang hinweg bemüht er sich auf redaktionellen Umwegen und durch Vermittlung von Ilja Ehrenburg seine Übersetzungen der noch lebenden Witwe Mandelstamms zukommen zu lassen; Ende Juli 1962 erreicht ihn dann ein kurzes Schreiben Nadeschda Mandelstamms, in dem sie ihm für seine Arbeit dankt: „In einigen Übersetzungen“, schreibt sie, „höre ich eine Intonation heraus, die dem Original sehr nahe kommt, und ich danke Ihnen sehr für Ihre Mühe. Bei uns gibt es jetzt sehr viele Leute, die von dieser Dichtung hingerissen sind. Meiner Erinnerung nach hat es solche Begeisterung noch nicht gegeben. Man lebt leichter dadurch.“
Celan hat jenseits der Grenzen Rußlands als erster die Gedichte Mandelstamms einem breiteren Publikum bekanntgemacht. Dies geschah, wie dieser kurze Abriß zu zeigen versucht, weit weniger durch seine Übersetzungen (dieses Verdienst gebürt Ralph Dutli), sondern vor allem dadurch, daß er ihn zugleich als Dichter in sein eigenes Werk „eingeschrieben“ hat. Der verleumdete und verfolgte, der in der Verbannung schmählich umgekommene russische Dichter Mandelstamm verkörpert für Celan wie kein anderer Wesen und Schicksal der Dichtung in diesem Jahrhundert überhaupt. Celan, dessen eigene Heimat durch den Zweiten Weltkrieg russisch geworden war, hatte hier, in der durch Lektüre, Übersetzung und eigene Gedichte nachvollzogenen Wesens- und Dichtergemeinschaft zumindest einen Augenblick lang auch seinen Ort und seine Bestimmung gefunden: im Grunde war er wohl tatsächlich ein russischer Dichter.

Christine Ivanović

 

 

Vorbemerkung

Paul Celan ist einer der großen Dichter in deutscher Sprache. Seine Bibliothek und sein schriftlicher Nachlaß wurden von den Erben in die Obhut des Deutschen Literaturarchivs in Marbach gegeben, wo man ihm dann 1997 die Jahresausstellung gewidmet hat.
Das Lyrik Kabinett schätzt, ja bewundert die Marbacher Literatur-Ausstellungen seit vielen Jahren, und es war schon öfter unser Wunsch, eine der Ausstellungen auch nach München zu bringen: als Musterbeispiel, wie man Literatur und ihre materiellen Spuren zum intellektuellen Genuß, zur erinnernden und stimulierenden Betrachtung präsentieren kann.
So war es uns eine große Freude, die Ausstellung „Fremde Nähe“. Celan als Übersetzer in Zusammenarbeit mit dem Literaturhaus Anfang 1998 in München zeigen zu können. Die in diesem Band versammelten Vorträge wurden im Rahmen des vom Lyrik Kabinett veranstalteten Begleitprogramms zur Ausstellung in München gehalten.
Einige Texte stellen einen sehr persönlichen Zugang zu Paul Celan dar, sind gleichzeitig reflektierte Erinnerungen. Alle Beiträge wurden eigens für diesen Anlaß verfaßt – auf Bitte und Anfrage des Lyrik Kabinetts, das damit den einzelnen Verfassern einen Anstoß zur erinnernden Auseinandersetzung mit Person und Werk Paul Celans gab.
Wir haben uns entschlossen, diese Beiträge in einem Band zu veröffentlichen – ZUM NACHLESEN für die Zuhörer und zum Kennenlernen für diejenigen, die nicht dabei waren. Er ist nicht für Celan-Philologen gedacht, sondern für Celan-Leser und solche, die es werden wollen – ein Münchner Beiheft zum Celan-Katalog. Ralph Dutlis großartiger Vortrag der Gedichte im russischen Original und in der Celan’schen Übersetzung, der auf den Beitrag von Christine Ivanović folgte, ist leider im Druck nicht wiederzugeben.
Als Ergänzung der Beiträge von Fritz Arnold und Friedhelm Kemp haben wir Peter Gans Rezension von Celans Übersetzung der jeune Parque in den Band aufgenommen, die bisher nur in kurzen Auszügen im Marbacher Celan-Katalog publiziert worden ist und auch in Peter Gans Gesammelten Werken (Göttingen 1997) fehlt. Diese Rezension hatte Peter Gan selbst seinerzeit vor der Veröffentlichung zurückgezogen, sie aber mit einem Brief an Paul Celan geschickt.
Mein besonderer Dank gilt Friedrich Pfäfflin, der in bewährter Weise die Gestaltung und Herstellung dieses Bandes übernommen hat und auch dafür sorgte, daß er im Rahmen der von Marbach herausgegebenen bzw. vertriebenen Schriften erscheinen kann!

Ursula Haeusgen, Vorwort

 

Mit Celan wiederlesen

legt das Lyrik Kabinett den ersten Band einer kleinen Publikationsreihe vor, die unser Programm in Zukunft begleiten soll. In unregelmäßiger Folge sammelt diese Reihe ausgewählte Beispiele aus unseren Lesungen – Zum Nachlesen und Wiederlesen.
Die in diesem Band versammelten Vorträge wurden im Rahmen des vom Lyrik Kabinett veranstalteten Begleitprogramms zur Marbacher Ausstellung Celan als Übersetzer im Literaturhaus München im Februar 1998 gehalten. Einige Texte stellen einen sehr persönlichen Zugang zu Paul Celan dar, sind gleichzeitig reflektierte Erinnerungen. Alle Beiträge wurden eigens für diesen Anlaß verfaßt – auf Bitte und Anfrage des Lyrik Kabinetts, das damit den einzelnen Verfassern einen Anstoß zur erinnernden Auseinandersetzung mit Person und Werk Paul Celans gab.
Celan wiederlesen versteht sich als Münchner Beiheft zum Marbacher Celan-Katalog und wurde in Verbindung mit dem Schiller-Nationalmuseum Marbach vom Lyrik Kabinett veröffentlicht.

Stiftung Lyrik Kabinett, Ankündigung

 

Mit wechselndem Schlüssel

− Einladung zum Wiederlesen: Paul Celan als Übersetzer −

Die Kanonisierung von Literatur ist ein steter Prozeß aus Lektüre und Kritik, der für jeden Autor gesondert stattfinden muß, ehe die Stimmen einer Epoche in Chor und Protagonisten auseinandertreten. Das Münchner Lyrik-Kabinett – offiziell ein Verein, im Kern eine mäzenatische Initiative – hat diese Differenzierung für Paul Celan in einer kleinen Vortragsreihe weitergeführt, deren Ergebnisse jetzt unter dem Titel Celan wiederlesen in einem liebevoll gestalteten Band vorliegen. Jan-Christoph Horak beleuchtet, wie es dazu kam, daß Celan die Synchronisation zu Alain Resnais’ Film Nacht und Nebel übernahm. Klaus Voswinckel erinnert sich an die bezwingende erste Lektüre der Niemandsrose im Winter 1963/64 in der Uni-Mensa in Freiburg, die schließlich zu intensiven Besuchen bei Celan in Paris führte. In die Erinnerungen sind Texte aus Celans Gedichtband so eingefügt, daß das bloße Nebeneinander sinnfällig macht, wie unmittelbar die Symbiose mit einem Text werden kann. Christine Ivanovic geht Celans lebenslanger Beschäftigung mit der russischen Dichtung, insbesondere mit Ossip Mandelstam, nach, die bis zur partiellen Identifikation führte: „Im Grunde bin ich wohl ein russischer Dichter.“ Den Schwerpunkt der Vorträge bildet aber Celans Übersetzung von Paul Valérys Jeune Parque, des Gedichtes der Gedichte, wie Rilke es nannte. Die harte Kritik, die Peter Gan an Celans Übertragung übte, wird hier zum ersten Mal gedruckt und zugleich flankiert von Fritz Arnolds Erläuterung, warum die Rezension 1960 im Merkur nicht erschien, und von Friedhelm Kemps Blick auf Celans Wirken als Übersetzer aus dem Französischen. Gan, der selbst im spanischen und französischen Exil die NS-Zeit überlebt hatte, doch einer Celan diametral entgegengesetzten Ästhetik verpflichtet war, trifft mit seiner Kritik im Detail, verfehlt aber die konsequente Eigensprache Celans. Wieweit Gan aber recht hatte, zeigt sich in seinem genau geführten Nachweis, daß Celans Übersetzung durch syntaktische Ungenauigkeit den entscheidenden Moment verstellt hat, in dem sich das reflektierende Ich von Valérys Text spaltet. Als Gan jedoch von Claire Golls Plagiatsvorwürfen gegen Celan hörte, zog er die bereits in den Fahnen gesetzte Kritik zurück und sandte sie Celan privat zu – ohne briefliche Reaktion. Allerdings zählt Arnold in der zweiten Auflage der Jungen Parze achtzehn Korrekturen, die auf Einwände von Gan zurückgehen dürften. Wie weise aber die Zurückhaltung der Rezension war, kann man Arnolds Beschreibung von Celans fragiler Gemütslage in jenen Jahren auf bewegende Weise entnehmen: Ein falsches Wort genügte, und sei es das eines Café-Inhabers, um panikartige Flucht auszulösen. Friedhelm Kemp geht abschließend unter minutiöser Würdigung von Celans Vorzügen und Gans Einwänden der Tradition des französischen und des deutschen Alexandriners nach. Er ordnet die einzelne Übersetzung ein in den Kontext der literarischen Entwicklung und kontrastiert Celans Verse auch auf erhellende Weise mit der Prosa, in die er René Chars Aufzeichnungen aus der Résistance übertragen hat. Daß all dies ohne Aplomb geschehen kann, liegt nicht nur an Celans kaum bestreitbarem Rang, sondern auch an der begeisterten Aufmerksamkeit, die diesen Band als Ganzen auszeichnet.

Thomas Poiss, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.4.1999

Celan wiederlesen

Kaum etwas hat für das Verständnis Paul Celans in den letzten Jahren mehr geleistet als die große Marbacher Ausstellung Celan als Übersetzer. Diese wurde anschließend vom Münchner Lyrik-Kabinett übernommen, das nun, hervorgegangen aus einer begleitenden Vortragsreihe, einen Band publiziert, der eine hochinteressante Ergänzung bietet. Solange eine wirkliche Biographie Celans nicht in Sicht kommt, ist es besonders wichtig, die Erinnerungen derjenigen festzuhalten, die Celan noch gekannt haben. Dazu gehört hier der Autor Klaus Voswinckel, besonders aber Fritz Arnold, der seinerzeit als Lektor im Insel-Verlag mit Celan arbeitete. Die Übersetzung von Paul Valérys Jeune Parque, die dort erschien, ist das eigentliche Zentrum des Bandes, der gerade durch diese Konzentration um so eindrücklicher ist. Arnold erzählt von einer schwierigen Zusammenarbeit, aber auch – in der Schilderung eines fast gespenstischen Ganges durch das nächtliche Paris – von den privaten Bedrückungen des sich verfolgt fühlenden Lyrikers. Ergänzend beschreibt Friedhelm Kemp in seinem Beitrag Celans Poetologie als Übersetzer französischer Lyrik am Beispiel verschiedener Autoren. Der Kreis schließt sich durch den Erstdruck einer umfangreichen, äußerst kritischen Besprechung von Celans Arbeit durch Peter Gan; diese hätte 1961 im Merkur erscheinen sollen, doch der Autor zog sie zurück, angesichts der Verleumdungen gegen Celan, die dieser als antisemitisch empfand. „Sie würde mich der Gefahr unerwünschter Zustimmung von unbehaglichster Seite ausgesetzt haben“, schrieb Gan an Celan – und schickte ihm das Manuskript des Verrisses. Beiträge zu Jean Cayrols Nacht und Nebel, einem der ersten Filme über die Konzentrationslager, dessen deutscher Text von Celan stammte, und zu Celans Lektüren russischer Autoren, besonders Ossip Mandelstams, runden den (von Friedrich Pfäfflin hervorragend gestalteten) lesenswerten Band ab, der jeden an Celan Interessierten beschäftigen wird.

Wolfgang Matz, Die Zeit, 14.1.1999

 

 

Christine Ivanovic: Celan und kein Ende? Möglichkeiten und Grenzen des „Umgangs“ mit Person und Werk

Walter Jens: Leichtfertige Vorwürfe gegen einen Dichter, Die Zeit, 9.6.1961

Hans Mayer: Erinnerung an Paul Celan, Merkur, Heft 272, Dezember 1970

Harald Weinrich: Befangenheit vor Paul Celan, Die Zeit, 23.7.1976

Helmut Böttiger: „Alle Dichter sind Juden“. Der Auftritt Paul Celans bei der Gruppe 47 im Mai 1952

Schwarze Flocken. Über Paul Celan, Die Zeit, 27.10.1995

Wo ich mit meinen Gedanken bin, Die Zeit, 27.10.1995

Hans Ulrich Gumbrecht: Am Rand des Verstummens. Paul Celans poetisches Werk kam aus der Katastrophe – und mündete in sie, Neue Zürcher Zeitung, 10.9.2022

Zwischen „Grabschändern“ und „Linksnibelungen“ – Wolfgang Emmerich im Gespräch mit Michael Braun über Paul Celans Verhältnis zu Deutschland und seinen deutschen Kritikern

Felix Philipp Ingolds Skorpioversa – Kehraus mit Celan

Carolin Callies, Ann Cotten, Daniela Danz, Aris Fioretos, Norbert Hummelt und Rainer René Mueller kommentieren Paul Celans Gedicht „Was es an Sternen bedarf“.

 

Paul Celan: Dichter ist, wer menschlich spricht. Ein Film von Ulrich H. Kasten und Hans-Dieter Schütt mit Eric Celan und Bertrand Badiou.

 

Gerhart Baumann hielt seinen Vortrag Paul Celan: Um-Wege zu sich und die offene Frage des Gedichts auf der Tagung Vom Sinn moderner Lyrik am 23. Januar 1971 im Haus der Katholischen Akademie in Freiburg.

 

 

Niemand zeugt für den Zeugen. 100 Jahre Paul Celan. Literarische Soirée am 30.9.2020 im Haus am Dom Limburg.

 

„wir wissen ja nicht, was gilt“ – Paul Celan zum 100. Geburtstag

 

Ein Abend zu Paul Celan am 18.5.2020 im Literaturhaus Berlin mit Hans-Peter Kunisch und Thomas Sparr. Es moderiert Eveline Goodman-Thau.

 

Paul Celan, Czernowitz & die „Todesfuge“. Helmut Böttiger berichtet.

 

Erreichbar, nah und unverloren. Reisen zu Paul Celan. Teil 1. Gespräch mit Helmut Böttiger.

 

Todesfuge – Biographie eines Gedichts. Alexander Suckel im Gespräch mit Thomas Sparr am 17.4.2020 im Literaturhaus Halle.

 

„Ästhetik und politische Dimension der Dichtung Paul Celans“. Mit Helmut Böttiger, Thomas Sparr und Monika Rinck; Moderation: Dieter Stolz am 23.11.2020 im Literaturforum im Brecht Haus.

 

Paul Celan in Europa – Videogespräch am 22.9.2020 im Rahmen der trilateralen Forschungskonferenzen 2020–2023 in der Villa Vigoni.

 

Paul Celan übersetzen – Gabriel Horatiu Decuble im Gespräch mit Ton Naaijkens und Alexandru Bulucz, Moderation Ernest Wichner am 6.11.2021 im Literaturhaus Halle im Rahmen der Tagung „Was setzt über, wenn Gedichte übersetzt werden“.

 

Clément Fradin, Julia Maas und Michael Woll stellen Paul Celans Bibliothek im Deutschen Literaturarchiv Marbach vor.
Michael Woll stellt Paul Celans Nachlass im Deutschen Literaturarchiv Marbach vor. Im Mittelpunkt stehen dabei die Hölderlin-Bezüge in Celans Texten.

 

„Die Todesfuge. Zur Biographie eines Gedichts im Archiv“ – Thomas Sparr im Gespräch mit Jan Bürger, Kai Uwe Peter und Michael Woll

 

Paul Celan liest Gedichte in Jerusalem am 9.10.1969

Zum 50. Todestag des Autors:

Daniel Jurjew / Klaus Reichert: Paul Celan: Ich sehe seine Hellsichtigkeit, bei anderem denke ich einfach: er übertreibt
Frankfurter Rundschau, 19.4.2020

Gregor Dotzauer: Das Eigene und das Andere
Der Tagesspiegel, 19.4.2020

Susanne Ayoub: Es ist Zeit, dass es Zeit ist
Der Standart, 19.4.2020

Sandro Zanetti: Akute Dichtung: Celans Zumutungen
Geschichte der Gegenwart, 19.4.2020

Friederike Invernizzi: Sprechen zwischen Wunde und Narbe
Forschung & Lehre, 19.4.2020

Frank Trende: Die bewegende Geschichte der Todesfuge
shz.de, 19.4.2020

Dunja Welke: Paul Celan – Ein zerrissener Dichter
RBB, 18.4.2020

Stefan Lüddemann: Paul Celan, Dichter des Holocaust, starb vor 50 Jahren
Neue Osnabrücker Zeitung, 19.4.2020

Shmuel Thomas Huppert: Erinnerungen an Paul Celan
SR 2, 26.2.2020

Christoph Bartmann: Ein Riss, der nicht zu heilen war
Süddeutsche Zeitung, 20.4.2020

Christine Richard: Ein Leben, immer nahe am Untergang
Tages-Anzeiger, 20.4.2020

Anton Thuswaldner: „Die Welt ist gegen mich losgezogen“
Salzburger Nachrichten, 19.4.2020

Klaus Reichert im Gespräch mit Niels Beintker: Erinnerungen an Begegnungen und Gespräche mit Paul Celan
BR24, 20.4.2020

Rüdiger Görner: Asche atmen: Zu Paul Celan
Die Presse, 23.4.2020

Marko Martin: Paul Celan und die „Linksnibelungen“
Welt, 27.4.2020

Evelyne Polt-Heinzl: Paul Celan Ein Migrant in Wien
Die Furche, 8.4.2020

 

Zum 100. Geburtstag des Autors:

Björn Hayer: Herzhell leuchten die Toten

Andreas Wirthensohn: Todesklage für die Überlebenden
Wiener Zeitung, 21.11.2020

Klaus Demus: „Eine sehr große Freundschaft“
literaturoutdoors.com, 22.11.2020

Claus Löser: Fünf Filme für Paul Celan
Berliner Zeitung, 21.11.2020

Krisha Kops: Paul Celan: Dichter, Überlebender, Heimatloser
Deutsche Welle, 22.11.2020

Ulf Heise: Lyrik als Flaschenpost
Freie Presse, 22.11.2020

Susanne Ayoub: Paul Celan: Verlust der Heimat, Trauer um die Eltern
Der Standart, 22.11.2020

Wolf Scheller: Was nicht gesagt, nur angedeutet werden kann
Der Standart, 23.11.2020

Andreas Montag: Dichter Paul Celan – Der Schleier des Herbstes
Mitteldeutsche Zeitung, 23.11.2020

Andreas Müller: Paul Celan – zum 100. Geburtstag
Wiesbadener Kurier, 23.11.2020

Stefan Kister: Unter die Deutschen gefallen
Stuttgarter Zeitung, 22.11.2020

Paul Jandl: Vielleicht war Paul Celan einmal ganz er selbst. Da spielte er die Dürrenmatts beim Tischtennis in Grund und Boden
Neue Zürcher Zeitung, 23.11.2020

Sabine Glaubitz: Er schrieb das Unsagbare auf: Nachkriegsdichter Paul Celan wäre heute 100 Jahre alt geworden
stern, 23.11.2020

Volker Weidermann: Ein Grab in den Lüften
Der Spiegel, 20.11.2020

Jochen Hieber: Im Höhenrausch mit Ingeborg Bachmann
Der Spiegel, 23.11.2020

Stefan Brams: Interview mit Thomas Sparr – Paul Celan stiftet zur Erinnerung an
Neue Westfälische, 23.11.2020

Helmut Böttiger: Die graue Sprache
Süddeutsche Zeitung, 22.11.2020

Helmut Böttiger: Auf der Suche nach einer graueren Sprache
Jüdische Allgemeine, 21.11.2020

Albrecht Dümling: Die Todesfuge in Tönen
Deutschlandfunk Kultur, 20.11.2020

Nikolaus Halmer im Gespräch mit Barbara Wiedemann: Paul Celan: „Es sind noch Lieder zu singen jenseits der Menschen“
Die Furche, 11.11.2020

Harald Seubert: Lieder jenseits der Menschen und kodierte Zeit: Paul Celan (1920–1970). Zum Gedenken
youtube.com, 15.6.2020

Celebrating Paul Celan: An Evening with Pierre Joris and Paul Auster
youtube.com, 21.11.2020

Stadtführung „Auf den Spuren von Paul Celan“
youtube.com, 10.9.2020

Paul-Celan-Literaturtage 2020. Videopräsentation vom Paul Celan Literaturzentrum Czernowitz

Ausstellung Paul Celan 100 – Unter den Wörtern

Online-Begleitprogramm zur Ausstellung Paul Celan – Meine Gedichte sind meine Vita

 

West-östliche Konstellationen. Internationale Tagung als hybride Veranstaltung im Lyrik Kabinett, München, sowie online.
Tagungskonzeption und -organisation: Prof. Markus May und PD Dr. Erik Schilling (Institut für deutsche Philologie der LMU München)
8.–9.10.2020

Eröffnung

 

Ambivalente Topographien. Rilkes Dritte Duineser Elegie und Celans „Walliser Elegie“

 

„West-östliche“ Lesarten im Jahrhundert nach Celan

 

Das Schweigen über Brücken. Orte Celans bei Robert Schindel

 

Abendvortrag: Todesfuge. Biographie eines Gedichts

 

„Wortaufschüttung“. Materialität als Indexikalität bei Paul Celan

 

Betreten. Zum Anfang von Engführung

 

Celans Draußen. Über reale und sprachliche Räume in seiner Dichtung

 

„Stimmen vom Galgenbaum“. Celans west-östliches Rotwelsch

 

Fakten und Vermutungen zum Autor + Instagram + ÖM + IZA 1 & 2 + IMDbKLGPCLZ + PCLZKanal + Archiv 1 & 2 + Internet ArchiveKalliope + Georg-Büchner-Preis 1 & 2
Porträtgalerie: Keystone-SDA
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Nachrufe auf Paul Celan: Neue Literatur ✝︎ NZN



Paul Celans Todesfuge interpretiert von Diamanda Galas im Teatro Albeniz, Madrid, 15.10.2008.

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