Alexander Block: Ausgewählte Werke – Band 1

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Alexander Block: Ausgewählte Werke – Band 1

Block-Ausgewählte Werke

DIE ZWÖLF

1
Schwarzer Abend.
Weißer Schnee.
Wind! Wind!
Seht doch, wie er Menschen fällt!
Wind, Wind
Überall auf Gottes Welt.

Wirbelwehn
Weißen Schnees.
Glatteis unterm Weiß.
Erbarmen! –
Alle, die da gehn,
Gleiten aus, die Armen.

Zwischen zwei Häusern ein Draht,
An dem Draht ein Plakat:
Alle Macht dem Verfassungsrat!

Das Mütterchen kann und kann nicht begreifen,
Warum so viel Stoff,
Solch ein mächtiger Streifen
Über der Straße hängt.
Sie schüttelt den Kopf und denkt:
„Viele Fußlappen wärens für unsere Kleinen,
Die vor Kälte weinen…“

Wie ein Huhn trippelt sie
Den Schneedamm hinab.
„Muttergottes, diese Bolschewiki
Bringen uns noch ins Grab!“

Der Wind peitscht den Frost
Vor sich hin.
Der Bürger dort drüben versteckt erbost
In dem Kragen Nase und Kinn.

Und wer ist denn der da? Mähneschüttelnd steht er
Und murmelt:
„Verräter,
Ihr habt Rußland zugrunde gerichtet…“
Sicher einer, der Reden schwingt – oder dichtet.

Und jener in der Kutte,
Um Schneewehn schleichend, schlaff –
Wie ist dir heut zumute,
Genosse Pfaff?

Sag, denkst du noch daran,
Wie fett du warst? Und auch
Ans Kreuz, das jedermann
Sah schmücken deinen Bauch?

Und die da, karakulkraus,
Sagt zu der da leis:
„Damals weinte das ganze Haus!“
Und – bauz! –
Fällt aufs Eis.

Ach, och,
Helft ihr doch!

Wie lustig, wie dreist
Ist der Wind,
Der an Röcken reißt
Und Passanten mäht
Und das Riesenplakat
Alle Macht dem Verfassungsrat!
Bald knittert, bald bläht
Und ins Ohr Redefetzen weht:

„Auch bei uns gabs genau
So ’nen Rat, dort im Bau:
Erst Diskussion,
Dann Resolution –
Die Nacht fünfundzwanzig, die Stunde zehn.
Wie wärs nun mit Schlafengehn?“

Spät ist die Stunde,
Die Straße leer.
Ein Vagabund
Schleicht krumm umher.
Der pfeifende Wind geht rund.

Komm doch ran,
Armer Hund,
Küssen wir uns zum Gruß…

Hast du Brot?
Ahnst du, was kommt?
Geh weiter, schon gut.

Himmel, schwarz wie Ruß.
In der Brust aber loht
Eine traurige Wut,
Eine schwarze, heilige Wut.
Genosse,
Sei auf der Hut!

2
Es kreist der Wind, Schneeflocken tanzen.
Zwölf, die marschieren im Gemäuer.

Gewehre, schwarze Riemen, Ranzen.
Und ringsum Feuer, Feuer, Feuer.

Aus dem Munde qualmt es, zerknittert die Mützen.
Ein Karo-As auf den Rücken den Schützen!

Freiheit, Freiheit.
Ach, ach, sieh da:
Ohne Kreuz!
Tra-ta-ta, tra-ta-ta.

Hundekalt, Genossen…

„Katjka, mit der Wanjka in der Kneipe sumpft,
Hat Kerenski-Scheine sich eingestrumpft!“

„Und Wanjka, der selbst nun viel Rubel hat,
War mal unsereiner und ist jetzt Soldat!“

„Los, Wanjka, Bürger, reicher Hund,
Küß mal die Meine auf den Mund!“

Katjka macht dem Wanjka Spaß,
Wanjka nimmt an Katjka Maß,
Haben nun
Viel zu tun –
Aber was?…

Freiheit, Freiheit.
Ach, ach, sieh da:
Ohne Kreuz – tra-ta-ta, tra-ta-ta.

Ringsum Feuer, Feuer, Feuer.
Riemen, Ranzen, Stadtgemäuer…

Revolutionäre, marschiert vereint!
Es schläft nicht der rastlose Feind!

Faß das Gewehr, sei kein Hasenfuß!
Genosse, schieß auf die heilige Rusj,

Auf die reckengleiche,
Auf die hüttenreiche,
Auf die kugelhintrige!

Ach, ach, ohne Kreuz!

3
Unsre Jungen traten
In die Rote Garde ein,
Wolln als Rotgardisten ihren
Tollen Kopf verlieren.

Ach, du Not, wie lebt man jetzt?
Alles geht verquer.
Mantel überall zerfetzt.
Österreichisches Gewehr.

Den Burshius zum Unglück wollen
Einen Weltbrand wir entrollen,
Einen Brand im blutigen Meer –
Gib uns deinen Segen, Herr!

4
Schnee und Schnee. Es schreit der Kutscher
Katjka schmecken Wanjkas Knutscher.
Ein elektrisches Laternchen
An der Schlittendeichsel dran –
Ach, ach, sieh mal an!

Wanjka, im Soldatendreß,
Lächelt dämlich, zwirbelt keß
Seinen schwarzen Schnurrbart,
Dreht am Schnurrbart ohne Ruh
Und reißt Witze immerzu.

Seht den Wanjka, den Athleten!
Hört den Wanjka zärtlich flöten!
Der umhalst die Närrin Katjka,
Der ist ihr der Richtige.
Katjka kippt zurück, wird heiß,
Zähne blitzen perlenweiß.
Ach, du Katjka, meine Katjka,
Meine rundgesichtige…

5
Hast an deinem Halse, Katjka,
Eine Spur vom Messerstich.
Unter deinen Brüsten Katjka,
Brennt ein frischer roter Strich.

Ach, ach, tanze, lach!
Beine hast du – eine Pracht!

Trugst mal teure Spitzenwäsche,
Wie ’ne Dame von Geburt,
Hast am liebsten mit den feschen
Offizieren rumgehurt.

Ach, ach, laß nicht nach!
(Herz, nicht rasen – immer sacht!)

Denkst du, Katjka, noch an jenen
Offizier, den man erstach?
Schon vergessen, du Hyäne?
Bist wohl von Gedächtnis schwach?

Ach, ach, mach es wach!
Bleib bei mir von acht bis acht!

Liefst in grauen Wollgamaschen,
Fraßest Mignon-Schokolade –
Junker hatten offne Taschen.
Und nun schläfst du mit Soldaten?

Ach, ach, sündge, mach
Keine Sorgen uns heut nacht!

6
Und wieder rast der Schlitten wild
Den Zwölf entgegen. Der Kutscher brüllt.

Halt, halt, Andrjucha! Hilf, spring ran!
Petrucha, halt sie hinten an!

Trach – tararach – tach – tach – tach – tach!
Der Schnee stiebt auf zum Himmelsdach.

Fort ist der Schlitten mit dem Mann.
Nur einen Schuß noch! Spann den Hahn!

Der Kerl soll wissen, wie es ist,
Wenn man ein fremdes Mädchen küßt.

Weg ist der Schuft. Na warte, Mann,
Dann kommst du eben morgen ran.

Wo steckt die Katjka? Tot! Ein Mord!
Der Schuß hat ihr den Kopf durchbohrt.

Du sagst nichts, Katjka? Machts dir Spaß?
Ist gut, bleib liegen, faules Aas.

Revolutionäre, marschiert vereint!
Es schläft nicht der rastlose Feind.

7
Zwölf Gardisten schreiten weiter
Mit geschultertem Gewehr.
Das Gesicht des armen Mörders
Bleich und blaß, die Augen leer.

Petjkas Schritt wird immer schneller,
Petjka denkt an Katjka stur,
Zieht in einer Tour am Halstuch,
Zieht am Tuch in einer Tour.

„Was ist los, Petrucha? Bist doch
Sonst kein Kind der Traurigkeit?
Halt die Nase hoch, Petrucha,
Oder tut dir Katjka leid?“

„Hab mich Katjka glatt verschrieben,
War noch nie so liebeskrank.
Kurzweil haben wir getrieben
Schwarze, trunkne Nächte lang.

Feuerblick – zum Kopfverdrehen,
Ein verwegnes Augenpaar,
Eine Schulter, wo ein rundes
Rotes Mal zu sehen war!
Darum bracht ich Tunichtgut
Katjka um in blinder Wut.“

„Schluß mit deinem Leierkasten,
Faselst wie ein Weib drauflos.
Mußt du schon dein Herz entlasten,
Tus, doch merk dir eines bloß:
Sei mal stolz, red keinen Schund,
Kontrolliere deinen Mund!

Uns mit dir herumzuplagen,
Fehlt uns heute Lust und Zeit,
Haben Schwereres zu tragen.
Hörst du? Weißt du nun Bescheid?“

Ruhiger, mit hellrem Blick
Stampft Petrucha durch die Nacht…
Plötzlich kratzt er sein Genick,
Wirft den Kopf zurück und lacht.

Ach, ach,
Ist es Sünde, wenn ich lach?

Schließt die Fenster, sperrt die Türen,
Heut wird überall geklaut!
Hütet eure Keller, schaut:
Heute geht die Not spazieren.

8
Ach du böses Pech,
Ach du tödliche
Langeweile!
Doch ich werd mir die Zeit
Schon vertreiben, vertreiben,
Aus den Augen die Schläfrigkeit
Reiben, reiben,
Sonnenblumensamen
Knacken, knacken,
Mit dem Messer
Hacken, hacken,

Schwirr, Burshui, wie ein Sperling fort,
Sonst begeh ich einen Mord
Für die Dunkelbrauige,
Für die Funkeläugige…

Herr, gib ewige Ruhe der Seel deiner Magd…
Wie langweilig!

9
Kein Straßenlärm ist mehr zu hören,
Am Newski-Turm kehrt Ruhe ein.
Kein Schutzmann wird euch Jungens stören,
Geht aus, doch ohne Schnaps und Wein.

Ein Bürger. Tief im Kragen stecken
Das Kinn, die Nase und der Mund.
Und dort ein Hund. Das Fell voll Zecken.
Ein herrenloser Hungerhund.

So steht der Bürger, hundemüde,
Stumm wie die Frage, die er stellt.
Mit schlaffem Schwanz, ein räudiger Rüde,
Steht hinter ihm die alte Welt.

10
Winde gehen, Winde wehen,
Schneesturm fegt – o weh!
Auf vier Schritt kein Mensch zu sehen.
Nichts als Schnee.

Trichtersteiles Schneegewimmel,
Säulen steigen auf zum Himmel.

„Gott der Herr, ist das ein Wetter!
Petjka, lüg doch nicht so wild,
Sag, wieso ist es dein Retter,
Gottes goldnes Bild?
Dir geht ab der Klassengeist,
Weil du immer noch nicht weißt:
Wegen Katjkas Liebesglut
Klebt an deinen Händen Blut.

Marschier mit uns im Gleichschritt, Freund!
Nah ist dein rastloser Feind!“

Vorwärts, vorwärts! Angetreten,
Ihr Proleten!

11
Kein Name ist ihnen heilig.
Sie sind zu allem bereit.
Zwölf Männer marschieren eilig.
Die Zwölf ohne Mitleid und Leid.

Ihre zwölf Gewehre zielen
Auf den unsichtbaren Feind.
Seht, wie sie nach Gassen schielen,
Wo das Schneegestöber greint,
Wo die weichen Schneewehn blinken,
Wo die Stiefel tief versinken.

Den Blick entfacht
Die rote Fahne,
Der Marschschritt kracht
Auf ihren Bahnen.

Der Feind erwacht
In bösem Ahnen.
Und des Schneesturms Flockenjagd
Stäubt ins Auge
Tag und Nacht.

Vorwärts, vorwärts! Angetreten,
Ihr Proleten!

12
Und sie schreiten schwer, gemessen.
„Wer ist dort? Halt! Komm heraus!“
Nur der Wind, der wie besessen
Ihre rote Fahne zaust.

Vorn: nur eisigkalte Wehen.
„Wer da hockt, laß sich mal sehen!“

Bettelhund, vor Hunger schwach,
Trottet hintennach.

„Scher dich fort, du Hunderäude,
Weg vom Bajonett, es sticht!“
„Alte Welt, Hund ohne Freude,
Ab mit dir, ich spaße nicht!“

Hungerwolf fletscht seine Zähne,
Kneift den Schwanz ein, geht nicht fort.
Ein Verlorner, Halberfrorner.
„He, gib Antwort! Wer ist dort?“

Übersetzt von Alfred Edgar Thoss

 

 

 

Alexander Block in unseren Tagen

Ja, als ich die erhabene Flamme der Liebe in mir trug, die aus den immer gleichen einfachen Elementen geschaffen war, aber einen neuen Inhalt, neuen Sinn erhalten hatte, weil die Träger dieser Liebe Ljubow Dmitrijewna und ich waren – „ungewöhnliche Menschen“; als ich jene Liebe in mir trug, von der man auch nach meinem Tode in meinen Büchern noch lesen wird, – liebte ich es, im armseligen Dorf elegant zu reiten auf einem schönen Pferd; liebte ich es, einen armen Bauern nach dem Weg zu fragen, welchen ich ohnedies wußte, um „vornehm zu tun“, oder ein hübsches Weiblein, daß wir einander flüchtig anblitzten mit den weißen Zähnen, daß es zuckte in der Brust ohne einen Grund, von nichts, außer etwa der Jugend, dem feuchten Nebel, ihrem sonnverbrannten Blick, meiner gestrafften Taille, – und das störte diese erhabene Liebe nicht im mindesten (war es so? Und wenn die späteren Abstürze und Wurmstiche von dort herrührten?), im Gegenteil – fachte die Jugend an, die pure Jugend, und mit der Jugend in eins loderte jene erhabene „andere“ Flamme auf…
Tagebuch 6. Januar 1919

I
Die europäische Unruhe der Jahrhundertwende gewann in Rußland ihre einzigartige Radikalität durch die Verlagerung des revolutionären Weltzentrums und die Vorboten der Revolution von 1905 bis 1907 und führte in allen Künsten zu neuen Entdeckungen. Der Realismus, den Maxim Gorki, Iwan Bunin und Leonid Andrejew schrieben, begann schon in den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts die russische und die Weltliteratur unübersehbar zu beeinflussen. Zur gleichen Zeit traten Schriftsteller auf, die angesichts der veränderten Weltsituation diese Erneuerung des Realismus mit Skepsis beobachteten und andere Wege suchten – die russischen Symbolisten.
Der russische Symbolismus war eine Kunst der Synthesen. Die Veränderung, die er in der russischen Kultur bewirkte, ist auf die eigentliche kunstgeschichtliche Phase von 1895 bis 1910 nicht zu beschränken. Andrej Belys „Petersburg“ und Fjodor Sologubs „Der kleine Dämon“ oder Alexej Remisows ornamentale Geschichten in der Prosa, Alexander Block und Inokenti Annenski in der Lyrik, Wsewolod Meyerhold und Vera Kommissarshewskaja auf dem Theater, das russische Ballett, Michail Wrubel in der Malerei und Alexander Skrjabin in der Musik – sie alle verursachten Umwälzungen, ohne die die sowjetische Kunst undenkbar wäre und deren Tragweite bis heute erkundet wird.
Weit besser als diese Kunst der Synthesen kennen wir die Kunst der Analysen, jene 1910 einsetzende mächtige Leidenschaft des Zerlegens und Zerfällens, die selbst noch die ästhetischen Verfahren und Materialien zum Gegenstand ihres Entzückens machte. Die Unvermeidlichkeit dieses Sturms der Analyse, den die Visionäre der Zergliederung entfesselten – Welemir Chlebnikow, Wladimir Majakowski, Sergej Eisenstein, Sergej Tretjakow, Juri Tynjanow und Juri Olescha: jeder auf seine Art –, begreift man aber nicht, wenn man die Welt-Synthesen nicht kennt, die ihm vorausgingen. Die Analysen reagierten nämlich kraft neuer revolutionärer Erfahrungen und Funktionsideale kritisch auf die Welteinheit in den Synthesen der Symbolisten, und es ist kein Wunder, daß sich bei Block nach 1910 ein deutlicher Wandel im Synthese-Begriff vollzieht.
Die Anstrengungen der russischen Symbolisten richteten sich vor allem gegen ein simples Nacherzählen der Welt, das sich mit der Ausbreitung von echtem Milieu, von tatsächlichen Zuständen und Vorkommnissen begnügte. Diese Sicht entsprach freilich in keiner Weise der tatsächlichen Leistung der neuen Realisten, die den revolutionären Umbruch nicht nur sozialkritisch sichteten, sondern sozialpädagogisch förderten.
Die Symbolisten suchten nach einer Authentizität kosmischer Art: Der Text sollte im Zusammenstoß der Andeutungen, Analogien und Suggestionen den kosmischen Zusammenhang aller Erlebnisse des modernen Menschen herstellen. Ob aber das gewonnene Symbol des Zusammenhangs allein die Vorstellung des einzelnen Bewußtseins sei oder vielmehr Wiedergabe eines Objektiven, darüber ist es im Laufe der fünfzehn Jahre mehrfach zum Streit gekommen, denn von dieser Entscheidung hing sowohl die Kunstauffassung wie der Begriff der Welt-Synthese ab. Als die Dichter 1910 den Zustand des Symbolismus besprachen, prallten die beiden Auffassungen noch einmal scharf aufeinander. Valeri Brjussow verteidigte den Symbolismus als pure Kunst gegen Wjatscheslaw Iwanow und Alexander Block, die mit dem Symbolismus über die Kunst hinaus strebten – „andere Welten schauten“.
Es konnte so aussehen, als vertrete Brjussow hier die Autonomie der Kunst, während seine Gegner, wie er argwöhnte, sie der Religion unterwerfen wollten. Tatsächlich hat gerade Brjussow als Dichter, als Übersetzer, Redakteur und Organisator des Symbolismus für die Emanzipation der Kunst und die Aufnahme der zeitgenössischen westeuropäischen Künste, besonders des französischen Symbolismus, so viel getan, daß ihn Nikolai Gumiljow schon 1910 den Peter den Großen der russischen Kultur nennen durfte. Aber eigentlich ist es doch nicht darum gegangen. Das entscheidende Problem des Streits war das Verhältnis von Kunst und Dichterleben. War die Welt-Synthese Kunst oder Leben? Block 1910:

Ich stehe vor der Schöpfung meiner Kunst und weiß nicht, was ich tun soll. Anders gesagt: was ich mit diesen Welten tun soll, was ich auch mit dem eigenen Leben tun soll, das von nun an Kunst geworden ist, denn seine Schöpfung lebt neben mir – nicht lebendig, nicht tot, eine blaue Vision. Klar sehe ich das „Wetterleuchten zwischen den Brauen der Wolken“ des Bacchus („Eros“ von Wjatscheslaw Iwanow), klar unterscheide ich die Perlmutter der Flügel (Wrubel – „Der Dämon“, „Die Schwanenprinzessin“) oder höre das Rascheln der Seide („Die Unbekannte“). Doch all das ist Vision.
Bei dieser Lage der Dinge erheben sich die Fragen nach dem Fluch der Kunst, nach der „Rückkehr zum Leben“, nach dem „gesellschaftlichen Dienen“, nach der Kirche, nach „Volk und Intelligenz“. Das ist eine ganz und gar natürliche Erscheinung, die freilich dem Symbolismus innewohnt, denn es ist die Suche nach dem verlorenen goldenen Schwert, das das Chaos aufs neue durchbohrt, die tosenden violetten Welten ordnet und besänftigt.
Der Wert dieses Suchens liegt darin, daß es die Objektivität und Realität „jener Welten“ augenfällig macht; hier bestätigt sich, daß all die Welten, die wir besuchten, und all die Geschehnisse, die sich darin abspielten, keineswegs „unsere Vorstellungen“ sind, das heißt, daß die „These“ und die „Antithese“ bei weitem nicht nur von persönlicher Bedeutung sind.

Alexander Blocks Welt-Synthesen gehören hier sicher zu den bemerkenswertesten und gefährdetsten: Sie sind ausschließlich das Werk eines Lyrikers. Während alle anderen Symbolisten immer wieder gelehrte Texte schrieben (manchmal beachtlichen Umfangs wie Brjussows Puschkin-Studien, Iwanows Dionysos-Abhandlung, Belys Gogol-Monographie oder Mereshkowskis Tolstoi- und Dostojewski-Darstellungen), blieb Block Lyriker, was er auch unternahm. Seine Dramen, seine Prosa, seine Briefe, selbst seine Darstellung über die letzten Tage des Zarenreichs sind die eines Lyrikers, und der Versuch, ein erzählendes Poem mit Milieu und Fabel zu schreiben, blieb ein Fragment. In seiner Prosa „Kunst und Zeitung“ ist nachzulesen, wie er vom Dichter fordert, in der Sprache der Poesie auch für die Zeitung zu schreiben. Und Wjatscheslaw Iwanow meinte diese Leistung des Lyrikers, als er im Januar 1921 von Block sagte:

Im Umgang ist seine Rede so einfach, scheinbar bringt er keine zwei Worte zusammen, aber in seinen Gedichten weiß er intuitiv Sachen von dir, so intime Erlebnisse, die kein anderer weiß.

Die Skepsis, die tiefe Abneigung, die Block in immer neuen Anfällen gegen das Lyrische hegte, zeigt, wie bewußt er sich der Gefahren war. Daß Block bis zum Schluß so großen Wert auf die Zyklisierung seines gesamten Werks, von kleinen Einheiten bis zur Trilogie, legte und viele Male Großformen ins Auge faßte, wie „Der Nachtigallengarten“, „Vergeltung“ oder „Rose und Kreuz“, hängt mit der Suche nach bändigenden Strukturen für Taumel und Gewalt des Lyrischen zusammen. Aber diese vollkommene Übertragung der Menschheitskultur in die Sprache des Gedichts verlieh Blocks Poesie die einzigartige Bezauberung. Man könne von Block sagen, schrieb Ossip Mandelstam 1922, er sei der Dichter der „Unbekannten“ und der russischen Kultur. Nicht daß die „Unbekannte“ und die „Schöne Dame“ Symbole der russischen Kultur seien, „aber das gleiche Verlangen nach Kult, das heißt nach einer zweckvollen Entladung poetischer Energie, leitete sein Schaffen im Thematischen und genoß ihren höchsten Augenblick im Dienst an der russischen Kultur und der Revolutions. Block hielt die Last seiner Welt-Synthesen „im Schweben von Bagatellen“, wie es im Juni 1909 in einem seiner italienischen Gedichte steht:

Die Kunst – Last, auszutragen, die die Schultern drückt.
Und doch – wie halten wir, die Dichter, uns im Schweben
Von Bagatellen, die das Leben tauscht, entzückt.
Wie süß, dem freien Nichts der Zeit sich hinzugeben
Mit Nichtstun, spürn im Leib das Blut
Singend wenden,
Sich – hinter einem Federwölkchen – Glut,
Die rote Lieb, erhaschen mit den Händen.

Die Glut erhaschen mit den Händen: Der Dichter befreie die Klänge aus dem Chaos, füge sie zur Harmonie und trage diese Harmonie in die Welt. Blocks ständige Sorge ist das Tagebuch seines Weges, die Trilogie der Menschwerdung, wie er seine drei Bücher Gedichte nennt, deren Abteilungen und Texte er viele Male umstellte und änderte. Die peinlich genaue Datierung und wechselnde Anordnung baut eine ausgedehnte, an Gegenden reiche Welt voll Wahnsinn und Vergessen, voll Heiterkeit und geheimer Freiheit: seine Welt-Synthese: vom Augenblick des überhellten Lichts an – durch den unumgänglichen sumpfigen Wald – zu Verzweiflung, Flüchen, ,Vergeltung‘ und… zur Geburt eines Menschen, der ,gesellschaftlich‘ ist, eines Künstlers, der der Welt mannhaft ins Gesicht blickt.
Entscheidend war die Vorstellung von der Zeit. Die Trilogie der Menschwerdung meint kein Nacheinander, und, die Ansiedlung der Gedichte in der Kalenderzeit bekräftigt nur deren Entmachtung. Die Poesie vertilge die Kalenderzeit, die etwa technische Fortschritte einander ablösen läßt. Poesie folge jener anderen Zeit, die Block die musikalische nennt.
Musikalische Zeit meint – in größeren Zeiträumen empfinden, denken, leben: Die Catilinischen Verschwörungen im 1. Jahrhundert unserer Zeitrechnung sind eine Seite in der Geschichte der Weltrevolution, und der Sieg über die Tataren in der Schlacht auf dem Kulikowo-Feld am 7. und 8. September 1380 ist ein Ereignis in der russischen Volksseele von heute. Musikalische Zeit meint – Tatsachen aus allen Lebensbereichen, die dem Dichter in einem bestimmten Augenblick zugänglich sind, zueinanderordnen: Alle zusammen schaffen immer einen einheitlichen musikalischen Stoß. Musikalische Zeit meint – Leben jenseits des eingetretenen Kalendertags. Nicht in der Vernachlässigung des unansehnlichen Alltags vor dem strahlenden Feiertag der Zukunft. Sondern die Empfindungen ausbildend für jeden kommenden Umbruch in Stimmung, Haltung, Lebensart.
Was hier für ein Jahr oder für Jahrtausende gilt, galt Block ebenso für jeden Tag und für die Welt überhaupt. Es war die Einheit der Welt, die er auf seine Weise beschrieb – wie hier 1921 in der Puschkin-Rede „Über die Bestimmung des Dichters“:

In den bodenlosen Tiefen des Geistes, wo der Mensch aufhört, Mensch zu sein, in Tiefen, die den Geschöpfen der Zivilisation, – dem Staat und der Gesellschaft – unzugänglich sind, schweben Klangwellen, die gleich den das ganze Weltall umfangenden Ätherwellen sind, dort kommt es zu rhythmischen Schwankungen, ähnlich jenen Prozessen, die Gebirge, Winde, Meeresströmungen, Pflanzen und Tiere hervorbringen.

Musik als Urgrund der Welt und Lyrik als unmittelbar abhängig vom Geist der Musik zu sehen war im Rußland des beginnenden 20. Jahrhunderts ohne Friedrich Nietzsches Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik und ohne Richard Wagners Musik nicht denkbar. Block hat das 1900 russisch erschienene Buch des deutschen Philosophen 1906 gelesen und lange Passagen mit Genugtuung herausgeschrieben. In seinem Aufsatz „Die Dichtung der Beschwörungen und Zaubersprüche“ von 1906 zitiert Block als Bekräftigung seines frühen Synthese-Begriffs, der Auffassung von der Ungeschiedenheit von Wort und Tat in der Beschwörungsorgie, aus Nietzsches Fröhlicher Wissenschaft den Satz, der die bannende Macht des Rhythmus in der Mythologie erläutert:

… ohne den Vers war man Nichts, durch den Vers wurde man beinahe ein Gott.

Der Kontext bei Nietzsche ist allerdings eher abfällig. Er fährt fort:

Ein solches Grundgefühl läßt sich nicht mehr völlig ausrotten – und noch jetzt, nach jahrtausendelanger Arbeit in der Bekämpfung solchen Aberglaubens, wird auch der Weiseste von uns gelegentlich zum Narren des Rhythmus…

Blocks Nietzsche- und Wagner-Bild sind genausowenig bekannt wie seine Beziehung zur deutschen Romantik, etwa Novalis – fest steht aber, daß er die beiden Freundfeinde mit Ibsen und Strindberg als Kronzeugen für seine Ansicht anrief, daß der deutsche und der skandinavische Geist neben dem russischen Geist die größten Opfer im Kampf mit den Gegnern der Elementarkräfte gebracht habe.
Die Oktoberrevolution, die Block, seinen Welt-Synthesen entsprechend als Teil eines Jahrtausendereignisses – des Anbruchs einer neuen Menschheitszeit –, nicht mit der Französischen Revolution, sondern mit den Anfängen des Christentums verglich, ermunterte ihn, Ahnungen und Gewißheiten deutlicher auszusprechen, von denen seine Trilogie der Menschwerdung längst getragen gewesen war und die Block in einem neuen Augenblick überhellen Lichts 1918 in die „Zwölf“ geschrieben hat, sein sowohl offenstes wie verschlossenstes Gedicht. Blocks nachrevolutionäre lyrische Prosa befragte die Synthese der „Zwölf“, versuchte eine Rückannäherung, die Wiedergewinnung der nur kurz behaupteten (ertragenen?) Höhe. Sie entwarf mit der musikalischen Zeit in der Geschichte, mit dem Vergeltungsgedanken, mit dem Zusammenbruch des Humanismus und seiner Ablösung durch die Welt des Künstler-Menschen die Aussicht einer artistischen Sensibilisierung für die wirklichen Vorgänge in der Welt, die der neuen Menschheitszeit entsprechen sollte.

2
Blocks unmittelbar anschauendes Weltverhältnis meidet alle vereinzelnden Zugänge zur Welt, um mit einemmal den Blick auf das Ganze, die Empfindung des Ganzen, das Symbol des Ganzen zu gewinnen – den Geist der Musik, die rhythmischen Schwankungen in der Tiefe. So sind seine Gewißheiten zu verstehen: „In unseren Herzen hat der Seismographenzeiger bereits ausgeschlagen“ (1908). „Mit jeder Faser des Körpers und des Herzens, mit dem ganzen Bewußtsein hört die Revolution.“ (1918)
Das Gleichgewicht von Geistigkeit und Körperlichkeit hielt Block für die Grundvoraussetzung des Lebens in der neuen Zeit. Die Kräftigung des Leibs sah er in einem Wechselverhältnis zur Kräftigung der poetischen Strukturen. 1910 und 1911, als er an dem Poem „Vergeltung“ arbeitete, waren „musikalisches und Muskelbewußtsein“ eins. Wie bei ständiger Handarbeit eine rhythmische Ausbildung der Muskeln an den Armen, dann auf der Brust und auf dem Rücken erfolge, so sollte der Rhythmus des Poems entstehen. Der Verlust des physischen und geistigen Gleichgewichts beraube einen unweigerlich des musikalischen Gehörs, der Fähigkeit, aus der Kalenderzeit, dem über die Welt nichts aussagenden Gang der historischen Tage und Jahre auszubrechen und in jene andere, nicht meßbare Zeit vorzudringen.
Der Ausbruch aus der Kalenderzeit erscheint in Blocks Dichtung als das Wagnis und die Aufgabe der angebrochenen Menschheitszeit. Kalenderzeit war für Block die chronologisch vereinzelnde Folge der Ereignisse, das Genügen am Tage, die Welt ohne ihren kosmischen Zusammenhang. Kalenderzeit war für Block ein positivistisches Aufhäufen von Details, aus dem er in die musikalische Zeit der Geschichtlichkeit ausbrechen mußte. Der Dichter dringe in die musikalische Zeit vor, indem er das Gefühl für seinen Weg ausbilde. Im Februar 1909, wenige Monate bevor in Italien das Gedicht „Die Kunst – Last, auszutragen“ entstand, beschrieb Block in seiner Prosa „Die Seele des Schriftstellers“ den Zusammenhang von Weg und Zeit in seiner Kunst:

Nur wenn solch ein Weg erkennbar ist, läßt sich der ,Takt‘ des Schriftstellers, sein Rhythmus bestimmen. Nichts ist gefährlicher als der Verlust dieses Rhythmus. Die fortwährende Anspannung des inneren Gehörs, das Lauschen auf eine wie aus der Ferne vorüberklingende Musik ist eine unerläßliche Voraussetzung für das Dasein des Schriftstellers. Nur wer die Musik des fernen ,Orchesters‘ (und das ist eben das ,Weltorchester‘ der Volksseele) vernimmt, kann sich ein leichtes ,Spiel‘ erlauben.

Block meinte damit besonders die Sensibilität für Beschleunigung und Verkürzung in der Geschichte. 1910 betonte er, daß die Russen in den vergangenen zehn Jahren mehr durchgemacht hätten als andere in hundert Jahren.
Was Block hier aussprach, war schon die Erfahrung aus seiner Trilogie der Menschwerdung. Wer sich dem „,Weltorchester‘ der Volksseele“ stellt, kennt weder Zuflucht noch Geborgenheit. Das „leichte ,Spiel‘“( war von der Art, die Block im Gedicht „O dies Spiel“ vom 18. Dezember 1913 vortrug: Der Dichter als der ewig Erblickte, der nicht weiß, wessen Blick ihn trifft. Dies die vierte und die sechste der neun Strophen:

Nichts quält schlimmer als dies Ungefähr!
O das Graun des Blicks, den man nicht fängt,
Der uns schamlos einkreist und bedrängt:
Doch wer ists, der uns belauert, wer?

Dieser Blick, ob bös, ob gut gesinnt –
Besser wärs, er nähm uns nie zum Ziel!
Zuviel fremde Kraft, die in uns spinnt,
Unerforschter Energien Spiel…

Blocks Ausbruch aus der Kalenderzeit befestigte in der russischen Literatur einen Begriff von Zeitgenossenschaft, der die Stunde des Dichters immer als die Stunde Rußlands und die Stunde der Menschheit nahm. Block liebte es, sich mit etwas so Unfaßbarem wie der Atmosphäre der Epochen – „Unerforschter Energien Spiel…“ zu befassen, weil er selber die Atmosphäre seiner Epoche so stark empfand. Denn was waren ihm seine Dichtungen anderes als das Ausschlagen des Seismographenzeigers in einer Epoche der Stürme und Katastrophen. Je sensibler ein Dichter sei, hieß es in der Catilina-Prosa, um so unzertrennter empfinde er Eigenes und Nicht-Eigenes. Daher seien die zartesten und intimsten Sehnsüchte der Seele des Dichters in Zeiten der Stürme und Katastrophen übervoll von Sturm und Katastrophe.
Das Vordringen in die musikalische Zeit befreit den Dichter aus dem Wust des aktuell Tatsächlichen, das die wirklichen Vorgänge verdeckt. Gegenstand bleiben die Sehnsüchte und Erschütterungen der Seele oder, wie Block in seiner Wagner-Prosa schrieb, „das rettende Gift der schöpferischen Widersprüche“. Die bedeutendste Äußerung über die Catilinischen Verschwörungen als ein Zeichen für den Zusammenbruch einer Epoche fand Block daher auch in dem Gedicht Catulls „Attis“, dessen Gelegenheit in nichts an die aktuellen geschichtlichen Vorkommnisse erinnert, das aber in den Galliamben, dem Versmaß der rasenden Orgientänze, den ungleichmäßigen, hastigen Schritt des Verdammten, den Schritt des Revolutionärs, des römischen „Bolschewiken“, in dem der Sturm des Zorns klingt, überdeutlich zu erkennen gebe.
Die Betonung liegt nicht auf der Parallele von Catilina und Catull, sondern auf der Ankündigung des Sturms in Tat und Gedicht. Nur so auch sind Blocks Dichtungen zu verstehen. Übervoll von Sturm und Katastrophe, sind sie nicht einfach Zeugnisse eingetretener Revolutionen, sondern Zeugnisse der ungeheuren schöpferischen Widersprüche einer neuen Zeit, welche sie in ihren Anfängen noch kaum zu benennen weiß.
Mit dieser unerschrockenen Annahme und dem offenen Austrag des Kampfs der Gegensätze in seiner Dichtung wurde Block auch für sowjetische Dichter bestimmend, die seiner Poetik nicht folgten. Für Ossip Mandelstam, der ihn einen Mann des 19. Jahrhunderts nannte, aber seine Sensibilität für die unterirdische Musik der russischen Geschichte als einzigartig pries. Für Anna Achmatowa, die seine symbolistische „Sternenarmatur“ nicht mochte, aber ihn als „Tschelowek-Epocha“ bezeichnete. Für Boris Pasternak, der die romantische Vorstellung vom Dichterleben verwarf, in dessen Rückschau auf die Revolution nach vierzig Jahren aber unüberhörbar Blocksche Töne klingen:

In diesem bedeutsamen Sommer 1917, zwischen den beiden Daten der Revolution, schien es, als versammelten sich und redeten auf den Meetings auch Bäume, Wege und Sterne. Die Luft schien kilometerweit erfüllt von flammender Inspiration, sie schien Persönlichkeit geworden, beim Namen zu nennen, beseelt und sehend.

Aber ebenso für die Prosa. Für Isaak Babel, Michail Bulgakow, Andrej Platonow und Maxim Gorki, dessen nachrevolutionäre Prosa ohne die Auseinandersetzung mit Block, Bely und Sologub nicht denkbar ist.
Was sie mit Block verbindet, sind ihre Vorstellungen von Zeit und Kunst, ihre neuen Welt-Synthesen, deren Voraussetzungen Ossip Mandelstam in der Woronesher Zeit mit einer Gefahrenwarnung benennt:

Wenn ein Schriftsteller es für seine Pflicht hält, koste es, was es wolle, ,das Leben tragisch zu sagen‘, aber auf seiner Palette keine tiefen kontrastierenden Farben besitzt und vor allem das Gefühl für das Gesetz nicht hat, nach dem das Tragische, auf welch kleinem Abschnitt es immer entstehe, sich unweigerlich in ein allgemeines Bild der Welt einfügt – bringt er nur ,Halbfabrikate‘ von Schrecken und Borniertheit hervor, Rohmaterial, das Ekel erregt und bei der wohlmeinenden Kritik den zärtlichen Namen ,Milieu‘ trägt.

3
Blocks Revolutionsverständnis war an sein Vergeltungsdenken gebunden. Weder seine bedingungslose Annahme des Oktober noch seine spätere Klage über das Verstummen der Musik der Revolution sind außerhalb dieses Zusammenhangs zu begreifen. Soziales Verhalten, geistige Produktivität, schöpferische Widersprüche leiteten sich für ihn nie aus ökonomischen Besitzverhältnissen und politischen Entscheidungen her. Block verstand die Revolution als verdiente Vergeltung für die sozialen Sünden der Vergangenheit und verteidigte sie gegen die sklavischen Ängste, gegen den Krämerstil der russischen Intelligenz. Er schloß aber, Alexander Herzen folgend, die Bourgeoisie aus dieser historischen Kette aus. Weder durch liberalen Humanismus noch Sentiments, noch politische Ökonomie dürfe das hohe, kalte und zornige Wissen um die soziale Ungleichheit erniedrigt werden. Der Bourgeois wird als unschöpferisch verteufelt. Die realgeschichtlichen Beziehungen zwischen Bourgeoisie und Proletariat spielen für Block keine Rolle. Die Bolschewiki waren für ihn eine Zeitlang etwas viel Größeres als eine politische Partei, und Lenin akzeptierte er nicht als Marxisten, sondern als einen russischen Revolutionär, der das Vermächtnis Bakunins und der russischen Bauernaufstände vollstreckte. In einem Brief vom Februar 1909 hat Block die Kräfte benannt, die seiner Meinung nach mit Elementargewalt zur Revolution drängen:

Der gegenwärtige russische Staatsapparat ist natürlich mieses, geiferndes, stinkendes Alter, ein siebzigjähriger Syphilitiker, der mit einem Händedruck die gesunde Jünglingshand infiziert. Die russische Revolution ist in ihren besten Vertretern – Jugend mit einem Nimbus rings um das Gesicht. Auch wenn sie noch nicht ausgereift ist, auch wenn sie oft knabenhaft unweise ist – morgen ist sie erwachsen. Das ist doch klar wie der helle Tag.
In den Fragmenten russischer Literatur von Puschkin und Gogol bis Tolstoi, in den Seufzern der gemarterten russischen Demokraten des 19. Jahrhunderts, in den hellen und unbestechlichen, den
nur vorübergehend getrübten Blicken der russischen Bauern ist uns eine gewaltige (nur noch nicht in den eisernen Ring des Gedankens gefaßte) Konzeption eines lebendigen, mächtigen und jungen Rußlands vermacht. Wenn irgendwo diese Vermächtnisse bewahrt werden, dann natürlich nicht in den Herzen der ,Realpolitiker‘ (selbst nicht der realsten und lebendigsten von ihnen – der Kadetten), nicht im stolypinschen, nicht im romanowschen – sondern in jenen Herzen nur, die beunruhigt und geöffnet sind, in den Gedanken, die diese Konzeption in sich aufnehmen wie frische Luft.
Wenn etwas lebenswert ist, dann das. Und wenn wo ein solches Rußland ,heranreift‘, dann natürlich – nur im Herzen der russischen Revolution im weitesten Sinn, einschließend die russische Literatur, Wissenschaft und Philosophie, den jungen Bauern, der sich zurückhaltend Gedanken macht ,immer über das gleiche‘, und den jungen Revolutionär mit dem vor Wahrheit strahlenden Gesicht, und überhaupt alles Unangepaßte, Zurückgehaltene, Gewittrige, mit Elektrizität übersättigte. Diesem Gewitter hält kein Blitzableiter stand.

Nicht daß die beschleunigten Kapitalisierungsprozesse in Rußland Block verborgen geblieben oder von ihm geringgeschätzt worden wären. Es gibt Versuche, sich diesen Vorstößen zu einem „Neuen Amerika“, wie ein Gedicht aus dem Jahr 1913 heißt, zu stellen. So gewiß er aber den reinigenden Sturm die Welt des Schreckens und der Totentänze hinwegfegen sah, so ungewiß blieb ihm alles Kommende. Im Prolog zum Poem „Vergeltung“, an dem er seit dem Tod des Vaters 1910 bis zu seinem Tod 1921 mit langen Unterbrechungen arbeitete, stehen die Verse:

Über Europa reißt ein Vieh
Von Gier gequält auf seinen Rachen.
Wer wird ihn töten, diesen Drachen?
Wir wissens nicht. Wie eh und nie
Hülln unsre Grenzen sich in Dunst.
Was jenseits liegt – wir sehn es nicht,
Wir spürn nur, daß es brandig riecht –
Dort wütet eine Feuersbrunst.

Daß dieser Drachen der Erstarrung und des Widergeists auch durch die „Wiedergeburt Rußlands durch die Fabrik“ besiegt werden könnte, hat Block in einem Drama zu fassen versucht, über das er zwischen 1913 und 1916 nachdachte. Fertig geworden ist es nicht, und es werde, meinte Block schließlich, einem anderen zur Vollendung aufgetragen – „keinem Liberalen und keinem Konservativen, sondern einem Ruhelosen wie ich“. Es seien dafür noch mehrere, auch historische Anläufe nötig. Geschrieben haben es vielleicht Wladimir Majakowski in „Wladimir Iljitsch Lenin“ und Andrej Platonow in seinen großen Geschichten und Romanen von den prometheischen Meistern, von den Künstlern auf den Lokomotiven und in den Wüsten der dreißiger Jahre. War es doch Block bei dieser Wiedergeburt um die Erneuerung der Art gegangen, die sowohl die Dämonisierung des Subjekts als auch seine Verflüchtigung in der Funktionalität hinter sich läßt.
Mit der Überwindung des Dämonismus hat sich Block sein Leben lang herumgeschlagen. Am quälendsten in seinem Poem „Vergeltung“:

In Katastrophen und Stürzen befreien sich meine ,Rougon-Macquarts‘ allmählich aus der russisch-adligen Education sentimentale, ,Aus Kohle wurde Diamant‘, Rußland zu einem neuen Amerika; zu einem neuen, nicht zu dem alten Amerika.

Ein aufbegehrendes und jäh hinstürzendes russisches Geschlecht sollte von den siebziger Jahren des alten Jahrhunderts bis in die ersten Jahre des neuen Jahrhunderts verfolgt werden. Block wollte zeigen, wie der Aufruhr in der ersten Generation entkräftet ist durch den letzten Abglanz von Skepsis und Weltschmerz eines epigonalen Byronismus, aber ebenso durch die ersten Anzeichen der Ermüdung des nahenden Fin de siècle. In der zweiten Generation wird der Aufruhr gedämpft durch die Empfindungsstumpfheit des Sohnes des neuen Jahrhunderts. Und erst in der dritten Generation, die aus der Verbindung des Sohns des „Dämons“ mit der Tochter eines fremden Volkes, des polnischen, hervorgeht, werde das Neue sichtbar auf seine Umgebung einwirken können. So beginne das Geschlecht, das die Vergeltung der Geschichte, des Milieus, der Epoche an sich erfuhr, seinerseits Vergeltung zu üben. Der neue Sproß schaffe es vielleicht, in das Rad der Menschheitsgeschichte zu greifen. Leitmotiv der Vergeltung sollte die Masurka sein, der Tanz, der für Block die alten Kämpfe zwischen Rußland und Polen begleitete. Im Poem sollte die Masurka anfangs leicht aus einem Petersburger Fenster erklingen, dann auf einem Ball sich mit dem Sporengeklirr der Offiziere mischen und endlich hinausdringen auf die polnischen Felder, über das nächtliche Warschau, in den Schneesturm.
Die Erneuerung der Art – „Aus Kohle wurde Diamant“ – sah Block nicht als ein allmähliches Fortschreiten. Gerade dem Zorn gegen die naiven Fortschrittstheorien verdankte das seinem Material nach autobiographische Poem die weitergreifende poetische Idee. In einem Vorwort von 1919 deutete Block die Situation an, in der der Plan für die Dichtung entstanden war. Es handelt sich um die Jahre 1910 und 1911. 1910 starben russische Künstler, die für Block Entscheidendes bedeutet hatten. Mit Vera Komissarshewskaja starb für Block der lyrische Ton auf dem Theater. Mit Wrubel die Unersättlichkeit des Suchens bis zum Wahnsinn. Mit Tolstoi die menschliche Zärtlichkeit, die weise Menschlichkeit. 1910: Krise des Symbolismus, Aufkommen der neuen Richtungen – Ego-Futurismus, Akmeismus, Kubo-Futurismus. 1911: die großen Eisenbahnerstreiks in London, „Panthersprung“ nach Agadir, heißer Sommer, der das Gras bis in die Wurzeln verdorren ließ, Interesse für Ringkampf, tödliche Flüge, schließlich im Herbst die Ermordung des Innenministers und Ministerpräsidenten Pjotr Stolypin, die das Land, das sich bislang noch halb in den Händen des Adels und der Beamten befunden hatte, endgültig unter die Herrschaft der Polizei brachte.
Alle diese Tatsachen aus unterschiedlichen Bereichen der Wirklichkeit hätten, so Block, jenen einheitlichen musikalischen Sinn, den er immer wieder aufzufinden suchte. Allerdings bezeichnet die Arbeit an dem nie vollendeten Poem auch einen wichtigen Einschnitt in Blocks Vorstellungen von der Einheit der Welt. Wenn er in den Jahren vor und nach der Revolution von 1905 bis 1907 seinen Welt-Synthesen das mystische Ineinsgehen aller Erscheinungen zugrunde legte, so datiert ab 1910 ein verstärktes „Bewußtsein der Ungeteiltheit und Unvereintheit von Kunst, Leben und Politik“. Der Unterschied ist gravierend. Wort und Tat fallen nicht mehr ununterscheidbar zusammen. Die 1906 durch die Nietzsche-Lektüre gestützte Vorstellung von der Dichtung als Beschwörungsorgie wird distanzierter betrachtet. Eigengesetzlichkeit der einzelnen Bereiche und Unendlichkeit der Übergänge bedingen einander. Synthese so begriffen heißt: Der unendliche Prozeß der Vereinigung und inneren Durchdringung vernichtet nicht die Gegensätzlichkeiten.
Wenn Revolution Vergeltung war, dann offenbarte sich das Schöpfertum der Massen in der Zerstörung. So sah es Block. Niemand aus seinem Kreis hat mit dieser Unerschrockenheit die Vernichtung der alten Welt selbst in den Grimassen der Revolution angenommen wie Block. Die Musik der Revolution erklang für ihn im Krachen des Zusammenbruchs. Die Masurka der „Vergeltung“ schlug um in die Lieder der proletarischen Kämpfe, die im Poem „Die Zwölf“ abgerissen durch den Schneesturm klingen. Natürlich entging ihm auch die Arbeitsseite der Revolution nicht. Aber dies seiner Dichtung zugrunde zu legen erwies sich als unmöglich.
Im Februar 1920 bezeichnete er noch einmal den Augenblick. In jeder Bewegung komme es zu einer Minute der Verzögerung, einer Minute der Besinnung, der Ermüdung, des Verlassenseins vom Geist der Musik. In der Revolution, wo nichtmenschliche Kräfte wirken, sei das eine besondere Minute. Die Zerstörung ist noch nicht abgeschlossen, geht aber schon zurück. Der Aufbau hat noch nicht begonnen. Die alte Musik ist schon nicht mehr, die neue – noch nicht.

4
Die Fähigkeit, „begierig zu leben und zu handeln in der angebrochenen Epoche der Wirbel und Stürme“, habe nur jene neue Menschenart, die Block den Künstler-Menschen nannte. Diesen Künstler-Menschen begriff Block nicht als das Ergebnis der europäischen Entwicklungen des 19. Jahrhunderts, sondern als ihren Widerpart. Es sei eben gerade nicht der gespaltene ethische oder politische oder humane Mensch, sondern der Mensch der Elementarkräfte, deren er sich auf artistisch-meisterliche Weise in ihrer Ganzheit bewußt sei.
In Westeuropa sei er zu Beginn des Humanismus aufgetreten, dann aber seit dem Ende des 18. Jahrhunderts an der Zersplitterung der künstlerischen und wissenschaftlichen Interessen verkümmert. In diesem Zusammenbruch des Humanismus hätten nur wenige unter furchtbaren Verfolgungen den synthetischen Geist, die innere Einheit der Kultur hüten können. Block nennt Heine, Wagner, Strindberg, in Rußland Gogol, Tolstoi, Dostojewski. Kunst als Stimme des Elementaren und selber Elementarkraft sei für diese Künstler nie getrennt gewesen von den barbarischen Massen, den unbewußten Hütern der Kultur. Sie seien auch nicht dem Irrtum einer allmählichen Bildung der Massen durch populistische Senkung des Niveaus verfallen, sondern hätten im Gegenteil die Massen als die Träger eines anderen Gesetzes erkannt, das zur Herrschaft dränge.
Die neue Menschenart, der Künstler-Mensch, hat Block von früh an beunruhigt. Die Trilogie der Vermenschlichung meint sie, „Vergeltung“ und „Die Zwölf“ haben sie zum Gegenstand. Seine Sicht auf Wladimir Solowjow, auf die „Musik der alten Familien“ im Leben Michail Bakunins, auf den „Genossen“ August Strindberg und auf Maxim Gorki, den Mittler zwischen Volk und Intellektuellen, ist davon erfüllt.
Wie immer aber der Künstler-Mensch gegen das 19. Jahrhundert entworfen war, so ist er ohne es undenkbar. Das Skythische, das Zigeunerische, das Christus-Modell, Faszination und Beängstigung durch das Petrinische Erbe, die neue „Geschlechterauslese“ wie das „Neue Amerika“ – alles ist durch das europäische 19. Jahrhundert gegangen. Durch Gogol und Solowjow das Skythische, durch Apollon Grigorjew das Zigeunerische, Christus durch Dostojewski, Peter durch Puschkin, die Geschlechterauslese durch die europäische Mystik, die deutsche Romantik und Strindberg und das „Neue Amerika“ durch Nikolai Nekrassow.
Block war sich der tödlichen Gefahren beim Übergang zum Künstler-Menschen bewußt. Er selber sah sich mit in den Abgrund gerissen. Keine andere als die tragische Weltauffassung hielt er für ausreichend, um das ganze Ausmaß der Vorgänge zu erfassen, Die kosmischen Entsprechungen waren sein Alltag. Vom 29.Dezember 1912 ist das Gedicht „An die Muse“, das mit diesen Strophen beginnt:

Dein geheimes Gedicht sagt die Schwere
Des Geschicks, dem der Untergang droht.
Es verhöhnt jedes Glück, schmäht die Ehre,
Lästert Sitte, Gesetz und Gebot…

Es reißt mit, und mitreißend zerreißt es.
Ja, ich hab deine Krallen gespürt.
Die gefallenen Engel, so heißt es,
Hat der Reiz deiner Schönheit verführt…

Und verlachst du den Glauben, dann schimmert
über dir plötzlich purpurn und grau
Jener Strahlenkreis, der mich erinnert,
Doch an was, weiß ich nicht mehr genau.

Lust und Marter der Lästerung nach dem Fall gehen zusammen. Blocks Dichtung entsteht, indem ständig Kult und Lästerung gegeneinandergetrieben werden. Der Künstler-Mensch müsse diese Bedingtheiten der Welt in sich aushalten, ohne sie auszugleichen. Schon im Herbst 1902 hatte Block gegen Milde und Demut des Kults der Schönen Dame die grausame Harlekinade gesetzt, die dann in seinem lyrischen Drama Die Schaubude (1906) eine äußerste Zuspitzung erfuhr. Die Jungfrau aus dem fernen Land, die blasse Freundin erweist sich als Columbine, Pierrots Geliebte. Das Mysterium wird zur Posse. Das letzte Abendmahl findet in der Schaubude statt.
„Die Zwölf“ bringen den neuen Gipfel. Am 29. Januar 1918, als Block das Gedicht abschloß, heißt es im Notizbuch:

Ich verstehe Faust. „Knurre nicht, Pudel!“

Bei Goethe folgt:

Zu den heiligen Tönen, Die jetzt meine ganze Seel umfassen, Will der tierische Laut nicht passen.

Mephistopheles ist schon im Zimmer.
Block zweifelte nicht im mindesten daran, daß es bei diesen „Zwölf“ nicht mit rechten Dingen zugegangen sei. Er berichtete später mehrfach von einem großen anhaltenden Krachen – „wahrscheinlich das Krachen vom Zusammenbruch der alten Welt“ – und von einem furchtbaren Kräfteverfall. Er berichtete von der Hingabe an die Elemente wie bei den Ausbrüchen im Januar 1907 und im März 1914, die mit der Leidenschaft für die Schauspielerin Natalja Wolochowa und die Sängerin Ljubow Delmas die Gedichte der Bücher Schneemaske und Carmen hervorbrachten. Das gleiche hatte sich am Anfang des Jahrhunderts bei der Begegnung mit Ljubow Mendelejewa, seiner späteren Frau, ereignet, jenem „Augenblick überhellen Lichts“, als die „Verse von der Schönen Dame“ begannen.
Das erotische Verhältnis zur Welt (Rußland als Geliebte, Frau, Mutter) zeigt die tödlichen Leidenschaften der „Zwölf“ nicht als Episode der ersten Revolutionstage, sondern als Problem des von Block erwarteten und begrüßten Lebens des Künstler-Menschen in der neuen Zeit. Den Konflikt von Leidenschaft und Macht wertet Block durch die Bauart seines Gedichts entschieden als geschichtliche Legitimation der Zwölf: Aufbegehren, Zorn gegen die „Welt des Schreckens“, schöpferisch noch in der Verkehrung. In Blocks Sicht nimmt Christus dem Mörder Petrucha die Schuld nicht ab, sondern ist eins mit den Zwölf, deren einer der Mörder ist.
Block schließt hier strukturell wie ideengeschichtlich an Puschkins „Ehernen Reiter“ an: Der Imperator Peter jagt im Bunde mit den Elementen, den über die Ufer der Newa getretenen Wassern, den kleinen Beamten Jewgeni, der seine Frau verloren hat durch die Elemente und Peter fast zu drohen wagt, in den Wahnsinn. Die Stadt, den Sümpfen abgetrotzt, wird ihren Bewohnern zum Verhängnis. Was Puschkin zu leisten aufgab, war nicht weniger als die Vereinigung von Peter und Jewgeni, Macht und Menschlichkeit. Block wußte, daß dieses Peter und Jewgeni in eins den Konflikt bis ins Ungeheure kompliziert: Petrucha, unser neuer Jewgeni, tötet seine Geliebte Katjka selber und darf – noch lauert der Feind – sich seinem Schmerz nicht überlassen. Den „Weltbrand im Blut“, ziehen die Zwölf, wie einst der gespensternde Peter, weiter, Petrucha ist einer von ihnen.
Diese übergreifende Geschichtlichkeit der Dichtung entwickelte Block aus der Materialität des Augenblicks. Die „Zwölf“ sind immer: die Zwölfer-Patrouille der Rotgardisten und die Jünger und (laut Randnotiz Blocks zum zehnten der zwölf Gesänge) auch die zwölf Räuber nach Nikolai Nekrassows Moritat „Von den beiden großen Sündern“ in „Wer lebt glücklich in Rußland“. Die robusten Eindeutigkeiten – Soldatentschastuschka, Abschiedsklagelied, Romanze, Marschzitat, Losungsformel, Hurengeplänkel – schaffen das vieldeutige Spiel der Poesie.
Daß der Christus des Gedichts zu weiblich geraten sei, wie Block einmal notierte, ist danach eine höchst verständliche Befürchtung. Der andere, der Gewaltige, den Block sich lieber mit den Zwölf wünschte, kann nur der Künstler-Mensch gewesen sein, in dem sich Blocks Nachdenken über ein Leben in der neuen Zeit konzentrierte. Tatsächlich taucht einen Tag vor der ersten Notiz zu den „Zwölf“ im Tagebuch eine Eintragung auf, die unter dem Eindruck der Roman-Lektüre Jesus für ein geplantes Jesus-Drama so sieht:

Nicht Mann, nicht Frau. – Künstler.

In dieser Charakterisierung seines Jesus nahm Block ein altes Bild auf, welches er in dem Aufsatz zu August Strindbergs Tod 1912 entworfen hatte, Es sei Zeit für eine neue „Geschlechterauslese“, in der das „männliche Prinzip“ und das „weibliche Prinzip“ harmonischer als bisher verteilt seien. Strindberg sei eine der gelungensten „Proben“ dieser neuen Zusammensetzung gewesen und habe für die Überwindung eines Zustands gearbeitet, den Block so beschrieb:

Wenn das Männliche zum Männchenhaften wird, entartet Zorn zu Bosheit; wenn das Weibliche zum Weibchenhaften wird, verwandelt sich Güte in Gefühlsseligkeit.

Die neue Geschlechterauslese gehörte für Block zur Vorgeschichte des Künstler-Menschen, Den Wechsel der Masken, das schillernde Verhalten der Menschen, die seelenzerrüttenden Kämpfe um die neue Art hat er, die „Zwölf“ befragend, in all seiner nachrevolutionären Prosa erzählt. Am eindringlichsten in einer Vision aus dem „Zusammenbruch des Humanismus“, die die Radikalität seines Erneuerungsbewußtseins bezeugt:

Der Mensch – ein Tier; der Mensch – eine Pflanze, eine Blume. In ihm treten Züge äußerster Grausamkeit zutage, einer scheinbar nicht menschlichen, sondern tierischen Grausamkeit; daneben Züge einer naturhaften Sanftheit, die gleichfalls nicht menschlich, sondern pflanzenhaft zu sein scheint. All das sind zeitweilige Larven, Masken, das Wechseln unendlich vieler Larven. Dieses Wechseln zeigt eine Veränderung der Art an: der ganze Mensch ist in Bewegung geraten; er ist aus dem jahrhundertelangen Schlaf der Zivilisation erwacht, Geist, Seele und Körper sind vom Wirbel der Bewegung erfaßt: in dem Wirbel der geistigen, politischen und sozialen Revolutionen, die ihre kosmischen Entsprechungen haben, vollzieht sich eine neue Auslese, formt sich ein neuer Mensch; der Mensch, das humane Tier, das gesellschaftliche Tier, das sittliche Tier wird zum Künstler, um mit Wagner zu sprechen.

5
Gegner und Verbündete des Künstler-Menschen hat Block genau benannt. Ameisen-Mensch und Dandy-Mensch stünden in diesem Kampf gegen die „Menschen der Elemente“ und die aktiven Revolutionäre, deren „stürmische, physische, äußere Offenbarung“ der Konzentration aller Kräfte auf inneres Wirken bei den Künstlern entspreche.
Rachsucht gegen die Elementarkräfte sei die Triebfeder der Ameisen-Menschen. Fällt der erste hinunter bei der ewigen Suche nach den Nadeln, kriecht der zweite nach, stürzt der ab, kriecht der dritte hinauf. Und der Ameisenhaufen wächst. Voll geheimen Grimms, bemüht, das Toben der irdischen und unterirdischen Elementarkräfte zu vergessen und nicht zu hören, bauen sie wutschnaubend Maschinen und bringen die Wissenschaft voran. Block knüpfte dieses vernichtende Bild eines Produzierens um des Produzierens willen an die Erschütterung, die das Erdbeben von Messina in den fortschrittsgläubigen Geistern ausgelöst hatte.

Plötzlich, in dem historischen Augenblick, da Tolstoi Krieg und Frieden schreibt, Mendelejew das Periodensystem der Elemente entdeckt, da im Schoß der Erde das Erz sich der Picke des Menschen singend unterwirft, da Eisenbahnzüge den Raum in allen Richtungen verschlingen, da der deutsche Kaiser hochmütig den ,wundertätigen Erbauer‘, den Wohltäter der Menschheit und Eroberer der Lüfte umarmt – in ebendiesem Moment schlägt in einem Observatorium der Zeiger des Seismographen aus.

Die Wissenschaftler sagten lediglich, daß Süditalien auch künftig Erdbeben drohten; daß dort die Erdkruste noch nicht fest geworden sei. Sind wir aber sicher, daß die ,Kruste‘ über einer anderen, ebenso furchtbaren, nicht unterirdischen, sondern irdischen Elementarkraft, der des Volkes, fest genug geworden ist?

Sei der Ameisen-Mensch unempfindlich für das Ausschlagen des Seismographenzeigers, so fege der Dandy-Mensch den Seismographen einfach hinweg. Die Vernichtung, die der eine nicht begreift, macht der andere sich zum Gaudium, Entstanden aus dem antibürgerlichen Aufruhr, der „manches auf dem Ödland der ,Philanthropie‘, der ,Progressivität‘, der ,Humanität‘ und der ,Utilität‘ versengte, münde die Verneinung in die Selbstzerstörung. Die unerlaubte Grenze überschreitend, lasse das Feuer die Wurzeln dieser Jugend verdorren. Historisch-autobiographisch hatte Block das Problem im Poem „Vergeltung“ zu fassen versucht, doch nach der Revolution schließt er seine Prosa „Die russischen Dandys“ mit der besorgten Feststellung:

Aber auch im Arbeiter- und Bauernmilieu sind schon junge Dandys anzutreffen.

Ameisen-Mensch und Dandy-Mensch hielt Block für nicht leicht überwindbar. Sie seien durchaus in der Lage, sich rasch anzupassen, ja als Gönner und bürokratische Mäzene des Künstler-Menschen aufzutreten. Aber es sei das „rettende Gift der schöpferischen Widersprüche“, die „geheime Freiheit“, die die Umarmung des Künstler-Menschen durch den Spießer-Pöbel oft jäh beendet. Das Gift der Haßliebe, das der Künstler-Mensch auf alles ausdehne, sei auf die Dauer für einen auf Ruhe und Endgültigkeit Erpichten unerträglich.
Die „Erprobung der Herzen durch die Harmonie“, welche Block in der Puschkin-Rede als Auftrag der Poesie sieht, müsse Ameisen- wie Dandy-Mensch verdächtig sein: niemand weiß, ob sie die Probe bestünden. Um es nicht so weit kommen zu lassen, erschalle von jeher der Ruf nach Mäßigung:

Vergiß, Poet! ruft man mir zu.
Laß Wohnlichkeit dich inspirieren!
In Frösten lieber dann erfrieren!
Nein, nicht Beschaulichkeit. Nicht Ruh.

Um so willkommener ist die Unruhe und Erregung des Künstler-Menschen dem russischen Revolutionär, der weder die Selbstgefälligkeit des Aufhäufens noch die der Selbstzerstörung hat und Halbheiten, Schwächen und Erbärmlichkeiten beständig kritisiert. Hier treibt das rettende Gift der schöpferischen Widersprüche die Sensibilisierung.
In unseren Tagen, kurz vor dem hundertsten Geburtstag des Dichters im Jahr 1980, gewinnt die Herausforderung von Blocks Welt-Synthesen an Deutlichkeit. Sie übergreift den Sturm der Analysen in den Jahren zwischen 1910 und 1930, als sich die Material- und Operationsästhetiken an ihr übten und ihre Zusammensetzung im Laboratorium der Spracharbeit und in der Praxis der Gesellschaft erprobten. Ihre Kühnheit ist nicht übertroffen. Die neue Lektüre hat eben erst begonnen.

6
Block lesend, wird man es freilich immer dringlicher mit diesen bezeichnenden Unschärfen zu tun bekommen, die die Empfindungen ins nicht Geheure locken. Wer sich dieser Lockung entzieht, verfehlt den Dichter. Denn Blocks Unschärfen im Historischen, Philosophischen, Politischen sind kein Mangel, sondern seine Art, die Empfindungen für das mit unserem Vorrat an Begriffen schwer oder gar nicht Sagbare zu schärfen. Blocks Geschichtsraffungen, Prozesse riesigen Ausmaßes zusammenziehend, schaffen die Schärfe im Lyrischen, poetische Genauigkeit.
Blocks geistiger Maximalismus scheute vor den äußersten Schlußfolgerungen aus den ihm zugänglichen Informationen nie zurück. Da aber sein synthetisches Denken weder Weltentwürfe hervorbrachte noch ein Laborieren mit Varianten, ein Spiel der Konzepte war, gibt es bei Block keine Verlängerungen in die Utopie oder Prophetie. Das Artistische am Künstler-Menschen war für Block nie die Fertigkeit, etwas experimentell herauszubekommen, sondern immer die Fähigkeit zur geschärften Empfindung des neuen Augenblicks.
Diese Sammlung der Welt im Augenblick zeigte auch in Blocks letztem großem Gedicht, den „Skythen“ aus dem Jahr 1918, die Leistung der Unschärfe. Da Block mit dem Vergeltungssieg der Elementarkräfte in der Oktoberrevolution die gesamteuropäische Erstarrung durchbrochen glaubte, baute er auf den Anschluß aller solidarischen Kräfte des Westens, auf die Unterstützung der russischen Revolution. Das Gedicht entstand in dem Augenblick, als die Bedrohung des revolutionären Rußlands durch das deutsche Kaiserreich noch bestand, vor dem Friedensschluß von Brest-Litowsk. Es ist als eine Anrede der Skythen an Europa gebaut, ein Warngedicht.
Block ging von der Möglichkeit eines neuen Hunnensturms oder Tatareneinfalls aus, wie er im 4. und im 12. Jahrhundert Europa beunruhigt hat und der nun, im 20. Jahrhundert, wieder drohe. Die Skythen hätten immer den Schild zwischen Europa und Asien gehalten und die Hauptlast getragen. Wenn sie jetzt im Stich gelassen würden, könnten sie den Schild vielleicht wegziehen und dem Todeskampf der beiden Gegner tatenlos zusehen.
Die historische Doppelgestalt Rußlands zwischen Europa und Asien hatte schon frühere Jahrhunderte ständig bewegt. Block betont die Aufnahmefähigkeit für den scharfen gallischen Verstand wie für den düstern deutschen Genius, aber auch die Empfindlichkeit für die Musik des Panmongolismus. Block knüpft hier an Wladimir Solowjows Interpretation des Panmongolismus an, die der Mystiker außer in einem Gedicht, aus dem Block das Epigraph zu den „Skythen“ nahm, in einem seiner letzten Prosatexte 1899 gegeben hatte. Eine eingeschobene Erzählung enthält die Prophezeiung einer fünfzigjährigen Herrschaft der Mongolen im Europa des 20. Jahrhunderts. Beendet werden sollte sie durch die Arbeit zahlreicher Geheimgesellschaften und das Auftreten eines Volksführers, der sich als Messias fühlt, zum Herrscher Europas aufsteigt, aber, als er in Jerusalem auch zum geistlichen Oberhaupt ausgerufen werden will, als der Antichrist erkannt wird.
Man wird bemerken, daß Majakowskis Weltklassenkampf-Hyperbeln in „Mysterium buffo“ und „150 Millionen“ der Beginn der analytischen Erkundung dieser ungeheuren Zusammenschau Blocks sind, die einem Kalenderzeitrechnen natürlich niemals standhielte. Für Blocks Skythen-Synthese gilt aber, was er in der Catilina-Prosa von seinem Vorgehen sagte:

1. Ich mache mich nicht an eine akademische Untersuchung der ersten besten historischen Epoche, sondern suche jene Epoche aus, die meiner Zeit im historischen Prozeß am meisten entspricht. Durch das Prisma meiner Zeit sehe und verstehe ich klarer jene Einzelheiten, die dem Forscher, der den Gegenstand akademisch betrachtet, entgehen müssen; 2. ich bediene mich des Vergleichs von Erscheinungen, die aus den Lebensbereichen stammen und scheinbar nichts miteinander zu tun haben; im vorliegenden Fall stelle ich zum Beispiel die römische Revolution und Verse Catulls gegenüber. Ich bin überzeugt, daß man nur mit Hilfe solcher und ähnlicher Vergleiche den Schlüssel zur Epoche finden, ihr Beben spüren, sich ihren Sinn erklären kann.

Die Skythen als Nomadenvölker, die in der zweiten Hälfte des vorchristlichen Jahrtausends die osteuropäischen Steppen beherrschten, hatten geschichtlich für Block genau die Unschärfe, die nötig war, um sie zu Sprechern für das welthistorische Problem zu machen, das er in der Konfrontation von revolutionär verjüngtem Rußland und vergreistem Westeuropa sah. Unbehaust und ungeborgen, befindet sich der Skythe ewig im Aufruhr, doch Europa ist ihm lieb. Die entscheidenden Verse des Gedichts sind dann:

Ja, so lieben, wie dies Blut hier liebt,
aaaKönnt ihr schon längst nicht mehr. Und nicht erkennen,
Daß es auf Erden eine Liebe gibt,
aaaDie euch zerbrechen kann und auch verbrennen.

Wir lieben alles: gallischen Esprit,
aaaDer Zahlen kalte Glut, das Ahnen
Des Unbekannten, doch auch das Genie
aaaDes finster brütenden Germanen.

Und wir erinnern uns der Hölle auch,
aaaDer Straßen von Paris. Venedigs Feste
Sind uns so nah wie jener graue Rauch,
aaaDer sich auf Kölns Gemäuer niederpreßte.

Diese Sicht des „Skythen“ Alexander Block umgreift und vertilgt sowohl den Rußland-Messianismus, die Idee von der besonderen Rolle Rußlands in der Welt, als auch den Panmongolismus, die Idee von der permanenten Bedrohung der europäischen Welt. Sie gelangt zu einem synthetischen Rußland-Bild, das die phantastische Produktivität dieses Landes wie deren Gefährdungen in den Widersprüchen seiner universalgeschichtlichen Stellung begreift.

Fritz Mierau, Januar 1977, Vorwort

Zu unserer Edition

Die vorliegende Ausgabe unternimmt den bisher ausführlichsten Versuch einer deutschsprachigen Vorstellung der Dichtungen Alexander Blocks. Sie wirft viele Fragen auf, die im Laufe der allmählichen Edition der Lyrik, Prosa, Dramatik und Publizistik sowie des Briefwechsels und der Tagebücher jener Zeit erörtert werden müssen. Der Umfang der inneren Gliederung des russischen Symbolismus, der ästhetischen Polemiken, des Kampfs um die weltanschaulichen und geschichtsphilosophischen Positionen ist hier erst zu ahnen, da die zeit- und poesiegeschichtliche Vorarbeit der sowjetischen Forschung noch kaum rezipiert wurde.
Dies bedenkend, beschränken wir uns bei der Kommentierung im wesentlichen auf den Aufschluß der literarischen Zitate entsprechend der sowjetischen achtbändigen Ausgabe Moskau-Leningrad 1960–1963 sowie, bei einem Beitrag, der zwölfbändigen Ausgabe Leningrad 1932–1936. Die Originaltitel aller Block-Beiträge in Band 1 und 2 sind in der Bibliographie nachgewiesen.
Die wichtigsten sowjetischen Block-Monographien stammen von W. Orlow (1956), L. Timofejew (1963), N. Wengrow (1963), P. Gromow (1966), T. Rodina (1972), B. Solowjow (1973), D. Maximow (1975), D. Pozepnja (1976) sowie von S. Minz, die seit den sechziger Jahren in mehreren Folgen ihre Spezialvorlesung über Block in Tartu erscheinen läßt. In Tartu wurden auch zwei Block-Sammelbände (1964, 1972) herausgegeben, und die Wissenschaftlichen Annalen der Staatlichen Universität Tartu enthalten regelmäßig Untersuchungen zum russischen Symbolismus. Hingewiesen sei schließlich auf eine der bedeutendsten Untersuchungen über die russische Lyrik des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts – L. Ginsburgs Buch Über Lyrik, das in seiner zweiten, erweiterten Fassung deutsch im Reclam-Verlag Leipzig erscheint.
Herausgeber und Verlag danken allen Nachdichtern und Übersetzern dieser Ausgabe, allen ihren Förderern, besonders Oskar Törne, der die kommentierten Interlinearfassungen anfertigte, Margarete Baade, die ihre Bibliographie der deutschen Übersetzungen zur Verfügung stellte, und Ilse Tschörtner, die die Edition im Lektorat schöpferisch betreute.

Fritz Mierau, Nachwort

 

Alexander Block (1880–1921)

„Block, der Dostojewski in seiner prophetischen Gabe wohl am nächsten stand“, schrieb Lunatscharski 1921, „sagte: ,Der Strom der Revolution zerstört deine Hoffnung, deine Träume. Er führt zu viel Schlamm und Schmutz mit sich. Doch höre, was er spricht! Sein Dröhnen besagt Großes.‘ Rußland schreitet auf dornenvollem, heroischem Wege vorwärts, und hinter ihm stehn seine großen Propheten, die es auf seinem Wege segnen.“ Als Prophet der Revolution ist Block in die Weltdichtung eingegangen. Doch sein ganz und gar zeitgenössisches Werk weist, indem es die Frage nach einer würdigen Menschheitsexistenz neu stellt, weit über seine Zeit hinaus. Wie jeder bedeutende Künstler fand er zu seinem zentralen Thema, „Rußland zwischen den Revolutionen“, nicht auf geradem Weg. Bereits im ersten Jahrzehnt seines Wirkens zeichnet sich eine grundsätzliche Wende ab. Der Versuch, mit dem Bild der Geliebten, des „Ewigweiblichen“, der „Schönen Dame“ die ersehnte Gestalt des neuen harmonischen Menschen, die Vision eines nahen, „goldenen Zeitalters“ zu wecken, gerät ins Zwielicht; die Welt der Städters, die seine, erscheint im Widerstreit von Schönheit und Trivialität, entlarvt sich schließlich als „Welt des Schreckens und der Totentänze“. Einschneidend auch das Erlebnis der scheiternden Revolution von 1905, es führt zu neuer poetischer Erkenntnis: dem schuldhaften Bewußtsein von der Kluft zwischen Volk und Intelligenz und von der kommenden „Vergeltung“. Mit dem Beginn der großen Rußlanddichtung, die in den Poemen „Die Zwölf“ und „Skythen“ ausklingt, beherrscht den Vers eine apokalyptische und doch weltbejahende Unrast – Voraussage und Begrüßung des „reinigenden Sturms“.
Unsere Werkausgabe, die erste deutschsprachige, die sowohl Poesie als auch Prosa des Dichters umfaßt, schließt eine empfindliche Lücke in der Rezeption der russischen Literatur des 20. Jahrhundert.

Verlag Volk und Welt, Klappentext, 1978

 

Literatur der Sowjetunion vorgestellt

– Verlegerische Pionierarbeit Drei Bände Alexander Block bei Volk und Welt. –

Alexander Blocks Poem Die Zwölf, im Januar 1918 entstanden, erfuhr 1920 gleich drei Nachdichtungen ins Deutsche, fünf in den zwanziger Jahren, neun insgesamt bis heute. Doch erst jetzt erschien — im Verlag Volk und Welt, herausgegeben von Fritz Mierau — die erste für Blocks Gesamtwerk repräsentative deutschsprachige Ausgabe.
Das frühe und anhaltende Interesse für Die Zwölf erklärt sich freilich daraus, daß sie mit bezwingender poetischer Kraft vom Anbruch eines neuen, revolutionären Zeitalters kündeten. Mochte es auch nicht so sehr der künftige Erbauer der neuen Welt als vielmehr das seine Fesseln sprengende Volk sein, das Block in Gestalt seiner zwölf Rotgardisten erfaßte — weit über das Wort Gewordene hinaus vermittelt das Poem bis heute den Pulsschlag der Weltenwende. So wie ja auch der Jesus Christus, der den Zwölf „mit blutiger Fahne“ voranschreitet, aus dem Geist des Poems heraus zu einer — den Autor selbst überraschenden Symbolfigur jenseits bloß christlicher Mythologie wurde.

Lyrik, Stücke, Essays, Briefe und Tagebücher
In dem Poem, ebenso wie im Gedicht „Die Skythen“, gipfelte eine unermüdliche Suche, die das gesamte Werk Blocks bestimmte sogar in seinen, poetisch vollendeten, doch anfangs mystischen, schwer entschlüsselbaren, durch eine komplizierte Entwicklung geprägten Versen von der Jahrhundertwende an. Die vorliegende Ausgabe macht es nun möglich, diesen Weg des Dichters zu verfolgen: ihn als einen hervorragenden Repräsentanten des russischen Symbolismus kennenzulernen, sein Ringen um Wirklichkeitsgewinn — sein, wie er es später nannte, „Weg zwischen Revolutionen“ — zu erleben, und auch Die Zwölf differenzierter zu verstehen.
Absolut neu an dieser deutschsprachigen Block-Ausgabe ist, daß sie nicht nur Lyrik bietet, sondern — neben Stücken — auch Essays, Reden, Briefe, Tagebücher… Jede dieser Teilsammlungen folgt einer selbstendigen Chronologie, vermittelt dem Leser auf ihre Weise gewissermaßen einen besonderen Farbauszug zum Block-Porträt, das so immer vielseitiger, vollständiger wird.
Beeindruckend vor allem, wie der Dichter auf seine emotional betonte Weise immer tiefer in den historischen Prozeß eindringt. „Welt des Schreckens“, dieser Titel eines Gedichtzyklus charakterisiert den tragischen Aspekt von Blocks Verhältnis zum vorrevolutionären Rußland, seine soziale Position — mochte er dem aktiven politischen Leben auch ferngestanden haben. Insbesondere sind es die Fragen „Rußland und die Intelligenz“ — die ihn beunruhigende Kluft zwischen Volk und Intelligenz — und „Kunst und Revolution“, denen er eine ganze Folge von Essays und Reden widmete. Der „Entwurf“ der Revolution aber, den zu sehen nach seinen Worten Pflicht des Künstlers ist, lautete:

Alles umzugestalten. Und so einzurichten, daß alles zum Neuen sich wandelt; damit unser verlogenes, schmutziges, ödes häßliches Leben zu einem gerechten, reinen, heiteren und schönen Leben werde.

Blocks Historismus unterschied „Kalenderzeit“ und „musikalische Zeit“, wie denn in seiner Weltwahrnehmung überhaupt die Musik eine große Rolle spielte im Sinne eines geschärften Gefühls für die Tendenz der in großen Zeiträumen sich vollziehenden historischen Prozesse. Die Unvergänglichkeit schon seiner vorrevolutionären Poesie rührt nicht zuletzt daher, daß er darin um es in seinen Begriffen zu sagen — zunehmend die „Musik“ einfängt, „die aus dem Weltorchester klingt“. Aber gewiß ist es kein Zufall, daß Block — der selbst erlebten Umwälzung „im historischen Prozeß“ nachspürend — schon im Besitz seiner Erfahrung als Autor der Zwölf Verse des römischen Dichters Catull als Seismograph interpretiert, der bei scheinbar völlig anderem Thema bis ins Versmaß, in den Rhythmus hinein den heraufziehenden Untergang des römischen Imperiums angezeigt hatte.
Blocks Sehnsucht galt von früh an dem „neuen Menschen“, wie er ihn selbst nannte. Zu den „Wohltaten der Revolution“, der er — bei der Ablösung der alten Gesellschaft — betont auch rächende, zerstörerische Funktionen zubilligte, zählte Block, „daß sie den ganzen Menschen zum Leben weckt“, ihn so zu einem „Künstlermenschen“ macht – auch wenn sich in ihm das Bild der neuen Welt, in der das geschehen würde, noch entzog.

Aus seiner Zeit für unsere Zeit erschließen
Ein Verdienst der vorliegenden Ausgabe besteht dann, Block nicht nur aus seiner Zeit sondern auch für unsere Zeit, lebendig zu erschließen. Dies gilt für die getroffene Auswahl, die auch bei drei Bänden Umfang immer noch auf sehr Lesenswertes verzichten mußte, und für Fritz Mieraus Vorwort, das Blocks synthetisches Schaffen, seine Stellung in der Kunst, seine Aktualität souverän charakterisiert. Schade nur, daß der Herausgeber auf Kommentare verzichtet hat, die dem Leser im einzelnen den Zugang au Blocks Werken erleichtert hätten – sogar im Sinne von Blocks eigenem Bekenntnis, „Gedichte, deren Inhalt völlig abstrakt und ohne Bezug zur Epoche erscheinen könne“, würden „durch höchst unabstrakte und alltägliche Ereignisse ins Leben gerufen“.
Langzeitwirkung gewinnt diese reich illustrierte Ausgabe aus dem überwiegend hohen Niveau der Nachdichtungen und Übersetzungen. So verleiht die Dichte und Ausgereiftheit der Nachdichtungen sogar Gedichtzyklen poetische Geschlossenheit, die von vielen Nachdichtern und auf verschiedene Weise — streng metrisch und gereimt oder frei und reimlos übertragen wurden.

Leonhard Kossuth, Berliner Zeitung, 31.10.1978

Seismographischer Spürsinn

– Ausgewählte Werke von Alexander Block in drei Bänden bei Volk und Welt. –

Am Anfang die „Verse von der Schönen Dame“, zart, romantisch, empfindsam, schwermütig und mystisch träumend, eine Seelenlandschaft unstillbarer. Am Ende im Poem Die Zwölf das Einverständnis mit dem revolutionären Epochenumbruch In der kühngewaltigen Vision, daß im schneesturmdurchpeitschten nächtlichen Petrograd einer Rotgardistenpatrouille Jesus Christus voranschreitet.
Alexander Block: Dichter zwischen Dekadenz und Revolution. Die Formel erscheint stimmig, indem sie durchaus das Spannungsfeld erfaßt, worin der 1880 geborene und 1921 gestorbene große Poet des russischen Symbolismus stand. Sie ist indes aber auch unscharf und vereinfachend, indem sie nur wenig ahnen läßt von der Tiefe, mit der Block die so bezeichneten Gegensätze und Widersprüche erlebte und erlitt und in seinem Werk austrug. Sie suggeriert Brüche und Wandlungen dort, wo eine Einheit bestand und außerordentlich folgerichtige Entwicklungen in des Dichters Welt- und Selbstverständnis stattfanden. „Wie in einem Brennglas vereinigte Block in seiner Persönlichkeit alle Gefühle seiner Zeit“, schrieb dazu der Schriftsteller Michail Sostschenko. Eben gerade das macht jetzt auch die dreibändige Ausgabe Ausgewählte Werke Alexander Blocks nachvollziehbar, die von Fritz Mierau herausgegeben und eingeleitet wurde, unter Mitarbeit einer großen Zahl von Nachdichtern und Übersetzern entstand, im Verlag Volk und Welt erschienen ist und eine editorische Leistung von hohem Rang darstellt.
Denn die hier dargebotene umfängliche Auswahl aus der Lyrik und der ebenfalls ganz lyrisch gestimmten Dramatik läßt sehr deutlich erkennen, wie wenig auch der schillernde Begriff des „Symbolismus“ dazu taugt, das poetische Ingenium Blocks ganz zu umfassen. Die symbolistische Ästhetik und Theorie wird sehr bald schon durchbrochen. Zu den religiös-mystischen Motiven und den ungefähr schwebenden Stimmungen treten härtere Töne, bewegtere Leidenschaften und scharf umrissene Realität. Die Verzweiflung ist echt und nicht modische Attitüde. Die lyrische Verklärung und Verzauberung der Welt ist keine Flucht vor ihr. Die Beschwörungen einer irrealen Schönheit und das Verlangen nach unbekannten Welten bedeuten auch die Verwerfung einer vorgefundenen und tatsächlich von Dekadenz gezeichneten Wirklichkeit, vor der die Sensibilität des Dichters erschrickt.
Und der Blick weitet sich. Rußland wird zum Thema, tragisch und groß, als Heimat und Natur, als Historie und Mythos. Die Beunruhigung und die Unruhe wachsen. Prophetisches dämmert auf. Künftige Vergeltung wird erwartet, ein reinigender Sturm. Zur Bejahung der Revolution ist es nur noch ein Schritt.
Block war Dichter ganz und gar. Alles verwandelte sich ihm in Verse. Stimmungen, Gefühle. Seine Sicht auf seine Welt und Zeit ist immer die des Lyrikers, nicht die des Politikers, des Ideologen, des Revolutionärs. Sie ist intuitiv; sie ist somit unmittelbarer und gefährdeter. Doch gerade deshalb ist es auch so wichtig, daß die bisher umfangreichste deutschsprachige Block-Ausgabe sich nicht auf das eigentliche dichterische Werk beschränkt, sondern auch eine Autobiographie, Essays und Reden, Briefe und Tagebücher enthält.
Das läßt sich dann lesen wie ein Kommentar zu des Dichters Lyrik, obwohl diese in ihrer Klarheit zu ihrem Verständnis der Kommentierung keineswegs bedarf. Doch es zeigt den Hintergrund. Es macht die komplizierte Persönlichkeit Blocks verständlicher. Darin ist vieles, was ihn bewegte, noch viel krasser und unverhüllter formuliert. Dadurch entsteht ein überaus fesselndes Bild von dem reichen und bewegten russischen Geistesleben der vorrevolutionären Periode, das noch in seinen widersprüchlichsten und seltsamsten Erscheinungen insgesamt als Vorahnung eines kommenden großen Wandels erscheinen mag und muß.
Hier nachlesbar Alexander Blocks Stolz auf gelehrte und literarische Familientraditionen. Nachlesbar seine Krisen, psychischen Labilitäten, verhängnisvollen Leidenschaften. Hier seine oft schroffen, unbestechlich scharfen Urteile über das zeitgenössische kulturelle Leben und dessen Vertreter. Hier Brief und Tagebuch anvertraut seine bis zu Ekel und Haß gesteigerte Antipathie gegen das verrottete zaristische Regime und die Vulgarität der Bourgeoisie.
Hier aber auch Erklärungen für manche der eigentümlichsten Motive seiner Gedankenwelt: Wenn etwa Block in dem gleich den Zwölf im Januar 1918 entstandenen Gedicht „Die Skythen“ Rußland als eine Sphinx der alten Welt Europas entgegenstellte und asiatische Drohungen beschwor, um zu Besinnung, Verbrüderung und Frieden aufzurufen, dann wird solche die Geschichte mythologisierende Vision leichter verständlich, wenn man weiß, wie tief den Dichter die Ideen des Religionsphilosophen Wladimir Solowjow beeinflußt haben.
Und hier vor allem erkennbar die Kontinuität in Leben und Werk Blocks: Wenn er nach der Oktoberrevolution zu den wenigen Angehörigen der bürgerlichen Intelligenz gehört, die sich sofort zu loyaler Zusammenarbeit mit der Sowjetmacht bereit erklären, wenn er dabei den Bruch mit alten Freunden und deren Feindschaft in Kauf nimmt, dann ist dies keine abrupte Wendung, sondern die Konsequenz aus längst gehegten Überlegungen, aus dem schmerzlichen Empfinden der Kluft zwischen Intelligenz und Volk, aus dem Gefühl des Versagens der Intelligenz vor der Revolution.
Er sieht die Revolution als Zerstörung und Untergang der langst verdammten alten Welt. Er sieht sie aber auch als „Musik“, nämlich in Übereinstimmung mit dem Rhythmus und der Harmonie der Welt. Er sieht sie in den weitreichendsten Epochendimensionen, vergleicht die von ihr bewirkte Weltenwende mit dem Ende der Antike und den Anfängen des Christentums. So vermag er etwa auch den Verschwörer Catilina, von dem die Geschichtsschreiber ein durch und durch negatives Bild überlieferten, positiv als einen frühen römischen Revolutionär zu deuten und erkennt in einem Gedicht Catulls die Reflexe einer revolutionär erregten Zeit.
Beweisbar ist da nichts, die Einfühlung ist alles. Der Dichter bleibt Dichter, auch wenn er sich zu den res publica, den „öffentlichen Angelegenheiten“, äußert. Aber gerade so sieht er auch das anderen Verborgene. „Was bin ich vorerst? Nur dies — ich habe einiges gesehen im Wachen und Schlafen, was andere nicht gewahrten“, lautet eine Tagebuchaufzeichnung aus dem Jahre 1911, die bezeichnenderweise im Zusammenhang mit höchst grimmigen Urteilen über Abscheulichkeiten des St. Petersburger Lebens und gewagtesten geschichtsphilosophischen Spekulationen steht.
Und drei Jahre vorher schon in einem öffentlichen Vortrag, in dem vor den Elementarkräften und des Volkes die übliche bürgerliche Kultur als nichtig erscheint, dieses Fazit:

Noch wissen wir nicht genau, was für Ereignisse wir zu gewärtigen haben, doch in unserem Herzen hat der Seismographenzeiger bereits ausgeschlagen.

Nicht in der verführerischen und berauschenden Schönheit seiner Gedichte allein will uns da die Größe des Dichters Alexander Block begründet sein, sondern ebenso in dem seismographisch empfindlichen Spürsinn, mit dem er unter Masken und Verkleidungen, hinter Katastrophen, Dämonien und Apokalypsen die Wahrheit seiner Epoche erahnte und ihr folgte.

Helmut Ullrich, 7.8.1978

Kalenderblatt für Alexander Block

Und sie schreiten majestätisch.
Hinten: Hund und Hungerleid;
Aber vorn: mit blutiger Fahne,
Unter Wind- und Schneegeleit
Gegen Blick und Blei gefeit,
Eisperlschimmer, Flockenglosen
Um den Kranz aus weißen Rosen
Und voll Sanftheit jeder Schritt,
Schreitet Jesus Christus mit.

Der 1918 mit diesen abschließenden Versen den Zug einer Rotgardistenpatrouille beschreibt, dem er den Gottessohn vorangehen läßt, kam aus dem Bürgertum und hatte sich als Symbolist einen Namen gemacht, war lange der Protagonist einer mystischen Lyrik gewesen, hatte die Romantik überwunden, aber den Realismus noch nicht für sich entdeckt: der Dichter Alexander Block.
Die Zwölf nannte er sein Poem, das „die Musik“ der Revolution ertönen ließ und — wie Majakowski nach dem frühen Tod des Dichters schrieb „einer vierzigjährigen Periode der russischen Dichtkunst und Auftakt einer Poesie des realen, geschichtsmächtigen Menschen“ war. Nicht nur wegen des Themas gilt dieses Werk als seine reifste Dichtung, sondern auch und vor allem, weil es ihm mit dem vielstimmigen Bau jenes Poems gelang, als erster geschichtliche Repräsentanz für die nachrevolutionäre russische Poesie zu erreichen.
Alexander Block, der 1880 geboren wurde und 1921 starb, stand als Dichter zwischen Dekadenz und Revolution. In diesem Spannungsfeld entwickelte er sich zu einem der größten Poeten seiner Zeit, dessen Werk — beginnend mit den romantisch verklärten „Versen von der schönen Dame“ und gipfelnd in dem weitausschreitenden Revolutionspoem Die Zwölf — einen hohen Stellenwert in der Weltliteratur einnimmt. Immer wieder rückte er die Frage nach einer würdigen Menschenexistenz in den Mittelpunkt seines Schaffens. Und wenn er auch kein Revolutionär der Tat war, so war er doch allemal ein von entschiedener Leidenschaft getriebener Prophet der Revolution.
Dieser sprachgewaltige Wortführer einer neuen Zeit hat — wie Konstantin Paustowski betonte „in seinen Gedichten und in seiner Prosa ein beträchtliches Stück der russischen Geschichte durchschritten, von der unheilvollsten Periode der neunziger Jahre bis zur Oktoberrevolution“. Er sei ein Hüter der Poesie, ihr Troubadour, ihr Schwerarbeiter und ihr Genius.
In welcher Weise das ebenso umfangreiche wie vielgestaltige Werk Blocks auch hierzulande bewahrt und schöpferisch genutzt wird, das belegen Editionen des Verlages Volk und Welt. Neben einer repräsentativen Gedichtauswahl in der weißen Lyrik-Reihe erschien vor drei Jahren eine ebenfalls von Fritz Mierau herausgegebene Werkausgabe in drei Bänden, die man gut und gern als Jahrhundertausgabe bezeichnen darf.

Horst Buder, Neue Zeit, 10.8.1981

Der Schrauben Toben oder Schwierigkeiten

mit dem Lyriker Alexander Block

– Anläßlich einer neuen dreibändigen Auswahl der Werke. –

Anfangs der zwanziger Jahre fand das unheimliche Revolutionsgedicht „Die Zwölf“ von Alexander Block ein weltweites Echo. Dennoch ist dieser überragende Dichter des russischen Symbolismus, der auch im gesamteuropäischen Kontext zu den Klassikern der Moderne zu zählen wäre, außerhalb seiner Heimat bis zum heutigen Tag eher unbekannt geblieben. Blocks umfangreiche und vielschichtige Lyrik läßt sich schwer übersetzen, weil sie in einer alles durchdringenden „Sprachmusik“ aufgeht. Allerdings hat diese nur bedingt mit Verlaines Devise „Musik vor allen Dingen“ zu tun, der sich die meisten Symbolisten verpflichtet fühlten. Musik war für Block nicht bloß ein Problem der Formgebung, sondern der Eckstein seiner Weltanschauung schlechthin.
Der Wagner-Bewunderer Block begriff – von Nietzsches Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik angeregt – Musik als eine Elementarkraft, von der das gesamte Universum getragen wird, als die Ur-Kraft, die auch die Weltordnung und gar den Gang der Geschichte bestimme und lenke. Dieser „mystische Nebel“ hat sich bei Block als eine vorbehaltlose Begeisterung für die Oktoberrevolution von 1917 niedergeschlagen, die manchen seiner Schriftstellerkollegen und die Aristokratie, der er entstammte, befremdet hatte. Aus dem „revolutionären Chaos“ glaubte Block die „entfesselte Musik“, die „Elementarkraft“ herauszuhören. Freilich schon einige Monate später zeigte er sich zutiefst betroffen, daß „die Musik der Revolution verstummt ist“.
Um ausgerechnet Blocks letzte Lebens- und Schaffensperiode als rosarotes Happy-End zu deuten, wie es in einigen sowjetischen Block-Darstellungen der Fall ist, muß man schon von manchem absehen. Etwa von den aufschlußreichen, zwischen 1917 und 1921 entstandenen Aufsätzen, Reden, Briefen und Tagebücher-Passagen, welche die bisher umfangreichste, dreibändige deutsche Block-Ausgabe Ausgewählte Werke zur Geltung kommen läßt. Die vorbildlich mit Textkommentaren, Personenregister, Bilddokumenten sowie einer einzigartigen Bibliographie deutschsprachiger Block-Nachdichtungen angereicherte Auswahl wurde von Fritz Mierau und einem mehr als zwanzigköpfigen DDR-Übersetzerkollektiv für den Ost-Berliner Volk und Welt-Verlag besorgt und von Hanser als Lizenzausgabe übernommen. Sie ist zwar am sowjetischen Block-Bild orientiert, doch bleiben der Wille zur Eigenständigkeit, die Bemühung um eine differenzierte Block-Präsentation erkennbar Es ist ein weiteres Verdienst dieser Ausgabe, daß sie mehr als die Hälfte ihres Umfangs dem „Publizisten“ Block einräumt, von dem man sich in Deutschland – sieht man von einem Suhrkamp-Bändchen ab – bisher keine Vorstellung machen konnte. Dabei wird nicht nur Blocks Biographie abgesteckt, sondern auch die Entwicklung seiner Kunstauffassung und Weltanschauung dargelegt sowie die gesellschaftliche und politische Szenerie der Zeit erhellt. Es zeigt sich, wie eng der Publizist Block mit dem Lyriker zusammenhängt. Viele Probleme, mit denen er sich in den Aufsätzen auseinandersetzt, Themen wie „Religiöse Suche und das Volk“, „Volk und Intelligenz“, „Die Elementarkräfte und die Kultur“, „Intelligenz und Revolution“, „Ironie“, „Farben und Worte“, „Der Zusammenbruch des Humanismus“ und andere mehr, kommen auch in seiner Lyrik zum Ausdruck. Bedauerlicherweise ist der erste Band dieser Ausgabe, der die Gedichte enthält, Block so manches schuldig geblieben. Das liegt nicht an der Auswahl, sondern an den Übersetzungen. Wieder einmal erwies sich, daß jene „totale Sprachmusik“ kaum wiederzugeben ist. Selbst diejenigen der neunzehn Nachdichter, die sich um rhythmisch-melodisch durchstrukturierten, ja sogar gereimten Vers bemühten, erreichten nur selten die selbstverständliche Virtuosität des Originals.
Als problematisch erscheint mir in diesem Band auch der ansonsten sehr kenntnis- und gedankenreiche Einführungsessay von Fritz Mierau. Sein Bemühen, die mystische Perspektive Blocks mit der des „Historischen Materialismus“ um jeden Preis zu vereinigen, führt nicht selten zu kuriosen gedanklichen und sprachlichen Zwitterbildungen. Zum Beispiel: „Da Block mit dem Vergeltungssieg der Elementarkräfte in der Oktoberrevolution die gesamteuropäische Erstarrung durchbrochen glaubte, baute er auf den Anschluß aller solidarischen Kräfte des Westens (sic!), auf die Unterstützung der russischen Revolution. Das Gedicht (die Rede ist hier von den „Skythen“, dem allerletzen großen Gedicht Blocks vom Januar 1918) entstand in dem Augenblick, als die Bedrohung des revolutionären Rußlands durch das deutsche Kaiserreich noch bestand, vor dem Friedensschluß von Brest-Litowsk“. Befremdend auch die technokratisch-funktionalistische Betrachtungs- und Ausdrucksweise in Äußerungen wie:

Blocks Dichtung entsteht, indem ständig Kult und Lästerung gegeneinandergetrieben werden.

Antonin Brousek, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.10.1978

7

Wiederbegegnung und Entfremdung

Polemik gegen Petersburg

Im März 1907 war ich wieder in Moskau; Blok und ich hatten uns nicht mehr geschrieben; die persönliche Entfremdung bekam nun eine äußere Form; plötzlich fanden wir uns in feindlichen literarischen Lagern; die Unstimmigkeiten, von denen die Rede war, erhielten jetzt einen äußeren Ausdruck; in Moskau, in den literarischen Kreisen um Skorpion, Vesy, Zolotoje runo, Pereval führte ich einen offenen Angriff auf die literarische Stellung Bloks und äußerte mein Mißvergnügen über seine Gedichte; die Zeit meiner persönlichen Umwertung der Poesie Bloks fiel mit dem Beginn seiner Popularität zusammen; sein Name war in aller Munde; mir fiel es besonders schwer, den Dithyrambus hören zu müssen, den man auf die Gedichte Bloks sang – und nicht auf jene, die mich einst begeistert hatten, sondern auf die, welche ich als befremdend empfand; ich war aufrichtig überzeugt: Blok verkauft sein theurgisches Erstgeburtsrecht, die Krone des Lebens gegen den Lorbeerkranz des dichterischen Ruhmes. Und ich wiederholte die Verse Brujsovs:

Wehe dem, der vertauscht
Gegen den Kranz seine Krone.

Ich sah, daß Blok für viele der Dichter der Schaubude und der „Unbekannten“ war; indessen, so glaubte ich, sei die Schaubude ein Symptom für den Verfall seiner poetischen Muse; und die Gerüchte, die damals in den literarischen Kreisen Moskaus kursierten, sprachen von einer äußerst engen Verbindung zwischen Blok und G.I. Tschulkov, der mit Eifer in Zeitungen und Zeitschriften den mystischen Anarchismus verkündete, und zwischen Blok und Vjatscheslav Ivanov, dessen gerade erschienenes schmales Buch Eros – in meinen Augen – Erotizismus in dem Gewand religiöser Symbolik propagierte; alles das war für mich ein Anlaß, meine galligen Gedanken über Blok deutlich, vernehmbar auszusprechen. Meine Nervosität, Abgespanntheit und große physische Schwäche – Folgen der überstandenen Operation – waren die Voraussetzung für gereizte Ausfälle. Besonders schmerzlich war für mich die Beobachtung, daß unter der literarischen Jugend, die sich für die Gedichte Bloks begeisterte, meine Ausfälle gegen diese Gedichte und die Polemik gegen Petersburg anders aufgefaßt wurden, als ich mir gewünscht hätte; die einen sahen in mir nur den Räsoneur, Theoretiker bis zum Überdruß, und übersahen dabei, daß alle Ausfälle gegen die zweideutige Mystik des Petersburger Symbolismus durchaus nicht als Entgleisungen eines „Rickertianers“, zu dem ich in polemischer Absicht gestempelt wurde, aufzufassen waren; war ich doch immerhin der Autor der „Symphonien“, der Aufsätze von den „Heiligen Farben“, der „Theurgie“, und alles hätte man mir zutrauen können, alles – außer der Neigung zur toten Abstraktion; dazu kamen die anderen, die in meiner polemischen Aggressivität etwas witterten, was sie als Mißgunst gegenüber dem wachsenden Einfluß Bloks auslegten; früher pflegte man zu sagen: „Belyj und Blok“ und uns nebeneinanderzustellen als Verkünder der fortschrittlichen Strömung in der Kunst; jetzt hießt es:

Ja – Blok, Gorodeckij, Ivanov, Kuzmin – das sind die Sprecher der Neuen; aber Belyj und Brjusov sind Reaktionäre: sie sind antiquiert, auf der Strecke geblieben.

Dieses Urteil über die Motive meiner Polemik reizte mich am meisten; und meine Ausfälle gegen Blok, Ivanov und Tschulkov wurden immer schärfer; dieser wilde Eifer wurde von Ellis und auch von Brjusov geschürt, zum Teil auch von Sergej Solovjov. Bei meiner Rückkehr aus dem Ausland nach Moskau war im Verhältnis von L. Kobylinskij zur Zeitschrift Vesy eine erstaunliche Veränderung eingetreten. Brjusov und Ellis (L.L. Kobylinskij) hatten sich ausgesöhnt und in Moskau – während ich in Paris krank lag – die Gesellschaft für freie Ästhetik gegründet; Ellis, vor kurzem noch Gegner von Vesy war plötzlich Mitarbeiter dieser Zeitschrift geworden; auch Solovjov nahm Verbindung mit Vesy auf: seine philologischen Interessen führten ihn mit der engeren Redaktionsgruppe zusammen, in der die formale Behandlung der philologischen und stilistischen Probleme, die Tendenz zu einer endgültigen Formel für die Schule des Symbolismus immer deutlicher dominierte; in der Redaktion von Vesy formierte sich ein Kern, bestehend aus Theoretikern, die die literarische Politik der Gruppe bestimmten; sie wurden von Ellis beeinflußt, einem Politiker seiner marxistischen Vergangenheit nach, selbstlosem Agitator und selbstlosem Intriganten; indem er den Dualismus von Leib und Geist predigte, glaubte er in jeder Verbindung mystischer und literarischer Absichten einen unzulässigen gotteslästerlichen Mischmasch zu sehen; ideale Deutlichkeit in der Formulierung ästhetischer Normen glaubte Ellis bei Brjusov zu finden; Ellis war bereit (vollkommen selbstlos), jedem an die Gurgel zu springen, der nicht davon überzeugt war, Brjusov wäre der führende Dichter unter uns; feierlich erklärte er ihn zu unserem maître; die Petersburger aber, die Ivanov zum Lenker der Geschicke des Symbolismus erwählt hatten und Blok auf das Piedestal stellten (nicht zuletzt um uns, die Moskoviter, auszustechen), weckten dadurch in dem unbändigen Ellis den Willen, allen – allen – allen die Fehde anzusagen; Ellis konnte Vjatscheslav Ivanov persönlich nicht ausstehen und verhielt sich Blok gegenüber zunehmend aggressiv, weil er ihn des „Konformismus“ verdächtigte; er war über meine Zwistigkeiten mit Blok unterrichtet, nahm ungeteilt meine Partei und umgab mich ständig mit der Emanation seines leidenschaftlichen Zornes gegen Blok; und völlig uneigennützig entfachte er in mir jeden Funken einer Mißstimmung zu dem Feuerbrand des Zornes; und das Schärfste, was ich in der mir zur Verfügung stehenden Spalte von Vesy oder Pereval geschrieben habe – alles war gesteigert und genährt durch die Leidenschaftlichkeit von Ellis.
Sergej Solovjov, der sich mit Blok entzweit und sich offen den unbezähmbaren Agitatoren von Vesy angeschlossen hatte, schloß sich in diesem Punkt nicht nur dem kampflustigen Ellis an, sondern ging sogar weiter: er glaubte in den Bestrebungen des populären „mystischen Anarchismus“ etwas zu sehen, was das innere Wesen von Moral, Ästhetik und Religion zersetze; bei Brjusov, bei Ellis fand er eine harmlose Urteilslosigkeit gegenüber seinem eigenen religiösen Credo; seine eigenen ästhetischen Bestrebungen führten ihn ebenfalls zu Brjusov, noch vor dem verwandlungsfreudigen Ellis; als der mir am nächsten stehende Mensch (beinahe ein Verwandter) übte er einen starken Einfluß auf mich aus, ebenso wie Ellis.
Brjusov kam es gelegen, unsere persönlichen Emotionen im Kampf gegen die Richtungen von Ivanov, Blok und Tschulkov einzusetzen: in uns gewann er unermüdliche Knappen seiner Ideologie; und zweitens: es wäre für ihn unschicklich gewesen, ohne unseren Beistand sein Erstgeburtsrecht zu behaupten; Valerij Brjusov war ebenfalls ein Politiker, aber ein Politiker ganz besonderer Art (durchaus kein selbstloser). Er verstand sehr geschickt unsere Stimmung auszunutzen und sie beim Ausbau seiner Ideologie einzusetzen, der Ideologie des sogenannten Moskauer Symbolismus, der das Schwert gegen das „konformistische“ Petersburg schwang; Brjusov, der offizielle Redakteur der Zeitschrift Vesy (ein Mann ohne eigene philosophische Ideen, nur mit Geschmack und Erudition), wußte uns drei meisterlich einzusetzen; er überließ mir die philosophische Begründung des Symbolismus; er ließ Ellis die Freiheit, Attacken gegen Petersburg zu reiten; er überließ Solovjov die Kritik von Werken, die ihm selbst nicht genehm waren; und so wurden drei Urargonauten von jeher (ich, Ellis, S.M. Solovjov), zum Stab einer Armee, die einen Feldzug gegen eine Gruppe von Schriftstellern eröffnete, deren Kern Ivanov, G. Tschulkov und Blok bildeten. Zinaida Hippius (unter dem Pseudonym „Anton Krajnij“) schloß sich uns an.
Der ursprüngliche Kern des Symbolismus, zu dem Ivanov, Blok und ich uns zusammengefunden hatten, war jetzt gesprengt (einige Jahre später fanden wir uns wieder); diese vorzeitige Spaltung leitete die Krisis des Symbolismus ein; darüber ist später viel geschrieben worden. Eigentlich ist der Symbolismus niemals eine Schule gewesen, sondern die Tendenz zu einem neuen Weltgefühl, das einen eigenen Zugang auch zur Kunst erschließt; die neuen Formen in der Kunst sahen wir nicht als bloßen Formenwechsel, sondern als deutliches Zeichen der verwandelten Weltschau, verursacht durch das Keimen neuer Wahrnehmungsorgane in unserem Inneren; wir drei (Blok, ich und Ivanov) waren uns einig: es naht die Krisis des Bewußtseins, und es naht die Krisis der Kultur; es reift die geistige Revolution in der Welt; wir drei waren auf eine natürliche Weise verbunden in unserer Beziehung zu der Ideologie Vladimir Solovjovs. Aber wir hatten nicht nur unsere Neigungen gemeinsam (für mich lag der Schwerpunkt auf der Krisis der Philosophie; Vjatscheslav Ivanov begründete damals sein Credo auf der vergleichenden Philologie, Archäologie und auf den neuen Forschungsergebnissen über die religiösen Bräuche der Hellenen; Bloks Credo erwuchs, wie wir bereits gesehen haben, aus seiner inneren Erfahrung). Unsere Gemeinsamkeit wurzelte in der natürlichen Übereinstimmung, mit der wir auf die Phänomene der Kunst reagierten, in der Solidarität des Geschmacks; aber nicht allein darin, nicht allein in der Solidarität des Geschmacks lag die gemeinsame Basis der Symbolisten par excellence; der religiös-philosophische Grundton aller Bestrebungen: „der Symbolismus als Weltanschauung, als Weltgefühl“ – das war das eigentlich Verbindende; unter Symbolismus verstanden wir die wahrhafte Wirklichkeit der Begegnung mit der geistigen Welt in den Bildern, die uns die Kunst gibt; Blok erfuhr jene Wirklichkeit unmittelbar, konkret, V. Ivanov als transzendentaler Realist (in seiner Lehre von den „res“, der Symbolik usw.); und ich war bereits damals Anthroposoph, ohne mir dessen bewußt zu sein; wir drei distanzierten uns aufs schärfste von dem banalen Positivismus, von der erotisch-geschmäcklerischen Einengung der ästhetischen Anschauung; wir drei distanzierten uns auf eine selbstverständliche Weise von den Ästheten, Impressionisten und Dekadenten, unseren zufälligen Weggenossen; mit ihnen hatten wir lediglich den kulturellen Anspruch gemein und den Protest gegen das geringe Kulturniveau jener, die nicht zu unterscheiden vermochten und uns alle in einen Topf warfen als „Symbolisten, Ästheten und Dekadente im allgemeinen“.
Die „Schule“ des russischen Symbolismus begnügte sich nicht mit den einzelnen Problemen der Technik des Wortes, der Untersuchung der Metapher, des Lautes, der Instrumentation; obwohl gerade in dieser Schule mit gebührendem Eifer die technische Perfektion des Verses vorangetrieben wurde; die Schule des russischen Symbolismus begnügte sich nicht mit solchen Einzelproblemen; der Akmeismus mit seinem Protest gegen den russischen Symbolismus (als Futurismus, Imaginismus usw.) stand nicht außerhalb, sondern innerhalb der „Grenzen“, die von den Symbolisten abgesteckt waren, als Spezialisierung von Anliegen, die sie bereits ausgesprochen hatten; mit den Imaginisten und Futuristen läßt sich nicht streiten, denn sie sehen vor lauter Bäumen den Wald nicht, in dem sie Stellung bezogen haben: Dieser Wald ist der Symbolismus.
Was ist denn die „Schule“ unseres Symbolismus nach Blok? Der Symbolist ist der Besitzer eines geheimen „Schatzes“ (einer geistigen Wirklichkeit); der Symbolist glaubt zunächst, der einzige Besitzer dieses Schatzes zu sein. In seinem Artikel über den Symbolismus schreibt Blok:

Du bist der einsame Besitzer eines Schatzes; aber in deiner Nachbarschaft gibt es noch andere Wissende… Das sind wir: die wenigen Wissenden von dem Schatz und seither Symbolisten… So keimt der Symbolismus, dann entsteht die Schule.

Nach Blok ist die Schule des russischen Symbolismus eine intime Bruderschaft von Menschen, die „die Morgenröte konkret gesehen haben“; diese Morgenröte ist die Heimat, ist der Geist. So entstand der Symbolismus. So, wie wir uns begegnet waren (Sergej Solovjov, ich und Blok), so begegneten sich nur Esoteriker, Verschwörer im Geiste:
„Hier… ,Zwinkerte man sich zu‘, im Einverständnis darüber, daß es eine Spaltung gibt zwischen dieser Welt und den ,anderen Welten‘“ (aus demselben Artikel); „Der Symbolist ist von Urbeginn an – Theurg, das heißt Besitzer eines geheimen Wissens, dem das geheime Tun folgt“ (idem).
Der Stil unserer Begegnungen und Gespräche en trois (Sergej Solovjov, ich, Blok) in den Jahren 1904 und 1905 war eine Form von diesem „Zwinkern“ aus einem Wissen heraus, auf das ein „Tun“ folgen sollte; „Lapan“, den Solovjov erfunden hatte, war nichts anderes als eine Spielmöglichkeit dieses „Zwinkerns“. Hélas! Das „Tun“ blieb aus; und die theurgische Glut des Symbolismus wurde in der Folge von dem Schnee und der Asche der „Ästhetik“ zugedeckt; diese Ästhetik nahm in Petersburg von selbst die Bedeutung eines „Stils“ an, einer „Darstellung“ symbolistischer Mysterien (des „Tuns“), zum Beispiel an jenem oben erwähnten Abend mit Nadelstechen und Schriftstellerreigen; in Moskau antworteten wir darauf mit einem Protest, indem wir die Ästhetik des Symbolismus bewußt auf trockene Untersuchungen über Form, Rhythmus, Methode einschränkten; in der Begrenzung, in der äußeren Abkehr von Mystik und Mysterium, in dem Pakt mit Brjusov (dem Formalisten und Ästheten) versuchten wir das kompromittierte theurgische Anliegen des Symbolismus in die Katakomben, in das Schweigen zu retten, nachdem es in Petersburg, unserer Meinung nach, durch die offensichtliche Fahrlässigkeit… Bloks geschändet war; so glaubten einige Argonauten in Moskau. Die Petersburger aber, vor allen Dingen die „in das Land der Symbolisten“ neu Zugewanderten (und von uns als Parvenus angesehenen) glaubten zu wissen: in unserer Mäkelsucht und der Neigung zur Formel liegt ein Verrat an den noch vor kurzem gemeinsam beschrittenen Wegen; so konsolidierten sich zwei Fraktionen: die des Moskauer und die des Petersburger Symbolismus (Skorpion und Ory); die Petersburg er waren für uns Bolschewiki und Extremisten; und als Extremisten schienen sie uns eine wichtige, uns allen auferlegte Aufgabe zu gefährden; wir glaubten: beliebige Spießer schließen sich ihnen an, die mit der „Esoterik“ des Symbolismus nichts gemeinsam haben, die gestern noch unsere Gegner, Konterrevolutionäre der Kunst gewesen waren, heute aber ihre Position gewechselt und uns, die Revolutionäre, welche gestern noch für die Freiheit der Kunst fochten, für rückständig erklärten; dieser Art war das Pathos der schroffen Artikel, mit denen wir in Vesy auf Ory zielten; und die Petersburger antworteten auf diesen Angriff, indem sie uns für Verderber der guten Sitten in der Literatur, für Räuber ohne Geschmack und Gehör und für Rationalisten erklärten. Das Recht war auf beiden Seiten – und ebenso das Unrecht; in der Prophezeiung des Untergangs des Symbolismus – eines Untergangs, bei dem die Strömung (als Ganzes) zerstört wurde – sollten wir recht behalten; aber die Petersburger, die sich mit Grund über den „Ton“ der Polemik, den wir angeschlagen hatten, empörten, hatten ebenfalls recht; das breite Publikum konnte die Feinheiten des Fraktionskampfes nicht durchschauen, der ihm als Sturm im Wasserglase vorkam.
Es war ein echter Notruf, als ich schrieb:

Manchem von uns fällt die zweifelhafte Ehre zu, sogar den Traum von dem Mysterium in brünstige Bocksprünge zu verwandeln.

Die, wie es uns damals schien, korrupten Petersburger Gepflogenheiten infizierten Moskau; auch hier kam es zu hybriden Vereinigungen von Neuerern, die einen Kompromiß mit der trägen Menge eingingen, und „Überläufern“ aus den Reihen der geschworenen Kunstreaktionäre, die nun mit dem „Symbolismus“, mit dem Neuen ins Geschäft kommen wollten; an ihre Adresse schrieb ich später:

Heute ist jedes Talent von einem Hof von Sklaven umgeben; ein Sklave aber weiß: dem liebsten unter den Seinen wird der Herr die Freiheit schenken; und ein Freigelassener ist heutzutage der erste Prätendent auf den literarischen Thron des Patrons… Halte keine Sklaven, werde nicht seßhaft in einem besiegten Land, bleibe ein freier Krieger: dein Sinn sei immer in die Zukunft gerichtet.

Dieses Talent, von Sklaven und Freigelassenen umringt, sollte Blok sein; der mystische Anarchismus und seine Formeln zur Erweiterung des Symbolismus galt in Moskau als reaktionäres Bestreben, das das Entstehen des „unreinen“ Symbolismus begünstigte; wir stellten Ivanov und Blok das kategorische Ultimatum, offen zu brechen mit all denen, die sie mit Schmeichelei (wie es uns schien) in das eigene Lager locken wollten, um aus dem Neuen Gewinn zu schlagen; selbstverständlich hielten sie ein Ultimatium dieser Art für einen Gewaltakt; wir drängten auf ein Schuldbekenntnis:

Nach wie vor sind die Höhen von den Soldaten unserer Bewegung besetzt, die die Fahne des Symbolismus siegreich hochhalten… Mühsam schleppt sich der Troß hinterher. Der Troß der Literatur jeder Bewegung, wimmelt von Geschäftemachern.

Diese überheblichen Redensarten – welch schmerzlichen Vorwurf bedeuteten sie später für mich: genau zu jener Zeit, als Ellis, ich und Solovjov sich fanatisch für die Reinheit des Symbolismus einsetzten, spielte sich hinter unserem Rücken ein offenkundiger Kuhhandel ab, dessen Gegenstand unser eigener Fanatismus war; wir waren nichts als blinde Werkzeuge.
Das konnten wir damals nicht sehen; Ivanov konnte durchaus glauben, daß wir den „Realismus“ des Symbolismus an eine subjektivistische Zersplitterung verraten wollten, „Mystik“ an Rationalismus und Kantianismus, „schöpferischen Akt“ an methodologischen Handgriff; zu dieser Ansicht neigte sehr oft auch Blok; so wirkten auf ihn meine nachstehenden Überlegungen: 

Der Symbolismus in der Kunst betrifft nicht die Technik der Aussage… Der Kampf der Kunstrichtungen untereinander berührt die Probleme des Symbolismus nicht… Erst wenn wir die vor uns stehenden Probleme im Lichte der Psychologie und der Erkenntnistheorie betrachten werden, erst dann werden wir begreifen, wo die eigentlichen Probleme des Symbolismus liegen. Aber um diese Gipfelhöhen des Gedankens braust der kalte Sturm, vor dem die modernen Mitrofanuschki sich so sehr fürchten… die dem Symbolismus den Trauermarsch blasen.

Mit Mitrofanuschka war der mystische Anarchismus gemeint, der „unseren“ Symbolismus als einen „Kantianismus“ interpretierte und damit meine zornige Antwort herausforderte:

Zwitschere, Singvögelchen, auf deinem Ast, aber hüte dich um Gotteswillen, eine Fuge von Bach nachzupfeifen, die du durch das Fenster gehört haben könntest. Um ein Musiker des Gedankens zu sein, genügt das Blasen noch lange nicht: „Blasen ist nicht Flöten – Ihr müßt die Finger bewegen“ (Goethe).

Dieser Singvogel, der durch unsere, der Moskauer, Haltung verstimmt war, sollte ebenfalls Blok sein. So war Blok die einzige geheime Schlüsselfigur dieser Polemik; ihn griff ich an, aber nicht um ihn zu stürzen oder im Kampf zu besiegen, sondern um ihn für die frühere lichte Welt zurückzugewinnen, um in dieser Welt den Weg zu ihm wiederzufinden; ja, ganz sicher, die Bitterkeit der an ihn gerichteten Sätze war durchpulst von geheimer Liebe zur Vergangenheit; als Werkzeug in den Händen von Brjusov, in der Atmosphäre gegenseitiger Aufwiegelung gegen Petersburg (Sergej Solovjov, Ellis und ich) verwandelte sich die Verbitterung nach dem „Verlust eines Freundes“ in Aggression; mir wurde zugetragen, daß ich dort, in Petersburg, der „Räuber“ genannt wurde, der „Wegelagerer“. Nach der Rückkehr aus Paris geriet ich in Moskau in den brodelnden Kessel literarischer Polemik; ich kam sehr oft mit Ellis zusammen (entweder in meiner Wohnung oder im „Don“), um die Thesen eines literarischen Programms zu erarbeiten oder einen neuen polemischen Streifzug zu planen. Zuweilen gesellte sich Brjusov zu uns, der aufrichtig um „guten Frieden“ in den eigenen Reihen bemüht war (des „guten Krieges“ mit Petersburg wegen); die Sitzungen der Gesellschaft für Freie Ästhetik, die im Rahmen der Literarischen Vereinigung stattfanden, die Referate, die ich zu halten hatte – das betrachtete ich als Mittel, den nagenden Schmerz in meiner Seele zu betäuben; die „Ästhetik“ hatte mich ernsthaft interessiert und Ellis bemühte sich auch, mich zu engagieren; und völlig unerwartet sah ich mich im Komitee der Gesellschaft; dazu gehörten der Kunstkenner Dr. I.I. Trojanovskij, die Maler V.A. Serov und V.V. Perepljotschikov, Girschmann, V. Brjusov; die Musiker – N. Kotschetov und, wie ich glaube, Korestschenko (vielleicht auch Mejtschik); als Sekretär amtierte V.V. Paschukanis, der einige Jahre später erschossen wurde. Um diese Zeit hielt ich meine ersten öffentlichen Vorträge, denen so lange Erfolg beschieden war, bis die Zeitungen eine Hetzkampagne eröffneten und zum Boykott aufriefen (zunächst ahnte ich noch nichts von den Freuden, die mir die Presse bescherte); die Vorträge führten zu neuen Begegnungen: mit der studentischen Jugend, mit Arbeitern, Revolutionären; das Leben wurde immer mehr zu jener ermüdenden Hast, unter der ich später so gelitten habe. Ein Leben zwischen Telefonaten, Besuchern, Einladungen hierhin und dorthin, theoretischen „prinzipiellen“ Aussprachen; aber unter all diesem intellektuell interessanten Treiben blieb ein steter Schmerz; das Herz konnte sich noch immer nicht mit dem kaum überstandenen Drama des Bewußtseins zufriedengeben. Ich kam oft mit S.M. Solovjov zusammen, der gerade von einer sehr schweren rheumatischen Erkrankung genas, die er sich bei einer der winterlichen Fahrten nach Djedovo zugezogen hatte. Nach meiner Ankunft in Moskau fand ich ihn auf dem Krankenlager; er empfing mich mit einem gelassenen und ein wenig tragischen Scherz.
„Ja, siehst du, so weit sind wir gekommen: du bist dort in Paris unters Messer gekommen, bist fast verblutet, und ich hier kann meine Beine nicht mehr bewegen.“
„Ja, wir haben ausgespielt…“
Und wir hatten beide den Eindruck, daß die vergangenen Jahre, die wir im fieberhaften Suchen nach Wegen verbracht haben, die uns mit der Revolution konfrontiert und von uns eine konkrete Tat gefordert haben – jetzt in einer Krisis gipfelten, die die Form einer Krankheit annahm: ich brach in Paris zusammen, bald darauf S.M. Solovjov hier, in Rußland; und außerdem: sein Häuschen in Djedovo, wo noch Vladimir Solovjov gewohnt hatte, war abgebrannt: das Häuschen, in dem wir so vieles gemeinsam erlebt hatten! Wir dachten über unser Schicksal nach: aber nur selten erwähnten wir die Zeit bei Bloks; jetzt war Blok für Solovjov nur eine offizielle literarische Größe, die er als feindlich empfand; er kritisierte Blok schonungslos und stellte seinen Versen die Gedichte Vjatscheslav Ivanovs gegenüber.
Über Petersburg wurde manches geschwatzt. Es gingen Gerüchte um, dort geschähe „Gott weiß was“ und die „Mittwoche“ Ivanovs seien das unglaublichste Sodom und Gomorrha; selbstverständlich glaubte ich weder den Gerüchten noch den Verleumdungen und gab mir Mühe, alles zu überhören, was geredet wurde; aber ich fühlte: in dem Kreis, wo ich mich einst mit Blok getroffen habe, ist etwas auf die schrecklichste Art zerbrochen; was eigentlich geschehen war, wußte ich nicht (und wollte es auch gar nicht wissen); ich wußte nur eins: Ljubov Dmitrijevna hatte ihren Vater verloren (den alten Mendelejev), sie hatte sich völlig verändert (man sagte, sie sei nicht wiederzuerkennen) und war zur Bühne gegangen (diese Tatsache konnte ich ihr überhaupt nicht verzeihen, Gott weiß warum: ich meinte, das sei ein Verrat, Verrat eines „Mysteriengeheimnisses“); und weiter wurde erzählt, daß Blok in den Bann des Theaters geraten sei (seit der Aufführung seiner Schaubude), und daß er restlos von dem Theater der Komissarshevskaja in Anspruch genommen sei. Und wiederum: das „Theater“ betrachtete ich als bloße Kulisse im Leben von Blok und Ljubov Dmitrijevna; und den Drang zu den Brettern verurteilte ich als eine krankhafte Entartung der reinen theurgischen Bestrebungen der jüngsten Vergangenheit; Blok wurde nachgesagt, er habe sich verändert, er habe begonnen zu trinken, er gebe sich dem Rausch des Lebens hin – oder er schweige düster und zöge sich von allen zurück; man munkelte, er habe sich verliebt.
Alles, was ich zufällig über das Leben Bloks erfuhr, legte ich als einen Nadryv aus, als Geste des Schmerzes und der Gotteslästerung, als Frevel an einem Heiligtum, in dessen Namen wir erst vor kurzem zu einer gemeinsamen Wandlung uns vereint hatten; und nun hat sich diese Wandlung, in der wir vereint waren, bei Blok und Ljubov Dmitrijevna als „Harlekinade“ gezeigt, was mich und Sergej Solovjov aufs Krankenlager warf (in Moskau und in Paris): die Krankheit war nur der leibliche Ausdruck, ein Resultat der Verwandlungen im Geistigen. Und deshalb sind die Worte Solovjovs, mit denen er mich in Moskau empfing – „Ja, siehst du, so weit sind wir gekommen: du bist dort in Paris unter das Messer gekommen, und ich hier kann meine Beine nicht bewegen“ – in meinem Leben zu einem sibyllinischen Spruch geworden (Sergej Solovjov hatte mich häufig aufgefordert: „Los Borja, Du sollst wahrsagen!“ – indem er an meine sibyllinische Gabe appellierte, während er selbst der eigentliche Meister im „Wahrsagen“ war: Er „wahrsagte“ einfach verblüffend!).
Wir hatten das deutliche Gefühl, daß der „Mythos“ unseres Lebens, der weisheitsvolle „Mythos“, uns nicht zufällig zusammengeführt hatte (sowohl Vladimir Solovjov als auch Michail Solovjov standen als „mystische“ Bindeglieder zwischen uns), und später brachte uns dieser „Mythos“ zu Blok um eines großen, von dem geringen Verstand nicht zu begreifenden Auftrags willen, und wir haben uns, um mit Blok zu sprechen, „zugezwinkert“ wie Verschworene für eine große Sache; dieser „Sache“ wegen wählten wir die Bloks zu den „Älteren“; und nun stellte sich heraus: die große Sache war eine Komödie, die „inspiratrice“, die wir so verehrten – eine Komödiantin; der Theurg verfertigte die „Schaubude“ und wir – wir wurden ausgelacht: als die „Mystiker“ dieser „Schaubude“!…
Man fühlte: unsere Vergangenheit war verglüht, genauso wie das Häuschen in Djedovo mit seinen „weißen Glockenblumen“ – denselben wie in Pustynka! Die Asche der Vergangenheit wurde in mir jene „Asche“, die bereits vollständig niedergeschrieben war (um diese Zeit entstand die „Urne“); die Asche der Vergangenheit war für Blok jener „Schneestaub“, in dem alles verwehte, was uns vereint hatte; und die Frage drängte zu den Himmeln empor: „Wofür? Wofür?“ Ich und Sergej Solovjov fühlten, daß wir auf den Trümmern der Vergangenheit sitzen und warten; und wir beschlossen, daß wir den Sommer wieder zusammen verbringen wollten, um den Rhythmus des Künftigen zu erlauschen.
Mit den Kovalenskijs hatte ich mich um jene Zeit entzweit; Sergej Solovjov hatte sich ebenfalls mit ihnen auseinandergelebt; sein Häuschen war abgebrannt, und er war eben im Begriff, ein neues in Djedovo zu bauen. Wir beschlossen, ein leeres Haus in Petrovskoje zu mieten (dem unbewohnten Gut des Fürsten Golicin), das zwischen einem See und dem Saum eines dichten, dichten hohen Waldes stand (Petrovskoje lag zwei Werst von Djedovo entfernt).
Ich erinnere mich an diesen regnerischen Sommer: Nebel, Schweigen, stilles Nachdenken und stille Trauer um das Vergangene; hier vollendete ich den „Kelch der Schneestürme“; und hier schrieb ich die Gedichte der „Urne“; ja, hier verwandelten sich die stille Trauer und Ermattung, die die Vergangenheit hinterließ, in tiefe heilsame Traurigkeit – auf einer Wegkreuzung.

Wie still! Wie einfach alles ringsumher!
Wie karg und ohne Glut die Morgenräten!
Wie alles ringsumher wirst auch Du gehn, mein Freund, mein armer Freund.
Warum beginnt das Meer der Unrast in der Seele neu zu brodeln?

Ich erinnere mich an jene ganz besondere stille Traurigkeit des verregneten Sommers in Petrovskoje, als die Bäche über die Ufer traten und wir tagelang von den umliegenden Dörfern (Nadovrashino, Djedovo) abgeschnitten waren.

Was ist das für ein Ruf? Ist das ein Ruf?
Was kündet er?
Welch eine Trauer!
Wie tut sie wohl!

Ich erinnere mich an die weit ausladenden Gezelte der Bäume:

Und dort, wo im Donner schwillt
Und von neuem sich klärt das Wolkenzelt –
Verheißt das breitblättrige Laubdach
Unaussprechliche Ruhe.

Oft dachten Solovjov und ich an die in Petrovskoje verbrachten anderthalb Monate:

Nicht umsonst hat uns das Fatum zusammengeführt,
Der gemeinsame Feind sann auf unser Verderben… Doch nein –
Himmlischen Feuersbrünsten überantworteten wir
Unsere jungen Seelen, o Dichter,
In dem erquickenden Petrovskoje,
Und später den Straßen Moskaus,
Ohne zu trauen… usw., usw.

Tatsächlich: bald war ich wieder in Moskau, während Sergej Solovjov sich ohne mich auf die Krim begab, um dort seinen Rheumatismus auszukurieren, und in meiner Wohnung (der unbewohnten: meine Mutter war im Kaukasus) den erschöpften Ellis antraf, der, plötzlich ohne Zimmer und ohne Geld, nun ganz zu uns gezogen war; nun kam ich dazu – auch beinahe ohne einen Pfennig; und dann begann ein hektisches, krankhaftes Leben, mitten im hitzigen Gerassel hochsommerlicher Droschken; hier stachelten wir uns gegenseitig auf gegen die Verräter des „Symbolismus“, saßen nächtelang, bis zum Morgengrauen, standen auf und schrieben von neuem mit leerem Magen stürmische Manifeste im Namen des „Symbolismus“; jeden Abend gingen wir nach einer kurzen Pause ins Kino, wo unsere Entrüstung Blok gegenüber neue Nahrung fand:
„Der Kinematograph ist das demokratische Theater der Zukunft, die Schaubude im besten Sinne dieses Wortes. Alles wie Sie wünschen, nur bitte kein Schaubüd-chen. Seien Sie so freundlich – ohne ,chen‘; alle diese ,chen‘… sind etwas Widerwärtiges; man glaubt offenbar, es würde genügen, jedem beliebigen Wort ein ,chen‘ à la Manilov anhängen – und jedes Wort könnte fröhlich, freundlich der Seele zunicken: die ,Schaubüd-chen‘ machen jedes Mysterium zu einem Kinematographen; der Kinematograph vermittelt ein gesundes Leben ohne mystisches Süßholzraspeln die letzte Errungenschaft des neuesten russischen Dramas ist eine verderbliche Verniedlichung des allerheiligsten Bezirks der Tragödie und des Mysteriums; diesem Drama wird man (Gottseidank!) im Kinematograph nicht begegnen…“ usw., usw.
Sobald das nächste Manifest für die Tageszeitung, für die ich zu schreiben begonnen hatte, für Vesy oder für Pereval verfaßt war, steigerten Ellis und ich, halb verhungert und verbissen, uns weiter bis zur Ekstase: Wir glaubten zu sehen, daß Ivanov, Blok und Tschulkov ein Komplott geschmiedet hätten, um die gesamte russische Literatur zu verderben; nachdem wir so weit waren, gingen wir ins Kino.
Meine Exaltation war verständlich: inzwischen lag ich in dreifacher Fehde: mit ganz Petersburg, mit E.K. Medtner – anläßlich meiner Notiz „Gegen die Musik“ – und mit Zolotoje runo.
Als ich nach Moskau kam, hätten drei Zeitschriften, Vesy, Zolotoje runo und Pereval, Organe unserer Gruppe werden können (Petersburg hatte kein eigenes Sprachrohr); und ich träumte davon, einen Block aus drei Zeitschriften gegen das Angriffsziel Petersburg zu schaffen, um aus drei Batterien gleichzeitig gegen den bösen „Turm“ Ivanovs zu feuern; aber – die Zeitschriften – lagen im Konkurrenzkampf (Vesy stichelte gegen Pereval, Pereval schielte beleidigt nach Vesy und machte gar kein Hehl aus seinem rasenden Zorn gegen Zolotoje runo); jede der drei bestand auf meiner ausschließlichen Mitarbeit; meine Parteipflicht nötigte mich unbedingt zur Mitarbeit in Vesy: wir hatten diese Zeitschrift zum Bannerträger des Symbolismus auserkoren; später sollte es mir gelingen, den Zwist zwischen Brjusov und S.A. Sokolov (dem Redakteur des Pereval) beizulegen; man kam stillschweigend überein: die Ideologie der Petersburger im Pereval auszumerzen (zu der Gruppe des Pereval gehörten: S.A. Sokolov, N.I. Petrovskaja, Muni, V.W. Chodasevitsch, P.P. Muratov, B.K. Zajcev, ich, Jantarjov und andere). Die Verbindung mit Zolotoje runo habe ich abgebrochen; der Anlaß dazu war eine Taktlosigkeit des Redakteurs und Herausgebers N.P. Rjabuschinskij gegenüber einem der Mitarbeiter und meine Absage, die Leitung der Literaturabteilung zu übernehmen; meine Zusage hatte ich von der Bedingung abhängig gemacht, Rjabuschinskij solle aus der Redaktion der Zeitschrift ausscheiden, und diese Forderung damit motiviert, daß ich Rjabuschinskij die Kompetenz in Fragen der Literatur absprach; Brjusov schloß sich meiner Meinung an und auch einige Maler (es waren, glaube ich, Sapunov, Sudejkin, Feofilikatov und andere); das Motiv für meinen Boykott des Zolotoje runo war ein Zug im Kampf der Schriftstellerkorporation mit einem in Fragen der Kunst beschränkt urteilsfähigen Herausgeber-Mäzenaten (es war ein ideologisches Motiv); Zolotoje runo aber deutete den Boykott als ein weltanschauliches Zerwürfnis (die Redaktion war, soweit ich mich erinnere, indifferent) und bot die Leitung der Literaturabteilung Blok an; Blok nahm das Angebot an; und so erhielt die Petersburger Gruppe eine eigenes Organ in Moskau. Ich war außer mir; das Auftauchen der Petersburger in Zolotoje runo, nachdem wir unsere Absage an den selbstherrlichen Herausgeber hinlänglich motiviert hatten, legte ich als Streikbruch aus; von nun an erschienen hier die Aufsätze Bloks zur Literatur, vorwiegend dem Realismus gewidmet (während wir damals die Realisten für Reaktionäre in der Kunst hielten), mit Seitenhieben an unsere Adresse, auf seine ehemaligen Weggenossen. Das Eigentliche an der Einstellung Bloks gegenüber der konkreten Wirklichkeit, dem Volk, dem Problem „Intelligencia“, habe ich damals noch nicht verstanden; für mich waren die Aufsätze von Blok unaufrichtig und liebedienerisch gegenüber unseren literarischen Feinden.
Und so schrieb ich im Eifer des Gefechts an Blok (der damals in Schachmatovo lebte) einen unmotivierten, beleidigenden, scharfen Brief, in dem ich ihn als Streikbrecher, Handlanger eines Kapitalisten, Schmeichler gegenüber den Schriftstellern um Leonid Andrejev, der jetzt zum auserkorenen Liebling des Lesers geworden war, bezeichnete. Blok war in tiefster Seele über diesen Brief empört; er sah sich darin der Speichelleckerei bezichtigt; ich bekam einen wütenden Brief zur Antwort, in dem er mich einen Verleumder nannte und schließlich zum Duell forderte.
Ich begann über meinen Brief nachzudenken; ja, ich fand ihn scharf und ungerecht; Freunde nahmen sich der Sache an, veranlaßten mich, Blok eine Erklärung zu schicken; ein Anlaß zum Duell, ein wirklicher Anlaß lag nicht vor und endlich: ich hatte doch geschworen, daß es zwischen uns niemals zu einem „Duell“ kommen sollte; ich konnte doch diesen Schwur nicht brechen.
Der Brief Bloks an mich (es war der erste nach einem Monate währenden absoluten Schweigen) war der Anfang wirklicher „Friedensverhandlungen“, die mit einem neuerlichen Brief von Blok endeten; er ließ mich wissen, daß er zu einer persönlichen Aussprache nach Moskau kommen möchte: das festgesetzte Schweigejahr ging seinem Ende entgegen. Wir sollten uns wiedersehen: und wir sahen uns wieder.

 

Aussöhnung

Ich erinnere mich, daß ich am Tage der Ankunft Bloks sehr aufgeregt war; die letzten Jahre, die so veränderungsträchtig waren, tauchten vor mir auf; zuweilen kam es mir vor, als ob seit dem Jahre 1901 ein ganzes Jahrhundert verstrichen sei. Als ich an diesem Tage über den Arbat ging (auf dem Heimweg), sah ich eine Droschke und darin Blok – ganz in Weiß; mit seinem weißen Panama; und es ging mir durch den Sinn: ja, so habe ich ihn einst in Petersburg, auf der Karavannaja, gesehen, als er, wie es mir vorkam, mich übersehen wollte; in dem gleichen weißen Panama; und genauso blaß. Er fuhr über den Arbat auf dem Weg zu Novskij, in die Redaktion des Zolotoje runo. Es war fünf Uhr nachmittags. Um sieben hatte er sich bei mir angesagt.
Ich erwartete ihn voll Ungeduld. Auch meine Mutter war ungeduldig (sie war eben aus dem Kaukasus zurückgekehrt). Punkt sieben ging die Hausglocke; ich ging an die Tür: es war Blok. Ich war verblüfft: er war im dunklen Mantel, mit dunklem Hut, in einem schwarzen glatten Rock – ganz anders als vorhin auf dem Arbat; und die Hauptsache: jener, den ich vorhin gesehen hatte, war totenbleich; dieser aber, der vor mir stehende Blok, war über und über sonnenverbrannt; und eher rosig – jedenfalls durchaus nicht blaß; es konnte also nicht anders sein: ich mußte auf dem Arbat von ihm geträumt haben; später, am selben Abend noch, fragte ich Blok, ob er auf dem Arbat gewesen sei; ja – er sei dort gewesen: aber zu einer anderen Stunde, als ich ihn gesehen hatte. So gaukelte mir die brennende Erwartung Bloks seine Erscheinung vor.
Stets wunderte ich mich über die Natur des ersten Eindrucks; er ist eine genaue Synthese, ein Resultat dessen, was später erlebt werden wird; wenn ich mir damals Rechenschaft über den Eindruck gegeben hätte, den Blok machte, der sehr, sehr verlegen, mit höflicher Freundlichkeit auf der Schwelle meiner Wohnung stand, in seinem dunklen Hut mit sehr breiter Krempe und dunklen Mantel, so hätte ich sagen müssen, sein Aussehen hat sich im Laufe dieses Jahres, in dem wir uns nicht sahen, völlig verändert. Und zwar in der Richtung auf die Vergangenheit hin: hätte ich mich damals beobachten können, müßte ich unbewußte Freude in mir entdeckt haben: Erstaunen und Freude über die gesamte Erscheinung Bloks, der vor mir stand, und am meisten an den Blok unserer ersten Begegnung (im Jahre 1904) erinnerte; nichts war an ihm von dem Blok des Jahres 1906, der auf mich so bedrückend wirkte; das Gesicht des abnehmenden, verkniffen grinsenden Mondes, das Blok mir eine Zeitlang gezeigt hatte, war plötzlich verschwunden; die Augen schienen nicht mehr grünlich zu schimmern; nein, blau, groß und kindlich vertrauensvoll blickten sie mit der gleichen höflichen Aufmerksamkeit, mit der sie früher geblickt hatten, und schienen ganz nahe zu sein; die Neigung des Kopfes, das Lächeln und das verlegene Von-einem-Fuß-auf-den-andern-treten vor der Tür, sogar das verlegene „Guten Tag, Boris Nikolajevitsch“ (statt „Borja“ und „du“) – das alles schien die Rückkehr des Vergangenen anzukünden; die Anrede „Boris Nikolajevitsch“, „Sie“, rief sogar eine freudige Empfindung hervor; und mit einem törichten Lächeln antwortete ich:
„Guten Tag, Aleksandr Aleksandrovitsch.“
Und man fühlte: was sich zwischen uns nun auch ereignen mag – alles wird versöhnlich enden; ich wußte sofort, daß unser Gespräch bereits stattgefunden hatte –, in diesem Augenblick im Flur, bei der vollkommen unsinnigen Anrede „Boris Nikolajevitsch“ und „Aleksandr Aleksandrovitsch“; alles andere war nur ein Nachspiel; seltsam: bei den Begegnungen mit Blok im Jahre 1906 war es umgekehrt gewesen: der erste Eindruck, den ich damals von Blok empfing, kündigte an, daß alle Worte zwischen uns vergeblich sein würden: sie könnten nur weitere Verwirrung stiften.
Ich vertraute dem ersten Eindruck: er täuscht nie.
Ich führte Blok in mein Arbeitszimmer; wir schlossen uns ein; wir waren befangen wegen der bevorstehenden Aussprache; die Befangenheit zeigte sich in den unsicher verstohlenen Blicken, in dem halben Lächeln und daran, daß wir nicht sofort auf den eigentlichen Grund seines Besuchs zu sprechen kamen: wir sprachen über Zolotoje runo, über die Tätigkeit Bloks als Leiter der Literaturabteilung; in meinem Arbeitszimmer wirkte Blok sehr groß und irgendwie ungelenk; er stützte sich mit beiden Ellbogen auf den Tisch, spreizte die Knie und spielte mit dem Aschenbecher, er drehte ihn und sagte dabei etwas Komisches: der Komiker in ihm erwachte; aber ein Komiker aus Verlegenheit; seine Miene schien auszudrücken:

Seht nur her – man duelliert sich, man meint es ernst…

Indem er zeigte, daß er das Vorgefallene von der komischen Seite nahm, erleichterte er mir das Gespräch.
Aber auch diesmal wollte er nicht anfangen; er wartete auf meine Worte mit geduldigem stillen Ernst, mit einem klar auf mich gerichteten Blick, bis ich zu sprechen anfing; ich aber konnte wie immer keinen direkten Anfang finden, sondern setzte von weitem an, verbreitete mich über die Schwierigkeit zu sprechen und empfand gleichzeitig Freude, Freude über den Anblick von Blok, darüber, daß er genau derselbe ist wie früher, daß ich die frühere Nähe zu ihm empfände, als liege nicht ein schweres Jahr zwischen uns, und als trenne uns nicht eine scharfe Polemik; meine Einleitung war recht verschwommen.
„Ja, ja“, bestätigte Blok, „das alles ist nicht das Eigentliche, denn sämtliche Worte wie überhaupt alle Erklärungen sind belanglos: zieht sich die Hauptsache hinter den Schleier zurück, so können alle Erklärungen nichts helfen; und ist die Hauptsache da, dann bleibt auch alles verständlich…“
An den genauen Wortlaut kann ich mich nicht erinnern; aber das war der Sinn. Und es wurde mir wieder deutlich: die Aussprachen mit ihm waren nur eine äußere Form für das Suchen nach dem Lächeln des Vertrauens; die „Hauptsache“, das heißt der Glaube aneinander, das Vertrauen zueinander, erwachte gleich im Flur, und alles, was wir jetzt stundenlang erläuterten, stand unter dem Zeichen des Vertrauens.
Dieses Gespräch kann ich ebenfalls nicht wörtlich wiedergeben; ich erinnere mich nur an seine äußeren Grenzmarken; ich erklärte Blok die Verfassung meines Bewußtseins, die mich zu der Überzeugung gebracht hatte, das Verhalten Bloks sei zweideutig – ein Eindruck, der durch sein Schweigen begünstigt wurde –, Blok bemühte sich geduldig, mir klarzumachen, daß hinter seinem „Schweigen“ sich keinerlei Hinterhältigkeit (die mich so sehr empörte) verberge; er meinte: der Grundfehler in unserer Vergangenheit läge in der Verworrenheit der Verhältnisse, indem unsere persönlichen Beziehungen von den Beziehungen zu uns nahestehenden Menschen durchkreuzt und so synonym für ein bestimmtes „Kollektiv“ wurden; das, was zwischen uns allen als Gliedern des emporwachsenden Kollektivs sich abspielte, tangiere ihn, Blok, nicht; ich sei bestrebt, ein Gleichheitszeichen zu setzen zwischen den sozusagen sozialen Beziehungen innerhalb der uns nahestehenden Menschengruppe und unseren persönlichen Beziehungen; er dagegen sei bestrebt, das allgemeine Durcheinander von seinem Verhältnis mir gegenüber entschieden fernzuhalten; aber er habe gesehen, daß ich eine Isolation der Beziehungen nicht akzeptiere; und so wurzele sein Schweigen in der Einsicht in meine Uneinsichtigkeit.

Und wenn die Hauptsache unklar ist, dann ist ein Gespräch ohne gegenseitiges Vertrauen sinnlos.

Er versuchte mir zu erklären, worin ich ihm gegenüber ungerecht gewesen war; er machte mir behutsam den Vorwurf des Psychologismus, der mich verführt habe, ihn in einem von mir gefärbten Lichte zu sehen; und ich widersprach: er hätte beizeiten die Welt der Illusionen in mir durch ein klares Wort, nach dem ich dürstete, erhellen müssen; sein Schweigen hätte die Illusionen weiter genährt; und er wollte mir deutlich machen: ich hätte den Illusionen Raum gegeben, und er habe gesehen, daß man sie nicht durch Gespräche zerstreuen könne. Wir räumten die Mißverständnisse mit leichter Hand aus, im Lichte seines Lächelns, das so gut und weich war, und vor allen Dingen im Lichte seines Mutes, das Geheime zwischen uns aufzudecken; ich sah die Entschlossenheit Bloks: den Schritt über die Trägheit des Schweigens zu tun, seine und meine Wahrheit in unserem langwährenden Zwist aufzuzeigen, mich objektiv zu sehen und mich zu zwingen, sein Verhalten zu begreifen; und ich meinerseits bemühte mich, ihm ihn selbst zu zeigen. Es stellte sich heraus: schuld an dem Wirrwarr zwischen uns waren bis zu einem gewissen Grade Ljubov Dmitrijevna und (wie Blok dachte) Sergej Solovjov; ich verteidigte Solovjov nach Kräften, traf aber auf hartnäckigen Widerstand; und Blok stieß in mir auf die Tendenz, an vielem, was unserer persönlichen Freundschaft schadete, Ljubov Dmitrijevna die Schuld zu geben; übrigens war zwischen mir und Ljubov Dmitrijevna eine gewisse Entfremdung eingetreten; endlich kamen wir zu dem Schluß, daß wir in Zukunft, was auch zwischen uns vorfallen sollte, einander uneingeschränkt vertrauen und unsere persönlichen Beziehungen von der literarischen Polemik, von den Beziehungen zu Ljubov Dmitrijevna, Sergej Solovjov, zu Aleksandra Andrejevna und so weiter trennen wollten; in diesem Entschluß zeigte sich wirkliche Bereitschaft, einander zu verstehen; meiner Meinung nach war das der Augenblick, an dem wir uns zum ersten Male eng berührten: in dem gegenseitigen Vertrauen in die „Hauptsache“ im anderen. Bis dahin wurzelte der Stil unserer Beziehungen im Seelischen; jetzt tasteten wir nach dem geistigen Hebel, der Bedingung unserer Freundschaft; wir reichten uns jetzt die Hände und sagten uns, daß wir künftig bei allem, was zwischen uns ungeklärt blieb, nur an den „Geist“ des anderen appellieren und nur auf die gegenseitige Achtung bauen wollten.
Darauf sprachen wir über die Polemik; ich versuchte die objektiven Gründe für meine Zustimmung zu dem literarischen Programm von Vesy eingehend zu erklären, ebenso wie meinen Angriff auf den mystischen Anarchismus, den ich als billigen Ideenmischmasch wertete; statt das wirkliche Interesse der Jugend für die Kunst zu wecken, verwässerte der mystische Anarchismus die Intentionen des Symbolismus durch billiges Nietzscheanertum plus billiges Christentum und führte unweigerlich den raschen Verfall des Symbolismus herbei; er war eine konterrevolutionäre Tendenz innerhalb der neuen Kunst. Blok brachte zum Ausdruck, daß er dem mystischen Anarchismus gegenüberstehe, daß seine persönlichen Beziehungen Tschulkov gegenüber nichts zu bedeuten hätten, daß er ganz für sich und Tschulkov – ebenfalls ganz für sich sei; daß die überscharfe Polemik und der von Ellis angeschlagene Ton jedes Anstands entbehrten, und daß sie für manchen Petersburger zum Anlaß würden, sich von Vesy zu distanzieren; und ich entgegnete ihm: der ganze mystische Anarchismus steht und fällt mit den Namen Vjatscheslav Ivanov und Blok; mag Blok sicher sein, daß er selbst dem mystischen Anarchismus fernstehe, nichts desto weniger – das Publikum sähe ihn mit Tschulkov solidarisch; er müßte sich von dem Treiben Tschulkovs distanzieren; ich führte die Deklaration Tschulkovs an, die er für Mercure de France geschrieben hatte, in der Blok und Ivanov vom Verfasser als mystische Anarchisten bezeichnet werden. Blok meinte dazu: mit der Deklaration Tschulkovs stimme er nicht in allen Punkten überein; ich fragte ihn: weshalb er sich denn nicht dagegen wehre? Die Erklärung Bloks, die kurz darauf in Vesy gedruckt wurde, und die seine Stellungnahme zu der Deklaration von Tschulkov enthält, kann als eine Folge unseres Gesprächs angesehen werden; ich tadelte die Verantwortungslosigkeit des Petersburger Kreises, die sich in der begeisterten Resonanz zeigte, die man den „Dreiunddreißig Krüppeln“ der Zinovjeva-Annibal und den „Schwingen“ von M.A. Kuzmin bereitet hatte; Blok stimmte mir zu, aber er meinte: die moralistische Tendenz von Vesy in der Polemik mit den Petersburgern hält einer Kritik ebenso wenig stand, solange die Handlungen Brjusovs in krassem Widerspruch zu der Entrüstung der Sittenrichter von Vesy stünden; ich verteidigte Brjusov nach Kräften und entgegnete: Brjusov sei überhaupt nicht der Sprecher von Vesy; Vesy werde durch eine Gruppe repräsentiert; Blok meinte darauf: ja, es sei zwar eine Gruppe, aber eine Gruppe, die von Brjusov hypnotisiert wäre. Dann besprachen wir meinen Streit mit Zolotoje runo, das Auftreten der Petersburger in der Redaktion des Journals: ich setzte ihm auseinander, daß mein Unbehagen an den Petersburgern seinen Grund darin habe, daß ich mich gegen den Versuch, unterjocht zu werden, wehren müsse, gegen den Despotismus von Rjabuschinskij, der soviel Geld für Zolotoje runo verpulvert und dennoch nicht verstanden hatte, ein brauchbares und nützliches Organ aufzubauen; das sei unser Hauptmotiv gewesen, der Streit habe keinen ideologischen Charakter; unseren Bruch mit Zolotoje runo auszunützen, um ein Sprachrohr für den mystischen Anarchismus in die Hand zu bekommen – das sei der Gipfel der Unkorrektheit; Blok widersprach: auch hier läge eine Intrige von Brjusov vor: wir hätten mit Zolotoje runo erst dann gebrochen, als Brjusov sich mit Rjabuschinskij überworfen hätte; bis dahin sei er der eigentliche Redakteur gewesen und wäre mit Rjabuschinskij einen Kompromiß eingegangen.
Es stellte sich heraus, daß Blok und ich in vielen Fragen der Literaturpolitik eine gegenteilige Meinung vertraten; aber jetzt pulsierte in unseren Meinungen keine Leidenschaft mehr; wir kamen überein, daß wir auch künftig in verschiedenen Gruppen bleiben würden; und daß wir sogar auf dem Felde der Ideen kämpfen wollten; aber dieser Kampf sollte künftig das gegenseitige Vertrauen und die Achtung nicht mehr berühren.
Im Verlauf dieses langen Gesprächs gingen wir unmerklich wieder zum „du“ und „Borja“ und „Sascha“ über.
Es war bereits gegen elf Uhr nachts, als meine Mutter, die immer noch vergeblich auf das Ende des Gesprächs wartete, uns zum Tee bat. Ich weiß noch: wir aßen sehr behaglich zu dritt; meine Mutter, die Blok sehr gerne mochte, beobachtete uns beruhigt und freudig; sie sah, daß wir uns ausgesöhnt hatten (mein Zerwürfnis mit Blok hatte sie sehr betrübt); Blok fühlte sich sehr wohl; indem er auf die verschiedensten Dinge zu sprechen kam, scherzte er; ich – lachte; und diese Teestunde tat mir wohl und beflügelte mich; und es war seltsam, Blok neben mir zu sehen, einen Menschen, gegen den sich im Laufe von Monaten so vieles in mir angesammelt hatte; und nun war alles, was sich zwischen uns gestellt hatte, wie zerstoben.
Nach dem Tee zogen wir uns wieder in mein Zimmer zurück; wir sprachen nicht mehr über ernste Dinge: nur über heitere; hier sah ich zum ersten Mal, daß die Beziehung Bloks zum Volk als das Resultat einer angestrengten Tätigkeit seiner moralischen Phantasie und seine Überbewertung des Schriftstellerkreises Znanije im Zolotoje runo aus einem gesteigerten Engagement zu verstehen ist. Ich begriff: die Ernüchterung der „Morgenröte“ gegenüber ist kein Versagen, sondern ein Suchen nach dem Weg, eine Notwendigkeit; Blok entwickelte vor mir Gedanken, die in dem einige Jahre später gehaltenen wunderbaren Vortrag über den Symbolismus eine Entsprechung gefunden haben. Er wollte die „Antithese“ in seinem Suchen als Folge einer These erklären; und folglich zeichnete sich eine Synthese ab; später fand er für jenes Tasten nach einer Synthese folgende Worte:

Im Azur eines unnennbaren Blickes west der Theurg: wie ein Schwert durchdringt dieser Blick alle Welten… Die Welten, die sich im Licht des Strahlenschwertes öffnen, rufen immer fordernder… Gleichzeitig offenbart sich an ihnen ein Farbenspiel (dabei entsteht das erste tiefe Wissen von den Farben); schließlich tritt eine Farbe beherrschend hervor, die ich am ehesten purpur-violett nennen könnte. Das goldene Schwert, das den Purpur der violetten Welten durchdringt… dringt in das Herz des Theurgen ein… Es kommt zu einem Dialog ähnlich dem, der in den „Drei Begegnungen“ von Vladimir Solovjov beschrieben wurde… Dies ist das Finale der These.

Und weiter – Verwandlung der Gestalt („Aber ich fürchte, Du wirst Dein Antlitz verwandeln“)…

Die Schneide des Lichtstrahls verglimmt… Blauviolette Dämmerung bricht an (die treffendste Wiedergabe aller dieser Farben finden wir bei Vrubel): in der violetten Dämmerung… wiegt sich ein Katafalk – darin liegt eine tote Puppe, deren Gesicht undeutlich an jenes erinnert, das zwischen den himmlischen Rosen schimmerte…

Der Dichter erhebt das von ihm persönlich Erlebte zum Prinzip (die violette Welt der „Nachtviole“ und „Das Mädchen mit dem Gesicht ohne Schöne“).

Der Mensch, der das alles erlebt, ist von ,Doppelgängern‘ umgeben… Es ist vollbracht: meine eigene Zauberwelt wurde Arena… Anatomiesaal, Schaubude… Violette Welten überfluteten das Herz … Es entstand Jenes, was ich (für mich) die ,Unbekannte‘ nenne… Das ist der Gipfel der Antithese… (Aus dem Artikel über Symbolismus).

Im Verlauf des Artikels sagt Blok: in diesem Geschehen wird man sich der Begrenztheit der Kunst bewußt, und auf der Suche nach der Realität des „Goldenen Schwertes“ wendet man sich dem Leben zu, wo soziale Fragen, die mit dem Volk und der Intelligenz zusammenhängen, ausgetragen werden: man erlangt das Bewußtsein von der russischen Revolution. Und Blok schließt mit den Worten:

Und im Licht dieses neuen sozialen Bewußtseins offenbart sich Rußland als unsere eigene Seele.

Die Synthese ist die Begegnung mit Rußland:

Die violette Dämmerung hellt sich auf… 

Ich kann mich nicht auf einzelne Worte besinnen, die zwischen Blok und mir in dieser Nacht gewechselt wurden; aber ich hatte Eines begriffen: das Violett, das mich früher an ihm so erschreckt hatte, war nun aufgehellt: die „Unbekannte“ und die „Schaubude“ hatte er nun in sein Bewußtsein gehoben; das, was sich einst als Gotteslästerung, als Sakrileg dargestellt hatte, offenbarte sich jetzt als Prüfungen auf einem zurückgelegten Weg. Dieses Gespräch mit Blok, das mir seine Hingabe an das Thema „Rußland“ zeigte, gab mir Blok zurück; durch die violetten Schatten, die sich wie ein düsterer Vorhang vor sein Gesicht gelegt hatten, schimmerte der vertraute, rosaleuchtende Schein, ein Hauch des Suchens; und auch in seinem Äußeren kehrte die Vergangenheit wieder: sein Haar war länger (im Jahre 1906 ging er kurz geschoren); und in den Augen lag die Bläue eines deutlichen strengen Entschlusses; in jener Nacht war er für mich der alte Blok: der liebe Bruder; und – doch nicht der alte; das Neue an ihm trat deutlich hervor: er wirkte abgehärtet und mutig; und auch in unserer Beziehung zeichnete sich eine neue Nuance ab: die des gegenseitigen Vertrauens. Wir redeten sehr wenig in diesen nächtlichen Stunden; meistens schwiegen wir; es war gegen Vier; sein Zug ging erst gegen Sieben. Ich begleitete ihn durch das dämmerige Moskau; am Nikolajevskij-Bahnhof saßen wir in einer Teestube zwischen Kutschern; wir erzählten uns Alltägliches, Familiäres; ich fühlte: Blok freute sich über die Versöhnung.
Langsam gingen wir auf dem Bahnsteig auf und ab; dann kam der Zug. Vor der Abfahrt streckten wir uns die Hände entgegen:
„Also – wir wollen vertrauen…“
„Und alles Zufällige, was dazwischenkommt, von der Hauptsache trennen…“
„Und wir werden nicht zulassen, daß Menschen, wer sie auch sein mögen, sich zwischen uns stellen…“
Wir nahmen Abschied, indem wir eine Losung vereinbarten. Der Zug setzte sich in Bewegung.
Ich ging durch Moskau, lächelnd und froh: auf den Straßen zeigten sich die ersten Fußgänger: Moskau erwachte.
Das war das Ende dieses zwölfstündigen Gesprächs.

 

Die Begegnung in Kiev

Die Versöhnung mit Blok dämpfte eine Zeitlang meinen polemischen Eifer; ich hatte vor, einen versöhnlicheren Ton gegen Petersburg anzuschlagen; aber das Feuer der Leidenschaften griff um sich; Zinaida Hippius schaltete sich ein; unter einem Pseudonym (Anton Krajnij) verfaßte sie sehr giftige Artikel; auch Boris Sadovskij nahm nun an der Polemik teil; Ellis wurde immer ausfälliger; die Fronten der beiden Schriftstellergruppen („Moskau“ und „Petersburg“) zeichneten sich immer schärfer ab; Blok und ich standen in verschiedenen Lagern; dennoch stimmten unsere Meinungen im Wesentlichen überein, als wir beide „Das Leben eines Menschen“ von Leonid Andrejev begeistert begrüßten. In den Erinnerungen Bloks an Andrejev findet sich ein Hinweis auf unsere übereinstimmende Reaktion auf das soeben erschienene Drama. Wir beide trafen uns mit Andrejev, der damals im Begriff war, nach Petersburg überzusiedeln; bei unseren Begegnungen in Moskau sprach Andrejev mit Sympathie von Blok, den er damals gerade kennengelernt hatte, und erkundigte sich teilnahmsvoll über mein Verhältnis zu Blok, über dessen Problematik er unterrichtet war.
Ich vermute, daß die übereinstimmende Empfindung, die Blok und ich dem „Leben eines Menschen“ entgegenbrachten, aus der gleichen Enttäuschung über das Flitterwerk und den „Reichtum“ der seelischen, der bloß seelischen Welt resultierte; den seelischen „Impressionismus“ hatte ich entthront; die Reihe aller bis dahin in der Literatur unerhörten Gestalten hatte ihren Ursprung in dem Streben nach Größe; was bei Nietzsche natürlich und frei von jeder Pose ist, wirkt, zum Beispiel, bei Peter Altenberg oder bei Rodenbach manieriert; inzwischen tauchten in Rußland Epigonen von Peter Altenberg auf (der verstorbene Schriftsteller Koshevnikov), die ihre läppischen Skizzen und Einfälle mit pompösen symbolischen Gewandungen drapierten; während wir die Morgenröte früher als etwas besonderes, als eine Verkündigung erlebt, sie in prunkvolle Neologismen gekleidet, sie „apfelsinenfarbig“, “atlassen“ genannt haben, pflegte die Richtung, die sich als die neue Welle des Symbolismus bezeichnete, umgekehrt Apfelsinen und Seiden „himmelfarben“ zu nennen; bereits Schopenhauer sprach von zwei Stilen in der Kunst: von dem hohen und dem gleißenden; die Region der Kunst ist das Hohe; im Gleißenden kommt der Naturtrieb zum Ausdruck; zur Überwindung des Triebes, zu der geläuterten Anschauung der platonischen Ideenwelt, zur Freiheit führt uns die Kunst; der Symbolismus ist ein hoher Stil, der Impressionismus – ein gleißender Stil; in der Verquickung des Gleißenden mit dem Hohen sahen wir eine Gefährdung der Reinheit des Symbolismus; während die Richtung, die sich damals in Moskau bildete, gerade darin einen möglichen neuen Weg des Symbolismus sah; Vertreter dieser Richtung nannten sich „Symbolisten der dritten Welle“ (erste Welle – Skorpion, zweite – Ory), akzeptierten Ivanov, Blok, Tschulkov und lehnten Vesy ab, wie alles, was uns bis dahin teuer war; Ellis schlug bereits Alarm; und ich rüstete mich, diese Richtung aufs Haupt zu schlagen; Boris Zajcev war dieser Richtung wohlgesinnt; es kam zu einem Zusammenstoß mit der Kunst- und Literaturzeitschrift, die Boris Zajcev und V. Strashev redigierten; mein Angriff richtete sich in erster Linie gegen Strashev; B. Zajcev nahm ihn in Schutz; nun kam es zu einer heftigen Auseinandersetzung mit Zajcev, Strashev, Grifcov und P. Muratov – in deren Verlauf ich mir vieles zu Schulden kommen ließ; Zajcev verhielt sich sehr vornehm mir und Strashev gegenüber; der Zusammenstoß mit dieser Schriftstellergruppe gab mir sehr viel zu denken; ich trat mit meinen Artikeln gegen eine breite Front an: von Vjatscheslav Ivanov (mein Artikel „Eine gestempelte Galosche“ hatte Ivanov sehr verletzt) über das Theater der Komissarshevskaja bis… Victor Strashev; sowohl der „mystische Anarchismus“ als auch die „dritte Welle des Symbolismus“, die naturgemäß mit den Petersburgern sympathisierte, schienen mir gefährlich; beide Gruppen trafen sich im „Schipovnik“; dort vereinten sich der „mystische Anarchismus“, die „zweite“ und die „dritte Welle des Symbolismus“ und der impressionistisch zurechtgemachte Naturalismus der jüngsten Vergangenheit: Blok, Remizov, L. Andrejev, I. Bunin, V. Strashev, B. Zajcev und der eben am Horizont der Literatur aufgegangene Osip Dymov; Vesy hielt Schipovnik für ein prinzipienloses Unternehmen, das sich in der Richtung des geringsten Widerstands bewegte; wir vertraten dagegen die Richtung des größten Widerstandes; der Almanach Znanije mit Gorkij an der Spitze nötigte uns mehr Achtung ab als der leichtfertige Schipovnik, der in seinen Heften einen richtigen Salat servierte (ein Stückchen Realismus, ein Stückchen Symbolismus unter der gleichmachenden impressionistischen Soße); wir griffen Schriftsteller an, die Schipovnik nahestanden; wir griffen eine Unzahl von bereits bekannten Schriftstellern an; alle waren verärgert; unsere Isolierung, die einem unausgesprochenen Boykott gleichkam, war abzusehen.
Ich erinnere mich an die Gastspiele des Theaters der Komissarshevskaja; bei dieser Gelegenheit sah ich zum ersten Mal die Schaubude, die mich einst so schmerzlich getroffen hatte; es war eine erstaunliche Aufführung; andere Aufführungen (Schwester Beatrice, Das Wunder des heiligen Antonius usw.) schienen mir ein Paradox zu sein, durchaus nicht ein „szenisches Spiel“; der Anblick der Komissarshevskaja, erstarrt in der „Stilistik“ Meyerholds, tat mir weh; großartig war sie in Goldoni; etwas befangen in den Stückchen Maeterlincks, dem gegenüber ich wachsendes Mißtrauen empfand; das Problem des Theaters bewegte mich; die Unmöglichkeit der Verwirklichung des Symbolismus auf der Bühne trat immer deutlicher hervor; das symbolistische Theater ist Mysterium; der Symbolismus, im Epos und in der Lyrik auf natürliche Weise verwirklicht, wird hier Theurgie; hier ist der Schauspieler – nicht Schauspieler, sondern ein Mensch, der seine Wege findet; das symbolistische Theater ist nur in der Zukunft denkbar; es ist die Grenzscheide zwischen Kunst und neuem Leben; ein Mensch, der nicht ein Anderer geworden ist, vermag ein symbolistisches Spiel nicht zu verwirklichen, denn diese Spiele sind liturgisch.
Damals stand Blok den Experimenten der Komissarshevskaja und Meyerholds nahe; ich sah: diese Experimente sind zum Mißlingen verurteilt (die Komissarshevskaja selbst gelangte nach etwa zwei Jahren zu der gleichen Ansicht); ich empfand schmerzlich, daß Blok und ich in diesem Punkte verschiedener Ansicht waren; ich sah seinen Drang zum Theater als Krankheit an – ich wollte Blok vom Theater wegführen; die Zweifel an der Möglichkeit des „symbolistischen“ Theaters legte ich in einer Reihe von Aufsätzen für eine Zeitschrift nieder, die damals unter Redaktion von Aleksejevskij erschien („Utro Rossii“); die Komissarshevskaja interessierte sich für diese Feuilletons; in ihnen erklang aufs neue der polemische Ton gegen Blok.
Um jene Zeit wurde in Kiev ein „Abend der Künste“ veranstaltet; die Moskauer wurden dazu eingeladen; es sollten hinfahren: S.A. Sokolov, ich, Petrovskaja, I.A.Bunin, der dann doch nicht fahren wollte; daraufhin beriet ich mit Sokolov (der diese Reise in die Wege geleitet hat), forderte Blok telegrafisch auf, mitzukommen und bekam ein Telegramm mit den Worten: „Ich komme.“ An einem heißen Tag (Ende September) fuhren wir nach Kiev; die Veranstalter empfingen uns auf dem Bahnhof mit übertriebenem Aufwand; mir ahnte nichts Gutes: „He-he, hier stimmt etwas nicht!“ Die Gruppe um die kleine Kiever Zeitschrift V mire iskusstv war für mich suspekt – in ästhetischer Hinsicht; alles wirkte unangenehm billig und marktschreierisch; wir erschraken über den Stil der Plakate; die ganze Stadt war voll davon; ein riesiger, zähnefletschender und zottiger Bocksbeiner grinste widerwärtig auf uns herab; ich dachte:

Die Ankündigung dieses Abends erinnert eigentlich an eine Zirkusreklame.

Wie wir durch die Stadt gefahren wurden, wie wir abends in unsere Loge gebracht, wie wir bewirtet wurden – allem haftete ein theatralischer, pathetischer und alberner Beigeschmack an; ein Skandal braute sich zusammen; dann kam die Nachricht: alles ausverkauft; das Opernhaus ist bis auf den letzten Platz besetzt; alle Regierungsstellen haben ihr Erscheinen zugesagt; S.A. Sokolov, der unsere „Chlestakov“-Situation im ersten Augenblick nicht durchschaute, fühlte sich sehr wohl; Nina Petrovskaja und ich waren verlegen, weil wir glaubten, daß es zu einem Skandal kommen würde: das Kiever Publikum wird in Erwartung einer spannenden Unterhaltung (es gab so wenig verständnisvolle, wirklich lesende Menschen, die uns aus den Büchern kannten) kommen; ich aber werde nichts bieten können, weder Hanteln noch Kopfstand oder Messerschlucken, und meine Stimme hat nichts mit der Trompete von Jericho gemein; also – alle werden sich langweilen; ich bin keine „gute Nummer“, die Plakate aber hatten nichts als „Nummern“ angekündigt; zu allem Überfluß fühlte ich mich nicht ganz gesund (ich war heiser – Folge einer verschleppten Grippe). Blok verspätete sich, er war noch nicht da; ein Telegramm kündigte an: er wird am Tag der Veranstaltung eintreffen.
Und dann kam er, voll Vertrauen, liebenswürdig, ein wenig beschämt von dem „Tam-tam“, das uns umgab; er gab sich Mühe, zuvorkommend und höflich zu sein und hielt sich nach Möglichkeit im Hintergrund, was ihm auch gut gelang; wir drei (Blok, ich, Nina Petrovskaja) blieben zusammen und versuchten, so gut es ging, dem „Tam-tam“ auszuweichen; das Kiever Publikum war, meinem Eindruck nach, enttäuscht (wir waren eben keine Messerschlucker); in seinen Augen haben wir uns bereits vor der besagten Abendveranstaltung blamiert: Sokolov dagegen hatte Glück: eine Schar eifriger Reporter folgte seiner Spur; sein Baß donnerte siegesbewußt: man sagte:

Dieser Sokolov ist ein wirklich netter Mann.

Er repräsentiert völlig unbefangen „im Namen von…, im Namen der…“.
Blok wohnte mit mir in einem Hotel, ich glaube auf dem Krestschatik, nicht weit vom Theater. Wir tranken zusammen Tee; angeregt, fröhlich, ohne Jacke, packte er seinen Koffer aus, hing den Rock auf. Er war humorvoll aufgelegt: beim Waschen blickte er über die Schulter gutmütig zu mir, sein Gesicht war sonnenverbrannt, dunkel, er schüttelte das Haar zurück (es wirkte wie eine Pelzmütze), seifte sich noch einmal die Hände ein und lächelte verschmitzt:

Aber weißt Du, hier stimmt etwas nicht: überhaupt nicht; wenn wir nur keine Prügel kriegen…

Und er lachte jenes besondere kurze Brustlachen, das so unaussprechlich wohltuend war; dieses Lachen war sehr selten bei Blok, und nur wenige haben es gehört; kindliches Vertrauen und argloses Amüsement (über die Welt, über sich selbst, über den Gesprächspartner) schwang in diesem Lächeln mit; sein Lächeln breitete ein besonderes Licht über alles aus: ein wenig in der Art von Dickens, ein wenig phantastisch; unwillkürlich dachte man an Mister Pickwick. Blok machte sich über sich und über mich lustig, über die Leute in Kiev, über das „Tam-tam“ und ganz besonders über S.A. Sokolov und seine „symbolistische Repräsentation“.
Beim Tee sagte Blok zu mir: 

Weißt Du, Borja, ich bin ja überhaupt nicht wegen dieses Abends gekommen, ich bin zu Dir gekommen; Du hast mich gerufen, und da bin ich gekommen.

Die Zeit vor dem „verantwortungsvollen“ Auftritt verbrachten wir im stillen belanglosen Gespräch, an dessen Einzelheiten ich mich nicht mehr erinnern kann; wir erwähnten weder die schwere Vergangenheit noch die selbstverständliche Differenz; wir scherzten, sprachen über die Eindrücke des vergangenen Tages und phantasierten, indem wir uns als jene „gentleman“ fühlten, die nach Eatansville kamen; wir malten uns aus, wie jetzt die „Eatansville Gazette“ und „Eatansville Independent“ aneinandergeraten werden.
Wir wurden ernst, als wir über Leonid Andrejev und sein Drama zu sprechen kamen; dabei sah ich, welch tiefen Eindruck dieses Drama auf Blok gemacht hatte; und ich staunte über die Ähnlichkeit unserer Reaktion.

Und weißt du, er (L. Andrejev) ist gut und echt: ich habe ihn sehr gern.

Und dann kam die Stunde unserer Schmach; wir warfen uns in unsere Röcke; wir wurden abgeholt; mit einem unheimlichen Gefühl gingen wir dem Fiasko entgegen und beteuerten, daß wir in einem riesigen Theatersaal, der mit Menschen vollgestopft ist, nicht lesen könnten (inzwischen hatte ich überhaupt keine Stimme mehr); ich erinnere mich, wie Blok lachte, scherzte und mich immer ängstlicher machte; Sokolov blieb unerschütterlich. Ich sollte den Abend mit einer Ansprache eröffnen, die die neue Richtung in der Kunst charakterisiert; man stelle sich mein Entsetzen vor, als ich einen Fanfarenstoß vernahm, der den Beginn der Veranstaltung verkündete; nach dem Fanfarenstoß kam meine Ansprache, wobei ich über dem Orchester zu einem prunkvollen Lesepult (auf der Bühne) hinaufsteigen mußte, um von dort, unter der ständigen Gefahr abzustürzen (das heißt ins Orchester zu fallen), dem Kiever Publikum etwas zu verkünden, was den Inhalt eines kompletten Buches ausmachen müßte; krächzend machte ich mich an meine Aufgabe (meine Stimme erreichte nur die ersten fünfzehn Reihen, so daß man mich eigentlich überhaupt nicht hören konnte); ein sehr spärlicher Beifall belohnte mich; darauf flüchtete ich in die Loge, wo wir zu viert saßen (Sokolov, sehr stolz, Nina Petrovskaja, ich und Blok, im Bewußtsein unserer Niederlage); das Programm war unvorstellbar lang; Nina Petrovskaja trug leise etwas sehr Zartes vor; keiner verstand sie (keiner klatschte); Blok las die „Unbekannte“ und noch irgend etwas, so unglücklich und gequält, als ob er flehte:

Laßt mich in Frieden ziehen.

Man klatschte sehr wenig und ließ ihn gerne ziehen. Mit großem Erfolg las Graf de la Barth, damals Professor in Kiev, seine Fabeln; Furore machte Sokolov, indem er lauttönend seinen „Holzhacker“ vorsang; der „Holzhacker“ gewann die Herzen des Publikums; man erzählte sich später:

Was sind Belyj und Blok? Sokolov – das ist ein netter Mann. Er singt förmlich, wenn er liest.

Meine Gedichte kamen aus irgendeinem Grunde ganz zum Schluß, als meine Stimme völlig versagte; ich piepste kläglich etwas vor mich hin, was nur in den allerersten Reihen zu hören war: man versetze sich nur in meine Lage: ich sah, wie eine Reihe nach der anderen in Lachen ausbrach.
Der Abend war ein regelrechter „Skandal“; die Repräsentanten der neuen Kunstrichtung, die mit einem solchen Aufwand aus Petersburg und Moskau geholt worden waren, hätten sich öffentlich blamiert, wäre es Sokolov nicht gelungen, das Ansehen des „Modernismus“ zu retten.
Natürlich fühlte er sich als Repräsentant der Avantgarde; und beim Essen, das uns zu Ehren nach der Veranstaltung gegeben wurde (Blok und ich saßen während der ganzen Zeit wie auf Nadeln), erklärte er unseren Gastgebern: ja, ja, wir seien gekommen, um Kiev zu besiegen; ich sah mich gezwungen, das Wort zu ergreifen, um den Eindruck der Selbstsicherheit abzuschwächen. Am nächsten Tag beschimpften uns die Zeitungen auf eine recht derbe Art; wir waren hoffnungslos durchgefallen (in meiner Erinnerung bleibt diese Reise als eine einzige Blamage).
Am dritten Tag hatte ich noch einen Vortrag in Kiev zu halten und konnte erst dann nach Moskau abreisen; Blok blieb freundlicherweise bei mir; wir sind viel durch die Stadt gewandert; abends gingen wir zum Dnjepr; im Lichte des Mondes standen wir unter gewaltigen überwucherten Hängen, deren rankendes Grün sich bereits verfärbte: Blok, Nina Petrovskaja und ich.
In der Nacht hatte ich einen heftigen Anfall; als ich zu Bett ging, fühlte ich plötzlich, daß mit mir etwas Merkwürdiges vorging; mit einem Satz war ich auf den Beinen; und im Stehen spürte ich: gleich, gleich werde ich zusammenbrechen; um jene Zeit grassierte in Kiev die Cholera und ich bildete mir ein, ich hätte mich infiziert; und ich hatte das Gefühl, unaufhörlich, sehr, sehr schnell im Zimmer auf und ab gehen und mir dabei fest die Hände reiben zu müssen; das tat ich auch; und ich glaubte, daß ich, wenn ich mich setzen oder stehen bleiben würde, unweigerlich zusammenbrechen müßte; in höchster Aufregung lief ich im Zimmer auf und ab und überlegte, was man jetzt tun könnte; ich kleidete mich notdürftig an und stürzte instinktiv in den Korridor, zu dem Zimmer, in dem Blok wohnte; ich klopfte an, er öffnete:
„Aber sag’ nur, was hast du bloß?“
„Ich weiß nicht, wahrscheinlich habe ich die Cholera…“
Er setzte sich auf das Bett und knipste das Licht an; ich lief vor ihm auf und ab, immer noch händereibend und zähnklappernd; er beobachtete mich sehr ruhig, teilnahmsvoll:

Das ist ein Nervenzusammenbruch: du solltest nicht in dein Zimmer zurückkehren; das Liegen bekommt dir nicht. Du kannst jetzt unmöglich allein bleiben…

Er zog sich an; wanderte an meiner Seite durch das Zimmer; er hielt meine Hände, er rieb sie sehr fest, vielleicht zehn Minuten lang; und als er sich überzeugte, daß von Cholera nicht die Rede sein konnte, sagte er:

Nein, du brauchst keinen Arzt: wir wollen diese Nacht einfach zusammenbleiben; ich werde dich in diesem Zustand nicht allein lassen…

Und wir blieben zusammen; ich werde die Fürsorge, mit der er mich umgab, niemals vergessen; ich lief im Zimmer auf und ab; er saß ruhig vor mir auf seinem Stuhl, stützte sich mit den Ellbogen auf den Tisch, schlug ein Bein über das andere und wippte mit der Fußspitze; dabei sah er mich ruhig und gleichmütig an; man bemerkte nicht die mindeste Aufregung oder äußerliche Betulichkeit, aber er war innerlich aufmerksam und Wärme strömte von ihm zu mir herüber; der Anfall ließ nach; erschöpft ließ ich mich auf einen Stuhl fallen – keinen Blick wendete ich von ihm und gleichmütig und ruhig wie eine Amme wachte er über mich die ganze Nacht hindurch. Ich erinnere mich, wie er saß, an seine entspannte Haltung; ja, er hatte sich verändert, hatte sich erstaunlich verändert in allem; nicht im Gesicht, sondern in seiner Haltung (im Laufe jenes Jahres, während wir uns nicht gesehen hatten); er wirkte einfacher, nachdenklicher, männlicher; herbe Festigkeit zeigte sich an ihm; das Seelische trat zurück; das, was früher als unsichtbare Aura um ihn leuchtete, als Atmosphäre, das war jetzt verbrannt und zu Asche geworden, die sich wie Schatten auf sein Gesicht legte; das Seelische legte sich als Asche auf ihn; er wirkte versengt unter der Asche des Seelischen, wie die blauen Tiefen des nächtlichen Himmels hinter den verglommenen Wolken; ungetrübt klar schimmerte mir das Sternenlicht entgegen; früher strahlte das Seelische; so strahlen kirschrote Abendwolken; sie sind farbiger als das Abendlicht; dahinter liegt der goldengrüne blasse Himmel; dann aber verglimmen sie, dunkeln nach; und der Himmel hinter ihnen gewinnt an blauer Tiefe und schlägt die Sterne auf; das Sternlicht tritt aus der Nacht, aus der Nacht der Tragödie; in jener Nacht erlebte ich Blok in der Nacht der Tragödie; ich fühlte, daß eine gewisse äußere Derbheit und eine geminderte Farbigkeit der Farblosigkeit nächtlicher Konturen entsprach; und ich begriff, daß in Blok die Zeit der Schatten, die Zeit der Gelichter aus der „Unverhofften Freude“ zu Ende war; in der nächtlichen Dunkelheit gibt es ja keine Schatten; es gibt nur das ruhige gleichmäßige Schwarz, das von Sternen beschienen wird; vor mir saß ein Blok, der die Grenze der „Schneemaske“ überschritten und die Stimme vernommen hatte: 

Kehre zur schöpferischen Arbeit zurück.

Wirklich: schöpferisches Schweigen strömte mir entgegen.
Ich beobachtete ihn; er saß unbeweglich (er saß immer unbeweglich); aber auch seine Unbeweglichkeit ist eine andere geworden; früher wirkte er starr und hölzern; er saß steif, eingeschnürt in seinen dunkelgrünen Rock; jetzt zeigte sich in seiner Art zu sitzen eine Wellenlinie; zuweilen saß er gebückt, nicht mehr gerade, zuweilen lehnte er sich zurück, zuweilen beugte er sich über den Tisch, legte den einen Arm auf die Tischplatte und stützte den großen lockigen Kopf in die andere Hand; ich möchte sagen; jetzt erst bekam sein Gesicht ein Profil; ich sehe den Blok jener Zeit meistens im Profil; seine Nase (die fast gebogen wirkte) trat jetzt deutlich hervor; und ebenso deutlich verliefen die Linien der Lippen und der Ohren; den früheren Blok sah ich en face; und jetzt vertiefte ich mich in sein Profil (ein apollinisches Profil), und ich stellte fest, daß seine Lippe (die Unterlippe) etwas geschwollen ist (Konstantin Somov betonte das überdeutlich). Während mir früher seine Ähnlichkeit mit Hauptmann auffiel, fand ich jetzt eine Ähnlichkeit mit den Porträts von Oscar Wilde. Es tagte bereits: es wurde hell; wir wollten uns Kaffee bestellen, aber alles schlief noch; dann, in einer ruhigen Stimmung, fing ich an, über mich selbst zu sprechen, über meine Einsamkeit, über die Schwierigkeit, die mir das Einfache, das Alltägliche bereitet:
„Ja, ich verstehe, das Leben fällt dir schwer“, sagte Blok. Dann sah er mich aufmerksam an und sagte plötzlich mit großer Entschlossenheit:
„Weißt du: allein nach Moskau zurückfahren – das ist nicht gut für dich; ich schlage vor: wir fahren zusammen nach Petersburg.“ – Erstaunt sah ich ihn an: erst vor einem Jahr widersetzte er sich, als von meinem Kommen nach Petersburg die Rede war; und jetzt – jetzt forderte er mich selbst dazu auf; und in seiner Aufforderung spürte ich einen bestimmten, gut überlegten Entschluß; es war klar, daß er mit der Absicht nach Kiev gekommen war, mich nach Petersburg mitzunehmen.

Nein, wirklich, laß uns zusammen fahren: ich bin doch deinetwegen nach Kiev gekommen: weshalb solltest du nicht mit mir nach Petersburg fahren?

Weshalb nicht? Ich wäre gefahren, ja – aber ich lag in Fehde mit Ljubov Dmitrijevna; wir hatten uns endgültig zerstritten während meines Aufenthaltes in München; dieser Bruch schien endgültig zu sein; und ich wußte, daß Blok davon wußte; warum forderte er mich von neuem auf mitzukommen? (Ach, ich hatte diese Einladungen satt: schon einmal war ich auf eine Einladung angereist – und daraus wurde eine lange Geschichte.) Ich sah Blok noch einmal an; er drängte:
„Abgemacht, wir fahren.“
„Aber wie kann ich denn mitfahren, überlege doch:
Du weißt doch selbst, daß ich dich nicht besuchen kann…“
„Du meinst wegen Ljuba?“
„Ja.“
Und nun begann er vorsichtig, zartfühlend, behutsam von meinen Beziehungen zu Ljubov Dmitrijevna zu sprechen, um mir zu beweisen, daß es für einen Streit mit Ljubov Dmitrijevna keine Motive mehr gebe (sie wären überlebt), daß es an der Zeit sei, sich zu versöhnen, daß ich deshalb jetzt mit ihm fahren müßte – jetzt:
„Komm mit: wir werden uns freuen.“
„Und was wird Ljubov Dmitrijevna bei meinem unerwarteten Auftauchen sagen?“
„Aber sie weiß es ja schon: wir haben bereits darüber gesprochen…“
Jetzt wußte ich mit Gewißheit, daß Blok von vornherein den Plan hatte, mich nach Petersburg mitzunehmen. Ich willigte ein: wir wollten zusammen fahren; diese Reise durchkreuzte meine Pläne (die Leitung der Literaturabteilung an einer Moskauer Zeitung); Blok riet mir entschieden ab, den Vortrag, der für den Abend angekündigt war, zu halten:
„Aber was soll man machen; der Vortrag ist bereits ausverkauft; für eine Absage ist es zu spät…“
Blok sah mich an:
„Sprichst du mit Manuskript?“
„Ja, mit Manuskript.“
„Also: ich werde für dich lesen, willst du?“
„Selbstverständlich.“
Wir waren uns einig.
Nachdem der Entschluß gefaßt war, bestellten wir uns den Kaffee in das Zimmer von Blok; und tranken ihn in aller Seelenruhe; der Anfall war überstanden; aber Blok bestand darauf, daß ich mich ausschlafe, brachte mich in mein Zimmer, richtete mir das Bett, saß eine Weile neben mir und ließ später, nachdem er mit Sokolov und Nina Petrovskaja Rat gehalten hatte, den Arzt holen; der Arzt untersuchte mich und meinte: leichte Bronchitis und nervliche Überlastung; ein Luftwechsel wäre das beste; darauf beschlossen Blok und ich, noch in derselben Nacht abzureisen, gleich nach dem Vortrag.
Blok stellte sich darauf ein, den Vortrag an meiner Statt zu halten; er ließ sich das Manuskript geben und studierte es sorgfältig, um flüssig lesen zu können; aber gegen Abend war ich wieder hergestellt, und ich beschloß, selbst zu sprechen; wir machten uns zusammen auf den Weg, nachdem wir unser Gepäck zum Bahnhof hatten bringen lassen; an diesem Abend wich Blok nicht einen Schritt von meiner Seite; er saß im Künstlerzimmer neben mir, er holte mir selbst den heißen Tee; und auch auf der Bühne saß er ganz in der Nähe des Katheders, ohne den Blick von mir zu wenden, jederzeit bereit, einzuspringen, wenn meine Kräfte nachlassen sollten.
Der erste Abend war für mich eine einzige Blamage gewesen; der Vortrag dagegen, wenn ich mich recht erinnere, war ein Erfolg: ich sprach für die Jugend und nicht für das sensationslüsterne Publikum; nach dem Vortrag gingen wir direkt zum Bahnhof, ohne in das Hotel zurückzukehren; Blok zeigte sich unverändert liebenswürdig und unauffällig besorgt: er wickelte mir einen Schal um den Hals, damit ich mich nach dem Vortrag nicht erkälte; kaum waren wir im Waggon, als wir uns lang ausstreckten (noch bevor der Zug sich in Bewegung setzte) und – schliefen; erst um die Mittagsstunde des nächsten Tages wachten wir auf (wahrscheinlich machte sich die durchwachte Nacht bemerkbar); den ganzen Tag verbrachten wir im Speisewagen, schlürften Rheinwein und plauderten; und wieder fühlten wir uns unbeschwert; und – vergnügt (ein bißchen à la Dickens); wir waren wie Schulbuben, die einen lustigen, ein wenig gewagten Streich angezettelt hatten; jeden Augenblick in einer gewissen Spannung: wie wird uns Ljubov Dmitrijevna, die wir mit keinem Wort erwähnten, empfangen?
Später habe ich Blok verstanden: sein Wunsch, mich nach Petersburg mitzunehmen, entsprang der Teilnahme an meinem Zustand; Blok hielt meinen Lebenswandel für schädlich, ebenso wie meine übermäßige Aktivität in der literarischen Polemik und in der „Literaturpolitik“, die von Ellis, Brjusov und anderen Gesinnungsgenossen von Vesy geschürt würde; außerdem wünschte er, daß ich persönlich kennenlernte, was ich von Moskau aus so radikal verdammte; das Theater der Komissarshevskaja, zum Beispiel, das für ihn damals so viel bedeutete und demgegenüber er meine Bedenken nicht teilen konnte; er dachte, ich würde darauf sehr schnell zur Vernunft kommen; leider hat er sich geirrt: nachdem ich aus Petersburg zurückgekehrt war, polemisierte ich um so heftiger.
An einem verweinten, sehr kalten Morgen kamen wir in Petersburg an. Blok nahm eine Droschke und brachte mich ins Hotel D’Angleterre in der Nähe der Isaak-Kathedrale.

Hier bist du in meiner Nähe: und hier stieg immer Vladimir Solovjov ab; wenn er aus Sajma zurückkehrte.

Er brachte mich auf mein Zimmer, blieb noch ein Weilchen und stand dann auf:

Jetzt will ich fahren – man sollte Ljuba vorher Bescheid sagen. Du kommst zu uns zum Frühstück; du brauchst nichts zu befürchten!

Er lächelte und ging.

 

Wieder Petersburg

Bloks wohnten damals am Nikolajevskij-Platz, in der Nähe der Nikolajevskij-Brücke: ich glaube, an der Ecke der Galernaja; vielleicht hieß die Straße auch anders: die Topographie Petersburgs ist mir nicht geläufig, ich bin eben ein Moskauer; aber ich erinnere mich, daß sie in einem Eckhaus wohnten, mit der einen Seite zum Platz hin mit dem Blick auf eine braune Kirche mit einem goldenen spitzen Dach.
Die Wohnung bestand aus mittelgroßen Zimmern, die einfach und geschmackvoll eingerichtet waren; der Eingang war vom Hof aus.
Ich werde die Verlegenheit, mit der ich an der Tür geklingelt habe, nie vergessen; das Wiedersehen mit Ljubov Dmitrijevna war für mich etwas Aufregendes. Aber wir begegneten uns unbefangen; in allen Gesprächen mit ihr kam der gleiche überraschende Zug zum Ausdruck: wir sprachen irgendwie konventionell und fühlten, daß die echte Aussprache, bis auf den Grund reichend, uns entglitt; mit einem Wort: wir schienen ausgesöhnt – auf eine andere Weise als mit Blok. Und noch etwas fiel mir auf: die erstaunliche Veränderung an Ljubov Dmitrijevna. Früher wirkte sie still, klar, schweigsam, nachdenklich, dem Gespräch bis in seine tiefsten Wurzeln nachgehend; jetzt, im Gegenteil, warf sie einen Schleier des Leichtsinns über alles; ich glaubte, sie sei schlanker und älter geworden; was mich am meisten jedoch überraschte – die Schnelligkeit, mit der sie sprach; sie redete sehr viel, sehr oberflächlich, exaltiert; sie wirkte hastig und von dem Alltag ausgefüllt; es hätte wohl eine Aussprache mit der Ljubov Dmitrijevna von 1906 geben können; aber eine Aussprache mit der Ljubov Dmitrijevna vom Jahre 1907 wäre, so schien es mir, eine Unterhaltung mit einer Dame von Welt geworden, die ganz in ihren Aufregungen, Sorgen und Vergnügungen aufgeht (und auf Aussprachen keinen Wert legt). So blieb die Aussprache im Unausgesprochenen: zwischen mir und Ljubov Dmitrijevna stellte sich ein halb scherzhafter, leichter Ton ein – nicht einmal freundschaftlich, am ehesten eine causerie.
Ich sah, daß Blok in Petersburg vom Strudel seiner Verpflichtungen, Absichten, Pläne und Sorgen mitgerissen wurde; kurz, jener Blok, der zu mir nach Moskau zu einer Aussprache und später nochmals nach Kiev kam – der war verschwunden. In Petersburg erschien vor mir ein vom brausenden Leben getragener Dichter, der einfach keine Zeit hatte, sich mit Details menschlicher Beziehungen abzugeben; kurz, ich begriff, daß das Leben von Ljubov Dmitrijevna und Blok sich von Grund auf verändert hatte; es war ein zurückgezogenes Familienleben gewesen, jetzt wurde es stürmisch und weltlich; außerdem, das sah ich auch, lebten Blok und Ljubov Dmitrijevna jeder sein eigenes Leben; Blok war im Bann des Elementaren; er wirkte dynamisch, stürmisch, ich möchte sagen, verliebt in irgend etwas, in irgend jemand; an seiner Erscheinung nahm ich deutlich wahr, was den „Rhythmen“ der „Schneemaske“ entsprach; er war sehr schön und sehr gepflegt in seinem eleganten Rock mit einer weißen Rose im Knopfloch, mit dem stolz zurückgeworfenen herrlichen Kopf, dem leichten sicheren Lächeln und der flatternden üppigen Schleife; so sah ich ihn oft, in Gesellschaft, im Theater, bei der Rückkehr nach Hause; ich war meistens mit Ljubov Dmitrijevna zusammen, um ihr Gesellschaft zu leisten; Blok ließ uns oft allein und stürmte davon, seinen eigenen Angelegenheiten nach; er schien mir in dieser Periode sehr angeregt zu sein, umweht von dem Leitmotiv des Schneesturms, den er so vielfältig besungen hat; Schneesturm umwirbelte ihn; er selbst war der Schneesturm; und oft wehte mich ein Schneewind in seiner Nähe an; nur selten waren wir unter vier Augen; er schien mir mit jeder Miene und mit jedem Wort zu sagen:

Wir werden zusammenkommen – später: wir werden uns aussprechen – später… Jetzt habe ich keine Zeit: du siehst, ich werde davongetragen…

Und ich verstand das; ich beobachtete ihn und begeisterte mich an ihm.
Ljubov Dmitrijevna sagte oft zu mir:
„Ziehen Sie doch zu uns nach Petersburg: ich verspreche Ihnen – es wird sehr lustig werden…“ – Die Worte „lustig“ und „sich amüsieren“ kamen im Vokabular von Ljubov Dmitrijevna am häufigsten vor; ich hatte den Eindruck, Blok und Ljubov Dmitrijevna umgaben sich von einem Wirbel von Lebensfreude; aber sehr bald bemerkte ich, daß dieser Wirbel sie in unbestimmter Richtung davontrug, daß sie ihm ausgeliefert waren; er trug sie nicht einmal zusammen: Ljubov Dmitrijevna flog in dem Wirbel von Lebensfreude aus dem Leben von Blok, und Blok flog von ihr fort; ich sah, sie flogen auseinander, nachdem sie sich am Teetisch, am Mittagstisch kurz trafen; immer weiter flogen sie auseinander.
Mit einem Wort: ich wurde zu einem Beobachter ihres Lebens. Ich zog mich zurück (ohne Feindseligkeit – freundschaftlich); ich gab mir Mühe, durch meinen Stil ihren Stil nicht zu stören; ich ordnete mich sogar diesem Stil unter, ich beteiligte mich an der allgemeinen Fröhlichkeit und bemühte mich, gesellschaftsfähig zu sein, aber ich konnte nicht übersehen: diese Fröhlichkeit ist tragische Fröhlichkeit, ein Flug über dem Abgrund; ich ahnte den kommenden Zusammenbruch, denn jene Fröhlichkeit, der beide sich hingaben, war nichts als ein Spiel, eine commedia dell’arte, nichts anderes:

Durch die Straßen fegt der Schneesturm,
Kreist und wirbelt hin und her.
Jemand streckt mir die Hand entgegen,
Und jemand lächelt mir zu.

Dieses Gedicht las mir Blok in seinem Kabinett vor; es ist ungefähr zu dieser Zeit entstanden.

Sieh ein, sieh ein, Du bist allein,
und süß sind die Geheimnisse der Kälte…

(chóloda)
Schau hin! Schau hin in den eisigen Strom,
Wo alles für alle Ewigkeit jung ist

(mólodo)

Mir ist der Reim: „mólodo – chóloda“ aufgefallen; Ljubov Dmitrijevna und Blok waren beide jung; beide strömten über von Schönheit, Kraft, Gesundheit; aber statt der Wärme spürte ich in ihrem Leben einen eisigen Wirbelwind, der sie erfaßte und in die Richtung des „Artistismus“ davontrug; das ist das richtige Wort, um jenen Impuls zu bezeichnen, aus dem sie damals (so schien es) lebten: Artistismus, Theatralik; das Spiel, von dem wir einst zusammen geträumt hatten, war für sie jetzt Wirklichkeit geworden; aber dieses Spiel war nicht ein Mysterium, sondern commedia dell’arte. Ich erinnere mich an das strenge Gesicht von Blok, an die aus dem Schatten hervorspringende Nase, als er mit einer etwas brüchigen und rauhen Stimme las:

Die Freiheit, freier als alle Freiheiten,
Wird dort einen Freien nie bezwingen;
Ein Schmerz, schmerzhafter als jeder andere Schmerz,
Hält von dem Umweg zurück.

Diesen Schmerz spürte ich hinter der Fröhlichkeit, hinter dem leichtlebigen Stil von Ljubov Dmitrijevna; einmal erzählte sie mir, daß sie vieles im vergangenen Jahr auszustehen hatte, daß sie selber nicht begreife, wie sie das alles überleben konnte; und auch Blok hat sehr oft angedeutet, daß sie den Rubikon überschritten hätten, und daß es keinen Weg zurück zu den Morgenröten der Vergangenheit geben könne: ich begriff, daß während meines Auslandaufenthaltes im Leben von Ljubov Dmitrijevna und Blok ein einschneidendes Ereignis eingetreten sein mußte, das ihren ganzen Lebensstil von Grund auf verändert hatte; einmal, als ich morgens früh zu Bloks kam, waren sie noch nicht aufgestanden; ich wartete im Nebenzimmer; es klingelte: Marja Andrejevna trat ein; wir sahen uns zum ersten Mal nach langer Zeit wieder; sie wurde nicht müde, mich über mein Leben im Ausland auszufragen; und dann kam sie auf das Leben von Bloks zu sprechen; sie nickte in hellsichtiger Traurigkeit mit dem Kopf:
„Ja, ja: das ist nicht mehr das gleiche… Die Blüten sind verwelkt; Sie haben es doch gemerkt?“
„Was meinen Sie?“
„Dieses Leben ist nicht mehr das gleiche: die Blüten sind verwelkt, geknickt, die Blätter sind abgefallen.“
Marja Andrejevna schien zu prophezeien: fast wie eine Parze kam sie mir vor; ich sah sie ärgerlich an. Aber in diesem Augenblick hörte ich Blok heiser und gequält husten; mir wurde es unheimlich; dieser Husten war belanglos; aber ich glaubte, in ihm so viel Qual zu hören, daß mir sofort die Verszeile in den Sinn kam: 

Ein Schmerz, schmerzhafter als jeder andere Schmerz…

Bald darauf erschien Blok, ganz gelb im Gesicht, mit verquollenen, schläfrigen und, wie mir schien, leidenden Augen; er war ganz heiser; seine Stimme klang völlig anders als früher: sie war gröber und sehr rauh.
Ich kann mich nicht erinnern, Aleksandra Andrejevna während dieser Tage in Petersburg gesehen zu haben; möglicherweise habe ich sie nicht ein einziges Mal bei Bloks getroffen; ich konnte daraus schließen, daß sie sich wahrscheinlich mit Ljubov Dmitrijevna überworfen hatte.
Aber fast jeden Abend traf ich dort eine Schauspielerin aus dem Theater der Komissarshevskaja, Verigina, die, wie ich damals meinte, sich mit Ljubov Dmitrijevna angefreundet hatte; ebensooft begegnete ich dort der Volochova (auch eine Schauspielerin aus dem gleichen Theater), die mit Blok befreundet war. Mit Volochova und Verigina waren wir ständig zusammen; zuweilen traf man dort S. Auslender, der in der Truppe der Komissarshevskaja sehr beliebt war. Das Theater war der Mittelpunkt des Lebens von Blok; er war sehr oft dort. Einmal lud er mich zu einer Vorstellung der Schaubude ein, die anschließend an das Wunder des hl. Antonius von Maeterlinck gegeben wurde. Als wir ins Theater kamen, war Antonius noch nicht zu Ende, den ich bereits gesehen hatte und sehr wenig schätzte; deshalb gingen wir zum Buffet, um einen Kognak zu trinken; ich sah, daß Blok trank. Unruhig und erregt (durch persönliche Erlebnisse, die mit dem Theater zusammenhingen), stürzte er ein Glas nach dem anderen herunter; ich war sehr schnell betrunken; Blok trank mehr als ich, aber er blieb nüchtern; er brachte mich zu meinem Platz in der ersten Reihe und ging sofort (er ging hinter die Bühne); ich mußte die Schaubude allein ansehen; ich war betrunken; von meinem Platz in der ersten Reihe nickte ich den Schauspielern zu; dann erinnere ich mich nebelhaft, wie Blok in der linken Bühnenloge erschien, mir liebevoll und freundlich zunickte und sofort wieder verschwand; ich habe ihn an diesem Abend nicht wiedergesehen, und am nächsten Tag sagte Blok zu mir:

Die Schauspielerinnen haben mir erzählt, daß du dich im Sessel geräkelt und eine Zigarette geraucht hast, direkt neben der Bühne…

Ich konnte mich daran nicht erinnern.
Ein anderes Mal fuhren wir zu dritt (Ljubov Dmitrijevna, Blok und ich) zu der Premiere von Pelleas und Melisande; vor Beginn der Vorstellung kam der vor Erregung zitternde Meyerhold zu Blok gelaufen; er stellte sich auf die Fußspitzen, faßte sich an den Kopf und stieß hervor: 

Ach was! Der Sprung in den Abgrund – das ist das einzige, was wir tun können!

Er war äußerst aufgeregt wegen der bevorstehenden Premiere; die Vorstellung gefiel mir nicht im geringsten; ganz Petersburg war dabei; ich erinnere mich deutlich, wie Blok an diesem Abend war; ich beobachtete ihn in der Pause im Foyer; er stand an der Wand und spielte mit einer weißen Rose, während er sich mit einer ihn bedrängenden Dame unterhielt; er stand mit hocherhobenem Kopf, der so stolz auf dem kräftigen Hals saß, mit einem leichten, herablassenden Lächeln, das man bei ihm damals oft beobachten konnte, und das ihm so gut stand; der schwarze, tadellos geschnittene Gehrock war offen und ließ ihn als schlanke Silhouette vor der Wand erscheinen; der dichte Schopf lockiger, blonder, fast rauchfarbener Haare harmonisierte mit dem rosa angehauchten Gesicht; mir fiel sein trotz der hochmütig gefalteten Lippen unsteter Blick auf; während er mit der weißen Rose spielte, schweiften seine Augen umher; er schien nach jemandem Ausschau zu halten, ohne die ihn bedrängende Dame zu beachten; plötzlich veränderte sich sein Blick, er wurde stet und wach; seine Augen fixierten einen Punkt, langsam wandte er den Kopf in diese Richtung: in diesem Augenblick erinnerte er mich wieder an die Porträts von Oscar Wilde; ich beobachtete ihn und dachte, daß ich ihn als den früheren Blok nicht wieder erkenne: wo war das Verlegene, Schüchterne und Kindliche geblieben, das früher so deutlich an ihm zu sehen war; ein „Gesellschaftslöwe“ und nicht „Blok“ – ging es mir durch den Kopf; er aber, den Blick immer noch in die Ferne gerichtet, machte zerstreut eine Verbeugung und ging mit raschen, leichten jugendlichen Schritten, fast laufend, durch die Menge, quer durch das Foyer; seine Rockschöße flatterten; dieses Bild ist mir unvergeßlich geblieben: er schien nicht in den Saal, sondern durch den Saal hindurch in den Schneesturm zu blicken: und als er eilig davonschritt, schien er in die „Dunkelheit seiner Stadt“ zu entschwinden; unwillkürlich kam mir die Widmung auf der Erstausgabe der „Schneemaske“ in den Sinn: „Ich widme dieses Buch der Frau mit den Flügelaugen, die in die Dunkelheit meiner Stadt verliebt ist“; (so ist der ungefähre Wortlaut). Damals erzählte man sich, Blok sei verliebt.
Während dieser Tage liebte ich Blok sehr, aber ich sprach mit ihm nur wenig; ich war sehr traurig; ich fühlte: das Leben, das er jetzt genoß, war nicht das wirkliche Leben; es war ein leichter Rausch vor dem drohenden Drama des Bewußtseins; und er hat gewußt, was ich darüber dachte; er schien mich zu bitten:

Sei nicht enttäuscht: gib dich selbst diesem Leben hin, das ich hier führe.

Und Ljubov Dmitrijevna wiederholte mehr als einmal:

Kommen Sie doch, es wird sehr lustig sein…

Aber mir war nicht lustig zumute: ganz im Gegenteil, ich war sehr traurig; ich wußte: nach dem Schneerausch, nach den „Flügelaugen, die in die Dunkelheit verliebt sind“, erwarten Blok andere Verse: 

Gib acht! Ich bin eine Schlange!
Sieh: für einen Augenblick gehörte ich Dir,
Und dann verließ ich Dich!
Ich bin Deiner überdrüssig! Fort!
Diese Nacht gehöre ich einem anderen!
Suche Deine Frau.
Geh zu ihr, sie mag Dich trösten,
Mag sie Dich kosen, mag sie Dich küssen,
Geh fort – sonst schlage ich mit der Peitsche zu.

Aus irgendeinem Grund verbindet sich für mich die Erscheinung von Blok mit seinen Gedichten aus dem Zyklus „Faina“. Und die Gestalt der Faina erhebt sich vor mir:

Sie kam. Vor ihr erloschen
Alle Hübschen, alle Mädchen,
Und meine Seele betrat
Den vorgezeichneten Kreis.
In einem glühenden Schneeseufzer
Blühte Dein Antlitz auf.
Ein Dreigespann lief unter Sehellengeläut
Durch schneeweißen Traum.
Du läßt die Schellen klingeln,
Entführst mich in die Felder…
Erwürgst mich mit schwarzen Seiden,
Dein Pelz weht im Wind.

Die Erscheinung der Faina ist trügerisch, unstet; sie trägt einen dunklen Schleier, ihre Hand ist schmal („die Leute sollen nie erfahren, wie schmal Deine Hand ist“); sie ist gehüllt in „dunkle Seiden“, „der wilde Blick ist herausfordernd niedergeschlagen“; sie ist „schwarzäugig“ („Du meine Schwarzäugige“); ihre Seele ist „Sturm“; ihre Seiden „singen“; Musik verwandelt ihr Gesicht; sie sagt: 

Suche mich. Liebe mich. Nimm mich. Trag’ mich fort.

In ihr erwacht Cleopatra wieder, die Blok einmal in einem Panoptikum gesehen hatte; und ich hatte den Eindruck, als sei Faina eine zum Leben erwachte Puppe aus dem Panoptikum; sie erinnert den Dichter an Ägypten.

Durch Staub, vom schrägen Abendlicht beschienen,
Kommst Du noch einmal, ich weiß,
Um mit dem Duft der Lilien vom Nil
Mich zu bezaubern und zu berauschen.

Ihre Schritte sind vom Gesang der Saiten begleitet; ihre Atmosphäre ist das Theater: „Der helle Ring der Rampe trennt uns wie ein lebendiges Feuer“; „als Dein schwerer Vorhang sich hob, verstummte das Theater“; sie sagt über sich selbst: „ich betrat die Welt wie eine Loge“; darauf: „das brausende Theater erlosch“. Mit einem Wort – sie ist eine Schauspielerin:

Du bist der Rausch der Menge.

Und

Die silberne Lyra
Zittert in Deiner ausgestreckten Hand.

Das Epitethon „Dunkel“ gehört zu ihrem Bild: „Deine dunkle Seide“, „Unter dem dunklen Schleier“, „Ich… berühre die Dunkelheit“, „Die dunkle Loge“, „Das Dunkel Deiner Augen“, „Der dunkle Blick“.

Komme zu mir als eine sich windende Schlange,
Nimm mir den Atem um Mitternacht.
Quäle mich mit den zärtlichen Lippen,
Würge mich mit dem schwarzen Zopf.

Damals hatte ich den Eindruck, als ob das Verhältnis von Blok zu mir nichts zu wünschen übrig ließ; aber er glaubte nach wie vor, daß der Einfluß der Moskauer Zirkel für mich verderblich sei; Brjusov würde mir schaden, indem er mich in Literaturpolitik verstrickte, und Ellis, Ratschinskij, Sergej Solovjov und die Kantianer, jeder auf seine Weise, mich vom rechten Wege abbrächten; seiner Meinung nach sollte ich sobald wie möglich aus dieser verderblichen, abstrakten, von Polemik durchtränkten Atmosphäre befreit und in das lebendige Leben zurückgerufen werden; unter diesem Leben verstand er – wie ich damals glaubte – den „Artistismus“ und die Bühne des Theaters der Komissarshevskaja; aber gerade in dieser Scheinwelt, dem Leben zwischen den Kulissen, sah ich nichts anderes als Staub – Theaterstaub; und meiner Meinung nach lebte nicht ich, sondern gerade Blok nicht das lebendige Leben, sondern ein Scheinleben, ein „Surrogat“ des Lebens; ich sah, daß man mit ihm nicht streiten könne; und ich ließ mich von diesem mir durchaus nicht angenehmen Leben tragen, ich beobachtete es, selbstverständlich ohne dem Trug zu verfallen. Und so verwandelten wir uns in „Diplomaten“, vermieden jede direkte Aussprache und hielten unsere Meinung zurück; ich liebte Blok, aber ich mißtraute seinem Weg; wir blieben in entgegengesetzten, ja sogar feindlichen Lagern, und trotzdem verbrachten wir viele behagliche Stunden zusammen; ich weiß noch, wie wir uns abends bei Bloks zu fünft versammelten: ich, Ljubov Dmitrijevna, Blok, Volochova und Verigina, eine reizende junge blonde Frau, die mit Ljubov Dmitrijevna Freundschaft geschlossen hatte. Mir gefiel ihr Humor, ihre Frische, ihre Güte; man fühlte sich ganz unbeschwert in ihrer Gegenwart; die Volochova war ganz anders: sehr schlank, blaß und groß, mit schwarzen wilden quälenden Augen, die tiefblau umschattet waren, mit schmalen mageren Händen, mit festverschlossenen trockenen Lippen, schwarzhaarig und immer schwarz gekleidet – wirkte sie immer reservée; Blok hatte offensichtlich Respekt vor ihr, und er verhielt sich ihr gegenüber außerordentlich ehrerbietig; ich erinnere mich, wie sie einmal – im Stehen herrisch auf ihn einsprach, wobei sie mit den Handschuhen spielte, während er, ebenfalls stehend, ihr in offensichtlicher Verlegenheit mit tief gesenktem Kopf zuhörte: 

So, jetzt gehe ich.

Und sie ging zur Haustür, begleitet von dem Rauschen ihrer schwarzen, wie ich glaube, seidenen Röcke; Blok folgte ihr und half ihr ehrerbietig in den Mantel; irgend etwas an ihr muß violett gewesen sein, vielleicht trug sie einen violetten Schleier; ich kann mich nicht mit Sicherheit erinnern, ob sie wirklich einen violetten Schleier trug: vielleicht brachte ihre dunkel-violette Aura die Vorstellung des Schleiers hervor; der Gesamteindruck der Volochova bestätigte es: das Epitethon „Dunkel“ war ihr angemessen; sie trug in sich etwas „Dunkles“.
Mir gefiel sie nicht; und trotzdem waren die Abende, die wir zusammen verbrachten, behaglich und vergnügt.
Geschäftliche Angelegenheiten riefen mich nach Moskau zurück; (inzwischen war schon Oktober).
Blok riet mir, nach Petersburg überzusiedeln.

Komm, Borja, zu uns… es ist für Dich schädlich, in Eurem dumpfen Moskau zu bleiben.

Und Ljubov Dmitrijevna fügte hinzu:
„Ihr leidet dort alle an hysterischen Zuständen.“
„Ziehen Sie zu uns…“
„Es wird sehr lustig werden. . . Ich verspreche es Ihnen…“
„Sie werden es sehen.“
Und ich versprach zu kommen: ich wollte nach Petersburg übersiedeln.
Ich fuhr nach Moskau, um dort meine Zelte abzubrechen, und so schnell wie möglich umzuziehen; als ich wieder in Moskau war, blieb ich dort hängen; es war sehr seltsam: früher drängte es mich zu Blok und Ljubov Dmitrijevna, aber jetzt hatte der Umzug nach Petersburg für mich nichts Verlockendes mehr; erstens fand ich das Leben von Bloks nicht mehr verlockend; ich sah ganz deutlich, daß im Leben von Bloks etwas zusammenbrach, und ich konnte nichts aufhalten; ich stellte mir vor, daß ich, einmal in Bloks Nähe, mich in einer ständigen stummen Opposition befinden würde. Zweitens ahnte ich die kommenden Auseinandersetzungen mit Ljubov Dmitrijevna und sah dadurch meine Freude an einem Umzug ebenfalls stark gemindert; in mir wuchs das Mißtrauen gegenüber Ljubov Dmitrijevna; unsere Beziehungen hatten sich von Grund auf gewandelt; während ich 1906, befreundet mit Ljubov Dmitrijevna, eine Entfremdung von Blok erlebte, stellte sich jetzt, nach der Aussöhnung mit Blok, eine deutliche Spannung zwischen mir und Ljubov Dmitrijevna ein.
Und schließlich: Mereshkovskijs, die einzigen mir nahestehenden Menschen in Petersburg außer Blok, lebten damals in Paris; von Ivanov hatte ich mich abgewandt, und ich wollte ihn nicht wiedersehen; der Kreis um Ivanov, sein berühmter „Turm“, war mir fremd; und so wäre ich in Petersburg eigentlich sehr einsam gewesen; in Moskau dagegen wuchsen und verzweigten sich meine Bindungen: hier bot sich mir eine lebhafte publizistische Tätigkeit, die mich damals sehr interessierte: hier war die Redaktion von Vesy, das Stabsquartier unserer Bewegung. Hier versammelte sich der Kreis der Argonauten; hier begegnete ich täglich Sergej Solovjov, Ratschinskij, Petrovskij, Sizov und Ellis; hierher kam mein Freund E. Medtner aus dem Ausland; und schließlich hatte ich eine Reihe anderer Verpflichtungen verschiedenster Art.
In erster Linie: die Gesellschaft „Ästhetik“ sollte ausgebaut werden; ich – als Mitglied des Komitees – fühlte mich dafür verantwortlich; die Sitzungen der Moskauer Religionsphilosophischen Gesellschaft wurden immer interessanter, seit Bulgakov nach Moskau gekommen und Mitglied der Gesellschaft geworden war; für diese Gesellschaft wollten mich Ratschinskij und M.K. Morozova, mit der ich mich immer enger anfreundete, gewinnen; und schließlich: nach Moskau zogen die beiden d’Alheim, die ich bereits früher durch Ratschinskijs kennengelernt hatte; P.I. d’Alheim, ein außergewöhnlicher, fast genialer Mann, gründete in Moskau sein Haus des Liedes; seit dem Jahre 1902 besuchte ich regelmäßig alle Liederabende der Olenina und war ein begeisterter Bewunderer ihrer Stimme; d’Alheim machte es sich zur Aufgabe, die literarischen und musikalischen Kräfte Moskaus im Haus des Liedes zu versammeln; wir trafen uns Abend für Abend in seiner gastfreien Wohnung (Gnezdnikovskij-Gasse) und lauschten den luziden Ausführungen des Hausherrn über Kunst Mystik und die Kultur der Musik; hier traf ich S.K. Mjurat, den Grafen S.L. Tolstoj, V.J. Brjusov, S.I. Tanejev, Engel, Kaschkin und Professor L.A. Tarasevitsch; hier sah ich N.A. Turgenjeva, A.M. Pozzo und Ratschinskijs. Manchmal sang Marija Olenina. Ganz unmerklich zog mich d’Alheim heran und übergab mir die Organisation des Literaturkreises des Hauses des Liedes. So hatte ich bei der Eröffnung des Hauses des Liedes einen Vortrag zu halten. Das Thema war: „Das Lied des Lebens“; im zweiten Teil des Vortrags trug M.A. Olenina einige Lieder vor.
Und schließlich: meine philosophischen Interessen waren ganz und gar in Moskau verankert; ich hatte mich in der letzten Zeit G.G. Schpett angeschlossen, dem beweglichsten und vielseitigsten unter den Philosophen der jüngeren Generation; bei M.K. Morozova fanden häufig Versammlungen der philosophisch interessierten Jugend statt, an denen ich meistens teilnahm; hierher kamen Iljin, Gordon, B.A. Fogt, G. G. Schpett, A.K. Toporkov, B.P. Vyscheslavcev, A.R. Kubickij; zuweilen erschienen auch die Senioren – L.M. Lopatin, Fürst S.N. Trubeckoj, I.V. Chvostov, der immer sehr regen Anteil an diesen Sitzungen nahm, B.A. Kistjakovskij und andere mehr.
Mit einem Wort: in Moskau bot sich mir ein ausgefülltes Leben. Und Petersburg war damals für mich feindlich und fremd; der einzige Anziehungspunkt waren Bloks, aber… aber… aber…; und dennoch: ich ging nach Petersburg.
Ich nahm mir eine möblierte Wohnung auf der Vasiljevskij Insel gegenüber der Brücke; vor meinen Fenstern öffnete sich das trübselige Panorama der Neva, die damals halb zugefroren war; ich brauchte nur über die Brücke zu gehen, und schon war ich bei Bloks; aber, man stelle sich vor! ich bin nur selten bei Bloks gewesen; schon am Anfang machte sich die Spannung zwischen mir und Ljubov Dmitrijevna bemerkbar; und zwar so bedrohlich, daß ich mich düster in meinem Zimmer verschanzte und in verzweifelter Entschlossenheit einen Generalangriff auf das Theater startete: „Theater und modernes Drama“ (dieser Artikel war für einen Almanach bestimmt, den die Zeitschrift Schipovnik herausgab).
Blok überließ sich dem Wirbel der Verliebtheit und hielt sich mit gleichbleibender Liebenswürdigkeit aus meinen Zwistigkeiten mit Ljubov Dmitrijevna heraus; wir blieben befreundet – par distance, aber unsere Wege trennten sich deutlicher denn je; mit Ljubov Dmitrijevna kam es zu einer so massiven Aussprache, daß ich mich sofort entschloß, meine Zelte in Petersburg abzubrechen.
Später bin ich noch zweimal dort gewesen: ich hatte Vorträge zu halten; aber ich kehrte unverzüglich nach Moskau zurück; Blok und ich korrespondierten in einem freundschaftlichen Ton; aber wir fühlten, daß Gespräch und Begegnung sich nicht mehr lohnten. Und in mir keimte die Einsicht, daß wir uns ohne Streit für immer getrennt hatten; langsam starb die Verbindung zwischen uns ab, um nach einigen Jahren wieder aufzuflackern; in unseren Beziehungen brach eine seltsame tote Zeit an (weder Licht noch Dunkelheit, weder konkrete Verbindung noch ausgesprochenes Zerwürfnis).
Wir schrieben uns nur selten; und schließlich schrieben wir uns nicht mehr.

(…)

Andrej Belyj: Im Zeichen der Morgenröte. Erinnerungen an Aleksandr Blok, Übersetzung Swetlana Geier, Zbinden Verlag, 1974

 

Werner Helwig: Ein Mystiker der russischen Revolution. Zu Alexander Block, Merkur, Heft 366, November 1978

Oleg Jurjew: Das Lächeln von Alexander Block

 

 

 

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Nachrufe auf Fritz Mierau: Süddeutsche Zeitung ✝ Börsenblatt ✝ FR ✝
Zeit ✝ Tagesspiegel

 

Fritz Mierau: Ein biographisches Interview (Auszüge aus ca. 17 Stunden Videomaterial, 2006/2007) von Dietmar Hochmuth.

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