Christa Reinig: Der Frosch im Glas

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Christa Reinig: Der Frosch im Glas

Reinig/Rong-Der Frosch im Glas

Ein poetischer Gedanke?
Nichts weniger
nur aus Versehen
zwei Seiten zugleich umgeblättert

 

 

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Beitrag zu diesem Buch:

Roman Bucheli: Spätlese
Neue Zürcher Zeitung, 7.7.1995

 

Sie sagen ich lebe

Anna Seghers, so will es das hartnäckige Gerücht, sei die Schützerin und Förderin der jungen Autorin gewesen; allein Christa Reinig berichtet lapidar von der Reaktion der berühmten Kollegin, als sie ihr Texte zu lesen gab:

Sie gefielen ihr nicht. Sie sagte zu mir, Sie sind ein böser Mensch.

Bertolt Brecht soll sie favorisiert haben; jedoch Christa Reinig nennt diese Legende beim Wort:

Die Legende, daß Brecht mich gekannt, meine Gedichte geschätzt und mich zum Weiterdichten ermuntert habe, ist eine Legende. Zu Brechts Lebzeiten waren von mir zwei oder drei Gedichtchen in Anthologien erschienen. Wenn er sie zufällig unter die Augen bekommen hätte, würden sie ihn weder nach Form noch nach Inhalt beeindruckt haben.

Peter Huchel druckte ihre Arbeiten in Sinn und Form nicht, mit den Worten „Ich kann sie nicht veröffentlichen“, sagte er, „ich werde selbst angegriffen“, und Gottfried Benn gab zwar Geld für eine kleine Zeitschrift Evviva Future, aber seine These von der Traditionslosigkeit, der Künstler komme quasi ohne Vorfahren aus dem Nichts, mochte sie nicht akzeptieren:

Alles, was vorher war, hat für ihn keine Gültigkeit. Du mußt wissen, daß in meinen Anfängen Benn als ein literarischer Richter galt. Benn hat dies gesagt, und Benn hat das gesagt. Und ich hab’ gedacht: Das ist doch Spinne.

Heinrich Böll schien ihr schon mit seinem ersten Buch fad und altbacken, als ein Freund ihr aufgeregt den Roman brachte:

Du, es ist ein sehr gutes Buch erschienen. Das war eine Sensation, daß um 1950 herum ein gutes Buch erschien. Ich stürzte mich drauf, und der Titel hieß: Wo warst du Adam?. Na, dieser Adam stank mir ja nicht gerade nach Zukunftssachlichkeit. Ich blätterte es auf und las was über den Zweiten Weltkrieg, der Schnee von vorgestern. Ich sagte:

So was wird ja denn auch gedruckt.

Walter Höllerer schließlich druckte als erster in seiner Anthologie Transit ihre „Ballade vom blutigen Bomme“, und noch heute erinnert sich Christa Reinig:

Höllerer verdanke ich meinen Durchbruch.

Ein Kaleidoskop von Hoffnungen und Zurückweisungen, von Hochmut und Verzagtheit. Wer also war, wer ist diese Lyrikerin und Prosaschriftstellerin Christa Reinig, geboren 1926 in Berlin? Sie war Trümmerfrau, sie war Studentin, sie war Museumskustodin in Ostberlin und wurde schließlich eine Schriftstellerin, die über den Beginn ihres Schreibens sagt: „Aus den Knochen meiner Mutter habe ich meine Karriere aufgebaut“, und die, als der Kritiker Peter Hamm 1961 Anna Seghers besuchte, in ihrem Land als abwesend galt:

Als ich Anna Seghers nach Christa Reinig fragte, zeigte sie sich überrascht: Sie vermutete Christa Reinig seit Jahren im Westen.

Im übertragenen Sinne stimmte das: Christa Reinig war in der DDR nie gedruckt worden; was sie schrieb, war selbst zehn Jahre nach Stalins Tod noch unakzeptabel.

Hört weg!
kein wort soll mehr von aufbau sein
kein wort mehr von arbeit und altersrente
hört weg – ihr helden – ich rede allein
für asoziale elemente
[…]

 

für huren in häusern mit schwülen ampeln
für selbstmörder aus zerstörungslust
und für die betrunknen die unbewußt
ein stück von einem stern zertrampeln

 

ich rede wie die irren reden
für mich allein und für die andern blinden
für alle die in diesem leben leben
und nicht mehr nach hause finden.

 

Es gilt, zumindest zweierlei auseinanderzuhalten; besser gesagt: zusammenzuhalten. Da war einerseits ein Arbeiterkind, unehelich, Steine klopfend, studierend schließlich – der Idealfall eines sozialistischen Ganges, ein Arbeiterschriftsteller, wie er im Buche steht. Da war andererseits „im Buche“ ein Mensch, chaotisch-störrisch, zutiefst anarchisch in seinem Selbstgefühl – der Prototyp dessen, was in der jungen DDR verpönt war.

Wer bin ich? Wer ist Christa Reinig? Das sind zwei verschiedene, voneinander unabhängige Fragen. Davon abgeleitet gibt es eine dritte Frage: „Bin ich Christa Reinig?“. Das kann ich nicht grundsätzlich verneinen, aber immer, wenn ich versuche, es zu bejahen, muß ich erst einmal albern auflachen. Mit einer gewissen Bestürzung lasse ich das Thema ruhen.

Das steht zwar in dem erst 1984 publizierten Roman Die Frau im Brunnen – aber dieser Selbstzweifel, überhöht zu einem Menschenzweifel, ist von Beginn an der Grundakkord von Christa Reinigs Arbeit; eine gleichsam helle Ungläubigkeit trägt und prägt jeden Vers:

ich rufe den menschen
antworte mir
ich rufe – es schweigt
nichts antwortet mir.

In der DDR nannte man das damals Subjektivismus, eine der gefährlichsten Ketzerverirrungen. Als der Band mit solchen Gedichten, Die Steine von Finisterre, im Verlag Eremiten-Presse in der Bundesrepublik erschien, war nicht nur die Autorin, sondern auch der rührende Literatur-Narr V.O. Stomps eine Art Agent des Imperialismus. Auf einer Beratung des Politbüros des ZK und des Präsidiums des Ministerrats der DDR mit Schriftstellern wetterte am 25. März 1963 Wilhelm Girnus:

Westdeutsche Verlage wünschen neuerdings, einige jüngere Dichter unserer Republik zu drucken und herauszustellen unter der Bedingung, daß sie so dichten, wie es für Westdeutschland annehmbar ist, Dichtungen voll existentialistischer Lebensangst, voll Pessimismus, voll nihilistischem Zweifel am Leben in jeglicher Gesellschaftsordnung ohne Unterschied. […] Solche westdeutschen Verleger versuchen gegenwärtig, als literarischer Arm des entsprechenden Ministeriums in Bonn natürlich, unsere Literatur in der DDR auf diese Weise von außen her zu manipulieren, sie ideologisch und materiell zu korrumpieren.

Der leise Ton einer Dichterin, die sich dem Expressionismus und Else Lasker-Schülers Verzagtheit verpflichtet fühlte, war da unangebracht.

mein tiefstes herz heißt tod
wenn das die mörder wüßten
wären sie es müde.

Solche Verse mußten entweder im Sand verrinnen oder im Aufbau-Getöse untergehen. Radikalität war nur ein Wort. Sie zu leben – jagte denjenigen in eine Art Schizophrenie. Die Härte, mit der Christa Reinig über ihr Leben berichtet, mag damit zusammenhängen. Jahrzehnte später hat sie zwar in einem Gespräch gesagt, „In meinem Wesen bin ich nicht radikal, sondern versöhnlich. Die Radikalität, die in meiner Literatur zum Ausdruck kommt, muß ich mir Satz für Satz abkämpfen“, aber ein Element des Nicht-Hoffens ist in ihrem Werk konstant – ob in den frühesten Gedichten, in vielen Selbstaussagen oder in der Prosa. „Der Rächer“ heißt eines der ersten Gedichte, das mit dem Vers endet:

ich habe alles aufgegeben
was mir geschieht – ich weiß es nicht
es reißt mich fort aus meinem leben
das langsam auseinander bricht.

Man kann diese Selbstreflexion auch gnadenlos nennen. Große Literatur hat immer etwas Kaltes; freundlich ist der Trivialroman, tröstend der Unterhaltungsfilm und schmeichelnd die Werbung. Literatur ist nicht freundlich, noch tröstet sie, noch darf sie schmeicheln. Dieser Impuls, eine gnadenlose Beobachtung ohne Kommentar, ist die Stärke von Christa Reinigs Kurzprosa.
1964 erhielt Christa Reinig den Bremer Literaturpreis und blieb nach der Verleihung im Westen. Auf dem akkurat aufgeräumten Schreibtisch in Ostberlin ließ sie das Röntgenbild ihrer Wirbelsäule zurück. Sie kam mit einer Handtasche, einem kleinen Koffer, vielen Manuskripten und sagte:

Zwölf Jahre lang habe ich gestanden wie mit dem Gesicht zur Wand. Wenn ich die Augen schloß, konnte ich sie richtig vor mir sehen. Es schien eine rote Ziegelmauer zu sein. Ich mußte mit unendlicher Geduld mit Feilen und Fingernägeln eine Fuge herauskratzen, dann gibt es einen lockeren Stein, dann breche ich den Stein heraus. Meine Mauer dauerte zwölf Jahre, jetzt ist sie reif zu fallen.

Und nun war sie per Bürgerrecht, was sie vorher per Vorstellungskraft gewesen war:

Ich war im Osten ein Bundesbürger. Ich kannte diesen Staat gar nicht, habe mich aber total mit ihm identifiziert, deshalb wollte ich ja hierher. Und deshalb, vermutlich, haben sie mich auch ausreisen lassen. Für mich ist die Bundesrepublik die Arche Noah, deshalb reagiere ich auch empfindlich auf die Leute, die in diese Arche ein Loch schlagen wollen.

Hat eine da etwas zusammengebissene Zähne, wenn sie ihr Glück des Angekommenseins formuliert? Horst Bienek, mit dem sie vor seiner Verhaftung in der DDR befreundet war, schrieb einmal:

Da werden einem Menschen, der die Zähne zusammenbeißt, Wörter abgetrotzt, herausgerissen. Da war jemand, der leben, lieben und auch leiden wollte. Aber da man ihn nicht leben ließ, schrie er. Mit blutigem Mund.

 

Das stimmt.

Doch nun geschieht das Sonderbare: Die Finsternis bleibt. Angekommen – oder gestrandet?

Und eines Tages war ich hier zu Hause, so als wäre ich hier geboren. Und genau da hörte mein bundesbürgerlicher Chauvinismus auf, und es war mir auch egal, ob Deutschland Fußballweltmeister wurde oder nicht.

Man ist Anarchistin, oder man ist es nicht. Christa Reinig ist eine Schriftstellerin, die sich nicht einrichtet. Allenfalls im Schneckenbau ihrer Kunst. Doch die Fühler, berühren sie die Welt, zucken empfindlich zurück. Illusionen findet sie verächtlich – und macht sie verachtenswert:

Die Natur, die in Ordnung ist, gibt es nicht. Leben ist Kannibalismus, denn Leben frißt Leben, anders kann es sich nicht erhalten. Ich sitze hier, mir gehts gut. Ich bin Vegetarierin, ich kille nichts als Kohlköpfe. Ich fühle mich behaglich. Aber im Grunde ist alles Nichts.

Die Frage ist: Macht diese große Dichterin die Welt erfahrbar auch als hassenswert? Es gibt keine klare Antwort. „Wenn es allzu richtig ist, ist es tot“, hat sie einmal gesagt. Sie gestattet sich die Bitterkeit des Trostlosen:

Dieses krebsmäßige Verfaulen, das, als ich noch im Osten lebte, mich fast körperlich anrührte, das empfinde ich jetzt, auch im Westen. Die Wälder faulen, die Meere faulen, die Gewässer, die Fische in den Flüssen, der Erdboden fault. Es ist das absolute Falschlaufen der Dinge.

Das ist gültig zum Endgültigen hin. Und ist dennoch nicht alles, wenn Literatur produziert wird. Literatur ist nicht das, was passiert, sondern das, was nicht passiert, und das heißt, sie kann aus dem Elend Schönheit münzen. Vielleicht ist das Gesetz der Kunst mit dem einen Wort dennoch benannt – dennoch Funken schlagen, auch wenn der Stein tot zu sein scheint. Dennoch den Stein wälzen, auch wenn er den Berg hinunterrollt. Dennoch den Stein meißeln, auch wenn er zu versinken droht im Nichts. Kunst zeigt nicht das Schöne, sondern das Schreckliche. In diesem Paradoxon – da sie ja „dennoch“ das Schöne bannt – liegt ihr Geheimnis, das sich dem Begreifen des Leitartikels entzieht. Die Magie – von den Höhlen in Lascaux bis zu Rilkes Grabspruch – liegt in diesem unauflöslichen Widerspruch. Die Verzagtheit des Künstlers behält stets das Schwebende: nämlich die Verzagtheit zu benennen:

Ein Wort bewegt dies Ahornblatt
bis in die Wurzel meines Sterns.
Zu wünschen wag ich nicht
noch Sprache einzubaun
in menschliche Belange

Exakt dies selbstauferlegte Verdikt setzt Christa Reinig außer Kraft; glücklicherweise. Diesem Bruch der Logik haben wir ihre schönsten Gedichte zu verdanken – lesbische Liebesgedichte von sapphischer Zartheit. Es ist keine magazinlüsterne Indiskretion, wenn von Christa Reinigs lesbischer Liebe gesprochen wird. Es geht um eine wesentliche, tief existentielle Verfaßtheit, die ihr Werk – bis hin zum Haß – grundiert:

Wir sind der neue Mensch
und dieser neue Mensch
ist kein Mann.

Es ist so schade, daß man Worte nicht in Farbe „kleiden“ kann; sie können in Musik umgesetzt werden, wie wir zum Beispiel durch Schuberts geniale Heine-Lieder wissen. Ich würde so gerne die Gedichte aus Christa Reinigs lesbischem Zyklus „Müßiggang ist aller Liebe Anfang“ „einfärben“ – sind sie grünrosa, perlmuttfarben, fahlseiden wie die Unterblätter der Silberpappeln? Welche Farbe hat Glück? Es hat den Ton dieser Gedichte. Mal lächelnd-ängstlich, „Durchsichtig / flaumfederleicht / ein windstoß / trägt dich von mir fort“, mal Besitz-ziehend „Verlaß mich nicht, schwör mir das! / Ich schwöre: Wenn ich mich je / von dir trennen muß / nehm ich dich mit“, mal sinnlich-zärtlich, „Meine Fingerspitzen begreifen: / Ich werde geliebt / dein aufhören ist mein aufhören / du machst mich sterblich.“
Hätte Christa Reinig nur diese Gedichte geschrieben, es wäre genug. Wer hat das erreicht, das zu formulieren – dieses Gefühl, daß etwas immer weniger und zugleich immer mehr werden kann, daß Verschwinden nicht versinkt, sondern sich auftürmt:

Artischocken essen wir
unsere Teller werden immer voller
wir lieben uns
von Tag zu Tag mehr.

Müßiggang ist aller Liebe Anfang ist eines der schönsten Gedichtbücher der zeitgenössischen Literatur; voller Makel übrigens. Da gibt es vier gräßliche Zeilen:

Schmeiß
deinen achtjährigen Sohn
vom Balkon
und du bist gerettet.

Das mag man nicht als Metapher entschuldigen und als literarisches Spiel verharmlosen; auch wenn Christa Reinig selber einmal gesagt hat:

Literatur ist ein Zoo mit Tigern hinter Gitter. Du liest es und weißt, der Tiger beißt nicht.

Das ist natürlich Unsinn, zieht der Literatur die Zähne und deklassiert sie zum Gesellschaftsspiel der Beliebigkeiten. In ihrem großen Gespräch mit Marie-Luise Gansberg hat sie sich dann auch ernsthafter auf diesen „Jungficker“-Rigorismus eingelassen, diese Zeilen als Replik auf einen Leserinnenbrief, der mal in der Courage erschienen war, charakterisiert. Da hatte eine Feministin geschrieben:

Wenn ich die Wahl hätte, der Frauenbewegung zum Sieg zu verhelfen oder meinen achtjährigen Sohn vom Balkon zu schmeißen, dann würde ich natürlich meinen Sohn nicht vom Balkon schmeißen.

Daraufhin habe Christa Reinig wieder einmal ihren „Tobsuchtsanfall in Frauenangelegenheiten“ bekommen, weil doch klar und offenbar sei, daß der friedlichste Vater seinen allerliebsten Sohn sofort vom Balkon werfen würde, wenn er damit erreichen könnte, zum Bürgermeister von Kleinkleckersdorf gewählt zu werden.
Wir sind an einem ganz heiklen Punkt angelangt. Es geht um Christa Reinigs kompliziert-widersprüchliche feministische Position. Vermutlich sie selber, gewiß aber viele Feministinnen werden sogleich, zu rasch, einwenden, „ein Mann kann dazu überhaupt nicht…“, was pseudo-emanzipierte Plattheit ist. Ein Mann konnte Madame Bovary oder die Geschichte der Gesine Cresspahl schreiben und eine Frau den Aufstand der Fischer von St. Barbara; beiläufig: unter einem männlichen Pseudonym – denn Anna Seghers nahm ja ihren Schriftstellernamen von dem Rembrandt-Zeitgenossen Hercules Seghers. Ein Jude konnte den „so deutschen“ „Kaspar Hauser“-Roman schreiben. Die banalste aller Vorstellungen vom Vermögen, Kunst zu verstehen, ist die Ghettoisierung: Rothaarige über Rothaarige, Brillenträger über Brillenträger, Schwule über Schwule. Mit demselben Recht, mit dem Christa Reinig über Genet oder Proust urteilt, urteile ich über diesen Widerspruch in ihrer Literatur.
Er hat nämlich eine außerliterarische Kraßheit. Auch wenn Christa Reinig erklärt, „Die Grundlage meiner Begabung ist das Erzählerische“, sind gerade ihre Prosaarbeiten gekennzeichnet von unverhüllt autobiographischen Deklamationen. So ist der Roman benannte Band Die Frau im Brunnen in Wahrheit nichts anderes als eine Sammlung von Notaten; mal funkeln sie, mal stechen sie bloß:

Ich würde keine Kinder kriegen. Ich würde sie gar nicht mögen. Menschenkinder sind unappetitliche Kreaturen, und die Affenliebe der Eltern, die so was in die Welt gesetzt haben, würde mich schaudern machen.

Das könnte, im selben Tonfall, auch ohne weiteres in einem ihrer Interviews gesagt sein. Wird auch, im selben Tonfall, dort so gesagt; weder satirisch überhöht noch in jenem nicht-realistischen Erzählstil, den Christa Reinig für sich in Anspruch nimmt, wenn sie über ihre Romane sagt:

Ich bin im Erzählstil nicht realistisch. Sobald ich anfange, irgend etwas zu sehen, sehe ich sofort einen Sinn darin, einen zweiten, einen dritten, einen vierten Sinn. Und ich baue das dann nicht so auf, als ob es eine realistische Erzählung sein soll, sondern ich gehe auf die Parabel raus.

Das stimmt, wie wir noch sehen werden, nicht. Vorerst aber ist zu fragen, wieweit ihre feministische Einstellung „stimmt“. Die Position der Reinig, wo immer sie proklamatorisch geäußert wird – also: nicht im Gedicht –, ist ganz uneinheitlich. Einerseits wird geträumt das „Land ohne Männer“; schon das ein abstrakt unlogischer Entwurf, der binnen zählbarer Frist die Erde entmenschen würde. Denn wie haßvoll immer die Spermienspender und Hodenhalter und Frauenschänder karikiert werden: ohne sie geht es wohl im individuellen Fall; eine Frau muß nicht mit einem Mann leben, und Christa Reinig ist Beispiel dafür, wie gut das geht. Aber generell ist das nicht einmal ein Plan, sondern ein albernes Gedankenspiel, auch wenn die Autorin sich verrennt und sagt, daß sie derlei wörtlich meine. Das sind dann nicht einmal Worte, sondern Worthülsen; sie transportieren – ernst genommen – keinen Inhalt. Und das ist durchaus auch als literarisches Urteil zu verstehen. Frappiert nämlich kann man feststellen, daß viele der Prosaarbeiten Christa Reinigs – oft ohne Überzeugung „Roman“ genannt – blaß bleiben. Es sind Thesen in kleinen Einheiten, meist ohne jeglichen erzählerischen Impetus, manchmal gar zu Witzchen verkommend:

Die berühmteste Frau der Welt ist nicht Marilyn Monroe, sondern Napoleon Bonaparte. Napoleon Bonaparte wurde auf dem Totenbett entkleidet als Frau vorgefunden.

Man fragt sich, welcher Art Feminismus mit derlei Geistreicheleien gedient sein mag.
Aber schon ihr erster Roman Die himmlische und die irdische Geometrie war ein zuchtloses Buch. Das erste Kapitel, „Erwägungen“, hält bis in den Titel hinein jenes Schweben, Ausharren, dieses gnomenhafte Zwinkern ein, das groteske Komik mit Bedeutung mischt:

Gleichzeitig erkannte ich, daß ich alles in einem und zugleich sei, alles, was es gibt. Darüber war ich sehr glücklich. […] Manchmal aber glaube ich, daß es mich gar nicht gibt.

Diese reflektorischen Erzählpassagen, oft märchenversponnen, bis zum Auftritt des Immanuel Kant, und oft Trauer hinter einem Gestus der Lakonie verbergend, sind auf jene sparsame Weise gelungen, die Christa Reinigs Gedichte und frühe Prosa prägte. Anderthalb Zeilen über den Tod der Mutter – und es steckt ein ganzes Buch, ein ganzes Leben darin:

Dann sagte sie: Ich sterbe. Ich sagte: so leicht stirbt sich’s nicht. Doch! sagte sie und starb.

Das Buch erweckt den Eindruck, als sei zuviel Zeit verstrichen zwischen seinem Beginn und der weiteren Arbeit daran. Es hebt an wie eine verschlüsselte Autobiographie, nicht nur Christa Reinig berichtend, wenn „ich“ gesagt wird, Zeit, Leben, Schicksal einfangend ohne datenexakt oder überprüfbar im Lokalen zu sein. Eben ein Roman. Dann zerbricht das. Das anfangs Reflektorische innerhalb wird herausgefiltert – und es bleiben zwei leere Schalen: beliebig herangekarrtes Bildungsgeröll, Gedankensprengsel über Einstein, Pythagoras oder das chinesische Buch der Wandlungen, und ein um alles Phantasmagorische beraubter, ausgebleichter Erzählstrang, in dem Klein Christa mit Mutti einkaufen geht, Tante Herta die falschen Apfelsinen im Netz hat oder die Kunsthistorikerin Reinig sich in Ostberlin vergeblich um eine Stelle bewirbt. Eine privatistische, pointenlose Geschichte wird kunstlos und unverbunden an die andere gereiht, wird damit nicht zur Begebenheit. Keine der Figuren nimmt Gestalt an, nicht einmal die der Ich-Erzählerin.
Die Haltung des Romans schwankt zwischen Confessio und deren Verweigerung. Gelegentlich blitzt eine Nachdenklichkeit auf:

Ich habe im Verlauf der Jahre die Erfahrung gemacht, daß mein Leben viel mehr von anderen Leuten gelebt worden ist als von mir.

Aber warum sollen solche tagebuchähnlichen Kleinlichkeiten Literatur sein? Christa Reinig muß den losen, beliebigen Bau des Roman getauften Buches selber empfunden haben – sonst könnte man nicht ganze Brocken, willkürlich aus dem Kontext herausgebrochen, in anderen Textbändchen von ihr wiederfinden; wörtlich, nur mit einer anderen Überschrift versehen. So gibt sich die Romanpassage „Die beiden Klos“ in einem Buch des Wagenbach Verlags plötzlich als „Erzählung“, während die dort expressis verbis als Essay präsentierte Überlegung „Die Kunst des Romans“ wörtlich im Roman Die himmlische und die irdische Geometrie unter der Überschrift „Die Vollendung der Tugend“ steht. Das ist keineswegs ein läßlicher verlegerischer Etikettenschwindel. Die Hin- und Herwendung von Romanfetzen, die anderswo als Essays oder Erzählungen auftauchen, verraten nur eines: Ihre Romane sind ohne stringenten Bau. Ich gehe sogar noch weiter – es sind gar keine Romane. Nie haben sie jenes schillernde Schweben, das bei ihren Meistererzählungen wie „Drei Schiffe“ oder „Der Teufel, der stumm bleiben wollte“ den Leser in seinen Bann schlägt, den Ton des Märchens, auf den die Reinig zu Recht stolz ist:

Der Panzer, die Rose, der Schwan tranken deinen Tee und rührten deinen Zucker um mit deinem Löffel. Sie redeten dich an mit deinen Worten, und du warst nicht mehr niemand. Du warst du, und sie waren nicht keiner, waren der Panzer, die Rose, der Schwan. Sie saßen und sagten: „Wir sind gekommen, auf einen zu warten. Wir warten hier.“

Viele Steinchen, kein Mosaik. Manfred Hausmann hat einmal den wundersamen Wahnsinn von Christa Reinigs Sprache untersucht, den Irr-Tanz der Worte in ihren Gedichten; er fragte:

Wer von uns ist denn nicht auf dem Grunde seines Wesens ein Heimatloser oder ein Blinder oder ein Stromer oder ein Träumer oder ein Sternzertrampler oder ein Liebestoller oder ein Zigeuner oder ein Irrer oder ein Mörder oder etwas noch Schlimmeres?

Und daran anschließend hat Hausmann sich sehr genau auf die stilistische Kunstfertigkeit der Lyrikerin Christa Reinig eingelassen:

„Die Tiefe muß man verstecken. Wo? An der Oberfläche.“ Ein Ausspruch von Hugo von Hofmannsthal. Es handelt sich beim Verstecken, beim Verschlüsseln, wie man heute sagt, um einen dialektischen Vorgang. Der Dichter macht etwas offenbar, indem er es versteckt. […] Und eben auf diese atemberaubende Kunst und Kunstfertigkeit versteht sich Christa Reinig wie wenige.

Doch muß man das auf die Lyrikerin eingrenzen. Christa Reinigs Romanprosa ist nicht irr, sondern schrill. Dieses hier, ausgegeben als Passage ihres Romans Entmannung, liest sich wie der – übrigens ungerechte – Artikel eines feministischen Kampfpamphlets:

Heute kann der Arzt das Geschlecht des Embryos ab dem 4. Monat bestimmen. Das heißt, die Liebesabwendung und der Brutpflegeentzug beginnt bereits im Mutterleib. Sie weiß, es wird doch nur ein Mädchen werden. Schon hat sie eine Zigarette im Schnabel, trinkt Alkohol, nimmt Tabletten, springt vom Stuhl, tut alles, was sie dem heiligen Sohnes-Embryo nicht antun würde. Wenn das Baby sie zwickt, denkt sie nicht, das ist der Sohn, und ist mit ihren Plagen versöhnt. Sie denkt: Dieses Scheißkind macht mich fertig. Die zukünftige Frau wird bereits schwachsinnig zur Welt kommen.

In einem fälschlich als „Erzählung“ herausgegebenen Text, der tatsächlich die Rezension einer ARD-Fernsehsendung mit dem Titel Der Wolf und die Frau war, findet sich eine Art Autopsie:

Ich bin angehörige der lesbischen nation, selbst wenn ich es nicht wollte, ich müßte es sein. Ich bin keine deutsche mehr. […] Ich bin nicht die gerechtigkeit. Ich bin die parteilichkeit. […] Mein problem ist nicht, daß die männer hier und heute kein vernunftbegabtes lebewesen sehen. Sie verweisen mich auf die seite des lustprinzips und reduzieren mich auf mein brennbares fleisch. […] Meine mörder ziehen die anklage zurück. Sie sprechen mich frei und morden mich weiter.

Niemand hat das Recht zu sagen „Das stimmt nicht“. Es stimmt, für Christa Reinig, wenn sie ihr Leben so empfindet, sich als Opfer solcher Drohgebärde sieht. Es bleibt einzig das Recht zu sagen: Eine Erzählung ist es damit nicht. Christa Reinig hat weite Strecken ihres Prosawerkes hindurch die Ebene der Prosa – im artistischen Grenzbereich des Wortes – verlassen. Durch das Nach-Außen-Stülpen der Klage zur Anklage hat sie ihrer Sprache den Innenraum genommen. Gerechterweise muß man dies Urteil angesichts des 1989 erschienenen Buches Nobody und andere Geschichten einschränken; es sollte nur für ihre Roman-Prosa gelten.
Denn die – sehr kurzen, epigrammatischen – „Geschichten“ dieses Bandes haben einen bösen Zauber, den Charme von Kalender, besser: Hexensprüchen. Wäre der Titel nicht vergeben, müßten sie „Lieblose Legenden“ heißen, auf dem schmalen Grat zwischen lapidar und lakonisch balanciert die Reinig ihre nie zierliche, stets unheimlich glitzernde Sprache. Diese Prosa-Etüden rasen in die Luft, einer Schaukel gleich – und schwupp: Weg sind die Menschen. Lauter hohnvolle Verwerfungen, erbarmungslos immer – ob von einer heimlichen Geliebten nach Jahren nur das Gerippe gefunden wird oder der Familienkrach mit dieser sonderbaren „Bedrohung“ geschlichtet wird:

Die Nachbarin holte die Sandtorte aus dem Kühlschrank, gießt sich auch eine Tasse ein und setzt sich dazu.

Derlei zu schreiben ist vielleicht schwieriger als einen 700-Seiten-Roman; auch riskanter. Der Gefahr, ins Banale abzurutschen, pointensüchtig zu sein, entgeht Christa Reinig nicht immer. Wobei etwas Seltsames zu beobachten ist: Sind diese Gemmen perfekt geschnitzt – bleiben sie harmlos. Ein „auflösendes“ Ende (wie etwa in „Ein unerheblicher Mensch“) verflacht den Text zum Realismus. Das absurde, offene Ende, bei dem die Geschichte im Nirgendwo verraucht, macht sie definitiv. Es ist der Unterschied zwischen beiläufig und wesentlich.
Wissend, daß sie unbeschadet dessen eine Künstlerin ist, hat sie in ihrem wunderschönen Text „Der Traum meiner Verkommenheit“ zugleich gegen sich und für sich plädiert, indem sie ihren Begriff von künstlerischer Verantwortung definiert:

Nicht einen Augenblick werde ich nachlassen, Zeichen für Zeichen das einzig Verantwortliche zu tun. Und was kümmert es mich, daß das erfüllte Gesetz die Lösung falsch macht und ungültig das Ergebnis. Was kümmert’s mich, daß es nur eine Gnade gibt der rechten Lösung: an der Stelle, die nicht gekannt sein wird, vom Gesetz abzuweichen und den Fehler zu machen, der nicht gewollt war. Was kümmert mich die Geistmaschine, die es vermag, durch systematische Abweichung von der Regel richtige Lösungen zu ,erstreuen‘. Ich weihe dir, Gesetz!, die falsche Lösung.

Herrlicher Hochmut. Da spricht eine, die den Dreck kennt und die Qual, die Gewalt und die Not. Eine, die auf dem Bau Steine klopfte und in einer Schaufensterpuppen-Fabrik arbeitete, angestellt war im Reichsnährstandsverlag und in einer Nähmaschinenreparatur-Werkstatt, die schrieb, als man ihre Stimme ersticken wollte, und die schrieb, als sie zu ersticken drohte, die heute – 62jährig – mit einer speziell für sie konstruierten Spiegelreflexbrille, tief zur Erde gebeugt von der Bechterewschen Krankheit, dennoch ihren Weg zieht, dessen Spuren sie für uns zeichnet. „Für meine Mutter, die dem Lächler das Haupt gehalten hat“, schrieb sie eines ihrer eindringlichsten, unauflöslichen Gedichte, „Die Prüfung des Lächlers“, von dem Horst Bienek sagt:

Das Gedicht ist wie die Beschreibung eines Bildes, das Francis Bacon gemalt haben könnte.

Es ist lapidar, nicht lakonisch, und wie stets große Lyrik formuliert es der Menschen Qual, und gewinnt seine Schönheit aus ihrem Sieg; der ist Christa Reinigs Triumph:

als ihm die luft wegblieb, hat er gelächelt
da hat sein feind ihm kühlung zugefächelt
er lächelte, als er zu eis gefror
der feind rückt ihm die bank ans ofenrohr

 

er lächelte auch, als man ihn bespuckte
und als er brei aus kuhmist schluckte
er lächelte, als man ihn fester schnürte
und er am hals die klinge spürte

 

doch als man ihm nach einem wuchtigen tritt
die lippen rundum von den zähnen schnitt
sah man ihn an, erst ratlos, dann erstarrt
wie er im lächeln unentwegt verharrt

Fritz J. Raddatz, aus Fritz J. Raddatz: Eros und Tod, Rowohlt Verlag, 1990

Laudatio auf Christa Reinig Empfängerin der Kester-Haeusler-Ehrengabe 2003

Der heutige 6. November ist bekannterweise ein Donnerstag, aber der 6. November war auch einmal ein Montag – und zwar in dem Jahr, in dem Christa Reinig über den Müßiggang Gedichte geschrieben hat. „Müßiggang ist aller Liebe Anfang“ hieß dieser in der Eremitenpresse 1979 veröffentlichte Gedichtband, in dem – wie in den bekannten Kalendersprüchen – jedem Tag des Jahres ein Spruch, ein Aphorismus gewidmet ist. Unter dem 6. November findet sich in diesem schönen Buch das folgende Gedicht:

MONTAG
neueste meldung
die welt geht nicht unter
aber gerettet
ist sie auch nicht

Nun mögen diese Zeilen für jeden 6. November zutreffen, aber für den heutigen passen sie ganz besonders gut – denn sie könnten als Motto über Christa Reinigs Leben stehen.
Christa Reinig wird von der Deutschen Schillerstiftung von 1859 mit der Kester-Haeusler-Ehrengabe ausgezeichnet, und es ist mir eine große Ehre, heute über sie und ihr Werk sprechen zu dürfen. Christa Reinig kann diesen Preis leider nicht selbst entgegennehmen, es ist ihr aus Krankheitsgründen nicht möglich zu reisen. Aber auch wenn wir, in der Regel jedenfalls, diskreterweise nicht über Krankheiten reden, so wird doch im Folgenden auch von Christa Reinigs Krankheit die Rede sein, denn sie selbst hat in ihren Büchern darüber geschrieben. Und über Literatur ist gut reden.
Daß die Literatur schon in den Kinder- und Jugendjahren von Christa Reinig eine große Rolle spielte, ist – angesichts der Umstände, unter denen sie aufwuchs – eher etwas ungewöhnlich. Sie wurde 1926 in Berlin geboren. Ein uneheliches Kind, das sich selbst überlassen war, das aber eine Mutter hatte, die das Kind wollte und die sich für das Kind und seine Entwicklung einsetzte. Die Mutter war Putzfrau, und sie war eine leidenschaftliche Leserin. Auch wenn Essen und Kleidung knapp waren: Bücher gab es immer und das Schlüsselkind verbrachte seine Zeit mit den Entdeckungen, die es im Bücherschrank der Mutter machte.
Die ersten eigenen Gedichte schrieb Christa Reinig 1947, da arbeitete sie auf dem Bau. Und sie reimte, was es zu reimen gab: sie verfaßte Verse für Betriebs- und Weihnachtsfeiern und wurde von den Kollegen begeistert als „Dichterin“ gefeiert.
Das sind die Anfänge der heute siebenundsiebzigjährigen Dichterin, die mit ihrer Lyrik, den Erzählungen und Romanen zu den herausragenden, bedeutendsten Schriftstellern der Gegenwart gehört.
Christa Reinig arbeitete in der Fabrik, als Blumenbinderin, als Bürokraft, bevor sie nach dem Zweiten Weltkrieg das Abitur nachholte und von 1953–1957 an der Humboldt-Universität Kunstgeschichte und christliche Archäologie studierte. Nach ihrem Studium bis zu ihrer Ausreise 1964 arbeitete sie im Märkischen Museum in Ostberlin. In der DDR hatte sie ein paar Gedichte und Erzählungen in Anthologien veröffentlicht, ihr erster Gedichtband aber Die Steine von Finisterre erschien 1960 in Westdeutschland in der Eremitenpresse, ein Jahr später folgte im Westberliner Fietkau Verlag die Erzählung Der Traum meiner Verkommenheit. In der DDR war eine Dichterin, die Zeilen schrieb wie: „er wollte wohl kein handwerk schustern / und lieber räuber sein und frei“ logischerweise nicht gut gelitten. Und schon gar nicht eine Dichterin, die, wie in dem Gedicht „ausweg“ sozusagen zur „Republikflucht“ aufruft:

das was zu schreiben ist mit klarer schrift zu schreiben
dann löcher hauchen in gefrorne fensterscheiben
dann bücher und papiere in ein schubfach schließen
dann eine katze füttern eine blume gießen
und ganz tief drin sein – und den sinn erfassen:
zieh deinen mantel an du sollst das haus verlassen

Es konnte, es durfte auch nicht sein, daß in der Deutschen Demokratischen Republik Gedichte publik wurden, die das Volk aufwiegeln konnten wie Christa Reinigs Gedicht „Hört weg!“, dessen erste Strophe so lautet:

kein wort soll mehr von aufbau sein
kein wort mehr von arbeit und altersrente
hört weg – ihr helden – ich rede allein
für asoziale elemente

So war es, wie beispielsweise Marcel Reich-Ranicki in einem Essay über Christa Reinig ausführte, auch gar nicht verwunderlich, daß man der Autorin, als sie 1964 mit dem Bremer Literaturpreis für ihren 1963 im S. Fischer Verlag erschienenen Gedichtband ausgezeichnet wurde, die Ausreise ins kapitalistische Ausland erlaubte. Und Christa Reinig tat das, was man von ihr erwartete oder was man sogar erhoffte: sie kehrte aus Bremen nicht zurück in die DDR. Marcel Reich-Ranicki schrieb:

Der Fall Christa Reinig, der manche Unannehmlichkeiten verursachen konnte, wurde liquidiert, noch bevor er innerhalb der DDR entstanden oder jedenfalls in den an Literatur interessierten Kreisen dieses Landes bekannt geworden war.

Christa Reinig hatte ihren Schreibtisch im Märkischen Museum ordentlich verlassen: sie hinterließ einen einzigen Gruß: ein Röntgenbild ihrer Wirbelsäule. Der aufrechte, gerade Gang – er ist ihr inzwischen verwehrt. Aber nicht, weil sie damals im Osten oder dann im Westen zuviel gebuckelt hätte, sondern weil sie an Morbus Bechterew erkrankt ist und – der Leiden nicht genug – 1971 einen Unfall hatte, der wiederum ihre schon geplagte Wirbelsäule traf.

Einmal hatte ich mich wieder wie ein normaler Mensch hingekriegt. Alle Freunde waren stolz auf mich. Da baute ich einen Unfall und entstand im rechten Winkel wieder. Ich konnte nur noch mit Hilfe von Prismen und Spiegelbrillen geradeaus sehen. Die Kinder sind außer sich vor Begeisterung, wenn sie mich auf der Straße sehen. Sie versammeln sich um mich, und da sie die einzigen Menschen sind, denen ich ins Auge blicken kann, halte ich ihnen einen optischen Vortrag über Lichtbrechungen und Blickwinkel. Die Erwachsenen mögen mich nicht. Ich bin ihnen unheimlich.

So kann nur jemand schreiben, der wie Christa Reinig sagt:

Mein Wille ist, daß ich in dieser Welt nicht untergehen will.

In ihrem Buch Das große Bechterew-Tantra schreibt sie in der 9. Lektion, betitelt: „Gesellschaftliche Verhaltensweisen betreffs des Halses“:

Die Autofahrer hassen die Fußgänger und sie wissen warum. Am liebsten erlegen sie einen Fußgänger auf dem Zebrastreifen. Nicht so den Morbus Bechterew. Wenn ein Autofahrer einen Morbus Bechterew erspäht, der bei Rot über die Kreuzung quert, weil er ja keine Ampel sehen kann, und dann auch noch den gegenüberliegenden Fußgängerweg verfehlt, läuft der Autofahrer über vor liebender Duldung. Er, der vor keinem Schah von Persien auf die Bremse tritt, spielt vierhändig auf allen seinen Apparaturen und bedient Lenker, Kupplung, Bremse und Gas zugleich. Wie eine Schlange ringelt sich das sonst so mörderische Auto geschmeidig um diesen hilflosen Menschenklumpen herum, und der Klumpen kanns nicht würdigen. Er hat es ja nicht sehen können. Er wedelt nicht dankend mit der Hand. Und der Fahrer – verzeihts. Das alles, lieber Morbus, büßest du ein, wenn du eines Tages wieder den Kopf hochkriegst und der blechgepanzerten Menschheit Aug in Auge gegenübertrittst. Bedenke.

Nennt man das Galgenhumor? Wir haben leider nur so plumpe Begriffe für diese makabre Art der Selbstbetrachtung. In jedem Fall gilt, daß dieser erbarmungslos sezierende Blick, gepaart mit schonungsloser Selbstironie, dazu berechtigt, andere ebenso ins Visier zu nehmen. Christa Reinig hat sich nie schrecken lassen, nicht von den Staatsorganen der DDR, nicht von Anna Seghers und Peter Huchel, nicht von den westlichen Medien, nicht von ihrer Krankheit, nicht von besserwisserischen Lektoren und auch nicht von der Frauenbewegung. Obwohl die Frauenbewegung in den siebziger, achtziger Jahren sie vielleicht am ehesten verführt hat, sich vereinnahmen zu lassen. Sie hat nie ihren kritischen, ironischen Blick auf Menschen – und das meint eben auch auf die Frauen – verloren, aber der Verlagswechsel zur „Frauenoffensive“ und das Engagement für den Feminismus dominierte plötzlich die Wahrnehmung einer Dichterin, die, als sie noch nicht zu den „bekennenden Lesben“ gehörte, neben Ingeborg Bachmann als „wahrhaftigste, aufregendste, originärste Dichterin“ galt. Horst Bienek schrieb das in seinem Vorwort zu der Ausgabe der Sämtlichen Gedichte von Christa Reinig, die 1984 in der Eremiten Presse erschien. Er soll nicht falsch zitiert werden, sein vergleichendes Urteil bezieht sich nur auf die ersten beiden Bücher von Christa Reinig, dann nimmt er eine Einschränkung vor.

Christa Reinig hat danach noch einige großartige Gedichte geschrieben. Aber die Prägnanz, die Kraft, die Radikalität, auch die Originalität von früher hat sie nicht mehr erreicht. Das muß man kritisch sagen.

Ich denke, daß Horst Bienek hier irrt, ebenso wie in der Einschätzung des Romans Die himmlische und die irdische Geometrie, in dem Christa Reinig auf sehr eigene Weise ihr Leben resümiert. „Das wird von ihr noch einmal genauer und ausführlicher beschrieben werden müssen“, kritisiert der geschätzte Horst Bienek, und ich möchte ihm heftig widersprechen. Die himmlische und die irdische Geometrie, 1975 erschienen, ist, formal und sprachlich, ein großartiges Buch, ein Werk, das seinen Platz in der Literaturgeschichte längst gefunden hat, auch wenn es den feministisch beziehungsweise chauvinistisch getrübten Blicken männlicher oder weiblicher Kritiker entgangen sein mag. Die exponierte Stellung als Feministin hat die Dichterin Christa Reinig in den Feuilletons in den Hintergrund treten lassen. Das muß man ganz klar konstatieren. Denn die Dichterin Christa Reinig stünde sonst in der Reihe mit den Georg-Büchner-Preisträgerinnen Marie Luise Kaschnitz, Ingeborg Bachmann, Christa Wolf, Sarah Kirsch, Elfriede Jelinek und Friederike Mayröcker. Dieser wichtigste deutsche Literaturpreis wird übrigens seit 1923 verliehen. Von den bis heute 69 Preisträgern waren 8 weiblichen Geschlechts. Nein, um Gottes Willen, eine Quotenregelung soll hier nicht reklamiert werden, aber Ilse Aichinger und Christa Reinig vermisse ich unter den Preisträgern sehr.

Es gibt nun mal die literarische Klosettordnung. Von den Männern aus gesehen, gehöre ich sowieso aufs literarische Damenklo. Und bei ,Entmannung‘ habe ich eben das falsche Pissoir erwischt.

Mit dem Roman Entmannung war Christa Reinig, wie sie es selbst formulierte, „im vielverlachten Feminismus angekommen“. Aber auch wenn es in diesem Buch, wie der Titel suggeriert, nicht um reale „Entmannung“ oder männliche Kastrationen geht, sondern um eine Art „Selbstfindung“ der Autorin, so ist es doch stark geprägt von den Phrasen der Frauenbewegung, die den Roman – zu sehr, wie ich denke – thematisch und zeitbezogen einengen. Sie selbst, so sagte Christa Reinig, habe mit diesem Roman überprüft, „was an Männlichkeitswahn sie abtun könne“ und habe sich „mit Nähmaschine und güldenem Kaffeeservice entmannt“. Auch in dem 1984 erschienenen Roman Die Frau im Brunnen war Christa Reinig noch auf der Suche nach „entmannter“ Identität, doch war es hier eher die Spurensuche in einer feministischen Mythologie, die zu Göttinnen und antiken Sprachbildern führte. Die Liebe aber zur Überzeichnung und zur Pointierung, die Lust an messerscharfen Sätzen blitzt in vielen Kapiteln dieses Buches wieder auf. Wenn sie ihr Leben noch einmal beginnen könnte, so schreibt Christa Reinig in dem Buch Die Frau im Brunnen, so würde sie zum Beispiel keine Kinder kriegen.

Ich würde sie gar nicht mögen. Menschenkinder sind unappetitliche Kreaturen, und die Affenliebe der Eltern, die sowas in die Welt gesetzt haben, würde mich schaudern machen. Nie könnte ich verstehen, wie eine Familie ihren Hund oder ihre Katze ausstößt, nur weil ihnen ein Kind geboren wurde. Eher würde ich das Kind wegschmeißen. Aber das ist Geschmackssache. Mit Wohlbehagen lese ich in der Bibel, wie Gott Evas schwangeren Mutterleib verflucht hat. Mit der Lektüre des ersten Buches Moses und der gerechten Verstoßung der Adam-und-Eva-Menschheit erschöpft sich auch mein religiöses Interesse.

Sie sei intellektuell ein böser Mensch und mache schwarze Literatur, sagte Christa Reinig 1986 in einem Gespräch mit Marie-Luise Gansberg. Diese Freude am Makabren, am Komischen hat sich Christa Reinig bis heute erhalten.
In ihren vielen wunderbaren Erzählungen – der letzte Erzählungsband mit dem Titel Simsalabim erschien 1999 in der Eremitenpresse – kann man eines mit Sicherheit lernen: Die Welt geht nicht unter, aber gerettet ist sie auch nicht.

Hanne Kulessa, Deutsche Schillerstiftung von 1859: Ehrungen – Berichte – Dokumentationen, 2003

Erkennen, was die Rettung ist

(…)

Gansberg: Du hast deine Familiengeschichte unter der Überschrift „die Vollendung der Tugend“ subsumiert, und mir fällt als Literaturhistorikerin natürlich ein, daß gerade im 18. Jahrhundert die Romane der „Tugenden und Laster“ sehr wesentliche Gattungen gewesen sind. Hast du entsprechende Romane gelesen oder dir in Erinnerung gerufen? Besteht da ein Zusammenhang?

Reinig: Was ich mir von Anfang an erspart habe, war die Lektüre von Rousseau. Ich hatte das Gefühl, das würde mir nicht gefallen. Es war die Parteilichkeit für Voltaire. Auch die Engländer, Richardson, habe ich nicht gelesen. Ich hab’ das Thema grundsätzlich von der unernsten Seite angefaßt, von Voltaire, von Beckford, auch Johnsons Rasselas spielt eine Rolle. Eigentlich wollte ich die Romanciers des 19. Jahrhunderts verarschen, die überhaupt nicht mehr zu merken scheinen, daß sie an diesem Thema scheitern, wie ich es wörtlich ausführe, daß über dem Roman Schuld und Sühne keiner zum Heiligen, aber viele zu Verbrechern werden. Also grundsätzlich nicht die Romane oder Abhandlungen, die das Thema ernsthaft angehen. 

Gansberg: Du wußtest aber, was drin steht?

Reinig: Ja, natürlich. Ich wollte das Thema auf den Kopf stellen. Ironie.

Gansberg: Wie ist es mit Sades Justine oder Voltaires Zadig, wo das Thema auch paradox behandelt wird. Die Guten werden bestraft, die Bösen belohnt, hattest du das im Hinterkopf? 

Reinig: Ja, das waren meine Vorbilder. Aber eigentlich hab’ ich das Thema aus dem Leben geschöpft. Ich habe bereits als Kind beobachtet, daß, wie ich es ausdrückte, „Gutes tun Unglück bringt“. Auch als ich schon zwanzig war, nach dem Krieg, habe ich, wenn ich den inneren Drang verspürte, jemandem zu helfen, dieses Gefühl unter Kontrolle gebracht, und mir erst einmal überlegt, was für Unglücksschläge mich daraus treffen könnten, daß ich hilfreich handle.

Gansberg: Und Böses tun? Wurdest du dann belohnt, oder hast du das nicht getestet?

Reinig: Böses tun ist sehr anstrengend, ich bin nicht in die Situation gekommen. Nach der berühmten Erkenntnis, daß es immer die Kleinen trifft, war ich umgeben von Familienmitgliedern und Kollegen, die „gesessen“ hatten, und hab’ mich im Grunde darauf vorbereitet, im Knast zu landen. Aber es ging an mir vorüber. Indem ich meinen Vorteil suchte, landete ich auf der Seite der guten Menschen.

Gansberg: Der Buddhismus spielt in diesem Roman eine große Rolle.

Reinig: Ja, ich habe die einzelnen Phasen meiner Beschäftigung mit dem Buddhismus in einem einzigen Kapitel zusammengezogen.

Gansberg: Und du hast das chinesische Buch der Wandlungen, das I Ging, als das Buch bezeichnet, das dir das Leben gerettet hat.

Reinig: Zunächst einmal, das ist eine andere Phase. Entweder Buddhismus oder I Ging, und ich habe immer versucht, die Sache rein zu erhalten. Die Frage nach der Zukunft ist unbuddhistisch. Ich bin also nicht buddhistisch, wenn ich mich aus anderen Zusammenhängen für chinesische Literatur und auch für das I Ging interessiere. Ich hatte eine Reihe chinesischer Bücher gelesen, den Traum der roten Kammer hatten wir schon. Die anderen großen Romane: Kin-Ping-Meh, Die Räuber vom Liang-schan-Moor, dann Konfuzius, Gespräche, das Dau-de-Ging, das mir keinen tiefen Eindruck machte, dagegen Dschuang-dse, das „Wahre Buch vom südlichen Blütenland“ – eines der wichtigsten Bücher, ein Buch bei dessen Lesen ich krank geworden bin, als hätte ich die Masern. Ich mußte das Buch wegwerfen und mich ins Bett legen und die Decke über den Kopf ziehen. Das war der Dschuangdse. Dann hatte ich etwas Westgeld in der Tasche und wollte mir ein Buch kaufen. Zehn Mark West. Damit würdest du dich heute gar nicht mehr in den Laden trauen. Aber für mich waren diese zehn Mark die Welt. Ich konnte mir die Welt dafür kaufen. Eine Freundin sagte: „Also ich finde, daß ein Mensch, der etwas auf sich hält, das I Ging in seinem Schrank zu stehen hat.“ Das hat mir maßlos imponiert und kurzentschlossen kaufte ich mir das I Ging. Das war im November 1960. Nun hab’ ich das mit dem Orakeln nicht ganz ernst genommen. Ich tats zur feiertäglichen Langeweile, Weihnachten, Ostern und an meiner Mutter Todestag. Dann ging ich am 13. August von Westberlin, wo ich mich zufällig aufhielt, nach Ostberlin durch die Absperrung hindurch und versetzte mich aus eigenem Entschluß hinter die Mauer, die es damals noch gar nicht gab. Ich sprach vorhin vom Punktesammeln in politischen Angelegenheiten. Ich hatte eine Fahrkarte mit aufgestempeltem Datum, und bei jeder Gelegenheit zeigte ich sie vor und sagte: „Ich bin freiwillig hier, ich war im Westen und bin durch die Absperrung in den Osten gekommen.“ Das war sehr eindrucksvoll. Wenn ich gewußt hätte, was mir bevorstand, hätte ich es nicht getan. Jedenfalls saß ich nun „hinter der Mauer“, wie es heute heißt, das Wort „Mauer“ durfte gar nicht genannt werden, es war strafbar. Es hieß „unser antifaschistischer Schutzwall“. Und ich dachte, wozu hab’ ich ein solches Orakelbuch und habe die ganze Zeit über orakelt, da muß es doch dringestanden haben. Ich hatte mir die Sprüche aufgeschrieben und nicht weiter gemerkt. Und nun war ich beeindruckt von der Wörtlichkeit der Voraussagen. Eine Woche nach der Errichtung des „antifaschistischen Schutzwalls“ sollten Wahlen stattfinden. Da gab es ein allgemeines Gemurre. Wir werden die Wahlen boykottieren. Das war das gekränkte Ehrgefühl, daß eine Regierung einem Volk solches antut und es dann an die Wahlurnen befiehlt, das wollten wir uns nicht gefallen lassen. Und ich orakelte den Spruch: „Wenn der Edle sich mit Kleinigkeiten abgibt, zieht er sich Schaden zu.“ Was für mich das Wichtigste auf der Welt war, der Wahlboykott, das waren aus divinatorischer Schau „Kleinigkeiten“. Es war wie eine kühlende Brause auf meinen heißen Kopf. Die anderen brauchten kein I Ging, um sich vor Schaden zu bewahren. Alle zogen wir wie die Schafe in Richtung Wahllokal. Dann mußte uns auf den Zahn gefühlt werden. Wer nur einen Piep sagte, kam vom Arbeitsplatz gleich in Staatssicherheitsgewahrsam. Das ging ganz schnell. Ich fühlte mich gefährdet, als in unserem Betrieb die „Diskussion“ angesagt war. Ich orakelte das Zeichen: „Die Verfinsterung des Lichts“, und erschrak. Dann ging die Diskussion los. Der Betrieb war vollzählig versammelt, unsere Parteioberen, Gewerkschaftsoberen, die Betriebsdirektion, sie alle waren nichts. Sie saßen unter dem Volk, und die Großen Unbekannten, die wir nie zuvor gesehen hatten, saßen am oberen Ende eines großen Tischs und verhörten uns. Alle wollten brav sein, und alle platzten. Vielleicht, weil alle zugleich versagten, wurde niemand verhaftet, aber unser Betrieb bekam eine Sonderbehandlung. Die Nachtwächter wurden abgezogen. Wir alle hatten Punkt sechs das Haus zu räumen, und dann zog die Staatssicherheit mit großen Hunden ein, die über Nacht alles vollschissen. Die Putzfrauen haben ganz schön geflucht. Und mitten in diesem unterdrückten Aufruhr, wo jeder mit seiner Verhaftung rechnen mußte, saß ich wie abgeschaltet. Es war, als gäbe es mich nicht. Ich begriff den Sinn des Zeichens. Und als einzige entkam ich dem Verhör. Keinem Menschen fiel ich auf. Da faßte ich Zutrauen zu diesem unheimlichen Buch, und es ist etwas Unheimliches an diesem Buch. Ich vertraute mich ihm so bedingungslos an, daß ich es ablehnte, mir Karten legen zu lassen oder mich mit Astrologie zu beschäftigen. Erst in einem anderen Zusammenhang wagte ich mich an die Astrologie heran und erkannte die inneren Zusammenhänge zwischen den Zeichen des I Ging und unseren Planetensymbolen.

Gansberg: Du hast damals dein letztes Westgeld aus der Tasche kramen müssen? Du hast es in Westberlin gekauft?

Reinig: Ich hatte für irgendeine Veröffentlichung Westgeld bekommen und kaufte es am Bahnhof Zoo, auf dem Ku-Damm. Mein Geld hatte nicht gereicht. Da ich sichtbare Ostlerin bin, erließ mir der Buchhändler den Rest. 

Beerlage: Machst du auch Tarot?

Reinig: Nein, entweder – oder. Ich mach’ auch keine Astrologie mehr. Ich schwöre auf das I Ging.

Gansberg: Das machst du noch?

Reinig: Ja, ehrenhalber an hohen Fest- und Feiertagen. Du mußt wissen, es ist ein eminent politisches Buch. Und in meinem Zustand, wo ich weder in Todesgefahr noch in politische Intrigen verstrickt bin, hat es eigentlich keinen Zweck, sich Sprüche zu holen. Außerdem muß ich mein Behagen nicht unnötig stören. Es ist eine Himmelsgabe, daß die Menschen nicht wissen, was ihnen bevorsteht.

Gansberg: Es gibt drei Passagen in deinem Buch, die „Pausen“ überschrieben sind und ziemlich quer zu den übrigen Texten stehen. Kannst du uns erklären, wie es zu diesen Pausen gekommen ist? 

Reinig: Ich brauchte zu meinem großen Werk Trost und Hilfe. So wie der Schriftsteller seine Gattin hat oder seine Kumpane, die sagen, mach mal weiter, du bist gut, so brauchte auch ich einen Zuspruch. Aber ich hatte ja keine Schriftstellersgattin und keine Kumpane. Wie sollte ich mich aufbauen? Da schöpfte ich Trost und Mut aus anderen Büchern und schrieb zwischen die erarbeiteten Texte Passagen aus dem Tibetanischen Totenbuch, aus Kants Kritik der praktischen Vernunft, das Herz-Sutra der vollkommenen Weisheit und ähnliches. Auch aus dem Faust. Als ich dann fertig war, gab es große Passagen in dem Buch, die gar nicht von mir waren, sondern aus fertigen Büchern. Was hatte das für einen Sinn? Ich zog sie heraus. Aber dann gab es spürbare Lücken. Niemand außer mir hätte gemerkt, daß da was fehlte. Aber ich merkte es. Ich empfand die Lücken, die durch das herausgezogene Gerüst entstanden, und füllte sie aus. 

Gansberg: Wie bist du dazu gekommen, Texte aus dem Kant oder aus dem Faust oder aus dem Tibetanischen Totenbuch zunächst überhaupt heranzuziehen? Waren das Vorbilder?

Reinig: Ich brauchte moralischen Mut und nahm ihn daher, wo ich ihn bekommen konnte. Ich war allein auf mich gestellt. Es gab nichts außer mir und Büchern, die Leute vor mir geschrieben hatten. Und diese Schriftsteller der Vergangenheit waren meine allernächsten Angehörigen.

Gansberg: Stimmt es, daß du Kant zu dieser Zeit gelesen hast?

Reinig: Ja, ganz und gar. Ich glaube, ich hab’ fast alles gelesen, was in den Gesammelten Werken steht.

Gansberg: Wie kamst du dazu? Was interessierte dich gerade an Kant?

Reinig: Der Anfang war ganz anders. Es war 1965, da merkte ich, daß ich in der deutschen Literatur den Fuß nicht auf den Boden bekam. Ich dachte, wie wärs, wenn ich Kinderbücher schriebe, dann würde mich das Reglement, das über der deutschen Literatur waltet, nicht erreichen. Ich fuhr damals nach Rom, um ein Kinderbuch zu schreiben. Das Ergebnis war „Orion trat aus dem Haus“, als Beweis, daß ich keine Kinderbücher schreiben konnte. Ich bin zu sophisticated, wie man heute sagen würde.
Inzwischen wars dann 1970. Ich ging in die Stadtbücherei, mir Lektüre zu besorgen, und passierte ein Regal mit Kants Werken. Ich ging gewissermaßen mit innerlichem Gruß vorbei und dachte, das ist nicht für mich. Dann stand ich an der Straßenbahnhaltestelle. Ich hatte mich an den Pfosten gelehnt, ließ mich von der Sonne bescheinen und war ganz entspannt. Ich dachte, mir gehts gut, warum gehts mir gut? Weil ich doch meinen Fuß auf den Boden bekommen habe, weil ich mich durchgesetzt habe, weil ich erreicht habe, daß ich akzeptiert werden muß. Nun, dann bin ich ja gar nicht so dumm, wie ich glaube, und wenn ich nicht dumm bin, dann kann ich doch auch Kant lesen, vielleicht kapiere ich was. Ich dreh’ mich um, geh’ zurück in die Bücherei und leihe mir die Kritik der reinen Vernunft aus. So begann ich Kant zu lesen. Ich hab heute noch im Keller die Reihe der Ordner mit den Exzerpten. Seite für Seite durchdacht und Bemerkungen gemacht.

Gansberg: Exzerpte hast du gemacht?

Reinig: So kam ich durch. Wenn ich was nicht begriff, ließ ich es auf sich beruhen. Dieses „Warum“ bringt’s nicht. Einfach durch wie durch einen Dreck. Und es war ein Lesespaß ohnegleichen. Ich wollte eine Kant-Anthologie machen. „Die Seefahrergleichnisse bei Kant.“ Du begreifst auch das Umfeld. Königsberg war kein Kaff, Königsberg war, was heute Rotterdam oder Singapur ist. Kant war kein Stubengelehrter. Wenn er aus dem Fenster guckte, wehte ihm der große Wind in die Nase. Der Kant, den die Leute nicht wahrhaben wollen, der ist noch nicht gestorben.

Gansberg: Die Texte, die jetzt in den „Pausen“ stehen, etwa „Kant und de Sade, vom Tode nicht zu trennen“, das waren Texte, die du dann neu geschrieben hast?

Reinig: Ich zog den Originaltext von Kant heraus und erfand dieses Gespräch. Es war ein toller Spaß.

Gansberg: Ja?

Reinig: Das Manuskript war sowieso fertig, die Pausen waren ein Vergnügen, das ich mir selbst bereitete.

Gansberg: In deinem Leben hat es Beziehungsgeschichten gegeben, die du dann ausgelassen hast.

Reinig: Das Manuskript habe ich nach meiner Gewohnheit an Freunde geschickt, das, was ich dem Lektor nicht gestattete, sollten meine Freunde tun, mich korrigieren. Taten sie aber nicht. Ich bekam nichts zurück. Bis auf zwei Ermutigungen. Eine kam von einer Freundin, die Psychotherapeutin ist. Sie setzte sich ins Flugzeug, um mit mir das Manuskript zu besprechen. Sie war Feuer und Flamme, und wir haben drei tolle Diskussionstage hinter uns gebracht. Und die sagte mir: „Christa, für deine Sex-Geschichten bist du noch nicht reif. Die sind total daneben.“ Da habe ich das Sex-Kapitel weggelassen. Es mußten noch einige Jahre vergehen, bis ich dies geschafft habe. 

Beerlage: Dann kommen wir zum Themenbereich „Frauenbewegung“. Du hast sicher von den Bestrebungen vieler Frauen, Kampfsport und Selbstbehauptung in neuen feministischen Maßstäben zu lernen, gehört. Was hältst du von dieser organisierten militanten Gegenwehr, deren Vertreterinnen sich Thesen von dir auf ihre Fahnen geschrieben haben?

Reinig: Die Grundthese sollte ja eigentlich von Marx und Lenin sein: Kein Sieg ohne Gewalt. Die marxistische Gewalttheorie. Schließlich habe ich auf der Arbeiter-und-Bauernfakultät doch einiges gelernt. „Von Stalin lernen, heißt siegen lernen.“ Lassen wir das beiseite, sonst werde ich ironisch, und das Thema ist ernst. Als ich mir klarmachte, daß ich Feministin bin, hab’ ich mich erst einmal geängstigt, denn ich dachte an nichts als an die Männergewalt, die mir dann eins mit der Faust auf die Rübe, mit dem Messer in die Rippen gibt. Also Frauengewalt großes Ja, kleines Nein. Die Männer reagieren auf nichts als auf die Wehrhaftigkeit, und sie reagieren auf die weibliche Nichtwehrhaftigkeit, die du als Friedensliebe verschönen kannst, mit Hohn und Spott, daß Frauen eben keine richtigen Menschen sind. Ein Mann würde sich das nicht gefallen lassen, was Frauen sich gefallen lassen. Und daher sind die Männer die wahren Menschen, und die Frauen sind eine Art Halbtier. Es gab früher den Begriff der „Wehrunwürdigkeit“. Frauen sind wehrunwürdig. Das Wort gibts nicht mehr, aber die Sache gibts, wenn Frauen gleichberechtigt sein wollen, indem sie zur Bundeswehr gehen wollen. Das wird ihnen abgeschlagen. Nun müssen wir den Staat, in dem wir Frauen nicht als Menschen gelten, ja nicht unbedingt verteidigen. Aber wie ist das, wenn wir uns wehrhaft machen? Die Männer, die daraufaus gehen, Frauen, Kinder, auch alte Männer, alte Frauen sowieso zusammenzuschlagen, die sind von solch fanatischer Grausamkeit, daß du das Thema Frauengewalt gegen Männergewalt mit einem ungeheuren Ernst stellen mußt. Du riskierst dein Leben, wenn du gegen Männer zurückschlägst. Und ich kann nicht die Parole ausgeben: Kämpfe bis zum Tod. Das ist genau der Augenblick, in dem ich mich frage, was kann denn diese Christa Reinig für die Frauenbewegung tun? Ich sage: Seid wehrhaft, aber bedenkt, daß ihr in Todesgefahr seid. 

Gansberg: Du hast dich konkret herumprügeln müssen?

Reinig: Wenn du mich so siehst, hat eine Antwort gar keinen Sinn. Es sieht nach Großmaul und nach Spinnerei aus. Oma erinnert sich an ihre großen Zeiten. Aber immerhin hab’ ich auf dem Bau den Vorschlaghammer geschwungen, und als wir Blumenbinderlehrlinge waren, fünfzehnjährige Mädchen, da haben wir uns gegenseitig die Bizeps gefühlt und uns gebrüstet, daß die Jungen solche Bizeps nicht hatten. Dann gab es damals die Möglichkeit, daß Jungen und Mädchen sich fair prügelten. Ein Junge haute dir eins auf die Rübe, und dann hörte er auf zu prügeln und machte dir vor, was du falsch gemacht hast. Das gibts heute nicht mehr. Heute gibts nur noch den fanatischen Stumpfsinn „Weib runter, alle Weiber runter!“ Das heißt, die Chance, von Jungen das richtige Prügeln zu erlernen, bekommen die modernen Mädchen gar nicht mehr. Dann habe ich als Halbstarke mir ganz schön die Männer vom Leib prügeln können. Da kriegst du ein Bewußtsein. Mit deinem ersten Sieg bereitest du dir den zweiten vor. Manchmal habe ich hinterher festgestellt, daß ich meine großen Siege nicht meiner Kraft und Geschicklichkeit verdankte, mit denen es nicht weit her war, sondern einem Glücksfall oder einem Fehler, den der Mann machte. Mein Vorhaben war: Ich kann gegen einen prügelnden Mann nicht länger als eine halbe Minute zurückbedienen. Dann ist meine Luft alle, und meine Muskeln ermüden, und diese halbe Minute ist eine Ewigkeit. Dreißig endlose Sekunden. Aber die wollte ich mir zugetraut haben. Dann hab’ ich die Erfahrung, daß ein Mann gegen eine Frau nicht aufgibt. Ich hatte Kampfsituationen, in denen ich genau wußte, wenn ich ein Kerl wäre, dann würde die andere Seite aufgeben. Aber da ich ein Weib bin, will er es immer noch wissen. Dann geben die Frauen sich zu früh zufrieden. Der Mann rennt weg, und du gehst friedlich und abgeregt deiner Wege, und nach einer Viertelstunde siehst du ihn wieder. Er ist dir gefolgt, hat einen Haken geschlagen und kommt dir entgegen. Dann sind die meisten Frauen erledigt, weil sie langsamere Reaktionsbahnen haben. Es dauert unheimlich lange, bis eine Frau endlich mal den richtigen Zorn bekommt, aus dem jeder Schlag das Zentrum des Gegners trifft. Bei den Männern geht alles Zack-zack, da liegst du, noch ehe du gemerkt hast, daß einer mit dir kämpft.

Beerlage: Also Selbstverteidigung und -behauptung, aber nicht Bedrohung der Männer.

Reinig: Das sind alles Wörter, mit denen ich gar nichts anfangen kann. Als erstes und oberstes; der Fluchtweg muß offen bleiben. Als zweites: Der Schwächere muß angreifen. Wenn der Stärkere angreift, ist der Kampf ja sowieso schnell entschieden. Wie machst du das in der Praxis, kleine Frau? Und dieses Kleinsein, dieses von unten nach oben kämpfen müssen, ist ja auch schon ein kampfentscheidender Faktor. Es muß eine Mischung von Nichtaggressivsein und Bereitsein geben. Ich kenne die modernen Kampfsportarten nicht. Ich glaube, es läuft vieles über das Wörtchen „Ehre“, das in einem Menschen noch schwerer zu bestimmen ist als das Wörtchen „Seele“. Aber wenn eine Frau dieses Ehrgefühl nicht hat, dann ist eben nichts weiter drin als das, was die Männer mit zynischem Grinsen das Weibesschicksal nennen: den Männern als Spermienklo und Putzlumpen dienen.

Beerlage: In deinen neueren Büchern sind Frauenbeziehungen lebendig vorhanden. Siehst du dielt als lesbische Schriftstellerin, oder ist dir diese Feststellung unangenehm?

Reinig: Die ist mir nicht unangenehm. Aber ich bin lesbische Schriftstellerin, so gut wie ich weibliche Schriftstellerin bin, das ist eine Entwicklung. Ich sehe manchmal in Diskussionen die Autorinnen der Alten Schule, die sagen, und das ist in der Literatur angelegt: Was heißt denn männlich-weiblich, das ist doch egal. Es ist insofern egal, weil die Literatur den Einstieg nur mit einem männlichen Ich erlaubt. Ich hab’ Glück gehabt, daß ich hier durchbrechen konnte, daß ich ein literarisches Ich realisieren konnte, das weiblich und lesbisch ist. Dieses Glück verdanke ich dem Coming out anderer Schriftstellerinnen. Ich bin zunächst auch in der Frauenbewegung eine Dunkellesbe gewesen. Ich bin hier in der Schuld von anderen Frauen, die vor mir, die progressiver waren als ich.

Gansberg: Es gibt das Phänomen der „geteilten Reinig“. Damit meine ich, daß die Feministinnen dich erst seit Entmannung rezipieren und die Herren Kritiker und Germanisten dich eigentlich nur bis Entmannung ernst nehmen. Das erscheint mir absurd, und dagegen wehre ich mich.

Reinig: Es gibt nun mal die literarische Klosettordnung. Von den Männern aus gesehen, gehöre ich sowieso aufs literarische Damenklo. Und bei Entmannung hab’ ich eben das falsche Pissoir erwischt. Allerdings habe ich nach Entmannung meine vorherigen Bücher nicht mehr leiden können. Heute hab’ ich das überwunden. Heute stehe ich auch zu meiner nichtfeministischen Vergangenheit. Aber ich kanns nicht verkaufen. Ich stehe wie mit einem Bauchladen an der Ecke, und die einen kaufen mir diese Bücher ab und die anderen jene.

Gansberg: Aber schließlich stehst du nun zu allem, und du selbst bist das Ganze.

Reinig: Heute weiß ich, daß ich auch mit der Himmlischen und irdischen Geometrie schon meinen Feminismus vorbereitet habe. Aber nach der Entmannung hätte ich die Geometrie am liebsten weggeschmissen.

Gansberg: Was heißt „weggeschmissen“?

Reinig: Abgelehnt, nicht mehr gewollt, wie der ungnädigste meiner Kritiker. Ich fand meine Vergangenheit falsch.

Gansberg: Ideologisch falsch?

Reinig: Ja, ideologisch falsch. Ich war jetzt eine feministische Kämpferin, und meine Vergangenheit hing mir wie ein Bleigewicht an. Heute denke ich an Schopenhauer. Du mußt keine Feministin sein, um bei dem, was Schopenhauer über die Weiber sagt, zu schlucken und zu schlucken. Und wenn ich das akzeptieren konnte, dann kann ich auch meine Vergangenheit akzeptieren.

Beerlage: Du weißt, daß Sado-Masochismus eine neue Modewelle unter den Lesben ist. Du hast dich sehr intensiv mit Sexualität und Gewalt auseinandergesetzt. Was hast du dazu gelesen? Das hatten wir teilweise schon, aber es würde mich als Ganzes interessieren, und was denkst du über die „neue Mode“?

Reinig: Ich finde, das menschliche Leben ist schon so sado-maso, daß wir uns nicht zusätzlich mit der Gabel piesacken sollten. Sieh doch mal an, was für ein Familienschlachtfeld ein Frühstückstisch oder das Abendbrot ist, und das ist es auch in einer alternativen WG, und das ist es auch in einer Lesbengemeinschaft. Und wenn dann noch propagiert wird, daß die Partner in den Keller hinabsteigen, um es sich mit Hilfe von schwarzem Leder zu geben, dann weiß ich nicht, wo darin der Sinn sein soll. Sie haben doch den ganzen Tag über nichts anderes getan, als sich gegenseitig gepeinigt? Literatur ist aber etwas anderes als Wirklichkeit. Wer Phantasie nicht von Menschenmöglichkeiten unterscheiden kann, gehört sowieso in die Therapie. Ich bin intellektuell ein böser Mensch und mache schwarze Literatur. Aber ich bin auch Frau Nachbarin und Freundin und Helferin. Ich geh’ doch nicht mit Baudelaire und Sartre in die Hausversammlung oder zur Bürgerinitiative. 

Gansberg: Genet hast du gelesen?

Reinig: Den hatte ich bei der Aufzählung der schwulen Männer vergessen. Bei Genet fühlte ich mich, als ob ich über den Zaun guckte, und dachte, den finde ich aber gut, und wie begeistert waren die schwulen Männer und welch ein Stein fiel mir vom Herzen. Ich dachte schon, daß wir Frauen das auch brauchen konnten. Und damals hab’ ich in einer Wohngemeinschaft mit schwulen Männern gelebt, die klauten wie die Raben. Und dann fragte ich, warum tut ihr das? Da sagten sie, wir tun das, weil es Genet so gesagt hat. Klauen kann jeder, aber seinen Freund beklauen, das ist besonders stark. Ach, wie fühlte ich mich wohl, daß ich nicht gleichberechtigt war, denn mich beklauten sie nicht.

Beerlage: Wie reagieren die Frauen auf deinen eisenharten dickschädligen Ehrgeiz?

Reinig: Wie sollen sie darauf reagieren? Ich nehme an, daß eine Frau, die Feministin ist, ja sowieso einen eisenharten dickschädligen Ehrgeiz hat. Wenn eine Frau flaumweich ist und sich verkriecht, dann ist sie auch in der Frauenbewegung flaumweich und verkriecht sich. Der Charakter ist doch da, bevor ich in die Frauenbewegung gehe. Ich ändere mein Leben, aber ich verändere nicht meine Eigenschaften. Woher kommen die Fraktionskämpfe, die wir in der Frauenbewegung haben?

Gansberg: Du meinst Reaktionen bei Lesungen oder Briefe, die du bekommst? 

Reinig: Wenn eine Frau die geschützten Gefilde ihres Weibesschicksals verläßt, dann tut sie das, um zu kämpfen. Und das bekomme ich zu spüren, denn viele Frauen sind doch mit dem, was ich sage, nicht einverstanden. Dann gibt es Frauen, die sagen: Du bist nicht hart genug, wir haben uns von dir etwas Besseres erhofft. Andere sagen: Du bist nicht fraulich genug, du bist zu bissig. Eine andere Frau sagt: Ich bin gekommen, um deine Aggressionen zu vernehmen, und jetzt sitzen wir hier und lachen. Wir wollten doch nicht lustig sein, sondern kämpfen. Ich staune, wenn ich mich festgelegt finde. Aber das ist so. 

Beerlage: Du sagst, daß du nach der Himmlischen und irdischen Geometrie Feministin geworden bist. Ist das eine politische Zuordnung deiner Person? Ordnest du deine Kunst dem Feminismus unter?

Reinig: Ich gebe mir Mühe, meine Kunst dem Feminismus unterzuordnen. Denn Feminismus ist mein politisches Selbstverständnis. Aber meine Literatur guckt allseits unter diesem Deckel hervor. Was hatte ich für Möglichkeiten, in der feministischen Szene zu veröffentlichen? Ich hab’ sie alle genutzt, nutzen können, obwohl die Frauen, die die Zeitschriften und Anthologien herausgegeben haben, politisch oft konträr waren. Aber ich habe auch nicht gedacht: „So, jetzt mache ich was Feministisches.“ Ich schrieb in einer Situation und für die Situation. 

Gansberg: Es wird viel über „weibliche Ästhetik“ und von der Schreibweise der Frauen geredet. Wie denkst du darüber? Verena Stefan hat ja versucht, in Häutungen anders zu schreiben als die Männer.

Reinig: Dieses „anders Schreiben“ war wie ein warmer Regen, der über mich fiel. Daß ich mit meiner alten Gewohnheit brach, „man“ zu sagen. Statt „das tut man nicht!“ das tut frau nicht! Versuch das mal, und schon bekommst du eine Denkaufgabe: Warum tut frau das nicht? Für mich war es sehr wichtig, daß dies durchgesetzt wurde. Allerdings frage ich mich, ob wir es durchhalten können.
Dann habe ich schon in den Anfängen meiner literarischen Arbeit beobachtet, daß ich manche Dinge nicht kann: zum Beispiel Tragödien schreiben. Ich kann die absolute Katastrophe, das absolute „Aus“ nicht, sondern irgendwie geht es weiter. Dann, daß ich Ringkompositionen machte: Ich bekam nicht als Willensäußerung, sondern als Arbeitsergebnis heraus, daß am Schluß der Geschichte dieselbe Situation wieder erschien wie am Anfang. Da haben mir die französischen Philosophinnen viel gegeben, die nachgewiesen haben, daß dies viele Frauen tun. Ich war „weiblich“, ohne es zu ahnen. Aber ich würde es nicht herbeizwingen oder zum System machen. Die Dinge müssen einen Selbstlauf behalten in der Politik und in der Kunst. Das Machbare machen. Im Augenblick trägt es uns nicht mehr durch. Du hast den Eindruck, daß wir alles, was wir unternehmen, wie mit Karren schieben müssen. 

Gansberg: Die Frage ist, und du als Schriftstellerin, die sich weitgehend an männlichen Vorbildern orientiert hat, die im Patriarchat gelebt hat, ohne zu begreifen, was das bedeutet, dann die neue Sprache bekommst? Bloß durch die Tatsache, daß du eine Frau bist, daß du weibliche Erfahrungen gemacht hast, daß du jetzt ein feministisches Bewußtsein hast? Die neue Sprache ist vielleicht noch gar nicht vorhanden.

Reinig: In der Revolution, in der Bewegung geht alles. Aber ich frage mich, ob das Zeitalter im Augenblick noch revolutionär ist. Für das feministische Thema: Wir haben erreicht, was drin war. Jetzt müssen wir verteidigen, was wir erreicht haben. Sprachlich besteht die Aufgabe darin, die schlimmsten Auswüchse der Macho-Ideologie in der Sprache zu bekämpfen. Das ist wichtiger, als nach Neuem zu streben, das wir noch gar nicht kennen.

Gansberg: Eine neue Sprache kann eigentlich nur aus einer neuen Kultur, als Folge einer Kulturrevolution kommen.

Reinig: Und schau dir mal an, wo sind denn die anderen Bewegungen geblieben? Von den Black Panthern nichts als der Afrolook, und den tragen auch die Weißen. Es ist, als ob wir durch eine Bleiwand gehen müßten. Und dann muß ich meine Kräfte einteilen. Es gibt etwas, das nenne ich die gebrochene Faust, und die haben leider häufig die Frauen. Die Halbemanzen mit dem halben Mumm wären besser zu Hause geblieben. Es gibt Frauen, die kämpfen dafür, daß sie nicht mehr mit Frau angeredet werden wollen, sondern mit Dame. Wenn ich als Alibifrau, was ich ja war, in einer Herrenrunde saß, und der Vorsitzende eröffnete das Gespräch mit den Worten: „Verehrte Herren! Verehrte Frau Reinig“, dann fiel mir automatisch ein, daß es zwar Putzfrauen gibt, aber keine Müllherren. Ich konnte davon nicht wegdenken, aber ich sah auch, daß es nichts bringen würde, dagegen anzukämpfen. Stell dir vor, wieviel Zeit und Kraft du brauchst, um den Männern beizubringen, daß sie dir ein falsches Wort sagen. Und angenommen, du hättest hundert Jahre Zeit, die Männer dazu zu bringen, daß sie nicht mehr Frau Reinig sagen, sondern Dame Reinig, was hast du gewonnen? Einen neuen Herrenwitz. Denn die Herren Männer würden schnurgerade sagen: Dämel Reinig oder Dämchen Reinig. „Christachen“ werde ich von männlichen Freunden genannt, auch wenn sie nicht viel größer sind als ich. Immer dieses Heruntermachen. Und du siehst, daß es eine Kraftverschwendung ist, dagegen anzukämpfen. Frauen verlieren viel Kraft und Zeit, um gegen Dinge anzukämpfen, die das Ziel nicht lohnen, das sie sich gesetzt haben. Ich muß meine Möglichkeiten trennen in Strategie und Taktik. Ich kann nicht Strategien ausarbeiten, wo es im Grunde nichts gibt, als eben taktieren zu müssen.

Gansberg: Ich gehe jetzt chronologisch zurück. Du hast in der Frauenbewegung dein Coming out gehabt, dein Bekenntnis zum Lesbischsein. Aber du bist ja nicht erst seit den siebziger Jahren lesbisch. Wie sah das Anfang der fünfziger Jahre in Ostberlin für dich aus?

Reinig: Ich bin aus einem ziemlich verworrenen Geisteszustand erwacht in der Erkenntnis, daß ich lesbisch bin. Das habe ich lange nicht wahrhaben wollen. Und als ich es endlich annehmen konnte, war ich froh. Das war 1951. Ich hatte mich nicht zum ersten Mal in eine Frau verliebt, aber ich habe es mir zum ersten Mal eingestehen können. Das also bist du, du bist lesbisch. Und dann fiel mir ein Stein vom Herzen. Ich fühlte mich auch gar nicht diskriminiert. Damals gab es diese Diskriminierung nicht.
Von einer Klassenkollegin wußte ich, das sie lesbisch war. Ich wußte von Männern, Vorgesetzten, daß sie schwul waren. Es gab ein wenig Gerede. Und plötzlich war ich auch in diesem Kästchen und konnte mir denken, was für ein Gerede es geben würde. Im Grunde ist es ein Spiel. Jeder weiß von jedem, und jeder tut, als wisse er nicht, und die Schwulen tun so, als fühlten sie sich nicht durchschaut, obwohl sie genau wissen, daß jeder von ihnen weiß. Und die Unterwerfungshandlung besteht eben darin, daß der Schwule tut, als wäre er nicht schwul. Das habe ich damals nicht begriffen. Ich war gleich wieder die frechste von allen und schrieb es in einen Lebenslauf für die Arbeiter-und-Bauernfakultät. Ich grübelte, wie quetscht man das aus? Dann schrieb ich, daß ich „homoerotisch“ bin. Da ließ mich der Direktor rufen und befragte mich danach. Er legte mir strengstes Stillschweigen auf. Ich dürfe darüber nicht reden und auch in der Schule nichts anstellen. Denn die ABF war ja auch ein Schulbetrieb. Später habe ich mir daraus, daß ich als Lesbe herumlief, sehr viel Nachteile eingehandelt. Da wäre ich gern Dunkellesbe gewesen. Aber wohin ich kam, grinsten mich die Männer an: Na, wir wissen, was du für eine bist. Denn mein Fragebogen von der ABF ging mir ja immer voraus.

Gansberg: Deine Mitstudenten haben gegrinst?

Reinig: Einer sagte: Ich hab’ deine Personalakte gelesen. Da steht vielleicht was drin! Na, und ich wußte auch gleich über ihn Bescheid, daß es der „Große Bruder“ von der Staatssicherheit war. Ich dachte, ich muß doch blödsinnig sein, daß ich das gemacht habe. Ich hätte mich ohrfeigen können, und plötzlich schämte ich mich zu Tode. Ich hätte mich gern verkrochen. Aber das ging nun nicht mehr. Heraus kannst du kommen, aber nicht mehr hinein.

Gansberg: Und sind dir Fälle von Diskriminierung von Homosexuellen in der DDR bekannt?

Reinig: Nicht einer, nein.

Gansberg: Wie sah es aus mit Frauencafés oder -bars in Ostberlin, im Westberlin der fünfziger Jahre?

Reinig: Zunächst hatte ich eine Dauerbeziehung in Ostberlin. Ich frage mich, warum wir uns jahrelang so gut verstanden haben, obwohl wir doch von Zeit zu Zeit auseinanderrannten? Wir trafen immer wieder aufeinander und machten weiter. Cafés und Bars gab es in Ostberlin nicht. Es gab da so eine Künstlerkneipe. Wir hatten uns auch schon überlegt, hinzugehen, und dann kamen wir auf die Idee, daß wir nicht gut angezogen sind, wir hatten Ostklamotten an, aber die Schickeria in der Künstlerkneipe würde mitsamt ihrem östlichen Parteiabzeichen westlich angezogen sein. Wir wollten uns nicht blamieren und gingen in die Stalinallee in eine Familieneisdiele. Das war alles, was für uns drin war. Das war Ostberlin. In Westberlin gab es in den Nebenstraßen zum Ku-Damm große Anzeigentafeln mit Deckadressen. Manchmal ließ ich einen Brief los. Da bin ich in Situationen geraten, die waren mehr als lächerlich. Auf Anzeigen geb’ ich auch heute noch nichts. Dann meine Mutter, die hatte ihre Vorurteile. Mit Frauen durfte ich, aber ich durfte keine Hosen tragen. Immer schön im Röckchen. Tonpfeife durfte ich rauchen, das war damals künstlerinnenüblich, aber Zigarre durfte ich nicht rauchen. Haare durfte ich kurz tragen, aber ich durfte keine Baskenmütze aufsetzen. Was hatten wir zu Hause für einen Streit um Dinge, die sich nicht sagen ließen. Heute wissen wir, daß ich doch anstrebte, eine Signalwirkung auszustrahlen. Und genau in diese Signale bediente meine Mutter hinein. Außerdem hätte sie gern ein Enkelchen gehabt. Aber dann war sie doch froh, daß ich mit dem ganzen Männerkrampf, den sie hinter sich bringen mußte, nichts zu tun hatte. Sie gönnte mir mein besseres Leben, aber es durfte nicht gegen die kleinbürgerliche Wohlanständigkeit verstoßen.

Gansberg: Sie war froh, daß du dann keine Männerbeziehung gehabt hast?

Reinig: Aber schnurgerade war sie froh. Sie war eine ehrliche Frau. Sie machte sich und anderen nichts vor, auch wenn sie die Contenance gewahrt wissen wollte.

Gansberg: Wie stands mit Arbeitskollegen und -kolleginnen?

Reinig: Die Situation wurde immer mieser. Ich merkte an mir selbst, wie die Luft für uns immer eisenhaltiger wurde. Und ich mit dieser verfluchten Personalakte. Es war nicht mehr lustig. Oft stand ich zwischen den Kollegen und merkte, wie ich bis zu den Fußsohlen errötete, und sie merkten es auch. Ich war völlig eingeschüchtert, und das hab’ ich in den Westen mit rübergebracht. 

Gansberg: Und bei Schriftstellerkollegen?

Reinig: Überhaupt kein Problem. 

Gansberg: Heißt eine lesbische Sexualität haben, auch eine lesbische Identität haben? Anders gefragt, war das Lesbischsein voll in deine Persönlichkeit integriert, so daß du es auch nach außen vertreten konntest? Du hast das Wort „Dunkellesbe“ verwendet.

Reinig: Nein, ich habe keine lesbische Identität gehabt, ich hatte eine lesbische Sexualität, ich war froh, daß es dieses Kästchen für mich gab. Ich fand mich gut, habe mein Leben genossen, aber mein Lesbischsein als Identität meiner Person darzustellen, davor bin ich zurückgeschreckt. Es gibt die Plötzlichkeiten mit dem großen Mumm. Ich fülle diesen Fragebogen aus und schreibe meinen Lebenslauf. Später begriff ich, daß ich blöd gewesen bin, daß ich mehr getan habe, als ich selbst verkraften konnte. Eine lesbische Identität habe ich erst in der Frauenbewegung bekommen. Obwohl ich auch in der Frauenbewegung anfangs eine Dunkellesbe war. Du mußt wissen, daß es Versammlungen gab, wo die Heterofrauen auf der einen und die Lesbengruppe auf der anderen Seite saßen. Und ich saß zwischen den Heterofrauen.

Gansberg: Du saßest auf der Heteroseite?

Reinig: Ich hatte damals nicht den Mut.

Gansberg: Sicher hängt damit zusammen, daß es in deinem Werk bis 1979 ausgespart worden ist.

Reinig: Das ist klar. Ich habe allerdings in den fünfziger Jahren versucht, lesbische Gedichte zu machen. Aber sie sind mir mißlungen. Ein schwuler Freund, der einzige, dem ich meine Versuche zeigte, hat mich gewarnt, auf diesem Weg weiterzumachen. 

Gansberg: Du hast eine Reihe von Texten geschrieben, aber sie nicht publiziert?

Reinig: Ich bin dem Rat gefolgt und habe sie vernichtet. Es ging nicht allein darum, daß sie schlecht waren. Es ging um das Thema. Es war nicht die Zeit für diese Dinge.

Gansberg: Gibt es Camouflagetexte, in denen du Dinge schilderst, die eigentlich normal aussehen, aber lesbische oder homosexuelle Zusammenhänge dahinterstecken?

Reinig: Das ist der Text „Drei Schiffe“. Das ist die Darstellung von Unterwelt als Oberwelt. Was die Frauen heute ihre Beziehungskisten nennen, das hatte ich damals auf dem Hals und gleich dreifach. Ich hatte drei Beziehungen. Ein ganz modernes Problem: Die Mehrfachbeziehung. Ich habs nicht verkraftet. Ich bin daran fast kaputtgegangen. Und dieses Kaputtgehen wollte ich darstellen. Ursprüngliche Entwürfe gab es, in denen ich versuchte, die Beziehungen zu drei Frauen darzustellen. Es gab einfach nicht die Formeln dazu. Und eines Tages, oder eines Abends, kam ich von der Uni nach Hause. Sah nicht rechts, nicht links, nahm ein beliebiges Papier, drehte es auf die unbedruckte Rückseite und schrieb die Geschichte von den „Drei Schiffen“ in einem Zug. Es war ausnahmsweise nicht schizophren, sondern trizophren. 

Gansberg: Du hast gesagt, daß du deine Identität in der Frauenbewegung bekommen hast?

Reinig: Ja.

Gansberg: Es gab in München am 8. und 9. Mai 1976 ein Treffen schreibender Frauen, du hast später im Frauenoffensive-Journal darüber berichtet. Welche Bedeutung hatte dieses Treffen für dich?

Reinig: Ich suchte eine Möglichkeit, in die Frauenbewegung einzusteigen. Wo aber würde mein Platz sein? Das mußte ich überlegen. Und ich fand heraus, dieses Treffen war die Möglichkeit, in der Frauenbewegung präsent zu sein. Feministin war ich schon seit 1974. Aber ich wars für mich allein. Niemand wußte davon auch nicht die Feministinnen. Wenn irgend etwas los war, war ich schon dabei. Aber niemand kannte mich, die Frauen, neben denen ich saß, wußten nichts von mir und ich nichts von ihnen. Ich war anonym. Das wollte ich ändern. Seltsames Zusammentreffen: In unsere Diskussionen hinein verbreitete sich die Nachricht von Ulrike Meinhoffs Tod.

Gansberg: Durch die Frauenbewegung ist ein Solidarisierungsprozeß eingetreten. Du bekommst die Stärkung durch ein Kollektiv. In „Müßiggang“ und in anderen Texten sprichst du von der bestehenden Diskriminierung lesbischer Lebensgemeinschaften. Lesbische Beziehungen sind innerhalb der heterosexuellen bürgerlichen Gesellschaft weiterhin diskriminiert. Wie gehst du damit um?

Reinig: Gar nicht. Es geht mich nichts mehr an. Die sollen mit mir fertigwerden, nicht ich mit ihnen. Hinzu kommt, daß wir beide, meine Frau und ich, weder jung noch schön sind. Die Männer würden uns nicht als Nutzvieh beanspruchen, und die „Mannsfrauen“ würden nicht daraufaus gehen, uns den Männern zum Fraß vorzuwerfen. Wir haben keine Mütter, die uns mißbilligend erzählen, daß eine Frau dazu da ist, den Männern die Beine breit zu machen. All die Probleme, die junge Lesben haben, haben wir nicht. Man läßt uns in Ruhe. Es ist das Spiel, von dem ich erzählt habe. Die Leute wissen es und lassen es auf sich beruhen. Insgesamt sehe ich aber nicht, daß die Diskriminierung abnimmt, ganz im Gegenteil, ich sehe, daß sie zunimmt. Die Junglesben heute müssen einen schwereren Kampf bestehen als ich seinerzeit auf der Uni.

Gansberg: Du sagst in „Lyrik als Arbeit“: Mein Körper ist mein Instrument, so wie bei einem Tänzer, nur glücklicher, da Alter und Krankheit und Unfall meinen Beruf nicht wesentlich beeinträchtigen können. Was heißt das genau?

Reinig: Das heißt nicht im Sinne einer bürgerlichen Arbeitsfähigkeit, sondern in der Eigentümlichkeit, daß im Denken, in der Sprache eines Menschen sich seine Körperlichkeit und sein Charakter äußern kann ohne Rücksicht auf den Verfall des Fleisches.

Gansberg: Der Kampf, der literarische Kampf, der politische Kampf gegen das Patriarchat ist bei dir, wie es nicht anders sein kann, radikal und kommt gewöhnlich in der Form der Satire daher. Es ist vor allem der Kampf gegen den Mann in seiner schrecklichsten Gestalt, der Mann als Schläger, Vergewaltiger und Mörder. Der „Mörder-Mann“. Warum hast du dich gerade auf diese Doppelfigur des Mannes einerseits als Bedroher, andererseits als Beschützer, aber vor allem als Bedroher eingestellt?

Reinig: Aus einer gewissen Bequemlichkeit. Es ist die Breitseite der Männermacht. Ich will ja dahin treffen, wo ich am sichersten treffen kann und mein Ziel nicht verfehle. Der Nachteil ist, daß dann viele Frauen mir Geschichten erzählen von ihren Vätern, Brüdern, Gatten, Söhnen, die ja alle nicht so sind. Das ist aber literarisch unergiebig. In der Literatur mußt du immer aufs Schlimmste gehen. Je härter desto besser. Je riesiger das Problem desto größer die Kraft. Es gibt die zynischen Mütter und die ironischen Gattinnen, die würden es feiner machen. Ich bin da eben etwas grob gerastert.

Gansberg: Ich glaube, dich interessiert die subtile Unterdrückung nicht so sehr.

Reinig: Wo habe ich selbst die subtile Unterdrückung kennengelernt? Ich stamme aus einer Familie von starken Frauen mit einigen wenigen männlichen Randerscheinungen. Ich habe in Berufen, auf Arbeitsstellen gearbeitet, wo Frauen bei Frauen saßen und die Männer als Poliere, Chefs und Meister eben mal durchgingen. Ja, die subtile Unterdrückung habe ich von meinen Mitfrauen bekommen und an meinen Mitfrauen ausgeübt. Wir haben die Jahre der äußeren Befreiung, 1944, 45, 46, 47 im einzelnen durchgesprochen, und da ist mir entfallen, was jetzt im Nachhinein kommt. Von April 1945 bis Juni 1945, genau in der Zeit, als du nicht noch umkommen, nicht noch kurz vor der Rettung als Leiche im Straßengraben liegen wolltest, genau da ist für mich der Glücksfall einer idealen Frauengemeinschaft eingetreten. Eine Frau, die sich fürchtete, in. ihrer großen Wohnung allein zu sein, lud vorübergehende Frauen ein, in ihrer Wohnung Quartier zu nehmen. Da versammelten sich in diesem Quartier, wo wir auf dem Boden unsere Decken ausbreiteten, laß mich zählen, sieben Frauen, die wie Pech und Schwefel zusammenhielten. Wenn ich an diese Zeit denke, dann wird es in mir hell. Nicht allein aus der Sonne, die damals durch alle offenstehenden Fenster und Türen schien und uns ein unentwegt schönes Frühlingswetter bereitete, sondern aus dem guten Gefühl, das ich bei den Erinnerungsbildern bekomme. Ich dachte manches Mal, warum schreibst du nicht einfach, was damals in diesem zusammengewürfelten Kollektiv alles lief und gut und richtig lief. Aber ich habs bisher nicht gekonnt.

(…)

aus: Erkennen, was die Rettung ist. Christa Reinig im Gespräch mit Marie-Luise Gansberg und Mechthild Beerlage, Verlag Frauenoffensive, 1986

 

 

EINIGE NULLGEDICHTE
Christa zum Fünfzigsten

Da kommt die große Null heran
und macht sich rund, so rund sie kann
und während sie begeistert schreit:
„Ich bin die Größte weit und breit“,
springt sie in tausend Stücke.
Der Nachwelt bleibt nur eine Lücke.

Was nur die Nullen damit bezwecken,
daß sie sich stets hinter Zahlen verstecken?
Sie wollen für voll genommen werden
Erst dann sind sie ohne Beschwerden.

Früh krümmt sich ein Strich
will er Null werden zukunftlich.

Herbert Heckmann

 

BLICKFELD
für Christa Reinig

Zwischen Anpassung und Widerstand
der Begriff des Interesses –
du bist tatsächlich auf der Welt,
wenn aus lauter Freundschaft
Licht durch Bäume kommt.
Du demonstrierst für schönes Wetter,
findest es gut, frei zu haben
für Körperübungen und allerhand
Kleinigkeiten, die dir gefallen.
Ohne Zögern wirst du mit dem fertig,
was einige Wirklichkeit nennen,
während des nicht nennenswerten Versuchs,
durchzuatmen und nichts weiter
zu sagen als was ins Blickfeld passt.

Karl Krolow

 

Dieter Hülsmanns: Eine zugereiste Dichterin
DU, Heft 11, November 1968

Lothar Köhn: Zeit der Weiblichkeit?
Lothar Jordan, Axel Marquard, Winfried Woesler (Hrsg.): Lyrik – Erlebnis und Kritik, 1988

Anne Hahn: Mein kleiner Buchladen: „Vergessene Bücher“ – Die Frau im Brunnen
piqd.de, 22.11.2017

Zum 70. Geburtstag der Autorin:

Elisabeth Endres: Papier ist ungeduldig
Süddeutsche Zeitung, 6.8.1996

Irene Ferchl: Dreimal raten
Stuttgarter Zeitung, 6.8.1996

Wulf Segebrecht: Für die Stromer und wüsten Matrosen
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6.8.1996

Wolfgang Platzeck: Entmannung
Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 7.8.1996

Zum 75. Geburtstag der Autorin:

Wolfgang Platzeck: Gegen das positive Denken
Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 4.8.2001

Helmut Böttiger: Sachlich in die Zukunft
Der Tagesspiegel, Berlin, 6.8.2001

Peter Mohr: Der Mut zu Ausbrüchen, Aufbrüchen und Abbrüchen
General-Anzeiger, Bonn, 6.8.2001

Zum 80. Geburtstag der Autorin:

Ulla Hahn: „Wenn mir beim Schreiben die Luft wegbleibt…“
die horen, Heft 224, 4. Quartal 2006

Peter Mohr: Papier ist ungeduldig
titelmagazin.com, 6.8.2006

Ijoma Mangold: Wucht und Weisheit
Süddeutsche Zeitung, 5./6.8.2006

 

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